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Full text of "Die Aphorismen des Hippokrates nebst den Glossen eines Homöopathen"

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Boston 

Medical  Library 

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Die 

Aphorismen  des  Hippokrates 

nebst  den 
Glossen  eines  Homöopathen. 


Die 


Aphorismen  des  Hippokrates 


nebst  den 


Glossen  eines  Homöopathen. 


Herausgegeben 


C.  v.  BOENNINGHAUSEN, 

Königl.  Pretiss.  Regierungsrathe  a.  D. ,  Doktor  beider  Rechte  und  der  Me- 
dizin,  Ritter    der   Ehrenlegion,    mehrerer    gelehrten   Gesellschaften   Ehren- 
Präsidenten,  so  wie  wirklichem,  Ehren-  oder  korrespondirendem  Mitgliede,  und 
praktischem  homöopathischen  Arzte. 


Docet  Hippocrates,  docet  Qalenus, 
tutius  autem  docet  natura. 


Leipzig. 

Verlag  von  Otto  Pur  für  st. 
1863. 


i.d.Mo. 


Wir  verehren  in  den  hippokratischen  Schriften  das  wichtigste  Denkmal 
des  Alterthums,  das  die  Arzneikunst  aufzuweisen  hat;  eine  Menge  Bearbei- 
tungen derselben  sind  bis  jetzt  erschienen,  und  viele  werden  noch  wohl 
folgen. 

Prof.  Dierbach,  die  Arzn.  d.  Hipp.  Vor.  S.  IV. 


Der  Verfasser  hat  sich  jede  Uebersetzung  vorbehalten. 


Vorwort. 


Wenn  man  die  Absicht  hat,  einen  alten  Klassiker  auf's 
Neue  der  literarischen  Welt  vorzuführen,  so  kann  man  da- 
bei auf  sehr  verschiedene  Weise  zu  Werke  gehen. 

In  unseren  hochgebildeten  und  tiefgelehrten  Zeiten, 
wo  die  Philologie,  wie  früher  in  Alexandria,  sich  neben 
der  Philosophie,  Theologie,  Jurisprudenz  und  Medizin,  den 
Rang  einer  ebenbürtigen,  akademischen  Doktrin1)  erwor- 
ben hat,  ist  eine  der  Gewöhnlichsten  Die,  dass  man  als 
Sprachforscher  den  Text  mit  seinen  verschiedenen  Les- 
arten einer  sorgfältigen  Prüfung  unterzieht,  neu  aufgefun- 
dene Codices  damit  vergleicht,  Diejenige  von  den  Varian- 
ten, welche  man  für  die  Richtigste  hält,  sich  aneignet,  oder 
irgend   eine  Neue   ausfindet,    und    die  Uebrigen    mit  dem 


1)  Eine  Frucht  dieser  gelehrten  Errungenschaft  unserer  Zeit  scheint 
unter  Anderem  die  in  der  heutigen  S  chul-Terminologie  —  (auch  ein 
hybrides,  aus  drei  Sprachen  entnommenes  Wort)  —  eingeführte  Benennung : 
Abiturienten,  für  abgehende  Gymnasiasten,  zu  sein,  welches  sich  eben 
so  wenig  in  einem  Klassiker  findet,  als  die  mönchischen  monachare  und 
claustrare,  welche  das  Mittelalter  eingeschwärzt  hat.  Das  bei  den  Cano- 
nisten  gebräuchliche  Wort:  nupturire  kann  dabei  nicht  zur  Rechtfertigung 
dienen,  indem  dieses  Zeitwort  keineswegs  neu  erfunden  ist,  sondern  schon 
im  Martialis  (III,  93.  18)  und  in  der  Apologia  des  Apulejus  (de  magia 
orat.  ed.  Bip.  II,  p.  75)  vorkommt.  Bisher  war  es  nicht  erlaubt,  eine  alte 
todte  Sprache  mit  derartigen  neuen,  und  am  Wenigsten  mit  ungrammatika- 
lischen, ein  doppeltes  Futurum  darstellenden  Wörtern  zu  bereichern. 


VI  Vorwort. 

scharfen  Messer  der  Kritik  beseitigt.  So  entsteht  dann 
eine  neue  Ausgabe,  angeblich  gereinigt  von  allen  Mängeln 
sämmtlicher  Vorhergehenden  und  oft  begleitet  von  einer 
Menge  von  Anmerkungen,  die  der  Belesenheit,  dem  Scharf- 
sinne und  dem  Fleisse  des  Autors  zum  grössten  Ruhme 
gereichen.  Wir2)  gestehen,  dass  wir  ohne  grosses  Bedau- 
ern auf  diesen  Ruhm  verzichten,  indem  wir  uns  nicht  zu 
überzeugen  vermögen,  dass  ein  so  grosser  dazu  erforder- 
licher Aufwand,  nicht  bloss  von  Sprachkenntniss ,  die  wir 
überdem  nicht  besitzen,  sondern  auch  von  Zeit  und  Mühe, 
die  uns  ebenfalls  nicht  zu  Gebote  stehen,  eine  lohnende 
Entschädigung  finden  kann  in  der  gewonnenen,  oft  uner- 
heblichen Ausbeute,  die  später  noch  den  Angriffen  anderer, 
nicht  minder  gelehrter  Philologen  blossgestellt  bleibt. 

Eine  zweite  Art  ist  die  des  Uebersetzers.  Seine 
Aufgabe  ist  vielleicht  weniger  zeitraubend,  aber  sicher 
schwieriger,  als  die  des  Vorigen.  Nicht  allein,  dass  es 
dabei  erforderlich  ist,  der  beiden  Sprachen  vollkommen 
mächtig  zu  sein,  sondern  es  erwächst  ihm  ausserdem  noch 
eine  besondere  Schwierigkeit  aus  dem  Umstände,  dass  er 
verpflichtet  ist,  Alles  und  Jedes  gehörig  wiederzugeben, 
und  dass  ihm  nicht  die  Befugniss  zusteht,  manches  Unver- 
ständliche oder  Doppeldeutige  mit  Stillschweigen  zu  über- 
gehen. Er  ist  überdem  nicht  nur  an  den  Sinn,  sondern 
auch  an  die  Worte  und  die  Darstellungsweise  seines  Autors 
gebunden,  und  geräth  dadurch  leicht  in  Kollision  mit  den 
Eigenthümlichkeiten  der  beiden  Sprachen,  die  in  der  üb- 
lichen Redeweise  oft  so  weit  auseinander  laufen,  dass  eine 
Vermittelung  fast  unmöglich  wird.  3) 


2)  Wenn  im  Verlaufe  dieser  Schrift  durchgängig  das  Ich  mit  dem 
Wir  vertauscht  wurde:  so  liegt  diesem,  übrigens  vielfach  üblichen  Brauche 
hauptsächlich  der  Umstand  zum  Grunde,  dass  weniger  die  individuelle  An- 
sicht und  Ueberzeugung  des  Verfassers,  als  vielmehr  die  der  meisten  ge- 
bildeten und  erfahrenen  Homöopathen  ausgesprochen  werden  sollte. 

3)  Wenn  wir  auch  die  Fähigkeit  dazu  besässen,  so  würde  es  uns  doch 
an  dem  Ehrgeize  fehlen,  unsere  Uebersetzung  in  der  Weise  loben  zu  hören, 
wie  ehedem  die  Vossischen,  von  denen  man  behauptete,  sie  seien,  wie  die 
Wachsfiguren,  zum  Erschrecken  treu. 


Vorwort. 


VII 


Die  Aufgabe  des  Kommentators  ist  allerdings,  im 
Gegensatze  zu  den  beiden  Vorigen,  eine  weit  Leichtere, 
und  die  Schwierigkeiten,  die  dabei  vorkommen,  sind  ganz 
anderer  Natur,  indem  sie  weit  mehr  die  Sache  und  den 
Inhalt,  als  die  Worte  und  den  Ausdruck  betreffen.  Frei- 
lich ist  auch  dieser,  wenn  er  dabei  zugleich  den  Urtext  in 
der  Uebersetzung  wiedergiebt,  an  die  Phrase  gebunden; 
aber  die  Hauptsache  bleibt  immer  der  Sinn.  Ausserdem 
hat  er,  oder  nimmt  er  sich  die  Befugniss,  nach  Belieben 
und  Ermessen  Dasjenige  mit  Stillschweigen  zu  übergehen, 
was  keiner  Erklärung  bedarf,  oder  einer  Solchen  nicht  wohl 
fähig  ist;4)  und  hierin  eben  liegt  für  ihn  manche,  sehr 
wesentliche  Erleichterung,  die  deshalb  in  der  Regel  auch 
fleissig  genug  benutzt  wird. 

Am  Bequemsten  von  Allen  hat  es  endlich  der  Glossa- 
tor. Dieser  legt  im  Grunde  nur  ein  sehr  untergeordnetes 
Gewicht  auf  den  Urtext,  und  benutzt  ihn  vielmehr  nur  als 
eine  Veranlassung,  Dasjenige  zu  sagen,  was  ihm 
eben  zu  sagen  beliebt.5)  Er  ignorirt  also  unbedenklich 
alles  Dunkle  oder  Zweifelhafte,  ist  bei  der  Uebersetzung, 
wenn  Er  eine  Solche  giebt,  durchaus  nicht  strenge  an  die 


Blumiger  und  rhetorischer  Stil  bei  ernstem  Stoff  gleicht  den  blauen 
und  rothen  Blumen  im  Korne.  Sie  gefallen  Denen,  welche  nur  zum  Ver- 
gnügen spazieren  gehen,  erweisen  jedoch  Demjenigen  Schaden,  welcher  die 
Früchte  ernten  will.  Swift's  Aphorismen. 

4)  O!  wie  wohl  es  einem  Kommentator  thut,  wenn  er  sich  von  einer 
schweren  Stelle,  zu  welcher  er  dem  Leser  bloss  die  Thüre  geöffnet  hat, 
ohne  weiter  etwas  zu  sprechen,  als  ein  Paar  griechische  Zauberworte,  weg- 
schleichen kann.  Lichtenberg^  Hogarth.  PI.  XII. 

5)  In  den  Augen  einiger  Leser  dürfte  vielleicht  die  Ausdehnung,  welche 
wir  unserer  glossarischen  Ungebundenheit  zugestanden  haben,  ein  zulässi- 
ges Maass  zu  überschreiten  scheinen.  Wir  haben  indessen  die  meisten 
Allotria  in  die  Anmerkungen  verwiesen,  wo  man  sie  nach  Belieben  über- 
schlagen kann,  ohne  dadurch  in  dem  Texte  eine  Störung  oder  Lücken  zu 
verursachen.  Manche  hingegen  lieben  Mannigfaltigkeit  in  dem  Vortrage 
solcher  Gegenstände,  die  an  und  für  sich  ernster  Natur  sind  und  daher 
leicht  ermüden;  Diesen  vorzüglich  mögen  die  fremdartigen  Ausschmückun- 
gen gewidmet  sein,  welche  oft  gegen  Langeweile  und  Ueberdruss  schützen, 
und  den  Geist  entweder  auffrischen  oder  erheitern. 


yjjj  Vorwort. 

Worte  gebunden,  und  kann  dabei  einen  beträchtlichen 
Theil  der  eigentlichen  Gelehrsamkeit  entbehren,  ohne  welche 
die  drei  Vorigen  unmöglich  ihre  Aufgabe  zu  lösen  im 
Stande  sind. 

Der  freundliche  Leser6)  wird  in  dem  eben  Gesagten 
leicht  den  Hauptgrund  finden,  warum  wir  uns  bei  der  vor- 
liegenden Bearbeitung  der  Aphorismen  des  Hippo- 
krates  die  leichtere  Aufgabe  gewählt  haben.  Indessen 
ist  Jener  nicht  der  Einzige,  sondern  sehr  wesentlich  schliesst 
sich  Diesem  auch  noch  ein  Zweiter  an,  der  darin  besteht, 
dass  die  Beschäftigung  damit  nur  zu  einer  Zwischenar- 
beit neben  unseren  sonstigen  Berufsarbeiten  bestimmt  war, 
wobei  zahlreiche  Unterbrechungen  eben  keinen  allzu  nach- 
theiligen Einfluss  üben  konnten.  Wenn  wir  diesen  beiden 
Hauptgründen  nun  noch  ferner  hinzufügen,  dass  wir  eines- 
theils  frei  sind  von  der  Anmaassung,  uns  in  die  Reihen 
der  eigentlichen  Gelehrten  einzudrängen,  sondern  nur 
auf  das  Prädikat  eines  praktischen  Mannes  Anspruch  zu 
haben  wünschen,  und  dass  es  uns  anderntheils  nur  um 
eine  Gelegenheit  zu  thun  war,  unsere,  auf  vieljähriger  Er- 
fahrung beruhenden  Ansichten  auszusprechen:  so  ha- 
ben wir  ziemlich  Alles  gesagt,  was  wir  zunächst  über  die 
Form  dieser  Schrift  zu  sagen  für  nöthig  erachteten. 


Was  den  Inhalt  dieses  Werkchens  anbelangt,  so  ist 
dieser  vollständig  auf  dem  Titel  ausgesprochen. 

Es  enthält  nämlich  zuvörderst  eine  deutsche  Ueber- 
setzung    der    Berühmtesten    unter    den    hippokratischen 


6)  Es  giebt  zwei  Klassen  von  Lesern,  denen  alle  Kommentare  und 
alle  Glossen  langweilig  und  unausstehlich  sind,  nämlich  Die,  welche  Alles 
wissen,  und  Die,  welche  Nichts  wissen.  Für  dergleichen  Ultra's  sind 
natürlich  die  nachfolgenden  Blätter  nicht  geschrieben.  Beide  mögen  daher 
Dies  als  Warnung  beachten,  und  mit  Omar  sprechen:  Wir  besitzen  den 
Alkoran;  enthalten  die  Bücher  Das,  was  bereits  im  Alkoran  steht,  so  sind 
sie  überflüssig;  enthalten  sie  aber  Dinge,  wovon  der  Alkoran  nichts  sagt, 
so  sind  sie  schädlich;  in  beiden  Fällen  müssen  sie  daher  dem  Feuer  über- 
geben werden. 


Vorwort.  IX 

Schriften  nach  den  bewährtesten  Ausgaben,  mit  Benutzung 
anderer  lateinischen,  deutschen  und  französischen  Ueber- 
setzungen,  und  man  wird,  wie  wir  hoffen,  finden,  dass  un- 
beschadet einer  verständlichen  Ausdrucksweise,  überall  min- 
destens der  Sinn  möglichst  getreu  wiedergegeben  ist.  Auf 
ein  Mehreres  machen  wir  in  dieser  Beziehung  keinen  An- 
spruch, und  wenn  man  die  Unsrige  mit  den  bereits  Vor- 
handenen vergleichen  will,  so  haben  wir  nicht  das  Mindeste 
dawider  einzuwenden. 

Eine  grössere  Freiheit,  um  nicht  zu  sagen:  Willkür, 
haben  wir  uns  bei  den  angehängten  Glossen  erlaubt,  und 
wir  halten  es  für  nöthig,  uns  hierüber  noch  besonders  mit 
aller  Offenheit  auszusprechen. 

Es  sind  eigentlich  zwei  Punkte,  die  vorzugsweise  zu 
unserer  gegenwärtigen  Zeit  einer  besonnenen  und  einge- 
henden Besprechung  zu  bedürfen  scheinen ,  nämlich :  ein- 
mal die  materialistische  Richtung,  welche  die  neuere 
Arzneiwissenschaft  eingeschlagen  hat,  und  andermal  das 
eigentliche  Wesen  und  der  Werth  der  Homöopathie, 
worüber  so  grosse  Begriffs-Verwirrungen  herrschen.  Diese 
beiden  Punkte  haben  wir  in  unseren  Glossen  hauptsächlich 
vor  Augen  gehabt,  und  bei  jeder  irgend  passenden  Ge- 
legenheit nicht  verfehlt,  Dasjenige  freimüthig  auszusprechen, 
was  eine  sorgfältige  Beobachtung  und  reiche  Erfahrungen 
aus  einem  Zeiträume  von  einem  vollen  Drittel- Jahrhundert 
unsere  Ansichten  geläutert  und  unsere  Ueberzeugung  be- 
festigt haben,  die  in  Verbindung  mit  so  vielen  Andern 
derselben  Art  mindestens  von  solchem  Werthe  sein  dürften, 
dass  sie  mit  blossem  Leugnen,  Ignoriren  oder  Achselzucken 
nicht  mehr  füglich  abgefertigt  werden  können.7)  Wenn 
unsere  freimüthigen  Aeusserungen  dabei  hier  oder  da  eini- 
gen Anstoss  erregen  sollten :  so  ist  Das  nicht  unsere  Schuld, 
und  wir  erklären  von  Vorne  herein ,  dass  uns  nichts  ent- 
fernter liegt,  als  persönliche  Provokation  oder  gar  Beleidi- 


7)  Ne  pudeat  te  nil  scire,  turpe  est  nil  discere  velle. 

Marc.  Aurelius. 


gung,    und    dass    es    sich    stets   ganz    allein   um  die  Sache 
handelt. 8) 

Von  diesem  letzten  Gesichtspunkte  aus  betrachtet,  kann 
es  daher  auch  nicht  falsch  gedeutet,  oder  gegen  uns  zum 
Vorwurfe  erhoben  werden,  wenn  wir  hier  einem  weltbe- 
rühmten Gelehrten  eine  Schuld  aufbürden,  und  ausserdem 
eine  Inkonsequenz  vorwerfen  müssen.  Dieser  Mann  ist 
nämlich  kein  Geringerer,  als  der  wahrhaft  grosse  und  mit 
Recht  im  In-  und  Auslande  gefeierte  A.  v.  Humboldt. 
Dieser  veröffentlichte  bekanntlich  im  Jahre  1797  seine  be- 
rühmte und  viel  ausgebeutete  Schrift  „über  die  (durch  Gal- 
vanismus)  gereizte  Muskel-  und  Nerven -Faser,  nebst  Ver- 
muthungen  über  den  chemischen  Prozess  des  Thier-  und 
Pflanzen-Lebens."9)  In  dieser  Abhandlung  finden  wir  so- 
wohl den  Anfang,  als  die  Sanktion  der  später  bis  zum 
Unsinn  gesteigerten  Uebertreibungen  der  wahren  ma- 
terialistischen Schule,10)  die  jedes  Geistige  und  — 


8)  Si  quis  exstiterit,  qui  sese  laesuin  clamabit,  is  aut  conscientiam 
prodet  suam  aut  certe  metum.  Erasrnus. 

9)  Die  physiologische  Schule  kennt  genau  alle  Theile  des  Auges  und 
die  Funktionen  eines  Jeden  derselben;  aber  nur  bis  zur  Netzhaut  und  zum 
Sehnerven.  Wie  dann  aber  weiter  das  wirkliche  Sehen  geschieht,  da- 
von weiss  sie  Nichts.  Eben  so  wenig  kann  sie  das  Farbensehen  er- 
klären, namentlich  solches,  welches  sich  oft  bei  Krankheiten,  nicht  bloss 
des  Auges,  einstellt,  und  noch  weniger  das  Unvermögen,  Farben  zu 
unterscheiden,  welches  zuweilen  bei  Personen  gefunden  wird,  deren  Au- 
gen und  Sehkraft  übrigens  völlig  normal  sind. 

Das  Denken  selbst  ist  freilich  kein  chemischer  Prozess,  aber  es  ist 
mir  sehr  wahrscheinlich,  dass  gleichzeitig  mit  demselben  materielle  Ver- 
änderungen im   Gehirne  vorgehen. 

Humboldt's  Versuche  II,  51. 

Mit  treffender  Ironie  sagt  Heiuroth  (über  die  Hypothese  der  Materie 
S.  14):  —  „Wie  die  Blume  blüht,  und  ihre  Blüthe  der  höchste  Erweis 
der  organisch-bildenden  Kraft  im  Pflanzenleben  ist:  so  denkt  das  Gehirn, 
und  der  Gedanke  ist  gleichsam  die  Blüthe  dieses  Organs,  der  höchste  Er- 
weis der  organisch-bildenden  Kraft  im  animalischen   Organismus." 

10)  „Humboldt"  —  versichert  Prof.  Weber  in  den  Verhandl.  d.  na- 
tura. Ver.  Jahrgang  16,  S.  328  —  „wird  der  Begründer  der  Nerven- 
physiologie,  wie  er  der  Erste  war,  der  einen  wissenschaftlichen  Weg  in 
der  Arzneimittellehre  betrat." 


XI 


sagen   wir  es   gerade  heraus  —  jedes    Göttliche11)   aus- 
schliesst.  12) 

Indem  wir  es  für  überflüssig  halten,  jene  allbekannte 
Schrift  näher  zu  besprechen,  haben  wir  hier  nur  noch  die 


11)  Quid  est  enim  aliud  natura,  quam  Deus,  et  divina  ratio  toti 
mundo  et  partibus  ejus  inserta. 

Seneca  de  benef.  IV,  6. 

Wenn  auch  etwas  hart,  so  doch  nicht  ganz  ungegründet  ist  das  Urtheil 
Schmettau's  über  Humboldt,  wenn  er  in  seinem  „Friedrich  Wilhelm  IV." 
S..  33  sagt:  —  „Sein  Kosmos,  der  die  Natur  und  was  der  Mensch  ihr  bis.- 
her  abgelauscht  getreulich  schildert,  ohne  sich  um  ihren  Schöpfer  zu  be- 
kümmern, ist  der  Gegensatz  der  Bibel,  welche  nur  die  Thaten  dieses 
Schöpfers  preist  und  nicht  die  Beobachtungen  der  Menschen  erzählt.  Wer 
aber  die  Früchte  eines  neunzigjährigen  Lebens  zusammenfassend  kein  an- 
deres Resultat  erreicht  hat,  als  die  selbstgenügsame  Blasirtheit,  welche  vor- 
nehm bei  dem  lebendigen  Gott  vorbeigeht,  ohne  sich  um  Ihn  zu  beküm- 
mern, der  ist  noch  nicht  bis  an  den  Quell  der  Weisheit  vorgedrungen,  de- 
ren Frucht  der  innere  Friede  ist,  und  der  Einfluss,  den  er  auf  seine  Zeit 
geübt,  wird  wahrlich  Niemand  zu  Gute  kommen,  als  den  Mächten,  welche 
diesen  Frieden  zerstören  wollen." 

„Humboldt's  „„Kosmos""  —  sagt  W.  Menzel  in  der  „Geschichte  der 
neuesten  Zeit,  S.  10,  in  der  Note,  —  „wurde  von  der  Diesterweg'schen 
Schulpartei  ausdrücklich  der  Bibel  entgegengesetzt  als  das  Buch  der  Bücher. 
In  dieser  Darstellung  des  Naturganzen  wird  der  Schöpfer  nicht  geehrt, 
noch  erwähnt,  sondern  die  Natur  erscheint  als  eine  gleichgültige  Substanz, 
die  erst  Bedeutung  gewinnt,  indem  der  Mensch  sie  erkennt  und  benutzt. 
Auf  den  Schöpfer  und  das  Wesen  der  Dinge  kommt  es  Humboldt  nie  an, 
immer  nur  auf  die  Entdecker,  Erklärer  und  Erfinder,  und  nur  den  forschen- 
den Menschengeist  preist  er,  ganz  im  Sinne  der  Philosophie  Hegel's,  welcher 
Gott  selbst  nur  so  weit  existiren  lässt,  als  er  vom  Menschen  gedacht  wird. 
Unter  Humboldt's  Einfluss  machte  die  deutsche  Naturwissenschaft  mit  weni- 
gen Ausnahmen  Front  gegen  das  Christenthum." 

12)  Nur  an  wenigen  Stellen  des  Kosmos  (I,  S.  260,  II,  S.  15,  27, 
36,  39,  45  u.  n.  and.)  finden  wir  den  Namen  Gottes,  aber  auch  da 
immer  nur  bei  Andern  und  gleichsam  historisch  erwähnt.  Wir  dürfen  da- 
bei freilich  nicht  vergessen,  was  der  gelehrte  Mann  in  dieser  Beziehung 
(das.  I,  S.  367)  sagt:  —  „In  das  empirische  Gebiet  objektiver  sinnlicher 
Betrachtung,  in  die  Schilderung  des  Gewordenen,  des  dermaligen  Zustan- 
des  unseres  Planeten,  gehören  nicht  die  geheimnissvollen  und  ungelösten" 
—  (soll  wohl  heissen:  unlösbaren)  —  „Probleme  des  Werdens."  Aber 
eben  von  hier  aus  wäre  es  nur  ein  Schritt  gewesen  bis  zu  dem  Schöpfer 
und  Erhalter  aller  der  geschilderten  Herrlichkeiten,  bis  zu  der  Gottheit,  die 
wir  überall  schmerzlich  vermissen. 


XII  Vorwort. 

Pflicht,  die  oben  gerügte  Inkonsequenz  dieses  Gelehrten 
nachzuweisen,  und  erfüllen  diese  um  so  lieber,  als  uns  da- 
durch eine  Gelegenheit  geboten  wird,  aus  der  gewandten 
Feder  dieses  Mannes  einen  eben  so  schätzbaren,  als  im 
blühendsten  Stile  geschriebenen  Beleg  für  unsere  Ansichten 
mitzutheilen,  welcher  vielleicht  weniger  bei  den  Fachmän- 
nern bekannt  sein  dürfte.  Derselbe  scharfsinnige,  aber 
noch  nicht  in  seine  galvanischen  Versuche  vertiefte  For- 
scher hatte  nämlich  zwei  Jahre  früher  (1795,  im  4.  Stücke 
der  Hören)  die  Macht  der  (geistigen)  Lebenskraft 13)  so 
äusserst  schön  und  treffend  gemalt,  und  die  Gegensätze 
zwischen  Leben  und  Tod  in  solcher  Schärfe*  dargestellt, 
dass  wir  Nichts  kennen,  was  diesem  an  die  Seite  gesetzt 
werden  könnte,  obwohl  das  Ganze  nur  in  eine  kurze  (von 
Schiller  sehr  belobte)  Erzählung:  „Die  Lebenskraft  oder 
der  Rhodische  Genius",  eingekleidet  ist.14)    Wir  kön- 


13)  „Unstreitig"  —  sagt  Hufeland  mit  vollem  Rechte,  —  „gehört  die 
Lebenskraft  unter  die  allgemeinsten  und  gewaltigsten  Kräfte  der  Natur. 
Sie  erfüllt  und  bewegt  Alles,  sie  ist  höchst  wahrscheinlich  der  Grundquell, 
aus  dem  alle  übrigen  Kräfte  der  organischen  Natur  fliessen.  Sie  ist  es, 
welche  Alles  hervorbringt,  erhält,  erneuert;  durch  welche  die  Schöpfung 
seit  so  manchen  Tausenden  von  Jahren  noch  jeden  Frühling  mit  eben  der 
Pracht  und  Frischheit  hervorgeht,  als  das  Erstemal,  da  sie  aus  der  Hand 
ihres  Schöpfers  kam.  Sie  ist  es  endlich,  die,  verfeinert  und  durch  eine 
vollkommnere  Organisation  unterstützt  und  gehoben ,  sogar  die  Denk-  und 
Seelen-Kraft  entflammt  und  dem  vernünftigen  Wesen  zugleich  mit  dem  Le- 
ben auch  das  Gefühl  und  das  Glück  des  Lebens  giebt.  Denn,  wie  ein 
Mangel  an  Lebenskraft  so  auffallend  nicht  nur  die  körperlichen,  sondern 
auch  die  geistigen  Thätigkeiten  hemmt  und  jenen  Ekel  und  Ueberdruss  des 
Lebens  hervorzubringen  im  Stande  ist,  der  unsere  Zeit  leider  auszeichnet,  - 
so  kann  und  muss  ein  gewisser  Ueberfluss  derselben  zu  allen  Genüssen 
und  Unternehmungen  aufgelegter  und  das  Leben   schmackhafter  machen." 

Was  wir  unter  Lebenskraft  verstehen,  ist  nicht  Dasjenige,  was 
einige  Leibnitzianer  dafür  ausgeben,  und  wofür  sie  folgende  Stelle 
(Protog.  p.  18)  anführen:  — '  „Nee  dubium  est,  cum  prima  telluris  tenerae 
stamina  ducebat  sapientissimus  conditor ,  aliquid  formationi  animali  aut 
plantae  simile  contigisse,  sed  incendiis  et  eluvionibus  ac  ruinis  nunc  ita 
detortum  perturbatumque  in  hac  superficie  et  velut  cute,  nt  aegerrime  nosci 
possis." 

14)  Es  verdient  wohl  hervorgehoben  zu  werden,  dass  Humboldt  noch 
unterm  15.  Oktober  1849  in  einem  Briefe  an  Varnhagen    diese  „Ansichten 


Vorwort.  XIII 

nen  es  uns  daher  nicht  versagen,  den  Schluss  dieser  „Er- 
zählung", als  die,  dem  weisen  Epickarmus,  einem  Schüler 
des  Pythagoras,  in  den  Mund  gelegten  Worte  anzuführen :  — 

„Reis.st  den  Vorhang  von  dem  Fenster  hinweg,  dass 
ich  mich  noch  einmal  weide  an  dem  Anblick  der  reichbe- 
lebten lebendigen  Erde.  Sechzig  Jahre  lang  habe  ich  über 
die  inneren  Triebräder  der  Natur,  über  den  Unterschied 
der  Stoffe  gesonnen  und  erst  heute  lässt  der  Rhodische 
G  jnius  mich  klarer  sehen,  was  ich  sonst  nur  ahnete.  Wenn 
der  Unterschied  der  Geschlechter  lebendige  Wesen  wohl- 
i:  tätig  und  fruchtbar  aneinander  kettet,  so  wird  in  der  un- 
organischen Natur  der  rohe  Stoff  von  gleichen  Trieben  be- 
wegt. Schon  im  dunkeln  Chaos  häufte  sich  die  Materie 
und  mied  sich,  je  nachdem  Freundschaft  oder  Feindschaft 
sie  anzog  oder  abstiess.  Das  himmlische  Feuer  folgt  den 
Metallen;  der  Magnet  dem  Eisen;  das  geriebene  Elektrum 
bewegt  leichte  Stoffe;  Erde  mischt  sich  zur  Erde;  das 
Kochsalz  gerinnt  aus  dem  Meere  zusammen  und  die  Säure 
der  Stüptärie  strebt,  sich  mit  dem  Thone  zu  verbinden. 
Alles  eilt  in  der  unbelebten  Natur  sich  zu  dem  Seinen  zu 
gesellen.  Kein  irdischer  Stoff  (wer  wagt  es,  das  Licht 
diesen  beizuzählen?)  ist  daher  irgendwo  in  Einfachheit  und 
reinem,  jungfräulichem  Zustande  zu  finden.  Alles  eilt  von 
seinem  Entstehen  an  zu  neuen  Verbindungen  und  nur  die 
scheidende  Kunst  des  Menschen  kann  ungepaart  darstellen, 
was  Ihr  vergebens  im  Innern  der  Erde  und  in  dem  beAveg- 
lichen  Wasser-  und  Luft-Oceane  suchtet.  In  der  todten 
unorganischen  Materie  ist  träge  Ruhe,  so  lange  die  Bande 
der  Verwandtschaften  nicht  gelöst  werden,  so  lange  ein 
dritter  Stoff  nicht  eindringt,  um  sich  den  vorigen  beizu- 
gesellen. Aber  auch  auf  diese  Störung  folgt  wieder  un- 
fruchtbare Ruhe." 

„Anders  ist  die  Mischung  derselben  Stoffe  im 
Thier-  und  Pflanzenkörper.     Hier   tritt  die  Lebens- 


der  Natur"  für  sein  „Lieblingswerk"  erklärt,  und  abermals  eine  neue  Aus- 
gabe davon  veranstaltet  hatte,  nachdem  er  im  „Kosmos"  (I.  Vor.)  auch 
deren  erwähnte. 


kraft  gebieterisch  in  ihre  Rechte  ein;  sie  kümmert  sich 
nicht  um  die  demokritische  Freundschaft  und  Feind- 
schaft der  Atome;  sie  vereinigt  Stoffe,  die  in  der 
unbelebten  Natur  sich  ewig  fliehen,  und  trennt, 
was  in  dieser  sich  unaufhaltsam  sucht." 

„Tretet  näher  um  mich  her,  meine  Schüler,  und  er- 
kennet im  Rhodischen  Genius,  in  dem  Ausdruck  seiner 
jugendlichen  Stärke,  im  Schmetterling  auf  seiner  Schulter, 
im  Herrscherblick  seines  Auges,  das  Symbol  der  Lebens- 
kraft, wie  sie  jeden  Keim  der  organischen  Schöpfung  be- 
seelt. Die  irdischen  Elemente,  zu  seinen  Füssen,  stre- 
ben gleichsam,  ihrer  eigenen  Begierde  zu  folgen  und  sich 
mit  einander  zu  mischen.  Befehlend  droht  ihnen  der  Ge- 
nius  mit  aufgehobener,  hochlodernder  Fackel,  und  zwingt 
sie,  ihrer  alten  Rechte  uneingedenk,  seinem  Gesetze  zu 
folgen." 

„Betrachtet  nun  das  neue  Kunstwerk,  welches  der  Ty- 
rann mir  zur  Auslegung  gesandt;  richtet  Eure  Augen  vom 
Bilde  des  Lebens  ab,  auf  das  Bild  des  Todes.  Auf- 
wärts weggeflohen  ist  der  Schmetterling,  ausgelodert  die 
umgekehrte  Fackel,  gesenkt  das  Haupt  des  Jünglings.  Der 
Geist  ist  in  andere  Sphären  entwichen,  die  Lebenskraft 
erstorben.  Nun  reichen  sich  Jünglinge  und  Mädchen  fröh- 
lich die  Hände.  Nun  treten  die  irdischen  Stoffe  in  ihre 
Rechte  ein.  Der  Fesseln  entbunden  folgen  sie  wild,  nach 
langer  Entbehrung,  ihrem  geselligen  Triebe,  und  der  Tag 
des  Todes  wird  ihnen  ein  bräutlicher  Tag.  —  So  ging  die 
todte  Materie  von  Lebenskraft  beseelt,  durch  eine  zahllose 
Reihe  von  Geschlechtern,  und  derselbe  Stoff  umhüllte  viel- 
leicht den  göttlichen  Geist  des  Pythagoras,  in  dem  vormals 
ein  dürftiger  Wurm  im  augenblicklichen  Genüsse  sich  sei- 
nes Daseins  freute." 

„Geh  Polykles  und  sage  dem  Tyrannen,  was  Du  ge- 
hört hast.  Und  Ihr,  meine  Lieben,  Phradman  und  Skopas 
und  Timokles  tretet  näher  und  näher  zu  mir.  Ich  fühle, 
dass  die  schwache  Lebenskraft  auch  in  mir  den  irdi- 
schen Stoff  nicht  lange  mehr  zähmen  wird.  Auch  er 
fordert  seine  Freiheit  wieder.    Führt  mich  noch  einmal  in 


Vorwort.  XV 

den  Poikile,15)  und  von  da  an  das  offene  Gestade.     Bald 
werdet  ihr  meine  Asche  sammeln."16) 

Angesichts  eines  solchen  entschiedenen  Widerspruchs 
in  den  Ansichten  eines  und  desselben,  bis  jelzt  unüber- 
troffenen Naturforschers,  die  keine  Vermittelung  oder  Aus- 
gleichung zulassen  und  sich  gegenseitig  die  Waage  halten, 
bedarf  es  im  Grunde  nur  einer  geringen  Gewichts-Zulage, 
um  die  eine  oder  die  andere  Schaale  zum  Sinken  zu  brin- 
gen. Zu  diesem  Behüte  stellen  sich  aber  zahlreiche  be- 
rühmte Autoritäten  zur  Auswahl  dar.  Um  jede,  etwa  mög- 
liche Einrede  von  Parteilichkeit  abzuschneiden,  wählen  wir 
hier  nur  Einen  der  ersten  Koryphäen  der  Arzneikunst, 
welcher  seine,  mit  Kuhm  und  Orden  geschmückte 17)  medi- 


15)  Das  Poikile  (Pöcile)  war  die  Halle  der  Stoiker,  und  führte  diesen 
Namen  von  den  zahlreichen  Gemälden  und  Statuen,  womit  es  geziert  war. 

16)  Im  ersten  Bändchen  der  „Ansichten  der  Natur"  von  demselben 
Verfasser,  worin  der  „Rhodische  Genius"  den  Schluss  des  Zweiten  aus- 
macht, stössen  wir  (S.  39)  schon  auf  eine  merkwürdige  Zusammenstellung 
und  Verwechselung  von  organischen  und  unorganischen  Dingen,  indem  er 
sagt:  —  „Was  unsichtbar  die  lebendige  Waffe  dieser  Wasserbewohner  (der 
Zitteraale)  ist;  was,  durch  Berührung  feuchter  und  ungleichartiger  Theile 
erweckt,  in  allen  Organen  der  Thiere  und  Pflanzen  umtreibt,  was  die  weite 
Himmelsdecke  donnernd  entflammt,  was  Eisen  an  Eisen  bindet,  und  den 
stillen  wiederkehrenden  Gang  der  leitenden  Nadel  lenkt;  —  Alles,  wie  die 
Farbe  des  getheilten  Lichtstrahls,  fiiesst  aus  einer  Quelle;  Alles  schmilzt 
in  eine  ewige,  allverbreitete  Kraft  zusammen."  —  Diese  materialistische 
Ansicht  wird  näher  erläutert  durch  die  dazu  gehörige  Note  (41),  worin  es 
heisst:  „In  allen  organischen  Theilen  stehen  ungleichartige  Stoffe  mit  ein- 
ander in  Berührung.  In  allen  ist  das  Starre  mit  dem  Flüssigen  gepaart. 
Wo  also  Organismus  und  Leben  ist,  da  tritt  elektrische  Spannung  oder  das 
Spiel  der  Voltai'schen  Säule  ein."  —  Man  möchte  dabei  nur  die  Frage  auf- 
werfen: warum  dieses  elektrische  Spiel  sofort  aufhört,  wenn  der  höhere 
Lebensfunken  ausgelöscht  ist  und  bei  der  noch  fortbestehenden  Paarung 
des  Starren  mit  dem  Flüssigen  die  zersetzende  Chemie  ihre  Herrschaft 
antritt? 

17)  Wir  wollen  dem  würdigen  Hufeland,  der  angeblich  niemals  den 
Katheder  bestieg,  ohne  sich  mit  seinen  zahlreichen  Orden  geschmückt  zu 
haben,  eine  massige  Dosis  Eitelkeit,  die  Jeder  mehr  oder  weniger  be- 
sitzt, keineswegs  zum  Vorwurf  machen.  Aber  es  wird  uns  erlaubt  sein, 
darin  ein  Hauptmotiv  zu  dieser  Brochure  zu  vermuthen.  —  Der,  in  allen 
Welttheilen,  als  Stifter  einer  neuen  Schule,  gefeierte  Hahnemann  besass, 
so  viel  wir  wissen,  keine  einzige  Dekoration  dieser  Art. 


XVI  Vorwort. 

zinische  Laufbahn  damit  schloss,  dass  er  sich  in  einer 
Brochure:  „Die  Homöopathie"  (Berlin  1831)  nicht  nur  als 
ein  Gregner  derselben  aussprach ,  sondern  ihr  gar  noch 
Mängel  aufzubürden  suchte,  die  in  der  That  nicht  vorhan- 
den waren.  Was  übrigens  die  Stellung  des  hier  bezeich- 
neten Hufeland  gegenüber  Humboldt  anbelangt,  so  darf 
nicht  vergessen  werden,  dass  gerade  in  diesem  Punkte  dem 
Ersten,  als  Sachkenner,  ein  grösseres  Gewicht  beizulegen 
sein  dürfte,  als  dem  Zweiten,  welcher  sich  nur  überhaupt 
als  tiefdenkender  Naturforscher  ausspricht ,  und  aus  mate- 
rialistischen Versuchen  materialistische  Folgerun- 
gen zieht,  ohne  sie  weiter  an  den  Erscheinungen  des  Le- 
bens, denen  sie  doch  angehören ,  zu  prüfen. 18)  —  Hören 
wir  daher  nun  auch,  was  Hufeland  sagt:  — 

„Es  giebt  ein  Reagens"  —  sagt  er  in  seinen  „klei- 
nen medizinischen  Schriften"  Band  IH,  Seite  472  —  „was 
feiner  ist,  als  die  feinsten  chemischen  Reagentien, 
und  das  ist  das  Reagens  des  lebenden  menschlichen 
Körpers.19)  Das,  was  wir  Reizbarkeit  oder  Erreg- 
barkeit des  lebenden  Organismus  nennen,  ist  durch  eine 
Menge  Einflüsse  und  Agentien  afficirbar,  die  für  die 
gewöhnliche  Chemie  gar  keinen  Berührungspunkt 
und  folglich  auch  keine  Existenz  haben.20)    Noch  höher 

18)  „Alles"  —  versichert  Humboldt  in  den  Vers,  über  die  gereizte 
Musk.-  und  Nerv.-Faser  II,  S.  49  —  „was  in  der  organischen  Materie 
vorgeht,  kann  nach  mechanischen  und  chemischen  Gesetzen  beur- 
theilt  werden  " 

19)  Selbst  Pfaff,  der  heftigste  Vertreter  der  chemisch-materiellen  Arz- 
neimittellehre, findet  sich  zu  der  Aeusserung  gezwungen,  dass  der  lebende 
Organismus  in  jeder  Hinsicht  das  feinste  Reagens  ist,  welches  durch  seine 
Veränderungen  auch  die  kleinsten  Verschiedenheiten  in  dem  Grade  und  in 
der  Qualität  anzeigt,  selbst  da  noch,  wo  die  Chemie  nichts  mehr  nachzu- 
weisen vermag. 

20)  Dass  der  Hund- vermöge  seines  feinen  Geruchsorgans  im  Stande 
ist,  im  vollen  Laufe  der  Fährte  eines  Wildes  zu  folgen,  Das  mag  man 
vielleicht  erklären  können.  Wie  es  aber  möglich  ist,  dass  der  gute 
Jagd-  oder  Leit-Hund  auf  der  Fährte  erkennen  kann,  ob  diese  vorwärts 
oder  rückwärts  läuft,  und  bei  Kreutzungen  mit  Andern  von  dersel- 
ben Art  nicht  irre  wird,  —  das  würde,  wie  uns  scheint,  ein  treffliches 
Thema  für  eine  materialistisch-physiologische  Untersuchung  abgeben. 


Vorwort.  XVII 

kann  diese  Empfänglichkeit  steigen,  wenn  der  Orga- 
nismus sich  im  kranken  Zustande  befindet,  und  ich 
bin  überzeugt ,  dass  man  manchen  Kranken,  besonders 
manche  Nervenkranke,  als  wahre  Mikrometer  für  diese 
Untersuchung  der  Natur  betrachten  und  benutzen  könnte 
und  sollte.21)  —  Und  so  muss  also  der  Arzt,  dessen  Wir- 
ken im  Lebenden  ist,  auch  die  ganze  Natur  und  ihre 
mannichfaltigen  Produkte  und  Einflüsse  nach  diesen  Ver- 
hältnissen des  Lebens  prüfen  und  schätzen,  und  durch  sorg- 
fältige und  wiederholte  Erfahrungen  die  feineren  Kräfte 
und  Eigenschaften  derselben  durch  das  Reagens  des 
Lebenden  bestimmen.22)  Dies  ist  die  wahre  Analyse 
der  Arzneimittel,  und  jede  Anwendung  derselben  ist 
eigentlich  ein  solches  Experiment;  nur  schade,  dass  die 
meisten  Aerzte  bei  Behandlung  der  Kranken  diesen  Ge- 
sichtspunkt zu  wenig  beachten.  Hierzu  gehört  aber,  dass 
man  die  zu  prüfenden  Körper23)  erst  auf  den  gesunden 
Organismus  wirken  lässt,  und  beobachtet,  wie  er  sich 
dagegen  verhält,  dann  die  W  i  r  k  u  n  g  e  n  auf  den  K  r  a  n  k  e  n 
und  dessen  verschiedene  Modifikationen,  und  zuletzt  auf 
die  Individuen  und  die  verschiedenen  Konstitutionen 
genau  und  unbefangen  untersucht."24) 

Siquideni  canes  illi  etiara  elapsa  die  integra  a  transitu  ferae  ab  efflu- 
viis  illis  afficiuntur,  quae  terrae  vel  gramini  inhaesere  tarn  brevi  tempore, 
quam  erat  illucl,  quo  fera  trausibat. 

P.  Lana  de  mot.  transpir.  I,  2. 

21)  Das  Koloquinten-Mark  wirkt  schon  als  Purgirmittel,  wenn  man  es 
in  der  Hand  warm  werden  lässt. 

22)  Eine  der  unbegreiflichsten,  aber  mehr  als  vollständig  belegten 
Thatsachen  ist  die  Verfolgung  und  Entdeckung  von  Mördern  durch  Jac. 
Aymar  im  Sommer  1692  von  Lyon  bis  Beaucaire,  45  französische  Lieues 
entfernt,  welche  damals  ungeheures  Aufsehen  erregte. 

23)  Man  hat  vielfach  die  Imponderabilien  als  Dinge  angesehen, 
welche  ihrer  Feinheit  wegen  die  materiellen  Körper  durchdringen  und  also 
an  dem  Leben  in  der  Natur  betheiligt  sind.  Daher  rechnen  Einige  auch 
die  Seele  (die  Lebenskraft)  dazu,  wie  Vossius  (de  lue.  nat.  XIII,  29)  sagt: 
Lux,  sonus,  anima,  odor,  vis  magnetica,  quamvis  incorporea,  sunt  tarnen 
aliquid. 

24)  Bereits  seit  mehr  als  250  Jahren  ist  es  bekannt,  dass  durch  Rei- 
ben verschiedener  Körper:    Glas,    Schwefel,  Siegellack,  Harz,  Bergkrystall, 


XVIII  Vorwort. 

Wir  haben  diese,  mit  den  Ansichten  und  Lehren  der 
Homöopathie  so  sehr  tibereinstimmende  Stelle  ganz  aufge- 
nommen, weil  wir  nirgends  sonst  in  den  Schriften  Hufe- 
lands in  gedrängter  Kürze  so  viel  Wahres  und  Beher- 
zigungswerthes  gefunden  haben.  Wie  darin  nämlich 
im  Anfange  der  lebende  Organismus  weit  über  die 
Chemie  gestellt  und  Diese  in  ihre  gebührende  Schranken 
zurückgewiesen  wird,  so  wird  gleich  darauf  noch  besonders 
hervorgehoben,  dass  die  Reaktions-Fähigkeit  des  Le- 
bens durch  Krankheit  noch  mehr  gesteigert  wird,  daher 
den  Arznei-Reiz  um  so  leichter  empfindet,  mithin  um  desto 
kleinere  Gaben  Einfluss  üben  können.  Ferner  sagt  er, 
ganz  wie  wir,  dass  die  arzneilichen  Einwirkungen  jeder 
Art  nur  allein  durch  das  Reagens  des  Lebens  zu  er- 
kennen und  zu  bestimmen  sind,  und  endlich  spricht  er 
noch  entschieden  die  Notwendigkeit  aus,  die  Arzneien 
zuerst  am  Gesunden  zu  prüfen.  Was  hier  etwa  noch 
fehlt,  um  im  Wesentlichen  alle  Grundsätze  der  Homöopathie, 
mit  Ausnahme  des  Similia  Similibus,  vollständig  auszuspre- 
chen und  zu  billigen,  Das  findet  sich  in  demselben  Werke 
(Band  II,  S.  417),  wo  er  sagt:  „dass  es  eigentlich  immer 
die  Natur  ist,  was  die  Krankheiten  heilt,  indem  die 
Kunst  nur  in  so  fern  Antheil  hat,  als  sie  die  Natur  zu 
leiten  und  ihr  zu  Hülfe  zu  kommen  versteht;  und  wir 
wollten  zweifeln,  dass  es  gewiss  unendlich  besser  ist,  dies 
grosse  Geschäft  gar  nicht   zu    stören,    als    sie    durch  un- 


Edelsteine,  Alaun  und  Steinsalz,  Elektrizität  hervorgebracht  wird,  mithin 
ein  Stoff,  den  die  Chemie  nicht  darin  finden  konnte.  Dürfen  wir  uns  dann 
wundern,  wenn  auf  demselben  Wege  noch  andere  Imponderabilien  erweckt 
werden  können? 

Ganz  eigenthümlich  war  die  Prüfung  der  Arzneien  bei  den  arabischen 
Aerzten,  wie  solche  noch  in  sehr  späten  Zeiten  Geltung  hatte  und  in  einem 
Traktate  von  Aben  Guefith  gelehrt  wird.  Darnach  lassen  sich  deren  Kräfte 
meistentheils  aus  dem  Geschmack  erkennen.  Der  bittere,  scharfe  und  sal- 
zige Geschmack  zeigt  Hitze,  der  herbe,  saure  und  zusammenziehende  Ge- 
schmack Kälte,  und  der  süsse  und  fettige  Geschmack  eine  mittlere  Tempe- 
ratur an.     Dies  bestimmte  die  Anwendung  derselben. 

Color  pallidus  insipidum,  viridis  crudum,  luteus  amarum,  ruber 
acidum,  albus  dulce,  niger  ingratum  indicat.  Linne. 


schickliche  und  gewaltsame  Mittel  irre  zu  machen, 
ihre  Bewegungen  zu  missleiten,  und  mit  einem  Worte,  es 
ohne  gehörige  Kenntniss  besser  machen  zu  wollen,  als  sie?"25) 

Von  dem  obersten  Grundprinzip  der  Homöopathie 
(Similia  Similibus!),  wovon  auch  der  Namen  dieser  neuen 
Doktrin  in  der  Arzneiwissenschaft  entnommen  ist,  würde 
es  überflüssig  sein,  hier  Etwas  zu  erwähnen,  indem  in  den 
Glossen  selbst  oft  genug  davon  die  Rede  ist  und  nicht 
wenige  Beispiele  vorkommen,  wo  das  Heilverfahren  des 
Altvaters  der  Medizin  selbst  dieses  Prinzip  zur  Ausführung 
gebracht  hat.  Eben  so  findet  sich  an  verschiedenen  Stellen 
darin  theils  die  Unnahbarkeit,  theils  die  Unausführbarkeit 
des  Contraria  Contrariis  nachgewiesen.  Die  Erfahrung 
spricht  sich  überall,  wo  Leben  ist,  für  den  ersten  Grund- 
satz aus,  und  wenn  auch  eine  rein  theoretische  Begründung 
desselben  zur  Zeit  noch  Manches  zu  wünschen  übrig  lässt, 
so  müssen  wir  es  doch  mit  einem  neueren  Naturforscher 
für  „eine  wahre  Impertinenz  halten,  wenn  man  verlangt, 
dass  die  Erfahrung  durch  die  Wissenschaft  gerecht- 
fertigt werden  soll." 

Ueber  den  wahren  Werth  oder  Unwerth  der  Homöo- 
pathie kann  ebenfalls  nur  allein  die  Erfahrung  entschei- 
den, und  einem  warmen  und  treuen  Anhänger  derselben, 
der  seit  Jahren  alle  seine  Kräfte  dieser  Wissenschaft  zu- 
gewendet hat,  würde  es  am  Wenigsten  ziemen,  dem  Urtheile 
der  Nachwelt  vorgreifen  und  sich  darüber   aussprechen  zu 


25)  Obwohl  jeder  Arzt  in  thesi  mit  gläubiger  Verehrung  von  der  Heil- 
kraft der  Natur  spricht,  in  praxi  verlässt  sich  keine  Seele  darauf. 

Goldschmid. 

Die  Heilung  muss  eben  so  sehr  von  Innen  ausgehen,  wie  die  Krank- 
heit ihre  Möglichkeit  im  Innern  hat  und  von  Innen  nach  Aussen  ins  mate- 
rielle Substrat  vorgedrungen  ist;  es  kann  derselben  wirksam  nur  von  In- 
nen begegnet  werden;  alle  Mittel,  welche  die  Medizin  anwendet,  können 
nur  darauf  berechnet  sein,  die  lebendige  Kraft  des  Organismus,  im 
Gegensatze  gegen  die  feindliche  Wirkung  in  ihm,  zu  verstärken  und  zum 
Durchbruch  zu  bringen. 

Dr.  Bicking,  d.  Prinz,  d.  Med.,  S.  51. 


wollen.26)  Nicht  einmal  die  Zeugen  und  Zuschauer  eines 
Kampfes,  geschweige  denn  die  Theilnehmer  daran,  sind  als 
Neutral  zu  erachten;  sie  werden  sich  vielmehr  stets  zu  der 
einen  oder  der  andern  Partei  hinneigen,  und  wenn  von 
beiden  Seiten  Alles  aufgeboten  wird,  um  den  Sieg  zu  er- 
ringen, so  kann  eine  richtige  Entscheidung  nicht  früher 
erwartet  werden,  als  bis  die  Gemüther  wieder  beruhigt 
sind  und  mit  kühler  Besonnenheit  die  beiderseitigen  Re- 
sultate erwogen  werden.27)  Wir  sehen  ja  hier,  wie  bei 
allen  ähnlichen  Meinungsverschiedenheiten  und  Verstandes- 
kämpfen, wie  sehr  man  überall  bemüht  ist,  auf  Kosten  des 
Gegners  seine  eigenen  Ansichten  zu  vertheidigen. 28)  Aber 
gleichzeitig  erblicken  wir  leider!  auch  oft  genug,  wie  nur 
zu  häufig  alles  Maass  überschritten  wird,  wie  man  mit 
Waffen  kämpft,  welche  weder  der  Sache,  noch  der  Perso- 
nen würdig  sind,  die  sich  daran  betheiligen.  Am  Scho- 
nungslosesten werden  unter  diesen  Diejenigen  der  Zensur 
der  Nachwelt  anheim  fallen,  welche  den  absichtlichen  Skep- 
tizismus auf  die  äusserste  Spitze  treiben,  oder  gar  That- 
sachen  in  Abrede  stellen,  die  sich  wirklich  ereignet  haben 
und  noch  täglich 


26)  Es  giebt  Irrthümer,  die  so  alt  sind,  als  das  Forschen  nach  Wahr- 
heit selbst;  aber  jede  Zerstörung  eines  Irrthums  ist  ein  Schritt  zur 
Wahrheit.  Prof.  Dr.   Heinroth  über  d.  Mater.  Vorw. 

27)  Man  muss  die  Irrthümer  der  Menschen  etwa  40  bis  50  Jahre  nach 
der  Zeit,  in  der  sie  herrschten,  untersuchen,  um  ihre  Ungereimtheit  einzu- 
sehen. Rusch,   Sammlung  IV,  2. 

28)  Durch  das  Disputiren  erhält  das  Publikum  nur  ein  Amüsement, 
aber  die  Wahrheit  keinen  Gewinn,  indem  bekanntlich  das  Rechtbehalten 
etwas  ganz  Anderes  ist,  als  das  Rechthaben.  Das  gewöhnliche  Dispu- 
tiren kommt  mir  gerade  so  vor,  als  das  ehemalige  Duelliren  zur  Ergrün- 
dung  der  Wahrheit;  der  Unterschied  ist  bloss  der,  dass  man  sich  hier  der 
Degen,  und  dort  der  Sophismen  und  der  Disputirkunst  (literarische  Fecht- 
kunst) bedient;  übrigens  aber  in  beiden  Fällen,  wer  den  Andern  todt  sticht 
oder  todt  schreit,  behält  Recht. 

Hufeland   kl.  med.  Sehr.  II,  359. 

29)  Jo  forse  errai,  meglio  e  errar  che  fermarsi. 

Niolini    in  Aru.  de  Brescia. 
There  was  one  Harvey  who  avouched  a  discovery  of  the  circulation 
of  the  blood.     And  the  World  laughet,  and  then  rebuked  him;  and  finally, 


Vorwort  XXI 

die  Ausrede  der  Unwissenheit  keinen  Schutz  mehr  gewäh- 
ren;  und  der  beharrliche  Läugner  wird  dereinst  in  seiner 
Blosse  dastehen,  befleckt  mit  einem  Prädikate,  welches  sich 
nur  durch  die  Abwesenheit  eines  einzigen  Vokals  von  die- 
sem unterscheidet.  Dieses  mögen  Alle,  sowohl  Freunde, 
als  Feinde,  bedenken,  welche  sich  zu  blindem  Eifer  fort- 
reissen  lassen,  und  Denen  alle  Waffen,  unehrliche  nicht 
minder,  als  ehrliche,  Eecht  sind,  um  ihre  Sache  zu  ver- 
fechten. 30) 

Bis  dahin  aber,  dass  die  erforderliche  Zeit  verflossen 
ist,  um  die,  zwischen  uns  und  unseren  Gegnern  schwebende 
Streitfrage  reif  zu  machen  zum  Spruche ;  den  unausbleib- 
lich dereinst  die  Nachwelt  fällen  wird,  möge  jede  Partei 
ihre  besten  Kräfte  darauf  verwenden,  um  den  Sieg  zu  er- 
kämpfen, und  weder  in  ihrem,  ohne  Zweifel  edlen  Wett- 
kampfe um  die  Förderung  des  irdischen  Wohlbefindens 
unserer  Nebenmenschen    nachlassen,    noch    durch   Herbei- 


for  bis  outrageous  nonsense,  punished  him  by  depriving  him  of  his  prac- 
tice.  There  was  one  Jenner,  who,  having  speculated  upon  the  hauds  of 
certain  dairy-maids,  theorized  upon  Vaccine  virus,  and  declared  tbat  in  tbe 
cow  he  had  found  a  remedy  for  small  pox.  And  tbe  world  shouted,  and 
the  wags  were  especially  droll,  foretelling,  in  their  excess  of  witty  fancies, 
the  growth  of  cows  horns  from  tbe  heads  of  vaccinated  babies.  When 
it  was  declared  that  our  streets  shonld  be  illuminated  by  ignited  roal 
gas  —  the  gas  to  flow  under  our  feet  —  the  world  laughed,  and  then 
checked  in  its  nierriment,  stoutly  maintained  that  some  night  London,  from 
end  to  end,  would  be  blown  up.  Winsor,  the  gas-men,  was  only  a  more 
tremendous  Guy  Fawkes.  When  the  experimental  steamboat  was  first 
essayed  at  Blackwall,  and  went  stern  foremost,  the  river  rang  with  laugh- 
ter.  There  never  was  such  a  waterman's  holiday.  When  Stephenson 
was  examined  by  the  Parlamentiary  sages  upon  ä  railway  project ,  by 
wich  desperate  people  wereto  travel  at  the  rate  of,  aye,  fifteen  miles  an 
hour,  the  Quaterly  Review  laughed  a  sardonic  laugh ,  asking,  with  a 
killing  irony,  Would  not  men  as  soon  be  shot  out  of  a  gun,  as  travel  by 
such  means.  Douglas  Jerrold. 

30)  Aber  nehmen  Sie  sich,  ich  bitte  Sie,  vor  irgend  einem  Falsum 
dabei  in  Acht!  Alle  Schurkerei  kommt  an  den  Tag  und  brandmarkt  mit 
unauslöschlichem  Warnungszeichen.  —  (Und  dieses  Zeichen  soll  ein  Fuchs 
oder  ein  Affe  sein,  wie  Lucian  in  seinem  „Fischer"  sagte.) 

Hahnemann,  Nota  bene  f.  m.  Rezens. 


XXII  Vorwort. 

ziehung  fremder  Gewalten  oder  derartiger  Ungehörigkeiten 
die  Andere  darin  behindern.31) 


In  der  Reihenfolge  der  hippokratischen  Aphorismen 
vermisst  man  bekanntlich  alle  und  jede  systematische 
Anordnung;  aber  es  stand  uns  nicht  zu,  hierin  eine  Aen- 
derung  zu  versuchen.  So  sehr  Dieses  auch  in  einer  Hin- 
sicht durch  die  beständige  Abwechselung  der  Gegenstände 
dazu  beitragen  mag,  das  Interesse  des  Lesers  in  fortwäh- 
render Spannung  zu  erhalten:  so  scheint  es  doch  in  einer 
Andern  nöthig,  den  sonstigen  mannichfachen  Nachtheilen 
eines  solchen  Mangels  an  Ordnung,  namentlich  beim  Nach- 


31)  Nur  durch  die  Freiheit  wird  die  Wissenschaft  für  das  Leben 
fruchtbar.  St.-Min.  v.  Beust. 

„Einen  ähnlichen  Kampf  (wie  die  Homöopathie)"  —  sagt  der  Ver- 
fasser der  ,,Volks-Heillehre"  im  Vorworte  zum  dritten  Bande,  —  „hatten 
auch  andere  Wissenschaften,  z.  B.  die  Theologie,  zu  bestehen.  Welche 
von  beiden  Wissenschaften  hat  sich  zu  beklagen?  Gewiss  Keine.  Die  Zeit 
bringt  Ruhe  und  Ordnung  zurück;  die  Geister  kühlen  sich  ab,  und  —  die 
neue  Lehre  behält  entweder  die  Oberhand,  verdrängt  nach  den  Erwartun- 
gen und  dem  Wunsche  ihrer  Gründer  die  Alte,  oder  sie  geht  zu  Grunde 
mit  Hinterlassung  mancher  schätzbaren  Grundsätze  und  Erfahrungen,  oder, 
was  am  Wahrscheinlichsten  ist,  sie  versöhnt  sich  mit  der  Alten,  verschmilzt 
mit  derselben.     Die  Wissenschaft  hat  dadurch  nur  gewonnen." 

Mit  Recht  sagt  der  gelehrte  K.  Sprengel  (Geschichte  der  Arzneikunde 
I,  S.  272  d.  3.  Aufl.)  über  die  wissenschaftliche  Bildung  der  alten  Griechen, 
im  Vergleiche  zu  den  übrigen  Völkern  derselben  Zeitperiode:  —  „Ja,  man 
kann  sagen,  die  Griechen  seien  weiter  als  wir  gekommen,  weil  sie  freieren 
Sinnes  waren,  und  weil  ihren  Untersuchungen  keine  vorgefasste,  heilige 
Meinung,  kein  Verbot  des  Staats  ein  Ziel  setzte." 

Die  Geschichte  der  Medizin  wird  der  Nachwelt  das  kaum  glaubliche, 
aber  doch  thatsächliche  Curiosum  aufbewahren,  dass  noch  im  Jahre  1S51 
die  medizinischen  Fakultäten  der  Universitäten  St.  Andrew's  und  Edinburgh, 
so  wie  das  Royal  College  of  Physicians  den  Beschluss  gefasst  haben,  hin- 
fort keinem  Studenten  der  Medizin  die  Doktorwürde  zu  verleihen,  bevor 
er  nicht  durch  ein  feierliches  Versprechen  angelobt  hat ,  nie  in  seinem  Le- 
ben die  Homöopathie  auszuüben.  Und  doch  bestanden  damals  schon  im 
London  zwei  reich  ausgestattete  hom.  Spitäler,  und  unser  Gesandter,  der 
Ritter  Dr.  Bunsen,  an  der  Spitze  des  Einen,  neben  vielen  hochgestellten 
und  angesehenen  Theilnehmern. 


Vorwort.  XXIII 

schlagen,  abzuhelfen.  In  dieser  Beziehung  hat  sich  ohne 
Zweifel  der  Dr.  Leveille  (Hippocrate  interprete  par  lui- 
menie.  Paris  1818)  ein  Verdienst  erworben,  indem  er  sämmt- 
liche  Aphorismen  unter  besondere  (XXI)  Rubriken  ver- 
theilte,  und  am  Rande  das  Buch  und  die  Nummer  anführte. 
Indessen  musste  er  sich  selbst  trotzdem  überzeugen,  dass 
dadurch  die  Notwendigkeit  einer  ausführlichen  Inhalts- 
Anzeige  nicht  hinreichend  beseitigt  werden  konnte.  Uns 
schien  zu  diesem  Behuf e  nicht  nur  die  Letzte  genügend, 
sondern  auch  die  erste  Anordnung  um  so  weniger  ange- 
messen, als  in  den  Glossen  Manches  besprochen  wird,  was 
weniger  zum  Inhalte  des  betreffenden  Aphorisms  gehört, 
als  vielmehr  eben  dadurch  nur  gelegentlich  zur  Sprache 
gebracht  wurde. 32)  Wir  haben  uns  daher  lediglich  auf 
einen  solchen  alphabetischen  Anzeiger  beschränkt,  welcher 
sowohl  den  Inhalt  der  Glossen,  als  den  der  Aphorismen 
angiebt  und  hoffentlich  dem  Zwecke  genügend  entsprechen 
wird. 


Die  Bearbeitung  dieser  Schrift  selbst,  die  nur  zur 
nützlichen  Ausfüllung  der,  uns  eben  nicht  reichlich  zuge- 
messenen Mussestunden  diente,  hat  uns  zwar  manchen, 
sehr  angenehmen  Zeitvertreib  geboten.  Wir  befürchten 
aber,  dass  man  es  derselben  nur  allzu  sehr  ansehen  wird, 
wie  sie  allmählich  unter  zahlreichen  Unterbrechungen  ent- 
standen ist  und  daher  nothwendig  an  Gleichförmigkeit  in 
der  Behandlung  der  verschiedenen  Gegenstände  verlieren 
musste.  Der  geneigte  und  billige  Leser  wolle  Dies  in  Be- 
tracht der  angegebenen  Umstände  freundlichst  entschuldi- 
gen ;  dabei  aber  unserer  Versicherung  das  Vertrauen  schen- 
ken, dass  in   dem  ganzen  Buche   nicht   ein   einziges  Wort 


32)  Die  grosse  Mannigfaltigkeit  des  Inhalts  dieses  Buches  dürfte  daher 
nicht  nur  dem  Geschmack  und  dem  Interesse  der  verschiedenen  Leser  ent- 
sprechen ,  sondern  auch  den  Ausspruch  des  alten  Plinius  bestätigen,  den 
uns  Plinius  Caecilius  (III,  5)  in  den  Worten  aufbewahrt  hat:  dicere  enim 
solebat,  nulluni  esse  librum  tarn  malum,   ut  non   aliqua  parte  prodesset. 


Vorwort. 


steht,  was  nicht  mit  der  vollsten  und  innigsten  Ueberzeu- 
gung  von  der  Richtigkeit  und  Wahrheit  Desselben  nieder- 
geschrieben wurde. 33) 


33)  Wir  sagen  mit  Swift  (Mährchen  von  der  Tonne,  zehnte  Abtheilung): 
„dass  dieses  Werkchen  die  ganze  Masse  von  Stoff  urnfasst,  den  wir  schon 
Jahre  lang  bei  uns  aufgesammelt  haben.  Unsere  Gäste  betrachten  wir  als 
ein  guter  Wirth,  und  wollen  ihnen  deshalb  Alles  in  einem  Gastmahle  vor- 
setzen J  denn  wir  lieben  nicht  die  Aufbewahrung  der  Speisereste  in  der 
Speisekammer.  Was  die  Gäste  verschmähen,  mögen  die  Armen  erhalten. 
Hunde  unter  dem  Tische  sollen  die  Knochen  bekommen." 


Münster,  im  Januar  1863. 

C.  v.  Böiminghaiiseii, 


Sinnstörende  Druckfehler. 

Seite  58,  Aph.  23,  Linie  1,  statt  mageren,  lies:  Menge. 

—  64,  Anm.   97,  Linie  1,  statt  Spenden,  lies:   Spender. 

—  111,  Anm.  60,  vorletzte  Linie,  statt  Theorie,  lies:   Therapie. 

—  242,  Anm.   1,  Linie  3,  nach    Dauerhaftigkeit  einzuschalten:    der   An- 
steckungsfähigkeit. 

— .    257,  Linie  11   von  unten,  statt  ein,  lies:  kein. 

—  409,  Linie   12  von  oben,  statt  ist,  lies:  scheint. 


I.  Buch. 


1.  Das  Leben  ist  kurz,  die  Kunst  lang;  die  Gelegenheit 
flüchtig-,  der  Versuch  gefährlich;  die  Beurth eilung 
schwierig.  Es  genügt  nicht,  dass  wir  Aerzte  das  Er- 
forderliche leisten:  der  Kranke  selbst  und  seine  Uni- 
gebung,  eben  so  wie  die  äussern  Unistände  müssen, 
jeder  das  Seinige,  zur  Erreichung  des  Zweckes  bei- 
tragen. 

Mehr,  als  irgend  einer  der  nachfolgenden  Aphorismen,  lie- 
ert  der  Vorstehende,  der  gleichsam  zur  Einleitung  dient, 
reichhaltigen  Stoff  zu  ernsten  Betrachtungen. 

Es  würde  freilich  allzuweit  führen,  wenn  Alles  in  ausführ- 
licher Weise  besprochen  werden  sollte,  wozu  hier  Anlass  gebo- 
ten wird.  Aber  von  dem  Wichtigsten,  was  sich  bei  Durchlesung 
desselben  jedem  Unbefangenen  von  selbst  aufdringen  muss,  möge 
doch  einiges  Wenige  hier  eine  Stelle  finden. 

Der   Aphorism   zerfällt  zunächst  in  zwei  wesentlich   ver- 
schiedene T heile,  und  spricht  in  dem 

Ersten  von  der  Kunst  selbst,  und  in  dem 

Zweiten  von  der  Anwendung  derselben. 

Wir  wollen  demnach  die  einzelnen  Punkte  einer  kurzen 
Betrachtung  unterziehen. 


2  I.  Buch.      Aphorism    1. 

1.  Zuvörderst  heisst  es  mit  Recht:  dass  die  Kunst  eine 
lange  ist1)  gegenüber  der  Kürze  des  menschlichen  Le- 
bens.2)  —  Wenn  man  die  Lebensdauer  des  Menschen,  inso- 
fern sie  der  Erlernung  und  Ausübung  der  Kunst  gewidmet  wer- 
den kann,  im  Durchschnitte  zu  höchstens  vierzig  Jahren 
anschlagen  darf,  so  ist  diese  Ziffer  in  der  That  eine  sehr  kleine 
im  Vergleiche  zur  Dauer  der  Heilkunst,  die  bereits  ein  Alter 
von  mehr  als  zweitausend  Jahren  erreicht  hat.3)  Aber  die 
Arzneikunst  hat  dies  gemein  mit  allen  andern  Wissenschaften, 
welche  lediglich  auf  Erfahrung  beruhen  und  aus  dieser  hervor- 
gegangen sind.4)  Sie  ist  darin  wesentlich  verschieden  von  an- 
dern Doktrinen,  die  blos  in  der  Vernunft  oder  Spekula- 
tion ihren  Ursprung  haben.  Ein  philosophisches  System 
springt  gewöhnlich  fix  und  fertig,  wie  eine  junge  Minerva,  aus 
dem  Kopfe  ihres  Erfinders,  freilich  nur,  um  von  einem  spätem 
Weltweisen  bald  wieder  vernichtet  zu  werden.  Aber  eine  Natur- 


1)  Lucian,  der  in  seinem  Hermotimus  diesen  Spruch. des  Hippokrates 
anführt,  sagt  nicht,  dass  die  Kunst  seihst,  sondern  der  Weg,  dazu  zu  ge- 
langen, lang  ist;  —  ein  Ausspruch,  der  in  der  That  auch  heute  noch  voll- 
kommen wahr  ist. 

2)  Eite  et  ordine  feceris,  si  ah  ingenii  placitis  ad  Naturae  scita  te 
transtuleris,  tibi  non  modo  artem  brevem,  sed  et  vitam  longam 
porrectura.  Bacon.  Impet.  Philos.  II. 

3)  Die  wohlthätigsten  Erfindungen  bedürfen  oft  Jahrhunderte,  um  an- 
erkannt und  vervollständigt  zu  werden.         Humboldt,  Kosmos,  II,  199. 

Pour  naturaliser  la  pomme  de  terre  en  France,  n'a-t-il  pas  fallu  a 
Parmentier'  tout  l'ascendant  d'un  homme  superieur,  toute  l'adresse  d'un 
courtisan,  toute  la  patience  d'un  predestine? 

S.  Cmte.  Des  Guidi,  lettre  aux  med.  franc. 

„Als  Pythagoras"  —  sagte  der  witzige  Lichtenberg,  —  „den  nach  ihm 
benannten  Lehrsatz  erfand,  opferte  er  den  Göttern  eine  Hekatombe.  Seit- 
dem brüllen  alle  Ochsen,  wenn  sie  von  einer  neuen  Erfindung  hören." 

4)  Wie  sehr  unsere  Vorfahren  bemüht  gewesen  sind,  bei  den  ältesten 
Schriftstellern  täuschende  Spuren  von  weit  spätem  Erfindungen  aufzu- 
suchen, beweisst  unter  andern  der  Kompass,  den  einige  in  der  Versoria 
des  Plautus  (in  Merc.  scen.  5.  und  Trinum.  Act.  4.  scen.  3.)  haben  erken- 
nen wollen. 


Buch.     Aphorism  1.  3 

Wissenschaft,  wie  die  Arzneikunst,  bedarf  nicht  nur  der 
Erfahrungen  vieler  Einzelnen,  sondern  auch  einer  derartigen 
Aufbewahrung  der  verschiedenen  Ergebnisse  derselben,  dass 
sie  auch  der  spätesten  Nachwelt  brauchbar  bleiben. 

In  dieser  Beziehung  steht  sie  genau  in  derselben  Linie  mit 
allen  übrigen  Naturwissenschaften,  und  wenn  im  letzten  Jahr- 
hundert sowohl  die  Botanik,  als  die  Chemie,  die  Arzneikunst 
so  unendlich  weit  überflügelt  hat:  so  liegt  der  Grund  lediglich 
darin,  dass  man  sich  in  Jenen  gegenseitig  vollkommen  versteht, 
und  dass  die  Entdeckungen  jedes  Einzelnen  derartig  klar  und 
bestimmt  aufgezeichnet  sind,  dass  sie  für  immer  einen  zweifel- 
losen und  nützbaren  Bestand theil  des  überlieferten  wissenschaft- 
lichen Schatzes  ausmachen.5) 

Dass  diesem  nothwendigen  Erfordernisse  bei  der  Arznei- 
wissenschaft keineswegs  Genüge  gethan  ist,  werden  wir  im  Ver- 
laufe dieser  Schrift  leider!  oft  genug  Veranlassung  finden  nach- 
zuweisen.6) 

2.  Die  Gelegenheit,  Hülfe  zu  bringen,  ist,  namentlich  in 
schnell  verlaufenden  (akuten)  Krankheiten,  oft  überaus 
flüchtig.  —  Wenn  der  richtige  Zeitpunkt  versäumt  wird,  gleich- 
viel ob  durch  Nichtsthun,  oder  (noch  schlimmer)  durch  Ver- 
kehrt thun,  so  steigert  sich  oft  die  Gefahr  von  Minute  zu 
Minute,  bis  am  Ende  die  Rettung  unmöglich  geworden  ist.7) 


5)  Thom.  Sydenham  hat  schon  (Op.  I.)  das  Beispiel  der  Botaniker  den 
Aerzten  als  Muster  für  die  Behandlung  ihrer  Nosologie  aufgestellt,  indem 
jene  nach  gewissen  äusseren  Merkmalen  die  Pflanzen  zu  ordnen  pflegen. 
Aber  noch  wichtiger  ist  eine  ähnliche  Behandlung  der  Therapie,  wobei  es 
sich  nicht  blos  um  die  Kenntniss,  sondern  auch  um  die  Heilung  der  Krank- 
heiten handelt. 

6)  Voiei  maintenant  un  guide  bien  plus  sur  quelle  fil  de  cette  prin- 
cesse  (Ariadne);  avec  Tun  on  pouvait  retourner  sur  ses  pas,  avec  l'autre  on 
avancera  toujours.  F.  Perrussel,  Therap.  21. 

7)  Galenus  sagt  sehr  richtig  (Com,  II.  in  Eorrh.  16):  „So  lange  eine 
Krankheit  noch  im  Entstehen  und  noch  nicht  völlig  ausgebildet  ist,  lässt 
sie  sich  schnell  heben,  indem  man  ihre  Ursache  beseitigt;  ist  sie  aber  ein- 

1* 


4  I.  Buch.     Aphorism   1. 

Hier  handelt  es  sich  also  um  ebenso  schleunige,  als  rich- 
tige therapeutische  Einwirkung  auf  den  Erkrankten,  mithin  um 
augenblickliche  Entscheidung8)  über  das,  dem  Zustande 
entsprechende  Arzneimittel,  und  zwar  nicht  auf  Grund  diagno- 
stischer Vermuthungen,  sondern,  wo  immer  möglich,  auf  die 
genaueste  und  vollständigste  Kenn tniss  der  Anzeigen,  sowohl 
am  Kranken,  wie  an  den  Heilmitteln.  Da  nun  die  Sym- 
ptome der  Krankheit  bei  jedem  Falle  nur  durch  sorgfältige 
Auffassung  ihrer  individuellen  Charakteristik  und  Eigen- 
thümlichkeit  erforscht  und  aufgenommen  werden  können:  so 
muss  der  Arzt  schon  im  Voraus  mit  dem  individuellen  C  h  a  r  a  k- 
ter  und  der  Eigenthümlichkeit  seiner  Heilmittel  in  dem 
Maasse  bekannt  sein,  dass  er  unverzüglich  im  Stande  ist,  das 
Angemessenste  zu  wählen  und  darzureichen.  Bei  solchen  Gele- 
genheiten, die  vorzugsweise  das  Prädicat  flüchtig  verdienen, 
ist  ohne  Zweifel  das  Wichtigste  und  Nothwendigste :  eine  voll- 
ständige Kenn  tniss  der  individuellen  Arznei-Kräfte,  ver- 
bunden mit  der,  eben  nur  hiedurch  und  durch  längere  Uebung 
erlangten  Fähigkeit  der  Erforschung  der  jedesmal  maass ge- 
benden Zeichen.  Wenn  in  solchen  Fällen  der  behandelnde 
Arzt  noch  lange  studiren  und  nachschlagen  soll,  dann  kommt 
oft  die  beste  Hülfe  zu  spät,  und  es  werden  Wochen  und  Monate 
erfordert,  wo  hingegen  der  erfahrene  Arzt  in  Stunden  und  Tagen 
seinen  Zweck  erreicht.9) 


mal  vollendet,  so    wird    man    vergeblich   die   Ursache  wegnehmen  und  da- 
mit für  die  Heilung  derselben  nichts  mehr  ausrichten." 

Si  la  doctrine  de  Hahnemann  se  montre  si  puissante  lors  m§me 
que  la  sante  des  malades  a  ete  profondement  altere,  que  ne  doit  on  point 
esperer  de  cette  medecine,  'lorsque  Ie  jour  sera  venu  ou  les  hommes  im- 
ploreront  son  aide  des  le  debut  de  leurs  maladies. 

Dr.  L.  Malaise,  clin.  hom.  p.   119. 

8)  Si  in  prineipio,  ubi  irnbecillus  maxime  morbus,  medicus  liaud  in- 
stat,  ubi  progressu  temporis  ille  invaluerit,  vana  est  curatio. 

Aretaeus  de  cur.  diut.  I.   12. 

9)  Curae    priores    esse   debent  in    signis    morbos    fintfvertentibus.  — 


I.  Buch.    Aphorism  1.  g 

Noch  schlimmer  steht  es  mit  dem  Verkehrtthun!  —  Es 
ist  leicht  begreiflich,  dass  jedes  Arzneimittel,  welches  dem 
Krankheitszustande  nicht  entspricht  und  diesen  daher  unbe- 
rührt lässt,  eben  vermöge  seiner  Wirkungsfähigkeit  auf  das 
Befinden  des  Menschen  der  ursprünglichen  Krankheit  noch  eine 
oder  andere  Störung  hinzufüge,  mithin  den  Kranken  noch 
kränker  machen  muss. 

Man  erkennt  dies  am  deutlichsten  bei  solchen  Patienten, 
die  lange  in  den  Händen  ungeschickter  Aerzte  gewesen,  und 
mit  vielen  und  vielerlei  unpassenden  Arzneien  behandelt  wor- 
den sind.10)  Da  ist  häufig  von  der  anfänglichen  Krankheit 
kaum  noch  eine  Spur  mehr  zu  entdecken,  aber  das  allmählich 
enstandene  Siechthum  weit  schlimmer  geworden  und  gestaltet 
sich  nicht  selten  zu  einem  Zwitterdinge  von  natürlicher 
und  künstlicher  (Arznei-)  Krankheit,  wofür  auch  die  zu- 
sammengesetzten gelehrten  pathologischen  Namen  nicht 
mehr  ausreichen.11)  Dies  sind  die  Fälle,  die  am  häufigsten  dem 
Arzte  die  grössten  Verlegenheiten  verursachen.  Er  muss  mei- 
stens zunächst  mit  antidotarischen  Mitteln  den  Rückweg 
einschlagen,  findet  aber  überall  Hindernisse  zu  beseitigen,  welche 
die  Besserung  verzögern  und,  ohne  seine  Schuld,  die  Geduld 
des  unglücklichen  Patienten  auf  die  härtesten  Proben  stellen. 
Das  Alles  würde    aber    vermieden    sein,    wenn    der   erste  Arzt 


Non  enim  omnes  evadunt  juxta  Hesiodum  morbi  tacentes,  quia  vocem  abs- 
tulit  sapiens  Jupiter,  sed  plurimi  veluti  nuntios,  et  praecursores,  et  prae- 
eones  habent,  indigestiones  et  languores  in  motu. 

Plutarch.  prae.  san. 

10)  Der  grösste  Theil  der  Arzneien  wird  richtiger  adressirt  als  be- 
stellt. Auf  den  Strassen,  die  sie  zu  passiren  haben,  sind  die  Posten,  die 
ersten  Stationen  etwa  abgerechnet,  noch  gar  nicht  so  regulirt,  wie  man 
wünscht.  Lichtenberg's  Hogarth,  PI.  IL 

11)  „In  vielen  Fällen",  —  sagt  Kieser  in  seinem  System  der  Medi- 
zin —  „wird  daher  der  alte  Spruch  wahr,  dass  das  Arzneimittel  oft  schäd- 
licher als  das  Uebel,  und  der  Arzt  schlimmer  als  die  Krankheit  ist." 


(3  I.  Buch.     Aphorism   1. 

gleich  von  vornherein  die  richtige,  und  nicht  die  verkehrte 
Arznei  angewendet  hätte.12) 

3.  Der  Versuch  ist  gefährlich!  —  Ein  inhaltsschweres, 
von  jedem  wohldenkenden  Arzte  wohl  zu  beherzigendes  Wort, 
besonders  da,  wo  es  sich  um  das  edelste  der  irdischen  Güter, 
um  die  Gesundheit  handelt. 

Es  versteht  sich  von  selbst,  dass  hier  nur  von  Versuchen 
am  Kranken  die  Rede  sein  kann,  und  zwar  in  zweierlei 
Weise.  Einmal  nämlich  da,  wo  das  Wesen  und  die  Natur 
einer  Krankheit  von  solcher  Beschaffenheit  ist,  dass  sie  nicht 
mit  Sicherheit  zu  erkennen,  sondern  nur  zu  vermuthen  ist. 
Andermal  aber,  wo  man  Mittel  in  Anwendung  zieht,  deren 
Kräfte  man  nicht  vollständig  kennt,  und  worüber  die  bis- 
herigen Erfahrungen  sich  noch  nicht  genügend  ausgesprochen 
haben.  In  beiden  Fällen  bleibt  sich  die  Gefährlichkeit  des  Ver- 
suchs ziemlich  gleich.  Die  seither  gewonnenen  Kenntnisse  von 
den  Kräften  der  Arzneien  haben  ohne  Zweifel  bei  ihren 
versuchten  Anwendungen  zahlreiche  Opfer  gekostet,  und 
manche  neu  eingeführte  Mittel  werden,  wenn  es  so  fortgeht, 
deren  noch  viele  kosten.  Ebenso  sind  auch  durch  Verkennung 
der  Krankheit  zahlreiche  Menschenleben  zu  Grunde  gegangen, 
wie  in  den  Annalen  der  Medicin  solches  zur  Warnung  aufbe- 
wahrt ist. 13) 


12)  Viele  unserer  heutigen  Therapeuten  scheinen  sich  zu  der  Secte 
des  Pyrrho  hinzuneigen,  welche  Alles  bezweifelte,  seihst  ihr  eigenes 
Dasein. 

13)  Die  Verschiedenheiten  unter  den  lebenden  Geschöpfen  sprechen 
sich  unter  andern  auch  in  dem  Einflüsse  der  Arzneien  und  Gifte  auf  einzelne 
Arten  derselben  aus.  Das  Pferd  verträgt  eine  überaus  grosse  Dosis  Arsenik, 
aber  vom  Phosphor  kaum  so  viel  als  ein  neugebornes  Kind.  Das  spre- 
chende und  betende  Thier,  woran  Blumenbach  nur  das  mentum  promi- 
nulum  als  durchgreifendes  Unterscheidungsmerkmal  von  allen  andern  Thieren 
fand,  hat  ausserdem  viele  andere  wichtige  Eigenthümlichkeiten,  welche  es 
vom  Hunde  unterscheiden,  womit  man  jetzt  Prüfungen  von  Arzneien  an- 
stellt, nachdem  man  aufgehört   hat,  daran,   wie   zu   Hallers  Zeiten  (in  Tu- 


I.  Buch.    Aphorism  1.  7 

Wie  unendlich  verschieden  verhält  sich  dies  in  beiden 
Fällen  bei  der  Homöopathie! 

Wenn  uns  auch  im  ersten  Falle  die  Natur  und  das 
Wesen  der  vorliegenden  Krankheit  nicht  ganz  klar  ist:  so 
haben  wir  jederzeit  für  die  Wahl  des  Mittels  die  Gesammt- 
heit  der  charakteristischen  Symptome,  die  wenigstens 
hinreichend  sind,  um  einen  groben  Fehlgriff  zu  vermeiden. 
Und  sollte  einmal  in  der  That  ein  solcher  gemacht  sein,  so  ist, 


hingen)  die  Anatomie  zu  lehren,  wie  früher  an  Schweinen,  denen  kleine 
Gaben  Pfeffer  tödtlich  sind.  Hunde,  Katzen  und  Kaninchen  sind 
heutigen  Tages  die  Sündenböcke  der  Aerzte,  während  die  Homöopathen 
ihre  Arznei-Prüfungen  an  sich  selbst  anstellen,  aber  deshalb  auch  un- 
endlich zuverlässigere  Resultate  erzielen. 

In  sehr  verschiedener  Weise  wirken  Arzneien  und  Gifte  auf  die 
verschiedenen  thierischen  Organismen,  und  dies  darf  nicht  ausser  Acht  ge- 
lassen werden,  wenn  man  durch  Versuche  an  Thieren  die  Kräfte  derselben 
ermitteln  will.  Es  wird  genügen,  davon  beispielsweise  einiges  hier  anzu- 
führen:—  Aloe  ist  für  Hunde  und  Füchse  ein  starkes  und  schnell  tödten- 
des  Gift.  Kockelkörner  (Menispermum  Cocculus)  tödtet  Fische  und  Läuse. 
Wasserschierling  (Cicuta  virosa)  tödtet  die  Pferde,  (nicht  die  Kühe?) 
Gemswurz  (Doronicum  Pardalianches)  ist  für  Gemsen,  Ziegen,  Lerchen 
(und  Schwalben?)  unschädlich,  tödtet  aber  Hunde,  Füchse  und  Wölfe. 
Pfeffer  ist  für  Schweine  ein  starkes  Gift.  Der  Samen  von  Petersilie 
tödtet  die  meisten  Vögel.  Den  Samen  des  Fleckenschierlings  (Conium 
macnlatum)  fressen  Stahre  olane  Nachtheil;  wogegen  die  Schweine  vom 
Kraute  wüthend  und  die  Pferde  schwindlich  und  betäubt  werden.  Den 
Samen  des  Stechapfels  (Datura  Stramonium)  fressen  die  Fasanen,  und 
den  des  Taumellolchs  (Lolium  temulentum)  die  Wachteln,  unbeschadet. 
Bilsenkraut  (Hyosciamus  niger)  ist  unschädlich  für  Kühe,  Schafe,  Schweine, 
Pferde  und  Hunde,  nicht  aber  für  Gänse,  Mäuse  und  Fliegen.  Tollkraut 
(Atropa  Belladonna)  wird  von  Schafen  ohne  Nachtheil  gefressen.  Der  wilde 
Körbel  (Chaerophyllum  silvestre)  tödtet  die  Kühe,  während  er  den  Eseln 
nicht  schadet.  Die  weisse  Niesswurz  (Veratrum  album)  bekommt  den 
Wachteln,  Ziegen,  Mauleseln  gut.  Der  Sturmhut  (Aconitum  Napellus) 
tödtet  Kühe,  Schafe  und  Ziegen,  dagegen  die  Pferde  und  Hunde  nicht.  Die 
Antimonialien  schaden  den  Pferden  und  Hunden  fast  gar  nicht,  selbst 
in  grösseren  Gaben.  Vom  Arsenik  verträgt  das  Pferd  eine  grössere  Quan- 
tität als  jedes  andere  Thier,  erliegt  aber  kleinen  Gaben  Phosphor.  Das 
Schwein  verträgt  ohne  Nachtheil  eine  beträchtliche  Menge  Krähenaugen 
(Nux  vomica),  wovon  der  zehnte  Theil  den  stärksten  Menschen  tödten 
würde. 


g  I.  Buch.     Aphorism  1. 

abgesehen  von  der  etwa  verlorenen  Zeit,  der  Nachtheil  uner- 
heblich, weil  die  Arzneigabe  so  klein  ist,  dass  sie  nur  unter 
der  Bedingung  der  homöopathischen  Aehnlichkeit  Wir- 
kung thut,  ohne  diese  aber  gänzlich  indifferent  bleibt  und 
in  dem  Befinden  nichts  Erhebliches  ändert.  Von  positivem  Nach- 
theil kann  daher  hier  niemals  die  Rede  sein.14) 

Im  zweiten  Falle,  wo  die  Kräfte  einer  arzneilichen 
Substanz  noch  unbekannt  sind,  stellt  sich  die  Sache  für 
uns  noch  günstiger,  indem  wir  solche  niemals  und  unter 
keiner  Bedingung  aufs  Gerathewohl  anwenden  und  an- 
wenden können. 

Es  steht  nämlich  in  der  Homöopathie  als  unabänderliche 
Regel  fest,  dass  jedes  Arzneimittel,  bevor  wir  uns  dessen  zur 
Heilung  von  Krankheiten  bedienen,  zuvor  an  gesunden  Per- 
sonen, niemals  an  Kranken,  versucht  sein  muss,  um  die 
demselben  eigenthümlichen,  durch  keinerlei  etwaige  Krankheit 
modificirten  Kräfte  genau  in  allen  ihren  Nuancen  kennen  zu 
lernen.  Diese,  zwar  oft  den  Prüfenden  nicht  wenig  belästigen- 
den, aber  sonst  ungefährlichen  Versuche,  die  jedem  wahren 
Homöopathen  zur  ernsten  Pflicht  gemacht  sind,  sowie  die  dadurch 
gewonnenen  Resultate  setzen  uns  in  den  Stand,  auf  den  Grund 


14)  „Man  traut  seinen  Augen  kaum"  —  sagt  Krüger-Hansen  in  seiner 
Schrift:  Normen  für  die  Behandlung  des  Kroup,  —  „wenn  man  liest,  dass 
Marcus  bei  Kindern  mit  den  Gaben  des  Calomels  bis  auf  400  Gran  stei- 
gen, und  nebenbei  noch  mehrere  Loth  Quecksilbersalbe  einreiben  las- 
sen will." 

Es  wird  noch  lange  währen,  bis  die  neuesten  Entdeckungen,  sogar  auf 
dem  Gebiete  der  Chemie  selbst,  im  Stande  sein  werden,  den  dominirenden 
Abderitismus  von  seiner  Ideen-Association  mit  massigen  Stoffen  abzu- 
bringen. Dr.   v.  Grauvogl,  d.  hom.   Aehnlichk.-Gesetz,  §.  81. 

Ueber  die  Giftigkeit  des  Merkurial-Speichelflusses  lesen  wir  eine  merk- 
würdige Thatsache  in  dem  „General-Sanitäts-Berichte  von  Schlesien  für  das 
Jahr  1831  und  1832,  S.  138."  Ein  Hund  nämlich  leckte  den,  durch  30 
Gran  Calomel  in  48  Stunden  hervorgerufenen,  mehrere  Unzen  betragenden 
Speichel  seines  Herrn  auf,  erkrankte  gleich  darauf  und  krepirte  nach 
24  Stunden, 


I.  Buch.     Aphorism   1.  9 

des,  als  Naturgesetz  erkannten  und  bewährten  Fundame n- 
tal-Princips  der  Homöopathie  (Similia  Similibus)  das  Heilmit- 
tel anzuwenden.  Wo  mithin  diese  also  erlangte  Bekannt- 
schaft mit  der  in di vi d  uellen  Wirksamkeit  einer  Arznei-Sub- 
stanz noch  nicht  erworben  ist,  kann  und  darf  kein  Homöopath 
dieselbe  anwenden,  und  jeder  dem  entgegen  stehende  Versuch 
am  Kranken  selbst,  ist  von  der  Wissenschaft  auf  das  Strengste 
v  erpönt. 15) 

Die  Gefährlichkeit  des  Versuchs,  in  dem  beidersei- 
tigen Sinne,  wie  er  hier  nur  genommen  werden  kann,  kommt 
mithin  bei  uns  vollkommen  zum  Ausfall. 

4.  Die  Beurtheilung  schwierig.  — Zu  dieser  Schwierig- 
keit der  Beurtheilung,  in  solcher  Allgemeinheit  ausgesprochen, 
gehören  ebenfalls  zwei,  wesentlich  unter  sich  verschiedene 
Momente,  nämlich:  die  therapeutische  Wahl  der  Mittel 
und  die  Prognose. 

Was  zuvörderst  die  Wahl  der  Mittel  betrifft,  so  bietet 
solche  dem  Allopathen  auf  der  einen  Seite  allerdings  einige 
Schwierigkeiten,  insofern  es    sich  um  zweifellose  Sicher- 


15)  Galien  ne  se  permettait  de  prescrire  des  remedes  nouveaux  ou 
inconnus,  qu'apres  en  avoir  fait  l'essai  sur  lui  Hieme.  (Marquis  Biogr 
med.,  IV.  320.)  —  Dies  wären  also  die  ältesten  Versuche  mit  Arzneien 
am  Gesunden,  wenn  man  nur  wüsste,  wo  M.  diese  Notiz  geschöpft  hat,  und 
ob  sie  überhaupt  wahr  ist. 

In  dem  „amtlichen  Berichte  der  33.  Versammlung  der  deutschen 
Naturforscher  und  Aerzte  zu  Bonn,  im  September  1857"  lesen  wir  Seite 
228:  —  „Prof.  Strempel  erhob  sich  hierauf  und  sprach  über  die  Verzweif- 
lung der  jüngeren  Aerzte  in  therapeutischen  Heilungen,  zu 
denen  auch  nicht  die  geringste  Berechtigung  vorliege.  Heilungen  geschehen 
durch  die  Natur  oft  genug,  aber  nicht  minder  stände  die  Heilung  durch 
Arznei,  selbst  in  grossen  Gaben  fest.  Die  jüngere  ärztliche  Generation 
möge  der  Erfahrung  vertrauen,  und  nicht  den  Prüfungen  der  Arz- 
neien an  Gesunden,  welche  nie  zur  Heilung  durch  Arzneien  irgend 
etwas  beitragen  könnten.  Die  ganze  Versammlung  erhob  sich,  diesen 
Aussprüchen  Beifall  spendend."  —  Soll  das  eine  excusatio  non  petita,  oder 
eine  provocatio,  oder  gar  beides  zugleich   sein? 


10  !•   Buch.     Aphorism   1. 

heit  der  Richtigkeit  derselben  handelt,  dagegen  auf  der  Anderen 
eine  Bequemlichkeit  und  Leichtigkeit,  welche  dem  Ho- 
möopathen keineswegs  zu  Theile  fällt.  Wenn  nämlich,  wie  es 
in  der  That  der  Fall  ist,  dem  Allopathen  in  der  Regel  für  jede 
allgemeine  Indication  eine  ansehnliche  Reih  e  von  Heil- 
mitteln zu  Gebote  steht,16)  unter  denen  er  n a ch  Re lieben  das 
Eine  oder  das  Andere  auswählen,  und  daneben  noch  Dies  oder 
Jenes  hinzufügen  darf,  um  einigen  besonderen  Nebenanzeigen 
zu  genügen,  oder  das  Hauptmittel  zu  modificiren :  so  muss  der 
Homöopath  so  lange  nachforschen  und  vergleichen,  bis 
er  unter  den  verschiedenen,  nach  ihren  Wirkungen  ihm  genau, 
bis  ins  feinste  Detail  hinein  bekannten  Arzneien  die  Einzige 
gefunden  hat,  welche  nicht  nur  dem  Hauptübel,  sondern  auch 
sämmtlichen  Nebenbeschwerden  am  vollständigsten  ent- 
spricht. Es  begreift  sich  daher  leicht,  dass  die  Schwierigkeit 
der  Reurtheilung  auf  der  Seite  der  Homöopathie  in  dieser 
Reziehung  weit  grösser  ist,  als  auf  der  der  Allopathie,  welche 
nicht  in  so  engen  Grenzen  sich  zu  bewegen  braucht,  wie  Jene, 
und  diese  daher  für  Gutbefinden  und  Willkühr  einen  weit 
freieren  Spielraum  zur  Verfügung  hat.  Wenn  man  nun  noch 
dabei  erwägt,  dass  in  sehr  vielen  Fällen,  namentlich  bei  chro- 
nischen  Krankheiten,  bei  der  Homöopathie  den  Arzneien 
eine  längere  Wirkungsdauer  vergönnt  werden  muss,  mithin 
ein  schnelles  Wechseln  derselben,  wie  die  Allopathie  solches 
gestattet,  dabei  durchaus  nicht  zulässig  ist:  so  ergiebt  sich  aller- 
dings für  Jene  dadurch    noch    eine  weitere  Vermehrung  der 


16)  Nam  medicamenta  illa,  quae  in  officinis  praestant,  venalia,  potius 
impromptu  sunt  ad  intentiones  generales,  quam  accomodota  et  propria  ad 
curationes  particulares ;  siquidem  speciatim  nulluni  raorbum  magnopere  re- 
spiciunt,  verum  generatim  ad  obstructiones  aperiendas,  concoctiones  confor- 
tandas,  intemperies  alterandas  pertineut.  Atque  hinc  praecipue  fit,  ut  env 
pirici  et  vetulae  saepenumero  in  curandis  morbis  felicius  operentur,  quam 
medici  eruditi,  quia  medicinarum  probatarum  confectionem  et  compositionem 
fideliter  et  scrupulose  retinent.  Baco  de  Verul.   de  augm.  scient. 


I.  Buch.    Aphorism  1.  11 

Schwierigkeiten  in    der  Wahl    der  Mittel,    welche  Diese    nicht 
kennt. 17) 

In  Bezug  auf  die  Prognose  tritt  aher  das  umgekehrte 
Verhältniss  ein.  —  Was  im  Allgemeinen  über  die  grössere  oder 
geringere  Gefährlichkeit  einer  Krankheit,  so  wie  über  gün- 
stige oder  ungünstige  Zeichen18)  im  Verlaufe  derselben  durch 
die  Erfahrung  bekannt  geworden  ist,  das  Alles  ist  Gemein- 
gut für  beide  Schulen,  und  die  eine  benutzt  dies  nicht  minder 
als  die  andere.  Wo  es  sich  aber  um  die  Beurtheilung  der 
speciellen  Veränderungen  und  Modifikationen  in  den  Zeichen 
und  Symptomen  handelt,  wie  sich  solche  im  Fortgange  und  in 
den  auf  einander  folgenden  Stadien  der  Krankheit,  in  verschie- 
dener Weise  dem  Arzte  darzustellen  pflegen:  da  steht  ohne 
Zweifel  der  Homöopath  auf  einem  weit  günstigeren  und  ge- 
sicherteren Standpunkte,  als  der  Allopath.19) 


17)  Medicamenta  autem,  tum  eorurn  simplices  facultates,  tum  si  quae 
descriptae  sunt,  probe  tibi  memoria  teneantur.     In  animi  etiam  ratione  re- 

ponantur,  quae  ad  morborum  curatioriem  pertinent,  eorumque  modi,  quot 
et  quomodo  in  singulis  se  habeant.  Hoc  enim  in  re  medica  principium, 
medium  et  finem  obtinet.  Hipp.  Coi  praeceptiones.  24. 

„Mit  ihrer  Verwissenschaftlichung"  • —  sagt  Oesterlen  in  der  Prager 
Vierteljahrsschrift,  1860,  II.  Bd.  —  „hat  die  Medizin  nahezu  aufgehört,  an 
die  Machtvollkommenheit:  aus  Kranken  Gesunde  zu  machen,  zu  glauben, 
weil  sie  an  keine  Wunder  mehr  glauben  kann."  —  Darauf  bemerkt  v.  Gran- 
vogl,  am  a.  0.  §.  98:  „Ich  hätte  es  kaum  gewagt,  in  so  scharfen  Zügen 
die  Haltlosigkeit  und  therapeutische  Unfähigkeit  der  Allopathie  oder  phy- 
siologischen Medizin  zu  zeichnen,  wie  sie  es  hier  selbst  gethan." 

„Es  ist  fast  allemal"  —  sagt  Sprengel  in  seiner  Geschichte  d.  Med.  I, 
S.  492  —  „das  Loos  der  Erfindungen  des  menschlichen  Geistes,  dass  sie 
gleich  nach  ihrem  Entstehen,  als  Gegenstände  der  Mode,  zur  Grundlage 
mannichfaliiger  Theorien  und  Speculationen  dienen  müssen,  die  man  in 
der  Folge  wieder  verlacht,  wenn  die  gemachten  Erfahrungen  berichtigt 
werden." 

18)  Omne  symptoma  signum  est,  non  tarnen  omne  signum  symptoma» 

Fernel,  de  sympt.  differ.  L.  II. 

19)  Wenn  man  Alles  gehörig  erwägt,  so  findet  man  zwischen  der 
Allopathie  und  der  Homöopathie  nur  einen  einzigen,  aber  freilich  sehr  be- 
deutenden Unterschied,  nämlich    den    ihrer    beiderseitigen   Materia    medica. 


12  I-  Blich.    Aphorism   1. 

Vermöge  seiner  umfassenden  und  genauen  Bekanntschaft 
mit  den  individuellen  Kräften  jeder  Arznei,  worunter  viele 
nur  einigen  Wenigen,  und  dann  auch  nur  unter  besonderen  Verhält- 
nissen zukommen,  ist  nämlich  nur  der  Homöopath  im  Stande, 
mit  der  grössten  Sicherheit  zu  heurtheilen,  was  ihrer  Wirkung 
zuzuschreiben  ist,  und  was  nicht.  Seiner  Beobachtung  kann 
es  also  nicht  entgehen,  wenn  der  Kranke  während  der  Periode, 
wo  er  unter  dem  Einflüsse  eines  gegebenen  Heilmittels  steht, 
Symptome  zu  erkennen  giebt,  welche  entweder  innerhalb  oder 
ausserhalb  des  Wirkungskreises  desselben  liegen.  Er  ver- 
mag mithin  sofort  zu  erkennen,  wenn  fremdartige  Zeichen 
zu  den  früheren  hinzutreten  (was  ein  böses  Zeichen  ist),  oder 
wenn  blos  die  früheren  Zeichen  nur  eine  etwaige  Erhöhung 
erleiden  (was  ihm  zu  einer  günstigen  Prognose  dient);  und  wenn 
nun  gar  die  bedenklichsten  Symptome  allmählich  abnehmen 
und,  wie  gewöhnlich  zuerst  wahrzunehmen,  der  Gemüths- 
zustand  sich  bessert,  wobei  dann  gleichzeitig  noch  andere 
Zeichen  sich  einstellen,  welche  ihm  von  der  regelmässigen 
Wirkung  der  Arznei  unzweideutige  Beweise  abgeben:  so  kann 
er  getrost  einen  günstigen  Ausgang  in  Aussicht  stellen.  Wenn 
hingegen  die  alten  Beschwerden  unverändert  Bestand  halten, 
und  nun  gar  neue  Symptome  hinzutreten,  die  der  Patient  früher 


So  wie  Jene  heutiges  Tages  diese  wichtige  Doctrin  immer  mehr  zu  ver- 
wirren scheint,  und  überall,  wo  es  sich  um  positive  Wirkungen  der  Heil- 
stoffe handelt,  Fragezeichen  auf  Fragezeichen  und  Zweifel  auf  Zweifel 
häuft:  so  stellt  Diese  sie  als  das  Wichtigste  und  Unentbehrlichste  an  die 
Spitze  der  Wissenschaft.  Alle  übrigen  Zweige  der  Medizin  gehören  gleich- 
massig  beiden  Parteien  an,  und  die  dabei  vorkommenden  Unterschiede 
sind  unerheblich  und  leicht  zu  vermitteln.  Wenn  daher  von  einem  homöo- 
pathischen Lehrstuhle  auf  Universitäten  die  Rede  ist,  so  würde  sich  die- 
ser Wunsch  auf  einen  solchen  für  die  homöopathische  Arzneimittel-Lehre 
beschränken  dürfen,  welcher  dann  eben  so  für  den  angehenden  Allopathen, 
als  für  den  Homöopathen  von  dem  unbestreitbarsten  Nutzen  sein,  und  viel- 
leicht am  Meisten  dazu  beitragen  würde,  Frieden  und  Versöhnung  zwischen 
den  beiden,  zum  Nachtheil  der  Wissenschaft  selbst  sich  fort  und  fort  be- 
kämpfenden  Gegnern  herbeizuführen. 


I.  Buch.     Aphorism   1.  13 

nicht  beobachtet,  mithin  die  Arznei  nicht  die  erwartete  und 
beabsichtigte  Richtung  in  ihrer  Wirksamkeit  eingeschlagen  hat: 
so  steht  die  Sache  übel,  und  der  Arzt  hat  alle  Ursache,  die 
Angehörigen  auf  die  drohende  Gefahr  aufmerksam  zumachen, 
wenn  solche  auch  für  den  Augenblick  noch  entfernt  zu  sein 
scheint  und  der  Uneingeweihte  sie  noch  nicht  im  Entferntesten 
vermuthen  kann.  20) 

Das  Vorstehende  wird  um  so  mehr  hinreichen,  nicht  nur 
der  Pflicht  des  Glossators  Genüge  gethan  zu  haben,  sondern 
auch  den  Standpunkt  desselben  deutlich  genug  zu  bezeichnen, 
als  in  der  Folge  noch  mehrere  andere  Aphorismen  ihm  Ver- 
anlassung geben  werden,  seine,  auf  vieljähriger  Erfahrung  be- 
ruhende Ansicht  und  Ueberzeugung  über  diese  und  verwandte 
Gegenstände  freimüthig  auszusprechen.21) 


Der  zweite  Theil  des  in  Rede  stehenden  Aphorisms, 
welcher  von  der  Ausübung  der  Heilkunst  spricht,  sagt  in 
wenigen,  aber  bedeutungsvollen  Worten,  dass  nicht  allein  der 
Kranke  und  seine  Umgebung  den  Vorschriften  des  Arztes  in 
allen  Dingen  auf's  Strengste  Folge  leisten  muss,  sondern  dass 
auch  in  den  äusseren  Umständen  Alles  zu  beseitigen  und  zu 
vermeiden  ist,  was  den  bezweckten  Erfolg  zu  beeinträchtigen  im 
Stande  sein  könnte. 

Das  Erste  bezieht  sich  demnach  mehr  auf  den  Gebrauch 
der  verordneten  Heilmittel,    das    Zweite    auf   die  Diät  im 


20)  In  Bezug  auf  die  Prognostik  lese  man  in  der  Hygea  (II.  368) 
den  Verlauf  der  Krankheit  des  Baron  Koller  in  Neapel,  wo  dessen  (homöo- 
pathischer) Leibarzt,  Dr.  Necher,  gegen  das  einstimmige  Gutachten 
der  acht  besten  (allopathischen)  Aerzte  dieser  Stadt  aus  den  Wirkungen 
der  Mittel  einen  unglücklichen   Ausgang   zu  prognostiziren  im  Stande  war. 

21)  Was  nützt  eine  spezifische  Erkenntniss  der  Krankheiten,  wenn 
wir  nicht  auch  eine  spezifische  Erkenntniss  der  Arzneikräfte  haben?  Die- 
ser Mangel  an  spezifischer  Arzneikunst  ist  gerade  die  Ursache,  woran 
die  Allopathie  so  schwach  in  der  Kunst  (zu  heilen)  und  doch  so  gross  in 
der  Wissenschaft  ist.  Prof.  Werber   in  Hygea.  I.  S.   150. 


]4  !•   Buch.     Aphorism  1. 

weitesten  Sinne  des  Worts,  und  da  in  der  Folge  von  beiden 
Gegenständen  noch  mehrmals  Erwähnung  zu  machen  ist:  so 
werden  hier  ein  Paar  allgemeine  Bemerkungen  genügen. 

In  demselben  Maasse,  wie  Niemand  befugt  ist,  an  der  Ver- 
ordnung des  Arztes,  dem  die  Behandlung  eines  Kranken  anver- 
traut ist,  und  der  dafür  die  Verantwortlichkeit  übernommen  hat, 
eigenmächtig  irgend  etwas  zu  ändern  oder  zu  modifiziren  22), 
so  muss  auch  die  Gewissheit  vorliegen,  dass  die  verordnete 
Arznei  nach  Quantität  und  Qualität  die  Richtige  ist,  und 
dass  der  Gebrauch  derselben  pünktlich  in  der,  von  Jenem 
vorgeschriebenen  Weise  geschieht.  Jede  Abweichung  davon  ent- 
lastet natürlich  den  Arzt  von  seiner  Verantwortlichkeit  und  bür- 
det sie  demjenigen  auf,  der  dazu  Veranlassung  gegeben  oder 
solche  selbst  ausgeführt  hat.  Da  nun  in  der  neueren  und 
neuesten  Zeit  von  der  Allopathie  fast  niemals  mehr  ein  ein- 
faches Arzneimittel  angewendet  wird,  und  eine  ansehnliche 
Menge  von  sonstigen  technischen  Kenntnissen,  so  wie  ein 
bedeutender  Aufwand  von  Zeit  und  Gerät h Schäften  dazu 
erforderlich  ist,  um  die  gebräuchlichen  Präparate  und  Mi- 
schungen anzufertigen:  so  war  es  einerseits  nothwendig, 
dass  diese  Last  den  Aerzten  abgenommen  und  den  besonders 
dazu  angestellten  Apothekern  übertragen  wurde,  und  ander- 
seits mit  Dank  anzuerkennen,  dass  diese  dazu  ihre  Befähigung 
nachweisen  müssen,  zur  genauen  und  treuen  Erfüllung  ihrer  ern- 
sten Obliegenheiten  in  Eid  und  Pflicht  genommen  werden, 
und  überdem  einer  steten  Controle  unterworfen  bleiben.23) 


22)  Si  le  medecin  est  le  ministre  de  la  nature,  il  est  le  roi  des  ma- 
lades. Bruno,  lex.  Cast.  a.  v.  Imperium. 

23)  Das  waren  noch  die  Zeiten  des,  in  der  Heilkunde  einst  allgemein 
herrschenden,  groben  und  rohen  Verfahrens,  wo  die  Apotheken  entstehen 
konnten,  und  sollte  man  sich  nicht  glücklich  schätzen,  dass  endlich  ein  sorg- 
fältiges Verfahren  in  der  Heilkunde  begonnen  hat  und  sich  ausbreiten  will? 
Es  bedarf  daher  auch  keines  Nachweises  weiter  aus  der  Geschichte  der 
Völker,    der  Heilkunde    und  der  Apotheker,     um    die    Notwendigkeit    des 


I.  Buch.     Aphorism  1.  15 

Bei  der  Homöopathie  gestalten  sich  die  sämmtlichen, 
eben  erwähnten  Umstände  und  Rücksichten  ganz  anders.  Die 
Arznei  ist  durchaus  einfach  und  niemals  zusammengesetzt,24) 
die  Anfertigung  leicht  und  ohne  erheblichen  Aufwand  von 
technischen  Kenntnissen;  das  rohe  Material  aus  jeder 
guten  Apotheke  zu  beziehen;  das  Präparat  für  lange  Zeit  aus- 
reichend und  keinem  Verderben  unterworfen;  der  Geldwert« 
der  jedesmaligen  Gabe  so  gut  wie  Null;  und  endlich  das  Dis- 
pensiren höchst  einfach  und  gleich  an  Ort  und  Stelle,  am 
Krankenbette  selbst  zu  besorgen.  Dies  alles  macht  die  Dazwi- 
schenkunft  des  Apothekers  vollkommen  entbehrlich  und  über- 
flüssig. Wenn  nun  aber  überdem  in  Erwägung  gezogen  wird, 
dass  die  homöopathischen  Präparate  an  und  für  sich  keiner 
nachträglichen  C  o  n  t  r  o  1  e  mehr  unterzogen  werden  können, 
weil  sie  jeglichem  chemischen  Reagenz  längst  entrückt  sind; 
dass  der  vereidete  Arzt25)  dem  Patienten  viel  näher  steht,  als 


Selbstdispensirens  für  den  homöopathischen  Arzt  zu  rechfertigen;  der  bessere 
Heilversuch  macht  jede  weitere  historische  Beweisführung  unnöthig,  und 
jetzt  handelt  es  sich  nun  einmal  nicht  mehr  um  das  blosse  Gesundmachen 
der  Menschen,  sondern  auch  um  die  wissenschaftliche  Feststellung 
dieser  Thatsache,  um  die  Zuverlässigkeit  derselben  in  jeder  Be- 
ziehung. Prof.  Hoppe,  die  Dispensirfreiheit,  S.  68. 

Die  Betrügereien  und  Verfälschungen  der  Arzneien  waren  von  jeher 
gebräuchlich.  Man  schlage  nur  van  der  Sonde,  Schaub  und  ähnliche 
Werke  nach,  wenn  man  sich  von  der  Gefahr  überzeugen  will,  in  der  man 
sich  als  praktischer  Arzt  fast  täglich  befindet. 

Prof.  Nolde  in  Huf.  Journ.  VIII,   1.   S.  58. 

24)  Wer  mich  heute  eine  andere  Arznei  geben  sieht,  als  ich  gestern 
gab,  und  morgen  wieder  eine  andere,  der  merke,  dass  ich  im  Heilver- 
fahren wanke  (denn  auch  ich  bin  ein  schwacher  Mensch);  —  sieht  man 
mich  aber  zwei  bis  drei  Dinge  in  einem  und  demselben  Eecepte  zusammen- 
mischen (es  ist  wohl  auch  ehedem  bisweilen  geschehen),  der  sage  dreist 
der  Mann  ist  in  Noth,  er  weiss  nicht  recht,  was  er  will  —  er  strauchelt, 
—  wüsste  er,  dass  das  eine  das  rechte  sei,  so  würde  er  ja  nicht  das  an- 
dere, und  noch  weniger  das  dritte  hinzusetzen. 

Hahnemann's  kl.  Sehr.  I.  S.    15. 

25)  Die  einzigste  und  sicherste  Controle  gegenüber  dem  Arzte  ist  dessen 
vollständig    geführtes  Tagebuch  über  jeden  seiner  Patienten,  wie  solches 


16  I-  Buch.     Aphorism   1. 

der  vereidete  Apotheker;  dass  Jenem  schon,  wenn  auch  nur 
seines  Rufes  wegen,  an  der  Richtigkeit  und  Wirksamkeit  seiner 
Arznei  weit  mehr  gelegen  sein  muss,  als  dem  Letzteren26); 
dass  überdem  den  Apothekern  von  vielen  Gegnern  der  Homöo- 
pathie das  Vertrauen  auf  homöopathische  Gaben  benommen  ist, 
und  er  beider  Kleinheit  und  Seltenheit  derselben  dabei  un- 
möglich seine  Rechnung  finden  kann:  so  ist  nicht  zu  begrei- 
fen, wie  noch  heutigen  Tags  in  einigen  Staaten  dem  qualifizirten 
Arzte  die  natürliche  Befugniss  vorenthalten  werden  kann, 
die  von  ihm  als  passend  anzuwendenden  kleinen  Arzneigaben  mit 
eigenen  Händen  darzureichen,  und  gleichzeitig  dem  Leidenden 
noch  besondere  Rosten  aufgebürdet  werden,  die  ihm  ohne 
den  mindesten  Nachtheil  erspart  werden  könnten.27) 

Was  die  Diät  anbelangt,  so  wird  sich  später  noch  an 
mehreren  Stellen  Gelegenheit  darbieten,  darüber  ein  oder  anderes 
Speciellere  zu  sagen.     Es  wird  daher  hinreichen,  hier  in  der 


Hahnemann  als  eine  unerlässliche  Pflicht  aufgestellt  hat.  Wer  ein  Derar- 
tiges führt,  der  sollte  billig  von  aller  und  jeder  sonstigen  Controle  ent- 
bunden sein,  indem  nur  der  verworfenste  Mensch,  er  möge  nun  Arzt  oder 
Apotheker  sein,  sich  hierbei  Fälschungen  zu  Schulden  kommen  lassen 
könnte,  welche  das  Gesetz  nicht  entdecken,  und  darum  auch  nicht  bestrafen 
kann.  Nur  derjenige  Arzt,  welcher  seine  Pflicht  so  leicht  nimmt,  dass  er 
entweder  kein,  oder  ein  unvollständiges  Tagebuch  führt,  dürfte  sich  in  dem 
nicht  ehrenvollen  Falle  befinden,  dass  für  ihn  eine  Ausnahme  gemacht  wer- 
den müsste,  so  lange  die  Aufsichtsbehörde  dies  für  nöthig  erachtet. 

26)  Weil  dem  Arzte  daran  gelegen  sein  muss,  den  Kranken  herzu- 
stellen, und  zwar  mit  so  wenig  Kunst  als  möglich:  so  muss  auch  dem 
Arzte  mehr  daran  gelegen  sein,  dass  der  Kranke  gute  und  wohlfeile  Arz- 
nei erhalte,  als  dem  Apotheker  daran  gelegen  sein  kann.  Aus  diesem 
Grunde  will  ich  es  nicht  loben,  wenn  dem  Arzte  das  Ausgeben  der 
Arzneien  untersagt  -wird. 

v.  Wedekind   in  Henke's  Zeitschrift  für  Staatsärzte. 

27)  „Ich  selbst  hab  es  erlebt",  —  sagt  unser  redlicher  Dr.  Stens  in 
seiner  Therap.  unserer  Zeit,  S.  261,  —  „dass  ein  Arzt  die  Homöopathie 
dadurch  todtschlagen  wollte,  dass  er  allen  seinen  Kranken  ohne  Ausnahme, 
ein  graues  Pulver,  —  Milchzucker  mit  Tinte  verrieben,  —  eingab.  Was 
meinst  du,  verdient  ein  solcher  Prüfer  nicht,  dass  man  ihn  statt  aller 
Widerlegung  verurtheilt,  selbst  Tinte  zu  saufen?" 


I.  Buch.     Aphorism   1.  17 

Kürze  nur  anzudeuten,  in  welchem  Sinne  die  Homöopathie  die 
Diät  verstellt,  und  wie  sie  dem  zu  Folge  die  genaue  Be- 
folgung derselben  dem  Patienten  und  dessen  Umgebung  zur 
Pflicht  zu  machen  genöthigt  ist. 28) 

Die  Homöopathie  hat  nämlich  die,  auf  sichere  und  wieder- 
holte Erfahrung  begründete  Ueherzeugung,  dass  jede,  auf  den 
iebenden  Organismus  einwirkende,  die  Lebenskraft  auf  die 
eine  oder  andere  Weise  afficir  ende  Potenz  eine  vor  gängige 
Andere  entweder  vollständig  vernichtet,  oder  mindestens 
wesentlich  stört  und  verändert.  Aus  dieser,  zum  Grund- 
satze erhobenen  Erfahrung  ergiebt  sich  unzweifelhaft  die  wichtige 
Schlussfolge:  dass  in  allen  Fällen,  wo  eine  volle  und  unge- 
störte Einwirkung  irgend  einer  Arznei  auf  den  lebenden  Or- 
ganismus beabsichtigt  wird,  die  einer  jeden  Andern  gänzlich 
vermieden  werden  muss.  In  diesen  wenigen  klaren,  und  keine 
falsche  Deutung  zulassenden  Worten,  liegt  sowohl  die  Begrün- 
dung als  auch  das  Wesen  und  der  Umfang  der  ganzen  ho- 
möopathischen Diät.  Es  gehört  mithin  nicht  allein  dazu 
die  Vermeidung  jeglicher  andern  Arznei,  sie  möge  Namen 
haben  wie  sie  wolle,  sondern  auch  alles  anderen  Arznei- 
kräftigen, was  irgend  vermögend  sein  kann,  eine  Verän- 
derung  des  Befindens    hervorzurufen,    von    den    verschiedenen 


28)  Das  unwiderleglichste  Argument  der  Homöopathie  gegen  diejenigen, 
welche  ihre  Heilungen  lediglich  der  Diät  oder  der  Einbildung  ihrer 
Patienten  zuschreiben,  dürfte  in  den  Erfolgen  liegen,  die  damit  bei  kl  einen 
Kindern  und  bei  Thieren  erzielt  werden.  Bei  diesen  Letzten  nämlich 
kann  weder  von  dem  Einen  noch  von  dem  Andern  die  Rede  sein;  und 
dennoch  sind  die  bei  diesen  gelungenen  Heilungen  (auch  mit  den  aller- 
kleinsten  Gaben),  so  erstaunlich  und  so  sicher,  dass  es  viele  Personen  giebt, 
welche,  wenn  sie  auch  für  sich  selbst  und  für  die  Ihrigen  noch  der  Allo- 
pathie anhängen,  für  ihre  erkrankten  Thiere  nur  bei  der  Homöopathie  Hülfe 
suchen.  Wir  kennen  Mehrere,  welche  die  dazu  dienenden  Handbücher, 
nebst  den  homöopathischen  Arznei-Etuis  stets  vorräthig  halten.  Auch  wir 
selbst  haben  die  ersten  Versuche  mit  Hochpotenzen  an  Thieren 
gemacht. 


lg  I.  Buch.     Aphorism  1. 

Genüssen  und  Gemüthsbewegungen  an  bis  zur  Klei- 
dung, Wohnung  und  dergleichen  Lebensbedürfnissen 
herab,  mit  der  selbstverständlichen  Maassgabe,  dass  in  dem  bis- 
her Gewohnten  nur  etwa  dasjenige  beseitigt  werden  muss,  was 
wahrscheinlich  oder  gewiss  auf  Geist  oder  Körper  einen  derarti- 
gen Einfluss  zu  üben  im  Stande  ist. 

Diese  eben  so  einfache,  als  naturgemässe  Diät  hat  in 
den  letzten  Jahren  auch  den  Beifall  der  Allopathie  erlangt,  und 
es  wird  nicht  mehr  lange  dauern,  wo  auch  der,  dieser  älteren 
Schule  noch  anhängende  Arzt  seinen  Patienten  untersagen  wird, 
neben  den  eigentlichen  Haupt- Arzneien  noch  andere  arznei- 
liche Dinge,  Kaffee,29)  verschiedene  Thee's  und  Aufgüsse, 
Tropfen,  Einreibungen,  Räucherungen  u.  d.  gl.  mehr 
zu  gebrauchen. 

Dagegen  ist  bei  der  Homöopathie,  wie  Böswillige  oder  Un- 
wissende es  Andern  so  oft  haben  aufbinden  wollen,  von  eigent- 
lichem Hungern  oder  Dursten  unter  keiner  Bedingung  die 
Rede.  Nur  in  den  Fällen,  wo  durch  Mangel  an  Ess-  oder  Trink- 
lust deutlich  zu  erkennen  gegeben  wird,  dass  kein  Bedürfniss 
dazu  vorhanden  ist,  wird  der  Rath  ertheilt,  den  Kranken  durch- 
aus nicht,  weder  durch  unzeitiges  Nöth igen,  noch  durch  be- 
sondere Leckerei  zu  Genüssen  zu  verleiten,  welche  einem 
solchen  deutlichen  Fingerzeige  der  Natur  geradezu  widerspre- 
chen, und  in  der  Regel  dem  Patienten  zu  grossem  Nachtheil 
gereichen. 30) 


29)  In  dein  Tahniis-Khana  (Kaifee-Fabrik)  zu  Konstantiuopel  sind  die 
Arbeiter  sämrntlich  abgezehrt,  ungesund,  und  werden  von  beständigein 
Husten  gequält.  Auch  die  Pferde  magern  ab,  und  können  es  nur  sechs 
Monate  darin  aushalten.  Chr.   White,"  die  Türken.  Kap.  8. 

30)  Quae  composita  ad  voluptateni  et  varietatem  sunt  pharmaca, 
absint.  Aretaeus  de  cur.  acut.  I.,  10. 

Socrates  gab  zuerst  die  Ermahnung,  man  solle  sich  vor  Speisen 
und  Getränken  hüten,  die  uns  reizen  könnten,  ohne  Hunger  zu  essen,  und 
ohne  Durst  zu  trinken.  Plutarch,  mor.  Sehr.  II,  8. 


I.  Buch.     Aphorism  2.  19 

Jedes  freiwillige  Entstellen  von  Durchfall  und  Er- 
brechen ist  dann  für  den  Kranken  heilsam  und  zu- 
träglich, wenn  nur  dasjenige  abgeführt  wird,  was  aus- 
geleert werden  muss;  wo  dieses  aber  nicht  der  Fall 
ist,  da  tritt  das  Gegentheil  ein.  Eben  so  verhält  es 
sich  mit  den  Entleerungen  der  Gefässe,  wenn  sie  in 
der  Weise  vorgenommen  werden,  wie  es  erforderlich 
ist;  während  sonst  ebenfalls  die  entgegengesetzten  Fol- 
gen herbeigeführt  werden.  Es  ist  daher  jederzeit  nö- 
thig,  die  Verhältnisse  der  Gegend,  der  Jahreszeit,  des 
Alters  und  der  Krankheiten  in  Betracht  zu  ziehen 
und  danach  zu  beurtheilen,  in  wiefern  solche  Aus- 
leerungen angezeigt  sind,  oder  nicht. 


Wenn  auch  die  in  diesem  Aphorism  überlieferten  Lehren 
Zeugniss  ablegen  für  die  von  Hippokrates  erkannte  Unentbehr- 
Jichkeit  des  Individualisirens31)  so  scheinen  sie  doch  in 
dieser  Beziehung  für  das  Alterthum  weit  wichtiger  gewesen  zu 
sein,  als  für  unsere  Zeit.  Damals  nämlich,  wo  der  Arznei- 
schatz, worüber  der  Arzt  zu  verfügen  hatte,  noch  sehr  be- 
schränkt war,  musste  ein  weit  grösseres  Gewicht  gelegt  werden 
auf  dasjenige,  was  unter  den  Ausdrücken  Krisis32)  oder  kri- 
tische Ercheinungen  begriffen  wurde,  welche  sehr  oft  frei- 
willig und  unabhängig  von  aller  Arznei  auftraten  und  entweder 
günstige  oder  ungünstige  Vorbedeutungen  enthielten.  In  spä- 
teren Zeiten  scheint  man  auf  diese  und  ähnliche  Aussprüche 
des  Vaters  der  Heilkunde,  zum  Theile  wenigstens,  die  genauen, 
m  den  Kalendern  mitgetheilten  Zeitnotizen  begründet 
zu  haben,  wo  es  nämlich   an  gewissen  Tagen,   nach  Maassgabe 


31)  Xoyog  enim,  seu  ratio  Hippocrati  idem  est,  quae  ivSeigig,  in- 
dicatio    dici  Galeno  consuevit.  Linden,  sei.  med.  VII.  31. 

32)  Das  so  oft  gebrauchte  Wort  „Krisis"  bedeutet  an  und  für  sich  nichts 
Anderes,  als  eine  bedeutende,  entweder  günstige  oder  ungünstige  Wendung 
der  Krankheit,  also  eine  Entscheidung  zum  Guten  oder  zum  Bösen.  — 
Van  Helmont  leugnete  die  Krisen  (natura  crisim  non  facit),  und  die  Homöo- 
pathen ersetzen  sie  zuweilen  durch  die  Erstwirkung  der  Arzneien,  wodurch 
sie  jedenfalls  beschleunigt  und  gutartig  gemacht  werden. 


20  I-   Buch.     Aphorisin  2. 

der  Jahreszeit,  des  Standes  von  Sonne  und  Mond,33)  oft 
auch  nach  der  Constellation  der  (damals  noch  geringeren  Zahl) 
Planeten,  vorteilhaft  sein  sollte  zu  Purgiren,  zu  Schrö- 
pfen34) oder  zur  Ader  zu  lassen.35)  Dieser  mittelalter- 
liche Unsinn  ist  nun  freilich  einer  geläuterleren  Ansicht  ge- 
wichen; nicht  aber  in  gleichem  Maasse  die  Lehre  von  den  Rri 
sen,  welche  ursprünglich  blos  den  natürlichen  Verlauf  der 
Krankheit  durch  ihre  verschiedenen  Stadien  bezeichnen  sollte, 
ohne  dass  darin  die  Arzneien  Aenderungen  bewirkt  hätten.  Wenn 
man  nämlich  weiss,  dass  die  Naturkraft  vermögend  ist,  zuweilen 
eine  Gehirnentzündung  durch  Nasenbluten,  einen  Rheu- 
matismus durch  Seh  weiss,  ein  Nervenfieber  durch  Spei- 
chelfluss  u.  s.w.  zur  günstigen  Entscheidung  zu  bringen:  so 
haben  wir  heutigen  Tages  nicht  mehr  nöthig  abzuwarten,  bis 
dies  wirklich  von  selbst  geschieht,    sondern  besitzen    die  Mittel, 

33)  Ueher  den  Einfluss  des  Mo  nd  es  auf  Pflanzen  und  Thiere,  finden  wir 
schon  Beobachtungen  im  GeHius  (noct.  attic.  XX.  8),  namentlich  in  Bezug 
auf  Zwiebeln  und  Austern.  Im  vorigen  Jahrhunderte  hat  man  diesem 
Gegenstande  eine  grössere  Aufmerksamkeit  gewidmet,  und  die  Schriften 
von  Wilson,  St.  Hilaire,  la  Quintinie,  Duhamel,  Chavalon,  van  Mons  und 
Andern,  über  Pflanzen,  so  wie  die  von  de  Haen,  Sanctorius,  Toaldo,  Jä- 
ger und  Andern,  über  die  Krankheiten  der  Menschen  enthalten,  wie  ge- 
wöhnlich, zahlreiche  Behauptungen  und  Verneinungen  zu  diesem  Thema. 
Wir  Homöopathen  wissen,  und  zwar  aus  wiederholten  genauen  Erfahrungen, 
dass  ein  solcher  Einfluss  in  der  That  besteht,  und  bei  der  Mittelwahl  aller- 
dings Berücksichtigung  verdient. 

34)  Wenn  ich  dem  Aderlasse  nicht  traute,'  so  verordnete  ich  zuweilen  mit 
gutem  Erfolge  Schröpfköpfe;  doch  war  in  ein  Paar  Fällen  der  Blutfluss 
davon  so  untilgbar,  dass  er  nicht  völlig  gehemmt  werden  konnte,  bis  der 
Kranke  seinen  Geist  aufgab.  Huxham    on  fevers,  212. 

35)  Ein  üeberbleibsel  aus  dieser  guten,  alten  Zeit  scheint  noch 
in  der  Angabe  des  täglichen  Standes  des  Mondes  im  Thierkreise  bei- 
behalten zu  sein,  wie  man  solche  heute  noch  in  den  meisten  Almanachen 
mit  den  üblichen  Zeichen  des  Zodiakus  angegeben  findet,  obwohl  unter 
Tausenden,  die  den  Kalender  täglich  einsehen,  sicher  nicht  Einer  ist,  wel- 
cher diese  Himmelszeichen  und  ihre  Stellen  am  Firmamente  kennt. 
Aber  das  wohlbekannte  Aderlass-Männchen  (Haemorrhoscopium)  in  den 
meisten  alten  Kalendern  gab  früher  genau  an,  wann  und  wo  bei  diesen 
zwölf  Zeichen  der  Aderin  ss  gut,  mittel  in  aasig,    oder    böse  sein   sollte. 


I.   Buch.     Äphorism    2.  21 

solches  künstlich  zu  bewirken,  wenn  wir  es  für  dienlich  er- 
achten. Schlimm  genug  ist  es  dabei  nur,  dass  selbst  diese  so- 
genannten kritischen  Er  schein  ungen,  sowohl  in  dem  einen, 
als  in  dem  andern  Falle,  nicht  immer  den  erwünschten  Erfolg 
haben,  und  dass  sie  oft  so  heftig  werden,  dass  sie  dem  Arzte 
selbst   über  den  Kopf  wachsen. 

Die  Homöopathie  hat  in  dieser  Beziehung  aber  auch  noch 
andere  abweichende  Ansichten  über  dasjenige,  was  ge- 
wöhnlich unter  Krisis  verstanden  wird,  und  wovon  später  noch 
mehrmals  die  Rede  sein  wird.  Hier  ist  nur  soviel  in  der  Kürze 
zu  erwähnen,  dass  wir  entschieden  allen  solchen,  sowol  frei- 
willigen, als  unfreiwilligen  Ausleerungen  abhold  sind, 
weil  sie  stets  unbestreitbare  Kr a nk hei ts- Symptome  darstel- 
len, welche  — da  der  Mensch  jedesmal  nur  in  einer  Weise  krank 
sein  kann  und  alle  dabei  vorkommenden  Erscheinungen  zu  diesea 
Krankheit  gehören,  —  bei  der  Wahl  des  Heilmittels  eben 
so  gut,  wie  alle  Andern,  die  nöthige  Berücksichtigung  finden  müssen. 

Weit  entfernt  also  davon,  solche  sogenannte  kritische  Aus- 
leerungen zu  erwarten  oder  herbeizuwünschen,  ist  unser  Bestre- 
ben stets  dahin  gerichtet,  da,  wo  sie  aufgetreten  sind,  so  bald 
als  möglich  zu  tilgen,  selbst  auch  in  den  Fällen,  wo  man 
durch  die  innormale  Beschaffenheit  des  Ausgeleerten  zu 
dem  Glauben  verleitet  werden  könnte,  dass  die  Entfernung 
desselben  erforderlich  und  zuträglich  wäre.  Die  Bildung 
und  Absonderung  solcher  entarteten  Stoffe  ist  nämlich  an  und 
für  sich  schon  ein  Theil  der  Krankheit,  und  man  darf  nie  ver- 
gessen, dass  das  Ausgeschiedene  keineswegs  die  Ursache,  son- 
dern lediglich  das  unerwünschte  Produkt  derselben  ist,  welches 
eines  Theils  ohne  die  Krankheit  nicht  entstehen  kann,  und 
andern  Theils  ohne  Heilung  der  Krankheit  sich  jederzeit  von 
Neuem  wieder  erzeugt. 36) 

36)  In  manchen  fieberhaften  Krankheiten    sieht   man  deutlich,  wie  die 
anatomisch-pathologischen  Zeichen    sich    erst  allmählich    durch    das  Fieber 


22  I-  Buch.     Aphorism  3. 

Erwägt  man  dabei  endlich  nocb,  dass  sämmtliche  unge- 
wöhnliche Ausleerungen  dieser  Art  mehr  oder  weniger  zur  Schwä- 
chung der  organischen  Kräfte  beitragen,  die  doch  bei  der 
Herstellung  jederzeit  die  Hauptrolle  spielen:  so  wird  man  leicht 
einsehen,  dass  die  Homöopathie  alle  Ursache  hat,  derartigen 
Abnormitäten  möglichst  bald  hemmend  entgegenzutreten  und 
schleunigst  solche  Arzneien  anzuwenden,  welche,  neben  ihrer 
sonstigen  Angemessenheit  für  die  Krankheit  selbst,  auch  noch 
diesem  Zwecke  entsprechen,  und  ohnedem  nicht  genau  homöo- 
pathisch gewählt  wären.37) 


5.  Eine  von  Gesundheit  strotzende  Leibesbeschaffenheit, 
wie  jene  der  Wettkämpfer,  ist  unsicher,  sobald  sie 
den  höchsten  Grad  erreicht  hat,  weil  sie  sich  nicht 
auf  derselben  Höhe  erhalten  kann.  Da  sie  nämlich 
nicht  in  der  Ruhe  verharrt  und  keiner  Steigerung 
mehr  fähig  ist,  so  muss  sie  notwendigerweise  wieder 
abnehmen.  Daher  ist  es  rathsam,  diese  bis  zur  äusser- 
sten  Höhe  angelangte  Wohlleibigkeit  ungesäumt  herab- 
zustimmen, damit  der  Körper  wieder  zu  einer  erneu- 
erten Zunahme  befähigt  werde.  —  Dennoch  hüte  man 
sich,  diese  Herabstimmung  allzuweit  zu  treiben,  weil 
auch  dieses  Nachtheil  bringen  würde,  und  bemesse 
das  einzuschlagende  Verfahren  genau  nach  der  Eigen- 
thümlichkeit  jeder  Persönlichkeit.  Es  ist  demnach  be 
greifiich,  dass  die  übermässigen  Ausleerungen  nicht 
minder  gefährlich  sind,  als  die  äusserste  Ueberfüllung.  38) 


und  als  Producte  desselben  ausbilden.  So  sagt  auch  H.  Boerhaave  (Aphor. 
1384),  nachdem  er  das  Blatternfieber  beschrieben:  ,,Initio  hujus  Status  cruor 
venit  missus  pulcher  saluberrimoque  simillimus;  secundo,  tertio,  quarto 
die  jam  instar  pleuritici  et  inflammati  cernitur,  eo  plus,  quo  plus  duravit  et 
vehementius  fuit,  malum." 

„Die  kritischen  Ausleerungen"  —  sagt  U.  G.  Schäffer  in  seinen  Ver- 
suchen —  „entscheiden  eigentlich  keineswegs  die  Krankheiten,  sondern 
sind  nur  Wirkungen  und  Zeichen    der  bereits  geschehenen  Entscheidung." 

37)  Die  Arzneien  richten  vollends  im  Unterleibe  nichts  als  Zer- 
störung an,  sie  verderben  und  lösen  Alles  auf,  was  vorhanden  ist,  und  er- 
zeugen dadurch  weit  mehr  überflüssige  Säfte,  als  sie  austreiben. 

Plutarch,    moral.   Sehr.   II.,   40. 

38)  In  den  Tischreden  des  Plutarch  (V.,  7.,)  wird  die  Ursache  der  Ge- 
sundheitsabnahme (Aph.  I.  3)  dem  „Be schreien"  zugeschrieben.  „Wenn  also 


I.  Buch.     Aphorism  3.  23 

Dieser  Aphorism  soll  offenbar  zur  Erläuterung  des  Vorher- 
gehenden dienen.  Indessen  ist  bei  vorurtheilsfreier  Betrachtung 
nicht  zu  verkennen,  dass  dabei  etwas  Sophistik  mit  unter- 
läuft. Das  vollkommene  Wohlbefinden  ist  hier  nämlich  ohne 
Zweifel  verwechselt  mit  dem  Zustande  eines  Menschen, 
welcher  durch  übermässige  körperliche  Pflege  jeder  Art  dahin 
gelangt  ist,  mehr  das  äussere  Bild  eines  mastigen,  üb  er  lull- 
ten und  plethorischen  Körpers  darzustellen,  als  eines  solchen, 
dessen  organische  Functionen  nach  allen  Seiten  hin  in  der  ge- 
regeltsten, naturgemässen  Ordnung  sind,  und  der  so» den  Typus 
einer  vo  1 1  k  o  m  m  e n  e n  Gesundheit  ausspricht,  weil  Alles,  sowohl 
Geist  als  Körper,  bei  ihm  in  einem  gehörigen  Ebenmaasse 
steht.39)  Es  ist  leicht  begreiflich,  dass  jener  überfütterte  Mensch 
in  solchem  Zustande  nicht  dauernd  verharren  kann,  und  dass 
früher  oder  später,  oft  durch  geringfügige  Veranlassung,  eine 
Störung  eintreten  muss,  die  um  so  gefährlicher  ist,  je  höher  die 
Ueberfüllung  gesteigert  war. 

Um  eine  solche  Persönlichkeit  aber  auf  das  gehörige  Maass 
von  Körperfülle  zurückzuführen,  bedarf  es   keineswegs  der  aus- 


Jemand"  —  heisst  es  daselbst  —  „auf  einmal  an  Körperfülle  ausseror- 
dentlich zugenommen  hat,  und  sich  in  einem,  seine  Erwartung  übertreffen- 
den Zustande  erblickt,  ja  sich  wohl  gar  mit  Verwunderung  betrachtet,  so  ist 
der  Körper  schon  seiner  Veränderung  nahe,  und  weil  nun  dessen  Befinden 
sich  plötzlich  verschlimmert,  so  sagt  man  von  einem  solchen,  dass  ersieh 
selbst  beschrieen  habe."  —  Dieses  „Beschreien"  oder  „Berufen", 
welches  die  Griechen  ßuGKcdvew,  die  Römer  fascinare  nannten,  und  (nach 
Aristoteles  probl.  20,  34)  durch  dreimaliges  Ausspucken  abgewandt 
wurde,  besteht  noch  heutiges  Tages  und  veranlasst  manchen  Abergläubigen 
zu  dreimaligem  Ausrufen  des  Wortes:  Unberufen!  oder  Unbesehrieen  i 
Wenn  übrigens  dieses  Berufen  unverkennbar  mit  dem  „mal  occhio"  der 
Südländer  verwandt  ist:  so  ist  doch  das  „second  sight"  der  Nordländer, 
welches  bei  uns  „Vorgesichte"  heisst,  davon  sehr  verschieden,  obwohl  beide 
einer  immateriellen  Welt  angehören,  und  ihre  Wirklichkeit  von  den  Meisten 
heutiges  Tages  bezweifelt  wird. 

39)   Orandum  est,  ut  sit  mens  sana  in  corpore  sano, 

Juvenalis  Satyr.   12, 


24  !•  Buch.     Aphorisra  3. 

leerenden  und  abschwächenden  Mittel,  selbst  dann  nicht, 
wenn  eine  krankhafte  Disposition  im  Hintergrunde  liegt,  oder 
bereits  in  geringem  Grade  vorhanden  ist,  sondern  nur  einer 
vernünftigen,  diätischen  Lebensweise,  wie  sie  jeder 
Mensch  im  gesunden  Zustande  befolgen  sollte,  wenn  er  seine 
Gesundheit  ungetrübt  erhalten  will.  Solcher  Beispiele  von  fort- 
dauerndem Wohlbefinden  giebt  es  aller  Orten,  und  es  würde 
deren  noch  mehr  geben,  wenn  jene  naturgemässe  Diät  über- 
all strenge  be  folgt  und  dabei  alles  Arzneiliche  noch  sorg- 
fälliger vermieden  würde.  Das  Letztere  gilt  am  Meisten  von 
solchen  heftig  eingreifenden'  Mitteln,  die  nicht  blos  das  Er- 
krankte, sondern  auch  das  Gesunde  im  lebenden  Organis- 
mus zu  affiziren  und  zu  alteriren  vermögend  sind.  Dieses  ver- 
meidet man  aber  in  vorzüglichem  Grade  durch  die  Eigenthüm- 
lichkeit  der  homöopathischen  Arzneigaben,  welche  eben  ihrer 
Kleinheit  wegen  nur  auf  den,  durch  irgend  eine  Krankheit  vor- 
zugsweise für  ähnliche  Reize  empfänglich  gemachten  Körper- 
theil  ihre  Wirkung  thun,  alles  Uebrige  aber,  was  gesund 
ist,  völlig  unberührt  lassen.40) 

Hierin  liegt  ein  äussert  erheblicher  Vortheil  der  homöopa- 
thischen Behandlung,  namentlich  auch  bei  leichteren  Störungen 
der  Gesundheit,  der  kaum  überschätzt  werden  kann.41) 


40)  Die  kleinste  Gabe  ist  durch  Riechen  an  die  Arznei,  welche, 
nachdem  bereits  die  Beddoe 'sehen  Versuche  Hufeland  darauf  aufmerk- 
sam gemacht  hatten,  (Journ.  d.  p.  Heilk.  I.  3)  durch  Hahneinann  vervoll- 
kommnet und  bis  zu  dessen  Ende  angewendet,  von  unseren  jüngeren 
Adepten  aber  (ungeprüft)  verworfen  wurde,  um  wieder  zu  den  Tropfen  zu- 
rückzukehren. 

Dr.  Roger  hatte  (nach  der  Gaz.  d.  Hopitaux)  einem  Ckolerakranken 
gepulverte  Ipecacuanha  verschrieben,  a  trois  prises  zu  nehmen.  Der  Wär- 
ter verabreichte  es  daher  als  Schnupftabak,  worauf  ungeheures  Niesen  ein- 
trat und  der  Patient  in  kurzer  Zeit  genesen  war. 

41)  Die  von  Berzelius  entdeckte  und  mit  dem  Worte:  „Katalyse" 
bezeichnete  Kraft  wird  vielleicht  in  der  Chemie,  sicher  aber  in  der 
Therapie,  noch  zu  Entdeckungen  führen,  die  man  sich  bisher  nicht  hat 
träumen  lassen. 


I.  Buch.     Aphorism  4.  25 

Mit  der  Schluss-Phrase  dieses  Aphorisms  sind  wir  natürlich 
alle  vollkommen  einverstanden. 


Eine  allzu  magere  und  zu  wenig  nährende  Diät  ist  in 
langwierigen  Krankheiten  überhaupt  immer,  aber  auch 
in  denjenigen  Hitzigen,  wo  sie  nicht  durchaus  ange- 
zeigt ist,  jedesmal  bedenklich.  Eine  übermässige  Ent- 
haltsamkeit ist  häufig  in  demselben  Maasse  nachtheilig, 
wie  eine   allzu  grosse  Ueberfüllung. 


Zum  besseren  Verständniss  dieses  Aphorisms  ist  es  dien- 
lich zu  wissen,  dass  zu  den  Zeiten  des  Hippokrates  und  noch 
lange  nachher  die  Diät  für  Kranke  vier  Abstufungen  hatte.  Die 
Gelindeste  war  die  einfach  Magere  (victus  tenuis),  wobei  zwar 
meistens  nur  Gerstenschleim,  Gerstensuppe  und  Honigwasser 
gestattet  wurde,  aber  ohne  das  Maass  derselben  zu  beschränken. 
Bei  der  streng  Mageren  (exquisite  tenuis)  wurden  von  den 
vorstehenden  Lebensmitteln  nur  geringe  Quantitäten  zugestanden. 
Bei  der  Magersten  (tenuissimus)  blieb  nur  noch  der  Gennss 
des  Honigwassers  erlaubt  und  alles  Andere  verboten;  und  end- 
lich bei  der  Aller  magersten  (extreme  tenuissimus)  war 
gänzliche  Enthaltung  von  allen  Speisen  und  Getränken  vor- 
geschrieben. 

Unter  solchen  Verhältnissen  ist  es  leicht  begreiflich,  dass 
ein  aufmerksamer  Beobachter,  wie  Hippokrates,  sehr  bald  die 
grossen  Nachtheile  erkennen  musste, 42)  welche  durch  übertrie- 
benen Diät-Unfug  verursacht  wurde,  der  den  Kranken  nicht 
nur  obendrein  noch  zu  den  Qualen  des  Hungers  verurtheilte, 
sondern  gleichzeitig  dessen  Kräfte  immer  mehr  erschöpfte,  das 
heisst  mit  einfachen  Worten:  den  Kranken  immer  kränker, 
hinfälliger  und  elender   machte.     Daher   hatte    der  Altvater 


42)  Die  Abneigung  des  Hippokrates  gegen  alle  eigentlichen  Hunger- 
kuren weiset  Plinius  (XXII.  66,)  nach  und  sagt  bei  dieser  Gelegenheit  von 
ihm:   „tanturn  remotus   sb  istis,  qui  medicinam  farne  exercent/' 


26  I-  Buch.     Aphorism  4. 

der  Heilkuiist  die  dringendste  Veranlassung,  diesem  Unwesen 
kräftig  entgegenzutreten,  und  das  Unheilvolle  eines  solchen 
Verfahrens  gebührend  zu  rügen,  wie  er  dies  in  dem  vorstehen- 
den und  in  dem  nachfolgenden  Aphorism  gethan  hat.43) 

Wenn  dies  nun  auch  von  der  Allopathie  anerkannt  ist,  und 
die  sogenannten  Hungerkuren  immer  seltener  vorkommen: 
so  ist  doch  der  Unterschied  zwischen  ihrer  Diät  und  jener, 
welche  die  Homöopathie  vorschreibt,  ein  sehr  grosser  und 
wesentlicher.  Die  Allopathie  trennt  nämlich  hei  weitem  nicht 
so  genau  und  durchgreifend  die  Nahrungsmittel  von  den 
Arzneimitteln,  wie  wir  es  thun.44)  Wir  rechnen  nämlich  zu 
den  Letzteren  Alles,  ohne  Ausnahme,  was  das  Vermögen 
besitzt,  das  Befinden  des  Menschen  um  z  u  an  dem,  während 
Jene  in  dieser  Beziehung,  wie  man  es  zu  nennen  pflegt,  in- 
different sind,  und  lediglich  dazu  dienen,  den  Körper  zu 
nähren.45) 

Da  nun  aber  jede  arzneikräftige  Substanz,  eben  durch  ihre 
Kraft  und  Eigenschaft    das  Befinden    umzustimmen,   jeder  an- 


43)  Hippokrates  rechnete  deshalb  zu  der  Dätetik  auch  noch  das 
dvccKOuifeiv,  nämlich  die  Restauration  des  Kranken  durch  Speisen  und 
Getränke. 

44)  Als  im  Anfange  des  vorigen  Jahrhunderts  die  Bäcker  in  Paris 
anfingen,  Hefen  aus  Flandern  zu  beziehen,  und  damit  besseres  Brot  zu  be- 
reiten, als  mit  dem  bisherigen  Sauerteige,  da  erhob  sich  die  dortige  me- 
dizinische Fakultät  und  erklärte  dies  Verfahren  als  ein  der  Gesundheit 
schädliches,  worauf  denn  auch  ein  Verbot  von  der  Regierung  erfolgte. 
Jetzt  ist  diese  Bereitungsart  nach  allen  Richtungen  hin  verbreitet. 

45)  Quae  corpus  mere  nutriunt,  Alimenta;  quae  vero  Sanum  hominis 
statum  (vel  parva  quantitate)  in  aegrotum,  ideoque  aegrotum  in  sanum  mil- 
iare valent,  Medicamenta  appellantur. 

Halmemann,  Fragm.  praef.  p.  1. 
Das  Wort  <&ttQ(iccxov  bedeutet  bei  den  Griechen:  1.  Heilmittel. 
2.  Gift,  3.  Zaubermittel,  4.  Färbemittel  (Schminke).  Zum  inner- 
lichen Gebrauche  nimmt  Homer  es  stets  im  schädlichen  (giftigen)  Sinne; 
nur  zum  äusserlichen  Gebrauche  (in  Verbindung  mit  Ttdocco,  auf- 
streuen) finden  wir  es  bei  ihm  (Jl.  V.  401  und  Jl.  XI,  515.,)  als  schmerz- 
stillendes Mittel.  —  Ein  Mehreres  hierüber  findet  sich  S.  232,  in  unserm 
Lesebuche :  „Die  Homöopathie  u.  s.  w.  Münster  bei  Coppenrath,   1834." 


I.   Buch.     Aphorism  4.  27 

dem  Arznei  in  ihrer  Wirksamkeit  derselben  Art  hindernd  oder 
störend  in  den  Weg  tritt:  so  ist  es  nicht  mehr  wie  natürlich, 
dass  sie  überall  da  vermieden  werden  muss,  wo  bereits  eine 
andere  gegeben,  und  dieser  die  beabsichtigte  Umsthnmung  zu- 
gelheilt  ist.  Es  gehört  demnach  wesentlich  und  in  der  ersten 
Linie  zur  Diät  der  Homöopathie,  dass  weder  zwei  oder 
mehrere  Arzneien  gleichzeitig,  wenn  auch  nur  die  Eine 
äusserlich  und  die  Andere  innerlich,  angewendet  werden  dürfen, 
sondern  auch,  dass  alle  Nahrungsmittel  und  andere,'  als 
Lebensbedürfniss  eingeführte,  meistens  sehr  entbehrliche  Dinge 
frei  sind  von  aller  und  jeder  Arzneikraft,  welche  als 
solche  fremdartig  auf  den  Organismus  einwirken  und  solcher- 
gestalt das  Heilgeschäft  beeinträchtigen  könnte.46) 

Nicht  minder  abweichend  von  der  Diät  der  Allopathie  ist 
jene  der  Homöopathie,  wenn  es  sich  um  die  Quantität  der 
erlaubten  (unarzneilichen)  Nahrungsmittel  handelt.  In  hei 
Weitem  den  meisten  Fällen  giebt  die  Natur  und  das  Verla  n- 


46)  Auffallend  ist,  was  Celsus  (II,  18)  über  die  Nahrhaftigkeit  einiger 
Speisen  sagt,  wo  er  Hasenfleisch,  Vögel  und  gesalzene  Fische  zu 
den  minder  Nährenden  rechnet,  und  Brot  und  Hülsenfrüchte  allem 
Andern  vorzieht.  In  unsern  Lehrbüchern,  welche  di£  Stufenfolge  der 
Nahrhaftigkeit  nach  dem  Stickstoffgehalte  berechnen,  steht  der  gesal- 
zene Fisch  (Häring)  fast  an  der  Spitze,  und  ganz  am  Ende  der  Eeis, 
der  zu  den  Getreidearten  gehört,  und  wovon  viele  Millionen  Menschen  fast 
ausschliesslich  leben.  —  Auch  hier  ist  noch  Manches  aufzuräumen,  trotz 
Liebig  und  Boussignault  und  neuerdings  Wolff  in  seinen  Futtertabellen. 

Die  Viehfütterungsversuche  von  Henneberg  und  Stohmann  haben  aufs 
Entschiedenste  bewiesen,  dass  die  in  den  meisten  chemichen  Agentien  völlig 
unlösbare  Holzfaser  nicht  nur  verdaulich,  sondern  gar  leichter  verdaulich, 
als  manche  anderen  im  Wasser  lösliche,  stickstofffreie  Verbindungen,  mit- 
hin ihre  Nährkraft  nicht  mehr  zu  bezweifeln  ist. 

H.  Boerhaave  (Aphor.  28)  bezeichnet  folgendermaassen  die  nahrhaftesten 
Dinge:  Lac,  Ova,  Jura  carnium,  decocta  panis  bene  fermentati,  vina 
austera,  primaria  sunt . 

Cullen  (in  seiner  Mat.  med.,  übersetzt  von  Hahnemann,  Band  I,.  Seite 
305)  hält  den  Eeis  für  nahrhafter,  als  jedes  andere  Korn ;  und  in  der  An- 
merkung (a.  O.  S.  306)  findet  Hahnemann  eine  besondere  Nützlichkeit  des 
Reises  darin,  dass  er  „unter  allen  mehligen  Dingen  am  spätesten  in  Gährung 
und  Säure  übergehe." 


28  I-   Buch.      Aphorism  4. 

gen  des  Kranken  den  richtigen  Maassstab  ab,  und  nur  unter 
seltenen  Umständen  hat  der  Arzt  nöthig,  dabei  abweichende 
Vorschriften  zu  ertheilen.  In  der  Regel  lassen  wir  essen,  so 
oft  der  Hunger,  und  Trinken,  so  oft  der  Durst  sich  ein- 
stellt, und  meistens  von  beiden  soviel,  bis  das  Bedürfniss  in  ge- 
nügender Weise  befriedigt  ist.  Nur  allein  in  den  selteneren 
Fällen,  wo  eine  widernatürliche  Esslust  bei  noch  ge- 
schwächten Verdauungs-Organen  sich  einstellt,  wie  man  dies 
z.  B.  in  der  Reconvalescenz  von  einigen  Arten  von  Nervenfie- 
bern zu  beobachten  Gelegenheit  findet,  da  entziehen  wir  dem 
Genesenden  keineswegs  die  dringend  verlangte  Nahrung,  aber 
geben  dabei  die  gemessene  Weisung,  jedesmal  nur  wenig, 
und  nicht  bis  zur  völligen  Sättigung,  dagegen  um  so  öfter 
Speise  zu  nehmen,  um  Nachtheilen  vorzubeugen,  welche  die  un- 
ausbleibliche Folge  von  Ueberfüllung  und  Magenverderb  sein 
würden.  —  Was  die  von  Böswilligen  oder  Unwissenden 
verbreitete  Fabel  anbelangt,  als  wäre  die  Homöopathie  nichts 
als  eine  Hungerkur,  und  ihre  Heilungen  wären  lediglich  ihrer 
Diät  zuzuschreiben:  so  ist  dieser  Unsinn  allzu  handgreiflich, 
als  dass  es  der  Mühe  lohnte,  darüber  ein  Wort  zu  verlieren. 
Die  beste  Entgegnung  auf  derartigen  Aberwitz  dürfte  die 
einfache  Frage  sein:  aus  welchem  Grunde  sie  selbst  nicht 
ebenfalls  dieselbe  Diät  vorschrieben,  nachdem  sie  die  Erfolge 
von  Dieser  allein  abhängig  erklärten?47) 


Die  Geschichte  hat  es  aufbewahrt,  dass  der  tapfere  englische  Verthei- 
diger  von  Gibraltar,  Lord  Elliot,  acht  Tage  lang  von  nichts  Anderem 
als  täglich  vier  Loth  Reis  lebte. 

Ungeachtet  Sydenham's  Lob  des  Don  Quixote,  ist  doch  der  von  D. 
Eetio  (IV,  15)  augeführte  hippokratische  Aphorism  nicht  nur  falsch,  sondern 
widerspricht  auch  der  Schola  salernitana  (CXXIX),  worin  zufolge  Galenits 
(de  alim.  c.  10)  und  Avicenna  (2.  Canon,  c.  186)  das  Rebhuhn  als  ein 
besonders  zuträglicher  Braten  gerühmt  wird.  Man  muss  also  jenem  Lob- 
spruche ein  anderes  (ironisches)  Motiv  unterlegen. 

47)  Je  höher  man  in  der  Geschichte  der    Medizin  bis  zu   ihren   ersten 


I.  Buch.     Aphorism  5.  29 

Eine  magere  Diät  ist  für  den  Kranken  gefährlich,  in- 
dem sie  leicht  Veranlassung  zu  Nachtheil  herbeiführen 
kann.  Denn  jeder  Fehler,  welcher  dabei  begangen 
wird,  hat  schädlichere  Folgen,  als  wenn  sie  reichlicher 
ist.  Aus  demselben  Grunde  ist  auch  dem  Gesunden 
die  stete  Befolgung  einer  allzu  mageren  und  regel- 
mässigen Diät  keineswegs  anzuratheu,  weil  jede  Ab- 
weichung davon  hinterher  um  so  härter  gebüsst  werden 
niuss.  Eine  allzu  enthaltsame  und  übergenau  geregelte 
Lebensweise  iu  gesuudeu  Tagen  ist  deshalb  unsicherer, 
als  eine  nahrhaftere  und  weniger  strenge. 


Dieser  Aphorism  ist  eigentlich  eine  Fortsetzung  des  vorigen, 
erweitert  jedoch  die  darin  für  den  Kranken  gegebenen  Vor- 
schriften, indem  er  diese  auch  für  den  Gesunden  in  Anwen- 
dung bringt.  Die  hier  gegebenen  Lehren  gehören  aber  im 
Grunde  keiner  besonderen  Schule  als  ausschliessliches  Eigen- 
thum  an,  sondern  müssen  sowohl  von  der  Allopathie,  als  von 
der  Homöopathie  als  die  einzig  richtige  Ansicht  über  diesen 
Gegenstand  zugestanden  werden.  Wie  nämlich  Bewegung  und 
freie  Luft,  ohne  ängstliche  Rücksicht    auf  Temperatur  und  Wit- 

Anfängen  hinaufsteigt,  um  desto  mehr  treffen  wir  bei  der  Ausübung  der- 
selben auf  mystische  und  abergläubische  Gebräuche.  Als  diese  später  all- 
mählich einer  fortschreitenden  Cultur  weichen  mussten,  trat  an  ihre  Stelle 
eine  früher  vernachlässigte  Diätetik,  welche  nun  aber  ebenfalls  die  Grenze 
des  Zulässigen  überschritt,  indem  auch  Diese  wieder  dasjenige  ersetzen 
sollte,  was  das  Medikament  für  sich  zu  leisten  unfähig  war.  Je  mehr 
Aeusserliehkeiten  und  Nebendinge,  desto  mangelhafter  die  Wissenschaft!  — 
Alles  dieses  fällt  nun  aber  bei  der  Homöopathie  gänzlich  fort,  indem  sie 
jedes  trügerische  Blendwerk  verabscheut,  jede  unnöthige  Entbehrung  ver- 
meidet, und  lediglich  darauf  besteht,  dass  der  Wirksamkeit  ihrer  Mittel 
kein  Hinderniss   entgegengesetzt  werde. 

Theurer  freilich  kommt  jener  Menge,  die  nichts  Eigenthümliches  aufzu- 
weisen hat,  und  immer  nur  fehlgreift,  das  Anerkennen  fremder  Verdienste, 
oder  das  Aufgeben  eigner  Vortheile  zu  stehen;  und  wohlfeiler  als  der  stille 
Fleiss  des  Beobachters  ist  jener  laute  Witz  des  Lustigmachers,  der  nichts 
kostet  als  das  Preigeben  eigener  Unwissenheit  —  vor  unwissenden  Zu- 
hörern —  sind  jene  Wortspiele  und  Einfälle,  die  zuletzt  nur  lächerlich 
sind,  aber  Nichts  und  Niemand,  als  etwa  ihren  Urheber,  lächerlich  machen. 
Jochmann,   Briefe  eines  homöop.  Geheilten,   S.   9. 


30  !■   Buch.     Aphorism  5. 

terung,  ein  unumgängliches  Lebensbedürfniss  sind,  ohne  welches 
auf  die  Dauer  kein  körperliches  Wohlbefinden  bestehen  kann: 
so  verhält  es  sich  auch  mit  dem  Ernährungs-Process  e. 
Bei  beständig  gleichförmiger,  weichlicher  und  leicht  zu 
verdauender  Rost  kann  der  Mensch  eben  so  wenig  eine 
kernige  und  ungetrübte  Gesundheit  erhalten,  als  wenn 
er  sich  beständig  in  der  Stube  einschliesst,  vor  jedem  Lüftchen 
verwahrt,  und  jeden  Temperaturwechsel  und  jede  Anstrengung 
vermeidet.48)  Dies  Alles  ist  so  klar  und  so  sehr  überall  durch 
die  Erfahrung  bestätigt,  dass  es  darüber  keiner  weiteren  Worte 
zu  bedürfen  scheint,  als  bloss  der  einfachen  Warnung,  sich  vor 
jedem  Ueb er maasse,  sowohl  in  der  einen,  als  in  der  andern 
Richtung  zu  hüten.49) 

Indessen  dürfte  hier  noch  eine  passende  Stelle  sein,  um 
der,  namentlich  unter  den  höheren  Ständen,  besonders  bei  Frauen, 
viel  verbreiteten  Gewohnheit  Erwähnung  zu  thun,  wo  neben 
der  üblichen,  weichlichen  und  sparsamen  Diät  noch  allerlei  arz- 
neiliche Nebenmittel  angewendet  werden,  um,  wie  es  heisst, 
die  Verdauung  oder  den  Stuhlgang  zu  befördern.50)  Wie 
verkehrt  dies  Verfahren  ist,  leuchtet  schon  aus  dem  Vorherge- 
henden ein-,  aber  das  Uebel  selbst  wird  unausbleiblich  um  so 
schneller  und  sicherer  auf  den  Gipfel  getrieben,  je  öfter  und 
wirksamer  solche  arzneiliche  Angriffe    auf  die  Lebenskraft 


48)  Wo  die  Lebensweise  und  Verhältnisse  Mangel  an  hinreichender 
Körperbewegung  mit  sich  bringen,  da  kann  oft  das  Tanzen  nützlich  wer- 
den, wenn  es  nur  mit  Maass  geschieht,  und  dabei  die  nöthige  Vorsorge 
gegen  Ueberhitzung,  Erkältung,  Kalttrinken  u.  s.  w.  getroffen  wird.  Siehe 
J.  L.  Dorer,  de  saltatione  sanitatem  conservante,  morbos  inducente,  indi- 
cante,  curante.     Argent.  17621 

49)  Wer  seine  Gesundheit  durch  Kühe  und  Schonung  zu  erhalten  ge- 
denkt, ist  demjenigen  gleich,  der  nicht  sehen  oder  sprechen  will,  um  seine 
Augen  oder  seine  Stimme  gut  zu  erhalten. 

Plutarch,  moral.  Sehr.  II,    42. 

50)  Cavendum,  ne  in  seeunda  valetudine  adversa  praesidia  consu- 
mantur.  Celsus,  I.,  1. 


I.  Buch.     Apliorism  6.  31 

wiederholt  werden,  bis  sich  endlich  eine  Arzneikrankheit 
ausgebildet  hat,  welche  sich  durch  nichts  von  einer  natürlichen 
Krankheit  unterscheidet,  als  etwa  dadurch,  dass  sie  langwieriger 
und  schwieriger  zu  heilen  ist. 51) 


6.  Die  heftig-sten  Krankheiten  werden  auch  am  Besten 
mit  den  heftigsten  Mitteln,  mit  Vorsicht  angewendet, 
behandelt. 


Dieser  Ausspruch  des  Hippokrates  ist  einer  von  denen,  die 
vielleicht  zuweilen  missverstanden  sind,  sicher  aber 
vielfaches  Unheil  angerichtet  und  zahlreiche  Opfer  ge- 
kostet haben.  Der  Glossator  hat  deshalb  eben  so  sehr,  als  der 
Commentator,  die  Pflicht  zu  untersuchen,  wem  dabei  haupt- 
sächlich die  Schuld  beizumessen  ist,  ob  der  gewichtigen  Autori- 
tät des  Hippokrates  selbst,  oder  der  verfehlten  oder  missver- 
standenen Anwendung  des  Aphorisms. 52) 

Zuvörderst  ist  dabei  die  Frage  zu  erörtern,  ob  Hippokra- 
tes in  der  That  die  heftigsten  Arzneien,  die  unter  den  ge- 
fährlichsten Giften  zu  suchen  sind,  oder  vielmehr  nur  eine 
energische  Verfahrungsweise,  worunter  man  heutigen  Tages 
oft  die  strengste  Antiphlogistische  versteht,  mit  Einschluss 
aller  zur  Diät    der  damaligen    Zeit    gehörenden  strengen  Vor- 


51)  Nur  zu  häufig  hat  man  Gelegenheit  zu  beobachten,  dass  manche 
Aerzte  die  Nachsicht  und  Gefälligkeit  gegen  ihre  Kranken  (wie  sie  im 
t7tt8rj(iLä>v  xo  EY.rov  (IV,  7)  angerathen  ist,  und  deren  Plinius  XXVI,  3 
heim  Asclepiades  rühmlichst  gedenkt)  bis  zum  Uebermaass  treiben  und  ihnen 
Genüsse  und  sonstige  Freiheiten  gestatten,  welche  theils  an  und  für  sich, 
theils  durch  Vernichtung  oder  Alterirung  der  gereichten  Arzneien,  nothwen- 
dig  zu  ihrem  Nachtheil  gereichen  müssen. 

52)  In  der  Hygea  X.  5  stellt  der  Professor  Dr.  Weber  folgende  Sätze 
auf:  Die  Medizin  ist  keine  positive  Wissenschaft,  sondern  eine  Freie ;  sie 
ist  keine  Apodiktische,  sondern  beruht  auf  Wahrscheinlichkeit;  sie  ist  keine 
Reine,  sondern  beruht  auf  Erfahrung;  sie  ist  nicht  blos  Wissenschaft, 
sondern  auch  eine  Kunst;  sie  ist  keine  fertige  Wissenschaft,  sondern  stets 
eine  Werdende. 


32  I-   Buch.      Aphorism   6. 

schriften,  gemeint  habe  ?  —  Um  hei  Beantwortung  dieser  Frage 
uns  nicht  allzuweit  in  das  Gebiet  einzulassen,  welches  dem  ge- 
lehrten Philologen  gehört,  benutzen  wir  die  Befugniss  des  ein- 
fachen Glossators,  um  dieselbe  in  Bezug  auf  den  ersten  Theil 
derselben  mit  einem  entschiedenen  Ja!  zu  beantworten.  Wir 
fügen  nur  noch  hinzu,  dass  wir  uns  genöthigt  sehen,  jede  be- 
schönigende Deutelei  in  Bezug  auf  den  zweiten  Theil  der 
obigen  Frage  als  eine  falsche  Voraussetzung  und  unrich- 
tige Interpretation  anzusehen.  —  Zu  diesem  Ausspruche 
finden  wir  die  beweisenden  Stellen  in  den  Werken  des  Hippo- 
krates  selbst,  und  in  denen  seiner  berühmtesten  Commentatoren, 
welche  dies  aufs  Bestimmteste  bestätigen  und  jeden  Zweifel 
darüber  beseitigen.  Um  nicht  unnöthiger  Weise  diese  einfachen 
Glossen  mit  Ci taten  zu  überladen,  führen  wir  zu  dem  Ende  nur 
an:  Hipp.  Loc.  in  Hora.  XXXVI,  14.,  und  LV,  7—11;  und  Cels. 
II,  2.,  wozu  noch  dessen  bekannter  Spruch  kommt:  Melius  est 
anceps  periculum  experiri,  quam  nulluni.  Ferner  das  Galenische : 
juvare  cum  periculo!  und  Cicer.  de  off.  Cap.  XXIV. 

Angesichts  solcher  unzweideutigen  Aussprüche  über  die  Be- 
deutung der  „heftigsten  Mittel"  des  Hippokrates  scheint  es 
durchaus  unzulässig,  mit  vielen  neueren  Commentatoren  etwas 
ganz  Anderes,  und  namentlich  hauptsächlich  die  Diät  zu  verstehen. 

Selbst  in  unserer  Zeit,  wo  der  Arzneischatz  einen  Umfang 
erlangt  hat,  womit  der  des  Hippokrates  gar  keinen  Vergleich  zu- 
lässt,  giebt  es  der  Beispiele  nicht  wenige,  wo  der  Arzt  in  ver- 
zweifelten Krankheiten,  um  nicht  als  müssiger  Zuschauer  da- 
zustehen, zu  den  verzweifeltsten  Mitteln  greift,  wie  Galenus 
bei  der  angeführten  Stelle  gerathen  hat.  Nur  allein  der  Um- 
stand, dass  dieser  Aphorism  sich  mitten  zwischen  Jene  verirrt 
hat,  welche  von  der  Diät  handeln,  könnte  dieser  Interpretation 
einen  Schein  von  Wahrheit  verleihen,  wenn  solche  Verstösse 
gegen  eine  logische  Anordnung  nicht  öfter  vorkämen  und  des- 
halb nicht  sonderlich  zu  beachten  wären. 


I,  Buch.     Aphorism  6.  33 

Wenn  nun  ferner  die  Frage  aufgeworfen  wird,  welche  Arzneien 
Hippokrates  zu  den  heftigsten  gerechnet  habe:  so  dürfen  wir 
nicht  übersehen,  dass  zu  jener  Zeit  von  denjenigen,  welche  wir 
heute  unsere  heroischen  Mittel  nennen,  nur  wenige  bekannt 
waren  und  zur  Anwendung  kamen.  Von  unseren  Metallen, 
die  hier  an  der  Spitze  stehen,  hatten  sie  bloss  Blei,  Kupfer, 
Eisen  und  Arsenik,  welche  sie  aber  gröstentheils  nur  äusser- 
lich  anwendeten.  Ihre  gewöhnlichsten  Arzneien  waren  fast  aus- 
schliesslich aus  dem  Pflanzenreiche  genommen ;  aber  die 
heftigst  wirkenden  von  ihnen,  wie  Aconitum  Napellus,  Digitalis 
purpurea,  Nux  vomica,  Pulsatilla  pratensis,  Datura  Stramonium, 
Nicotiana,  Sabadilla,  Rhus  Toxicodendron,  Bryonia  alba  und 
mehre  andere  dieser  Art  finden  sich  nicht  darunter,  und  was 
man  vom  Opium  (nach  Odyss.  IV,  222)  vermuthet  hat,  darf 
wohl  aus  triftigen  Gründen  bezweifelt  werden.  Wir  haben  daher 
alle  Ursache  anzunehmen,  dass  das  Prädicat  der  Heftigkeit 
sich  hauptsächlich  auf  die  Grösse  und  die  häufige  Wieder- 
holung der  Gabe  bezieht,  die  man  in  verzweifelten  Fällen  bis 
zu  dem  Grade  steigerte,  dass  nur  so  eben  die  Grenze  einer 
wirklichen,  tödtlichen  Vergiftung  nicht  überschritten  wurde. 53) 

Im  Wesen  dieser  Methode,  durch  Verstärkung  und 
Vervielfältigung  der  Dosen  die  Arzneien  zu  den  heftigst  wir- 
kenden zu  machen,  und  damit  die  heftigsten  Krankheiten  zu 
bekämpfen,  liegt  aber  gerade  einer  der  wesentlichsten  Unter- 
schiede zwischen  der  Allopathie  und  der  Homöopathie. 
Durch  die  Theorie  sowohl,   als    durch  die  Erfahrung    überzeugt, 


53)  Ungeachtet  der  eingebildeten  Höhe,  worauf  sich  heute  die  Ko- 
ryphäen der  medizinischen  Wissenschaften  zu  befinden  wähnen,  dürfte  es 
schwerlich  Einen  von  Ihnen  geben,  der,  wie  ehedem  Asklepiades,  seiner 
Sache  so  gewiss  wäre,  dass  er  seinen  ganzen  ärztlichen  Ruf  für  verloren 
erklärte,  wenn  er  selbst  jemals  krank  würde.  Und  in  der  That,  wie  die 
Geschichte  (Plinius  VII,  37)  meldet,  starb  er  an  einem  Sturze  von  der 
Treppe,  ohne  jemals  krank  gewesen  zu  sein.  Jetzt  sucht  der  kranke 
Arzt  jedesmal  Rath  und  Hülfe  bei  einem  Andern! 


34  I.  Buch.     Aphorism  ß. 

dass  die  Heilung  einer  Krankheit  nur  durch  zweckmässige 
Reizung  und  Unterstützung  der  Lebensthätigkeit  zu  voll- 
führen, und  dass,  bei  völligster  Angemessenheit  der  dazu  ver- 
wendeten Arznei,  diese  in  den  kleinsten  Gaben  zurei- 
chend ist,  um  die  nöthige  Reaction  hervorzurufen,  wobei 
jedes  Uebermaass  nur  hinderlich  sein  kann,  wählt  der 
Homöopath  gerade  umso  kleinere  Gaben,  je  an  gegriffener 
der  Kranke  ist,  und  wiederholt  solche  nur  dann,  wenn,  bei 
gleichbleibenden  Zeichen,  die  Wirkung  nicht  genügt,  oder  allzu 
früh  nachlässt. 54) 

Unter  solchen  Verhältnissen  und  Umständen  wollen  wir 
daher  lieber  auf  das  Prädicat  eines  Hippokratischen  Heilkünst- 
lers Verzicht  leisten,  als  mit  der  Gesundheit  und  dem  Leben 
unseres  Patienten  ein  gefährliches  Spiel  treiben,  und  dem  blossen 
Zufalle  anheimstellen,  was  wir  in  den  meisten  Fällen  durch  be- 
sonnene Befolgung  unserer  Lehren  und  Erfahrungen  mit  Sicher- 
heit und  gefahrlos  zu  erreichen  im  Stande  sind.55) 

Aber  gleichzeitig  dürfen  und  wollen  wir  dabei  nicht  ver- 
gessen, dass  Hippokrates  in  seinem  Zeitalter  zuerzt  die  Schwelle 


54)  Die  Schädlichkeit  der  Arzneien  überhaupt,  wurde  schon  in  den 
ältesten  Zeiten  erkannt.  So  sagt  Celsus  (V,  prooem.):  „Horum  (mediea- 
mentorum)  autem  usum  ex  magna  parte  Asklepiades  non  sine  causa  sustu- 
lit;  et,  cum  omnia  fere  medicamenta  stomachum  laedant,  malique  succi  sint, 
ad  ipsius  victus  rationem  potius  omnem  curam  suam  transtulit.  Verum, 
ut  illud  in  plerisque  morbis  utilius  est,  sie  multa  admodum  corporibus  nos- 
tris  ineidere  consuerunt,  quae  sine  medicamentis  ad  Sanitätern  pervenire 
non  possunt."  —  Trotz  alledem,  was  jeder  Arzt  weiss,  hat  man  sich  von 
jeher  so  wenig  bemüht,  durch  sorgfältige  Versuche  die  Quantität  zu  er- 
fahren, welche  von  diesen  schädlichen  Dingen  hinreicht,  um  ohne  sonstigen 
Nachtheil  eine  Krankheit  zu  heilen. 

55)  Le  theoricien  doit  proceder  selon  la  logique,  et  le  praticien  doit 
se  guicler  surtout  par  l'observation.  Au  moyen  de  ce  singulier  expedient 
ou  de  cette  fiction  on  a  pu  conserver  pendant  des  siecles  des  th^ories 
fausses,  une  science  menteuse,  sans  trop  egarer  la  pratique;  le  medecin  a 
pu  deraisonner  sans  nuir  beaueoup  ä  son  malade ,  sans  se  priver  des 
lumieres  de  l'experience. 

Eenouard,   bist,   de  la  med.  II.   513. 


I.  Buch.     Apliorism   7.  35 

einer  naturgem ässen  Heilkunst  betrat,  und  dass  dabei 
nothwendig  manche  Irrthümer  nicht  zu  vermeiden  waren, 
welche  seine  Schüler  und  Nachfolger,  anstatt  solche  zu  befol- 
gen, vielmehr  zu  erkennen  und  zu  verbessern  die  Pflicht  hat- 
ten.56) Die  jetzigen  waghalsigen  Aerzte  haben  desshalb 
keineswegs  die  Entschuldigung  für  sich,  welche  Hippo- 
krates  für  sein,  offenbar  als  irrationell  zu  bezeichnendes  Ver- 
fahren geltend  machen  konnte,  und  es  ist  vollkommen  begrün- 
det, wenn  heutiges  Tages  sämmtliche  gewissenhafte  Aerzte 
die  Richtigkeit  und  Zuverlässigkeit  solcher  Afterlehre  verneinen, 
und  sich  bemühen  —  den  gefährlichen  Ausspruch  zu  entschul- 
digen, indem  sie  demselben  vermittelst  einer  mildernden  Inter- 
pretation einen  andern  Sinn  unterzulegen  suchen,57) 


Je  hitziger  eine  Krankheit  auftritt,  und  je  schneller 
sie  daher  ihren  Höhepunkt  erreicht;  desto  mehr  ist  es 
nötlrig,  sofort  die  magerste  Diät  anzuwenden.  Wo 
dies  aber  nicht  der  Fall  und  reichlichere  Nahrung 
minder  nachtheilig  ist,  da  kann  man  diese  in  dem 
Verhältnisse  gestatten,  wie  die  Krankheit  noch  mehr 
oder  weniger  von  ihrer  Höhe  entfernt  ist. 


56)  „Die  Beispiele  des  grossen  Arztes  von  Kos  und  der  empyrischen 
Schule",  —  sagt  Sprengel  am  Schlüsse  des  I.  B.  s.  Gesch.  d.  Med.,  — 
„lehren  uns  in  diesem  frühesten  Zeiträume,  wie  die  Arzneikunde  bearbeitet 
werden  muss,  wenn  sie  ihren  Zweck  erreichen  soll.  Belehrend,  warnend, 
beruhigend  ruft  uns  die  Geschichte  vergangener  Jahrtausende  zu:  aber  wie 
Wenige  mögen  ihren  Ruf  verstehen,  wie  Wenige  ihn  befolgen!" 

57)  Ueber  die  Meinungsverschiedenheiten  der  Aerzte  klagt  schon  Plinius 
(XXIX.  5) :  —  Hinc  illae  circa  aegros  miserae  sententiarum  concertationes, 
nullo  idem  censente,  ne  videatur  accessio  alterius.  Hinc  illa  infelicis  mo- 
numenti  inscriptio:  turba  se  medicorum  pe risse.  Mutatur  ars  quoti- 
die  toties  interpolis,  et  ingeniorum  Graeciae  flatu  impellimur.  Palamque 
est,  ut  quisque  inter  istos  loquendo  polleat,  imperatorem  illico  vitae  nostrae 
necisque  fieri:  (eu  vero  non  millia  gentium  sine  medicis  degunt,  nee  tarnen 
sine  Medicina:  sicut  populus  Romanus  ultra  sexcentesimum  annum,  nee 
ipse  in  aeeipiendis  artibus  lentus,  Medicinae  vero  etiam  avidus,  donec  ex- 
pevtam  damnavit. 


36  I-   Buch.     Aphorism  8,  9,   10,   11. 

8.  Sobald  eine  Krankheit  ihren  höchsten  Stand  erreicht 
hat,  ist  es  erforderlich,  dass  man  die  magerste  Diät 
befolge. 


Indessen  ist  dabei  nicht  minder  sorgfältig  zu  erwägen, 
ob  der  Kranke  im  Stande  ist,  bis  zur  Höhe  der  Krank- 
heit eine  so  strenge  Enthaltsamkeit  auszuhalten,  ob  er 
dadurch  vielleicht  vor  der  Zeit  allzu  sehr  erschöpft 
wird,  oder  ob  endlich  die  Krankheit  selbst  schon  bal- 
digen Nachlass  in  Aussicht  stellt. 


10.  Bei  denjenigen  Krankheiten,  welche  in  kurzer  Zeit 
ihre  Höhe  erreichen,  muss  sofort  die  magere  Diät  an- 
geordnet werden.  Bei  solchen  aber,  wo  dies  später 
eintritt,  muss  man  erst  kurz  vor  diesem  Zeitpunkte 
und  während  desselben  die  Nahrung  entziehen.  Da- 
gegen nähre  man  im  Anfange  reichlicher,  damit  der 
Kranke  später  die  Entbehrung  um  so  besser  ertragen 
könne. 


11.  Während  der  Verschlimmerung  selbst  ist  jede  Nahrung 
schädlich  und  muss  daher  völlig  entzogen  werden. 
Eben  so  muss  der  Kranke  sich  derselben  während  der 
einzelnen  Anfälle  enthalten,  wenn  solche  periodisch 
wiederkehren. 


Wenn,  wie  von  manchen  Unwissenden  vorgegeben  wird,  die 
Homöopathie  der  Hauptsache  nach  in  der  Diät  bestände,  während 
die  Arznei  ihrer  Geringfügigkeit  wegen  in  keinen  Betracht  käme: 
so  würden  die  Homöopathen  durch  die  vorstehenden  Aphorismen 
befugt  sein,  für  sich  das  Prädicat  ä  cht  er  hipp  okra  ti- 
scher Aerzte  zu  vi.ndiziren.58)  Allein  bis  jetzt  ist  es  noch 
Keinem  von  diesen  eingefallen,  solches  zu  thun,  und  es  dürfte 
schwerlich  Einen  unter   ihnen  geben,  der  in  dem  Umfange,  wie 


58)  Moliri  cibo  melius  est,  quam  medicamento. 

Celsus,  L.  III.  C.  21. 


I.   Buch.     Aphorisin  12.  37 

hier  gelehrt  ist,  die  Diät  am  Krankenbette  zu  handhaben  ver- 
sucht sein  würde.  Ueberdem  klingen  diese  Lehrsätze  in  der 
Theorie  freilich  äusserst  schön  und  verständig,  müssen  aber 
in  der  Praxis  auf  mancherlei  Schwierigkeiten  stossen, 
welche  die  Ausführung  verhindern  oder  gar  abrathen.  Am 
wenigsten  anwendbar  sind  sie  jedenfalls  da,  wo,  wie  bei  der 
richtigen  Medikation  gewöhnlich,  der  natürliche  Verlauf  der 
Krankheit  wesentlich  abgekürzt  und  die  eigentliche  Krisis 
ganz  vermieden  wird. 


12.  Die  Natur  der  Krankheiten  selbst,  die  Jahreszeiten, 
die  zeitweisen  Wiederholungen  der  Anfälle,  die  ent- 
weder täglich  oder  um  den  andern  Tag,  oder  nach 
längeren  Zwischenräumen  eintreten,  geben  Aufklärung 
über  das  Eigenthümliche  solcher  Zufälle  und  ihrer 
Formen.  Zum  Beispiele  möge  der  hitzige  Seitenstich 
dienen.  Findet  sich  nämlich  der  Auswurf  bei  Zeiten 
ein,  so  verkürzt  er  die  Krankheit;  erfolgt  er  aber 
später,  so  zieht  sich  diese  ebenfalls  mehr  in  die 
Länge.  —  In  ähnlicher  Weise  findet  der  Arzt  Be- 
lehrung in  dem  Urin,  in  der  Darmausleerung  und  in 
dem  Schweisse,  ob  nämlich  die  Entscheidung  einer 
Krankheit  leicht  oder  schwierig  ist,  und  ob  sie  daher 
von  längerer  oder  kürzerer  Dauer  sein  wird. 


Dieser  Aphorism  scheint  lediglich  die  Bestimmung  zu  haben, 
zur  Vervollständigung  der  Lehren  über  die  Diät  zu  dienen,  je 
nachdem  der  Verlauf  einer  Krankheit,  durch  keine  Arznei  mo- 
dificirt,  ein  Natürlicher  geblieben  ist,  und  schneller  oder  lang- 
samer zur  Entscheidung  gelangt.  Eben  aus  dem  letzten  Grunde 
und  weil  es  unter  den  Aerzten  nicht  mehr  Sitte  ist,  den  müssigen 
Zuschauer  zu  spielen  und  die  Natur  ungestört  walten  zu  lassen, 
wird  in  unseren  Zeiten  von  diesem  Lehrsatze  nur  eine  seltene 
und  bedingte  Anwendung  gemacht  werden  können. 

Wie  unsicher  aber  solche  allgemeine  Anzeigen  sind, 
beweisen   die   zahlreichen   Widersprüche,   denen   wir  in  den 


38  I.  Buch.     Aphorism  13. 

Schriften  sowohl  der  altern  als  der  jüngeren  Aerzte  begegnen. 59) 
So  haben  z.  B.  Asklepiades  und  Galenus,  jener  in  Athen,  dieser 
in  Rom,  die  Schädlichkeit  des  Aderlasses  beim  Seiten- 
stich beobachtet,  während  derselbe  im  Hellespont  und  auf 
der  Insel  Paros  wohlthuend  war.60)  Ebenso  führt  ein  Com- 
mentator  des  Hippokrates  (Pittschaft)  bei  Gelegenheit  dieses 
Aphorisms  an:  dass,  wenn  die  Fieber-Paroxismen  antici- 
piren,  der  Verlauf  derselben  kürzer,  wenn  sie  hingegen  post- 
poniren,  langwieriger  wird;  wogegen  ein  Anderer  (Brand- 
eis) gerade  das  Umgekehrte  behauptet.  Auf  dergleichen 
Widersprüche  stösst  man  überall  und  nach  allen  Richtungen 
hin,  und  das  Schlimmste  dabei  ist,  dass  man  sich  immer  nur 
um  generelle  Namen  herumdreht,  worin  sich  die  Natur  über- 
haupt niemals  einzwängen  lässt,  und  dass  nirgends  die  Zeichen 
und  Bedingungen  bestimmt  und  deutlich  angegeben  sind,  un- 
ter denen  das  Eine  oder  das  Andere  stattgefunden  hat.  Darin 
liegt  dann  auch  der  Grund,  dass  solche  angebliche  Er- 
fahrungs-Sätze, auch  noch  von  dieser  Seite  betrachtet,  für 
uns  völlig  wer thl os  sind,  wie  wir  schon  beim  ersten  Aphorism 
angedeutet  haben,  und  dass  wir  aus  dem  Studium  aller  dieser, 
sowohl  alten,  als  neuen  Schriften,  nur  wenig  Brauchbares  schö- 
pfen können.61) 

13.  Das  höhere  Greisenalter  erträgt  die  Entziehung  der 
Nahrungsmittel  am  leichtesten;  dann  folgt  in  dieser 
Beziehung  das  Mannesalter;  und  demnächst  das  Jüng- 


59)  Une  science  sans  unite  dans  ses  principes,  sans  fixite  dans  ses  fon- 
demeuts,  qui  flotte  sans  boussole  aus  mille  vents  de  Pexperimentation  Ia 
plus  arbitraire,  ne  saurait  profiter  ä  la  pratique  que  par  le  spectacle  de 
ses  contradietions.  Dr.  Davasse. 

60)  Wie  viel  Tausenden  von  Menschen  hat  nur  allein  der  Name  Pleu- 
ritis, und  die  Gewohnheit,  diese  Krankheit  nur  ihrem  Namen,  nicht  ihrer 
verschiedenen  Natur  gemäss  zu  behandeln,  das  Leben  gekostet? 

Hufeland  kl.  med.    Sehr.  II.  419. 

61)  Non  interpretis  munere  hoc  loco  fungar,  nee  auctoris  sententias 
e  diametro  contrarias  conciliare  contendam.  Cons.  Fernel.  XL  VI. 


I.  Buch.     Aphorism  13.  39 

lingsalter.     Am    wenigsten    ertragen    dies  die  Kinder, 
und  vorzüglich  solche,  welche  sehr  lebhaft  sind. 


Dieser  Lehrsatz  gilt  sowohl  für  den  Gesunden,  als  für  den 
Kranken,  und  ist  im  allgemeinen  vollkommen  richtig.  Es  ist 
daher  um  so  mehr  zu  verwundern,  dass  Celsus  (I,  3)  damit 
in  einigem  Widerspruche  steht,  wenn  er  Personen  des  höch- 
sten Greisen  alters  (senectute  confecti)  in  dieser  Beziehung 
mit  den  Kindern  (pueris)  in  dieselbe  Linie  stellt.  Zur  Auf- 
klärung dürfte  hiebei  dienen,  dass  die  Alten  das  menschliche 
Leben  in  sechs  Hauptperioden,  und  die  Letzte  davon  noch- 
mals in  drei  Unterperioden  eintheilten.  Die  erste  war 
nämlich  die  Kindheit  (pueritia)  von  der  Geburt  bis  zum  voll- 
endeten dreizehnten  Lebensjahre;  die  zweite  die  Mannbar- 
keit (pubertas)  bis  zum  Achtzehnten;  dann  die  dritte  die 
Adoleszenz  (adolescentia)  bis  zum  Fünfundzwanzigsten,  und 
hiernach  die  Jugend  (Juventus)  bis  zum  Fünfunddreissigsten. 
Nun  erst  kommt  das  männliche  Alter  (aetas  virilis),  welches 
bis  zum  fünfzigsten  Jahre  dauert,  und  wonach  das  Alter  be- 
ginnt. Diese  letzte  Periode  (senectus)  zerfällt  in  drei  Unter- 
perioden, nämlich:  in  das  kräftige  Alter,  (senectus  virilis) 
vom  fünfzigsten  bis  zum  sechzigsten  Jahre,  in  das  zweite  Alter 
(senectus  secunda)  vom  sechzigsten  bis  zum  siebenzigsten  Jahre, 
und  endlich  das  vollendete  Qreisenalter  (senectus  confecta) 
vom  siebenzigsten  Jahre  bis  zum  Tode62)  (welche  letzte  Stufe 
der  Glossator  schon  seit  einigen  Jahren  betreten  hat).  In  die- 
sem   Greise nalter    nähert    sich  der    Mensch    freilich    wieder 


62)  Pythagoras  theilte  das  menschliche  Leben  in  vier  gleiche  Theile: 
vom  1.  bis  zum  20  Jahre  sei  man  ein  Kind,  vom  20.  bis  zum  40.  ein 
junger  Mensch,  vom  40.  bis  zum  60.  erst  ein  Mensch,  vom  60.  bis  zum 
80.  .ein  alter,  abnehmender  Mensch,  und  nach  dieser  Zeit  rechnete  er  Nie- 
mand mehr  unter  die  Lebendigen,  er  möge  auch  noch  so  lange  leben  als 
er  wolle. 


AQ  I.  Buch.     Aphorism  14. 

gewissermaassen  dem  K in  d liehen,  aber  in  unsern  nördlichen  Län- 
dern später,  als  in  den  Südlichen,  und  am  spätesten  bei  solchen 
Personen,  welche  durchweg  ein  regel-  und  ordnungsmässi- 
ges  Leben  führen,  und  die  mitunter  vorkommenden  Beschwer- 
den (durch  homöopathische  Mittel)  schnell  und  leicht  be- 
seitigen, ohne  dabei  den  übrigen  gesunden  Theil  des  Or- 
ganismus im  Mindesten  anzugreifen.63)  Ob  aber,  im  Wider- 
spruche mit  Hippokrates,  solche  vollendete  Greise  in  Beziehung 
auf  die  Ernährung  mit  den  Kindern  in  gleicher  Linie  stehen, 
dürfte  schwer  anzunehmen  sein  und  wenigstens  sehr  zahlreiche 
Ausnahmen  nöthig  machen. 


14.  So  lange  der  Mensch  noch  im  Wachsthume  begriffen 
ist,  hat  er  die  meiste  Wärme  in  sich,  und  bedarf 
daher  der  reichlichsten  Nahrung,  indem  sich  sonst  der 
Körper  innerlich  aufzehren  würde.  Alte  Leute  hin- 
gegen haben  wenig  Wärme  und  bedürfen  daher  auch 
weniger  Nahrung,  deren  Uebermaass  ihnen  eher  nach- 
theilig sein  würde.  —  Eben  aus  derselben  Ursache, 
weil  die  Alten  kalter  Natur  sind,  treten  bei  ihnen 
auch  die  Fieber  mit  geringerer  Heftigkeit  auf. 64) 


63)  Dass  selbst  berühmte  Aerzte  nicht  frei  waren  von  dem  Wahne, 
durch  Arzneien  das  Leben  zu  verlängern,  beweist  van  Helmont,  welcher 
vermittelst  seines  Elixir  proprietatis  dasselbe  weit  über  hundert  Jahre  zu 
bringen  versprach,  solches  aber  für  sich  selbst  nicht  bis  zum  Fünfzigsten 
brachte.  —  Wir  wissen  nicht,  ob  und  worin  dieses  verschieden  ist  von  dem 
Elixir  proprietatis  Paracelsi,  welches  noch  heute  unsere  Pharmakopoen 
führen. 

64)  Bei  Gelegenheit  von  Cullens  Ausspruch  über  die  grössere  Nahr- 
haftigkeit und  leichtere  Verdaulichkeit  des  Fleisches  von  völlig  ausgewachsenen 
Thieren,  sagt  Hahnemann  (Mat.  med.  I,  405)  in  der  Anmerkung:  —  „Was 
wird  die  gewöhnliche  Zunft  der  Aerzte  hiezu  sagen,  die  nichts  für  leicht 
verdaulich  hält,  als  was  zu  weichem  Brei  durch  Kochen  wird?  Nur  recht 
junge  Hühner,  recht  zartes  Kalb-  und  Lammfleisch,  recht  weich  gekocht, 
heisst  ihnen  leicht  verdaulichst  für  den  schlaffsten  Magen;  Roastbeef  müsse 
entsetzlich  lange  unverdaut  im  Magen  liegen,  glauben  sie,  und  doch  wider- 
legt sie  alle  Erfahrung.  —  Aber  dagegen  können  sie  auch  nicht  begreifen, 
dass  der  Magen  nicht  die  Speisen   durch   seine   Muskelkraft  zerreibe,  nicht, 


I.  Buch.     Aphorism  14.  41 

Es  geht  dem  Hippokrates  an  dieser  Stelle,  wie  fast  allen 
seinen  Vorgängern,  bis  auf  unsere  Zeit  herab.  Man  begnügt 
sich  nicht  mit  der  einfachen  Thatsache,  wie  die  Erfahrung 
sie  angiebt,  sondern  man  will  sie  auch  erklären.  Dieses  Sym- 
ptom einer  gründlichen  Wissbegierde,  das  allerdings  an  und  für 
sich  überaus  ehrenwerth  ist,  scheint  jedem  Menschen  eingeboren, 
und  ein  Attribut  seines  zum  Denken  und  Combiniren  geneigten 
Geistes  zu  sein.65)  Wenn  man  aber  fragt,  was  eigentlich  unter 
Erklärung  einer  Sache  verstanden  wird,  so  muss  man  ant- 
worten: dass  damit  auf  eine  Gleichförmigkeit  oder  Aehn- 
lichkeit  mit  irgend  einer  andern  bekannten  Erscheinung  in 
der  Natur  hingewiesen  wird,  und  zwar  oft  auf  eine  solche,  die 
man,  wenn  man  sie  etwas  genauer  beleuchtet,  ihrem  Wesen 
nach  ebenso  wenig  begreift,  als  die  zu  Erklärende,  obwohl 
sie  übrigens  keinem  Zweifel  unterliegt  und  täglich  vor  unsern 
Augen  vorgeht.  Im  Grunde  haben  daher  solche  Erklärungen 
mehr  die  Eigenschaft  eines  Gleichnisses,  und  wenn  es  im 
Sprichworte  heisst:  omnis  comparatio  Claudicat;  so  darf  dieses 
claudicare,  (wie  Corn.  Nepos  im  Agesilaus  sagt)  nur  auf  einem 
Beine  stattfinden,  weil  sonst  der  Vergleich  nicht  mehr  bloss 
hinkt,   sondern  ganz  lahm  und  unbrauchbar  wird66) 


dass  die  Speisen  anders  zum  gleichartigen  Chymus  werden,  als  durch  eine 
Art  von  Kochung,  wie  in  unseren  Küchentöpfen,  oder  wie  im  Digestor. 
Daher  sie  fleissig  hei  der  Mahlzeit  zu  trinken  rathen,  damit  alles  recht 
weich  gekocht  werde.  Dass  ungekaut  und  ungekocht  verschluckter,  magerer 
Schinken  vom  lauen  Magensafte  leicht  zum  Zerfliessen  gebracht  werde, 
können  sie  sich  nicht  einhilden." 

65)  Unselig  Mittelding  von  Engeln  und  von  Vieh, 

Gott  gab  dir  die  Vernunft,  und  du  gehrauchst  sie  nie. 

Haller. 

66)  Argumentum  concludit,  sed  non  certificat,  neque  removet  dubita- 
tionem,  ut  quiescat  animus  in  intuitu  veritatis,  nisi  eam  inveniat  via  ex- 
perientiae.  Bacon,  Op.  maj.  VI,  1. 

Man  wird  finden,  dass  mit  zunehmendem  Alter  die  Ueberzeugung,  man 
könne  in  der  Arzneikunst  wenig  oder  gar  nichts  erklären,  immer  mehr  zu- 
nimmt. G.  A.  Richter,  Spez.  Therap.  I.  Einleitung. 


42  !•  Buch.     Aphorism  14. 

Hier  nun  wird  der  Verda  uungs-Process,  wie  es  auch 
noch  heutiges  Tages  geschieht,  mit  einer  Verbrennung  ver- 
glichen, und  jener  dadurch  deutlich  zu  machen  versucht.67) 
Aber  auch  abgesehen  von  der  sonstigen  Angemessenheit  dieses 
Vergleiches,  darf  man,  um  klar  zu  sehen,  wohl  einen  Schritt  wei- 
ter gehen  und  fragen:  was  denn  eigentlich  eine  Verbrennung 
sei?  —  Wenn  eine  Verbrennung  in  der  Auflösung  und  Zer- 
störung der  brennbaren  Stoffe  durch  Hinzutritt  des 
Feuers  besteht,  so  erstreckt  sich  dieser  Process  über  Alles, 
was  verbrenn  bar  ist,  ohne  das  Eine  oder  das  Andere  dabei  zu 
verschonen.  Bei  der  Verdauung  ist  dies  aber  keineswegs 
der  Fall,  sondern  hier  tritt  bloss  eine  beschränkte  Art  von 
Zersetzung  ein,  welche  die  Chemie  in  solcher  Weise  noch 
nicht  darzustellen  vermochte,  indem  sie  sich  eben  nicht  weiter 
erstreckt  als  nöthig  ist,  um  diejenigen  Bestand th eile  der 
Nahrung,  welche  für  die  Erhaltung  des  lebenden  Kör- 
pers erforderlich  sind,  von  den  dazu  Unbrauchbaren  abzu- 
sondern,  damit  jene  aufgenommen,  diese  aber  ausgeschieden 
werden  können.68)     Man     sollte    meinen,    dass    die    geringen 


67)  Schon  v.  Helmont  bemerkt  (ort.  med.  p.  162)  sehr  richtig:  „dass 
die  Wärme  die  Verdauung  gar  nicht  befördert,  denn  diese  geht  in  der 
stärksten  Fieberhitze  nicht  besser  von  Statten,  als  in  Fischen,  die  der 
thierischen  Wärme  der  Säugethiere  durchaus  entbehren." 

68)  Aeusserst  wahr  und  treffend  sagt  Hufeland  in  seiner  Makrobiotik 
(I,  7):  —  „Unaufhörlich  werden  neue  Bestandteile  aus  der  ganzen  uns 
umgebenden  Natur  anfgefasst,  aus  dem  todten  Zustande  zum  Leben  hervor- 
gerufen, aus  der  chemischen  in  die  organische  belebte  Welt  versetzt,  und 
aus  diesen  ungleichartigen  Theilen  durch  die  schöpferische  Lebenskraft  ein 
neues,  gleichförmiges  Produkt  erzeugt,  dem  in  allen  Punkten  der  Charakter 
des  Lebens  eingeprägt  ist.  Aber  eben  so  unaufhörlich  verlassen  die  ge- 
brauchten, abgenützten  und  verdorbenen  Bestandtheile  diese  Verbindung 
wieder,  gehorchen  den  mechanischen  und  chemischen  Kräften,  die  mit  den 
Lebenden  in  beständigem  Kampfe  stehen,  treten  so  wieder  aus  der  or- 
ganischen in  die  chemische  Welt  über,  und  werden  wieder  ein  Eigenthuin 
der  allgemeinen  unbelebten  Natur,  aus  der  sie  auf  kurze  Zeit  ausgetre- 
ten waren." 


I.  Buch.     Aphorism    14.  43 

Aehnlichkeiten,  welche  sich  dabei  mit  der  eigentlichen 
Verbrennung  darstellen,  nicht  hinreichen  dürften,  um  beide 
für  identisch,  oder  auch  nur  für  ähnlich  anzusehen.  Vielmehr 
wird  auch  hier  der  vorurtheilsfreie  Beobachter  wieder  eine 
Erscheinung  wahrnehmen,  welche  ihm  die  grossen  Unter- 
schiede erkennen  lässt,  die  zwischen  der  lebenden  und  der 
todten  oder  abgestorbenen  Natur  bestehen,  und  die  ihn 
warnen,  die  che  mischen  Vorgänge69)  bei  todten  Körpern 
nicht  mit  den  organischen  Processen  zu  verwechseln, 
welche  in  einem  Körper  vor  sich  gehen,  so  lange  dieser  von 
einer  höheren,  immateriellen  Dynamis  beherrscht  und  in  allen 
seinen  Thätigkeiten  geleitet  wird.70) 

Wir  werden  im  Verfolge  dieser  Glossen  noch  öfter  Gelegen- 
heit haben,  auf  diese  wesentliche  und  so  oft  übersehene  Ver- 
schiedenheit zwischen  Leben  und  Tod  zurückzukommen, 
worüber  sich  der  gelehrte  Professor  Dr.  Schultz-Schultzenstein 
in  der  ersten  Sitzung  der  dreiunddreissigsten  Versammlung 
deutscher  Naturforscher  und  Aerzte  (in  Bonn  1857)  in  so  be- 
redter  und  eindringlicher  Weise   ausgesprochen  hat,  und  worauf 


69)  Was  wir  durch  unsere  gesunden  Sinne,  namentlich  durch  das  Auge, 
das  Gehör,  den  Geruch  und  den  Geschmack  wahrnehmen  und  zu  unterschei- 
den wissen,  kann  weder  durch  die  Physik,  noch  durch  die  Chemie  in  seiner 
Eigenthümlichkeit  dargestellt  werden. 

70)  Der  alte,  so  oft  als  bildliche  Redefigur  gehrauchte  Spruch:  Der 
Geist  beherrscht  die  Masse!  bewahrheitet  sich  nirgends  umfassender  und 
ausnahmsloser,  als  da,  wo  ein  organisirter  Körpertheil  unter  der  Herrschaft 
des  Geistes  der  Lebenskraft  steht. 

Es  entspricht  im  Ganzen  der  Erfahrung,  was  Plinius  (XI,  118)  über 
die  Verdauung  und  deren  Einfiuss  sagt:  „Somno  concoquere,  corpulenttae 
quam  firmitati  utilius.  Ideo  athletae  malunt  cibos  ambulatione  perficere. 
Pervigilio  quidem  praecipue  vincuntur  cibi.  Augerunt  corpora  dulcibus, 
atque  pinguibus  et  potui,    minuuntur    siccis  et  aridis    frigidisque,    ac  siti!" 

Möchten  die  chemischen  Arzneimittellehrer  doch  die  stets  sich  wieder- 
holende Thatsache  reiflich  erwägen,  dass  bei  der  Heilung  kein  Verhältnis« 
in  der  Menge  zwischen  der  Arznei  und  der  Krankheit  besteht,  mithin  ein 
auffallender  Unterschied  zwischen  einem  Heilungsvorgange  und  einem  chemischen 
Processe  stattfindet.  Dr.   Stens,  die  Ther.  uns.  Zeit,  S.  52. 


44  !•   Buch.     Aphorism   15. 

im  Grunde    das    ganze    System  der    Homöopathie    begrün- 
det ist. 


15.  Im  Winter  und  im  Frühjahre  ist  die  natürliche  Wärme 
der  inneren  Bauchhöhle  erhöht  und  der  Schlaf  ver- 
längert. In  diesen  Jahreszeiten  muss  daher  reich- 
lichere Nahrung  genommen  werden,  indem  wegen  der 
vorhandenen  grösseren  Wärme  auch  eine  grössere 
Menge  von  Nahrungsstoff  verbraucht  wird.  Den  Be- 
weis dafür  liefern  die  verschiedenen  Altersstufen  und 
die  Wettkämpfer. 


Wenn  man  auch  Bedenken  tragen  darf,  der  angeführten 
Begründung  dieses  Lehrsatzes  beizustimmen,  so  muss  man 
doch  die  Richtigkeit  der  Thatsache  anerkennen,  welche  die 
Salernitanische  Schule  (Cap.  19)  etwas  vollständiger  und  mit  Hin- 
zufügung des  Inhalts  des  18.  Aphorisms,  aber  ohne  jene  wissen- 
schaftliche Verbrämung,  in  den  folgenden,  damals  üblichen 
leoninischen  Versen  ausspricht,  und  welche  sich  in  solchem  Ge- 
wände dem   Gedächtnisse  leichter  einprägt: 

Temporibus  veris  modicum  prandere  juberis, 

Sed  calor  aestatis  dapibus  nocet  immoderatis. 

Auctumni  fructus,  caveas,  ne  sint  tibi  luctus; 

De  mensa  sume  quantumvis  tempore  brumae. 

Kälte  und  Wärme,  eben  so  wie  Trockenheit  und 
Feuchtigkeit,  spielten  in  der  alten  Medizin  und  bis  zu  nicht 
allzu  entfernten  Zeiten  herunter  eine  grosse  Rolle.  Aber  wenn 
auch  hie  und  da  Einer  sie  für  ein  Princip  ausgab,  wonach  die 
Behandlung  eines  Kranken  eingerichtet  werden  sollte ,  so  war 
doch  meistens  nur  ihre  Bestimmnng,  eine  wissenschaftlich 
sein  sollende  Erklärung  unbestrittener  Thatsachen  ab- 
zugeben. Wenn  deshalb  auch  zuweilen  einlrrthum  mit  unter- 
lief, so  war    der   Nachtheil   eben    nicht   erheblich,   und   meistens 


I.  Buch.     Aphorism  15.  45 

ohne  allen  Einfluss  auf  die  empyrische  Medikation,  welche 
vor  allen  Dingen  nach  der  bisherigen  Erfahrung  angeordnet 
und  erst  hinterher  durch  ähnliche  Sprüche  gleichsam  illustrirt 
wurde. 71) 

Weit  gefährlicher  in  ihren  Folgen  auf  die  Praxis  war 
ohne  Zweifel  der  Erklärungs-Versuch  einiger  neuen  Phy- 
siologen, welche  die  unbestrittenen  T  hat  Sachen  lediglich  auf 
Rechnung  des  zwischen  dem  Magen  und  der  Haut  stattfinden- 
den Antagonismus  setzten.72)  Ihnen  zu  Folge  sollte  näm- 
lich die  Verminderung  der  Hautausdünstung  im  Winter 
eine  Vermehrung  der  Absonderung  des  Magensaftes,  und 
eben  so  das  Gegentheil  im  Sommer  von  dem  umgekehrten  Ver- 
hältnisse eine  natürliche  Folge  sein.  Darnach  würde  es  als  ein 
durchaus  rationelles  Verfahren  erscheinen,  wenn  der  Arzt,  um 
den  Appetit  zu  heben,  und  um  die  Verdauung  zu  beför- 
dern, die  Hautthätigkeit  künstlich  verminderte,  oder  gar 
unterdrückte,  was  glücklicher  Weise  nicht  leicht  gelingen, 
aber  zuverlässig  den  beabsichtigten  Zweck  durchaus  verfehlen 
würde.73)  Aber  zur  Ehre  des  Hippokrates  und  seiner  Schüler 
möge  hinzugefügt  werden,  dass  ein  solches  Unheil- Verfahren  wohl 
niemals  bei  einem  verständigen  Arzte  zur  Ausführung  gekom- 
men ist,  und  dass  in  diesem  Aphorism  wohl  hauptsächlich  nur 
eine,   zur   Erleichterung   des   Kranken   dienende   Modifikation    in 


71)  Les  logiciens,  et  ceux  qui  jugent  des  maladies  par  leur  propre  en- 
tendement,  le  plus  souvent  sont  homicides.  Breche,  p.  231. 

72)  Tout  medecin  de  boune  foi  sera  oblige  de  recounaitre,  que  les 
travaux  des  anatomo-pathologistes,  pris  dans  leur  ensemble,  ont  ete  d'un 
bien  faible  secours,  jusqu'ici,  ä  la  pratique  medicale. 

Leon  Simon,  Exposition,  p.  394. 

73)  Er  —  (der  Arzt  der  physiologischen  Schule)  —  könnte  ferner  mit 
dem  gleichen  Rechte  behaupten,  es  sei  unbegreiflich,  daher  auch  nicht  mög- 
lich, dass  dasselbe  Sonnenlicht  das  Wachs  bleiche  und  das  Chlorsilber 
schwärze,  weil  dieselbe  Ursache  nicht  verschiedene  Wirkungen  haben  könne. 

Dr.  v.  Grauvogl,  d.  hom.  Aehnl.-Gesetz,    §.  70. 


46  I-  Buch.     Aphorism  16. 

der  überstrengen  Diät,  wie   die  Alten    sie   vorgeschrieben,   beab- 
sichtigt wurde. 74) 


1  (3.  Flüssige  Nahrungsmittel  sind  allen  Fieberkranken  zu- 
träglich, am  meisten  aber  Kindern  und  denen,  die  an 
eine  solche  Diät  gewöhnt  sind. 


Es  ist  eine  alte  und  constante  Erfahrung,  dass  in  den  mei- 
sten Fällen  die  Fieber,  worunter  hier  wohl  hauptsächlich  die 
Fieberhitze  zu  verstehen  ist,  von  Durst  begleitet  sind,  und 
dass  die  Befriedigung  desselben  durch  Trinken75)  von  der  Natur 
selbst  angeordnet  ist. 76)  In  so  weit  also  spricht  dieser  Aphorism 


74)  Unter  den  Alten  war  ohne  Zweifel  Herophilus  der  gelehrteste  Ana- 
tom; aher  er  hatte  auch,  nach  dem  Zeugnisse  des  Celsus  (in  praef.)  zahl- 
reiche Verbrecher  lebendig  geöffnet,  weshalb  ihn  Tertullianus  (de  anima 
c.  10.)  „medicus  aut  lanius"  nennt,  der  sechshundert  lebende  Men- 
schen aufgeschnitten  habe,  um  die  Natur  zu  studiren. 

Ein  Bursche,  der  über  einem  Cadaver  nicht  das  feinste  Essen  vergisst, 
wird  nie  ein  tüchtiger  Anatom.  Dr.  Mausard. 

„Wir  können  die  Gemengtheile,  welche  den  thierischen  Körper  bilden", 
—  gesteht  selbst  der  wahrheitsliebende  Chemiker  Hermbstädt,  —  „nur  nach 
seinem  Tode  untersuchen  und  nur  daraus  beurtheilen,  welche  Veränderungen 
solche  gegen  einander  auszuüben  vermögend  sind.  Was  die  Lebens- 
kraft hierbei  wirken  kann,  und  wirklich  wirkt,  ist  uns  gänzlich  unbekannt ! 
Dass  aber  die  Actionen,  welche  die  Bestandteile  des  thierischen  Körpers 
nach  dessen  Tode  auf  einander  ausüben,  wesentlich  von  denjenigen  ver- 
schieden sind,  welche  während  der  Activität  der  Lebenskraft  stattfinden, 
lehrt  die  Erfahrung.  Wir  wissen  daher  noch  gar  nicht,  ob  und  in  wie  fern 
die  Bestandtheile  des  thierischen  Körpers  nach  dem  Tode  noch  dieselben 
sind,  die  sie  im  Leben  waren:  wir  wissen  nicht,  ob  nicht  mit  dem  letzten 
Actus  der  Lebenskraft  eine  neue  Wechselwirkung  ihren  Anfang  nimmt  und 
neue  Stoffe  gebildet  werden;  und  dieses  muss  allerdings  erst  noch  ausge- 
mittelt  werden,  bevor  der  Pathologe  mit  Zuversicht  ein  Urtheil,  aus  chemischen 
Principien  entwickelt,  wagen  darf." 

75)  Mit  dem  Definiren  ist  es  oft  eine  eben  so  schwierige  Sache,  als 
mit  dem  Erklären.  Eine  überall  und  unter  allen  Verhältnissen  durchaus 
gültige  Dcfinirung  des  Trinkens,  im  Gegensatze  zum  Essen,  möge  als 
Beispiel  dienen ;  obwohl  man  im  gemeinen  Leben  in  der  Anwendung  der  einen 
oder  der  anderen  Bezeichnung  sich  wohl  schwerlich  jemals  irrt. 

76)  Viele  Jäger,  besonders  die  im  höheren  Gebirge,  kennen  sehr  wohl 
das  echt    homöopathische  Mittel,    um    in    wenigen  Minuten    den    heftigsten 


I.  Buch.     Aphorism   16.  47 

sich  im  Allgemeinen  ganz  den  Forderungen  der  Natur  gemäss 
aus.  —  Aber,  wie  überall  in  derselben,  kommen  auch  hier  wie- 
der Ausnahmen  von  der  Regel  vor,  die  auf  Beachtung  und  Be- 
folgung nicht  minder  Anspruch  haben,  als  diese  selbst.  Es  giebt 
nämlich  Fieber,  welche,  wie  jeder  Arzt  weiss,  ganz  ohne  Durst 
sind;  Andere,  wo  nur  beim  Froste  Durst,  bei  der  Hitze 
aber  gänzliche  Dur stlosigkeit  eintritt;  bei  noch  Anderen 
erscheint  der  Durst  vor  dem  Fieber,  oder  zwischen  Frost 
und  Hitze,  oder  erst  nach  dem  Fieberschweisse.  Alle  der 
artigen  Verschiedenheiten,  wovon  Jede  bekanntlich  auf  bestimmte 
Mittel  hinweist,  sind  für  den  Homöopathen  von  vorzüglicher 
Erheblichkeit  und  für  die  Wahl  der  hülfreichen  Arznei  von  weit 
grösserer  Wichtigkeit,  als  die  obige  allgemeine  Regel.  Denn  eben 
in  solchen  Ausnahmen  liegen  die  meisten  und  vorzüg- 
lichsten charakteristischen  Zeichen,  welche  uns  über 
die  Angemessenheit  der  Arznei  die  sicherste  und  bestimmteste 
Auskunft  geben. 

Die  ältesten  Aerzte,  von  Hippokrates,  Galenus  uud  Celsus 
an,  waren  ungemeine  Lobpreiser  des  vielen  Wassertrin- 
kens77) beim  Fieber,  und  schon  von  dieser  Zeit  her  schreibt 
sich  der  alte  Spruch:  „bibendum  aut  moriendum!"  Auch  die, 
vorzüglich  in  Frankreich  noch  sehr  übliche  Ptisane  von  einer 
• 

Durst  zu  stilleu.  Wenn  sie  nämlich  nach  einer  anstrengenden  Fasstour, 
namentlich  bei  schwüler  Gewitterluft,  triefend  vor  Schweiss,  von  einem  fie- 
berhaften, quälenden  Durst  ergriffen  werden,  welcher  sich  durch  keinerlei 
Getränk  besänftigen  lässt:  so  nehmen  sie  ein  Paar  kleine  Körnchen  Koch- 
salz, lassen  diese  auf  der  Zunge  zergehen,  und  der  Durst  ist  sofort  gänz- 
lich und  dauerhaft  verschwunden.  Wir  selbst,  sowie  Mehrere  unserer  Be- 
kannten, haben  die  Unfehlbarkeit  dieses  Mittels  in  öfteren  ähnlichen  Fällen 
an  uns  selbst  erprobt. 

77)  In  den  Tischreden  des  Plutarch  (VI,  4)  finden  wir  ein  leicht  aus- 
führbares Mittel,  auch  in  der  heissen  Jahreszeit  ein  möglichst  kaltes  Trink- 
wasser zu  erhalten.  Man  schöpft  solches  nämlicli  schon  Abends  und  lässt 
es  über  Nacht  in  dem  Gefässe,  dicht  über  dem  Wasser  des  Brunnens 
hängen. 


48  I.  Buch.     Aphorism  16. 

Abkochung  von  Gerstenschrot,  stammt  schon  vom  Altvater  der 
Medizin  her,  wie  in  dessen  Schrift  über  die  Lebensordnung  in 
hitzigen  Krankheiten  zu  lesen  ist. 

Aber  dasjenige,  was  wir  heute  die  Wasserkur  nennen, 
und  wobei  der  innerliche  Genuss  des  Wassers,  sowie  die  äussere 
Anwendung  desselben  bis  zum  Uebermaass  getrieben  wird,  ist 
eben  so  gut  eine  Erfindung  der  neueren  Zeit,  als  die  trockne 
Semmel- Kur,78)  und  wird  nicht  leicht  mit  den  grossen  Fort- 
schritten in  Einklang  zu  bringen  sein,  welche  in  der  selben  Zeit 
die  Physiologie  gemacht  hat.79) 


78)  DasKriegsministerium  in  M...  verbot  durch  Rescriptvoni  12.  Mai 
1853  in  den  Militär-Krankenhäusern  die  Homöopathie,  die  Semmelkur,  die 
Morison'schen  Pillen,  die  Sympathie  und  andere  derartige  Mode-Kuren,  aber 
nicht  die  Wasserkuren.   —  Ne  sutor  ultra 

79)  Quant  ä  dire  de  l'hydrotherapie  qu'elle  ait  jamais  gueri,  c'est  ä  dire 
une  diathese  morbide  quelle  qu'elle  soit,  je  le  nie  abseulument;  et  je 
trouve  le  preuve  de  mon  opinion  dans  les  nombreux  malades  que  j'ai  vus 
apres  qu'ils  avaient  use  de  ce  moyen  pendant  un  temps  assez  long.  — 
Continue  pendant  longtemps,  il  use  la  vie  qu'il  devrait  conserver.  C'est 
une  maniere  de  vivre  avec  energie;  mais  de  vivre  vite.  J'ai  ete  souvent 
frappe  de  la  rapidite  avec  laquelle  ont  vieilli  les  adorateurs  passionnes  de 
l'eau  froide.  Leon  Simon,  exposition,  p.  558. 

,,Es  war  einmal  Mode",  —  sagt  J.  J.  Rousseau  in  seinen  Confessions, 
IV,  1  —  „dasfc Wasser  als  Arznei  für  Alles  zu  gebrauchen.  Ich  ergab  mich 
demselben  mit  so  weniger  Vorsicht,  dass  es  mich  beinahe,  nicht  von  meinen 
Leiden,  sondern  von  meinem  Leben  befreit  hätte.  Alle  Morgen  beim  Auf- 
stehen ging  ich  mit  einem  grossen  Becher  an  den  Brunnen  und  trank  beim 
Spazierengehen  zwei  Flaschen  voll;  bei  den  Mahlzeiten  genoss  ich  durch- 
aus keinen  Wein  mehr;  kurz,  ich  trieb  es  soweit,  dass  ich  meinen  Magen 
gänzlich  verdarb,  der  bis  dahin  gesund  gewesen  war.  Da  ich  nicht  mehr 
verdaute,  so  war  ich  überzeugt,  dass  ich  auf  keine  Heilung  mehr  hoffen 
durfte." 

Der  erfahrungsreiche  Hufeland  rechnete  zu  den  vorzüglichsten  Mitteln, 
sich  frühzeitig  „das  Alter  zu  inoculireii",  auch  noch  namentlich  „das  zu 
weit  getriebene  oder  wenigstens  falsch  verstandene  System  der  Abhärtung 
durch  Kälte,  häufige  kalte  und  lange  fortgesetzte  Bäder  in  Eis  wasser  u.  s.w." 
Es  kann  nichts  geschickter  sein,  den  Charakter  des  Alters  zu  bewirken, 
als  eben  dies. 


I.  Buch.     Aphorism  17.  49 

17.  Einigen  Kranken  muss  man  täglich  ein-  oder  zwei- 
mal, Anderen  in  grösserer  oder  geringerer  Menge,  und 
wiederum  noch  Anderen  öfters,  aber  jedesmal  nur  wenig 
auf  einmal  an  Nahrung  zukommen  lassen.  Hier  hat 
man  sich  nach  der  Gewohnheit,  nach  der  Jahreszeit, 
nach  der  Himmelsgegend  und  nach  dem  Alter  zu 
richten. 80) 


Unter  den  «massgebenden  Bedingungen  und  Verhältnissen, 
worauf  der  Arzt  bei  seinen  Diät-Vorschriften  ein  besonderes 
Augenmerk  zu  richten  hat,  und  die  hier  in  der  letzten  Phrase 
in  ganz  allgemeinen  Zügen  angeführt  sind,  fehlt  offenbar  die 
Hauptsache,  nämlich:  die  Natur  der  Krankheit  und  das  Stadium, 
worin  sich  solche  befindet.  Es  macht  nämlich  einen  grossen 
Unterschied,  in  welchem  Grade  die  Verdauungsorgane  ange- 
griffen sind,  und  eben  so,  inwiefern  die  allgemeine  Schwäche 
einer  Unterstützung  durch  Nahrung  bedarf.  Gerade  in  diesen 
beiden  Beziehungen  hat  der  Arzt  oft  die  grössten  Schwierigkei- 
ten zu  lösen,  um  das  richtige  Maas  zu  beurtheilen,  indem  dabei 
der  Kranke  nicht  selten  Abneigungen  oder  Bedürfnisse 
äussert,  die  lediglich  in  seinem  abnormen  Zustande  ihren  Ur- 
sprung haben,  und  daher  leicht  zu  Trugschlüssen  verleiten.  Das 
entschiedene  Verlangen  nach  Diesem  oder  Jenem,  sowie  die 
bestimmt  ausgesprochene  Abneigung  gegen  gewisse,  sonst 
unschädliche  Dinge,  machen  in  der  Regel  davon  eine  Ausnahme, 
und  geben  fast  stets   dem   Arzte   eben   so   sichere   Fingerzeige, 


80)  Die  reichen  Griechen  speiseten,  wie  es  auch  heute  geschieht,  spät 
zu  Mittage.  Nach  Aristophanes  (£->ikXt]Oi.<x£ov6uis)  gingen  sie  zu  Tische, 
wenn  ihr  Schatten  zehn  Fuss  mass. 

Bekanntlich  herrschte  bei  den  alten  Griechen  und  Römern  die  Sitte, 
nicht  des  Mittags,  sondern  erst  Abends  eine  volle  Mahlzeit  zu  halten.  Nach 
derselben  wurde  aber  jede  Art  von  Anstrengung,  sowohl  des  Geistes  als 
des  Körpers,  vermieden. 


50  I-  Buch.  Aphorism  18,   19,  20. 

als  die  Genüsse,  welche  dem  Kranken  zuträglich  oder  schäd- 
lich sind.81) 


18.  Im  Sommer  und  im  Herbste  werden  die  Nahrungs- 
mittel am  schwersten  verdaut;  am  leichtesten  im  Win- 
ter, und  dann  im  Frühjahre. 


Dieser   Aphorism  dient  lediglich  zur  Ergänzung  von  Apho- 
rism I,  15. 


1 9 .  Während  der  periodisch  auftretenden  Verschlimmerungen 
darf  man  dem  Kranken  weder  Nahrung  reichen,  noch 
ihn  dazu  nöthigen;  selbst  kurz  vor  dem  Eintritte  der- 
selben muss  solche  vermindert  werden. 


Desgleichen  eine  Vervollständigung  von  I,  8  und  11. 


20.  Während  und  nach  Eintritt  einer  Krise  darf  weder 
durch  Arznei,  noch  durch  irgend  sonstige  Eeizmittel 
eine  weitere  Einwirkung  hervorgebracht,  oder  die  Vor- 
handene erhöht  werden;  sondern  man  muss  alsdann 
ruhig  den  weiteren  Verlauf  abwarten. 


Das  ist  einer  der  wichtigsten,  aus  sorgfältigster  Be- 
obachtung des  Herganges  in  Krankheiten  geschöpften  Lehrsätze, 
welcher  nicht  ernstlich  genug  beherzigt  und  befolgt  zu  werden 
verdient,  und  wogegen  so  vielfach  gefehlt  wird. 

Wenn  man  das' übliche  Verfahren  vieler  Aerzte  be- 
trachtet und    auf  den,  oft    täglich  von    Neuem  vorgeschriebenen 


81)  Valetudo  sustentatur  notitia  sui  corporis  atcjue  observatione  eamm 
rerum,  quae  aut  prodesse  aut  obesse  soleant.  Cicero  de  off.  L.  2. 


I.  Buch.  Aphorism  20.  51 

Recepten  die  Signatur  liest:  „alle  zwei  oder  alle  drei  Stunden!", 
ohne  inzwischen  der  Wirkung  der  Arznei  die  erforderliche  Zeit 
zu  gestatten:  so  hat  man  vollkommene  Ursache  zu  behaupten, 
dass  dies  Verfahren  keineswegs  hippokratisch,  und  mit 
einer  richtigen  Einsicht  in  den  physiologischen  Her- 
gang bei  einer  Heilung  durchaus  nicht  in  Uebereinstimmung 
zu  bringen  ist. 

Wenn  dagegen  in  irgend  einem  Punkte  die  Homöopathie 
entschieden  auf  dem  Standpunkte  des  Hippokrates  steht:  so  ist 
dies  hier  der  Fall,  wo  es  sich  um  die  heilende  Wirkung  einer 
Arznei  handelt.  Die  bezüglichen  Paragraphe  von  Hahnemann's 
Organon,82)  so  wie  dasjenige,  was  dieser  scharfsinnige  Be- 
obachter darüber  in  dem  ersten  Bande  seines  Werkes  über  die 
chronischen  Krankheiten  sagt,  lassen  darüber  auch  nicht 
den  mindesten  Zweifel  aufkommen.  Auch  die  Praxis  aller  er- 
fahrenen Homöopathen  bestätigt  dies  durch  ihre  Erfolge. 

Es  dürfte  daher  hier  die  passendste  Gelegenheit  geboten 
sein,  mit  wenigen  Worten  dasjenige  zu  besprechen,  was  die 
Homöopathen  als  die  Grundlage  ihrer  Methode  ansehen,  und  wo- 
nach sie  demgemäss  ihr  Heilverfahren  einrichten. 

Alle  Krankheiten  beruhen,  dieser  Ansicht  zufolge,  auf  einer 
inneren,  immateriellen,  rein  dynamischen83)  Verstim- 


82)  Unter  dem  Kollektiv-Nauien:  Organon  begriff  man  bekanntlich  sechs 
getrennte  Abhandlungen  des  Aristoteles  logischen  Inhalts,  wogegen  sich 
Baco  in  seinem  Novum  Organum  erhob.  Ohne  Zweifel  hat  Hahne- 
inann seinem  Hauptwerke  über  die  Kunst  zu  heilen  denselben  Titel  gege- 
ben, um  sich  in  der  Medizin  auf  einen  ähnlichen  Standpunkt  zu  stellen. 

Das  erste  ,, Organon  der  Heilkunde1'  ist  von  einem  Dr.  Joh.  Benj. 
Erhard,  und  findet  sich  in  Koschlaub's  Magazin,  B.  2,  3. 

Das  Motto  des  Organons:  Aude  sapere!  gewinnt  auch  in  Beziehung 
auf  die  ärztliche  Praxis  eine  beachtenswerthe  Anwendung,  wenn  man  zur 
Sicherheit  der  Mittelwahl  damit  in  Verbindung  bringt,  was  in  der  heiligen 
Schrift  (Köm.  12,  3)  zu  lesen  ist :  Non  plus  sapere,  cpiani  oportet  sapere, 
sed  sapere  ad  sobrietatem. 

83)  Um  Hahnemanns  Dynamismus  richtig  zu  verstehen,  muss  man 
sich  strenge  an  die   Worte    der  §§.  9  und  10   des  Organons  halten.     Hier 

4* 


52  I.  Buch.     Aphorisrn  20. 

mung  der  Lebenskraft,  welche  sich  entweder  bloss  auf  ein- 
zelne Organe  beschränkt,  oder  den  ganzen  Organismus  ergriffen 
hat;  und  wenn  dabei  fremdartige  oder  verdorbene  Stoffe 
im  Körper  vorhanden  sind,  so  darf  man  sie,  mit  alleiniger  Aus- 
nahme der  von  Aussen  Eingeführten,  nur  als  Produkte  jener 
Störungen  der  geregelten  Lebensthätigkeit,  keineswegs  aber  als 
eine  eigentliche  Krankheitsursache  ansehen,  mit  deren  Aus- 
treibung die  Gesundheit  wieder  hergestellt  sein  würde. 

Diesen  natürlichen  Krankheiten  gegenüber  enthalten 
sämmtliche  Stoffe,  welche  wir  zum  Unterschiede  von  den  rein 
nährenden  Dingen  mit  dem  Namen  Arzneien  bezeichnen,  eine 
ähnliche,  rein  dynamische,84)  die  Lebenskraft  verstim- 
mende, das  heisst  krankmachende  Eigenschaft,  wodurch 


stellt  er  ausdrücklich  die  Lebenskraft  in  die  Mitte  und  zugleich  als  Ver- 
mittlerin zwischen  der  Materie,  woraus  der  Körper  besteht,  und  dem  ver- 
nünftigen, in  uns  wohnenden  Geiste.  Ohne  Lebenskraft  ist  der  ma- 
terielle Organismus  keiner  Empfindung,  keiner  auch  dem  Willen  nicht  un- 
terworfenen Thätigkeit,  keiner  Selbsterhaltung  fähig,  sondern  löset  sich,  wie 
jeder  todte  Leichnam,  wieder  in  seine  chemischen  Bestandteile  auf;  mit 
Derselben  besteht  der  harmonische  Lebensgang  in  Gefühlen  und  Thätig- 
keiten,  so  dass  nicht  nur  die  Materie  in  ihrer  Mischung  erhalten  werden, 
sondern  auch  der  Geist  sich  dieses  Werkzeugs  zu  den  höheren  Zwecken 
dieses  Lebens  bedienen  kann.  Hier  bildet  also  eine  Dreiheit  (Tpia'g) 
(Seele,  Lebenskraft  und  Materie),  wie  in  der  Pflanze  eineZweiheit  (dvccg) 
(Lebenskraft  und  Materie)  das  Wesen  des  Lebendigen,  wodurch  es  sich 
von  der  ganzen  übrigen  unorganischen  Natur  (fiovag)  unterscheidet.  — 
(Conf.  I.  Thessal.  5,  23.) 

Die  Aristoteliker  nahmen  bekanntlich  eine  dreifache  Art  von  anima 
an :  Die  Vegetabilien  besassen  nur  die  anima  vegetativa ;  diese  und  die  anima 
sensitiva  gehörten  dem  Thierreiche,  und  nur  dem  Menschen  gebührte  ausser 
jenen  Beiden  auch  noch  die  anima  rationalis. 

84)  Wir  müssen  offen  gesteheu,  dass  wir  nicht  begreifen,  wie  (zufolge 
Dr.  Pretch,  in  Hom.  und  Naturw.  III.  15)  zu  den  drei  Aggregatzustän- 
den der  Körper,  nämlich  dem  festen,  dem  tropfbar  flüssigen  und  dem 
gassförmigen,  auch  noch  der  Dynamische  gezählt  werden  kann,  der  eigent- 
lich mit  dem  Körperlichen  nichts  zu  schaffen   hat. 

Dass  Hippokrates  als  der  Gründer  der  Dynamischen  Theorie  ange- 
sehen werden  darf,  ergiebt  sich  unter  Anderem  aus  der  merkwürdigen  Stelle, 


I.    Buch.     Aphorism  20.  53 

sie  die  Fähigkeit  erhalten,  eben  solche  Krankheiten  in  ihrer 
äusserlichen  Aehnlichkeit  zu  erzeugen,  wie  die  Natur  sie 
hervorbringen  kann,  ohne  dass  eben  darum  auch  das  innere 
geheimnissvolle  Wesen  derselben,  welches  mit  undurchdringlichem 
Schleier  vor  unseren  Augen  stets  verborgen  ist  und  bleiben  wird, 
ganz  dasselbe  zu  sein  braucht.85) 

Es  ist  nun  eine,  durch  die  constanteste  Erfahrung  be- 
stätigte, aber  allerdings  durch  blosse  Vernunftschlüsse  nicht  zu 
beweisende  Wahrheit,  dass  die  Arzneien  überhaupt  die  Kraft 
besitzen,  gewisse  Krankheiten  zu  heilen.  Bei  der  Frage: 
unter  welchen  Bedingungen  dieses  geschieht?  trennen  sich 
die  beiden  Schulen,  wenn  sie  auch  bisher  einträchtig  zusammen 
gegangen  sind,  indem  die  Allopathen  das  Contraria  con- 
trariis,  die  Homo  op  athen  hingegen  das  Similia  similibus 
zu  ihrer  Bichtschnur  nehmen.  Indessen  kommen  Beide  wieder 
darin  mit  einander  überein,  dass  nur  die,  durch  die  Arznei 
zweckmässig  erregte  Lebenskraft  die  Genesung  bewirken  kann, 
und  dass  ohne  diese  und  ohne  die  Beaktion  derselben,  jedes 
Heilmittel  völlig  unwirksam  bleiben  muss. 

In  dieser  thätigen  Beaktion  der  Lebenskraft  erblicken 
wir  Homöopathen  die  Grundlage,  worauf  dasjenige  beruht, 
was  wir  unter  Erst- und  Nach -Wirkung  verstehen.  Die  Erst- 
Wir kung  einer  Arznei  ist  nämlich  diejenige,  welche  erfolgt, 
wenn  deren  krankmachende  Eigenschaft  auf  den  leben- 
den Organismus  ihre  unmittelbare  Einwirkung  äussert. 
Die  Nach-Wirkung  besteht  aber  in  der  Gegenwirkung  der- 
selben thätigen  Lebenskraft,  gegen  jene  Angriffe  auf  dieselbe. 


worin  er  (de  prisc.  med.)  sagt:    „oßa  KcmoTtafreei  uv&qcotios,  Ttccvva  ano 
Svvdfizmv  yivetcci. 

85)  La  medecine  ne  consiste  que  dans  la  science  d'opposer  au  trouble 
de  la  maladie  le  trouble  du  medicament. 

J.  de  Mouestrol,   de  l'Hom,  p.  42. 


g4  I.   Buch.     Aphorism  20. 

Beiderlei  Arten  von  Wirkungen  stehen  mithin  zu  einander  in 
entschiedenem  Gegensatze,  und  obwohl  die  Eine  wie  die  An- 
dere nur  als  Produkte  der  beiderseitigen  dynamischen 
Kraft,86)  sowohl  des  Lebens  als  der  Arznei,  anzusehen  sind: 
so  bieten  sie  doch  in  ihrem  Kampfe  gegen  einander  Verschie- 
denheiten dar,  welche  ein  geübtes  Auge  leicht  zu  erkennen 
vermag. 

Die  vollendete  Heilung  einer  Krankheit  ist  demnach 
eine  unmittelbare  Folge  der  Nach- Wirkung,  bei  welcher  der 
lebende  und  unaufhörlich  reagirende  Organismus  im  Kampfe 
mit  der  Arznei  immer  mehr  die  Oberhand  gewinnt,  bis  diese 
und  mit  ihr  zugleich  die  natürliche  Krankheit  (an  deren 
Stelle  jene  getreten  war?)  gänzlich  besiegt  und  vernichtet, 
und  damit  die  Gesundheit  wieder  hergestellt  ist. 

Aus  dem  hiervor  Gesagten  wird  man  leicht  begreifen,  Avie 
sehr  der  Homöopath  bemüht  sein  muss,  den  Kampf  zwischen 
der  Erst-  und  Nach-Wirkung  nicht  zu  stören,  oder  gar 


86)  Wir  erlauben  uns  liier  mit  einigen  Veränderungen  und  Zusätzen  zu 
wiederholen,  was  wir  an  einem  andern  Orte  („die  Homöopathie  u.  s.  w.l< 
Münster,  bei  Coppenrath,  1834,  S.  217)  über  die  verschiedenen  Benennungen 
für  Kraft  angeführt  haben:  —  „Die  Griechen,  welche  überhaupt  in  der 
philosophischen  Ausbildung  ihrer  Sprache  jede  andere  Nation  weit  über- 
troffen haben,  trennten  sehr  sorgfältig  durch  verschiedene  Wörter  die  ver- 
schiedenen Begriffe,  welche  wir  mit  dem  Worte  Kraft  bezeichnen.  Die 
geistige  Kraft,  das  Vermögen  und  das  Können,  ohne  Beziehung  auf 
Körperkraft,  hiess  bei  ihnen  dvvufiig  (von  övva/xai,  ich  kann  oder  vermag), 
und  sie  bezeichneten  damit  eben  sowohl  die  Arzneikraft,  als  den  Werth  des 
Geldes.  KQCczog  war  bei  ihnen  dagegen  bloss  die  Körperkraft  oder 
Stärke,  und  in  Folge  dessen  auch  die  Aeusserung  der  roheren  Gewalt. 
Den  Willen  zu  Kraftäusserungen  drückten  sie  mit  dem  Worte  ßiu 
aus  und  bedienten  sich  dessen  bei  gewaltthätigen  -Handlungen.  Für  die 
äusserliche  körperliche  Thätigkeit  hatten  sie  die  Wörter  qco[A7]  und 
echnr],  für  das  innere  Kraft  vermögen  iG^vg  und  arevog,  und  für  die 
blosse  Muskelkraft  lg.  Unserer  deutschen  Sprache  fehlen  solche  genau  un- 
terscheidende Ausdrücke,  und  wir  sind  daher  gezwungen,  das  Mangelhafte 
durch  Beiwörter  zu  ersetzen." 


I.  Buch.    Aphorisin  20.  55 

durch  neue  Arznei  gaben  Jener  gegen  die  Letztere  zu 
Hülfe  zu  kommen  und  so  nur  unausbleiblich  den  Streit  zu 
v  er  längern.87)  Nichts  ist  daher,  unserer  Ueherzeugung  nach,  fin- 
den Arzt  gefährlicher  und  unheilvoller,  als  Ungeduld,  und 
niemals  wird  er  in  den  Fall  kommen,  ein  ruhiges  Abwarten  zu 
bereuen,  so  lange  er  vermöge  seiner  genauen  Kenntniss  der  Eigen- 
thümlichkeit  der  Arzneien,  jenen  Kampf  noch  in  voller  Thätig- 
keit  sieht  und  nicht  etwa  durch  Veränderung  der  Zeichen  Ver- 
anlassimg hat,  andere  Arzneien  zu  Hülfe  zu  rufen.  —  In  Bezug 
auf  diese  letzte  Veranlassung  aber,  die  nicht  oft  vorkommt,  stehen 
dem  Homöopathen  die  sichersten  Criterien  und  Cautelen 
zu  Gebote,  und  nicht  leicht  wird  er  sich  dabei  weder  der  Gefahr 
einer  nachtheiligen  Uebereilung,  noch  der  einer  schädlichen 
V  e  r  s  ä  u  in  n  i  s  s ,  biosssteilen. 88) 

Hier  ist  zum  Schlüsse  dieser  Glosse  nur  noch  in  aller  Kürze 
anzuführen,  dass  die  Zeit  des   Abwartens  nach  erkannter  Erst- 


87)  Quum  morbi  in  longum  protrahuntur  tempus,  nulla  est  ratio  rne- 
dendi  melior,  quam  pharmacis  abstinere.  Bagliv.  de  fibra.  p.  50. 

88)  Daher  darf  sich  der  Homöopath  den  praktischen  Blick  jener  Aerzte 
nicht  aneignen,  welche  mit  geschäftiger  Eile  von  Bett  zu  Bett  rennen,  den 
Kranken  ansehen,  den  Puls  fühlen,  die  Zunge  herausstrecken  lassen,  und 
nach  dem  Stuhlgange  fragen;  die  Praxis  darf  in  keine  „gedankenlose  Boten- 
läuferei"    ausarten,  wie  ein  geistreicher  allöopathischer  Arzt  schreibt. 

Griesselich,  Skizzen,  S.  37. 

Si  par  fois  l'homöopathie  exaspere  le  mal  pour  le  guerir,  du  moins 
ces  douleurs  ne  sont  que  de  courte  duree,  et  elles  sont  remplacees  bientöt 
par  un  soulagement  prompt  et  durable;  et,  en  renversant  les  mots  d'Hip- 
pocrate,  on  pourrait  dire  avec  raison  de  l'homöopathie:  Si  nocet,  tum  pro- 
dest  et  curatio  certa  est.  Dr.  L.  Malaise,  clin.  hom,  p.   147. 

Ich  frage  jeden  unparteiischen  Arzt,  ob  er  glaubt,  dass  man  im  ganz 
gesunden  Zustande  alle  Stunden,  oder  etwas  seltener,  eine  Saturation  des 
beliebten  Brausepulvers,  eine  Infusion,  ein  sogenanntes  niederschlagendes 
Pulver  und  ähnliche  Mittel  in  den  Magen  bringen  könne,  ohne  die  Ver- 
dauung zu  stören,  ohne  dass  die  Zunge  sich  belegt,  der  Appetit,  der  Schlaf, 
die  Hauttemperatur,  die  natürlichen  Absonderungen  mehr  oder  weniger  davon 
leiden  sollten?  Wie  müssen  aber  einem  von  Krankheit  bereits  ergriffenen 
Menschen,  dessen  Reizfähigkeit  schon  verändert  ist,  diese,  oder  ähnliche 
Mittel  bekommen?  Formey,  verm.  med.  Schriften,  I,  37, 


56  I.  Buch.     Aphorism   21. 

Wirkung  einer  Arznei  je  nach  der  Natur  und  der  Dauer  der 
Krankheit  äusserst  verschieden  ist.  Wo  in  den  akute- 
sten Krankheiten,  wie  z.  B.  in  der  Cholera,  diese  Zeit  sich 
nach  Minuten  abmisst,  wo  in  den  schmerzhaftesten  Leiden 
solcher  Art  oft  augenblickliche  Linderung  und  schnelle 
Beseitigung  möglich  ist,89)  da  gehen  bei  chronischen  Krank- 
heiten oft  ganze  Wochen  um,  ehe  die  heilbringende  Nachwir- 
kung sich  zu  zeigen  beginnt.  Und  gerade  in  diesen  lang- 
wierigen, veralteten,  chronischen  Beschwerden  ist  die  zu  schnelle 
Wiederholung  derselben,  oder  das  zu  frühe  Darreichen  einer 
neuen  Arznei  am  allernachtheiligsten,  oft  in  dem  Grade,  dass 
der  damit  angerichtete  Schaden  kaum  und  nur  mit  grossem  Ver- 
luste an  Zeit  wieder  gutgemacht  werden  kann.  An  dieser 
Klippe  scheitert  am  leichtesten  der  angehende  Homöo- 
path, zumal  derjenige,  welcher  längere  Zeit  unter  der  Flagge 
der  Allopathie  gedient  hat,  denn:  quo  semel  est  imbuta  recens, 
servabit  odorem  testa  diu!90) 


21.  Was  auszuleeren  ist,  suche  man  auf  dem  von  der  Natur 
angedeuteten  Wege  fortzuschaffen. 


Unter  diesen  Ausleerungen  scheint  Hippokrates  hier  nur 
diejenigen  zu  verstehen,  welche  durch  Erbrechen  oder  Stuhl- 
gang  erfolgen,    nicht  aber   Schweisse  oder  Blutungen,  welche 


89)  Schmerzstillende  Mittel  waren  auch  schon  den  Alten  bekannt,  und 
mit  dem  Ausdrucke  ßorj&r](ia  (von  ßorj&Eco,  Schreien,  um  Hülfe  rufen) 
bezeichnet.  Diogenes  Laertius  erwähnt  ihrer  im  LSben  des  Plato,  welcher 
sie  für   einen  Bestandteil  der  Medizin  erklärt  habe. 

90)  „Die  Fehler  der  incuriae"  —  sagt  Lichtenberg  in  der  Vorrede  zu 
den  Hogartschen  Kupferstichen,  freilich  in  etwas  anderem  Sinne,  —  „lassen 
sich  am  Ende  verbessern  durch  curae  posteriores,  allein  das  Verfehlte  nicht, 
wenn  man  erst  am  Ende  finden  sollte,  dass  es  verfehlt  war." 


I.  Buch.     Aphorism  22.  57 

der  Fassung  des  Äphorims  nicht  recht  entsprechen.  Wenn  dem 
aber  so  ist,  so  erhebt  sich  eine  neue  Schwierigkeit  bei  dem 
folgenden  Aphorism,  welcher  eine  Fortsetzung  und  Ergänzung 
des  Vorigen  zu  sein  scheint  und  also  lautet: 


22.  Nur  das  Gekochte,  nicht  aber  das  Rohe,  darf  in  Be- 
wegung gesetzt  und  ausgeleert  werden,  also  auch  nicht 
gleich  beim  Anfange  der  Krankheit,  es  wäre  denn,  dass 
dadurch  eine  Auftreibung  verursacht  würde;  was  aber 
selten  der  Fall  ist. 


Demnach  würde  man  zu  dem  Schlüsse  berechtigt  sein,  dass 
man  z.  B.  hei  Ueberfüllung  des  Magens  sich  mit  einem 
Brechmittel  nicht  übereilen  und  die  Darreichung  desselben  so 
lange  verschieben  sollte,  bis  der  Mageninhalt  gehörig  gekocht 
wäre,  —  eine  Voraussetzung,  die  wohl  schwerlich  anzunehmen 
sein  dürfte. 

Tn  dieser  Doppeldeutigkeit  scheint  mithin  hauptsächlich  die 
Schwierigkeit  zu  liegen,  welche  die  Commcntatoren  bei  diesen 
beiden  Aphorismen  gefunden,  und  welche  sie  auf  Abwege  verlockt 
haben,  die  man  nicht  füglich  als  die  Richtigen  anerkennen  kann. 

Der  homöopathische  Glossator  darf  dieses  Hinderniss  mit 
vollem  Fuge  bei  Seite  liegen  lassen,  da  die  Homöopathie  nie- 
mals Brech-  oder  A b führ ungs mittel  verordnet  (mit  Aus- 
nahme der  Ersten  bei  wahren  Vergiftungen)  und  überhaupt  der- 
gleichen gewaltsame  Mittel  nicht  zu  Hülfe  zu  rufen  braucht, 
um  ihren  Zweck  zu  erreichen.  Wenn  nämlich  jemand  durch 
Unmässigkeit  den  Magen  überladen  und  verdorben  hat:  so  schafft 
er  zu  Anfange  bloss,  so  lange  das  Ueberflüssige  noch  vor- 
handen ist,  durch  freiwilliges,  vermittelst  Kitzeins  des  Schlun- 
des mit  einer  Federfahne  befördertes  Erbrechen,  solches  her- 
aus, ohne  lange  die  Kochimg  abzuwarten.  Das  Unwohlsein, 
welches  darnach    meistens  noch  zurückbleibt,  ist  dann  nur 


58  !•  Buch.     Aphorism  23. 

noch  dynamischer  Natur  und  wird,  wie  jede  andere  Beschwerde, 
durch  die  alsdann  nach  den  Symptomen  angezeigten  Arzneien  be- 
seitigt. 91)  Einen  Durchfall  aber,  die  Ausleerungen  mögen  nun 
beschaffen  sein,  wie  sie  wollen,  sucht  der  Homöopath  jedesmal 
so  schnell  als  möglich  zu  heben;  denn  er  ist  jedesmal 
in  normal  und  nichts  Anders,  als  ein  Krankheits- Symptom. 
Er  weiss  auch,  dass  der  Durchfall  in  bei  Weitem  den  meisten 
Fällen  weit  nachtheiliger  ist,  als  Hartleibigkeit,  selbst 
auch  dann,  wenn  nur  verdorbene  Stoffe  dabei  ausgeleert  werden, 
weil  sowohl  das  Eine  wie  das  Andere  ein  sicheres  Zeichen  einer 
dynamischen  Verstimmung  der  Eingeweide,  die  verdor- 
benen Abgänge  aber  nur  Produkt  der  Krankheit  sind, 
und  weil  die  Herstellung  nur  allein  durch  dynamisch  auf  die 
affizirte  Lebenskraft  wirkende  Mittel  zu  bewirken  ist.92) 


23.  Das  Ausgeleerte  darf  nicht  nach  der  mageren,  sondern 
nrass  nach  seiner  Beschaffenheit  beurtheilt  werden,  in- 
dem darauf  zu  achten  ist,  ob  das  abgeht,  was  ent- 
fernt werden  soll,  und  ob  es  zur  Erleichterung  des 
Kranken  dient.  Wofern  es  dabei  nöthig  ist,  und  die 
Kräfte  desselben  es  gestatten,  mag  man  solche  Aus- 
leerungen bis  zur  Ohnmacht  verstärken. 


91)  Zu  Baco's  berühmt  gewordenem  Ausspruche  (Nov.  Org.  II.  Aph.  2): 
„Vere  scire  est  per  causas  scire,"  —  bemerkt  sehr  richtig  Heinroth  (über 
die  Hypoth.  d.  Materie,  S.  213):  „Aber  unglücklicher  Weise  tritt  uns  die 
Natur  nie  und  nirgends  in  Ursachen,  sondern  stets  und  überall  nur  in 
Wirkungen  entgegen.  Nicht  bloss  Alles,  was  ist  in  der  Natur,  ist  ein 
schon  Gewordenes,  sondern  sogar  alles  Werdende  selbst  ist  für 
uns  nur  in  so  weit  benierkbar,  als  es  ebenfalls  ein  schon  Gewor- 
denes ist." 

92)  „Vous  perdez,"  —  sagt  Dr.  Bigeon  in  seiner  Med.  phys.,  —  „en 
vous  purgeant,  des  sucs  nourriciers;  cette  perte  vous  affaiblit  plus  que  ne 
le  feraient  quelques  jours  d'une  diete  tres  severe;  ä  l'irritation  des  or- 
ganes  digestifs  succede  une  plus  grande  faiblesse,  oü  une  inflammation  leute, 
et  toujours  dan; 


I.  Buch.     Aphorism  23.  59 

Auf  diesen  Lehrsatz  stützen  sich  manche  Aerzte,  ohne  zu 
bedenken,  dass  jeder,  auch  der  mindeste  Miss  griff,  bei  sol- 
chem heftigen  Verfahren  nur  allzu  leicht  zu  einem  lethalen 
Ausgange  führen  kann.  Man  folgert  daraus  nämlich  die  Zu- 
lässigkeit,  ja  Selbst  die  Notwendigkeit  der  heftigsten 
Brech-  und  Abführungs- Mittel  bei  gastrischen  Zuständen 
und  bei  sogenannten  atrabilarischen  Patienten,  bei  Melancholikern 
und  Geistesverwirrten,  so  wie  die  Aderlässe  bis  zur  Ohn- 
macht, bei  Brust-  und  Lungen-Entzündungen  u.  s.  w. 93)  Aber 
die  Erfolge  sind  meistens,  wenn  auch  nicht  immer  unmittelbar, 
so  doch  in  der  Folge  äusserst  beklagenswerth,  und  in  sehr  zahl- 
reichen, überall  vorhandenen  Fällen  schreibt  sich  eine  unter- 
grabene Gesundheit  und  ein  für  die  ganze  folgende  Lebens- 
zeit andauerndes  unheilbares  Dahinsiechen,  lediglich  von 
einer,  in  dieser  Weise  durchgemachten  Gewalts-Kur  her.  Dem 
Hippokrates  und  seinem  Zeitalter  dient  dabei  zur  Entschul- 
digung, dass  ihm  zur  Behandlung  solcher  Kranken  noch  nicht 
die  vielen  gelinderen  Mittel  zu  Gebote94)  standen,  welche  jetzt 
im  Besitze  der  Arzneikunst  sich  vorfinden.  Um  so  weniger 
können  aber  diejenigen,  die  in  dem  letzten  halben  Jahrhundert 
darin  wirklich  das  Ueb er maass  geleistet  haben,  eine  solche  für 
sich  beanspruchen,  wenn    sie    mit  Kämpf  und  Broussais95)  die 


93)  Quod  si  vehemeus  febris  urget,  in  ipso  impetu  eius  sanguinem  mit- 
tele, hominem  jugulare  est.  Celsus,  II.   10. 

94)  Melampus  erzählt  uns:  dass  der  Ibis  sich  mit  seinem  langen 
Schnabel  ein  Klystir  von  Nielwasser  setze,  wenn  er  verstopft  sei,  und  dass 
das  Nielpferd,  um  sich  zur  Ader  zu  lassen,  seinen  Schwanz  so  lange  am 
Schilfe"  riebe,  bis  er  blute.  Seitdem  verordneten  die  Aerzte  das  Eine,  wie 
das  Andere.     (Vergl.  Plinius,  VIII,  41.) 

Wenn  man  dem  Plinius  (VIII.  76.)  glauben  darf,  so  gehört  hieher  auch 
die  Ziege,  welche  bei  Augenentzündung  durch  Einstossen  einer  Binse  oder 
eines  Dorns  ins  Auge,  sich  daselbst  einen  Aderlass  verschafft. 

95)  Zufolge  der  Gaz.  med.  de  Paris  1839,  V.  S.  137,  behandelte 
Broussais  in  einem   Pariser   Hospital   mit    seinen   üblichen   Aderlässen   219 


60  I-  Buch-     Aphorism  24. 

unsinnige  Sylviussche  Humoral  -Pathologie  geradezu  auf  die 
Spitze  trieben,  und  durch  neue,  willkürliche  Hypothesen 
noch  verderblicher  machten. 

Indessen  scheint  Hippokrates  selbst  die  G  efährlichkeit  des 
vorstehenden  Lehrsatzes  richtig  eingesehen,  wahrscheinlich  selbst 
durch  einzelne  beklagenswerthe  Vorgänge  unter  seinen  eigenen 
Augen  die  Ueberzeugung  davon  gewonnen  zu  haben,  indem  er 
in  dem  gleich  darauf  folgenden  Aphorism  einen  starken  Dämpfer 
darauf  setzt.     Dieser  nämlich  lautet: 


24.  In  hitzigen  Krankheiten  wende  man  die  Abführungs- 
Mittel  nur  selten,  auch  nur  im  Anfange  derselben 
allein  da  an,  wo  man  vorher  alle  Umstände  reiflich  er- 
wogen hat. 

Dieser  Aphorism,  dessen  Bestimmung  schwerlich  zu  ver- 
kennen ist  und  der  die  grösste  Behutsamkeit  bei  Anwendung 
der  Abführungsmittel,  die  damals  sämmtlich  äusserst  dras- 
tischer Natur  waren,  in  hitzigen  Fiebern  anempfiehlt,  hat  noch 
das  Eigenthümliche,  dass  er  mit  dem  Aphorism  I.  22.  in 
Widerspruch  zu  stehen  scheint.  Diesem  Letzteren  zu  Folge, 
soll  nämlich  nur  das  Gekochte,  nicht  das  Rohe,  und  auch 
nicht  im  Anfange  der  Krankheit,  wo  also  noch  keine 
Kochung  stattgefunden,  und  nur  allein  in  Fällen  von  Turgeszenz, 
abgeführt  werden. 

Wir  wollen  uns  um  so  weniger  amnaassen,  hier  eine  Ver- 
mittelung  zu  versuchen,  als  wir  ohnedem,  wie  schon  oben  be- 
merkt wurde,  mit  dergleichen  nichts  zu  schaffen  haben  und 
uns    für  vollkommen  befähigt  halten,    ohne    solche  heroische 


Pneumonien,  wovon  nicht  weniger  als   137  gleich  starben,  und  die  Uehrigen 
sich  lange  Zeit  nachher  gar  nicht  wieder  erholen  konnten. 


I.  Buch.     Aphorism  25.  61 

und  gewagte  Eingriffe  in  das  naturgemässe  Spiel  des  leben- 
digen Organismus  unser  Ziel  zu  erreichen. 9C) 


25.  "Wenn  nur  dasjenige  ausgeleert  wird,  was  ausgeleert 
werden  soll,  so  ist  es  für  den  Kranken  erleichternd 
und  zuträglich ;  nachtheilig  aber,  wenn  das  Gegentheil 
geschieht. 


Zu  vergleichen:  Aphorism  I,  2.  —  Siehe  auch  den  Aphorism 
IV,  2  und  3. 


96)  „Ueber  akute  Krankheiten"  —  sagt  Hippokrates  iu  seiner  Schrift: 
7t£Ql  SiuiTrjq  d£sav  „haben  die  Heilkünstler  so  bedeutend  von  einander 
abweichende  Ansichten,  dass  das,  was  der  Eine  für  das  Allerbeste  glaubt 
—  und  giebt,  der  Andere  für  sehr  schädlich  hält.  Desshalb  scheint  die 
Arzneikunst  der  Wahrsagerkunst  zu  gleichen :  indem  die  Auguren  den  näm- 
lichen Vogel  bald  für  gut  halten,  wenn  er  ihnen  zur  Linken,  und  bald  wie 
der  für  böse,  wenn  er  zur  Rechten  fliegt."  —  Und  heute? 


IL  Buch, 


Es  deutet  auf  grosse  Gefahr  für  den  Kranken,  wenn 
der  Schlaf  eine  Verschlimmerung  der  Zufälle  herbei- 
führt; bringt  er  aber  Erleichterung,  so  ist  das  Gegen- 
theil  der  Fall. 


2.  Als  ein  günstiges  Zeichen  ist  es  anzusehen,  wenn  der 
Schlaf  das  Irrereden  aufhebt. 


3.  Jedes  Uebermaass  in  Betreff  des  Schlafes,  mithin  sowohl 
die  Schlafsucht,  als  die  Schlaflosigkeit,  sind  böse. 


Da  diese  drei  ersten  Aphorismen  des  zweiten  Buches  von 
demselben  Gegenstande,  nämlich  vom  Schlafe  handeln,  so 
scheint  es  angemessen,  nur  eine,  aber  dafür  auch  etwas  längere 
Glosse  daran  zu  knüpfen.  Diese  aber  finden  wir  fertig  und  un- 
verbesserlich in  dem  Bande  V.  Heft  3,  Seite  1  und  ff.  des  Archivs 
für  homöopathische  Heilkunst,  und  zwar  aus  der  Feder 
des  verstorbenen,  ältesten  Schülers  Hahnemanns,  des  allseitig 
verehrten  Dr.  E.  Stapf  zu  Naumburg,  dessen  trefflichen  Aufsatz 
über  diesen  Gegenstand,  so  weit  er  hieher  gehört,  wir  um  'so 
lieber  wörtlich  folgen  lassen ,  als  das  händereiche  Werk  wohl 
nicht  Allen  zugänglich  sein  dürfte. 


II.  Buch.  Äphorism  1,  2,  3.  63 

„1.  Tb  at  sachen.  Dem  scharfsinnigen  Beobachter  der  bei 
homöopathischen  Heilungen  stattfindenden  Vorgänge  bietet  sich 
nicht  selten  folgende  höchst  merkwürdige  Erscheinung  dar.  Die 
Kranken  fühlen  bald  nach  dem  Einnehmen  des  ihrem  Zustande 
homöopathisch  genau  entsprechenden  und  in  der  angemessensten 
(d.  h.  hinreichend  kleinen)  Gabe  gereichten  Heilmittels,  eine  eigene 
Beruhigung,  eine  Neigung  zu  schlafen,  ja,  sie  verfallen  häufig  in 
einen  tiefen  und  festen,  längere  oder  kürzere  Zeit  dauernden, 
meist  sehr  erquickenden  und  wohlthätigen  Schlaf,  aus  wel- 
chem sie  dann  gewöhnlich  sehr  erleichtert,  ja  bisweilen,  nach 
Beschaffenheit  der  Umstände,  sogar  geheilt  erwachen.  Diese,  von 
vielen  homöopathischen  Aerzten  beobachtete  und  mehrfach  (in 
ihren  Schriften)  angedeutete  Erscheinung,  ereignet  sich  eben 
sowohl  bei  akuten  als  bei  chronischen  Krankheiten.  Vornämlich 
aber  findet  sie  statt  bei  Krankheiten,  welche  sich  durch  patholo- 
gische Ueberreiztheit  des  organischen  Lebens  in  seinen  verschie- 
denen, namentlich  höheren  Sphären  charakterisiren.  Vornäm- 
lich wird  sie  bei  rein  nervöser  Ueberreiztheit,  wie  sich  dieselbe 
in  tausendfachen  Modifikationen  äussert,  beobachtet,  wiewohl  sie 
sich  auch  bei  pathologischen  Aufregungen  des  Gefässsystems, 
von  der  einfachen  Blutwallung  an  bis  zur  ausgebildeten  Entzün- 
dung, zu  ereignen  pflegt.  Aber  auch  bei  erelhi sehen  Zuständen 
der  niederen  organischen  Gebilde,  z.  B.  der  Schleimhäute,  der 
Drüsen,  der  Knochen  u.  dgl.  wird  sie,  wiewohl  nicht  so  häufig 
und  so  bestimmt  wahrgenommen." 

„Auch  da,  wo  ein  anomaler  Schlaf  vorhanden  ist,  sei  es 
nun  ein  allzu  tiefer,  betäubte)1,  komatöser,  oder  ein  allzu  leiser, 
unruhiger,  unterbrochener,  traumvoller,  zeigt  sich  diese  Erscheinung, 
in  so  fern  dann  bald  nach  der  ersten  Einwirkung  des  homöopa- 
thischen Arzneimittels,  der  betäubte,  allzu  tiefe,  oder  der  allzu 
leise,  unruhige,  unerquickliche  Schlaf  in  einen  ruhigen,  gesunden 
und  erquicklichen  übergeht,   was   sich  aus    der  ganzen  Physio- 


64  n-  Buch.    Aphorism  1,  2,  3. 

gnomie  des  Schlafenden  und  der  auf  den  Schlaf  folgenden  Ver- 
minderung der  Krankheit  leicht  schliessen  lässt." 

„Diese,  durch  Einwirkung  der  passenden  homöopathischen 
Arznei  herbeigeführte  Beruhigung  und  Neigung  zum  Schlafen, 
nach  einem  krankhaft  aufgeregten  Zustande,  sowie  diese  Um- 
wandlung eines  anomalen  Schlafes  in  einen  Naturgemässen,  findet 
jedoch  nur  dann  statt,  wenn  die  Gabe,  in  welcher  das  wohl- 
gewählte Mittel  gereicht  wurde,  hinreichend  klein  und  zart  war, 
um  die  Krankheit  ohne  merkliche  und  länger  dauernde  Erhöhung 
ihrer  Symptome  beseitigen  zu  können.  Ist  dies  nicht  der  Fall, 
wird  die  Arznei  in  einer,  für  den  Stand  der  Krankheit  zu  starken 
Gabe  gereicht,  so  erfolgt  nothwendig  vorerst  eine  Reaktion  der 
Arznei  auf  die  Krankheit  und  mit  ihr  ein,  kürzere  oder  längere 
Zeit  dauernder,  mehr  oder  weniger  heftiger  Sturm  (homöopatische 
Erhöhung),  welcher  freilich,  so  lange  er  dauert,  jener  Beruhigung, 
jenem  Schlafe  hinderlich  ist.97)  Dann  tritt  jedoch  nicht  selten 
erst  nach  Beseitigung  dieser  stürmischen  Reaktion  Ruhe  und 
Schlaf  und  mit  ihnen  Erleichterung  ein." 

„Diese  Erscheinung  wird  nach  Darreichung  fast  jeder,  dem 
vorliegenden  Krankheitsfalle  möglich  genau  homöopathisch  ent- 
sprechenden Arzneipotenz ,  wiewohl  vorzugsweise  bei  solchen 
Arzneistoffen  wahrgenommen,  deren  primäre  Hauptwirkung  in 
pathologischer  Aufregung  dieses  oder  jenes  Systems  oder  Organs, 
namentlich  der  höheren  Ordnung  besteht." 

Wir  übergehen  hier  den  zweiten  Abschnitt  über  die  „Be- 
deutung des  Schlafes  überhaupt  und  dieses  Schlafes  insbeson- 
dere", als  zu  weit  von  unserm  Wege  abführend,  und  schliessen 
diese  Glosse  mit: 


97)  Die  Tropfen-  und  Thicturen-Spenden  unter  den  jüngeren  Homöo- 
pathen mögen  diesen  Ausspruch  des  erfahrenen  und  sorgfältig  beobachten- 
den ältesten  Schülers  Hahnemanns  nicht  übersehen  und  au  ihrer  eigenen 
Erfahrung  prüfen. 


II.  Buch.     Aphorism  3.  65 

„3.  Heilsamkeit  und  Heiligkeit  dieses  Schlafes.  — 
Was  die  tägliche  Erfahrung  und  die  oben  mitgetheilten  Ansichten, 
wie  an  jedem  wahren  Schlafe,  so  auch  ganz  vorzüglich  an  dem, 
von  welchem  hier  vorzugsweise  die  Rede  ist,  uns  deutlich  er- 
kennen lassen:  das  unersetzlich  Wohlthätige  und  Heil- 
same, —  muss  uns  zur  Pflicht  machen,  ihn  auch  in  jeder  Hin- 
sicht heilig  zu  halten,  d.  h.  ihn  in  seiner  ganzen  Bedeutung  zu 
würdigen  und  sein  Erscheinen  und  Bestehen  auf  keine  Weise  zu 
stören." 

„Es  ist  jederzeit  ein  höchst  erfreuliches  Zeichen,  so  wohl 
für  die  bald  und  sicher  zu  erwartende  Besserung,  ja  Heilung, 
theils,  was  damit  innig  zusammenhängt,  für  die  richtig  getroffene 
Wahl  und  Gabe  des  homöopathischen  Heilmittels,  wenn  kurz 
nach  dem  Gebrauche  desselben  eine  Beruhigung  oder  ein  sanfter 
Schlaf  sich  einfindet.  Die  Erfahrung  lehrt,  dass,  wenn  diese  Be- 
ruhigung, dieser  Schlaf  auf  irgend  eine  Weise  gestört,  unter- 
brochen, verscheucht  wird,  sei  es  durch  thörichtes  inneres  An- 
kämpfen dagegen,  oder  durch  äussere  Reize,  z.  B.  Gespräch, 
Gesellschaft,  Geschäfte,  aufregende  Lektüre  u.  d.  m.,  dann  der 
durch  das'  Mittel  eingeleitete,  und  durch  den  Schlaf  mächtig  zu 
fördernde,  in  ihm  seine  wahre  Begründung  findende  Heilungs- 
process,  mehr  oder  weniger,  doch  gewiss  unterbrochen  wird,  und 
die  bei  naturgemässem  Verhalten  mit  Recht  zu  erwartenden  Er- 
folge des  bestgewählten  Mittels  dann  nur  sehr  unvollständig  her- 
vortreten; wie  es  denn  auch  nicht  anders  möglich  ist,  da  durch 
solch  verkehrtes  Beginnen  gerade  dem  entgegen  gearbeitet  wird, 
was  durch  das  Mittel  bewirkt  werden  sollte:  Beruhigung  der 
nervös-sensoriellen  Thätigkeit  und  gleichzeitiges  Hervortreten  des 
vegetativen  Lebens  und  der  daraus  resultirende,  heilsame,  gleich- 
sam kritische  Schlaf." 

„Wie  es  schon  im  gesunden  Zustande  höchst  peinlich  und 
von  den  schlimmsten  Folgen   ist,    wenn   die   Natur   zu   dem    so 

nothwendigen    Schlafe   einladet,    ihn   absichtlich,    oft  gewaltsam, 

5 


ßQ  II.   Buch.     Aphorism  3. 

durch  grosse  Geistesanstrengung,  oder  durch  geistige  Getränke, 
Kaffee,  Wein  u.  s.  w.  zu  verscheuchen:  wie  viel  mehr  muss  es 
im  kranken  Zustande  verderblich  sein,  wo  der  kommende  Schlaf 
eine  noch  höhere  Bedeutung  hat,  noch  unerlässlichere  Bedingung 
zum  Genesen  ist,  wo  überhaupt  der  Organismus  des  Schlafes 
noch  weit  mehr  bedarf,  als  dort.  Wer  würde  ungestraft  eine, 
von  der  Natur  herbeigeführte  Krisis  unterbrechen  ?  Nicht  geringerer 
Frever  und  Leichtsinn  ist  es,  es  dann  zu  thun,  wenn  die,  die 
Natur  in  ihrem  zartesten  und  wohlthätigsten  Wirken  treu  nach- 
ahmende Kunst  einen  ähnlichen  Zustand  herbeigeführt  hat,  nicht 
minder  heilsam  und  heilig,  als  jener." 

„Aus  allem  diesen  gehet  folgende,  für  die  homöopathische 
Praxis  höchst  wichtige  Regel  hervor,  deren  Beachtung  und  Ein- 
schärfung nicht  genug  empfohlen  werden  kann,  da,  wie  mich  die 
Erfahrung  gelehrt  hat,  namentlich  von  Personen  der  höheren  und 
höchsten  Stände,  welche  auch  hierin  sich  oft  und  weit  von  der 
Natur  entfernen,  so  sehr  dagegen  gesündigt  wird,  zu  ihrem  ei- 
genen und  des  Arztes  Nachtheil.  Der  Arzt  mache  es  nämlich 
allen  seinen  Kranken,  bevor  sie  das  bestgewählte  Mittel  nehmen, 
zur  Pflicht,  wenn  sie  früher  oder  später  nach  dem  Gebrauche 
desselben  eine  Beruhigung,  Neigung  zum  Schlafe  fühlen,  ja  wenn 
sich  wahrer  Schlaf  einstellen  sollte,  ihn  auf  keine  Weise  zu 
stören  oder  zu  beeinträchtigen,  er  komme,  wann  er  wolle.  Hier- 
bei ist  es  freilich  am  zweckmässigsten  und  sichersten,  zu  be- 
stimmen, die  Arznei  möglichst  entfernt  von  Aufregungen  aller 
Art,  selbst  angenehmen,  kurz  von  Allem,  was  diese  Ruhe,  diesen 
Schlaf  stören  könnte,  zu  nehmen  und  sich  ganz  und  ungestört 
der  Einwirkung  der  Arznei  zu  überlassen.  Dies  ist  besonders 
da  nöthig,  wo  die  Beschaffenheit  der  Krankheit  überhaupt  Krisen 
dieser  Art  herbeizuführen  geneigt  ist:  also  bei  Fiebern,  Krämpfen, 
Schmerzen  aller  Art,  geistigen  und  körperlichen  Ueberreizungen 
sowie  vorzugsweise  bei  reizbaren,   sensiblen   Personen:   wiewohl 


II.  Buch.     Aphorism  3.  •  67 

sie  sich  auch  bei  gegenteiligen  Personen,  besonders  bei  Kin- 
dern, zu  ereignen  pflegen." 

„Die  Vernachlässigung  dieser,  aus  mannichfacher  und  sorgfäl- 
tiger Erfahrung  abstrahirten  Regel  kann  die  Wirkung  der  best- 
gewählten Mittel  vernichten,  oder  doch  ungemein  schwächen,  und 
somit  die  schönsten  und  gerechtesten  Erwartungen  des  Arztes 
vereiteln,  seiner  und  der  Kunst  Ehre  schaden."98) 

So  weit  die  eigenen  Worte  unseres  schätzbaren  Freundes 
Stapf,  denen  wir  Nichts  hinzufügen  zu  dürfen  glauben.  Auch 
was  den  übermässigen,  krankhaften  Schlaf  anbelangt,  wie 
er  bei  einigen  bösartigen  Fiebern  vorkommt,  so  ist  die 
Gefährlichkeit  desselben  bekannt  genug  und  bedarf  hier  keiner 
weiteren  Besprechung.  Aber  der  übermässige  Schlaf  der 
Gesunden,  und  die,  anfangs  zur  bösen  Gewohnheit,  später  zum 
Bedürfniss  gewordene  Neigung,  lange  im  Bette  zu  verweilen,  und 
bis  in  den  Tag  hinein  fortzu schlummern,  verdient  noch  eine 
warnende  Erwähnung.99)  Man  wird  sich  nämlich  erinnern,  dass 
vor  einigen  Jahren  ein  reicher  Engländer  einen  jungen  Arzt 
ausgedehnte  Reisen  hatte  machen  lassen,  um  die  ältesten  Leute 
aufzusuchen  und  über  deren  Verhältnisse  und  Lebensweise 
die  genauesten  Nachrichten  zu  sammeln.  Das  auf  solche  Weise 
gewonnene  Resultat  war  in  der  That  äusserst  merkwürdig. 
Es  fanden  sich  nämlich  bei  der,  viele  Hundert  betragenden  Zahl 
von  Personen  des  höchsten  Alters  überall  die  grössten  Ver- 
schiedenheiten in  Betreff  der  Gegend,  des  Klimas,  der 
Konstitution,  der  Lebensweise  und  alles  dessen,  dem  man 


98)  Wir  bauen  auf  die  gütige  Nachsicht  der  Leser,  wenn  wir,  viel- 
leicht zu  oft  den  an  sich  trockenen  Stoff  mit  Blumen  zu  verzieren  suchen, 
welche  die  Literatur  überall  in  reicher  Fülle  darbietet.  Desshalb  möge  hier 
auch  das  schöne  Distichon  von  Meibom  einen  Platz  finden: 

„Alma  quies  optata  veni,  nam  sie  sine  vita 
Vivere  quam  suave  est,  sie  sine  morte  mori." 

99)  Das  Bett  ist  das  Nest  einer  Menge  von  Krankheiten. 

Kant,  die  Macht  des  Gemüths. 
5* 


gg  II.  Buch.     Aphorism  4. 

sonst  auf  ein  längeres  oder  kürzeres  Leben  Einfluss  zuschreibt. 
Nur  in  einem  einzigen  Punkte  waren  die  Nachrichten  durch- 
gängig übereinstimmend,  nämlich  in  Bezug  auf  den  Schlaf, 
indem  sich  überall  herausgestellt  hatte,  dass  sämmtliche  Personen, 
welche  das  gewöhnliche  Lebensalter  namhaft  überschritten,  nur 
wenige  Stunden  zum  Schlafe  gebraucht  und  verwendet  hat- 
ten.100) —  Man  wird  ohne  viele  Mühe  in  seiner  eigenen  Um- 
gebung bestätigende  Belege  zu  dieser  Erfahrung  auffinden 
können. *) 


4.  Weder  Uebersättigung  noch  übertriebene  Enthaltsam- 
keit ist  zuträglich;  überhaupt  ist  Alles  nachtheilig,  was 
von  dem  Naturgemässen  abweicht. 


Mit  der  vollsten  Ueberzeugung  unterschreiben  sämmtliche 
Homöopathen  diesen  Lehrsatz,  welcher  ganz  und  gar  ihren  An- 
sichten und  Erfahrungen  entspricht. 2) 


100)  Es  ist  bekannt,  dass  der,  in  der  Jugend  stets  kränkelnde  A.  v. 
Humboldt,  (wie  Napoleon  und  Leibnitz),  nur  dreier  Stunden  Schlaf  be- 
durfte, und  bei  seiner  enormen  geistigen  Thätigkeit  ein  so  hohes  Alter  er- 
reichte.    (S.  Dorow  ßemin.   S.  46.) 

1)  Die  naturgemässeste  Eintheilung  des  Tages  bleibt  gewiss  diese: 
Acht  Stunden  der  Arbeit,  acht  Stunden  der  Kühe  und  acht  Stunden  der 
Nahrung,  körperlichen  Bewegung,  Gesellschaft  und  Aufheiterung. 

Hufeland  in  Kant's  Macht  des  Gemüths. 

2)  Der  schwache  menschliche  Arm  kann  auf  eine  dauernde  Art  den 
Gesetzen  der  Natur  nicht  entgegenwirken,  oder  die  Weltordnung  umwälzen. 
Der  Mensch  kann  Vieles  thun,  wenn  er  sich  in  dem  ewigen  Geleise  dersel- 
ben bewegt;  allein  er  wird  bald  vom  grossen  Rade  der  Zeit  ergriffen,  fort- 
gerissen und  zermalmt,  wenn  er  den  Speichen  desselben  eine  rückgängige 
Bewegung  zu  geben  versucht.  Ancillon. 

Das  unvernünftige  Thier  weiss,  wenn  es  genug  gefressen  und  getrunken 
hat,  und  wenn  die  Zeit  auszuruhen  herannaht.  Nur  der  Herr  der  Schöpfung, 
der  Mensch,  isst  und  schwelgt,  ohne  hungrig  zu  sein,  trinkt  und  übernimmt 
sich  im  Trinken,  ohne  zu  dursten,  legt  sich  nieder,  ohne  ermüdet  und  schläfrig 
zu  sein-  Dr.  Stevenson,  über  das  Podagra. 


II.  Buch.    Aphorism  4.  69 

üass  jedes  Uebermaass  im  Genüsse  der  zur  Nahrung  be- 
stimmten Dinge  nachtheilig  ist,  weiss  jeder  vernünftige  Mensch, 
so  wie  auch,  dass  die  Beschwerden  von  einer  derartigen  Ueber- 
füllung,  wenn  sich  auch  sonst  keine  krankmachenden  Stoffe  darunter 
befanden,  oft  durch  eine  Enthaltsamkeit  von  einigen  Tagen  sich 
wieder  beseitigen  lassen.  Aber  dieses  temporäre  Fasten  ist 
keineswegs  gleichbedeutend  mit  dem,  was  man  im  eigentlichen 
Sinne  unter  Hungerkur  begreift.  Diese  besteht  nämlich  in 
einer,  längere  Zeit  fortgesetzten  Enthaltung  von  jeder  Art 
von  nährenden  Speisen,  welche  einige  Allopathen  bei  lang- 
wierigen Uebeln  vorschreiben,  und  sehr  oft  noch  durch  Ab- 
führungsmitte], schwächende  Bäder,  Schweisse  und  Ader- 
lässe verschärfen.3) 

Man  beabsichtigt  dabei  hauptsächlich,  dass  die  daneben 
verordneten  inneren  und  äusseren  Heilmittel  um  desto  kräf- 
tiger einwirken  sollen.  Von  allem  Diesen  kennt  und  braucht 
die  Homöopathie  Nichts.  Sie  lässt  ungehindert  das  natürliche 
Verlangen  und  Bedürfniss  von  Speisen  und  Trank  befrie- 
digen und  verbietet  nur  dasjenige,  was  entweder  durch  inwohnende 
arzneiliche  Kräfte  eine  Störung  in  der  Wirksamkeit  der  gereich- 
ten Arznei  verursachen  könnte,  oder,  wie  es  oft  der  Fall  ist, 
vermöge  einer  besonderen  Art  von  Idiosynkrasie4)  von  dem 


3)  Abstinentiae  vero  duo  genera  sunt :  alterum,  ubi  nihil  assumit  aeger; 
alteruni,  ubi  uon  nisi  quod  oportet.  Celsus,  II.   16. 

4)  Galenus  erwähnte  schon  der  Idiosynkrasien  (de  Sectis  I.),  und 
legte  ihnen  als  Indication  ein  grosses  Gewicht  bei. 

Die  in  der  Geschichte  der  Medizin  berühmt  gewordene  Idiosynkrasie 
des  Prof.  Chr.  de  Vega  (de  arte  med.  II,  3)  gegen  Sardellen,  scheint  mit 
der  übereinzustimmen,  welche  wir  heutiges  Tages  nicht  so  gar  selten  gegen 
Häringe  beobachten,  wogegen  meistens  Lycop.,  zuweilen  auch  Ac.  fluor. 
das  Heilmittel  sind. 

Verschiedene  glaubwürdige  Aerzte  haben  uns  über  Idiosynkrasien 
merkwürdige  Thatsachen  mitgetheilt,  welche  jeder  physiologischen  Erklärung 
spotten.  Wir  wollen  hier  nur  Dejean,  Whytt,  Tissot,  de  Haen,  Boyle, 
Magnus,  Strom,  Gaubius,  Mosthoff  und  Autenrieth  nennen,  deren  Namen 
sämmtlich  in  unserer  Wissenschaft  einen  guten  Klang  haben. 


70  II.   Buch.      Aphorism  5. 

Kranken  nicht  gut  vertragen  und  deshalb  meistens  auch  verab- 
scheut wird.  Dies  Alles  ist  so  na tur  gemäss  und  dem  Schlüsse 
des  Aphorism  so  entsprechend,  dass  jeder  vernünftige  Mensch 
demselben  unbedingt  beipflichten  muss.  —  Die  sogenannte  Hun- 
gerkur der  Homöopathen,  welche  oft  den  leichtgläubigen 
Unkundigen  aufgebunden  wird,  ist  eine  lächerliche,  von  un- 
wissenden oder  böswilligen  Gegnern  derselben  ersonnene 
Fabel,  deren  Grundlosigkeit  von  jedem  bestätigt  werden  muss, 
welcher  sich  jemals  in  der  Behandlung  eines  Homöopathen  be- 
funden hat.  Jene,  oben  erwähnte  wahre  Hungerkur  der 
Allopathie  aber  echt  hippokratisch  zu  nennen,  würde  schlecht 
mit  diesem  Aphorism  übereinstimmen.5) 


5.  Eine   aus   freien   Stücken   sich    einstellende  Mattigkeit 
kündigt  eine  bevorstehende  Krankheit  an. 


Es  giebt  der  Krankheiten  nicht  wenige,  welche  sich  längere 
oder  kürzere  Zeit  vor  ihrem  eigentlichen  Ausbruche  durch  ein 
Gefühl  von  Ermattung  und  Kraftlosigkeit  ankündigen, 
welches  natürlich  nur  als  ein  vereinzelt  dastehendes  Symptom  an- 
zusehen und  in  solcher  Allgemeinheit  völlig  ungenügend  ist,  um 
darnach  mit  irgend  einer  Sicherheit  eine  bestimmte  Arznei  wählen 
zu  können. 

In  sehr  vielen,  ja  in  den  meisten  Fällen  solcher  nur  erst 
aus  der  Ferne  drohenden  Beschwerden,  lassen  sich  aber  an- 
amestische  Zeichen  auffinden,  welche  in  Verbindung  mit  den 
sonstigen  Eigenthümlichkeiten  einer  solchen  Mattigkeit  in 
Beziehung  auf  ihre  Erhöhung  oder  Verminderung  nach 
Tageszeit  und  Umständen,  Materialien  genug  darbieten,  um  eine 
homöopathisch  angezeigte  Arznei  zu  wählen,  welche  dann  um  so 


5)  Nulla  diaeta,  optima  diaeta;    raodice  vivere,   pessinic  viverc. 

Boerhave,  princ.   diaet. 


II.  Bueh     Aphorism  6.  71 

unbedenklicher  gereicht  werden  darf,  als  wegen  der  Kleinheit 
der  Gabe,  selbst  bei  ihrer  Unangemessenheit,  kein  erheblicher 
Nachtheil  davon  zu  befürchten  ist.  Dieses  Letztere  ist  aber 
durchgängig  der  Fall,  wenn  durch  sogenannte  stärkende  Mit- 
tel, welche  fast  stets  in  der  Nachwirkung  das  Gegentheil 
zuwege  bringen,  oder  durch  Verstärkung  einer  nahrhaften 
Diät,  bloss  gegen  das  eine  allgemeine  und  undeutliche  Symptom 
verfahren  wird.  Vielfache  Erfahrungen  haben  es  nachgewiesen, 
dass  eine  solche  angebliche  Störung  bei  offenbar  gestörter  Ge- 
sundheit nur  die  Krankheit  noch  mehr  fördert  und  nicht 
selten  im  Stande  ist,  diese  bis  zur  Lebensgefährlichkeit  zu  stei- 
gern. Hier  also  handelt  der  vorsichtige  Allopath  am  klügsten, 
wenn  er  vorerst  sich  damit  begnügt,  den  unthätigen  Beobachter 
abzugeben,  während  der  Homöopath  in  den  meisten  Fällen  im 
Stande  ist,  ohne  alle  Gefahr  die  drohende  Krankheit  schon 
in  ihren  ersten  Anfängen  abzuwenden,  wenn  er  den  stets  vor- 
handenen Nebenbeschwerden  die  gehörige  Aufmerksamkeit 
schenkt. 6) 


6.  Wofern  ein  Kranker  an  seinem  leidenden  Körper  fast 
keine  Schmerzen  empfindet:  so  ist  er  zugleich  gei- 
steskrank. 


Dieser  Aphorism  ist  nur  zum  Theile  richtig.  Allerdings  lehrt 
die  Erfahrung,  dassbei  Geistes  Störungen  die  körperlichen 
Schmerzen  in  der  Regel  sehr  in   den  Hintergrund   treten 


6)  Es  will  uns  durchaus  nicht  einleuchten,  dass  die  Schrift:  tibqI 
T03V  ivrog  na&äv,  welche  Galenus  als  eine  Hippokratische  anführt,  aus  dem 
Grunde  für  unecht  erklärt  und  der  knidischen  Schule  zugeschrieben  wird, 
weil  darin  gar  zu  viel  von  Nebensymptomen  die  Eede  ist.  Gerade  die- 
ser Umstand  macht  diese  Abhandlung  für  den  Homöopathen  doppelt  in- 
teressant und  lehrreich,  und  bietet  ihm  öftere  Gelegenheit  zu  therapeutischen 
Studien,  wozu  eine  übermässige  Kürze  der  generellen  Namen  und  Symptome 
nicht  hinreicht. 


72  II-  Buch.     Aphorism  6. 

und  kaum  mehr  empfunden  werden.  Selbst  bei  tiefen  körper- 
lichen Leiden  und  Zerstörungen  wichtiger  Lebensorgane 
sehen  wir  oft,  wie  durch  Zauber,  ein  Wohlbefinden  ohne  alle 
Klage  und  mit  Verschwinden  der  gefährlichsten  Symptome  ein- 
treten, sobald  der  Geist  sich  zerrüttet  darstellt  und  eine 
Krankheit  der  Seele  sich  gleichsam  an  die  Stelle  derjenigen  des 
Körpers  gestellt  hat.7)  Aber  es  giebt  auch  körperliche  Krank- 
heiten, welche  man  als  Schmerzlose  bezeichnen  könnte,  sowohl 
Innerliche  als  Aeusserliche,  bei  denen  der  Geist  entweder  vollkom- 
men gesund  bleibt,  wie  z.  B.  bei  einigen  völlig  schmerzlosen 
Hautübeln  und  Geschwüren,  oder  wo  nur  das  Sensorium, 
nicht  so  sehr  der  Geist  selbst,  abgestumpft  ist,  wie  z.  B.  bei 
einigen  Nerven  fiebern.  Alle  diese  Verschiedenheiten  sind  bei 
unseren  Arznei-Prüfungen  am  Gesunden  mit  grosser  Sorgfalt 
ermittelt  und  verzeichnet,  und  werden  von  uns  bei  der  Wahl  der 
Mittel    jedesmal    aufs    Genaueste   zur  Berücksichtigung  gezogen. 

Derselbe  Aphorism  bietet  auch  noch  Veranlassung,  im  Vor- 
beigehen ein  Wort  über  die  sogenannten  schmerzstillenden 
Mittel  zu  sagen. 

In  der  That  liefern  diese  einen  merkwürdigen  Beleg  zu  der 
theilweisen  Richtigkeit  des  eben  besprochenen  hippokratischen 
Lehrsatzes.  Wie  sehr  nämlich  der  Mohnsaft,  dieses  Haupt- 
mittel der  Allopathie  zur  Linderung  der  Schmerzen,  auf 
den  Geist  wirkt  und  diesen  krankhaft  affizirt,  ist  bekannt  genug. 
Aber  auch  das  noch  kräftiger  wirkende  Chloroform   hat  eine 


7)  Ein  auffallendes  Beispiel  von  körperlicher  Heilung  durch  Geistes- 
störung erzählt  der  Chronist  Bülau  (Geh.  Geschichten,  B.  12)  von  Mira- 
beau's  Grossmutter.  Diese  dreiundachtzigjährige,  bigotte  und  zum  Gerippe 
abgemagerte  Frau,  wurde  ,,nach  falsch  behandelter  Gicht"  wahnsinnig  bis 
zur  Raserei,  mit  Nymphomanie.  Vom  Augenblicke  an,  wo  sie  vom  Wahn- 
sinn ergriffen  wurde,  blühte  sie  wieder  auf,  wie  ein  junges  Mädchen  und 
bekam  selbst  ihre  Regeln  wieder.  Dieses  körperliche  Wohlbefinden  währte 
vier  Jahre,  worauf  mit  Rückkehr  des  Verstandes,  ihr  Leben  schnell 
erlosch. 


II.  Buch.     Aphorism  7.  73 

ähnliche  Kraft,  und  es  sei  uns  erlaubt,  in  der  Kürze  folgende 
merkwürdige  Thatsache  mitzutheilen :  —  Johanna  M.,  eine  un- 
verheiratete Dame  von  vierundzwanzig  Jahren,  welche  zehn 
Jahre  früher  von  einem  gefährlichen  chronischen  Augenübel 
('Markschwamm)  durch  uns  geheilt  war,  bekam  im  April  1849 
heftige  (rheumatische)  Zahnschmerzen,  und  liess  sich  bereden, 
mit  Hülfe  von  Chloroform  die  Operation  des  Zahnausreis- 
sens  schmerzlos  zu  überstehen.  Aber  der  Erfolg  war  für  die 
Angehörigen  entsetzlich.  Gleich  nach  dem  Erwachen  aus  dem 
Betäubungs-Zustande  erschien  sie  als  total  verrückt,  indem  ihr 
nämlich  Alles  durchaus  fremd  erschien,  ihr  Zimmer,  ihre  Möbeln, 
ihre  Freundinnen  und  selbst  ihre  eigenen  Eltern.  Sie  wusste  sich 
nirgends  zurecht  zu  finden  und  geberdete  sich  wie  eine  Person, 
die  aus  der  Fremde  urplötzlich  in  einen  Kreis  völlig  unbe- 
kannter Personen  und  Verhältnisse  versetzt  war.  Dieser 
Zustand  dauerte  drei  Tage,  wonach  er  in  der  Nacht  spurlos  ver- 
schwand, aber  die  Zahnschmerzen  gleichzeitig  in  erhöhtem  Grade 
wiedergekehrt  waren.  Desshalb  wurde  nun  wieder  bei  uns 
homöopathische  Hülfe  in  Anspruch  genommen  und  dabei  der 
erwähnte  Vorgang  mitgetheilt.  Eine  einzige  Gabe  Bry.  war  zur 
völligen  Heilung  der  Zahnschmerzen  hinreichend.8) 


7.  Eine  Abmagerung  des  Körpers,  welche  lange  Zeit  ge- 
währt hat,  darf  nur  allmälig,  diejenige  aber,  welche 
schnell  erfolgt  ist,  kann  auch  baldigst  durch  Nahrung 
wieder  gehoben  werden. 


8)  Die  Palliativmittel  schaden  wahrscheinlich  desshalb  so  sehr  in 
chronischen  Krankheiten,  und  machen  sie  hartnäckiger,  indem  sie  nach  ihrer 
ersten,  den  Symptomen  entgegengesetzten  Wirkung  eine  Nachwirkung  zu- 
rücklassen, die   dem  Hauptübel   ähnlich  ist. 

Hahnemann's  kl.  Sehr.,  I.  S.  155. 


74  n.  Buch.     Aphorism  7. 

Hier  ist  eine  von  den  Eigentümlichkeiten  ausgesprochen, 
welche  das  Wesen  und  den  Verlauf  der  akuten  Krankheiten 
gegenüber  den  Chronischen  bezeichnen.9)  Wenn  nach  voll- 
führter  Herstellung  von  einer  schweren  akuten  Krankheit  eine 
bedeutende  Abmagerung  zurückbleibt:  so  gehört  diese  nicht  mehr 
eigentlich  zu  dieser  Krankheit  selbst,  sondern  ist  bloss  eine 
Folge  davon,  die  während  der  Reconvaleszenz  sich  ohne  Gefahr 
und  Nachtheil  heben  lässt.  Es  liegt  nämlich  in  der  Natur  der 
akuten  Krankheiten,  dass  sie  an  eine  bestimmte  und  begrenzte 
Dauer  gebunden  sind,  nach  deren  Ablauf  der  Kranke  entweder 
todt  oder  wieder  gesund  ist.  Die  hinterher  noch  bleibende 
geringere  oder  grössere  Erschöpfung,  Schwäche  oder  Abmagerung 
darf  daher  unbedenklich,  in  sofern  nicht  auch  die  Verdauungs- 
Organe  anfangs  noch  daran  Theil  nehmen,  vermittelst  reichlicherer 
Nahrung  ihre  Beseitigung  finden,  weil  nicht  zu  befürchten  ist, 
dass  die  noch  ungetilgte  Krankheit  dadurch  auf's  Neue  aufgefrischt 
und  verstärkt  werde.  Bei  den  chronischen  Krankheiten  hin- 
gegen, die  an  keine  bestimmte  Verlaufszeit  gebunden  sind, 
die  ungeheilt  den  damit  Behafteten  bis  zu  seinem  Tode  niemals 
ganz  verlassen,  und  die  wohl  ihre  äussere  Form  und  ihre  Hef- 
tigkeit, nicht  aber  ihre  Natur  und  ihr  inneres  Wesen  wechseln, 
—  bei  diesen  eigentlichen  chronischen  Krankheiten  stellt  sich 
die  Sache  ganz  anders.     Wenn    dabei    nämlich  der  Fall  eintritt, 


9)  Es  ist  ein  unverkennbares  Naturgesetz,  dass  langsames  oder  schnelles 
Entstehen  und  Heranwachsen,  auch  langsames  oder  schnelles  Abnehmen  be- 
dingt. Selbst  das  Steigen  oder  Fallen  des  Barometers,  je  nachdem  es  all- 
mälig  oder  rasch  geschieht,  zeigt  etwas  Aehnliches  bei  der  Veränderung 
des  Wetters  an.  Es  widerspricht  daher  diesem  Naturgesetze,  wenn  man  in 
Krankheiten  die  schnell  wirkenden  Mittel  bei  chronischen,  und  die  Lang- 
wirkenden bei  akuten  Leiden  anwendet,  oder  von  Beiden  dieselben  Erfolge 
erwartet.     Daher  gilt  bei    uns    das    gewöhnliche    „alle  zwei  Stunden"  nicht. 

Wenn  dem  Asklepiades  (aus  Prusa  in  Bithynien)  auch  die  erste  Ein- 
theilung  der  Krankheiten  in  Hitzige  und  Langwierige  zugeschrieben  wird, 
so  finden  wir  doch  schon  im  Hippokrates  Stellen  genug,  wo  dieser  Unter- 
schied hinreichend   hervorgehoben  wird. 


II.  Buch.     Aphorism  8.  75 

dass  der  Kranke  beträchtlich  abmagert:  so  gehört  dieses  Symptom 
eben  sowohl,  wie  alle  Andern,  welche  dabei  vorkommen,  zur 
Gesammtgruppe  derjenigen,  welche  die  Krankheit  bezeichnen 
und  kann  deshalb  nur  gleichzeitig  mit  den  Uebrigen  geheilt  wer- 
den. Wofern  dieses  nicht  geschieht,  so  tritt  der  Nachtheil  ein, 
der  im  Aphorism  II,  10  ganz  richtig  angeführt  wird,  dass  näm- 
lich die  Krankheit,  so  lange  sie  noch  besteht,  durch  vermehrte 
Nahrung  nur  verstärkt,  das  Symptom  der  Abmagerung  demnach 
zunehmen  und  der  Schaden  um  so  grösser  wird. 


8.  Wenn  Jemand  nach  überstandener  Krankheit  eine  starke 
Esslust  zeigt  und  gehörig-  befriedigt,  ohne  dabei  an 
Kräften  zuzunehmen:  so  ist  dies  ein  Zeichen,  dass  er 
zu  viel  Nahrung  zu  sich  nimmt.  Wenn  dies  aber  bei 
schwacher  Esslust  der  Fall  ist,  so  ist  ihm  eine  Aus- 
leerung nöthig. 

Auch  in  den  hier  angeführten  beiden  Fällen  ist  der  so 
eben  beim  vorigen  Aphorism  näher  bezeichnete  Unterschied 
zwischen  akuten  und  chronischen  Krankheiten  sorgfältig  und 
scharf  im  Auge  zu  behalten.  Wenn  nämlich  nach  einer  akuten 
Krankheit  der  erst  erwähnte  Fall  eintritt:  so  ist  dies  ehr  Zeichen, 
dass  auch  die  Verdauungs-Organe  an  der  allgemeinen  Schwäche 
Theil  genommen  haben,  und  daher  die  Verdauung,  oder  wie 
man  es  jetzt  nennt,  der  Stoffwechsel  nicht  gehörig  von  Statten 
geht.  Hier  muss  natürlich  die  Anordnung  getroffen  werden,  dass 
der  Reconvaleszent  nur  leicht  verdauliche  Nahrung,  und  zwar 
öfter,  aber  stets  nur  wenig  auf  einmal,  zu  sich  nehme.  —  Bei 
chronischen  Krankheiten  liegt  aber  gewöhnlich  eine  ganz  an- 
dere Ursache  zum  Grunde.  Wenn  da  nämlich  auch  der  Haupt- 
Sturm  eines  Verschlimmerungs-Anfalls,  der  oft  wie  eine  ein- 
zelne, für  sich  dastehende  Krankheit  auftritt,  beschwichtigt 
ist:  so  bleibt  doch  das  ursprüngliche,  keineswegs  getilgte  Siech- 


76  II.  Buch.     Aphorism  9. 

th um  bestehen,  und  sehr  oft  ist  dabei  eine  vermehrte,  selbst 
krankhaft  gesteigerte  E  s  s  1  u  s  t  vorhanden ,  deren  Befriedigung 
dem  Kranken  mehr  schadet,  als  nützt.  Hier  kann  eine  Mässigung 
in  den  Genüssen  nur  als  diätetische  Beihülfe  dienen,  während 
der  Fortgebrauch  der  passenden  Heilmittel  die  Hauptsache  thun 
muss. 

In  dem  letzten  Theile  dieses  Aphorisms  ist  offenbar  nur 
von  geschwächter  Verdauung  und  daher  rührender  Appetit- 
losigkeit die  Rede,  welche  in  dem  Zeitalter  des  Hippokrales 
und  zum  Theile  auch  noch  in  unseren  Zeiten  nur  vermittelst 
Ausleerungen  nach  Oben  und  nach  Unten  bekämpft  wurde. 
Dass  die  Homöopathie  dazu  andere,  weniger  heftige  und  unan- 
genehme Mittel  besitzt,  die  mindestens  dasselbe  leisten,  ist  be- 
kannt genug. 


9.  Wenn  man  abführen  will,  muss  man  die  auszuleerenden 
Stoffe  vorher  erweichen. 


Dieser  Lehrsatz  war  zu  den  Zeiten  des  Hippokrates  weit 
wichtiger  und  nothwendiger,  als  jetzt,  wo  man  sogenannte  ge- 
linde auflösende  Arzneien  (Resolventia)  besitzt,  während  die 
damaligen  Aerzte  nur  die  heftigsten,  drastischen  Abführmittel 
kannten.  Es  ist  nämlich  jederzeit  gefährlich,  Personen,  die  an 
Obstruktionen  leiden,  ohne  Weiteres  mit  Pu  rgirmitteln  zu 
behandeln,  auch  abgesehen  davon,  dass,  wie  die  tägliche  Er- 
fahrung in  tausendfältigen  Beispielen  lehrt,  eine  wahre  habituelle 
Verstopfung  niemals  durch  Solche  gründlich  und  dauerhaft 
geheilt  werden  kann.  '  Hippokrates  spricht  daher  hier  wohl  nur 
von  der  augenblicklichen  Gefährlichkeit  eines  derartigen 
Verfahrens,  welches  dennoch  bei  einigen  Allopathen  unbesonnener 
Weise  noch  heutiges  Tages  oft  zur  Anwendung  kommt.  —  Die 
Homöopathie  reicht,  wie  bekannt,  niemals  zu  solchem  Zwecke 


II.  Buch.    Aphorism  10,   11.  77 

eigentliche   Abführmittel,    sondern    Arzneien,    welche   in    der 
Nachwirkung,  also  dauernd  die  Verstopfung  heben. 


10.  Je  reichlicher  man  unreine  Körper  nährt,  desto  mehr 
schadet  man  Ihnen. 


Siehe  hierzu  die  Glosse  zum  Aphorism  II,  7. 


11.  Flüssige  Nahrung  erquickt  leichter,  als  Feste. 


Wenn  man  bedenkt,  dass  die  nährenden  und  zu  dem 
Ende  in  die  Säfte  übergehenden  Best andtheile  der  Speisen  vor 
ihrer  Aufnahme  in  dieselben  von  den  übrigen,  gleichsam  als  Ve- 
hikel dienenden  und  zur  Ausscheidung  bestimmten  Stoße,  eine 
flüssige  Gestalt  angenommen  haben  müssen:  so  ist  nichts  be- 
greiflicher, als  dass  dieser  Zweck  um  desto  leichter  erreicht 
wird,  je  mehr  die  Nahrungsmittel  zu  diesem  Verdauungs-Processe 
vorbereitet  und  in  solchem  bereits  aufgelösten  Zustande  genom- 
men werden.  In  so  weil  also  müssen  wir  vollkommen  diesem 
Lehrsatze  beistimmen. 

Wenn  man  aber  daraus  folgern  wollte,  dass  jede  Nahrung, 
auch  für  Gesunde,  in  dieser  Form,  einen  entschiedenen  Vor- 
zug vor  den  mehr  konsistenten  und  festen  Speisen  ver- 
dienten: so  würde  man  dies  in  Abrede  stellen  müssen.  Da 
nämlich  die  Natur  den  Mund  mit  Zähnen  zum  Zermahnen,  so  wie 
den  Magen  mit  ferner  die  Speisen  zerkleinernden  und  auf- 
lösenden Häuten  und  Säften  versehen  hat:  so  würden  diese 
Theile  durch  mangelnde  Thätigkeit  bei  dem  Processe  der  Ver- 
dauung, wie  alle  derartigen  Naturgebilde  des  lebenden  Körpers, 
allmälig  erlahmen,  und  ihnen  dadurch  in  anderer  Weise  Nach- 
theil zugefügt  werden.     Am  Auffallendsten   ist  dies  der  Fall  bei 


78  IL  Buch.    Aphorism  11. 

Personen,  welche  sich  gar  zu  sehr  dem  Genüsse  warmer  Ge- 
tränke ergeben  haben  und  dabei  alle  festen  Speisen  ver- 
schmähen. Wird  eine  solche  Lebensweise  lange  fortgesetzt,  so 
entstehen  daraus  mancherlei  Beschwerden,  wie  Magenleiden,  Un- 
terleibsbeschwerden, Hysterie  u.  d.  gl.  mehr,  deren  Ursache  man 
oft  da  sucht,  wo  sie  nicht  zu  finden  ist,  und  die  Wahre  fort- 
bestehen lässt. 

Hier  möge  noch  eine  Mittheilung  Platz  finden,  welche  vor 
wenigen  Jahren  (bei  Gelegenheit  der  Einweihung  des  Hahnemann- 
Denkmals  in  Leipzig)  der  berühmte  Dr.  Nunez,  Leibarzt  der 
Königin  von  Spanien,  dem  Verfasser  machte,  nachdem  er  un- 
mittelbar vorher  ein  Paar  Monate  bei  dem  damals  berühmten 
Priesnitz  in  Gräfenberg  verweilt  hatte,  um  das  Wesen  und 
die  Erfolge  der  dortigen  Wasserheilanstalt10)  kennen  zu 
lernen.  Dieser  versicherte  nämlich,  dass,  nach  eigenem  Ge~ 
ständniss  des  Priesnitz,  er  zuerst  durch  die  verschiedene 
Beschaffenheit  der  Eingeweide  bei  geschlachteten  Schweinen 
auf  den  Einfluss  kalter  oder  warmer  Fütterung  aufmerk- 
sam geworden  sei.  Bei  den  kalt  Gefütterten  nämlich  hätten 
sich  die  Gedärme  beim  Wursten  überaus  fest  und  zähe 
erwiesen,  während  bei  den,  mit  warmen  Tränken  Gefütterten 
diese  Gedärme   sich   dermaassen   mürbe  und  brüchig  gezeigt 


10)  A.  Musa,  und  nach  ihm  Charmis,  sollen  schon  zu  Nero's  Zeiten 
in  Rom  die   Kaltwasserkur  angewendet   und  eingeführt  haben. 

Wie  früher  über  die  Homöopathie,  so  gab  auch  am  18,  Aug.  1840  die 
Academie  de  Medecine  in  Paris  über  die  Wasserheilanstalt  ä  la  Priesnitz 
ihr  Gutachten  dahin  ab  : 

1.  dass  die  Wasserheilkunst  eine  gefährliche  therapeutische  Methode 
sei,  die  sich  auf  keine  Th'atsache  stütze ; 

2.  dass   die  Theorie  derselben  eine  Chimäre  sei; 

3.  dass  sie  im  Widerspruche  stehe  mit  allen  physiologischen  und 
pathologischen  Wissenschaften  und  die  Akademie  sie  in  keiner  Gestalt 
approbiren  könne,  und 

4.  dass  der  Gebrauch  des  kalten  Wassers  schon  lange  in  der  Medizin 
eingeführt  und  bekannten  Regeln  unterworfen  sei. 


II.   Buch.     Aphorism   12.  79 

hätten,  dass  sie  beim  Stopfen  der  Würste  stets  geplatzt  und 
oft  ganz  unbrauchbar  gewesen  wären.  Wir  erwähnen  diese 
angebliche  Thatsache  nur  in  Folge  der  Versicherung  eines  Drit- 
ten, aber  eines  Mannes,  dem  wohl  Niemand  die  erforderliche 
Glaubwürdigkeit  absprechen  wird.  n) 


12.     Ueberbleibsel   von  einer  Krankheit ,  die  nach  der  Krise 
noch  vorhanden  sind,  verursachen  Eückfälle. 


Der  vorstehende  Aphorism  hat  den  verschiedenen  Commen- 
tatoren  viel  zu  schaffen  gemacht.  Am  leichtesten  wurden  damit 
die  Humoral- Pathologen  fertig,  indem  sie  die  Schuld  der 
Rückfälle  auf  zurückgebliebene  Infarkte,  böseSäfteund 
dergleichen  schoben  und  somit  diesen  Erfahrungssatz  leicht  er- 
klären zu  können  glaubten. 

Andere  begriffen  unter  diesen  Krankheits-U eberb leibsein 
dasjenige,  was  nach  unvollständiger  Krise  von  dem  räthsel- 
haflen  Krankheits Stoffe  noch  übrig  geblieben  wäre,  und  nur 
durch  eine  erneuerte  Anstrengung  der  Lebenskraft,  oder  durch 
eine  erneuerte  Krise  ausgeschieden  werden  könnte.  Noch  An- 
dere schoben  die  Ursache,  ohne  sich  bestimmter  über  den  Her- 
gang auszusprechen,  auf  ein  allzu  reizendes,  oder  ein  allzu 
weit  getriebenes  antiphlogistisches  Heilverfahren,  denen 
sie  konsequenter  Weise  auch  die  dabei  ungewöhnlich  häufig  vor- 
kommenden Metastasen  zuschreiben.  —  Wir  lassen  diese  und 
andere  Erklärungs- Versuche  ähnlicher  Art  auf  ihrem  Werthe  oder 
Unwerth  beruhen,  und  wollen  nur  kurz  und  einfach  anführen, 
wie  wir,  und  mit  uns  wohl  der  grösste  Theil  der  Homöopathen 


11)  Notandum,  —  erinnert  Plinius  (XXVIII,  14)  sehr  richtig, 
nulluni  aliud  animal  calidos  potus  sequi,  ideoque  non  esse  naturales. 
Eine  Ausnahme  dürften    doch  wohl  die  blutgierigen  Thiere  machen. 


gO  II.  Buch.     Aphorisni  12. 

die  angeführte  Thatsache  ansehen,  die  allerdings  in  der  Wirk- 
lichkeit oft  vorkommt. 

Den  Grundsätzen  der  Homöopathie  gemäss,  welche  vollkom- 
men mit  der  Erfahrung  übereinstimmen,  muss  auch  in  Bezug 
auf  diesen  Gegenstand  der  oben  schon  einmal  auseinander  ge- 
setzte Unterschied  zwischen  akuten  und  chronischen 
Krankheiten  genau  im  Auge  behalten  werden. 

Wenn  es  sich  nämlich  um  Rückfälle  bei  akuten  Krank- 
heiten handelt,  so  erscheint  dieser  Ausdruck  eigentlich  als  nicht 
ganz  richtig,  sondern  sollte  vielmehr  Nachkrankheit  heissen. 
Die  akute  Krankheit  selbst  hat  nämlich  ihren  in  der  Zeit  ziem- 
lich beschränkten  Verlauf,  über  welche  hinaus  sie  ihrer  wesent- 
lichen Natur  nach  nicht  fortdauern  kann.  Wenn  also  hier  Nach- 
krankheiten erfolgen,  welche  die  Genesung  verzögern,  so  ge- 
hören sie  nur  in  so  weit  zu  der  vorhergehenden  Krankheit,  als 
diese  mit  zu  den  dazu  disponir enden  Ursachen  gehört,  in 
ihrem  Wesen  aber  davon  gänzlich  verschieden  ist.  Dahin 
gehören  die  Nachkrankheiten  nach  Scharlach,  Masern, 
Nervenfieber,  Cholera  u.  d.  gl.  mehr,  die  oft  böse  genug 
sind  und  oft  gefährlicher  werden,  als  ihre  Vorgängerinnen,  aber 
sonst  Nichts  damit  gemein  haben,  und  meistens  eine  ganz  davon 
verschiedene   Behandlung  und    ganz   andere   Arzneien  erfordern. 

Bei  chronischen  Krankheiten,  welche  zwar  an  keine 
bestimmte  Verlaufs-Periode  gebunden  sind,  aber  dennoch  oft  in 
abgesonderten  Anfällen  auftreten,  so  dass  sie  dadurch  die  G  e- 
stalt  akuter  Krankheit  annehmen,  ohne  ihre  Eigenschaft  zu 
haben,  stellt  sich  die  Sache  anders.  Hier  nämlich  sind  es  wirk- 
liche Rückfälle,  wenn  nach  einem  beendigten  Anfalle  ein  wei- 
terer ähnlicher  Akt  erfolgt,  weil  die  Krankheit  weder  ihr  na- 
türliches Ende  erreicht  hat,  noch  auch  durch  die  gereichte  Arz- 
nei vollständig  geheilt  ist. 

Ausser  diesen  beiden  natürlichen  Verschiedenheiten  der  akuten 
und  der    chronischen   Krankheiten   steht    nur   noch    eine  dritte 


II.  Buch.     Aphorism  12.  31 

Art  von  Nachkrankheit  in  der  Mitte  jener  beiden,  welche 
man  kaum  anders  als  mit  dem  Namen  einer  Arzn  ei  -  Krank- 
heit 12)  bezeichnen  kann,  und  die  jedesmal  eine  Folge  von  allzu 
heftigen  arzneilichen  Einwirkungen  ist.13)  Diese  ist  weder 
ein  Rückfall  eines  chronischen  Leidens,  noch  eine  Nachkrank- 
heit einer  akuten  Erkrankung,  sondern  eine  arzneiliche  Nach- 
wirkung, welche  an  und  für  sich  oft  schon  böse  genug  ist, 
aber  ausserdem  in  nicht  seltenen  Fällen  sich  mit  einer  früher 
schlummernden  und  durch  die  heftigen  Angriffe  auf  die  Lebens- 


12)  Wenn  die  Heilung  einer  chronisch  gewordenen  Arznei- 
krankheit an  und  für  sich  schon  grössere  Schwierigkeiten  darbietet, 
als  eine  Natürliche:  so  werden  Solche  noch  erheblich  vermehrt,  wenn  von 
den  angewendeten  Arzneien,  besonders  in  ihren  mannigfaltigen  Mischungen 
keine  vollständige  Kenntniss  zu  erlangen  ist.  Ausser  der  Unachtsamkeit 
vieler  Kranken  und  ihrer  Angehörigen,  welche  die  Rezepte  oft  nicht  auf- 
bewahren, giebt  es  namentlich  zwei  am  häufigsten  vorkommende  Ursachen, 
welche  wir  dabei  zu  beklagen  haben.  Die  Erste  ist  die  Sitte  einiger 
Aerzte,  bei  jedem  folgenden  Besuche  das  vorige  Rezept  zur  Einsicht 
zurück  zu  verlangen  und  dann  zu  vernickten.  Es  bedarf  kaum  der 
Erinnerung,  dass  für  das  Letztere  durchaus  kein  gültiger  Rechtstitel  vor- 
liegt, indem  das  Rezept  ausschliesslich  Demjenigen  gehört,  der  es  bezahlt 
hat,  und  keineswegs  dem  ordinirenden  Arzte,  der  eine  Note  etwa  aufbe- 
wahren kann  und  muss,  wenn  er  es  für  nöthig  hält.  Die  Zweite  ist 
aber  noch  schlimmer  und  weit  gefährlicher,  nämlich  die  Befugniss  zahl- 
reicher, von  A.potheken  etwas  entfernt  wohnenden  Landärzte ,  selbst  ihre 
Arzneimischungen  anzufertigen  und  zu  dispensiren,  ohne  dem  Kranken 
darüber  irgend  ein  Rezept  zu  verabfolgen.  Ob  sie  darüber  ein  vollstän- 
diges und  genaues  Buch  führen,  wissen  wir  nicht;  aber  es  ist  uns  bis 
jetzt  noch  niemals  gelungen,  in  solchen  sehr  häufigen  Fällen  die  erfor- 
derliche Auskunft  über  die  frühere  Medikation  zu  erlangen;  während  der 
ordnungsmässige  Homöopath  aus  seinem  Journale  jederzeit  die  geforderte 
Nachweise  zu  liefern  im  Stande  ist. 

Medicamentorum  usum  magna  ex  parte  Asclepiades  non  sine  causa 
sustulit,  cum  omnia  fere  stomachum  laedant  malique  succi  sint. 

Celsus,  L.  V.  praef. 

13)  Ist  das  Arzneimittel  angreifender  als  die  Krankheit,  so  hat  man 
den  Kranken  zwar  gesund  gemacht,  aber  man  hat  ihn  durch  den  Prozess 
des  Gesundmachens  mehr  geschwächt,  und  also  seiner  Lebenslänge  Mehr 
entzogen,  als  die  Krankheit  für  sich  gethan  haben  würde. 

Hufeland,  Makrobiotik.  II.   15. 
6 


g2  II.  Buch.     Aphorism  13. 

kraft  erwachten  chronischen  Dyskrasie  verbindet,  und  dann 
oftein  Krankheits-Ungeheuer14)  darstellt,  dessen  Bekämpfung 
für  den  Arzt  meistens  eine  schwierige  und  mühevolle  Auf- 
gabe ist. 15) 

Zu  Beispielen    und   Belegen  für  diese  Ansichten  wird  es  im 
Verlaufe  dieser  Glossen  nicht  an  Gelegenheit  fehlen. 


13.  Die  Nacht,  welche  einer  Krise  unmittelbar  vorher 
geht,  ist  für  den  Kranken  eine  sehr  Beschwerliche ;  in 
der  darauf  Folgenden  befindet  er  sich  aber  um  so 
wohler. 


Es  ist  eine  konstante  Erfahrung  aller  Zeiten,  von  Hippokra- 
tes  an,  wie  wir  aus  diesem  Aphorism  ersehen,  bis  auf  uns  herab, 
dass  bei  dem  Heil  vorgange  ein  Kampf  stattfindet,  welcher 
zwischen  der  normalen  Lebenskraft  einerseits,  und  anderseits 
der  normalen  Krankheits-Potenz  geführt  wird,  und  welcher 
um  so  heftiger  und  wahrnehmbarer  wird,  je  näher  die  Ent- 
scheidung, die  man  die  Krise  nennt,  heranrückt.  Die  Homöopathie 
bezeichnet  diesen  Vorgang  mit  dem  Ausdrucke  Erst-  und  Nach- 
wirkung, wovon  früher  schon  in  der  Glosse  zum  Aphorism  I, 
20.  die  Bede  gewesen  ist.  Bei  Beiden  ist  die  Thätigkeit  des 
lebenden  Organismus  ein  unbedingtes  Erforderniss,  indem 


14)  Ebenso,  wie  noch  heutiges  Tages,  fand  Plinius  (XXIV,  1)  Ur- 
sache zu  beklagen:  —  ,,Postea  fraudes  houainum  et  ingenioruni  capturae 
officinas  iuvenere  istas,  in  quibus  sua  cuique  hoinini  venalis  promittitur 
vita.     Statim  compositiones  et  mixturae  inexplicabiles  decantantur." 

15)  En  effet,  une  medecine  qui  n'en  serait  pas  une  et  produirait  plus 
de  bien  qu'une  medecine  reuinissant  tous  les  caracteres  de  la  science, 
temoignerait  au  moins  du  mal  que  fait  sa  rivale. 

Leon   Simon,   exposition.  p.  560. 
„Zuweilen   aber   sieht    man   Kinder    mit  Merkur    überschwemmen,    so 
dass    die  Löschanstalten    in  Erinnerung    kommen,     die   durch    das    Wasser 
mehr    zerstören,     als    das     Feuer     verzehrt."     —     Kopp,     Beobachtungen. 
S.   117.  Anm. 


II.  Buch.     Aphorism  13.  83 

rein  materielle  Wirkungen  einer  Arznei  oder  eines  Krank- 
heits-Stoffes  nur  in  chemischer,  physischer  oder  mechani- 
scher Hinsicht  bestehen  können.  Alles  aber,  was  im  lebenden 
Organismus  in  dieser  Weise  vorgeht  und  ein  wahrer  or- 
ganischer Lebensprocess  ist,  kann  nur  aus  dem  Leben 
selbst  hervorgehen,  und  nur  darin  seine  natürliche  Grundlage 
haben.  Die  Arzneien,  eben  so  wie  die  natürlichen  Krankheiten, 
können  wohl  die  Anregung,  die  Veranlassung  zu  einem 
solchen  Processe  geben,  aber  ohne  T  heil  nähme  der  Lebens- 
kraft Diesen  nicht  zur  Ausführung  bringen. 

Wenn  nun  dem  also  ist  und  die  Bestätigung  davon  überall 
deutlich  vor  Augen  liegt,  so  muss  es  dem  vorurteilsfreien  Be- 
obachter geradezu  unerklärlich  vorkommen,  wie  es  noch  heu- 
tiges Tages  gelehrte  und  denkende  Köpfe  geben  kann,  welche 
die  Erst-  und  Nach- Wirkungen  leugnen.  Freilich  treten 
diese  beiden  Gegensätze  nicht  stets  und  überall  so  deutlich  her- 
vor, dass  man  sie  mit  groben  Händen  greifen  kann;  aber  sie 
müssen  nothwendig  bei  jedem  Heilproeesse  vorhanden  sein,  weil 
sie  in  der  Natur  der  Sache  selbst  begründet  sind,  und  ohne 
diesen  gegenseitigen  Kampf  eine  wirkliche  Heilung  in  der  That 
gar  nicht  denkbar  ist. 

Die  Stärke  und  Dauer  dieser  beiden  entgegengesetzten 
Wirkungen  ist  indessen  von  sehr  verschiedener  Art,  und  theils 
von  der  Kraft  der  Arznei,  theils  von  der  Beschaffenheit 
der  Krankheit  abhängig.  Da  nun  die  Heilung,  d.  h.  die  hei- 
lende Nachwirkung  der  endliche  Zweck  des  Arztes  ist:  so 
ist  es  eben  so  seine  Aufgabe,  die  Arznei  so  einzurichten,  dass, 
unbeschadet  einer  genügenden  Reaktion  der  Lebenskraft,  die 
Erst-Wirkung  sogelinde  und  so  kurzdauernd  wie  möglich 
stattfindet,  um  nicht  unnöthiger  Weise  und  zum  Nachtheil  des 
Kranken  den  Kampf  zu  verlängern.16) 

16)  Ebenso    interessant,    als    belehrend    über   den  Vorzug  der  höhern 
oder    niederen   Verdünnungen    ist    die    „Schematische  Gruppirung",    welche 

6* 


84 


II.  Buch.     Apliorism   13. 


Um  hierfür  aber  das  richtige  Maass  zu  linden,  darf  ein- 
zig und  allein  nur  die  Erfahrung  befragt  werden,  indem  alle 
Theorie  und  alle  Spekulation    darüber  entweder  gar  keine, 


uns  neuerdings  der  Dr.  M.  Eidherr  in  der  „Zeitschrift  des  Ver.  hom. 
Aerzte  in  O esterreich  I,  1"  am  Schlüsse  einer  sehr  werthvollen  Abhand- 
lung über  Lungenentzündungen  mitgetheilt  hat.  Hier  finden  wir 
nämlich  die  Resultate  der  hom.  Behandlung  der  Pneumonien  von  den 
Jahren  1850  bis  1859  summarisch  zusammengestellt,  und  zwar  in  drei 
Gruppen,  welche  sich  folgender  Maassen  scharf  und  deutlich  abgrenzen: 

1.  Gruppe:  die  in  den  Jahren  1850,  1851  und  1852  mit  der  30. 
Dezimal-Ver  dünnung, 

2.  Gruppe:  die  in  den  Jahren  1853,  1854  und  1855  mit  der  6. 
Dezimal-Verdünnung,  und 

3.  Gruppe:  die  in  den  Jahren  1856,  1857,  1858  und  1859  mit  der 
15.  Decirnal-Ver dünnung  erzielten  Resultate. 

Nach  spezieller  Zusammenstellung  der  vorher  einzeln  und  umständ- 
lich beschriebenen  Fälle,  wovon  55  auf  die  1.,  31  auf  die  2.  und  54  auf 
die  3.  Gruppe  fallen,  ergiebt  sich  Folgendes  in  übersichtlicher  Weise 
vom  Tage  der  nachweisbaren  Infiltration  bis  zu  dem  Tage  des  Ver- 
schwindens   des  Exsudats  angegeben: 


G> 

Der  pneumonischen  Infiltration 

Verschwinden 

Dauer 

ft 

der 

£ 

Dauer 

beginnende 
Lösung 

vollendete 
Lösung 

der  In- 
filtration 

des 
Exsudats 

Rekon- 
valescenz 

1. 

3,0  Tage 

3,0  Tage 

4,9  Tage 

7,1  Tage 

12,3  Tage 

4,4  Tage 

2. 

4,1     ii 

3,5     „ 

6,9     „ 

9,3     „ 

20,5     „ 

5,3     „ 

3. 

3,0     „ 

3,2     „ 

6,3     „ 

10,3     „ 

18,1     „ 

4,8     ., 

In  merkwürdiger  Weise  stimmt  damit  auch  die  Durchschnittszahl 
der  Verpflegungstage  überein,  welche 

bei  der  ersten  Gruppe:  11,3  Tage, 

beider  zweiten  Gruppe:   19,5  Tage  und 

bei  der  dritten  Gruppe:  14,6  Tage  beträgt. 

Es  ist  in  der  That  dabei  zu  bedauern,  dass  uns  noch  ähnliche  ver- 
gleichende Zusammenstellungen  von  der  Anwendung  der  30.  Centesimal- 
Verdünnungen  und  der  Hochpotenzen  fehlen,  nachdem  hier  schon  der 
erhebliche  Vorzug  der  höhern  Verdünnungen  vor  den  Niedern  so  ent- 
schieden in  Zahlen  nachgewiesen  ist.  Auf  die  Versuche  mit  unverdünnten 
Tinkturen,  zweistündlich  zu  einem  oder  mehreren  Tropfen,  wollen  wir  weit 
lieber  verzichten . 


II.   Buch.     Aphorism   13.  85 

oder  nur  zweideutige  und  unzuverlässige  Antwort  zu  geben  ver- 
mögen. 17)  Selbst  dann,  wenn  es  sieb  darum  handelt,  zu  wissen, 
wie  stark  die  Gabe  sein  dürfe,  um  das  Leben  nicht  zu 
gefährden,  oder  sonst  Nachtheil  zu  bringen,  würde  man  nur 
sein  Vertrauen  auf  die  Erfahrung  setzen  können,  welche  in 
dieser  Beziehung  auch  die  Doses  praescriptae  der  allopathi- 
schen Pharmakopoen  normirt  hat.  Um  wie  viel  mehr  ist  dies 
aber  für  die  Homöopathie  erforderlich,  welche  die  Frage  ganz 
anders  stellt,  und  nur  erörtert:  wie  Wenig  von  jedem  arz- 
neilichen (giftigen,  schädlichen)  Stoffe18)  hinreicht,  um  die 
nöthige  Reaktion  hervorzurufen?  Diese  wichtige  Frage  hat 
vom  Beginne  der  Entdeckung  des  naturgemässen  homöopathischen 
Heilprincipes  (Similia  similibus)  au19)  bis  zum  heutigen  Tage  den 
Stifter  der  neuen  Schule  und  dessen  Anhänger  auf's  Ernstlichste 
beschäftigt  und  wurde  von  ihnen  in  sofern  wenigstens  gelöst, 
als  man  bereits  mit  Bestimmtheit  weiss,  dass  die  allerkleinsten 
Gaben  mindestens  sehr  oft,  wenn  sie  nur  genau  gewählt  wur- 
den, die  beabsichtigte  Wirkung  zu  thun  im  Stande  sind.  Freilich 
sind  über  diesen  Gegenstand  die  Akten  noch  nicht  geschlossen, 
und  die  verschiedenen  Ansichten  gehen  dabei  noch  sehr  weit 
auseinander.  Aber  soviel  ist  doch  schon  jetzt  als  ausgemacht 
anzunehmen,    dass    es,    wenn    auch    nur   zur   Abkürzung    der 


17)  Wie  in  allen  Gebieten  idealer  Spekulation,  steht  aber  auch 
hier  die  Gefahr  der  Täuschung  neben  der  Hoffnung  einer  reichen  und 
sicheren  Ausbeute.  Humboldt,  Kosmos.  I.  S.  384. 

18)  - —  —  — ,  „non  ci  dee  sembrare  strano  che  coi  rimedii  vedansi 
confondere  i  velani,  e  che  considerati  sotto  questo  punto  di  vista  si  gli 
uni  che  gli  altri  vengano  ad  essere  lacosa  istessa." 

G.   Taddei,  vel.  e  contrav.  I,   1. 

19)  In  der  Mittheilung  Hahnemann's  von  1814:  „Heilart  des  jetzt 
hei-rschenden  Nerven-  und  Spitalfiebers"  (in  H.  kl.  Sehr.  II,  155)  sehen 
wir,  dass  er  damals  seine  Verdünnungen  in  der  Weise  anfertigte,  dass 
er  einen  Tropfen  der  Tinctur  oder  der  vorhergehenden  Nummer  auf 
sechs  Quentchen  Weingeist  nahm,  dieses  aber  jedesmal  drei  volle 
Minuten   stark   schüttelte. 


gß  II.  Buch.    Aphorism  14. 

Erst-Wirkung,  jederzeit  anzurathen  ist,  die  Gabe  so  klein  zu 
bemessen,  als  eben  hinreicht,  um  den  Zweck  der  Erst-Wirkung  zu 
erfüllen,  und  die  heilungbringende  Nachwirkung  nicht  über  die 
erforderliche  Zeit  zu  verzögern.20) 


14.  Bei  Baiichnüssen  sind  alle  Veränderungen  in  dem 
Ausgeleerten  heilsam,  Avenn  diese  nicht  gerade  eine 
noch  schlimmere  Beschaffenheit  annehmen. 


Jeder  Arzt  weiss,  dass  bei  innormalen  Ausleerungen 
die  Krankheit  nicht  eher  in  ein  günstiges  Stadium  übergebt, 
als  bis  diese  wieder  zu  der  natürlichen  Beschaffenheit  zurück- 
kehren. Dies  gilt  nicht  bloss  von  der  Ruhr,  von  der  Lien- 
terie,  und  anderen  Krankheiten  ähnlicher  Art,  sondern  auch 
von  den  Veränderungen  in  den  konsistenten  Ausleerungen, 
welche  gewöhnlich  in  der  Begleitung  mancher  Leiden  anderer 
Organe  angetroffen  werden.  In  allen  solchen  Fällen  kann  die 
Heilung  ungemein  befördert  und  beschleunigt  werden,  wenn, 
wie  die  Homöopathie  solches  vorschreibt,  nur  ein  Mittel  ge- 
reicht wird,  welches  allen  diesen  Abnormitäten,  mithin 
den     Gesammt- Symptomen     der     Krankheit     entspricht.21) 


20)  Die  Allopathie  verstärkt  allmälig  die  Gaben,  oft  bis  zu 
einem  gefährlichen  Grade  von  Intoxikation.  Die  Honiö  opathie,  wenig- 
stens Viele  ihrer  ältesten  Anhänger,  verkleinert  solche,  indem  sie,  wo 
eine  Wiederholung  nöthig,  zu  höheren  Potenzen  aufsteigt,  weil  darin 
die  Arzneikraft  mehr  entwickelt,  ihr  Wirkungs-Umfang  erwei- 
tert, mithin  an  Berührungspunkten  reicher  geworden  ist.  Die  jüngeren 
Homöopathen  näheren  sich  in  diesem ,  wie  in  einigen  anderen  Punkten 
wieder  dem  Brauche  der  Allopathen. 

Ein  schwerer  Irrthum,  dem  Gealterten  und  Abgelebten  den  Sieg  über 
das  Jugendliche  und  Heranwachsende  verschaffen  zu  wollen. 

Semilasso  in  Africa.  III,    85. 

„Im  Organischen",  —  sagt  Autenrieth  sehr  richtig,  —  „erscheint  die 
Wirkung  jederzeit  grösser,   als   die  Ursache." 

21)  Qui  potest  mederi  simplieibus,  dolose  et  frustra  quaerit  com- 
posita.  Villanova. 


II.  Buch.     Aphorism  14.  87 

Wenn  dagegen,  wie  so  oft  geschieht,  mehrere  nach  den  In- 
dikationen gewählte  Mittel  in  einem  und  demselben,  oder 
in  mehrern  abwechselnd  zu  brauchenden  Rezepten  ver- 
schrieben werden22):  so  ist  es  doch  mit  einer  vernünftigen 
Einsicht  in  die  Werkstätte  der  lebenden  Natur  schwerlich 
zu  vereinigen,  wenn  man  dabei  verlangt  oder  auch  nur  voraus- 
setzt, dass  nun  auch  Jedes  dieser  verschiedenen  Arznei- 
Ingredienzen,  woraus  diese  Gemische  bestehen,  ungestört 
und  unabhängig  von  den  Andern  seine  Wirkung  entfalten 
soll.23)  Vollends  unsinnig  muss  es  aber  jedem,  mit  den 
eigenthümlichen  Kräften  der  Arzneisloffe  hinreichend  bekannten 
Arzte  erscheinen,  wenn  er  in  solchen  zusammengesetzten  Re- 
zepten Mittel  aufgeführt  findet,  welche  entweder  ganz  ent- 
gegengesetzte Kräfte  besitzen,  oder  in  chemischer 
Beziehung  sich  einander  neutralisiren  und  wirkungslos 
inachen,  —  eine  Wahrnehmung,  die  man  häufiger  zu  machen 
Gelegenheit  hat,  als  sich  bei  der  hohen  wissenschaftlichen 
Bildung    unseres    Zeitalters    vermuthen    lassen    sollte.     Freilich 


22)  Auch  ich  siechte  einstmals  an  diesem  Fieber  (der  zusammen- 
gesetzten Rezepte) ;  die  Schule  hatte  mich  angesteckt.  Hartnäckiger  hing 
dies  Miasma,  eh'  es  zur  kritischen  Ausscheidung  kam.  meinem  Gebein  an, 
als  das  Miasma  irgend  einer  andern  Geisteskrankheit. 

Hahnemann's  kl.   Sehr.  I.  S.   15. 

Obwohl  bekanntlich  der  Wahlspruch  des  berühmten  Boerhave ,  lau- 
tete: simplex  veri  sigillum!  so  findet  man  doch,  wie  der  D.  Terne  in 
Leiden  anmerkte,  in  dessen  Materia  medica  Arzneivorschriften,  wie  „Lei- 
tern von  20  bis  30  Sprossen." 

Wenn  der  Kaiser  von  China  erkrankt,  so  werden  die  berühmtesten 
Aerzte  znsammenberufen,  wovon  jeder  seine  Mittel  verschreibt,  die  dann 
Alle  zusammengemischt  und  gebraucht  werden.  Geneset  davon  der  Kaiser, 
so  werden  alle  Aerzte  gleichmässig  und  reichlich  beschenkt;  stirbt  er, 
so  werden  sie   alle  geköpft. 

Dr.  Quin.  Brit.  Journ.  of  Hom.   1848. 

23)  Radix  autem  veridica  esset,  ut,  si  posset  fieri,  ministraretur 
semper  unica  et  simplex  medicina  in  omni  morbo,  donec  ejus  operatio 
ponderetur.  Avicenna  op.  p.  395. 


gg  II.   Buch.    Aphorism   15. 

sind  die  alten,  ellenlangen  Rezepte,  wie  sie  noch  im 
vorigen  Jahrhunderte  gäng  und  gebe  waren,  allmählich  ver- 
schwunden; aber  Solche,  welche  nur  ein  einziges  Mittel  ent- 
halten, gehören  auch  heute  noch  zu  den  grossen  Seltenheiten.24) 


15.  Wenn  die  Schlundhöhle  leidet,  oder  wenn  Hautaus- 
schläge sich  zeigen:  so  muss  man  die  Ausleerungen 
untersuchen.  Findet  man  Diese  galligter  Art:  so  ist 
der  ganze  Körper  krank;  sind  Sie  hingegen  denen  des 
Gesunden  ähnlich:  so  darf  man  unbedenklich  gehörige 
Nahrung  gestatten. 


Der  Sinn  dieses  Aphorisms  scheint  darin  zu  liegen,  dass 
Halsleiden  und  Hautübel  nicht  selten  einen  gastrischen 
Ursprung  haben,  der  sich  an  den  Ausleerungen  erkennen  lässt, 
und  wobei  dann  mit  der  Behandlung  natürlich  auch  eine  ent- 
sprechende Diät  verbunden  werden  muss.  Wo  diese  Zeichen 
aber  fehlen,  da  sind  auch  die  Verdauungsorgane,  wenigstens 
nicht  unmittelbar,  dabei  betheiligt  und  deshalb  eine  besondere 
Enthaltsamkeit  von  Nahrungsmitteln,  wie  sie  im  ersten  Buche 
dieser  Aphorismen    abgehandelt   ist,   unnöthig.     Wenn    wir    nun 


24)  So  viel  bekannt,  ist  die  älteste,  zusammengesetzte  Arznei  in  der 
Odyssee  IV.  220  und  221  unter  dem  Namen  Nepenthes  beschrieben. 

Könnte  doch  nur  Alles  so  vereinfacht  und  leicht  gemacht  werden, 
wie  es  Hahnemann  in  Betreff  der  innern  Mittel  gemacht  hat!  Und  diese 
Vereinfachung  ist  kein  kleiner  Stern  in  der  Krone  Halmemann's.  Statt 
aber  diese  extremste  Vereinfachung  dankbar  anzuerkennen,  wirft  man 
Schmähungen  über  Schmähungen  auf  dieselbe. 

Prof.  Hoppe,  die  Dispeusirfreiheit.   S.   74. 

Ast  minus  periti  artifices  nobis  videmur,  nisi  praelongas,  ac  inter- 
dum  etiam  scriptas  a  tergo  schedas  apud  aegros  relinquamus  et  in  sim- 
plici  quoque  effectu  non  solum  simplicia  simplicibus  sed  etiam  compositn 
compositis  permisceamus. 

B.  Bammazini,  op.  phys.   med.  p.  88. 

Qui  longas  remediorum  formulas  conscribit,  aut  dolo  peccat ,  aut 
ignorantia.  Trithemius. 


II.  Buch.     Aphorism  16.  89 

hiergegen,  was  die  Schlussfolgerung  in  beiden  Fällen  anbelangt, 
auch  nichts  Erhebliches  zu  erinnern  haben:  so  sind  wir  doch 
keineswegs  damit  einverstanden ,  dass  bei  den  angeführten  Be- 
schwerden der  übrige  Körper  völlig  gesund  sein  müsse, 
so  lange  die  Ausleerungen  ihre  normale  Beschaffenheit 
behalten.  Selten  wird  nämlich  der  Fall  vorkommen,  dass  bei 
den  erwähnten  Halsleiden,  oder  beim  Ausbruche  von  Hautübeln, 
ungeachtet  der  ungestörten  Verdauung,  der  übrige  Körper 
fieberfrei  und  ganz  ohne  alle  begleitende  krankhafte 
Beschwerden  befunden  werden  sollte.  Wir  meinen  daher, 
dass  bei  solchen  Umständen,  die  eben  keine  gastrische  Be- 
schwerden anzeigen,  allerdings  von  Fasten  und  Hungern, 
—  denen  wir  auch  sonst  wenig  zugethan  sind,  —  abgesehen 
werden  darf,  dass  aber  sämmtliche  übrige  krankhafte  Symp- 
tome, die  sich  ermitteln  lassen,  bei  der  Mittel  wähl  hier  eben 
so  gut  ihre  Beachtung  verdienen,  als  bei  jeder  andern  inner- 
lichen Krankheit.  Wir  halten  es  vielmehr  für  gefährlich  und 
durchaus  unzulässig,  ein  vorhandenes,  wenn  auch  aus  ser- 
liches Leiden,  als  ein  rein  Lokales  anzusehen  und  durch 
blosse  äusserliche  (Schmier-,  Wasch-,  Salben-  und  dergleichen) 
Mittel  zu  behandeln.  Wenn  dies  auch  leider  so  oft  geschieht, 
und  fast  eben  so  oft  die  beklagenswerthen  Folgen  früh  oder 
spät  nicht  ausbleiben:  so  kann  die  Schuld  davon  doch  nicht 
dem  Hippokrates  aufgebürdet  werden,  der  solches  nirgends  an- 
gerathen  hat  und  hier  offenbar  missverstanden  ist. 


16.  Beim  Hungern  soll  man  nicht  arbeiten. 

Der  bekannte  alte   Verehrer  und    Ausleger    der    Hippokra- 

tischen    Lehrsätze,  Celsus,   giebt   (I,  2)    dem  Vorstehenden  eine 

etwas  abweichende  Beutung ,   indem   er    die  Enthaltung   von  der 

Arbeit    schon    vor  dem  Fasten    (futura  inedia)   und  gleichsam 


90  H.  Buch.     Aphorism   17. 

als  Vorbereitung  dazu  empfiehlt.  Indessen  möchte  doch 
ein  überwiegender  Grund  zu  einer  solchen  Auslegung  nicht 
leicht  aufzufinden  sein,  und  wir  bekennen  uns  lieber  zu  dem 
oben  angegebenen,  ziemlich  unzweideutigen  Ausdrucke  dieses 
Aphorisms,  indem  es  sich  wohl  von  selbst  versteht,  dass  ein 
durch  Enthaltsamkeit  von  Nahrungsmitteln,  besonders  in  dem 
Umfange,  wie  die  Allen  Diese  vorschrieben,  abgeschwächter 
Körper  noth wendig  jeder  ernstlichen  Anstrengung  unterliegen 
muss.  Wir  dürfen  uns  daher  Glück  wünschen,  dass  ein  der- 
artiges, in  der  That  übertriebenes  Fasten  und  Hungerleiden, 
wie  in  der  Glosse  zum  Aph.  I,  4.  näher  beschrieben  ist,  nicht 
mehr  in  unserm  Katechismus  steht. 


17.  Eine  reichlichere  Nahrung,  als  eben  natürlicher  Weise 
verdaut  werden  kann,  erzeugt  Krankheit;  die  Heilart 
dieser  Letzteren  liefert  dafür  den  Beweis. 


Dass  der  menschliche  Körper  einer  gewissen  Menge  von 
Nahrung  bedarf,  um  das  Leben  zu  erbalten,  aber  darin  auch 
jedes  Uebermaass,  als  der  Natur  zuwider  {naqa  cpvöiv),  ver- 
mieden werden  muss,  versteht  sich  von  selbst.  Wenn  aber 
durch  Ueber Sättigung  eine  Krankheit  entstanden  ist,  und  es 
sich  darum  handelt,  diese  zu  beseitigen,  so  sind  die  dazu  an- 
gewendeten Me  thoden  von  sebr  verschiedener  Art.  Die  Alten 
bedienten  sich  nämlich  in  der  Regel  der  heftigsten  Brech-  und 
Abführungsmittel,  die  auch  zu  unserer  Zeit  noch  auf  der 
Tagesordnung  stehen",  obwohl  die  Uns  er  igen  "weit  weniger 
drastisch  und  gefährlich  sind,  als  die  damals  Angewendeten 
Wir  Homöopathen  glauben  aber  und  haben  den  Beweis  dafür 
täglich  vor  Augen,  dass  mit  den  zu  solchem  Zwecke  bewirkten 
Ausleerungen   bei  Weitem  nicht  immer  die  ganze  Krankheit 


II.  Buch.     Apliorism  17.  91 

gehoben  ist.  Wir  bekommen  vielmehr  zahlreiche  Fälle  zur  Be- 
handlung, wo  nach  öiner,  oft  viele  Jahre  vorher  verübten 
Unmässigkeit  im  Genüsse  dieses  oder  jenes,  an  und  für  sich 
nicht  eben  schädlichen  Nahrungsmittels,  die  nachgebliebenen 
Magenleiden  noch  immer  unverändert  fortdauern  und  eine 
Art  von  chronischer  Magenkrankheit  sich  festgesetzt  hat, 
die  jedesmal  dann  am  Heftigsten  auftritt,  wenn  auch  nur  geringe 
Quantitäten  von  denjenigen  Speisen  genossen  werden,  womit  zu 
Anfange  die  Ueberfüllung  geschehen  war.  Dass  in  solchen, 
wie  gesagt,  gleichsam  chronisch  gewordenen  Leiden  erneuerte 
Brech-  und  Pur gir- Mittel  nicht  nur  gänzlich  wirkungslos, 
sondern  vielmehr  schädlich  sind,  und  den  Magen  immer  mehr 
schwächen ,  ist  eine  bekannte  Sache.  Hier  können  nur  sorg- 
fältig ausgewählte  wirkliche  Stomachica  wahre  und  dauer- 
hafte Hülfe  bringen.  Die  Wahl  selbst  ist  aber  oft  schwierig, 
und  es  würde  nur  ein  blindes  Hineintappen  ins  Gerathewohl 
sein,  wenn  wir  nicht  durch  die  Eigenthümlichkeit  und  Be- 
dingungen der  Schmerzen,  und  insbesondere  durch  den, 
meistens  leicht  zu  ermittelnden  Einfluss  der  verschiedenen 
Nahrungsmittel  auf  die  Verschlimmerung  oder  Besse- 
rung derselben  einen  selten  oder  nie  trügenden  Anhalt  hätten. 
Die  spezielle  Renntniss  solcher  Einflüsse,  die  manche,  sonst 
unschädliche  Speisen  oder  Getränke  auf  den  kranken  Or- 
ganismus äussern,  ist  schon  aus  diesem  Grunde  von  erheblicher 
Wichtigkeit  für  den  homöopathischen  Arzt,  und  unser  Bestreben 
ist  unaufhörlich  darauf  gerichtet,  diese  Erfahrungen  noch  weiter 
auszudehnen  und  zu  vervollkommnen.  Was  aber  diese  Wichtig- 
keit noch  ungemein  erhöhet,  ist  dies,  dass  bei  vielen  andern, 
sowohl  akuten,  als  chronischen  Krankheiten,  wobei  die 
Verdauungsorgane  in  Mitleidenschaft  gezogen  sind,  eben 
solche  ähnliche  Einflüsse  verschiedener  Nahrungsmittel  in  gleicher 
Weise   beobachtet   werden    und    dann    zur  Vervollständigung   des 


92  II-  Buch.     Aphorism   18,  19. 

Krankheitsbildes  und  zur  Wahl   des   passendsten   Heilmittels 
häufig  die  wichtigsten  Dienste  leisten. 25) 


18.   Diejenigen,  welche  sich  reichlich   und  schnell  nähren, 
haben  auch  schnellere  Ausleerungen. 


Man  darf  wohl  vermuthen,  dass  in  diesem  Lehrsalze  nicht 
bloss  die  natürliche  Folge  eines  gar  zu  sehr  beschleunigten 
Stoffwechsels  der  Nahrungsmittel  ausgesprochen  werden, 
sondern  dass  er  vielmehr  als  Fortsetzung  des  Vorhergehenden 
zur  Warnung  für  Rekonvaleszenten  dienen  sollte.  In  dieser  Hin- 
sicht würde  dann  als  Gegensatz  zu  dem  „reichlich"  und  „schnell" 
das  für  die  Letztern  weit  Angemessenere  „sparsam"  und 
„oft"  lauten  müssen,  was  wir  gern  unterschreiben. 


19.  In  hitzigen  Krankheiten  sind  die  Vorhersagungen,  so- 
wohl die  des  Todes,  als  die  der  Genesung,  niemals 
ganz  zuverlässig. 


Diese  Klage,  welche  wir  an  mehreren  Stellen  bei  den  Alten 
finden,  (II.  Praedict.  III.  5 — 9,  Cels.  II,  6),  besteht  auch  heute 
noch  und  ist  in  der  That  nur  allzusehr  begründet.  Selbst  die 
gegenwärtige  hohe  Ausbildung  der  hierher  gehörigen  medi- 
zinischen Wissenschaften26)  hat  in  der  grösseren  Sicherheit 
der  Prognostik  noch  wenig  Erhebliches  geleistet.  Man  sieht 
noch    heute,    wie    vor    tausend    Jahren,    Kranke    dahinsterben, 


25)  A  juvantibus  et  nocentibus  optima  indicatio.  Boerhave. 

26)  Mit  vollem  Rechte  sagt  Goldschmid  (Deutsche  Viert. -Jahrsschrift 
Nr.  54.  S.  96) :  - —  „Begünstigt  durch  gleichzeitige  grosse  Fortschritte 
der  Chemie,  Physik  und  der  Mikroskopie  erlangten  die  experimentirenden 
Physiologen  so  grosse  Erfolge,  dass  die  heutige  Physiologie  gegen  die 
.Frühere  eine  völlig  Andere  ist. 


II.  Buch.     Aphorism  19.  93 

deren  Krankheit  ursprünglich  den  Aerzten  nicht  die  mindeste 
Besorgniss  einflöste,  und  hinwiederum  Andere  genesen,  die  sie 
rettungslos  dem  Tode  verfallen  glaubten.  In  beiderlei  Fällen  ist 
nicht  zu  leugnen,  dass  man  sich  geirrt  hatte;  aber  die  Auf- 
lösung des  Rätbsels,  wodurch  ein  Irrthum  von  solcher  Bedeu- 
tung bei  bervorragenden  Männern  von  Erfabrung  und  Wissen- 
scbaft  möglich  gewesen,  bleibt  ungelöst.  Gewöhnlicb  wird  zur 
Beschönigung  die  Ausflucbl  gewählt,  dass  neue  Krankheiten 
zu  der  Ersten  getreten  sein  sollen,  als  wenn  das  möglich  wäre, 
und  dass  dann  ein  langer,  gelehrter,  oft  monströser  patholo- 
gischer Namen  erfunden  wird,  womit  die  Angehörigen  abgefer- 
tigt werden  und  sich  begnügen  müssen.27)  Aufrichtige  Bekennt- 
nisse über  die  Insuffizienz  der  Wissenschaft,  wie  jene 
des  grossen  Boerhave  nach  der  Behandlung  des  Admirals  van 
Wassenaar  und  des  Grafen  von  St.  Aubai,  gehören  zu  den  Sel- 
tenheiten und  kommen  höchstens  nur  zur  Kenntniss  ihrer  Col- 
lege!!. 28) 

Fragen  wir  nun,  wie  es  in  dieser  Hinsicht  mit  der  Ho- 
möopathie steht?  so  müssen  wir  antworten:  dass  allerdings 
auch  hier,  aber  fast  nur  in  chronischen,  kaum  mehr  in  aku- 
ten Fällen,  noch  Einiges  zu  wünschen  übrig  ist,  dass  aber  das 
Vorkommen  einer  irrigen  Prognose  über  Tod  oder  Gene- 
sung nur  zu   den  seltensten    Ausnahmen  gehört.     Die  Homöo- 


27)  Si  nous  savons  d'une  autre  part,  qu'une  meme  cause  peut  produire 
des  effets  divers,  selon  les  sujets  qu'elle  affecte;  que  ces  meines  effets 
peuvent  etre  encore  modifies  par  mille  circonstances  particulieres ;  combien 
perd  de  sou  importanee,  pres  du  lit  d'un  malade,  un  nom,  qui  bien 
souvent,  malgre  ses  pretentions  scientifiques,  ne  upus  appreud  rien  de  ce 
qu'il  nous   importe  le  plus  de  savoir. 

J.  de  Monestrol,  de  l'Hom.  p.  27. 

28)  Eine  Dame  sagte  zu  dem  berühmten  Petit:  „Wer  ein  so  grosser 
Anatom  ist,  wie  Sie,  der  vermag  gewiss  alle  Krankheiten  zu  heilen." 
Dieser  aber  erwiederte:  „es  geht  den  Aerzten,  wie  den  Lohnbedienten  in 
Paris;  sie  kennen  alle  Strassen,  aber  sie  wissen  nicht,  was  in  den 
Häusern  vorgeht." 


94  H.  Buch.     Aphorism   19. 

pathen  besitzen  nämlich  ausser  dem,  was  auch  die  Allopathen 
in  dieser  Beziehung  wissen,  noch  ein  selten  oder  nie  trügendes 
Kennzeichen  in  der  Wirkungsart  der  Arznei.  Die  Er- 
fahrung hat  sie  nämlich  gelehrt,  wie  es  auch  in  der  Natur  der 
Sache  liegt,  dass  überall,  wo  die  angewendeten,  durchaus  pas- 
send gewählten  Mittel  eine,  richtige,  dem  Genius  des  Heil- 
stoffs entsprechende  Wirkung  thun,  mithin  die  zur  Heilung 
der  Krankheit  erforderliche  normale  Reaktion  erregen,  die  Be- 
siegung der  Krankheit  naturgesetzlich  zu  erwarten  ist.  Wenn 
hingegen  diese  Reaktion  entweder  ganz  ausbleibt,  oder 
wenn  sich  im  Verlaufe  der  Wirkungsdauer  der  Arznei  Symptome 
einstellen,  welche  dieser  fremd  sind:  so  stellt  sich  die  Pro- 
gnose jedesmal  ungünstig.  Um  solche  Vorgänge  und  Er- 
scheinungen aber  gehörig  benutzen  zu  können,  sind  zwei  Dinge 
durchaus  erforderlich:  einmal  die  genaue  Bekanntschaft  mit 
den  Kräften  jeder  Arznei  bis  in  ihre  feinsten  Nüanzen,  und 
andermal  die  absolute  Notwendigkeit,  dass  nur  ein  ein- 
ziges Arzneimittel  auf  einmal  gereicht  und  in  Thätigkeit  ge- 
setzt werde.29)  So  lange  diese  beiden  Erfordernisse  nicht  er- 
füllt werden,  wird  auch  die  Allopathie  den  eben  erwähnten  Vor- 
theil  niemals  daraus  ziehen  können  und  muss  deshalb  des  wich- 
tigsten Hülfsmittels  zur  Sicherung  der  Prognose  entbehren,  welches 
die  Homöopathie  schon  lange  als  ihr  ausschliessliches  Eigen- 
thum  beanspruchen  darf.30) 


29)  Die  beiden  von  Hahnemanu  eingeschlagenen  Wege  zur  Erfahrung 
der  Arzneikräfte,  nämlich  ■  durch  die  Prüfung  am  Gesunden  und  durch  die 
Prüfung  am  Kranken,  lassen  sich  am  Besten  mit  der  analytischen  und 
synthetischen  Beweisführung  in  der  Mathematik   vergleichen, 

30)  Vorzüglich  wichtig  findet  Baco  von  Verulam  (Nov.  org.  Lib.  1) 
bei  der  induktiven  Methode,  dass  man  alle  und  jede  Umstände  der 
Beobachtung  genau  erwäge,  und  die  gradweisen  Veränderungen  zu  be- 
merken  suche,    die   ein    Gegenstand    erleide;    das   nennt    er  den  v  er  bor- 


II.  Buch.     Aphorism  20.  95 

20.  Diejenigen,  welche  in  ihrer  Jugend  einen  weichen 
Stuhlgang  haben,  werden  im  vorgerückten  Alter  hart- 
leibig. Dagegen  werden  Diejenigen,  welche  in  der 
Jugend  an  trockenen  Stuhlgängen  leiden,  im  Alter 
einen  Flüssigen  bekommen. 


Der  Sinn  dieses  Aphorisms  ist  völlig  klar  und  ohne  Zweifel 
ein  Ergebniss  der  Erfahrung,  welche  Hippokrates  im  Stande 
war,  durch  Benutzung  der  Votiv-Tafeln  in  den  Tempeln,  wie 
es  damals    Sitte    war,    reichlicher   zu   sammeln,    als   die  meisten 


genen  Prozess,  ohne  'dessen  Entwickelung  man  nicht  sagen  könne, 
etwas  (vollständig)  beobachtet  zu  haben.  Wer  z.  B.  nicht  von  dem 
ersten  Augenblicke  an,  nachdem  er  Opium  genommen  (bis  zum  Ende 
seiner  Wirkungen),  jede  Veränderung  genau  bemerkt,  die  das  Opium  her- 
vorgebracht haben  konnte,  der  wird  über  die  Wirkungen  desselben  auch 
keine  richtige  Erfahrung  machen  können. 

C.  Sprengel,  Gesch.  d.  Med.  V,  '274. 

Was  hilft  uns  die  durch  die  angegebenen  Zeichen  und  Zufälle  gut 
bestimmte  Anzeige,  wenn  wir  nicht  auch  im  Stande  sind,  ein  gutes  Mittel 
ausfindig  zu  machen,  wodurch  die  beschädigte  Verrichtung  bald  wieder 
in  Ordnung   gebracht  wird? 

Löseke,  Mat.  med.  Einl.  §.  6. 

Giebt  es  je  einen  Zweig  menschlichen  Wissens,  welcher  der  Ver- 
vollkommnung und  der  Veredlung  ebenso  bedarf,  als  er  deren  fähig  ist, 
so  muss  die  Heilkunst  oben  an  gestellt  werden.  Hygea.   1,   1. 

Sei  die  Zahl  der  Mittel,  welche  die  Aerzte  aus  der  grossen  Masse 
der  Stoffe  zu  gebrauchen  pflegen,  auch  nur  200,  oder  150,  oder  selbst 
nur  100;  gar  bald  hat  der  Arzt  aus  dieser  verhältnissmässig  kleinen  Zahl 
einen  Theil  vergessen,  wenn  ihn  nichts  an  dieselben  erinnert,  und  ehe  er 
es  merkt,  ist  er  auf  einer  sehr  kleinen  Zahl  hangen  geblieben,  aus  welcher 
er  die  verschriebenen  Mittel  allein  noch  wählt.  So  war  es  möglich,  dass 
Aerzte,  freilich  in  arger  Unerfahrenheit ,  zu  sagen  vermochten,  dass  sie 
ihre  Mittel  auf  den  Nagel  des  Daumens  schreiben  könnten !  So  auch  ist 
es  nur  möglich  geworden,  dass  man  auf  den  allopathischen  Rezepten  eine 
kleine  Zahl  von  sogenannten  Hauptmitteln  sich  stereotyp  wiederholen 
sieht,  und  dass  z.  B.  Natron  bicarb.,  Opium,  Morphium,  China,  Queck- 
silber und  Jod  den  ganzen  Inbegriff  der  Materia  medica  bei  manchen 
Aerzten  auszumachen  scheinen.  Selbst  die  Apotheker  machen  sich,  wie 
ich  sicher  weiss,  hierüber  lustig  und  weisen  spottend  auf  die  wenigen 
Gläser  hin,  aus  denen  sie  nur  zu  mischen  brauchen. 

Prof.  Hoppe,  die  Dispensirfreiheit.  S.  99. 


96  II.  Buch.     Aphorism  21. 

neueren  Aerzte.  Ob  aber  die  angeführten  Veränderungen  in  der 
Beschaffenheit  des  Stuhlganges  nach  Maassgabe  des  Alters  noch 
heute  in  der  Weise  bestehen,  dass  man  im  Stande  ist,  daraus 
eine  allgemeine  Regel  zu  ziehen,  wollen  und  können  wir  weder 
bejahen  noch  verneinen.  Auch  dürfte  für  die  Praxis  wenig 
Nutzen  daraus  zu  schöpfen  sein. 


21.  Der  Genuss  von  Wein  mildert  den  Hunger. 


Diesen  Einfluss  auf  das  natürliche  Bedürfniss  der  Nahrung, 
was  wir  Appetit  nennen,  mithin  auch  eine  unmittelbare  Ein- 
wirkung auf  die  V er dauungs- Organe,  hat  der  (unverdünnte) 
Wein  mit  allen  narkotischen  Mitteln  gemein,  und  muss  des- 
halb beim  Gebrauche  homöopathischer  Arzneien  dann  besonders 
vermieden  werden,  wenn  ein  Magen-  oder  Unterleibsleiden 
geheilt  werden  soll.  Einer  Unterstützung  solcher  Art  bedür- 
fen die  gut  gewählten  Arzneien  keineswegs,  und  würden  diese 
durch  dergleichen  Nebenwirkungen  eines  andern,  hier  eben- 
falls als  Arznei  wirkenden  Stoffes,  nur  gestört  und  alterirt 
werden. 

Am  Besten  und  Naturgemässesten  empfiehlt  sich  daher  der 
Genuss  eines  guten,  gehörig  abgelagerten  und  sauerfreien  Weins 
in  sehr  massigen  Quantitäten  bei  der  Rekonvaleszenz 
zur  Stärkung  und  Hebung  der  Esslust,  wo  er  eben  durch 
seine,  das  Gefühl  des  Hungers  in  der  Er  st  Wirkung  abstum- 
pfende, in  der  Nachwirkung  aber  verstärkende  Eigenschaft 
als  ein  wahres  homöopathisches  Heilmittel  oft  sebr  erhebliche 
Dienste  leistet. 

Dagegen  ist  es  eine  durchaus  irrige  Ansicht,  wenn  man 
den  Wein  als  ein  blosses  unschuldiges  Reizmittel  ansieht, 
um  die  Esslust  zu  schärfen,  und  der  vorstehende,  vollkommen 
richtige  Lehrsatz  des   Vaters   der    Heilkunde   beweist  hinlänglich 


II.  Buch.     Aphorism  21.  97 

die  Unhaltbarkeit  einer  Meinung,  die  noch  vielfach  unter 
den  Aerzten  sowohl  als  unter  den  Laien  verbreitet  ist,  weil  eben 
die  beiden  sich  entgegen  stehenden  Wirkungen  verkannt  werden. 

Noch  ist  hier  mit  einem  Worte  des  Missbrauches  zu  er- 
wähnen, welcher  bei  Durchfällen  mit  rothem  Weine  ge- 
trieben wird.  Dass  er  in  vielen  Fällen  der  Art  vergeblich  ange- 
wendet wird,  das  weiss  Jedermann ;  nicht  aber,  dass  nicht  selten 
eben  dadurch  das  Uebel  hartnäckiger  wird.  Wie  sehr 
auch  hier  eine  sorgfältige  Individualisirung  Noth  thut,  und  bei 
solchen,  oft  mit  andern  bösen  Krankheiten  in  Verbindung  stehen- 
den Beschwerden  mit  grosser  Umsicht  zu  verfahren  ist,  um  nicht 
an  zehn  anderen  Orten  zu  verschlimmern,  was  an  Einem  etwa 
gebessert  wird,  dafür  giebt  es  eine  grosse  Menge  von  Thatsachen 
der  beklagenswerthesten  Art.  Ueberhaupt  nimmt  der  erfahrene 
Homöopath  niemals  einen  Durchfall  auf  die  leichte  Schulter, 
sondern  legt  ihm  jederzeit  ein  weit  grösseres  Gewicht  bei, 
als  dem  zögernden,  harten  Stuhle,  der  ihm  selten  grosse 
Sorge  macht  und  meistens  ein  Zeichen  einer  kräftigen  Kon- 
stitution ist. 

Zum  Belege  für  das  Vorstehende,  und  als  Beweis  für  die 
grosse  Mannigfaltigkeit  der  Erscheinungen  am  Kranken,  möge 
am  Schlüsse  dieser  Glosse  noch  folgende  Thatsache  stehen:  — 
C.  E.  von  hier  litt  seit  der  Kuhpockenimpfung  an  Scro- 
fulosis. 31)     Im  8.  Lebensjahre  wurde   er  von  uns  vermittelst  je 


31)  Ueber  das  erste  Auftreten  der  Scrophulosis  in  ihren  mannig- 
faltigen Formen  kurze  Zeit,  oft  unmittelbar  nach  der  Vakzinirung,  ent- 
halten unsere  eigenen  Journale  mehr  als  3000  Beispiele,  welche  in  Ver- 
bindung mit  zahlreichen  Beobachtungen  Änderer  von  derselben  Art  wohl 
Beherzigung  zu  verdienen  scheinen  und  in  der  That  (in  Frankreich) 
bereits  zur  Sprache  gebracht  sind.  Wir  glauben  die  Ursache  davon 
weniger  den  Kuhpocken  an  und  für  sich,  welche  nichts  Anderes,  als 
ein  wahres  homöopathisches  Heilmittel  sind,  als  vielmehr  der 
mangelnden  Erneuerung  des  Pockenstoffs  von  der  Kuh ,  und  der  Verun- 
reinigung desselben  durch  Skrofelgift,  wenn  er  von  (latent)  psorischen  Kin- 

7 


98  II.  Buch.     Aphorism  22. 

einer  Gabe  Amin.  carb.  und  Calc.  carb.  30  von  Schwerhörig- 
keit mit  Eitern  der  Ohren  und  vielen  Warzen  auf  den  Händen 
geheilt.  Zehn  Jahre  später  bildete  sich  ein  Brust-  und  Lungen- 
Leiden  aus,  welches  schnell  durch  eine  Gabe  Bry.  200  beseitigt 
wurde.  Drei  Jahre  darauf  folgte  bei  kaltem  Wetter  eine  Erkäl- 
tung im  offenen  Wagen,  welche  ebenfalls  durch  zwei  Gaben 
N.  vom.  und  Dulc.  200  bald  geheilt  war.  Fünf  Jahre  später 
kam  er  wieder  Hülfe  suchend  zu  uns,  aber  nun  als  vollen- 
deter Hämopthysiker  nach  habituellem,  unmässigem  Bier 
genuss,32)  und  diese  Krankheit,  die  bei  fortgesetztem  Bier- 
trinken unmöglich  zu  heilen  war,  führte  ihn  endlich,  nachdem 
er  von  uns  als  unfolgsam  abgewiesen  war,  in  die  Behandlung 
der  Allopathie,  in  welcher  er  fünf  Monate  später,  starb.  Bei 
diesem  Patienten  war  die  merkwürdige  Eigenthümlichkeit,  dass 
er  jedesmal  nachRothwein  von  einer  hartnäckigen  Diarrhöe 
befallen  wurde.  Selbst  nur  geringe  Quantitäten  Roth- 
wein, sowohl  Französischen  als  Bleichart,  auch  wenn  solche 
mit  Wasser  verdünnt  genossen  wurden,  hatten  jedesmal 
denselben  Erfolg,  während  weisse  Weine  in  dieser  Beziehung 
für  ihn  vollkommen  unschädlich  waren.  Nur  ba  irisch  es 
(bitteres)  Bier  und  jede  Art  von  Käse  bewirkten  dasselbe,  als 
der  Roth  wein.  —  Aehnlicher  ungewöhnlicher  Erscheinungen 
finden  sich  Viele  in  unseren  Journalen  verzeichnet. 


22.  Krankheiten,    die  durch  Ueberfullung  entstanden  sind, 
heilt   eine   Ausleerung,   so   wie   die   durch   Ausleerung 


dern  entnommen  wurde,  zuschreiben  zu  müssen.  Einen  Beweis  für  unsere 
Ansicht  dürfte  die  Erfahrung  liefern,  die  wir  mehre  Male  gemacht  haben, 
dass  die  Kuhpocke  oft  nicht  anschlägt,  wenn  kurz  vorher  eine  feine  Gabe 
Sulph.  gereicht  wurde.     Die  Thuja  wirkt  hier  aber  noch  weit  mehr. 

32)  In  den  letzten  Decennien,  wo  der  Genuss  des  Biers,  besonders 
des  sogenannten  (bitteren)  B  airischen  ungemein  zugenommen,  hat  sich 
der  Nachtheil  desselben  für  die  Gesundheit  in  unzähligen  Fällen  heraus- 
gestellt, und  verdient  die  ernstlichste  Warnung. 


II.  Buch.     Aphorism  22.  t>9 

Entstandenen  eine  AnfüHung.  In  gleicher  Weise  heilt 

auch    bei    den   übrigen    Krankheiten    immer   das  Ent- 
gegengesetzte. 


Dieser  Aphorism,  der  oft  noch  heutiges  Tages,  obwohl 
fälschlich,  zum  Belege  des  Fundamental-Lehrsatzes  der 
bisherigen  Arzneikunst  geltend  gemacht  wird,  indem  er  mit 
deutlichen  Worten  sein:  Contraria  contrariis!  unserm  Similia 
similibus!  entgegenstellt,  verdiente  eine  weit  ausführlichere  Be- 
leuchtung und  Besprechung,  als  solche  in  den  engen  Grenzen 
einer  einfachen  Glosse  einzuzwängen  möglich  ist.  Wir  sehen 
uns  daher  genöthigt,  in  diesem  besonderen  Falle  den  Ausweg 
zu  wählen,  auf  eine  andere  Schrift  hinzuweisen,  worin  dieser 
Gegenstand  mit  hinreichender  Deutlichkeit  und  Vollständigkeit 
abgehandelt  ist,  und  welche  wir  zudem  als  unsere  wichtigste 
Autorität  ansehen.  Wir  meinen  hiermit  nämlich  das  Organon 
des  Stifters  der  homöopathischen  Schule,  in  dessen  fünf- 
ter Auflage,  ausser  der  Einleitung,  insbesondere  die  §§  22 — 26, 
54 — 62  und  67 — 69  hierher  gehören,  und  worauf  wir  uns  des- 
halb ausdrücklich  beziehen.  Nur  ein  hierher  gehöriges,  daselbst 
übergangenes  Bedenken  werden  wir  hier  in  kurzen  Worten  fol- 
gen lassen. 

Es  handelt  sich  nämlich  zunächst  und  in  der  Hauptsache 
um  die  Frage:  welchen  Sinn  eigentlich  Hippokrates  seinem 
berühmten  Lehrsatze:  Contraria  contrariis!  (Ta  ivdvti.cc 
tüv  ivatmv  iativ  irjy,atcc)  beigelegt  hat  und  beigelegt  haben 
musste?  —  Wir  bedauern,  bei  dieser  Erörterung  einiger  Maassen 
das  Gebiet  der  trocknen  Gelehrsamkeit  betreten  zu  müssen, 
werden  aber  daraus  nur  eben  soviel  herauszuheben  suchen,  als 
für  unseren  Zweck  unumgänglich  erforderlich  ist. 

Die  Hippokratische  Theorie  war  dieselbe,  welche 
schon  früher  (480  Jahre  vor  Christi  Geburt)  von  Empedokles 
erfunden  war,  und  welche  bis  in  das  achtzehnte  Jahrhundert  die 


100  IL   Buch-     Aphorism  22. 

Herrschende  geblieben  ist.  Es  ist  die  Lehre  von  den  vier  Ele- 
menten: Feuer,  Luft,  Erde  und  Wasser,  und  von  den 
darauf  gegründeten  vier  Qualitäten  der  Körper:  warm,  kalt, 
trocken  und  feucht.  Die  regelmässige  Vereinigung  jener  Ele- 
mente untereinander  verlieh  nach  dieser  Theorie  allen  Körpern 
ihre  Entstehung,  ihre  Bildung  und  ihre  Eigenschaften.  Alles  in 
der  Natur  wurde  durch  normale  oder  abnorme  Trennung  oder 
Zusammensetzung  dieser  Elemente  bewirkt,  mithin  eben  dadurch 
auch  jede  Art  von  Krankheit  erzeugt.  Hippokrates  erweiterte 
diese  Ansicht  nur  in  soweit,  als  er  noch  eine  dritte  Parallele 
zu  den  obigen  vier  Cardin al-Qualitäten  hinzufügte,  nämlich: 
Blut,  Schleim,  schwarze  und  gelbe  Galle,  und  aus  dem 
Mangel  oder  dem  Ueberflusse  des  Einen  oder  des  Andern  dieser 
Säfte  manche  Krankheiten  entstehen ,  und  durch  Ausgleichung 
des  vorhandenen  Missverhältnisses  wieder  geheilt  werden  Jiess. 
In  den  echten  hippokratischen  Schriften  herrscht  deshalb  stets 
die  materielle  Ansicht  vor,  und  wir  finden  darin  kaum 
dunkle  Andeutungen  von  einer  immateriellen  Lebenskraft 
(ivoQiJiov),  die  er  noch  nicht  gekannt  zu  haben  scheint.  Dagegen 
spielt  die  eingepflanzte  Wärme  (i(icpvtov  &eQ{tbv)  eine  grosse 
Rolle  in  der  lebenden  Natur.  Der  Lebenshauch  (tcvevimx) 
ist  erst  nach  dem  Zeitalter  des  Hippokrates  aufgekommen,  und 
die  cpvaa  desselben  bedeutet  nichts,  als  die  im  Körper  selbst 
angehäufte  Luft,  sowie  cc^q  die  ausserhalb  desselben  Vor- 
handene. Die  ganze  lebende  Natur  dreht  sich  also  beim 
Hippokrates  lediglich  um  die  genannten  vier  Elein^nte  und 
Qualitäten. 

Nach  diesem  Vorausgeschickten,  von  dessen  Richtigkeit  jeder 
Gelehrte  sich  selbst  in  den  Quellen  leicht  überzeugen  kann,  ist 
es  handgreiflich,  dass  Hippokrates  von  selbst  auf  den  Grund- 
satz: Contraria  contrariis!  kommen  musste,  um  das  Man- 
gelnde zu  ersetzen  und  das  Ueberflüssige  auszuschei- 
den,   welches-   Beides   nur  durch    das    Entgegengesetzte   zu 


II.  Buch.     Aphorism  22.  101 

bewirken  war.33)  Nur  durch  vermehrte  Wärme  konnte  er  die 
Kälte,  nur  durch  vermehrte  Feuchtigkeit  die  Trockenheit, 
und  eben  so  umgekehrt,  beseitigen  und  das  gestörte  Missver- 
hältniss  wieder  in  das  naturgemässe  Gleichgewicht  zurückbringen. 
Indessen  war  dieser  scharfsinnige  Beobachter  der  Vorgänge  in 
der  Natur  dennoch  Aveit  davon  entfernt,  sich  bei  der  Behand- 
lung seiner  Kranken  lediglich  an  diese  Theorie  zu  binden; 
vielmehr  blieb  ihm,  wie  alle  seine  echten  Schriften  bezeugen,  die 
Erfahrung  das  höchste  und  entscheidende  Tribunal, 
und  es  fehlt  nicht  in  denselben  an  Warnungen,  den  vorgefassten 
Theorien  und  Ansichten  ja  kein  allzu  grosses  Gewicht  beizu- 
legen.34), 35),  36),  3r),  38). 


33)  Einen  erklärenden  Beleg  zu  dem  berühmten  Axiom:  Contraria 
contrariis  lesen  wir  in  der  allgemein  für  echt  gehaltenen  hippokratischen 
Schrift:  71£qI  cpvomv ,  welche  in  der  Grimm-Lilienhain'schen  Uebersetzung 
folgender  Maassen  lautet:  —  „Hunger  ist  eine  Krankheit,  denn  Alles, 
was  dem  Menschen  ein  schmerzhaftes  Gefühl  erregt,  wird  Krankheit  ge- 
nannt. Was  hat  man  nun  für  ein  Mittel  wider  den  Hunger?  das,  was 
den    Hunger   stillt,    dies   thut   aber  Speise;    durch    diese   also    ist   jene    zu 

heben.     Wiederum    stillt    das  Trinken    den  Durst Kurz  mit  einem 

Worte:  das  Entgegengesetzte  heilt  das  Entgegengesetzte. 
Die  Heilkunst  besteht  nämlich  im  Hinzufügen  und  Wegnehmen, 
im  Wegnehmen  der  überflüssigen  und  im  Zusetzen  der  fehlen- 
den Dinge."  Das  lautet  doch  ganz  anders,  als  was  man  jetzt  unter 
dem  obigen  Axiome  verstehen  will. 

34)  Erfahrungswissenschaften  sind  nie  vollendet,  die  Fülle  sinnlicher 
Wahrnehmungen  ist  nicht  zu  erschöpfen;  keine  Generation  wird  sich  je 
rühmen  können,  die  Totalität  der  Erscheinungen  zu  übersehen. 

_  Humboldt,  Kosmos.  I.  S.  65. 

35)  Die  Geschichte  ist  pragmatisch,  wenn  sie  uns  klug  macht. 

Sprengel,  Gesch.  d.  Med.  Einl.  §.  3. 

36)  Bei  der  jetzigen  Vielmischerei  gelangen  wir  wohl  im  Alter  zu 
grauen  und,  so  Gott  will,  auch  wohl  zu  weissen  Haaren,  aber  nie  zur 
Erfahrung.  v.   Wedekind,  in  Huf.  Journ.   1828.  6.   S.  3. 

37)  „Es  ist  ein  Fluch  der  Menschheit"  —  sagt  Kust  in  seinem 
Sendschreiben  an  Humboldt  über  die  Cholera  — .„dass  Niemand  durch 
die  Erfahrungen  Anderer  klug  wird." 

38)  Homo  Naturae  minister  et  interpres  tantum  facit  aut  intelligit, 
quantum  de  Naturae  ordine  re  vel  mente  observabit,  ipse  interim  Naturae 
legibus  obsessus.  Bacon,  de  interpret.  nat.  Sent.  1. 


102  IL  Bueh-     Aphorism  22. 

Nachdem  bei  dem  Fortschritte  der  Arzneikunst  durch  einige 
andere  Schulen  an  der  hippokratischen  Lehre  viel  gerüttelt  und 
gemäkelt  war,  wurde  dieses  System  von  den  vier  Qualitäten 
von  dem  berühmten  Galen  (160  Jahre  nach  Christi  Geburt) 
aufs  Neue  zu  Ansehen  und  Würde  erhoben,  und  zwar  mit  sol- 
chem Erfolge,  dass  von  diesem  Zeitpunkte  an  über  vierzehn 
volle  Jahrhunderte  lang  in  den  Schulen  der  Aerzte  keine 
andere  Autorität  dagegen  aufkommen  konnte. 39)  Auch  hier  waren 
und  blieben  die  vier  berühmten  Elemente  wieder  die  eigent- 
lichen Stützen  der  Lehre,  und  Kälte,  Wärme,  Feuchtig- 
keit und  Trockenheit  galten  fortdauernd  für  die  Hauptqua- 
litäten und  Ursachen  von  Gesundheit  und  Krankheit. 40) 
Nur  wurde  die  Sache  dadurch  noch  komplizirter  und  gelehrter, 
dass  Galen  bei  der  Vertheilung  der  Arzneien  unter  diese  vier 
Rubriken  noch  jedesmal  vier  Unter- Grade  annahm.  Auf 
diese  Weise  entstanden  die  in  den  alten  medizinischen  Schriften 
enthaltenen  Angaben  von  ihrer  kalten,  warmen,  feuchten 
oder  trockenen  Eigenschaft  im  ersten  (gelindesten),  zweiten, 
dritten  und  vierten  (höchsten)  Grade.  Da  nun  während  dieses 
langen  Zeitraums  auch  die  verschiedenen  Krankheiten  als  von 
diesen  Qualitäten  abhängig  angesehen  wurden:  so  war  nichts 
natürlicher  und  folgerichtiger,  als  bei  Behandlung  derselben  auf 
Beseitigung  der  t h e o r e t i s c h  angenommenen  Missverhältnisse 
durch  Anwendung  der   entsprechenden  Mittel,    selbstverständlich 


39)  Ist  es  nicht  höchlich  zu  bewundern,  dass  Galenus  volle  vierzehn 
Jahrhunderte  lang  die  oberste  Autorität  der  Aerzte  blieb,  obwohl  ein- 
sichtsvolle Männer  seine  Blossen  erkannten  und  unter  Andern  Bacon  (Impet. 
Phil.  II.)  von  ihm  sagt:  virum  angustissimi  animi,  desertorem  experientiae 
et  vanissimum  causatorem. 

40)  Die  alte  Eintheilung  der  zwölf  Sternbilder  der  Ekliptik  in  feurige, 
luftige,  wässerichte  und  irdische  steht  irn  Einklänge  mit  den  berühmten 
vier  Elementen,  würde  aber  eine  andere  "Vertheilung  gefunden  haben, 
wenn  ihr  Urheber  auf  der  südlichen,  statt  auf  der  nördlichen  Hälfte  der 
Erde  gelebt  hätte. 


II.  Buch.     Aphorism  22.  103 

also  durch  Contraria  contrariis  hinzuwirken.  Demnach  blieb 
also  der  Lehrsatz  des  Hippokrates,  oder  vielmehr  der  des 
Empedokles  ohne  Widerspruch  viele  Jahrhunderte  lang  als  die 
Grundregel  der  gesammten  Arzneikunst  bestehen,  und  zwar 
wie  ein  selbstverständliches  Axiom,  welches  selbst  die  Layeri 
begreifen  zu  können  glaubten  und  vielfältig  auch  heute  noch 
glauben.  So  musste  also  eine  rein  willkührliche  und  offen- 
bar falsche,  grob  materialistische  Hypothese  zur  Be- 
gründung eines  Lehrsatzes  dienen,  dem  man  selbst  noch 
in  unsern  aufgeklärten  Zeiten  versucht,  neue  Geltung  zu  ver- 
schaffen, wenn  es  sich  darum  handelt,  das  Similia  similibus 
der  Homöopathie  zu  bekämpfen.41) 

Wenn  es  bei  der  vorstehenden  einfachen  und  klaren  Dar- 
stellung über  den  Ursprung  und  das  Wesen  des  berühmt 
gewordenen  Lehrsatzes:  Contraria  contrariis!  eigentlich  wohl 
sein  Bewenden  behalten  könnte,  und  es  überflüssig  scheint,  über 
die  Unhaltbarkeit  desselben  noch  weitere  Worte  zu  verlieren: 
so  dürfte  es  doch  nicht  ganz  unangemessen  sein ,  noch  einiges 
Wenige  über  dessen  Anwendung  zu  unserem  Zweck  zu  sagen.  — 
Hier  drängt  sich  zuerst  die  Bemerkung  auf,  dass  es  von  Allem, 
was  überhaupt  Schmerz  heisst,  gar  kein  wahres  Contrarium 
giebt  und  geben  kann;  denn  die  Schmerzlosigkeit  ist  nichts 
Anderes,  als  die  Abwesenheit  von  Schmerz,  keineswegs 
aber  das  Entgegengesetzte,  also  auch  nicht  ein  wirklich  vorhan- 
denes Ding  oder  Wesen,  welches  man  beim  Leidenden  zur  An- 
wendung bringen  könnte.  Eben  so  steht  es  mit  fast  allen  inne- 
ren Krankheiten,  Entzündungen,  Fiebern,  Nerven- 
leiden, Störungen  in  den  Funktionen  der  Organe  u.  s.  w. 
Man  kennt   und   hat   auch  hier   keine  Contraria   gegen  derartige 


41)  Neque  enim  quaero  mtelligere,  ut  credam,  sed  credo,  ut  intelligam . 
Nam  qui  non  crediderit,  non  experietur  et  qui  expertus  non  fuerit,  non 
intelliget.  St.  Anselm.   Cantuar. 


104  IL  Buch.     Aphorism  22. 

oft  sehr  heftige  und  gefährliche  Erkrankungen.43)  Nur  allein 
gegen  einzelne,  vom  Ganzen  abgetrennte  Symptome  bei 
solchen  Gesammt-Krankheiten,  die  für  sich  stets  ein  unzertrenn- 
bares Ganze  ausmachen,  besitzt  man  dergleichen,  wie  z.  B.  Wär- 
mendes gegen  Frost  und  Kälte,  Kühlendes  gegen  Hitze, 
(beim  Schweisse  ist  dies  nicht  mehr  der  Fall),  Abführendes 
gegen  Verstopfung,  Stopfendes  gegen  Durchfall,  u.  dergl. 
mehr.  Aus  diesem  Grunde  sucht  man  sich  aber  dann  in  anderer 
Weise  zu  helfen.  Man  trachtet  nämlich  durch  Anhäufung 
verschiedenartiger  Arzneien  in  einem  und  demselben  Re- 
zepte allen  solchen  unter  sich  verschiedenen  Indikationen 
auf  das  Contrarium  so  viel  als  möglich  zu  genügen,  und  erwartet, 
dass  nun  auch  jedes  Ingredienz  der  Mischung,  ungehindert 
von  dem  Andern,  an  jeder  Stelle,  wohin  es  gleichsam  adres- 
sirt  ist,  seine  Schuldigkeit  thun  und  als  Contrarium  wirksam 
sein  werde.  Wenn  aber  je  irgend  etwas  mit  dem  verrufenen 
Namen:  „symptomatisches  Kuriren43)  belegt  zu  werden 
verdient:  so  scheint  es  doch  ohne  Zweifel  hier  der  Fall  zu  sein, 
und  die  Einsicht  der  Vernünftigeren  bricht  sich  immer 
mehr  Bahn,  indem  die  Rezepte  immer  einfacher  werden.44) 

In  sehr  vielen  Fällen  aber  sieht  man  sich  durch  die  Er- 
fahrung gleichsam  gezwungen,  unwillkürlich,  oft  auch  unb e- 
vvusst,  dasjenige  zu  verordnen,  was   dem    Simile    entspricht. 


42)  Eigentlich  entspricht  dies  nicht  dem:  Contraria  contrariis!  sondern 
vielmehr  dem  Sublata  causa,  tollitur  effectus!  —  Dasselbe  gilt  vom 
Aph.  II.  48. 

43)  Die  wahre,  auch  heute  noch  vorkommende  Gestalt  der  sympto- 
matischen Curen  findet  sich  beschrieben  in  Hufeland's  Journal  der 
prakt.  Arz.  von  1809  (Band  11  Stück  4),  unter  der  Rubrik:  „Monita 
über  die  drei  gangbaren  Curarten." 

44)  Was  jedes  Mittel  einzeln  wirkt,  das  sehen  wir  allenfalls,  wie 
wir  hören,  wie  jeder  Ton  einzeln  klingt;  aber  eine  harmonische  Wirkung 
der  Mittel  durch  Zusammenmischung  in  ihren  richtigen  Verhältnissen  und 
Gaben  derselben  in  richtiger  Succession,  diese  wissen  wir  noch  nicht  her- 
vorzubringen. Dr.  Mises.   Stap.   mixta.   S.   100. 


II.  Buch.     Aphorism  22.  105 

Dahin  gehören  so  ziemlich  alle  diejenigen  Arzneien  für  äussere 
und  innere  Leiden,  deren  Spezifizität45)  hei  gewissen 
(meistens  selbstständigen)  Krankheitsformen  durch  die  Erfahrung 
bekannt  geworden  ist,  und  die,  freilich  unnöthiger  Weise,  selbst 
in  den  ersten  Ausgaben  des  Hahnemann'schen  Organons  in  einer 
langen  Reihe  aufgeführt  sind.  Hier  darf,  mit  Uebergehung  der 
Letzteren,  nur  noch  zum  Schlüsse  kurz  darauf  hingewiesen  wer- 
den, dass  im  geraden  Widerspruche  mit  dem  Schlusssatze 
des  eben  glossirten  Aphorisms,  die  gewöhnlichen  allopathischen 
Heilmittel  gegen  eine  starke  Magenüberladung  in  der  That 
homöopathisch  gewählt  werden,  indem  nenilich  die  hier  üb- 
lichen Brechmittel  (Ipecac.  und  Ant.  tart.)  an  und  für  sich 
die  dabei  fast  stets  vorkommenden  Uebelkeiten  und  Erbre- 
chen am  gesunden  Menschen  erregen,  mithin  eine  solche  Hei- 
lung viel  mehr  auf  das  Simile,  als  auf  das  Contrarium  hin- 
deutet.46), 4r). 


45)  Aeltere  Homöopathen  werden  sich  noch  des  Streites  erinnern, 
welcher  im  Jahre  1843  zwischen  den  Süddeutschen,  an  deren  Spitze  als 
Vorkämpfer  Dr.  Griesselich  (Hygea  XVII,  3.),  und  den  Norddeutschen 
bestand  über  die  Gleichbedeutung  der  Wörter  „homöopathisch"  und  „spe- 
zifisch." Am  Bündigsten  wurde  diese  Meinung  widerlegt  von  Dr.  C. 
Hencke  in  Riga  in  der  A.  H.  Z.  XXIV.  S.  19  ff.  —  Auch  heute  scheint 
es  wieder  Noth  zu  thun,  darauf  zurückzuweisen. 

46)  „Festbalten  der  lebendigen  Wirklichkeit;  Vermeidung  der 
Abstraktion  und  ihrer  Tochter  der  Spekulation;  und,  zu  diesem 
Behufe,  Berechnung  des  Maasses,  welches  uns  verhindert,  die  Grenzen 
zu  durchbrechen  und  uns  ins  Grenzenlose  zu  verlieren":  dies  waren  die 
drei  Momente,  welche  wir  als  erste  Elemente  echter  Forschung,  so- 
wohl überhaupt,  ihre  Gegenstände  mögen  heissen,  wie  sie  wollen,  als 
auch  insbesondere  der  Naturforschung,   anerkannten  und  empfahlen. 

Heinroth,  die  Hypoth.  der  Materie.  S.  208. 

47)  Nach  einer  kurzen  Herrschaft  der  alten  dogmatischen  Schule, 
wobei  die  wahre  Kunst  zu  heilen  mehr  Rück-  als  Fortschritte  gemacht 
hatte,  kehrten  die  vernünftigen  und  gewissenhaften  Aerzte  (250  Jahre 
v.    C.  G.)    wieder   zur   hippokratischen    Methode   zurück ,     und   legten  sich 


106  n-  Buch.    Aphorism  23.  24. 

23.     Hitzige  Krankheiten    entscheiden   sich   innerhalb  vier- 
zehn Tagen. 


24.  Von  sieben  Tagen  ist  der  Vierte  der  Anzeigende. 
Mit  dem  Achten  beginnt  die  zweite  Woche.  Der 
Eilfte  ist  der  zu  Beachtende,  denn  er  ist  der  Vierte 
in  der  zweiten  Woche.  Wiederum  ist  der  Siebenzehnte 
zu  beachten,  denn  er  ist  der  Vierte  vom  Vierzehnten, 
der  Siebente  aber  vom  Eilften  an  gerechnet. 


In  den  Schriften  des  Hippokrates  spielen  überhaupt  die 
Krisen  und  Entscheidungen  eine  sehr  grosse  Rolle.  Dies 
ist  leicht  begreiflich,  wenn  man  bedenkt,  dass  damals  so  Vieles 
dem  ungestörten  Laufe  der  Natur  überlassen  wurde  und  der 
Arzt  gewöhnlich  so  lange  den  müssigen  Zuschauer  abgab,  bis 
die  Umstände  gebieterisch  ihm  ein  thätiges  Einschreiten  zur 
Pflicht  machten.  Hier  blieb  mithin  meistens  der  Verlauf  der 
Krankheiten  ganz  der  Natürliche,  insbesondere  was  den  Ein- 
tritt der  verschiedenen  Stadien  bei  akuten  Krankheiten  be- 
traf.48) Diese  Stadien  müssen  aber  eine  erhebliche  Verände- 
rung   erleiden,    wenn    gleich    von    Vorne    herein    mit   Arzneien 


den  Namen  der  Empiriker  bei.  Weil  es  ihnen  aber  noch  an  einem 
festen  Principe  mangelte,  hatten  sie  Recht,  vorläufig  nur  den  technischen 
Theil  der  Wissenschaft  zu  pflegen,  und,  ohne  sich  in  Theorien  zu  ver- 
lieren, nur  um  so  fester  sich  der  Erfahrung  anzuschliessen.  Die  darüber 
von  ihnen  aufgestellten  Regeln  stehen  bis  heute  als  Muster  da,  und  die 
lange  Geschichte  der  Medizin  hat  sattsam  nachgewiesen:  „dass"  —  wie 
Hecker  sagt,  —  „die  echte  Heilkunde,  die  sich  in  den  Grenzen  ihrer 
möglichen  Vollkommenheit  hält,  nur  einzig  und  allein  auf  dem  Wege  der 
vernünftigen  Empirie  bearbeitet  und  allein  aus  diesem  Gesichtspunkte 
beurtheilt  werden  kann."  —  Um  wie  viel  mehr  muss  dies  bei  uns 
gelten,  nachdem  wir  durch  Auffindung  und  Benutzung  eines  sicheren 
Naturgesetzes  (similia  similibus!)  die  empirische  Kunst  auf  eine  feste, 
unwandelbare  Basis  stellen,  worauf  wir  dauerhaft  weiter  bauen  dürfen, 
und  dadurch  die  frühere  Kunst  zur  Würde  einer  wahren  Wissenschaft 
erhoben   haben. 

48)  Impossibile   in    omni    vita,    non    dicam    pluribus,    sed    duobus    in- 
firmis,   omnia  similia  procedere.  Galenits  M.   in.  II,   6. 


II.  Buch.     Aphorism  25.  107 

operirt  wird.  Hierbei  scheint  die  Erfahrung  zu  bestätigen ,  dass 
die  antipathischen  Mittel  die  Krisen  und  die  Stadien, 
mithin  auch  den  Verlauf  der  Krankheit  verzögern  und  in  die 
Länge  ziehen,  hingegen  die  homöopathischen  das  Gegen- 
theil  bewirken  und  Alles  schneller  zum  Ziele  führen;  die 
allopathischen  thun  entweder  das  Eine  oder  das  Andere,  je 
nachdem  sie  mehr  das  Eine  oder  das  Andere  sind.  Einer  der 
gelehrten  neuern  Kommentatoren  dieses  Aphorisms  (kein  Homöo- 
path) hat  daher  wohl  Recht,  wenn  er  sagt:  „dass  eine  spätere 
Entscheidung  (als  die  für  akute  Krankheiten  von  Hippokrates 
Angegebene)  fast  immer  einer  unrichtigen  Behandlung  zuge- 
schrieben werden  müsse." 


25.  Die  viertägigen  Wechselfieber  sind  im  Sommer  mei- 
stens von  kurzer,  im  Herbste  hingegen  von  langer 
Dauer,  besonders  diejenigen,  welche  sich  kurz  vor 
dem  Winter  einstellen. 


Fast  wörtlich  finden  wir  diesen  Aphorism  im  Celsus  (II,  9) 
wiedergegeben,  und  er  muss  also  in  der  damaligen  Zeit  durch- 
gängig der  Erfahrung  entsprochen  haben.49)  Wir  dürfen  uns 
aber  zugleich  Glück  wünschen,  dass  die  von  diesem  berühmten 
Autor  empfohlene  Behandlung  heutiges  Tages  keine  Anwendung 
mehr  zu  finden  braucht,  indem  sie  fast  lediglich  aus  argem 
Hungern  und  Dursten,  warmen  Bädern  und  Brechmitteln 
besteht,  und  man,  wenn  das  Alles  nichts  hilft,  den  Kranken 
heim    schickt,    wo     er    essen  und   trinken    kann,    was   und 


49)  Die  Schwierigkeit  der  Heilung  der  Quartenfieber  veranlasste  schon 
Plinius  (XXX,  30)  zu  der  Versicherung:  „In  quartanis  medicina  clinice 
prope  modum  nihil  pollet."  —  Auch  heute  noch  lässt  hier  die  „unfehlbare" 
China  sehr  oft  im  Stiche. 


108  IX-  Buch.     Aphorism  25. 

soviel  er  will.  Seitdem  nämlich  durch  Entdeckung  der  China50), 
die  in  der  Mitte  des  17.  Jahrhunderts  aus  Süd-Amerika,  als 
ein  dort  unter  den  Peruanern  wohlbekanntes  Fiebermittel 
zu  uns  gebracht  wurde,  stellt  sich  die  Sache  erträglicher  dar. 
Nachdem  die  Kräfte  dieser  Baumrinde,  die  angeblich  von  mehr 
als  zwanzig  verschiedenen  Baumarten  gesammelt  wird,  durch 
Zufall,  oder  wie  Andere  sagen,  durch  die  dortigen  Löwen 
bekannt  geworden51),  und  in  Europa  eingeführt  waren,  hat  sie 


50)  Wir  dürfen  bei  dieser  Gelegenheit,  wo  von  der  China  die  Rede 
ist,  nicht  unterlassen  anzuführen,  dass  es  bekanntlich  eben  dieses  Arznei- 
mittel gewesen  ist,  welches  die  Aufmerksamkeit  Hahnemann's  zuerst  auf 
das  Heilgesetz:  Similia  similibus!  hingelenkt  hat.  Da  dessen  Uebersetzung 
von  ,,W.  Cullen's  Abhandlung  über  die  Materia  medica.  1790"  wohl  den 
Wenigsten  noch  zugänglich  sein  dürfte,  so  scheint  es  angemessen,  hier 
die  eigenen  Worte  des  Uebersetzers  anzuführen,  wie  er  sie  in  dem  ge- 
nannten Werke  (2.  Band,  S.  109)  in  der  Anmerkung  ausgesprochen  hat. 
—  „Ich  nahm  des  Versuchs  halber  etliche  Tage  zweimal  täglich  jedesmal 
vier  Quentchen  gute  China  ein;  die  Füsse,  die  Pingerspitzen  u.  s.  w. 
wurden  mir  erst  kalt,  ich  ward  matt  und  schläfrig,  dann  fing  mir  das 
Herz  an  zu  klopfen,  mein  Puls  ward  hart  und  geschwind;  eine  unleid- 
liche Aengstlichkeit,  ein  Zittern  (aber  ohne  Schauder) ,  eine  Abgeschlagen- 
heit durch  alle  Glieder;  dann  Klopfen  im  Kopfe,  Röthe  der  Wangen, 
Durst,  kurz  alle  mir  sonst  beim  Wechselfieber  gewöhnlichen  Symptome 
erschienen  nach  einander,  doch  ohne  eigentlichen  Fieberschauder.  Mit 
Kurzem:  auch  die  mir  bei  Wechselfiebern  gewöhnlichen  charakteristischen 
Symptome,  die  Stumpfheit  der  Sinne,  die  Art  von  Steifigkeit  in  allen 
Gelenken,  besonders  aber  die  taube,  widrige  Empfindung,  welche  in  dem 
Periostium  über  alle  Knochen  des  ganzen  Körpers  ihren  Sitz  zu  haben 
scheint,  —  alle  erschienen.  Dieser  Paroxism  dauerte  zwei  bis  drei  Stun- 
den jedesmal,  und  erneuerte  sich,  wenn  ich  diese  Gabe  wiederholte,  sonst 
nicht.  Ich  hörte  auf,  und  ich  war  gesund."  —  Nicht  minder  merkwürdig 
ist  die,  auf  der  folgenden  (110)  Seite  ausgesprochene  Aeusserung:  „hätte 
er  (Cullen)  eine  Kraft  in  der  China  gewittert,  ein  künstliches  antago- 
nistisches Fieber  zu  erregen:  gewiss  er  würde  nicht  so  eisern  auf  seiner 
Erklärungsart  stehen  geblieben  sein." 

51)  Collingwood  erzählt,  dass  bei  Loxa  die  Chinabäume  am  Ufer  eines 
Landsees  bei  einem  Erdbeben  hineingestürzt  wären,  und  so  von  dem  Was- 
ser ein  natürliches  Infusum  gebildet  sei,  dessen  Gebrauch  die  fieberkranken 
Peruaner  geheilt  habe.  Condamine  hingegen  theilt  eine  Tradition  der 
Peruaner  mit,  wonach  die  am  Wechselfieber  leidenden  Löwen  die  Rinde 
der  China-Bäume  zu  benagen  und  sich  so  von  ihrer  Krankheit  zu  befreien 


IL  Buch.     Aphorism  25.  109 

bedeutende  Heilwirkungen  gezeigt  und  ist  allmählig52)  der- 
massen  in  Ansehen  gestiegen,  dass  heutiges  Tages  hei  Wechsel- 
fieber sie  als  das  Alpha  und  Omega  angesehen  werden  darf.  In 
der  That  ist  auch  ihre  Wirkung  sehr  energisch  und  dabei  so 
eigen thümlich,  dass  sie  namentlich  dem  int ermittir enden 
Typus  in  vorzüglichem  Grade  entspricht  und  daher  bei  den 
meisten  Erkrankungen  dieser  Art  die  regelmässige  Wiederkehr 
dieser  Anfälle  verhindert.53)  Am  meisten  entspricht  die  China- 
Rinde  den  Herbst-  und  Sumpf- Wechselfiebern,  weniger 
denen,  die  im  Frühjahre  oder  im  Sommer  auftreten,  und  daher 
mag  es  dann  auch  wohl  kommen,  dass  diese  Letzteren,  die 
häufig  einen  gastrischen  Ursprung  haben,  bei  der  Celsischen 
Gewalt-Cur  am  Ersten  das  Feld  räumten.54) 

Wenn  wir  uns  indessen  von  unsenn  ärztlichen  Standpunkte 
aus  unbefangen  in  der  kranken  Welt  umsehen:  so  erblicken  wir 
aller  Orten  der  Beispiele  nur  zu  Viele,  wo  die  China  neben  ihrer 
schätzenswerthen  Heilkraft  auch  manche  Unheilkraft  in 
sich  trägt,  welche  bei  zu  starkem  oder  unpassendem  Gebrauche 


pflegten.  Aeknliche  wichtige  Arznei-Entdeckungen  von  wilden  Men- 
schen und  von  noch  wilderen  Thieren  kommen  in  der  Geschichte  der 
Medizin  freilich  mehr  vor. 

52)  Guy  Patin  schrieb  seinem  Freunde  Falconnet  heinahe  ein  Jahr- 
hundert nach  Einführung  der  China  in  Europa:  „La  Quinquina  ne  guerit 
pas  la  fievre  intermittente,  et  nous  l'avons  abandonne.  Jacet  ignotus, 
sine  nomine,  pulvis." 

53)  Es  dürfte  weniger  bekannt  sein,  dass  Linne  die  Cinchona  offici- 
nalis  der  Gräfin  von  Cinchon  zu  Ehren  also  benannt  hat,  weil  sie,  die 
Gemahlin  des  Vicekönigs  von  Peru,  die  erste  Europäerin  war,  welche  die 
heilsamen  Kräfte  dieses  Mittels  an  sich  selbst  erprobte. 

54)  „Man  war  bisher  gewohnt  gewesen",  —  sagt  Morton  (Opp.  vol.  II. 
p.  69.)  —  „die  Wechselfieber  durch  allerlei  schwächende  Mittel  in  die 
Länge  zu  ziehen.  Jetzt  konnte  man  mit  verhältnissmässig  kleinen  Gaben 
eines  Mittels  (der  China)  die  Krankheit  auf  einmal  heilen,  deren  lang- 
wierige ~  Cur  Aerzte  und  Apotheker  sonst  bereichert  hatte.  Die  niedrige 
Gewinnsucht  konnte  dies  nicht  ruhig  mit  ansehen,  und  es  entstand,  wie 
der  Apotheker  Bartram  in  London  gegen  Morton  bezeugte,  eine  ordent- 
liche Verschwörung  wider  dieses  Mittel".  —  Einige  wollen  eine  ähn- 
liche Verschwörung  gegen  die  kleinen  homöopathischen  Pülverchen  ent- 
deckt haben.     Indessen  ist    uns  doch  Niemand  bekannt  geworden ,  welcher 


HO  II-  Buch.     Aphorism  25. 

die  beklagenswertesten  Folgen  hinterliess. 55)  Der  Allopathie 
kann  keineswegs  der  Vorwurf  gemacht  werden,  dass  sie  dieses 
nicht  eingesehen  hat,  und  nicht  bemüht  gewesen  ist,  dem  vor- 
zubeugen. Sie  hat  vielmehr  mit  Hülfe  der  Chemie56)  gesucht, 
die  China-Rinde  in  ihre  Bestan  dt  heile  zu  zerlegen  und  die 
Heilsamen  von  den  Schädlichen  zu  trennen;  aber  man 
kann  leider!  nicht  in  Abrede  stellen,  dass  der  Erfolg  nicht  eben 
befriedigend  ausgefallen  ist.  Noch  heutiges  Tages,  eben  so  gut 
wie  früher,  wandeln  vor  unsern  Augen,  wenn  sie  noch  gehen 
können,  oder  liegen  auf  ihrem  Jammerlager  Patienten,  welche 
die  deutlichsten  und  (für  uns  wenigstens)  unverkennbaren  Zeichen 
des  China-Siechthums  an  sich  tragen,  und  wenn  man  den 
Verlauf  ihrer  Krankheit  bis  zu  ihrem  Ursprünge  verfolgt,  so 
findet  man  in  den  Rezepten  die  Bestätigung  der  an  sich  nicht 
zweifelhaften  Diagnose.  Eben  der  Umstand  der  baldigen  Unter- 
drückung des  wiederkehrenden  Typus  der  Anfälle,  so 
wie  der,  dass  jedes  Wechselfieber  an  und  für  sich  als  eine 
Krankheit  sui  gener is  betrachtet  und  behandelt  wird,  trägt 
dabei  die  meiste  Schuld,  und  der  Irrthum57)  mit  seinen  traurigen 
Folgen  wird  so  lange  dauern,  bis  man  eingesehen  hat,  dass 
unter  der  scheinbaren  Hülle  des  Wechselfiebers  zahlreiche 
Krankheiten  der  verschiedensten  Art  bestehen,  die  in  ihrem 
eigentlichen  Wesen  Nichts  mit  einander  gemein  haben  und 

wie  ehemals  der  famose  Plempius  von  der  „unfehlbaren  Fieberrinde", 
behauptet  hätte,  es  sei  bisher  noch  Niemand  dadurch  geheilt,  viele  aber 
damit  zu  Tode  gefüttert  worden. 

55)  Schon  im  Anfange  des  vorigen  Jahrhunderts  beschuldigten  Stahl 
und  seine  Anhänger  (Grlaschke,  Stempel  u.  A.)  die  Chinarinde,  dass  sie  so 
häufig  Schwindsuchten  und  Wassersuchten  erzeuge,  wenn  sie  gegen  Wech- 
selneber angewendet  wurde. 

56)  Plura  medicamenta  elaboravit  Chemia,  sed  nulla  detexit. 

Liune,  Mat.  med. 
öl)  Sic  plerumque  agitat  stultos  inscitia  veri,  et 

Palantes  error  certo  de  tramite  pellit; 
llle  sinistrorsum,  hie  dextrorsum  abit,  unus  utiique 
Error,  sed  variis  illudit  partibus    omnes. 

llmat.   Sermon.  Lib.   2. 


II.  Buch.     Aphorism  25.  111 

wobei  eben  der  wiederkehrende  Typus    nur  ein  einziges,    oft 
kaum  zu  beachtendes  Symptom  darbietet.58) 

Die  Homöopathie  geht  bei  der  Behandlung  der  Wechsel- 
lieber,  sie  mögen  nun  Eintägige,  Dreitägige  oder  Vier- 
tägige, Vorsetzende,  oder  Nachsetzende  sein,  durchaus 
von  der  zuletzt  erwähnten  Ansicht  aus,  und  erwägt  bei  der 
Mittelwahl  alle  wesentlichen  und  darunter  besonders  die 
karakteristischen  Zeichen,  zu  einem  Gesammtkrank- 
heits bilde  vereinigt,  wie  sie  es  mit  jeder  anderen  Krankheit 
thut. 59)  Dem  homöopathischen  Arzte  machen  dabei  eben  die 
Wiederkehr  der  Anfälle  und  der  daran  geknüpfte  unbe- 
stimmte Gattungsname  Wechselfieber,  so  wie  insbesondere 
auch  der  Umstand  am  Meisten  zu  schaffen,  dass  durch  die 
Hervorragung  der  für  die  Miltelwahl  meistens  wenig  erheb- 
lichen Perioden  von  Frost,  Hitze  und  Schweiss,  die  übrigen, 
weit  wichtigern  Nebenbeschwerden  sehr  in  den  Hinter- 
grund gedrängt  und  verdunkelt,  dabei  auch  die,  jeder  der- 
selben ins  Besondere  angehörigen  begleitenden  Bes  chwer- 
den  oft  miteinander  verwechselt,  unrichtig  angegeben  oder 
ganz  verschwiegen  werden.60)  Wo  diese  Mängel  ver- 
mieden werden,  wie  es  eine  Hauptaufgabe  des  Arztes  ist,  und 
hinreichende  Zeichen    ermittelt  sind,  um  das  auf  Alle  genau 


58)  Indicatio  curationum  unieuique  propria. 

Galenus  M.  m.  II,  6. 

59)  Tant  pour  le  choix  du  Medicament  que  pour  le  diagnostic  des 
maladies,  c'est  l'universalite  des  symptömes,  que  le  medicin  Homöopathe 
doit  utiliser.  Leon  Simon,  exposition  p.  339. 

60)  Wenn  man  die  zahlreichen  hippokratischen  Krankheitsbilder  mit 
denen  der  neuem  medizinischen  Schriftsteller  vergleicht,  so  erkennt  man  in 
Beiden  leicht  den  Einfluss,  den  die  Schule  und  die  herrschende  Richtung 
der  Wissenschaft  auch  in  dieser  Beziehung  ausübt.  Man  darf  -sich  daher 
auch  nicht  wundern,  wenn  dasselbe  der  Fall  ist  bei  denen,  welche  von 
Homöopathen  entworfen  sind,  und  die  von  den  beiden  Vorhergehenden  so 
wesentlich  sich  unterscheiden,  dass  die  Unzulänglichkeit  Jener  für  eine 
sichere  homöopathische  Theorie  von  selbst  einleuchten  und  man  sie  dazu 
als  völlig  unbrauchbar  ansehen  muss. 


112  IL  Buch-     Aphorism  25. 

passende  Heilmittel  im  zwei  feibar  anzuzeigen,  da  ist  jedes- 
mal die  schnelle  Heilung  des  Fiebers  nebst  seinem  ganzen 
Anhange  von  Nebenbeschwerden  gesichert,  es  möge  die  Jahres- 
zeit oder  die  Witterung  sein,  welche  sie  wolle.61)  Nur  allein 
ungesunde,  das  Fieber  stets  auf's  Neue  erweckende  Gegenden 
oder  sonstige  Umstände  ähnlicher  Art  machen  hier  eine  natür- 
liche Ausnahme,  und  müssen  bei  den  erforderlichen  Diät- 
vorschriften namentlich  angeordnet  und  strenge  befolgt  werden, 
wenn  die  Heilung  dauerhaft  sein  soll.  Die  einzigen  wirklichen 
Schwierigkeiten  bei  der  homöopathischen  Heilung  derWechsel- 
fieber,  worüber  so  oft  Klage  geführt  wird,  liegen  also  lediglich 
in  der  Ermittlung  eines  vollständigen  und  zur  Wahl  des 
passendsten  Heilmittels  z  u  r  e  i  c  h  e  n  d  e  n  i  n  d  i  v  i  d  u  e  1 1  e  n  K  r  a  n  k- 
heitsbildes,  welches  nicht  für  das  Wechselfiehcr,  wie  für  eine 
selbstständige,  unveränderliche  Krankheit,  ja  nicht  einmal  für  alle 
Fälle  einer  derartigen  Epidemie,  sondern,  wie  schon  Hufeland 
gesagt  hat,  „bei  jedem  einzelnen  Individuum  von  Neuem 
erfunden  und  aufgestellt  werden  muss."  62) 


61)  Die  bei  den  verschiedeneu  Fieberstadien  (Prost,  Hitze,  Schweiss) 
eintretenden  Beschwerden  bezeichnen  in  derselben  naturgemässen  Weise  die 
Arten  und  folglich  auch  die  einzelnen  Heilmittel  der  Fieber,  wie  z.  B.  bei 
den  Ahornarten  das  Erscheinen  der  Blüthen  entweder  vor  dem  Aus- 
brechen der  Blätter  (A.  platono'ides) ,  oder  zugleich  mit  demselben  (A.  cam- 
pestre),  oder  nachher  (A.  Pseudo-Platanus.) 

62)  Wir  finden  keine  Ursache,  die  Schwierigkeiten  bei  der  hom.  Hei- 
lung der  Wechselfieber  zu  verheimlichen ,  worüber  schon  vor  30  Jahren 
Hahnemann  klagte,  (Griessellich  Skizzen  S.  33),  und  die  in  der  letzten 
Versammlung  zu  Hannover  (1860)  eine  ausführliche,  aber  nicht  befriedigende 
Besprechung  herbeiführte.  Indessen  verdient  in  dieser  Beziehung  hervor- 
gehoben zu  werden,  was  Hahnemann  über  diese  Krankheit  in  den  §§  235 
bis  244  des  Organons  lehrt,  und  wobei  er  ausdrücklich  eiu  besonderes 
Gewicht  legt  auf  die  Nebenbeschwerden,  sowohl  während  der  einzelnen 
Fieberepochen,  als  während  der  Apyrexie,  worunter  natürlich  die  im 
§  150  daselbst  bezeichneten  Symptome  als  die  Vorzüglichsten  zu  berück- 
sichtigen sind.     Hier   gilt    es  also,    allen    Scharfsinn  und   alle   Umsicht  auf- 


II.  Buch.     Aphorism  26.  113 

26.    Es  ist    besser,    wenn    das  Fieber    zum   Krämpfe,    als 
wenn  der  Krampf  zum  Fieber  kommt. 


Chronische  Krämpfe,  wie  z.  B.  die  zahlreichen  Arten  von 
Fall  suchten,  so  wie  die  Krämpfe  der  Hysterischen  und 
der  Hypochondristen,  deren  Heilung  meistens  schwierig,  bei 
längerer  Dauer  zuweilen  unmöglich  ist,  entscheiden  sich  bekannter 
Maassen  oft  durch  Hinzutritt  irgend  eines  Fiebers.  In- 
dessen ist  bei  veralteten  Fällen  dieser  Art  die  scheinbare 
Besserung  dieser  Uebel  meistens  nicht  von  Dauer,  und  nach 
überstandener    Rekonvaleszenz    erscheinen     solche    von    Neuem 


zubieten,  und  diese  Nebenbeschwerden  zu  ermitteln  und  sich  dabei 
nicht  von  den  hervorragendsten,  allgemeinen  Zeichen  (Frost,  Hitze,  Schweiss) 
blenden  zu  lassen ,  indem  diese  selten  wahrhaft  karakteristische  Merkmale 
darbieten.  Wenn  dagegen,  wie  so  oft  der  Fall  ist,  ein  Wechselfieber  epi- 
demisch grassirt,  so  giebt  eine  Zusammenstellung  der  bei  mehreren  Kran- 
ken in  dieser  Beziehung  erforschten  Symptome  einen  überaus  brauchbaren 
Anhalt,  sowohl  zur  speziellen  Erforschung  jedes  individuellen  Krankheits- 
bildes, als  zur  grösseren  Sicherheit  in  der  Mittelwahl.  —  Verf.  arbeitet 
schon  seit  ein  Paar  Jahren  an  einer  neuen  Ausgabe  seiner  im  Organon 
S.  251  bereits  erwähnten  „Therapie  der  Wechsel-  (und  anderer)  Fieber", 
und  hofft  damit  den  Pflegern  unserer  Heilwissenschaft  in  der  glücklicheren 
Behandlung  dieser  schwierigen  Krankheitsform  einige  Erleichterung  zu 
verschaffen. 

Im  Gebiete  der  Naturwissenschaften  besitzt  jeder  erste  Entdecker 
oder  Erfinder  von  etwas  Neiiem  das  Recht,  demselben  einen  Namen  beizu- 
legen. Sobald  dies  geschehen ,  steht  Niemandem  hinfort  die  Befugniss  zu 
diesen  Namen  mit  einem  Andern  zu  vertauschen,  noch  auch  damit  etwas 
Anderes  zu  bezeichnen.  Hahnemann  hat  von  diesem  unbestrittenen  Rechte 
nicht  nur  vollen  Gebrauch  gemacht  für  seine  Erfindung  der  Homöopathie, 
sondern  auch  ausdrücklich  alles  seiner  Lehre  Fremdartige  von  derselben 
ausgeschlossen.  Wiewohl  es  nun  keinem  Arzte  verwehrt  werden  kann, 
abweichende  Ansichten  und  Meinnngen  zu  haben:  so  ist  es  doch  einleuchtend, 
dass  Diese  sich  dadurch  des  Rechts  begeben,  sich  Homöopathen  zu  nennen, 
wie  es  diejenigen  thaten,  welche  bereits  im  Anfange  in  einigen  Punkten 
von  der  ursprünglichen  Lehre  des  Stifters  abwichen,  und  sich  zum  Unter- 
schiede ,, Spezifiker"  nannten.  Jetzt  scheint  der  Name  so  lockend  gewor- 
den zu  sein,  dass  mancher  Arzt  das  Prädikat  eiues  Homöopathen  usurpirt, 
wenn  er    auch  weder  das  Organon,    noch  die  R.  A.  M.  Lehre,    anders  ^ils 


1  14  n-  Buch.   Aphorisrn  26. 

wieder,  nicht  selten  mit  verstärkter  Heftigkeit.  Man  kann  also 
eine  derartige  temporäre  Beschwichtigung  keineswegs  mit  dem 
Namen  einer  wahren,  gründlichen  Heilung  belegen,  sondern 
darf  vielmehr  in  diesen  Vorgängen  nur  einen  Beleg  für  die  An- 
sicht der  Homöopathen  finden,  dass  zwei  unter  sich  ver- 
schiedene Krankheiten  niemals  zu  gleicher  Zeit  bei  einem 
und  demselben  Individuum  anwesend  sein  können.  Diese  An- 
sicht, deren  Richtigkeit  noch  durch  viele  andere,  zum  Theil 
sehr  auffallende  Erscheinungen  bewiesen  ist,  bestätigt  zugleich 
die  Richtigkeit  der  daraus  gefolgerten  Regel,  dass  das  richtig 
gewählte  Heilmittel  allen  wesentlichen  Zeichen  entsprechen 
muss,  und  nicht,  acht  symptomatisch,  für  jedes  derselben 
etwas  Besonderes  verordnet  werden  darf.  63) 

Die  zweite  Hälfte  des  Aphorisms  bezieht  sich  wohl  nur  auf 
solche  Krämpfe,  welche  sich  zu  den  Fiebern  gesellen,  die  durch 
innere  Entzündungen,  zurückgetretene  Ausschläge  und  der- 


aus  dürftigen  Kompendien  oder  Repertorien  kennt,  wenn  er  auch  die  Lehre 
von  den  Dynamisationen  verwirft,  oder  diese  in  der  vom  Stifter  nirgends 
autorisirten  Dezimal-Skala  ausführt,  wenn  er  der  ausdrücklichen  Vorschrift 
zuwider  alle  und  jede  Mittel  zum  Oefteren  wiederholt,  und  was  solcher  Ab- 
weichungen noch  Mehrere  giebt.  Diese  haben  vermöge  ihrer  Handlungen 
das  Recht  verloren,  sich  Homöopathen  nennen  zu  dürfen,  und  was  sie 
üben,  kann  von  Niemandem  für  wahre  Homöopathie  ausgegeben  werden. 
Der  unermessliche  Unterschied  zwischen  den  Gaben  der  Allopathen  und 
.denen  der  wahren  Homöopathen  bleibt  fort  und  fort  bestehen,  und  die 
Vota  der  Pr.  Med.  Zeitung,  die  mit  Leugnung  desselben  ihr  Gutachten  für 
die  Aufhebung  der  gesetzlichen  Dispensirfreiheit  der  Letzteren  begründen 
wollen,  haben  in  der  That  den  Boden  verloren  und  zappeln  mit  den  Beinen 
in   der  trüben  Luft  ihrer  Leidenschaften. 

63)  Die  weit  genauer,  wie  heutiges  Tages  geschieht,  die  individuellen 
Zeichen  beachtenden  -alten  Aerzte  haben  gefunden,  dass  bei  den,  aus 
Wurmleiden  entstandenen  Krämpfen  das  sonst  gewöhnliche  Symptom 
des  „Schaums  vor  dem  Munde"  fehlt.  In  auffallender  Weise  stimmt 
dies  mit  unserer  Therapie  überein,  indem  bei  den  Hauptmitteln,  die  wir 
für  diese  Krankheits-Komplikation  besitzen  und  mit  Erfolg  anwenden, 
(Ars.,  Cina,  Kali,  N.  vom.,  Petr.,  Plat.,  Sil.  und  Sulph.),  ebenfalls  dieses 
Symptom  gänzlich  fehlt,  und  nur  allein  bei  der  Calc.  carb. ,  die  aber  noch 
anderen  Formen  dieser  Krankheit  entspricht,  zu  finden  ist. 


II.  Buch.     Aphorism  27.  115 

gleichen  entstanden  sind.  Jeder  Arzt  weiss,  wie  äusserst  gefähr- 
lich diese  Erscheinungen,  und  wie  meistens  solche  Kranke  ret- 
tungslos dem  Tode  verfallen  sind,  wenn  es  nicht  noch  zeitig 
genug  gelingt,  das  Fieber  zu  heben  und  die  Ausschläge  wieder 
hervorzubringen. 


27.  Einer  Besserung,  welche  gegen  Erwartung  eintritt, 
darf  man  nicht  trauen;  aber  ebensowenig  eine  Ver- 
schlimmerung fürchten,  welche  dem  natürlichen  Ver- 
laufe nicht  entspricht.  Unter  den  meisten  Erschei- 
nungen beiderlei  Art  sind  jene  nur  vorübergehend  und 
von  kurzer  Dauer,  diese  aber  die  Krankheit  keines- 
wegs in  die  Länge  ziehend. 


Obschon  die  Kommentatoren  zur  Begründung  und  Erklärung 
dieses  Aphorisms  hauptsächlich  nur  zwei  Stellen  anführen,  nem- 
lich  die  Vorhersagungen  des  Hippokrates  II,  30.  6.  und  Gels. 
II,  11,  wo  in  Beiden  nur  von  den  zu  erwartenden  Rückfällen 
die  Rede  ist:  so  glauben  wir  doch,  dass  darin  ein  tieferer 
und  unendlich  wichtigerer  Sinn  zu  finden  ist,  weil  von  einer 
unerwarteten  Verschlimmerung  sonst  nirgends  in  solcher 
Weise  die  Rede  ist,  und  beide  Veränderungen  an  diesem  Orte 
nicht  nur  oben  hin  besprochen,  sondern  auch  als  Gegen- 
sätze zu  einander  aufgestellt  werden.  Noch  weniger  scheinen 
diejenigen  richtig  und  erschöpfend  interpretirt  zu  haben,  welche 
meinen,  dass  hier  bloss  von  zufälligen  Nebenerscheinungen 
die  Rede  ist,  deren  momentane  Besserung  oder  Verschlimme- 
rung auf  die  Hauptkrankheit  selbst  ohne  wesentlichen  Einfluss 
bleibt.  Uns  will  es  scheinen,  als  wenn  der  scharfsinnige  Beob- 
achter in  diesem  Aphorism  zuerst  den  Gegensatz  zwischen 
einer  palliativen  (antipathischen)  und  homöopathischen 
Erst-Wirkung  ausgesprochen  hätte,  eine  überaus  wesentliche 
und    verschiedenartige   Aeusserung    des    organischen 


HQ  II.   Buch.      Aphorism  27. 

Lebens,  die  bis  jetzt  noch  häufig  so  gänzlich  verkannt  wird, 
und  erst  durch  die  Lehren  der  Homöopathie  ihre  gebührende 
Würdigung  erlangt  hat.64) 


64)  Fast  jede  Zeile  der  allopathischen  Schriften  über  die  Wirkungen 
der  Arzneien  auf  den  lebenden  Organismus  liefert  den  Beweis  von  der 
Nicht -Kenntniss,  oder  mindestens  von  der  Nicht-Achtung  der  Erst-  und 
Nach-Wirkungen.  Indem  man  von  Diesen  nur  ganz  im  Allgemeinen 
redet  und  Jene  nicht  unterscheidet,  so  ist  auch  die  Ansicht  der  alten 
Schule  von  der  unmittelbaren,  selbstständigen  Heilwirkung  der  Arzneien 
nichts  Anders,  als  eine  nothwendige  Folge,  und  es  ergiebt  sich  daraus, 
in  eben  so  consequenter  Weise,  die  Angemessenheit  der  Steigerung  der  Ga- 
ben bis  zu  dem  Punkte,  wo  eine  wirkliche  Vergiftung  beginnt.  Nur  in  so 
weit  ist  dabei  die  Lebenskraft  als  unentbehrlich  betrachtet,  als  ohne  diese 
die  Arznei,  wie  auf  einen  leblosen  Körper,  gar  keinen  Einfluss  haben 
könnte,  während  die  Reaktionskraft  derselben  gegen  derartige  feind- 
selige Stoffe  ausser  Betracht  bleibt,  obwohl  man  in  anderer  Beziehung  die 
vis  medicatrix  naturae  durchaus  nicht  verkennt  und  namentlich  nicht  er- 
mangelt, ihr  allein  die  Heilungen  der  Homöopathie   zuzuschreiben. 

Es  ist  nicht  unwahrscheinlich,  dass  Hahnemann,  bei  Gelegenheit 
der  Uebersetzung  von  Cullen's  Arzneimittellehre,  auch  dessen  „Theoretische 
und  praktische  Anfangsgründe  der  Arzneikunst."  gelesen,  und  hierdurch  auf 
die  Doppelwirkung  (Erst-  und  Nach- Wirkung)  aufmerksam  geworden  ist. 
Am  Deutlichsten  spricht  dieser  solches  aus  in  seiner  Fieberlehre,  wo  er 
sagt:  „Jedes  Fieber  hat  drei  Perioden:  Schwäche,  Frost  und  Hitze,  die 
regelmässig  aufeinander  folgen,  und  die  immer  als  aufeinanderfol- 
gende Ursachen  und  Wirkungen  angesehen  werden  müssen,  so  dass 
die  Schwäche  den  Fro.st,  der  Frost  die  Hitze  hervorbringt.  Um  zu 
erklären,  wie  dieses  geschieht,  muss  man  seine  Zuflucht  zu  einem  gewissen 
allgemeinen  Gesetze  der  thierischen  Oekonomie  nehmen,  welches 
macht,  dass  diejenigen  Kräfte,  welche  eine  Neigung  haben,  dem  Körper  zu 
schaden  und  ihn  zu  zerstören,  oft  in  demselben  solche  Bewegungen  hervor- 
bringen, welche  die  Wirkungen  dieser  schädlichen  Kräfte  wieder  verhüten 
und  aufheben  können.  Dieses  ist  die  Heilkraft  der  Natur,  und  es  ist 
sehr  wahrscheinlich,  dass  viele  von  denjenigen  Bewegungen,  welche  in  Fie- 
bern erregt  werden,  Wirkungen  dieser  Kraft  sind."  —  Offenbar  ist  hier 
nichts  anders  gemeint,  als  was  Hahnemann  die  Reaktion  der  Lebenskraft 
nennt. 

„Der  menschliche  Körper"  ■ —  sagt  Dr.  Siemers  im  Hamb.  lit 
Anz.  1829  —  „wird  von  einer  grossen  Arzneigabe  ganz  anders  affizirt,  als 
von  einer  kleinen ,  und  diese  Reaktion  des  Körpers  verändert  sich  immer 
mehr,  je  kleiner  die  Arzneigabe  ist.  Hier  haben  wir  ein  Prinzip,  das  mit 
den  Erfahrungen  der  alten  rationellen   Schule  durchaus   übereinstimmt." 


II.  Buch.     Aphorism  27.  117 

Eine  augenblickliche  Besserung  des  Befindens,  oder 
Linderung  eines  Schmerzes,  die  in  der  Regel  nur  durch  Pal- 
liative65) hervorgebracht  werden  kann,  wird  nie  und  nim- 
mer eine  wahre  Heilung  sein,  und  verdient  daher  nicht  nur 
kein  Zutrauen,  sondern  muss  im  Gegentheile  die  Aufmerksam- 
keit des  Arztes  erregen,  damit  ihn  der  sicher  nachfolgende  Um- 
schlag nicht  unerwartet  und  unvorbereitet  überrascht.  Er  wird 
sich  daher  bei  irgend  ernstlichen  Beschwerden  jeder  Art  wohl 
hüten,  leichtsinniger  Weise  dieselben  anzuwenden,  in  der  Ueber- 
zeugung,  dass  dabei  die  beklage ns-werthes ten  Folgen  nicht 
ausbleiben  werden.  Nur  der  Unbesonnene  oder  Unwissende 
wird  deshalb  bei  Schmerzen  zu  Opium  oder  Chloroform, 
bei  Hinfälligkeit  zu  Reizmitteln,  oder  bei  andern  der- 
gleichen Beschwerden  zu  ähnlichen  an  tipathischen  Mitteln 
greifen,  nach  deren  bald  vorübergehender,  täuschender 
Heilwirkung  die  nur  scheinbar  beschwichtigten  Beschwerden  mit 
erneuerter  und  verstärkter  Kraft  ihr  Haupt  wieder  erheben. 

In  umgekehrter  Weise  verhält  es  sich  mit  der  uner- 
warteten Verschlimmerung  der  Zufälle,  welche  meistens 
eine  rein  homöopathische  Erst- Wirkung  und  nicht  eben  zu 
fürchten  ist.  Freilich  kann  eine  solche,  den  Kranken  oft  sehr 
belästigende  Erhöhung  der  Symptome  meistens  durch  gehö- 
rige Verkleinerung  der  Arzneigaben  vermieden  oder  minde- 
stens sehr  abgekürzt  werden;  aber  gefährlich  ist  sie  an  und 
für  sich  nicht,  wenn  sie  auch  das  erforderliche  Maass  um  Etwas 
überschreitet.  Jederzeit  wird,  wenn  das  Mittel  richtig  gewählt 
ist,  die  heilende  Nach-Wirkung  nach  Vollendung  der  verschlim- 
mernden Erst-Wirkung   gewiss  nicht    ausbleiben,    und    diese 

65)  Ich  verkenne  den  grossen  Nutzen  der  Palliative  nicht.  Sie  sind 
in  schnell  entstehenden,  zu  einem  schnellen  Ablaufe  geneigten  Zufällen 
nicht  nur  oft  völlig  zureichend,  sondern  haben  sogar  Vorzüge,  wo  die  Hülfe 
keine  Stunde,  kaum  Minuten  aufgeschoben  werden  darf;  hier  und  hier  allein 
sind  sie  von  Nutzen. 

Hahnemann's  kl.   Sehr.   I,   S.    119. 


]  18  II.   Buch.    Aphorism    27. 

Letztere  daher  niemals  als  etwas  für  den  Kranken  Unheilvolles 
oder  Gefährliches  anzusehen  und  zu  fürchten  sein,  so  lange  keine 
fremdartigen  Symptome  dahei  auftreten,  die  ausserhalb 
des  Wirkungskreises  der  gereichten  Arznei  liegen.66).  In- 
dessen ist  es  fortwährend  für  unsern  verehrungswürdigen  Hahne- 
mann67)  eine  ernste  Aufgabe  gewesen,  die  er  bis  zu  seinem 
Tode  auf's  Eifrigste  verfolgt  hat,  das  richtige  Maass  für  die 
Grösse  der  Arzneigaben  zu  finden,  damit  einerseits  diese  hin- 
reicht, die  nölhige  Reaktion  hervorzurufen,  andererseits  aber 
zu  vermeiden,  den  von  der  Krankheit  nicht  ergriffenen  Theil 
des  lebenden  Organismus  ebenfalls  nur  unnöthiger  Weise  zu 
affiziren,  und  so  nach  Möglichkeit  cito  und  jucunde  die  Heilung 
zu  vollführen.68). 

Wem  daran  gelegen  ist,  Mehreres  und  Gründlicheres  über  die 
an tipathischen  (palliativen)  und  homöopathischen  (Erst-) 
Wirkungen  zu  lesen,  den  können  wir  nur  auf  das  berühmte 
Organon  von  Hahnemann  verweisen,  worin  von  §  52  (der  fünf- 
ten Auflage)  an  bis  zum  §  70  dieser  äusserst  wichtige  Gegen- 
stand vollständiger  und  deutlicher  auseinandergesetzt  ist,  als  es 
uns  möglich  wäre.  Wer  diese  hetreffenden  §§  nicht  nur  liest, 
sondern    auch    mit   unbefangenem    und  vorurthe iisfreiem 


66)  „Jeder  dynamische  Keiz"  —  sagt  Dr.  A.  Winkler  (kein  Homöo- 
path) in  seiner  (trefflichen)  Theorie  der  physiologischen  Arzneiwirkungen, 
Berlin  1861.  —  „ruft  in  den  Nerven  eine  doppelte  Wirkung  hervor,  eine 
anfängliche  und  eine  spätere,  welche  in  der  Beziehung  zu  einander  stehen, 
dass  die  spätere  ihrer  physiologischen  Wirkung  nach  die  entgegengesetzte 
der  anfänglichen  ist.  Beide  Wirkungen  stehen  aber ,  wie  die  Erfahrung 
zeigt,  in  dem  Verhältnisse  zu  einander,  dass,  während  die  Erst-Wirkung  bald 
vorübergeht,  die  spätere  mehr  den  Charakter  eines  dauernden  Zustands  an 
sich  trägt". 

67)  Toujours  l'erreur  impuissante  est  venu  poser,  comme  une  negation, 
devant  toute  conquete  de  l'experience,  son  double  argnment  de  l'eau  claire 
ou  du  poison,  dont  on  poursuit  encore  de  nos  jours  la  therapeutique  hahne- 
manienne.  Dr.  A.  Milcent. 

68)  Asclepiades  officium  esse  medici  dicit,  ut  tuto,  ut  celeriter,  ut 
jucunde  curet.  Celsus.  III,  4. 


II.  Buch.     Aphorism  27.  119 

Geiste  erwägt,  der  wird  sicher  darin  die  unwandelbaren 
Gesetze  der  Natur  wiederfinden,  die  von  Hippokrates  mehr 
geahnt,  als  deutlich  erkannt,  zuerst  durch  unseren  Hahne- 
mann  ihre  volle  Beleuchtung  und  ihre  volle  Wichtigkeit 
erlangt  haben.  69) 

Zum  Schlüsse  dieser  Glosse  wollen  wir  des  lieben  Frie- 
dens70) halber  noch  ausdrücklich  erwähnen,  dass  wir  keines- 
wegs gesonnen  sind ,  den  von  uns  diesem  Aphorism  unterge- 
legten Sinn  als  den  unwidersprechlich  Richtigen  zu  proklamiren 
und  unsere  Ansicht  gegen  jede  Andere  zu  vertheidigen.  Wir 
wollen  vielmehr  gern  zugeben,  dass  unsere  lebhafte  Ueb  er  Zeu- 
gung von  der  unermesslichen  Wichtigkeit  des  eben  be- 
sprochenen Gegenstandes  uns  vielleicht  allzu  weit  geführt  und 
ohne  sonstigen  vollgültigen  Grund  uns  verleitet  hat,  dem  Alt- 
Vater  der  Medizin  ein  Verdienst  zu  vindiziren,  worauf  er  in 
der  Wirklichkeit  keinen  Anspruch  zu  machen  hat.  Aber  man 
wolle  dabei  bedenken,  dass  der  Glossator  sich  einige  Freiheiten 
erlauben  darf ,  welche  für  den  Kommentator  gewissermaassen 
eine  Pflichtverletzung  einschliessen  würden.  Darum  lassen  wir 
Jedem  seine  Meinung,  verlangen  aber  zur  Wiedervergeltung  eben- 
so, dass  auch  uns  eine  solche  zugestanden  wird,  und  begnügen 


69)  C'est  Hippocrate  qui  doit  nous  servir  de  juger  Hahnemann. 

I.  de  Monestrol,  de  l'Hom.,  p.  1 3. 
Noch  verwickelter  wird  aber  die  medizinische  Aufgabe,  wenn  das 
Verhältniss  der  Quantität  und  Qualität  nicht  allein  am  Heilmittel ,  sondern 
auch  an  dem  heilsbedürftigen  Organismus  in  Erwägung  gezogen  wird.  In 
jener  Beziehung  leuchtet  ein,  dass  die  Qualität  in  demselben  Grade  sich 
zu  entwickeln  fähig  und  wirksam  wird,  in  welchem  sie  durch  die  Vermin- 
derung des  Quantums  nur  in  dem  Verhältnisse  zu  der  daseienden  Qualität 
und  Intensität  verringert  werden  kann.  In  dieser  Beziehung  ist  nicht  zu 
übersehen,  in  wiefern  mit  der  Krankheit  die  Reizbarkeit  des  kranken  Or- 
ganismus zunimmt,  und  von  dem  homogenen  Heilmittel  nur  einen  leisen 
Reiz   erwartet,  um  zur  Entwickelung  zu  kommen. 

E.  F.   Göschel,  S.  32. 

70)  Admonere,  non  mordere ;  prodesse ,  non  laedere. 

Erasmus  Rotterd. 


120  n-  Btlch'      Aphorism  28. 

uns  in  diesem  Falle  damit,  eine,  wenngleich  nicht  ganz  unbe- 
streitbare Gelegenheit  ergriffen  zu  haben,  um  ein  Naturge- 
setz zu  besprechen,  welches  für  den  Arzt  unter  den  Wich- 
tigsten und  Folge  reichsten  seiner  Wissenschaft  in  der 
ersten  Linie  zu  stehen  verdient.71) 


Es  ist  ein  übles  Zeichen,  wenn  bei  nicht  ganz  schwa- 
chen Fiebern  der  Körper  nicht  abnimmt,  sondern  bleibt, 
wie  er  war-,  oder  umgekehrt,  wenn  er  schneller  und 
stärker  abzehrt,  als  es  der  Natur  der  Krankheit  gemäss 
geschehen  sollte.  Jenes  deutet  auf  eine  langwierige 
Krankheit,  dieses  auf  eine  schnell  überhand  nehmende 
Schwäche. 


Dieser  Aphorism  zeichnet  hier  wieder  zwei,  nicht  selten 
vorkommende,  scharf  ausgeprägte  Züge,  welche  die  chroni- 
schen und  akuten  Krankheiten  in  ihrem  Gegensatze  zu 
einander  darbieten.  Die  chronischen  Fieber  nemlich  greifen 
in  der  Regel  den  Kranken  in  Bezug  auf  seine  Wohlbeleibt- 
heit und  Kräfte  weit  weniger  an,  als  die  Akuten;  dafür 
aber  dauern  jene  um  so  länger  und  verschwinden,  wenn  sie 
nicht  geheilt  werden,  meistens  nur,  um  einer  anderen  Form 
dieses  vielgestaltigen  Proteus  Platz  zu  machen.  Solche  Patienten 
bieten  oft  das  sonderbare  Schauspiel  einer  übernatürlichen 
Körperfülle  dar,  welche  aber  niemals  mit  der  wahren  Fülle 
von  Gesundheit  verwechselt  werden  darf,  sondern  ebenfalls 
ein  sicheres  Kennzeichen  eines  tief  im  Innern  bestehenden 
chronischen  Siechthums  ist. 

Bei  akuten  Fiebern,  selbst  wenn  sie  nur  in  massiger 
Heftigkeit  auftreten ,  sehen  wir  jederzeit  den  Körper  und  die 
Kräfte  mehr  oder  weniger  abnehmen,  und  wenn  dieses  Letztere 


71)  Citius  einergit  verhas  ex   errore,  quam  ex  confusione. 

Bacon. 


IL    Buch.     Aphorism  29.  30.  121 

ausser  Verhältniss  zu  der  Krankheit  schnell  und  in  auf- 
fallendem Maasse  geschieht,  so  müssen  wir  darin  nothwendig 
und  natürlich  ein  böses  omen  erkennen,  eben  weil  die  Krank- 
heit einen  so  übergrossen  Einfluss  übt. 

Dieses  Alles  ist  so  verständlich  und  der  Natur  entsprechend, 
dass  es  keiner  weiteren  Erklärungen  zu  bedürfen  scheint.  Man 
braucht  daher  in  dem  ersten  Falle  eben  so  wenig  von  „Effer- 
veszenz  der  Säftemasse",  von  „Auflockerung  der  Materie",  von 
„Ultraanimalisation",  von  „Fäulniss  des  organischen  Materials", 
von  „Spaltung  der  inneren  Bestandteile  des  Organismus"  etc., 
als  im  Zweiten  von  „allzu  schnellem  Stoffwechsel" ,  von  „unna- 
türlichem Kraftaufwand"  und  von  andern  dergleichen,  gelehrt 
klingenden  Erklärungs-Phrasen  und  Wörtern  zu  reden, 
die  ohnedem  für  die  Praxis  gänzlich  ohne  Werth  sind ,  und 
meistens  nur  von  solchen  Stubengelehrten  im  Munde  ge- 
führt werden,  welche  die  Heilmittel  dafür  nicht  kennen.72) 


29.  Wofern  es  nöthig  scheint,  etwas  zur  Ausleerung  in 
Bewegung  zu  bringen,  da  muss  dies  zu  Anfange  der 
Krankheit  geschehen;  während  der  Höhe  derselben 
ist  es   besser,  wenn  Alles  in  Ruhe  bleibt. 


Zu  diesem  Lehrsatze  vergleiche  man  die  Glossen  zu  den 
beiden ,  sieb  einiger  Maassen  widersprechenden  Aphorismen  I. 
22  und  24,  denen  wir  nichts  Erhebliches  beizufügen  haben. 


30.  Beim  Beginne  und  am  Ende  der  Krankheit  sind  alle 
Symptome  schwächer,  bei  der  Höhe  derselben  aber 
heftiger. 


72)   Quae  medica  appellatur,    revei-a   confabulandi   garriendique   potius 
est  ars,  quam  medendi.  Sydenhain. 


122  n-  B«ch-     Aphorism  31.  32. 

Auch  dieser  Aphorism,  der  einen  reinen  Erfahrungssatz  aus- 
spricht und  in  der  Natur  der  Sache  selbst  seine  vollständige 
Begründung  findet,  giebt  zu  keiner  Glosse  Veranlassung.  Er 
scheint  hier  hauptsächlich  zur  Erklärung  und  Bestätigung  des 
Vorhergehenden  bestimmt  zu  sein. 


31.  Es  ist  ein  böses  Zeichen,  wenn  nach  einer  überstan- 
deneil  Krankheit  der  Körper,  ungeachtet  guter  Esslust, 
nicht  wieder  zunehmen  will. 


Hierzu  ist  die  Glosse  zu  dem  Aphorism  II,  8  zu  vergleichen, 
so  wie  dasjenige,  was  in  dem  Folgenden  gesagt  ist. 


32.  Gewöhnlich  geht  bei  denjenigen  Rekonvaleszenten,  die 
Anfangs  reichliche  Nahrung  zu  sich  nehmen,  ohne 
sich  zu  erholen ,  später  die  Esslust  wieder  verloren. 
Dahingegen  werden  diejenigen  leichter  wieder  herge- 
stellt, die  Anfangs  keine,  nachher  aber  eine  um  desto 
bessere  Esslust  haben. 


Es  giebt  vorzüglich  unter  den  chronischen  Krankheiten, 
weniger  unter  den  Akuten,  Manche,  bei  denen  eine  ver- 
mehrte, oft  gar  unersättliche  Esslust  ein  sehr  hervorragendes 
Symptom  ist.  In  dem  vorstehenden  Aphorism  scheinen  aber  mehr 
die  Letzten  (akuten  Krankheiten)  und  die  Bekonvaleszenten  von 
einem  solchen  Fieber  gemeint  zu  sein,  wo  dieser  Umstand  frei- 
lich auch,  aber  doch  seltener  vorkommt.  Die  meisten  Patienten 
dieser  Art  haben  wir  hei  Magenleiden  und  nach  Nerven- 
fiebern beobachtet,  wovon  früher  schon,  nemlich  in  der  Glosse 
zum  Aphorism  II,  8  die  Rede  war. 

Man  hüte  sich  aber,  hiermit  dasjenige  zu  verwechseln,  was 
unter  dem  Ausdrucke :  Heisshunger  im  engeren  Sinne  verstan- 
den   wird.     Dieser    besteht    nemlich    in    einem    krankhaften, 


II.  Buch.     Aphorisiii  32.  123 

meistens  plötzlich  entstehenden,  unwiderstehlichen  Ver- 
langen nach  Speisen,  welches,  wenn  es  nicht  schleunigst 
befriedigt  wird,  in  kurzer  Zeit  eine  unglaubliche  Mattigkeit 
und  Kraftlosigkeit  des  Körpers,  bis  zur  Ohnmacht  herbei- 
führt, Der  Grund  liegt,  nicht  in  allzu  langer  Entbehrung  von 
Nahrung,  sondern  vielmehr  in  einer  eigen thümlichen  Gereizt- 
heit des  Magens  und  der  mit  diesem  in  Verbindung  stehenden 
Nerven,  welche  den  ganzen  Organismus  in  Mitleidenschaft  zie- 
hen. Die  Krankheit  ist  in  bei  Weitem  den  meisten  Fällen,  wo 
sie  öfter  entsteht,  von  chronischer  Natur,  und  kann  nur  durch 
die  dafür  angezeigten,  hierher  gehörigen  Mittel,  (worunter  Calc, 
Jod.,  Lyc.  und  Sil.  die  Vorzüglichsten  sind,)  dauerhaft  beseitigt 
werden,  wenngleich  der  Genuss  von  Speise,  besonders  von  einem 
kleinen  Stücke  Brod,  den  Anfall  schnell  vorübergehen  lässt. 

Verschieden  davon  ist  gleichfalls  der  habituelle,  über- 
mässige Hunger,  der  oft  kaum  zu  stillen  ist,  aber  ebenfalls 
zu  den  chronischen  Beschwerden  gezählt  werden  muss  und 
nur  auf  demselben  Wege  geheilt  werden  kann.  Solche  Krank- 
keiten sind  nämlich  niemals  für  sich  allein  bestehend  und 
als  damit  abgeschlossen  zu  betrachten ,  sondern  bilden  als  ein- 
zelne, obwohl  sehr  zu  beachtende  Symptome,  nur  einen  Zug 
in  dem  Ge  sa  mmt- Krankheit s bilde,  welches,  als  ein  ein- 
ziges Ganze  in  seiner  vollständigen  Charakteristik  aufgefasst, 
nur  durch  solche  Arzneien,  die  auch  allen  übrigen  Zeichen 
entsprechen,  seine  gründliche  und  dauerhafte  Heilung  er- 
langen kann.  Ein  symptomatisches  Kuriren,  welches  nur 
auf  einzelne,  von  der  Gesammtheit  abgerissene  Beschwer- 
den gerichtet  wird,  ist  nie  und  nirgends  mehr  am  unrechten 
Orte,  als  wo  es  gilt,  ein  chronisches  Leiden  zu  heilen.  Ob 
daher  das  Verfahren  der  Allopathie,  welche  für  jede  sepa- 
rate Indikation  ein  separates  Mittel  ihren  Rezepten  einver- 
leibt73),   oder    ob    dasjenige    der  Homöopathie    mehr    diesen 

73)  Die,  von  Scribonius  Largus  beförderte  Vielmischerei  der  Arzneien. 


124  II.  Buch.     Aphorism  33.  34. 

verrufenen  Namen  verdient,   dürfen    wir  ohne  Bedenken  der 
Entscheidung  jedes  vernünftigen  Menschen  anheim  stellen.74) 


33.  In  jeder  Krankheit  ist  es  ein  gutes  Zeichen,  wenn 
der  Kranke  hei  voller  Besinnung  ist,  gern  nimmt,  was 
ihm  gereicht  wird,  und  sich  darauf  wohl  befindet. 
Das  Entgegengesetzte  aher  ist  höse. 


Die  Naturgemässheit  und  Unzweideutigkeit  dieses  Aphorisnis 
giebt  zu  keiner  Anmerkung  irgend  Veranlassung. 


34.  Denjenigen,  deren  Krankheit  ihrer  Natur,  ihrem  Alter 
und  ihrer  Konstitution,  sowie  auch  der  Jahreszeit  an- 
gemessen ist,  droht  weniger  Gefahr,  als  solchen,  denen 
sie  in  keiner  von  diesen  Hinsichten  entspricht. 


Zahlreiche  Erfahrungen  bestätigen  allerdings,  dass  manche 
Krankheiten,  welche  zunächst  in  einem  gewissen  Alter,  oder 
bei  einer  gewissen  Konstitution  am  Gewöhnlichsten  vorkom- 
men, unter  solchen  Umständen  auch  leichter  und  gefahrloser 
überstanden  werden.  Wir  erinnern  dabei  z.  B.  nur  an  die  ge- 
wöhnlichen Krankheiten  des  kindlichen  Alters,  welche,  wenn 
Erwachsene  davon  befallen  werden,  sehr  oft  grosse  Gefahr 
bringen.  Indessen  ist  dies  keineswegs  als  eine  allgemein  gül- 
tige Regel  anzunehmen,  und  Hippokrates  selbst  giebt  im  Apho- 


wovou  uns  Celsus  Mancherlei  aufbewahrt  hat,  veranlasste  schon  Plinius  aus- 
zurufen :  Quo  deorum  perfidiam  istam  monstrante  ?  Hominum  enim  subtili- 
tas  tanta  esse  non  potuit.  Ostentatio  artis  et  portentosa  scientiae  venditatio 
manifesta  est. 

74)  L'etude  d'une  maladie  dans  l'universalite  des  Symptom  es, 
voilä  la  base  ä  la  fois  logique  et  experimentale  de  la  pathologie  hahne- 
manienne.  Cette  base  est  indestructible :  on  peut  PeTargir;  la  renverser. 
jamais.  Leon  Simon,  pere.  Exposition   p.  '-".>5. 


II.   Buch.     Aphorism  35.  125 

rism  VIII,  8  das  Gegeilt  heil  davon  an.  Man  darf  deshalb 
dergleichen  gelegentlichen  Aussprüchen,  die  allerdings  aus  eben 
solchen  gelegentlichen  Erfahrungen  geschöpft  sind,  kein  allzu 
grosses  Gewicht  beilegen.  Am  entschiedensten  und  handgreiflich- 
sten geben  uns  hierüber  manche  Epidemien  die  nützlichsten 
Lehren,  indem  wir  dabei  nicht  selten  das  Gegentheil  von  dem 
beobachten  können,  was  dieser  Aphorism  lehrt,  und  gerade  von 
denen  die  Meisten  hingerafft  werden,  bei  welchen  die  oben  ge- 
nannten, als  günstig  bezeichneten  Umstände  in  vorzüglichem 
Grade  zutreffen. 


35.  Bei  allen  Krankheiten  ist  es  ein  günstiges  Zeichen, 
wenn  die  Nabel-  und  Schaamgegend  eine  gewisse  Fülle 
hat-,  ein  Ungünstiges  aber,  wenn  diese  Stellen  mager 
und  abgezehrt  sind.  Auch  bei  Abführungen  deutet 
dieser  letztere  Umstand  auf  Gefahr. 


Die  heutige  Zeichenlehre  in  der  medizinischen  Wissen- 
schaft umfasst  eigentlich  zwei,  unter  sich  verschiedene  Gegen- 
stände, nämlich:  die  Semiotik  und  die  Semiologie.  Jene 
ist  eine  Sammlung  derjenigen  Zeichen,  welche  die  Unter- 
schiede zwischen  dem  gesunden  und  kranken  Menschen, 
wie  die  Erfahrung  sie  darbietet,  darstellt.  Diese  ist  eine  theo- 
retisch-wissenschaftliche Erklärung  dieser  Zeichen  und  ihrer 
Bedeutung.  Die  Erste  (Semiotik)  hat  in  der  Praxis  als  pa- 
thologische Zeichenlehre  im  Gegensatze  zur  Physio- 
logischen einen  überaus  grossen  Werth,  während  die  zweite 
(Semiologie)  in  dieser  Hinsicht  um  so  weniger  Wichtigkeit 
besitzt,  als  darin  noch  vieles  dunkel,  zweifelhaft  und  deshalb 
leicht  irreführend  ist.  Die  ältesten  und  ergiebigsten 
Quellen  der  Semiotik  bleiben  die  Werke  des  Hippokrates  und 
seiner  Schüler,  und  eine  Probe  davon  giebt  uns  der  vorstehende 
Aphorism,  der  auch  in  dessen  Vorhersagungen  (X,  2)  enthalten 


126  n-  Buch«    Aphorism  35. 

und  von  Gelsus  (II,  3)  wiederholt  ist.  Hier  ist  einfach  und 
verständlich  ein  Erfahrungssatz  ausgesprochen,  dessen  se- 
miologische  Erklärung  wohl  eben  so  wenig  vollständig 
und  befriedigend  sein  dürfte,  wie  die  der  bekannten  gekrümmten 
Nägel  bei  Schwindsüchtigen.  Auf  dergleichen  Zeichen 
legen  aber  die  Homöopathen  ein  ganz  besonderes  Gewicht, 
weil  sie  wesentlich  zur  richtigen  Wahl  der  Mittel  bei- 
tragen, indem  sie  in  konkreten  Fällen  demjenigen  unter  den 
Konkurrirenden  den  Vorzug  einräumen,  welches  ausser  den 
übrigen,  der  Krankheit  angemessenen  Zeichen  auch  noch  diese 
enthält.  In  solcher  Weise  werden  sie  überall,  wo  sie  vorhan- 
den, mit  dem  entschiedensten  Nutzen,  wenn  auch  nicht  zur 
eigentlichen  Entscheidung  der  Wahl,  so  doch  mindestens  zur 
Prüfung  und  zur  Controlle  derselben  angewendet.  Um  die 
Auffindung  des  richtigsten  und  hülfreichsten  Mittels 
dreht  sich  doch  am  Ende  das  ganze  Bestreben  des  Arztes 
herum,  der  seine  Hauptaufgabe  und  seine  Hauptpflicht 
darin  erkennt,  dass  er  seine  Kranken  heilt.75) 


75)  ,,Ein  Arzt"  —  sagt  der  Spötter  Lucian  in  der  „Versammlung  der 
Götter"  durch  den  Mund  Jupiters,  —  ,,der  Kranke  heilt,  ist  ein  Mann,  der 
für  sich  allein  mehr  werth  ist,  als  viele  Andere  zusammen." 

Hippocratem  ostentant  aut  G-alenum,  verba  proferunt  inaudita,  ad 
omnia  suos  loquantur  aphorismos,  et  mentes  humanas,  velut  afflatas  toni- 
tribus,  sie  percellunt  nominibus  inauditis.  Creduntur  omnia  posse,  quia 
omnia  jactitant,   omnia  pollicentur. 

J.  a  Salisbury,  Metalog,  I,  4,  11. 
La  gloire  la  plus  pure  resulte  du  devoir  aecompli. 

Dr.   Charge,  rev.  hom.   I,   18. 
Klingt    es    nicht    wie    Hohn    auf   die     praktischen     Aerzte,     wenn    bei 
der  Versammlung    der    deutschen  Naturforscher    und  Aerzte    in   Berlin  von 
1828  bei  der  Festtafel  im  Exercirhause  gesungen  wurde : 

„Nun  folgt  das  leichte  Fussvolk,  die  Doktoren, 

Die  Herren   Praktiker, 
Zum  Tiraillir dienst  sind  sie  wie  geboren, 
Doch  nicht  zum  Taktiker. 


II.  Buch.     Aphorism  36.  127 

36.     Wer  sich    im  Besitze    einer    guten    Gesundheit    befin- 
det, der  wird  diese  in  kurzer  Zeit  zerrütten,  wenn  er 


Wenn  solch  ein  Doktor  seine  Feinde  findet, 

Nimmt  er  die  Buchs'  heran, 
Und  wenn  sein  Pulver  aus  der  Büchse  zündet, 
Fällt  sicher  Mann  für  Mann. 

Ich  habe  nur  den  praktischen  Arzt  vor  den  Augen;  wer  als  Arzt 
andere  Beschäftigungen  gefunden  hat,  für  den  gehören  auch  andere  Betrach- 
tungen; in  Bezug  auf  den  Mann  aber,  der  Kranke  heilen  will,  in  Bezug 
auf  diesen  habe  ich  aus  dem  Leben    gesprochen. 

Prof.  Hoppe,  die  Dispensirfreiheit  S.   103. 

„Wer  mir  nachfolgt"  —  schrieb  Hahnemann  am  10.  Febr.  1833 
(Allg.  Hom.  Zeit.  II,  S.  2)  —  ,,wird  eben  so  freudig,  wie  ich,  am  Rande 
des  Grabes,  sein  Tagewerk  vollenden,  sein  Haupt  in  den  Schooss  der  Erde 
ruhig  niederlegen  und  seine  Seele  vertrauensvoll  dem  Allgütigen  und  Alier- 
heiligsten  übergeben,  vor  dessen  Allgewalt  der  Frevler  im  Innern  beben 
muss." 

Mit  dem,  als  Axiom  dastehenden  Wahlspruche:  dass  die  Gesund- 
heit das  edelste  und  kostbarste  irdische  Gut  ist!  lässt  sich  nicht  wohl 
reimen,  dass  in  Bezug  auf  das  Sostrum  der  Aei'zte  jede  Art  von  inneren 
Krankheiten,  chronische  und  akute,  gefährliche  und  leichte,  natürliche  und 
verhunzte  u.  s.  w.  nach  derselben  Schablone  gemessen,  und  nach  einer 
und  derselben  Taxe,  (bei  uns  nach  der  vom  21.  Juni  1815)  honorirt  wer- 
den muss.  Es  ist  einleuchtend,  wie  beschränkt  und  ärmlich  der  Heilkünst- 
ler in  dieser  Hinsicht  gegenüber  dem  Rechtsanwalt  gestellt  ist,  dem  es  ge- 
setzlich zusteht,  seine  Liquidation  nach  Maassgabe  des  Werths  des  Objekts 
zu  einer  angemessenen  und  billigen  Höhe  zu  steigern.  Eine  Abhülfe  für 
diese  Verletzung  der  wissenschaftlichen  Parität  trifft  allerdings  auf  grosse 
und  vielleicht  unlösbare  Schwierigkeiten,  und  am  wenigsten  dürfte  hier  die 
Menge  und  Länge  der  allopathischen  Rezepte  zum  Maassstab  dienen  können. 
Aber  es  ist  nicht  zu  leugnen ,  dass  dieser  Umstand  selbst  im  Publikum 
tiefe  Wurzeln  getrieben  und  zu  mancher  Undankbarkeit  Anlass  gegeben  hat, 
wovon  jedem  Arzte  zahlreiche  Thatsachen  vorkommen.  Daher  galt  auch 
schon  bei  unsern  Vorfahren  (und  gilt  auch  oft  noch  heute)  der  eben  nicht 
feine  Rath:  accipe  dum  dolet,  post  morbum  medicus  ölet!  —  und  die  „gold- 
nen  Berge",  die  mancher  Patient  für  seine  Herstellung  versprochen,  werden 
noch  heute  als  einen  —  unverbindlichen  Scherz  betrachtet,  der  durch  kei- 
nen Rechtstitel  verbindlich  wird  und  daher  unerfüllt  bleibt. 
Edel,  wie  das  Gefühl  für  Harf  und  Leier, 
Ist  das  Gefühl  für  Menschen-Wohl  und  Weh. 

Herder. 

Depuis  quelques  annees,  la  presse  medicale  a  pris  l'habitude  d'in- 
voquer  jouvuellernent,    k  l'appui  des   expevimentations  les  plus  aventureuses 


128  n-   Buch.     Aphorism  37. 

Abführungsmittel  gebraucht;    ebenso  wie  der,    welcher 
schlechte  Nahrungsmittel  geniesst. 76) 


37.     Beim  gesunden  Menschen  wirken  die  Abführungsmittel 
schwierig. 


Diese  beiden  Aphorismen  scheinen  zusammen  zu  gehören 
und  sich  gegenseitig  erläutern  zu  sollen.  Wir  bedauern  daher 
aufrichtig,  dass  wir  uns  nicht  mit  der  von  einigen  Neueren  ge- 
gebenen Uebersetzung  und  Erklärung  des  Letzten  (37)  einver- 
standen erklären  können,  welche  den  Sinn  desselben  auf  den 
Nacht  heil  aller  Arzneien  überhaupt  für  den  gesunden  Men- 
schen ausdehnen,  obwohl  wir  in  der  Sache  selbst  ihnen  darin 
vollkommen  beipflichten.77)  Aber  die  strenge  Wahrheit  muss 
jederzeit  über  Alles  gehen, 78)  und  es  steht  uns  nicht  zu ,  dem 
Altvater  der  Medizin  eine  Meinung  unterzuschieben,  welche  er 
nicht  deutlich  und  bestimmt  ausgesprochen  hat,  wenn  sie  auch 
noch  so  sehr  in  der  Natur  und  in  der  Erfahrung  begründet  ist. 

Hier  wird  zunächst  und  in  entschiedener  Weise  der  Nach- 
theil hervorgehoben,  welcher  daraus  erfolgt,  wenn  übrigens 
gesunde  Menschen  Abführmittel  nehmen.  Es  ist  daher 
gewiss  nicht  hipp o  k ratisch  zu  nennen,  wenn  man  noch 
heutiges  Tages  von  prophylaktischen  Ausleerungen  und 
dergleichen  schwächenden  Vorbauungs-Kuren  reden  hört. 
Allerdings  hat  zu  unserer  Zeit   der  Unsinir   grösstentheils   aufge- 


les  droits  de  la  scieuce.  —  Ce  sont  les  droits  de  l'honime  savant 
—  sur  les  malades;  mais  eile  oublit  constamment  de  parier  des  devoirs 
de  la  science  —  envers  les  malades. 

Dr.  Gallavardin,  exper.  p.  32. 

76)  Homini  eibus  utilissimus   Simplex.  Plinius.  XI,    117. 

77)  „Die  Arznei"   —   sagt  Paracelsus   —  „ist  gleich  einem  Feuerfunken, 
der  sich  gross  oder  klein  macht   nach  Menge   des  Holzes." 

78)  Der  Wahlspruch    von  unseres  Hahnemann's  Vater  war:     „Handle 
wie   du  denkst,  und  hüte  dich  vor  Verstellung." 


II.  Bueb     Aphorism  37.  129 

hört,  dessen  sich  ältere  Leute  noch  aus  ihrer  Jugendzeit 
her  erinneren,  und  worüber  in  der  Glosse  zum  Aphorism  I,  2  im 
Vorbeigehn  schon  Einiges  erwähnt  ist.  Aber  ganz  verschwun- 
den ist  er  noch  lange  nicht,  sondern  nur  in  einer  andern 
Gestalt  auf's  Neue  wieder,  und  zwar  bis  zumüebermaasse 
in  Aufnahme  gekommen,  nämlich:  durch  die  Bade-  und  Brun- 
nen-Kuren, bei  denen  zum  grossen  Theile  solche  Auslee- 
rungen und  angebliche  Reinigungen  des  Körpers  beabsich- 
tigt und  bewirkt  werden.  Die  Erfahrung  hat  uns  bei  diesen 
Gelegenheiten  zahlreiche  beklagenswert  he  Beispiele  vor 
Augen  geführt,  die  wohl  zu  beherzigen  sind.  Selten  oder  nie 
werden  durch  abführende  Mineral  -  Wässer  die  chronischen 
Obstruktionen  dauerhaft  geheilt,  und  am  allerwenigsten 
durch  solche,  welche  heftige  Ausleerungen  in  der  Erst-Wir- 
kung  herbeiführen.  Hier,  wie  bei  vielen  andern  menschlichen 
Leiden,  wo,  wenn  die  Kunst  des  Arztes  zu  Ende  und  Alles  an- 
gewendet und  versucht  ist,  was  die  Apotheken  führen,  als  letz- 
tes Hülfsmittel  noch  eine  Bade- Kur  angeordnet  wird,  hören 
wir  hintennach  immer  und  immer  wieder  dieselben  Klagen. 
Anfangs  scheint  die  Sache  vortrefflich  zu  gehen,  besonders 
dann,  wenn  der  Patient  zum  ersten  Male  ein  Mineralwasser 
braucht.  Dies  dauert  gemeinlich  bis  zum  Schlüsse  der  ersten 
Kurzeit,  wo  er  um  desto  froher  und  befriedigter  den  Badeort 
verlässt,  als  der  Brunnenarzt  ihm  noch  eine  heitere  Aussicht 
auf  die  Nachwirkung  eröffnet,  wo  sich  auch  noch  die  letzten 
Reste  seines  alten  Leidens  verlieren  würden79)  und,  wenn  das 
nicht  ganz  vollständig  der  Fall  sein  sollte,  auf  eine  nächste 
Saison  verweiset,  die  dann  durchaus  nicht  versäumt  werden 
dürfe.  Zu  Hause  angelangt  und  seiner  gewöhnlichen  Beschäfti- 
gung   und    Lebensweise    wiedergegeben,    geht    all  mahl  ig    der 


79)  Mentiri  medicum  licet! 

Ueberfiorst  Diss.  inaug.  thes. 


130  H.    Buch.     Aphorism  37. 

erlangte  und  theuer  bezahlte  Vortheil  wieder  verloren  und 
die  Jahreszeit  zum  wiederholten  Besuche  der  so  wirksam  be- 
fundenen Heilquelle  ist  kaum  abzuwarten.  In  dem  nun  aufs 
Neue  wieder  gebrauchten  Mineralwasser  findet  er  aber  nicht 
eine  gleich  wo  hl  thu  e  nd  e  Wirksamkeit,  wie  im  vorigen  Jahre, 
und  es  treten  alsdann  hier  und  da  andere  Beschwerden  als 
unerwünschte  Zugaben  hinzu,  die  allerdings  bald  vorüber 
gehen  und  vom  Brunnenarzte  als  etwas  Unerhebliches  bezeichnet 
werden.80)  Mit  weniger  Befriedigung,  als  im  vorigen  Jahre, 
aber  mit  gleicher  Vertröstung  auf  die  Nachwirkung,  und  mit 
erneuerter  Hoffnung  auf  die  nächste  Saison  reiset  der 
Patient  wieder  nach  Hause,  wo  die  verheissene  Nachwirkung  nun 
aber  ganz  ausbleibt,  das  ursprüngliche  Uebel  wieder  heran- 
wächst und  in  kurzer  Zeit  eine  Höhe  erreicht,  die  es  früher 
niemals  hatte.  Trotz  solcher  deutlichen  Warnung  der  Natur 
entschliesst  sich  der  Unglückliche  auf  ärztliches  Anrathen  nun 
zum  dritten  Besuche  der  weltberühmten  Heilquellen,  und  wird 
auf's  Neue  von  dem  wohlbekannten  und  befreundeten  Brunnen- 
arzte mit  Ausdrücken  des  Willkommens  und  der  Hoffnung 
empfangen.  Aber  statt  Besserung  geht  es  nun  von  Tage 
zu  Tage  schlechter,  die  Obstruktionen  werden  anhalten- 
der und  hartnäckiger,  die  schwachen  Nebenbeschwerden 
des  vorigen  Jahres  steigern  sich  bis  zu  unerträglichen 
Qualen,  die  Verstimmung  des  Gemüths  hält  damit  gleichen 
Schritt,  der  Patient  wird  immer  elender,  und  am  Ende  sieht 
sich  selbst  der  theilnehmende  Brunnenarzt  genöthigt,  den  fer- 
neren Gebrauch  des  nun  offenbar  schädlich  gewordenen  Was- 
sers zu  untersagen.81). 


SO)  Vielleicht  dürfte  hie  und  da  noch  gelten,  was  Lichtenherg  hei 
Hogarth's  PI.  L.  bemerkt:  —  „vom  Wahrsagen  kaun  man  wohl  noch 
hier  in  Deutschland  leben,  aher  nicht  von  Wahrheit  sagen." 

81)  Multa  renascentur,    quae  jam  cecidere,    cadentque 

Quae    nunc  sunt  in  honore.  Horatius. 


II.  Buch.     Aphorism  37.  13 i 

Dies  ist  eine  kurze  Skizze  von  dem,  leider!  nur  allzu  ge- 
wöhnlichen Erfolge  der  heutiges  Tages  an  die  Stelle  der 
ehemaligen  Abführungs  -  Kuren  so  sehr  in  Gebrauch  gekommenen 
Bade-Kuren,  welche  sehr  leicht  zu  erklären  und  zu  begreifen 
sind,  und  der  Natur  der  Sache  nach  nicht  füglich  anders  sein 
können.  Man  darf,  um  hierin  klar  zu  sehen,  nur  in  Erwägung 
ziehen,  dass  jedes  Mineral- Wasser ,  sowie  jedes  andere  Heil- 
mittel seine  bestimmten,  mehr  oder  weniger  ausgedehnten  aber 
immer  begrenzten  arzneilichen  Kräfte  besitzt.  Wenn  nun 
ein  Solches,  wie  hier  die  Absicht  ist,  gegen  chronische  Ob- 
struktionen angewendet  wird,  so  wird  es  in  der  Erst-Wir- 
kung,  als  antipathische  Arznei,  Ausleerungen  verursachen 
und  kann  nebenbei  auch  noch  einige  andere,  sowohl  Erst-  als 
Nach-Wirkungen  erregen,  aber  freilich  n  ur  Solche,  die  inner- 
halb des  Wirkungs-Kreises  dieses  Mittels  liegen.  Alles, 
was  darüber  hinaus  sich  vorfindet,  bleibt  natürlich  unberührt.  In 
soweit  also  ist  die  Wirkung  im  ersten  Jahre  oft  ziemlich 
befriedigend,  und  einige  Nebenbeschwerden,  in  sofern 
das  Mineralwasser  ihnen  homöopathisch  entspricht,  können  und 
müssen  davon  in  der  Nachwirkung  geheilt  werden.  Im 
z  weiten  Jahre  ist  also  von  diesen  letzten  Geheilten  wenig  oder 
nichts  mehr  übrig,  und  die  krankmachende  (arzneiliche)  Kraft 
des  Wassers,  wie  die  jeder  andern  Arznei,  kann  sich  nur  in 
ihrer  krankmachenden  Weise  äussern  und  muss  daher  Ne- 
benbeschwerden erzeugen,  welche  lediglich  dieser  Kraft 
zuzuschreiben  sind.  Wenn  nun  aber  im  dritten  Jahre  Dasselbe 
angewendet  wird,  so  findet  sich  vollends  gar  nichts  mehr 
von  dem  vor,  was  dadurch  geheilt  werden  kann,  sondern  die 
arzneikräftige  Substanz  kann  und  muss  um  so  ungehin- 
derter und  heftiger,  selbst  wenn  auch,  wie  gewöhnlich,  die 
Dosen  nicht  verstärkt  werden,  ihre  eige  nthümlichen  krank- 
machenden Kräfte   entfalten,    als    der  Körper    dazu    in    den 

beiden  vorhergehenden  Jahren  bereits  disponirt  und  empfäng- 

9* 


]32  n-  Buch-     Aphorism  37. 

lieh  gemacht  wurde,  und  der  immer  mächtiger  angegriffene 
Organismus  immer  mehr  die  Energie  verloren  hat,  der 
feindseligen  Potenz  entgegenzuwirken.  82) 

Aehnliche,  der  Gesundheit  nacht  heilige  Wirkungen  be- 
sitzen alle  Arzneien,  ohne  Ausnahme,  mithin  auch  sämmtliche 
andere  Abführungsmittel,  auf  den  menschlichen  Körper  und 
am  meisten  und  überall  da,  wo  sie  am  unrechten  Orte  oder 
in  allzu  starker  Gabe  angewendet  werden.  Jede  arzneiliche 
Substanz  erlangt  nämlich  nur  dadurch  dieses  Prädikat,  dass  sie 
das  Vermögen  besitzt,  in  dem  Befinden  des  Organismus  eine 
Veränderung  hervorzubringen,  und  unterscheidet  sich  da- 
durch wesentlich  von  allen  Denjenigen,  welche,  ohne  dies  zu 
thun,  lediglich  zur  Ernährung  dienen.83)  Es  giebt  und  kann 
deshalb  keine  Arznei  geben,  die,  wie  man  es  nennt,  völlig  in- 
different, und  noch  viel  weniger  Eine,  die  nicht  unbedingt 
nachtheilig  für  den  gesunden  Menschen  wäre.  Sie  muss 
also  nothwendiger  Weise  überall,  wo  die  von  ihr  veranlasste 
Befindens- Veränderung  nicht  einen  Theil  des  Organismus 
berührt,  der  krank,  mithin  deren  bedürftig  ist,  nur  Nach  theil 


82)  Hertz  führt  einen  Ausspruch  von  Wurzner  an  (Rust's  Magaz.  f. 
d.  ges.  Heilk.  XXXII.  1.  H.),  dessen  Vertretung  wir  ihnen  selbst  über- 
lassen müssen,  übrigens  theilweise  auf  Wahrheit  beruhen  dürfte:  —  ,,Dern, 
was  in  den  heiligen  Hainen  der  göttlichen  Najaden  getrieben  wird,  liegt  rein 
und  lauter  die  Sacra  auri  fames  zum  Grunde;  es  wird  ein  wahres  Corsa- 
renhandwerk getrieben,  und  alles  Treiben,  Schreiben  und  Speculiren  hat 
nur  die  Beutel  derer,  deren  man  habhaft  werden  kann,   zur  Zielscheibe." 

83)  Krankheit  und  Wirkung  der  (Arznei-)  Mittel,  beides  sind  unnatür- 
liche Zustände,  und  die  Anwendung  eines  Arzneimittels  ist  nichts  anders, 
als  die  Erregung  einer  künstlichen  Krankheit,  um  die  Natürliche  zu  heben. 
Das  sieht  man,  wenn  ein  Gesunder  Arznei  nimmt;  er  wird  allemal  dadurch 
mehr  oder  weniger  krank  gemacht.  Die  Anwendung  eines  Arzneimittels 
ist  also  an  und  für  sich  allemal  schädlich,  und  kann  bloss  dadurch  ent- 
schuldigt und  heilsam  gemacht  werden,  wenn  dadurch  ein  im  Körper  existi- 
render  krankhafter  Zustand  gehoben  wird.  —  —  Es  ist  unendlich  besser, 
in  Krankheiten  gar  keine  Arznei  nehmen,  als  solche,  die  nicht\uassend  ist. 

Hufeland,  Makrobiotik\  II,   15. 


II.  Buch.     Aphorism  37.  133 

bringen,  eben  weil  sie  das  Gesunde  verändert,  worin  im 
Wesentlichen  jede  Krankheil  besteht.84)  Man  wird  daher  leicht 
begreifen,  welch  ein  Unsinn  darin  liegt,  von  irgend  einer  Arznei, 
sie  möge  sein,  welche  sie  wolle,  zu  behaupten,  dass  sie  über- 
haupt gesund  und  zuträglich  sei,  und  wie  sehr  begründet 
die  Warnung  vieler  redlichen  und  erfahrenen  Aerzte  ist,  sich 
so  viel  als  immer  möglich  davor  zu  hüten.85)  Hierin  allein 
liegt  schon  ein  hinreichender  Grund,  selbst  da,  wo  ein  Heilmittel 
erforderlich  ist,  die  Gabe  in  keinem  Falle  stärker  zu 
machen,  als  eben  zur  Erreichung  des  Zweckes  hinreicht.  Wie 
gross  oder  wie  klein  aber  diese  Gaben  sein  dürfen  oder 
müssen,  das  ist  eine  Frage,  welche  nur  allein  durch  die. 
Erfahrung  beantwortet  werden  kann,  und  wobei  alle  theore- 
tische Spitzfindigkeit  durchaus  am  unrechten  Orte  ist.86) 

Wir  dürfen  diese  Glosse  nicht  schliessen,  ohne  noch  einige 
wenige  Worte  über  den  letzten  Aphorism  (37)  zu  sagen.  Die 
Erfahrung  bestätigt  ebenfalls  die  Richtigkeit  des  Lehrsatzes,  dass 
bei  völlig  gesunden  Menschen  die  Abführungsmittel  schwie- 
rig und  daher  nur  in  verstärkten  Gaben  zum  beabsichtigten 
Zwecke  führen.  Aber  dieselbe  Erfahrung  lehrt  noch  mehr,  näm- 
lich: dass  einmal  dieser  Ausspruch  auf  alle  antipathisch 
wirkenden  Mittel  auszudehnen  ist,   und   dass  andermal  die  zu 


84)  Ea  eat  (veneni)  natura,  ut  hominem  occidat,  nisi  invenerit,  quod  in 
homine  perimat.  Cum  eo  solo  colluctatur ,  velut  pari  intus  invento.  Sola 
haec  pugna  est,  cum  venenum  in  visceribus  reperit:  mirumque,  exitialia  per 
se  ambo  cum  sint,   duo  venena  in  homine  commoriuntur,   ut  homo  supersit. 

Plinius.  XXVII,  2. 

85)  Es  ist  meine  gewissenhafte  Ueberzeugung ,  das  Resultat  vieljäh- 
riger Beobachtung  und  ernsten  Nachdenkens,  dass,  wenn  es  auf  der  ganzen 
Erde  weder  Arzt  noch  Chirurgen,  keinen  Apotheker  und  nicht  ein  einziges 
Arzneimittel  gäbe,  es  weniger  Krankheits-  und  weniger  Sterbefälle  geben 
würde.  Dr.  James  Johnson. 

86^  Optimum  est,  aliena  insania  frui. 

Plinius.   XVIII,  6. 


134  IL  Buch.    Aphorism  38. 

Obstruktionen  mehr  oder  weniger  geneigten  Personen, 
wenn  solche  nicht  in  fehlerhafter  Lebensweise  oder  Diät  ihren 
Grund  haben,  in  der  Regel  sich  der  besten  und  dauerhaf- 
testen Gesundheit  erfreuen.  Für  diesmal  glauben  wir  es 
bei  diesen  kurzen  Andeutungen  bewenden  lassen  zu  müssen, 
werden  aber  in  der  Folge  wohl  noch  Gelegenheit  finden,  hier- 
auf wieder  zurückzukommen. 


Speisen  und  Getränke,  welche  der  Kranke  wünscht, 
wenn  sie  auch  als  weniger  zuträglich  zu  erachten  sind, 
verdienen  den  Vorzug  vor  denen ,  wogegen  er  eine 
Abneigung  hegt. 


Wir  haben  uns  die  Erlaubniss  genommen,  diesen  Aphorism, 
freilich  ohne  den  Sinn  zu  verändern,  etwas  freier  wiederzu- 
geben, als  der  ursprüngliche  Text  lautet,  weil  er  damit  noch 
mehr  in  Uebereinstimmung  kommt  mit  dem,  was  in  dem  (hippo- 
kratischen)  Buche  von  den  krankhaften  Zuständen  (tzeqI  naftwi) 
XLII,  1  gesagt  ist.  Wir  wissen  zwar  wohl,  dass  diese  Schrift 
von  Mehreren  zu  den  Unächten,  oder  mindestens  zu  den  Zweifel- 
haften gerechnet  wird;  aber  es  wird  doch  allgemein  zugegeben, 
dass  sie  vollständig  im  hippokratischen  Geiste  geschrieben,  und 
wahrscheinlich  von  einem  seiner  Schüler  verfasst  ist.  Jedenfalls 
aber  dürfte  der  Sinn  der  Richtige  sein,  und  zu  einer  nicht  un- 
wichtigen Glosse  eine  sehr  erwünschte  Gelegenheit  darbieten. 

Ohne  Zweifel  hat  jeder  Arzt  in  zahlreichen  Fällen  die  Er- 
fahrung gemacht,  dass  bei  vielen  Krankheiten  unter  den  Neben- 
beschwerden auch  Diejenigen  vorkommen,  welche  in  einer 
Abneigung  gegen,  oder  in  einem  Verlangen  nach  dieser  oder 
jener  Speise  oder  Getränke,  so  wie  in  dem  Ueb elbekommen 
von  Solchen,  die  sonst  unschädlich  sind,  bestehen.  Diese  Krank- 
heits  -  Symptome,    wofür    nur    in   den    wenigsten    Fällen    ein 


IL  Buch.    Aphorism  38.  135 

genügender  physiologischer  Grund  aufzufinden  ist,  und  die 
Notwendigkeit,  auch  ihnen  gebührende  Rechnung  zu  tragen, 
scheint  Hippokrates  vorzugsweise  bei  dem  vorstehenden  Lehr- 
satze im  Auge  gehabt  zu  haben.87) 

Die  Homöopathie  legt  auf  alle  diese  drei  verschiedenen 
Momente  ein  grosses  Gewicht  und  bestrebt  sich  immermehr, 
die  darüber  bereits  in  bedeutendem  Umfange  gesammelten  Er- 
fahrungen zu  vermehren.  Die  oft  sehr  überraschenden  Eigen- 
thümlichkeiten,  welche  dabei  vorkommen,  sind  jederzeit  von  gros- 
sem, oft  von  unersetzlichem  Werthe,  namentlich  da,  wo  das 
Krankheitsbild  übrigens  sehr  arm  ist  an  absonderlichen  und  charak- 
teristischen Zeichen.  Hier  trifft  es  sich  nicht  selten,  dass  ein 
Zeichen  dieser  Art  hinreicht,  um  die  Wahl,  die  zwischen  mehreren 


87)  Vom  materialistischen  Gesichtspunkte  aus  betrachtet  ist  dasjenige, 
was  wir  unter  dem  Ausdrucke:  Instinkt  verstehen,  eine  Erscheinung  in 
der  lebendigen  Natur,  welche  zu  den  absolut  Unerklärlichen  gehört.  Wenn 
man  auch  Alles  bezweifeln  und  leugnen  will,  was  man  über  Heil-  und 
Schutz-Mittel  von  glaubwürdigen  Männern  versichern  hört,  welche  von  ver- 
schiedenen Thieren  augewendet  werden  sollen:  so  bleibt  doch  fast  Allen 
von  diesen  unleugbar  die  Fähigkeit,  unter  ihren  Genüssen  eine  gewisse 
Auswahl  zu  treffen ,  wie  sie  die  Zuträglichkeit  für  jede  individuelle  Thier- 
art  bedingt.  Am  Auffallendsten  ist  dies  bei  den  pflanzenfressenden  Thieren, 
welche  dabei  nicht  nur  sehr  wählerisch  sind,  sondern  von  denen  auch  jede 
besondere  Gattung,  ohne  sich  zu  irren,  unter  Tausenden  von  Gewächsen 
Diejenigen  erkennt,  die  ihr  nutzen  oder  schaden.  Wir  erinnern  z.  B.  bloss 
an  die  Eaupen.  Nicht  minder  merkwürdig  ist  dabei  noch,  dass  eben  dieser 
Instinkt  bei  solchen  Thieren  am  entschiedensten  und  untrüglichsten  sich 
geltend  macht,  je  mehr  sie  im  ursprünglichen  Naturzustande  leben,  während 
gezähmte  Thiere  (wie  unsere  Hausthiere)  um  so  leichter  dabei  ein  Versehen 
machen,  je  höher  sie  veredelt  und  ihrer  Natur  entfremdet  sind.  Am  merk- 
würdigsten von  Allem  möchte  aber  das  sein,  dass  sich  diese,  gleichsam 
intellektuellen  Fähigkeiten  eben  so,  wie  manche  Fehler,  auf  die  Nachkom- 
menschaft fortpflanzen.  Darin  liegt  am  Auffallendsten  der  Unterschied  zwi- 
schen organisch-lebenden  und  unorganisch-todten  Wesen,  bei  deren  Letztern 
jede  Gattungsfortpflanzung,  nebst  ihrem  Instinkte,  wegfällt,  weil  das  höhere 
Geistige  fehlt,  welches  allein  ihren  Rang  in  der  Reihe  des  Erschaffenen 
über  die  blosse  Materie  zu  erheben  im  Stande  ist.  Wenn  irgendwo,  so 
erkennt  man  hier  deutlich  das   Siegel   des  göttlichen  Schöpfers. 


J36  n-  Buch-     Aphorism  38. 

Mitteln  schwankte,  zu  bestimmen,  und  es  ist  ein  äusserst 
seltener  Fall,  dass  dadurch  ein  erheblicher  Missgriff  herbeige- 
führt wird.  Wir  kennen  die  Mittel,  die  angezeigt  sind,  wenn 
unter  Anderem  ein  entschiedener  Widerwillen  gegen  einige 
Genüsse  vorkommt,  die  sonst  nichts  Schädliches  an  sich  haben, 
wie  z.  B.  gegen  hartgesottene  Eier  (Bry.),  Schaaf fleisch 
(Calc),  Sauerkraut  (Hell.),  Käse  (Oleand.),  Hering  (Phosph.), 
Rindfleisch  (Merc),  und  dergl.  mehr,  und  nehmen  dies  jeder- 
zeit, wo  es  vorhanden  ist,  als  eine  wohl  zu  beachtende  Indi- 
kation für  das  betreffende  Mittel  an.  Eben  so  verhält  es  sich 
mit  den  Dingen,  wonach  der  Kranke  ein  entschiedenes  Verlan- 
gen äussert,  wie  z.  B.  nach  Austern  (Lach.),  nach  Geräu- 
chertem (Caust.),  nach  Honig  (Sabad.),  nach  Käse  (Ignat.), 
nach  trocknen  Semmeln  (Aur.),  und  vielen  Andern,  wofür 
es  mehr  oder  weniger  dafür  angezeigte  Mittel  giebt.  Auch  dies 
wird  von  uns  sorgfältig  berücksichtigt,  und  erlangt  dann  eine 
noch  grössere  Wichtigkeit,  wenn,  wie  z.  B.  bei  Süssem  oder 
Saurem,  bei  Kaltem  oder  Warmem  u.  s.  w.  solche  Abnei- 
gungen und  Verlangen  sich  nach  beiden  Seiten  hin  aus- 
sprechen. 88) 

Von  nicht  minderer  Erheblichkeit  sind  unsere  Erfahrungen 
über  die  Genüsse  in  Speisen  und  Getränken,  in  so  fern  sie, 
ohne  eben  zu  den  an  sich  Schädlichen  und  daher  Verbo- 
tenen zu  gehören,  von  einigen  Patienten  nicht  gut  vertra- 
gen werden.  Die  Zahl  dieser,  durch  die  Arznei-Prüfungen  am 
Gesunden  und  durch  Beobachtungen  am  Krankenbette  ermittelten 
Zeichen  ist  noch  weit  grösser,  als  die  der  beiden  Vorherer- 
wähnten, und  kommen  daher  noch  öfterer  zur  Anwendung.  Aber 
auch  hier  treffen  wir   wieder   auf  manches  Eigenthüm liehe, 


88)  Nach  einer  früheren  Erfahrung  Hahnemann's  (Anm.  im  I.  Bande 
S.  266.  in  dessen  Cullens  Materia  medica)  ist  der  ausschliessliche  Genuss 
von  reifem  Obste  äusserst  nützlich,  um  nach  einem  Aerger  dem  Gallen- 
fieber vorzubeugen.     (Vergl.  damit  a.  a.  O.    dessen  Anm.  auf  S.  269.) 


II.  Buch.    Aphorism  38.  137 

was  jeder  chemisch-physiologischen  Erklärung  spottet.89) 
Dahin  gehören,  um  nur  einige  Beispiele  zu  geben,  die  Nachtheile 
von  Buttermilch  (Puls.),  von  Erdbeeren  (Sep.),  von  Gur- 
ken (Ac.  sulph.),  von  Eier- und  Schweinefleisch-Geruch 
(Colch.),  von  K äffe eg er uch  (weit  mehr  als  von  Kaffeetrank) 
(Ac.  sulph.),  von  Honig  (Natr.  carb.) ,  von  Heringen,  Pfir- 
sichen und  Melonen  (Ac.  fluor.),  von  Limonade  (Selen.), 
und  viele  Andere  dergleichen.90).  Eben  so  gewinnt  auch  hier, 
wie  früher  angedeutet,  eine  solche  Anzeige  an  Wichtigkeit 
und  Zuverlässigkeit,  wenn  dieser  Nachtheil  mit  der  Ab- 
neigung gegen  eine  und  dieselbe  Speise  oder  Getränk  zu- 
sammentrifft. 

Die  Allopathie  entbehrt  durch  die  fast  völlige  Unken nt- 
niss  dieser  speziellen  Zeichen  eins  der  wichtigsten  Prü- 
fungsmittel  hinsichtlich  der  getroffenen  Arznei-Wahl,  wofür 
nichts  Anderes  in  ihrer  Doktrin  auch  nur  den  mindesten  Ersatz 
bietet.  Aber  auch  ausserdem  stehen  manche  Aerzte  dieser 
Schule  in  Bezug  auf  diesen  Aphorism  mit  dem  erfahrungsreichen 
Hippokrates  im  offenen  Widerspruche,  und  zwar  in  zwei- 
facher Weise.  Die  Einen  nämlich  verordnen  ihren  Kranken 
nicht  nur  die  widerwärtigsten  Arzneien,91)  sondern  daneben 


89)  Wenn  man  chemische  Wirkungen  den  Dynamischen  als  Gegen- 
sätze einander  gegenüber  stellt.:  so  lässt  sich  nicht  füglich  begreifen,  was 
man  unter  den  Chemisch-Dynamischen  verstehen  soll,  —  einem  Aus- 
drucke, dem  man  heutiges  Tages  oft  begegnet. 

90)  Auffallend  und  wohl  der  Nachprüfung  werth  ist  die  Angabe  des 
Celsus  (V,  27),  wonach  giftige  Schwämme  alle  gefährlichen  Eigenschaf- 
ten verlieren  sollen,  wenn  sie  entweder  mit  Oel  oder  mit  einem  Reise 
von  einem  Birnbäume  gekocht  werden. 

Es  wäre  leicht  zu  versuchen,  ob  Plinius  (XXIV,  1)  Recht  hat,  wenn 
er  sagt:  „Vermittelst  des  Linden-Bastes  (Phylira)  und  des  feinen  Mehls 
entsalzen  die  Köche  die  Speisen,  so  wie  sie  durch  Salz  die  ekelhafte  Süs- 
sigkeit  derselben  vermindern." 

91)  Wenn  die  Homöopathiker  wirklich  das  Geheimniss  besässen,  stark- 
wirkende Mittel  dem  Geschmacksinn  der  Patienten  und  der  Wahrnehmung 
der  Umgebung  zu  verbergen,    so    wäre    schon    dieses    Kunststückchen  viel 


138  IL  Buch-     Aphorism  38. 

auch,  mit  Vor  enthaltung  alles  dessen,  was  sie  oft  so  dringend 
wünschen,  Speisen  und  Getränke,  vor  denen  sie  einen  wahren 
Abscheu  haben.  Die  Andern  gehen  zu  dem  entgegenge- 
setzten Extreme  über  und  erlauben  (aus  Gefälligkeit?)  ihren 
Patienten  Allerlei,  ja  selbst  Arzneiliches,  was,  wenn  es  auch 
keinen  unmittelbaren  Schaden  thut.  mindestens  doch  die  Wir- 
kung der  gereichten  Arznei  stören  und  beeinträchtigen 
muss.  Jene  lassen  z.  B.  den,  für  Viele  so  widerwärtigen  Le- 
berthran  herunterwürgen,  und  verordnen  sofort  eine  Wieder- 
holung der  Dosis,  wenn  die  Erste  ausgebrochen  wird;  Diese 
gestatten  nicht  nur  gewürzte  Co  n  dito  rei-Lecker  bissen,  son- 
dern selbst  den  Beigebrauch  von  allerlei  arzneilichen  Tropfen, 
Theeaufgüssen,  Räucherungen  u.  dergl.  Zu  solchen  Ex- 
tremen kann  natürlich  nur  Derjenige  verleitet  werden,  dem  es 
an  der  nöthigen  Einsicht  in  die  unwandelbaren  Gesetze  der 
Natur  mangelt  und  noch  zu  wenig  Erfahrung  besitzt,  um  die 
Nachtheile  eines  derartig  willkürlichen  und  unverständigen  Ver- 
fahrens in  seinem  vollen  Umfange  zu  erkennen.  Daher  sehen 
wir  auch,  wie  fast  alle  in  der  Praxis  ergrauten  Aerzte  am 
Ende  ihrer  dornenvollen  Laufbahn  nicht  nur  immer  wenigere 
und  schwächere  Arzneien  verordnen,  sondern  stets  bemüht 
sind,  sich  sorgfältig  in  gemessener  Entfernung  von  jenen  beiden 
Extremen  zu  halten,  wovon  das  Eine  so  schlimm  ist,  als  das 
Andere.92) 


werth  für  manchen  AUopathiker ,  dessen  schlechte  Gerichte  der  Kranke 
oft  gar  nicht  hinunterschlucken  kann,  und  sie  würden  gern  diesen  frommen 
Betrug  anborgen.  Aber  wir  gestehen  es  offenherzig,  solche  Hexenmeister 
sind  wir  nicht.  Eummel,  A.   Hom.  Z.  V,   11. 

92)  Si  tibi  deficiant  Medici,  Mcdici  tibi  flaut 

Haec  tria:  mens  hilaris,  requies  moderata,  diaeta! 

Die    Geschichte    (der    Verirrungen   in)    der  Medizin     hat    uns  aus  der 
Periode    der    chemiatrischen   Schule   (17.   Jahrhundert)  Kegel    zur  Verlange- 


II.  Buch.     Aphorism  39.  139 

39.  Aeltere  Leute  sind  gewöhnlich  wenigeren  Krankheiten 
unterworfen,  als  Jüngere-,  wenn  sie  aber  von  einer 
langwierigen  Krankheit  befallen  werden,  so  dauert 
Solche  bis  an  das  Ende  ihres  Lebens. 


Sowohl  Grimm,  als  andere  Uebersetzer  haben  hier  in 
Bezug  auf  den  letzten  Theil  dieses  Aphorisms  offenbar  den  eigent- 
lichen Sinn  verfehlt,  indem  der  Ausdruck:  %vva%o&vr\6Knv  keines- 
wegs daran-  sondern  vielmehr  damit-sterben  bedeutet. 
Hippokrates  hat  ohne  Zweifel  hier  ein  Paar  der  auffallendsten 
Verschiedenheiten  zwischen  akuten  und  chronischen 
Krankheiten  aufstellen  wollen,  wie  Solche  in  der  damaligen,  aber 
auch  noch  heule  in  unserer  Erfahrung  gefunden  werden.  Er 
sagt  nämlich,  dass  das  jugendliche  Alter  zahlreicheren  und 
öfteren  (akuten)  Krankheiten  unterworfen  sei ,  als  das  spätere 
männliche  und  Greisen-Alt er,  ein  Ausspruch,  wogegen  in 
der  Wirklichkeit  wohl  nichts  einzuwenden  sein  dürfte,  indem  die 
Erfahrungen  und  namentlich  die  Kranken-  und  Sterbe-Listen  ganz 
damit  übereinstimmen.  Diese  häufigeren  Erkrankungen  der 
Jugend  betreffen  aber  grösstentheils  nur  akute  Krankheiten, 
im  Gegensätze  zu  welchen  Hippokrates  in  diesem  Lehrsatze 
die  Chronischen  als  solche  bezeichnet,  die  niemals  (von  der 
Natur  allein)  geheilt  werden,  sondern  den  damit  Behafteten  bis 
zum  letzten  Athemzuge  begleiten.  Dieser,  in  solcher 
Weise  scharf  ausgeprägte  Gegensatz  und  Unterschied  zwi- 
schen den  akuten  und  chronischen  Krankheiten  war  mithin 
bereits  dem  Altvater  der  Medizin  sehr  wohl  bekannt,  und  wenn 
er  sie  hier  für  unheilbar  erklärt,  so  spricht  er  nur  die  kon- 
stante Erfahrung  früherer  und  späterer  Zeiten  aus,  bis  unser 


rung  des  Lebens  (von  Bontekoe)  aufbewahrt,  welche  diese  Schule  charak- 
terisirt.  Sie  lauten:  „Rauche  unaufhörlich  Tabak  (um  den  Kreislauf  des 
Bluts  zu  befördern),  trinke  beständig  Thee  (um  dieses  zu  verdünnen),  oder 
im  Nothfalle  Kaffee,  und  bediene  dich  des  Opiums,  so  oft  dir  etwas  fehlt!'' 


140  H-    Buch-     Aphorism  39. 

Hahnemann  den  Weg  zur  Heilung  derselben,  ebenfalls  vermöge 
des  Naturgesetzes:  Similia  similibus,  entdeckte  und  lehrte,  und 
uns  dadurch  in  den  Stand  setzte,  auch  in  solchen  bisher  hoff- 
nungslosen Leiden  Hülfe  und  Rettung,  oder  wenigstens  Lin- 
derung zu  bringen.93)  Welche  Studien  und  Beobachtun- 
gen dazu  erforderlich  waren,  können  wir  im  ersten  Bande  seines 
unschätzbaren  Werkes  „über  die  chronischen  Krankheiten" 
lesen,  aber  ebenso  aus  der  Geschichte  der  Homöopathie  lernen, 
wie  man,  obgleich  vergeblich,  bemüht  gewesen  ist,  diese  uner- 
messliche  Wohlthat  für  die  leidende  Menschheit  zu  bemäkeln 
und  zu  verkleinern,  indem  selbst  einige  Anhänger  und 
Ausbeuter  seiner  Lehre  ihren  Witz  angestrengt  haben,  um  das 
alte  Sprüchwort  auch  unter  uns  wieder  wahr  zu  machen:  men- 
dicus  mendicum  non  magis  odit,  quam  medicus  me- 
dicum!"94)  Diese  benutzen  zwar  fortwährend  die  Entdeckun- 
gen unseres  Hahnemann,  und  würden  dabei  noch  glänzendere 
Erfolge  erzielen,  wenn  sie  sich  in  Hinsicht  der  Kleinheit  der 
Gaben  und  des  ungestörten  Wirkenlassens  derselben,  wie 
es  bei  chronischen  Krankheiten  am  unerlässlichsten  ist, 
noch  strenger  an  diese  Lehren  hielten.  Aber  sie  greifen  ihn 
von  einer  Seite  an,  die  mit  der  Praxis  im  Wesentlichen  wenig 
zu  thun  hat,  und  wo,  wie  sie  glauben,  ihre  Meinung  eben  so 
viel  gilt,  als  die  des  Meisters,  und  gehen  in  ihrer  Blödsichtig- 


93)  Ehe  eine  Generation  ausstirbt,  werden  wir  uns  alle  um  Hahnemann 
schaaren  und  uns,  mit  Ausnahme  einiger  Dissidenten ,  über  die  doppelt 
reformatorische  Grundlage  der  therapeutischen  Lehre  Hahnemanns  verstän- 
digt haben.  t  Prof.   Dr.  Imbert-Gownbeyce. 

94)  Personne  jusqu'ici  n'a  essaye  de  prouver  que  la  theorie  de  la  psore 
repugne  k  la  raison  ou  h  l'experience.  Or,  quelque  nombreuses  que  puis- 
sent  etre  les  antipathies  soulevees  contre  l'etiologie  des  maladies  chroniques, 
teile  que  Hahnemann  l'a  enseignee,  il  n'a  rieu  a  redouter  de  ses  adversaires, 
tant  qu'ils  n'auront  pas  eleve  un  edifice  plus  solide  et  plus  regulier  au 
lieu  et  place  de  l'edifice  qu'ils  veulent  detruire. 

Leon   Simon,   exposition  p.  325. 


II  Buch.     Aphorism   40.  141 

keit  so  weit,  dass  sie,  wie  bei  den  berüchtigten  Krätz- 
Milben,  das  Produkt  mit  der  Ursache  verwechseln.95)  Es 
ist  in  der  That  Schade,  dass  diese  tiefsinnigen  Naturforscher  mit 
der  Phthiriasis96)  nicht  eben  so  leicht  fertig  werden  können, 
als  mit  der  Milben- Scabies. 9r)  —  Aber  genug,  vielleicht 
schon  zu  viel  Worte  über  einen  Gegenstand,  zu  dessen  genügender 
Erörterung  hier  der  passende  Ort  nicht  sein  kann! 


40.     Heiserkeit  und  Schnupfen   kommen   bei  Greisen  nicht 
zur  Kochung'. 


Wie  in  jüngeren  Jahren,  wo  sich  die  Lebenskraft  noch 
ihrer  vollen  Energie  erfreut,  die  akuten,  entzündlichen 
Krankheiten  durch  Ueberthätigkeit  derselben  oft  eine  gefahr- 
drohende Höhe  erreichen:  so  tritt  im  höheren  Alter,  eben  we- 
gen der  mehr  abgeschwächten  Lebenskraft,  gerade  das  Ge  gen- 
theil ein.  In  Jenen  kommt  daher  ein  massiges  Katarrhal- 
Fieber  mit  Schnupfen  und  Heiserkeit,  auch  ohne  alle  Arznei, 
meistens  sehr  bald  zur  Kochung ,  und  damit  zur  Entscheidung 
und  Beendigung,  und  wenn  dabei  arzneilich  eingeschritten  werden 
muss:  so  verlangt  dies  in  der  Regel  nur  die  allzu  heftige 
Thätigkeit    der    Lebenskraft,    die    manchmal    entzündliche 


95)  Die  Entdeckung  der  Krätz-Milbe  gehört  nicht  der  neueren  Zeit  an, 
Schon  vor  650  Jahren  erwähnte  ihrer  nicht  nur  der  arabische  Arzt  Aben- 
zohr,  sondern  selbst  der  gemeine  Mann  kannte  sie  unter  dem  Namen:  „Sy- 
rones".  Auch  Fabricius,  in  seiner  Fauna  groenlandia,  rühmt  die  Geschick- 
lichkeit der  dortigen  Einwohner,  dieses  Thierchen  mit  der  Nadelspitze  auf- 
zusuchen und  zu  entfernen. 

96)  Genus  quoque  vitii  est,  qui  inter  pilos  palpebrarum  pediculi  nas- 
cuntur:  y&siQiciGiv  Graeci  nominant.  Quod  cum  ex  malo  corporis  habitu 
fiat,  raro  non  ultra  procedit.  Celsus  VI,  6.   15. 

97)  Die  Ritter  von  der  Krätz-Milbe  sind  uns  bis  jetzt  noch  den  Be- 
weis schuldig  geblieben,  dass  dieses  Thier  schon  vor  dem  Ausbruche  der 
Krätzbläscheu.  ja  selbst  nur  ganz  zu  Anfange  derselben  vorhanden  sei. 


142  H.  Buch.     Aphorism    40. 

Fieber  mit  ihrem  bösen  Anbange  zu  Wege  bringt.  Im  höheren 
und  höchsten  Lebensalter  tritt  der  entgegengesetzte  Fall 
ein.  Eben  wegen  der  verminderten  Lebensthätigkeit  ist  die  Reak- 
tion schwach  und  oft  ungenügend  und  die  Kochung,  welche 
die  Entscheidung  herbeiführen  muss,  verzögert  sich.  Man  würde 
deshalb  einen  grossen  Fehler  begehen,  wenn  man  hier  aus  dem 
Grunde,  weil  vom  Fieber  wenig  zu  spüren  ist,  den  unthätigen 
Zuschauer  abgeben,  und  wo  es  die  Noth  oder  Zweckmässigkeit 
erfordert,  die  Reaktion  der  Lebensthätigkeit  in  ihrem  Schlum- 
mer verharren  lassen  wollte.  Wir  sehen  es  häufig,  dass  bejahrte 
Personen  ,  die  sich  fortwährend  einer  befriedigenden  Gesundheit 
zu  erfreuen  hatten,  plötzlich  nach  einer  einfachen,  oft  uner- 
heblichen Erkältung  erkranken  und  von  Tage  zu  Tage 
elender  werden,  weil  der  ursprüngliche  Katarrh  nicht  zur  Reife 
und  Entscheidung  kommen  will  und  die  Kräfte  dabei  immer  mehr 
abnehmen.98)  Die  Salmiak-  und  ähnliche  Mittel  genügen 
da  nicht;  aber  die  den  begleitenden  Zeichen  vollständig  ent- 
sprechenden homöopathischen  Arzneien,  besonders  wenn 
sie  gleich  zu  Anfange  gereicht  werden,  beseitigen  jedes  Mal  in 
wenigen  Tagen  alle  Gefahr  und  alle  Beschwerden,  weil  sie  der 
Lebenskraft  zu  Hülfe  kommen,  die  Reaktion  zur  erforder- 
lichen Stärke  bringen,  und  so  die  Entscheidung  beschleu- 
nigen. Unter  diesen  Fällen  kommen  auch  fast  einzig  und  allein 
diejenigen  vor,  wo  man  mit  Vortheil  die  Gaben  wiederholen 
darf,  bis  die  Wirkung  deutlich  erkennbar  wird,  was  unter  den 
meisten  andern  Umständen  die  Heilung  nur  verzögern  würde. 
Aus  demselben  Grunde  ist  auch  das  sogenannte  antiphlogi- 
stische Verfahren  der  Allopathie  niemals  übler  angebracht 
und  so  häufig  verderblich,   als  eben  hier.99). 


98)  A  Fan  soixante  et  douxe 

Temps  est  que  l'on  se  houze. 

Altfranzösisches  Sprüchwort, 
yyj   Statt    vieler    andern    Beispiele    lese    man    in    Dr,    W.    Stens    „die 


II.    Buch.     Aphorism  41.  143 

41.  Diejenigen,  Avelche  ohne  sichtbare  Veranlassung  öftere 
und  starke  Anfälle  von  Ohnmacht  bekommen,  sterben 
meistens  unerwartet. 


Man  darf  es  bei  der  niederen  Stufe,  worauf  zu  den  Zeiten 
des  Hippokrates  die  Anatomie  stand,  diesem  nicht  zum  Vorwurfe 
anrechnen,  dass  er  nicht  wusste,  wie  dergleichen  Ohnmächten, 
wovon  hier  die  Rede  ist,  meistens  von  organischen  Fehlern 
des  Herzens  oder  der  grossen  Blutgefässe  in  der  Nähe 
desselben  abhängig  sind.  Wohl  aber  mag  hier  in  Erinnerung 
gebracht  werden,  dass  durch  Anwendung  von  heftigen  antipa- 
thischen  Mitteln,  besonders  gegen  das  oft  vorkommende  Herz- 
klopfen, solche  Fehler,  sowohl  Aneurismen  als  Verknö- 
cherungen,  häufig  veranlasst,  oder  doch  mindestens  sehr  be- 
fördert werden.  Am  öftersten  haben  wir  Solche  nach  dem 
anhaltenden  Gebrauche  der  heutiges  Tages  bei  jedem  Herzklopfen, 
e ben  ihrer  bald  eintretenden  antipathischenErst-Wirkung 
wegen  so  täuschend  -  verführerischen  und  daher  so  beliebten 
Digitalis  purpurea  gesehen,  deren  Gaben  oft  alles  Maass 
übersteigen.100)  Es  ist  daher  wohl  nicht  überflüssig,  dem  an- 
gehenden, in  seinem  Rufe  noch  nicht  befestigten  Homöopathen 
den  schon  vor  27  Jahren  (in  des  Herausgebers  Repertorium  der 
antipsorischen  Arzneien,  2.  Aufl.  S.  XXXV)  gegebenen  Rath  zu 
wiederholen,  die  Behandlung  dieser  Art  von  Patienten,  „die  es 
auch  mal   mit   der  Homöopathie    versuchen  wollen",    abzulehnen 


Therapie  unserer  Zeit"  (im  4,  Briefe)  den  Tod  des  Obermedizinalrathes 
Dr.  Grossi  zu  München.  Man  zapfte  dem  Unglücklichen  99  Unzen  Blut 
ab,  die  Massen  Blutegel  ungerechnet,  bis  er  an  Blutmangel  starb.  Die 
Sektion  zeigte  die  Lunge  vollkommen  gesund.  Die  berühmtesten  Allopa- 
then hatten  eine  Lungenentzündung  diagnostizirt. 

100)  Wenn  beim  Gebrauche  der  Digitalis  purpurea  der  langsame  Puls 
eben  so  lange  anhält ,  als  die  Uebelkeit  und  die  Vermehrung  des  Harns  : 
so  scheinen  doch  wohl  diese  Alle  zu  der  Erst-,  .nicht  zu  der  Nach-Wirkung 
zu  gehören. 


144  *!•  Buch.    Aphorisni  42. 

und  auf  eine  nicht  verletzende  Weise  an  ihren  früheren  Arzt 
zurück  zu  verweisen.  Selten  oder  nie  ist  mit  Diesen  Ehre 
einzulegen ,  sondern  im  Gegentheile  zeigt  meistens  der  Erfolg, 
dass  auch  die  scheinbar  passendsten  Mittel  des  organischen 
Fehlers  wegen  ohne  Erfolg  bleiben  und  der  nicht  unwahr- 
scheinliche plötzliche  Tod  dann  nur  Ihm  und  der  Homöo- 
pathie aufgebürdet  wird.  —  Die  Ohnmächten  nach  Säfte- 
verlusten, körperlichen  Verletzungen,  sowie  die  der 
Hysterischen  und  Sonstige  der  Art  gehören  nicht  hierher, 
weil  die  Veranlassungen  bekannt  sind  und  wohl  nie  für  sich 
einen  plötzlichen  Tod  herbeiführen. 


42.    Die  Heilung   eines   heftigen   Schlaganfalls   ist   unmög- 
lich, die  eines  Gelinden  nicht  leicht. 


Die  heftigeren  Schlaganfälle  sind  meistens  in  kurzer 
Zeit  tödtlich,  und  der  Patient  ist  oft  schon  verschieden,  wenn  der 
herbeigerufene  Arzt  erscheint.  Hier  ist  also  für  diesen  Nichts 
mehr  zu  machen.  Lebt  der  Kranke  indessen  noch,  so  wird 
natürlich  die  Rettung  zu  versuchen  sein,  aber  der  erfahrene 
Homöopath  wird  sich  dabei  wohl  hüten,  zur  Ader  zu  lassen, 
und  namentlich  dann,  wenn  die  Pupillen  des  Patienten  beim 
Oeffnen  der  Augenlider  sich  sehr  verengert  zeigen.1)  Dagegen 
wird  er  schleunigst  in  homöopathischer  Dosis  Opium  reichen, 
wenn  der  Puls  langsam  und  voll  schlägt  und  das  Gesicht 
sehr  geröthet  ist,  oder  Lach.,  wenn  der  Puls  schwach  und 
klein,  und  das  Gesicht  bläulich  blass  ist.     Die    sonstigen 


1)  Depuis  notre  abandon  des  vieilles  doctrines,  nous  avions  toujoura 
espere  que  la  seignee  serait  un  jour  consideree  par  la  loi  civile,  comme  une 
tentative  d'asassinat,  et  punie  en  cousequense. 

Dr.  Taxil,  l'homoion.  I,  .11.  246. 


II.  Buch.     Aphorism  43.  145 

hiernach  zur  Anwendung  kommenden  Mittel  müssen  nach  den 
anamnestischen  oder  vorhandenen  Zeichen  gewählt  werden  ; 
was  wir  hier  aber  übergehen  müssen. 

Die  gelinderen  Schlaganfälle  können  ebenfalls  nicht  nach 
einem  und  demselben  Leisten  behandelt  werden.  Aber  auch  hier 
ist  der  Ad  erlas  s,  und  vielleicht  noch  mehr,  als  beim  Vorigen, 
am  unrechten  Orte,  weil  gewöhnlich  eine,  oft  halbseitige 
Lähmung  zurückbleibt,  welche  nach  einer  Blutentziehung, 
besonders  am  gelähmten  Theile,  jederzeit  viel  schwieriger  und 
zuweilen  unmöglich  zu  heilen  ist.  Meistens  wird  in  diesen  Fällen 
wegen  eines  sehr  gereizten  Pulses  zuerst  Acon.  gegeben 
werden  müssen;  sonst  Op.  oder  Lach.,  je  nach  den  oben  ange- 
führten Anzeigen.  Die  Lähmungen,  die  erst  nach  der  Rück- 
kehr der  Besinnung  wahrzunehmen  sind,  weichen  in  den  meisten 
Fällen  und  oft  in  kurzer  Zeit  der  Anwendung  von  Cocc.  (nicht 
Coleb.,  wie  ein  allopathischer  Freibeuter  irrthümlich 
abgeschrieben  hat),  oder  von  Arn.,  ebenfalls  je  nach  den 
Zeichen;  obgleich  auch  hier  noch  mehrere  andere  Mittel  kon- 
kurriren. 

Von  grosser  Wichtigkeit  ist  die  prophylaktische  Be- 
handlung derjenigen  Personen,  deren  Habitus  apoplecticus,  be- 
sonders bei  Zeitumständen,  wo  solche  Zufälle  häufiger  eintreten, 
einen  Schlag  befürchten  lässt.  Aber  meistens  fühlen  sich  diese 
so  wohl,  dass  sie  davon  Nichts  hören,  noch  weniger  sich  der 
dabei  unerlässlichen  Diät  unterziehen  wollen;  wobei  dann  der 
Arzt  sie  ihrem  Schicksale  überlassen  muss. 


43.  Erhängte  oder  Ertrunkene,  die  noch  nicht  ganz  todt 
sind,  kommen  nicht  wieder  zu  sich,  wenn  ihnen  Schaum 
vor  dem  Munde  steht. 


10 


J4ß  H-  Buch.     Aphorism  44.  45. 

Wir  bekennen  gern,  in  dieser  Beziehung  keine  nennens- 
vverthen  Erfahrungen  gemacht  zu  haben.  Bei  zweien  Fällen 
dieser  Art,  wo  Schaum  vor  dem  Munde  stand,  waren  alle  Wieder- 
belebungsversuche vergeblich.  Andere  wollen  günstigere  Erfolge 
gesehen  haben,  selbst  bei  den  bezeichneten  hoffnungslosen  Um- 
ständen. 


44.     Von  Natur   fette  Leute    sind   mehr   als  Magere   einem 
plötzlichen  Tode  ausgesetzt. 


Eine  von  Celsus  (II,  1)  ebenfalls  angeführte  und  auch  heute 
noch  sich  oft  bestätigende  Erfahrung,  die  in  der  That  der  Natur 
der  Sache  entspricht  und  den  Beweis  liefert,  dass  man  sich 
wohl  hüten  muss,  Wohlbeleibtheit  mit  Gesundheit  zu 
verwechseln.  Nicht  nur  bei  akuten  Krankheiten  sind  fette 
Menschen  unter  sonst  gleichen  Umständen  einer  grösseren  Gefahr 
ausgesetzt,  als  Magere,  sondern  auch  in  chronischen  Leiden 
ist  die  Energie  der  Lebenskraft  bei  Jenen  viel  schwächer, 
als  bei  Diesen,  so  dass  die  Entscheidung  und  Heilung  viel  längere 
Zeit  erfordert. 


45.  Zunahme  des  Alters,  und  Veränderungen  des  Wohn- 
orts und  der  Lebensweise  befreien  unerwachsene  Fall- 
süchtige am  Leichtesten  von  ihrer  Krankheit. 


Was  hier    von   Fallsüchtigen2)    gesagt   und    durch    die 
Erfahrung  bestätigt  ist,    das    gilt   auch  heute  noch,  wie  damals, 


2)  Die  schnelle  Beschwichtigung  der  Fallsucht-Anfälle  durch  Bedeckung 
des  Gesichts  mit  einem  schwarz  seidenen  Tuche,  die  in  neuerer  Zeit 
entdeckt  und  vielfach  erprobt  ist,  erinnert  au  das  alte,  in  des  Hippokra- 
tes  Schrift  von  der  „heiligen  Krankheit"  erwähnte  Verbot  für  Fallsüchtige, 
schwarze  Kleidung   zu  tragen. 


II.  Buch.     Aphorism  45.  14.7 

und  erstreckt  sich  gleichfalls  über  einige  andere  Krankheiten, 
wie  z.  ß.  einige  Arten  von  Wechselfiebern,  Keuchhusten 
u.  a.,  wobei  die  Allopathie  oft  rath-  und  hülflos  dasteht,  und 
welche  deshalb  von  ihren  eigenen  Anhängern  mit  dem  Namen : 
scandala  m e d i c o r u m  bezeichnet  werden. 3)  Bei  den  Homöo- 
pathen  steht  die  Fallsucht  überhaupt  nicht  mehr  unter  der 
Zahl  der  unheilbaren,  wenn  gleich  oft  schwer  zu  heilenden 
Krankheiten,  und  dies  Letzte  betrifft  vorzugsweise  nur  diejenigen 
Fälle,  wo  das  Uebel  lange  gedauert  hat,  vielerlei  bereits 
angewendet  und  Mangel  an  den  nöthigen  charakteristischen 
Nebensymptomen  vorhanden  ist.  Uebrigens  wird  jeder  Ho- 
möopath vermittelst  seiner  Journale  eine  ansehnliche  Menge  von 
dauerhaft  geheilten  Fallsüchtigen  nachweisen  können,  selbst  von 
Solchen,  welche  erst  im  mannbaren  Alter  davon  befallen 
und  deshalb  um  desto  Unheilbarer  erachtet  wurden.  Darin 
eben  hegt  ein  Hauptvortheil  der  Homöopathie,  dass  sie  that- 
sächlich  Krankheiten  heilt,  von  denen  das  eigentliche  Wesen 
unbekannt  ist  und  wohl  unbekannt  bleiben  wird,  indem  sie# 
sich  damit  begnügt,  das  sorgfältig  in  ihrer  ganzen  sichtba- 
ren Figenthümlichk  eit  ermittelte  Krankheitsbild  in  den 
sichtbaren  Wirkungen  der  eben  so  sorgfältig  geprüften 
Arzneien  aufzusuchen.4)  Daher  ist  auch  ihre  Fähigkeit,  alle 
Krankheiten  zu  heilen,  die  es  giebt  oder  noch  geben  kann,  nur 
in  so  weit  beschränkt,    als    es  Deren   geben  kann   und   giebt, 


3)  Der  noch  heute  nicht  ganz  ausser  Gebrauch  gekommene  Genuss 
des  frischen,  noch  warmen  Blutes  gegen  Fallsucht  reicht  bis  ins  Altertimm 
hinauf.  So  lesen  wir  beim  Plinius  (XXVIII,  2):  „Sanguinem  quoque  gla- 
diatorum  bibunt,  ut  viventibus  po'culis,  comitiales  morbi:  quod  spectare 
faeientes  in  eadem  arena  feras  quoque  horror  est." 

4)  Was  mag  doch  in  dem  Kopf- Fleische,  besonders  in  dem  der 
Schweine,  für  eine  Substanz  enthalten  sein,  welche  erfahrungsmässig  so 
leicht  die  Wiederkehr  der  anscheinend  geheilten  Fallsucht  verursacht?  — 
Die  Lösung  dieser  Frage  dürfte  einen  würdigen  Gegenstand  der  Unter- 
suchung für  Chemiker  und  Physiologen  darbieten. 


148  II-  Buch.     Aphovism  46.- 

wofi'ir   das   homöopathisch    angezeigte,    ähnlich    wirkende 
Heilmittel  noch  nicht  gefunden  ist.5) 


46.  Von  zwei  Schmerzen,  welche  gleichzeitig,  aber  an  ver- 
schiedenen Stellen  vorhanden  sind,  verdunkelt  der 
Stärkere  den  Schwächeren. 


Zur  Erläuterung  dieses  Aphorisms  führt  Galen  in  seinem 
Kommentar  dazu  einige,  der  Erfahrung  entnommene  Thatsachen 
an ,  die  hier  einer  Erwähnung  werth  sein  dürften ,  weil  sie  mit 
den  Lehrsätzen  der  Homöopathie  im  Einklänge  stehen.  Zuerst 
sagt  er  nämlich,  dass  niemals  an  einer  und  der s elben  Stelle 
des  menschlichen  Körpers  zweierlei  Schmerzen  zugleich 
bestehen  können.  Dies  wäre  nur  an  zwei  verschiedenen 
Stellen  möglich,  wo  dann  aber  die  im  vorstehenden  Aphorism 
bezeichnete  Verdunklung  des  Schwächeren  einträte.  Etwas  Aehn- 
liches  —  fährt  er  dann  weiter  fort  —  geschieht,  wenn  das 
Gemüth  in  zwiefacher  Weise  von  An  gst  oder  Betrübniss 
ergriffen  wird.  Da  wird  eben  so  die  Stärkere  die  Schwächere 
mildern  oder  verhüllen,  es  sei  denn,  dass  Beide  durch 
einen  und  denselben  Umstand  erregt  wären.  Wer  findet 
nicht  im  §  26.  des  Organons,  und  namentlich  in  der  dazu  ge- 
hörigen Anmerkung  eine  deutliche  Beminiszenz  dieser  fichtigen 
Beobachtung,  deren  weitere  Ausbildung  und  Anwendung  zum 
Heile  der  Menschheit  allerdings  nur  unserm  Hahnemann  gehört? 
—  Wer  erkennt  in  dem  Schlüsse  nicht  den  grossen  Unterschied 


5)  Linne  schreibt  die  in  Schweden  so  häufig  vorkommenden  Epilep- 
sien der  Sitte  der  dortigen  Bauern  zu,  ihren  Kindern  die  Grindköpfe  mit 
kaltem  Wasser  zu  waschen.  Schenk  liefert  dazu  Bestätigungen  (in  seinen 
Observ.  med.  I,  de  cute  cap.),  und  Marlard,  Floyer,  Home  u.  A.  thun  das- 
selbe, gegenüber  Buchan,  Currie  u.  A.,  so  dass  Vortheil  oder  Nachtheil  nur 
nach  den  individuellen  Anzeigen  zu  ennessen  sein  dürfte. 


II.  Buch.     Aphorism  47.  149 

zwischen  gleich  und  ähnlich,  (aeqüale  und  simile),  welche  so 
oft  mit  einander  verwechselt  und  angewendet  werden ,  um  — 
Unsinn  zu  sprechen. 


47.  Während  der  Bildung  des  Eiters  stellen  sich  hefti- 
gere Fieber  und  Schmerzen  ein,  als  nachdem  er  er- 
zeugt ist. 


Sowohl  der  Erfahrung,  als  dem  natürlichen  Hergange  des 
Eiterbildungs-Prozesses  entspricht  dieser  Lehrsatz  aufs  Vollstän- 
digste. Die  Entzündung,  welche  diesen  Prozess  einleitet, 
aber  oft  durch  eine  übermässige  Heft igk  ei t  eher  verzögert, 
als  befördert,  ist  nie  ohne  Fieber,  woran  mehr  oder  weniger 
der  ganze  Organismus  Theil  nimmt.  Um  die  Eiterbildung  zu 
beschleunigen,  besitzt  die  Homöopathie  sehr  wirksame  Mittel, 
welche  sämmtlich  die  Kraft  besitzen,  diese  Fieber  zu  massi- 
gen und  schneller  zur  Entscheidung  zu  bringen.  Wenn  nun, 
wie  nicht  zu  leugnen  ist,  der  ganze  Organismus  dabei  in  Mit- 
leidenschaft gezogen  wird:  so  begreift  sich  leicht,  wie  wir  diese 
Sache  niemals  als  etwas  Oertliches  ansehen,  und  die  Wahl 
des  jedesmal  anzuwendenden  Mittels  so  genau,  wie  möglich, 
nicht  bloss  der  Geschwür  stelle  und  den  daran  vorhande- 
nen Zeichen,  sondern  auch  allen  das  Fieber  charakteri sirenden 
Eigentümlichkeiten  anzupassen  suchen.6)  Wir  betrachten 
dieses  Verfahren  um  so  mehr  als  ein  wahrhaft  Rationelles, 
als  sowohl    die    von    selbst  entstandenen ,    als  die  durch  äussere 


6)  Rust  hat  in  seiner  Helkologie  (n.  Aufl.  1842)  darauf  aufmerksam 
gemacht,  dass  nicht  nur  die  meisten  Geschwüre  bloss  Symptome  innerlicher 
Krankheiten  sind  und  dass  die  unvorsichtige  Heilung  derselben  durch  ört- 
liche Mittel,  selbst  bei  scheinbar  vollkommenster  Gesundheit  des  Organis- 
mus ,  die  gefährlichsten  Folgen  haben  kann  ,  sondern  dass  auch  sehr  viele 
andere,  gewöhnlich "  für  örtlich  gehaltene  Krankheitsformen  nur  als  Reflex 
allgemeiner  Anomalien  des  Organismus,  wohl  auch  als  anomale  Ausschei- 
dung«- und  Ablagerungsmittel  angesehen  werden  müssen. 


150  II.   Buch.     Aphorism  48. 

Veranlassung  verursachten  Geschwüre,  wenn  sie  irgend  er- 
heblich sind,  jederzeit  auf  einer  dyskrasischen  Basis  beruhen, 
die  der  Heilung  eben  so  bedürftig  ist,  als  das  vorhandene 
Geschwür.  —  Im  Verlaufe  dieser  Glossen  werden  wir  noch 
Gelegenheit  haben,  den  Nachtheil  und  die  Gefährlichkeit 
der  bloss  örtlichen  Behandlung  der  Geschwüre,  so  wie  der 
Hautübel  überhaupt  zu  besprechen.7) 


48.  Sobald  bei  irgend  einer  Anstrengung  des  Körpers 
Ermüdung  und  Schmerzen  eintreten,  so  ist  Ausruhen 
das  Mittel,  um  Solche  sofort  zu  heben. 


Wenn  einige  Kommentatoren  diesen  Aphorism  den  diäte- 
tischen Lehrsätzen  beizufügen  wünschen,  so  sehen  Andere  da- 
rin einen  neuen  und  schlagenden  Beleg  zu  ihrem  beliebten: 
Contraria  contrariis,  und  citiren  dazu  abermals  den  Aus- 
spruch des  Hippokrates  in  seinem  Buche  über  die  Blähungen 
(tzeqi  yvacöv) ,  wovon  bereits  beim  Aph.  II,  22  die  Bede  war. 
Wir  glauben,  ohne  indessen  jenen  Gelehrten  zu  nahe  treten  zu 
wollen,  in  unserer  Glosse  diesen  Lehrsatz  noch  von  einer  an- 
dern Seite  bedachten  und  beleuchten  zu  dürfen. 

Zuvörderst  sagt  Galenus  in  seinem  Kommentar  zu  diesem 
Aphorism,  dass  der  von  Hippokrates  gebrauchte  Ausdruck,  wel- 
chen wir  mit  Anstrengung  wohl  richtiger,  als  Andere  mit  Be- 
wegung, übersetzt  haben,  sowohl  Schmerzen,  als  Ermüdung 
erregen  könne,  und  daher  beiderlei  Bedeutungen  in  dem  Sinne 
dieses  Lehrsatzes  begriffen  seien.  Auch  die  lateinische  Ueber- 
setzung  des  gelehrten  Almeloveen  spricht  dies  deutlich  aus, 
und  wird  von  dem   französischen  Kommentator  Leveille  wört- 


7)  Nunquam  nimis  dicitur,  quod  nunquam  satis  dicitur. 

Seneca. 


II.  Buch.     Aphorism  48.  151 

lieh  übernommen.  Wenn  daher  unsere  Uebersetzung  von  der  des 
berühmten  Grimm  und  anderer  Neueren  (Pittschaft,  Brandeis 
u.  A.)  einigermaassen  abweicht,  so  glauben  wir  dabei  gültige 
Autoritäten  auf  unserer  Seite  stehen  zu  haben. 

Nicht  allein  die  Schmerzen,  sondern  selbst  auch  die 
Ermüdungen  von  körperlicher  Anstrengung  sind  aber,  wie 
Jedermann  aus  Erfahrung  weiss,  bei  Weitem  nicht  Alle  von  der 
Art,  dass  sie  sofort  durch  Ruhe  zu  heben  sind.  Bei  einer 
geringen,  den  ganzen  Körper  oder  einige  Glieder  nur  massig 
angreifenden  Bewegung  mag  das  der  Fall  sein;  wer  aber  z.  B. 
einen  langen,  mühsamen  Fussgang  zurückgelegt  hat,  der  wird 
allerdings  nach  Ruhe  verlangen,  aber  die  grosse  Ermüdung 
ist  dadurch  hei  Weitein  noch  nicht  sogleich  gehoben.  Viel- 
mehr fühlt  er  die  Müdigkeit  erst  recht  bei  und  nach  dieser 
Ruhe,  und  es  tritt  in  den  ermüdeten  Beinen  bald  eine  schmerz- 
hafte Steifigkeit  und  ein  unbehagliches  Strammen  ein,  die 
oft  am  zweiten  und  dritten  Tage,  ungeachtet  allen  Ausruhens, 
noch  schlimmer  sind,  als  am  Abende  der  Fussreise  selbst. 
Es  giebt  selbst  Fälle ,  wo  der  Appetit  davon  vergeht  und  der 
erquickende  Schlaf  verscheucht  wird,  so  dass,  wie  man  es  zu 
nennen  pflegt,  der  Mensch  vor  Müdigkeit  weder  essen  noch 
schlafen  kann.8) 

Das  hier  eben  Erwähnte  gilt  nur  von  einer  lange  anhal- 
tenden, wenngleich  keineswegs  übergrossen  Anstren- 
gung. Wo  diese  Letztere  aber  vorhergegangen  ist,  da  stellt 
sich  die  Sache  noch  weit  entschiedener  in  Widerspruch 
mit  diesem  Aphorism.  Hier  sind  nämlich  die  Fälle  gar  nicht 
selten,  wo  eben  die  körperliche  Buhe  die  Schmerzen  in  den 
ermüdeten  Gliedern    bis    zum  Unerträglichen  steigert,    wo   nur 


8)  Neque    ex   nimio    labore    subitum  ocium ,    neque    ex    nimio  ocio    su- 
bitus  labor  sine  gravi  noxa  est.  Celsus  I,  3. 


152  u-  Buch.     Aphorism  48. 

gelinde  Bewegung  Linderung   verschafft,    und    wo    dieser 
Zustand  oft  mehrere  Tage  fortdauert. 

In  allen  diesen  Fällen  thut,  wie  die  Erfahrung  lehrt,  die 
Ruhe  an  und  für  sich  nicht  mehr,  als  was  dem  Laufe  der  Natur 
gemäss  allmählig  von  selbst  erfolgen  muss,  ist  daher  keineswegs 
als  ein  heilendes  Contrarium  anzusehen.  9)  Wenn  hingegen 
dabei  diejenigen  homöopathischen  Heilmittel  in  Anwendung  ge- 
zogen werden,  welche  bei  ihren  Prüflingen  am  Gesunden  ähn- 
liche Ermüdungs-  und  Anstrengungs-Schmerzen  erregt  haben, 
wie  z.  B.  im  ersten  Falle  die  Arnica  montana,  und  im  Zwei- 
ten die  Rh us  Toxicodendron:  so  wird  die  Herstellung 
und  völlige  Erholung  in  viel,  sehr  viel  kürzerer  Zeit  erfolgen 
als  bei  der  blossen  Ruhe.  Man  sieht  also,  das  auch  in  diesem 
hippokratischen  Beispiele,  welches  mit  so  lebhaftem  Eifer  von  der 
Allopathie  benutzt  ist,  um  ihren  beliebten  Grundsatz:  Contraria 
contrariis!  zur  Geltung  zu  bringen,  der  Beweis  auf  sehr 
wackeligen  Füssen  steht  und  Angesichts  einer  ruhigen  und  voiv 
urtheilsfreien  Erwägung  nicht  Stich  halten  kann;  dass  hingegen, 
was  leicht  und  ohne  alle  Gefahr  versucht  werden  kann ,  auch 
bei  solchen,  kaum  den  Namen  einer  Krankheit  verdienenden 
Beschwerden  des  menschlichen  Lebens,  unser  Grund-Princip: 
Similia  similibus!,  als  ein  wahres  Natu  rgesetz,  sich  aut's 
Deutlichste  bewährt.  10) 


9)  Levat  lassitudinem  etiam  laboris  mutatio:  eumque,  quem  novum 
genus  cujusdem  laboris  pressit,  id  quod  in  consuetudine  est,  reficit. 

Celsus  I,  3. 

10)  Galenus  geht  in  seiner  Verbissenheit  auf  das  Contraria  contrariis 
so  weit,  in  seiner  Schrift:  de  sanitate  tuenda  zu  lehren:  semper  autera  me- 
mineris,  excessum  omnem  contrario  excessu  emendanduni  esse.  Demnach 
würde  also  die  Heilung  einer  Erhitzung  darin  zu  finden  sein ,  dass  man 
sich  plötzlich  einer    übermässigen  Kälte  aussetzt,   oder  der  Folgen    eines  zu 

1    angen  Fastens   darin,  dass  man  sich  sofort  in  Speise  und  Trank  übernähme- 
So    ist    und    bleibt    das     Simile    auch    die     einzige    naturgesetzliche 


II.  Buch.     Aphorism  49.  50.  153 

49.  Selbst  schwächlichen  und  bejahrten  Personen  werden 
die  gewohnten  täglichen  Arbeiten  leichter,  als  stärke- 
ren und  jüngeren  Leuten,  welche  nicht  daran  gewohnt 
sind. 


Die  Richtigkeit  dieses  Lehrsalzes  findet  ihre  Bestätigung 
an  allen  Orten  und  unter  allen  Verhältnissen ,  und  bedarf  daher 
keiner  weitem  Belege.  Nur  Das  dürfte  noch  beizufügen  sein, 
dass  er  eben  so  gut  auf  geistige  Beschäftigung  seine  Anwen- 
dung findet,  als  auf  Körperliche. 


50.  Lange  gewohnte  Dinge,  auch  wenn  sie  minder  zu- 
träglich sind,  belästigen  weniger,  als  Ungewohnte. 
Man  thut  deshalb  wohl,  zur  Veränderung  mitunter  auch 
das  Ungewohnte  vorzunehmen. 


Mit  vollem  Rechte  warnt,  Hippokrates  in  diesem  Aphorism 
vor  einer  allzu  strengen  und  gleichförmigen  Lebensweise, 
welche,  wenn  sie  einmal  unvermeidlicher  oder  unbedachtsamer 
Weise  gestört  wird,  die  veranlassende  Ursache  zu  erheblichen  Be- 
schwerden werden  kann.  Nach  einem  alten  und  wahren  Sprüchworte, 
welches  schon  unsere  Vorfahren  kannten,  ist  die  Gewohnheit 
wie  eine  andere  Natur,  und  wer  deshalb  gar  zu  ängstlich  den 
Körper  pflegt,  erreicht  dadurch    unfehlbar   eine   Verzärtelung 


Maxime  der  Indikation  nicht  nur,  sondern  auch  die  einzige  Fundgrube  zur 
Entdeckung  neuer  Heilmittel,  —  eine  Errungenschaft,  von  der  die 
physiologische  Medizin  noch  so  weit  entfernt  ist,  wie  von  allen  übrigen 
therapeutischen  Gesetzen,  die  überhaupt  nur  in  der  Homöopathie  anzu- 
treffen sind.  D.  v.  Grauvogl,  d.  hom.  Aehnliehk.-Ges.  §  G8. 

„Viele  sonst  vernünftige  Leute,"  —  sagt  Dr.  E.  Comfort  über  Hahn. 
Heilmeth.  — ,  „wenn  sie  von  der  Homöopathie  lesen,,  sprechen,  oder 
gar  darüber  schreiben,  büssen  darüber  ihr  Bischen  Verstand  ein  und  wer- 
den einfältig."  —  Hierzu  bemerkt  Rummel  in  seiner  Recension:  —  „das 
pathogenetische  Element  bewährt  sich  also  auch  hier  eben  so  gut  bei  un- 
sern  Feinden,  als   das   Therapeutische  bei   unsern   Kranken.1' 


154  n-   Buch.     Apliorism    50. 

desselben,  die  ihn  unfähig  macht,  den  Angriffen  auf  die  Ge- 
sundheit, denen  sich  Niemand  ganz  entziehen  kann,  die  nöthige 
Energie  entgegenzustellen.  Vorzüglich  gehört  hierher  die  allzu 
sorgfältige  Auswahl  der  Speisen  und  Getränke,  so  wie 
die  Scheu  vor  unfreundlichem  Wetter  und  vor  Bewegung 
in  der  freien  Luft.  n)  Die  Homöopathie  weiss  und  befolgt  dies, 
und  duldet  daher,  wo  es  nicht  durch  Krankheit  absolut  ge- 
boten ist,  weder  allzustrenges  Fasten,  noch  Liegen  im  Bette,12) 
noch  Einschliessen  in  warmen  Stuben  13)  u.  dergl.  mehr. 
In  dieser  Beziehung  beschränkt  sie  sich  auf  das  unumgänglich 
Nothwendige  bei  Kranken,  räth  dagegen  dem  Gesunden  die  Be- 
achtung des  wahren  alten  Spruches  an:  Juvat  aliquand  o  per- 
turbare  naturam!;  obwohl  dies  freilich  nur  in  dem,  übrigens 
verständigen  und  zulässigen  Maasse.  Alles,  was  daher  von  homöo- 
pathischen, soll  heissen:  von  winzigen  Mahlzeiten  und  der- 
gleichen   von    sich    selbst    belächelnden    Witzlingen    kolportirt 


11)  Das  Spazieren  im  Freien  hat  gerade  die  Absicht,  durch  den  Wechsel 
der  Gegenstände  seine  Aufmerksamkeit  auf  jeden  Einzelnen  abzuspannen. 

Kant,  von  der  Macht  des  Gemüths. 
Galenus  rechnete  die  Jagd  und  das  Ballspiel  zu  den  nützlich- 
sten Bewegungen  für  den  Menschen.  Bei  Jener  besonders  fehlt  der  Nach- 
theil aller  Ueberanstrengung,  sowohl  des  Geistes,  als  des  Körpers,  und  sie 
erfüllt  demnach  alle  Erfordernisse  einer  naturgemässen  Bewegung  im  Freien, 
wie  sie  namentlich  dem  Gelehrten  oder  Beamten  zur  Erhaltung  der  Gesund- 
heit nöthig  ist. 

12)  J.  Wesley,  welcher  um  die  Mitte  seines  Lebens  anfing,  sich  aller 
Fleischspeisen  zu  enthalten  und  bloss  von  Vegetabilien  zu  leben,  dabei  aber 
ein  Alter  von  88  Jahren  erreichte,  hatte  das  Motto:  Early  to  bed ,  and 
early  arise,  Makes  the  man  healthy,  .wealthy  and  wise! 

13)  Neben  den  verschiedenen,  durch  Ansteckung,  Impfung  oder  sonst 
irgendwie  unter  der  Kinderwelt  verbreiteten  Krankheiten,  trägt  auch  die 
Erziehung  einen  grossen  Theil  der  Schuld,  weshalb  in  den  ersten  Lebens- 
jahren die  Zahl  der  Verstorbenen  und  Hinsiechenden  so  unverhältnissmässig 
gross  ist.  Dahin  gehört  namentlich  auch  das  Stubensitzen  und  das  zu 
frühe  Anhalten  zum  Lernen.  Plato  sagt  schon:  „Geist  und  Körper  müssen 
gleichmässig  angestrengt  und  ausgebildet  werden,  damit  sie  beide  gleich 
kräftig  und  gesund  heranwachsen."     Und  Tissot    erklärt  „das  tolle  Bestre- 


II.   Buch.     Aphorism  51.  155 

wird,  um  fremde  Lacher  auf  ihre  Seite  zu  bringen,14)  das  ist 
eben  so  unwahr,  als  —  dumm,  und  keiner  Widerlegung 
werfch. 1S)  Nur  vor  Allem,  was  Arznei  heisst,  oder  was  arz- 
neiliche Kräfte  besitzt,  hüte  sich  auch  der  Gesunde  ganz  und 
gar,  und  wenn  es  darunter  auch  Manches  giebt,  woran  sich  die 
Natur  des  Menschen  allmählig  so  gewöhnen  kann,  dass  dessen 
Wirkung  kaum  noch  zu  verspüren  ist,  so  bleibt  der  positive 
Nachtheil  desselben  doch  immer  bestehen,  und  es  ist  unter 
allen  Umständen  dringend  abzurathen .  mit  solchen  gefährlichen 
Dingen  ein  leichtfertiges  Spiel  zu  treiben.16) 


51.  Es  ist  jederzeit  gefährlich,  übermässig-  und  plötzlich 
den  Körper  auszuleeren  oder  anzufüllen ,  ihn  zu  er- 
wärmen oder  abzukühlen,  oder  sonst  dergleichen  Ver- 
änderungen darin  zu  bewirken.  Jedes  Uebermaass 
schadet  der  Natur.  Wenn  aber  solche  Uebergänge 
allmählig  geschehen ,  so  geht  man  dabei  sicher  und 
gefahrlos. 


ben  mancher  Eltern,  ihre  kleinen  Kinder  zu  Vielwissern  auszubilden,  für 
eine  Grausamkeit,  welche  den  Geist  und  den  Körper  zu  Grunde  richte 
Baratier  gehörte  im  8.  Jahre  schon  zu  den  Gelehrten,  im  18.  zu  den 
schwächlichen  Greisen,  und  im  20.  starb  er  an  Geist  und  Körper  erschöpft." 
—  Verf.  dankt  es  daher  noch  oft  seinen  nnvergesslichen  Eltern,  dass  sie 
ihn  früher  einen  Hasen  erlegen,  als  seinen  Namen  schreiben  lernen  Hessen. 
14)  Von  der  Wickelschnur  bis  zur  Leichenbestattung  entspriessen  alle 
Narrheiten  aus  dem  besorglichen:  Was  werden  die  Leute  sagen? 

A.   Pansa,   Sprichwörter  S.  2. 
1  5)  N'entendons-nous  pas  les  spirituelles  plaisanteries  d'un  centigramme 
de  sulfate  de  soude   ou  de  magnesie,  dans  le  lac  de  Geneve,  pour  eu  faire 
un  immense  purgatif;    ou    la  goutte   de  citron  jetee   dans  la   Seine  ä  Bercy, 
pour  en  faire  un  fleuve  de  limonade  au  pont  des  Invalides   etc.  etc.,  fadai- 
ses,  que  nous  laisserons  ä  ceux  dont  la  science   et  l'esprit  s'en  contentent. 
J.    de  Monestrol,  de  l'Hom.  p.  54. 
16)        In  der  Stadt  und  auf  dem  Lande  herrscht  eine   Seuche, 
Da  giebt  es  also  natürlich  manche  Leiche; 
Doch  an  Oertern,  wo  keine  Aerzte  sind, 
Sterben  sie  nicht  so  häufig,  noch  so  geschwind. 

Dr.  Kortum,  Jobsiade. 


156  n-   Buch.     Aphorism  51. 

In  diesem  richtigen  Lehrsatze  sind  zwei  Wahrheiten  ent- 
halten, die  sowohl  aus  der  Erfahrung,  als  aus  einer  richtigen 
Natur-Anschauung  geschöpft  sind. 

Zuvörderst  warnt  der  Altvater  der  Medizin  vor  allen 
heftigen  An  griffen,  sowohl  in  diätetischer,  als  in  thera- 
peutischer Beziehung.  Man  sieht,  dass  er  deutlich  erkannt 
hat,  welche  langsamen  und  leisen  Wege  überall  die  Natur 
einschlägt,  besonders  wenn  sie  etwas  Gutes,  Grosses  und 
Dauerhaftes  zu  Stande  bringen  will,  und  masst  sich  keines- 
wegs an,  deren  Meister  sein  zu  wollen,  wo  er  die  Ueberzeugung 
hat,  dass  er  nur  als  Diener  und  Nachahmer  derselben  wahrhaft 
Erspriesslicheszu  leisten  vermag.  Die  Worte:  Jedes  Ueber- 
maass  schadet!  sollten  überall  als  dringende  Warnung  in 
goldenen  Buchstaben  angeschlagen  stehen,  damit  dieses  erste 
und  grösste  Naturgesetz  niemals  verletzt  werde.  Das:  Zu 
viel!  hat  unbeschreiblich  viel  Unheil  in  der  Welt  angerichtet, 
und  thut  es  heute  noch. ir)  Denn  die  meisten  Aerzte  fragen 
nicht:  wie  Wenig  von  einer  Arznei,  das  heisst:  von  einem  fin- 
den Organismus  unbedingt  schädlichen  Stoffe  hinreichend  sei, 
um  eine  wohlthätige  Veränderung  in  dem  leidenden  Zustande  des 
Kranken  hervorzubringen;  sondern  vielmehr:  wie  Viel  von  dieser 
feindseligen  Substanz  kann  der  Mensch  vertragen,  ohne  dabei 
unterzugehen  oder  noch  kränker  zu  werden,  als  er  schon  ist. 18) 

Das  richtige  Maass  für  dieses  zu  viel  oder  zu  wenig 
kann  lediglich  nur  aus  der  Erfahrung  entnommen  werden;  und 


17)  Manche  glauben,  je  mehr  sie  Aerzte  um  sich  versammeln,  desto 
sicherer  müsse  ihnen  geholfen  werden.  Aber  dies  ist  ein  gewaltiger  Irr- 
thum.  Ich  spreche  hier  aus  Erfahrung.  Ein  Arzt  ist  besser,  als  zwei,  zwei 
besser  als  drei,  und  so  fort;  in  dem  Verhältniss  der  Menge  der  Aerzte 
nimmt  die  Wahrscheinlichkeit  der  Wiederherstellung  immer  mehr  ab.  und 
ich  glaube,  es  giebt  einen  Punkt  der  ärztlichen  Uebcrladung,  wo  die  Kur 
physisch  unmöglich  ist.  Hufeland,  Makrobiotik.   II,   15. 

18)  Einen  Beleg  für  die,  heutiges  Tages  übliche  Anwendung  der  stärk- 
sten Arznei-Gaben  dürfte   auch    noch    der   neueste  Jahrgang    des  Heymaini'- 


II.  Buch.     Aphorism  51.  157 

dieses  gilt  sowohl  für  die  gesunde,  als  für  die  kranke  Natur19) 
Eben  so  wie  Jemand  sich  lächerlich  machen  würde,  wenn  er 
es  für  Unsinn  erklären  wollte,  dass  aus  einem  kleinen  Fich- 
tensamen-Kerne ein  weit  grösserer  Baum  erwachsen  würde, 
als  aus  einem  grossen  Kürbis -Kerne,  eben  so  würde  es  einem 
Anderen  ergehen,  wenn  er  behaupten  wollte,  dass  10  Gran 
Opium  nicht  wirksamer  wären,  als  10  Gran  Rhabarber. 
Selbst  die  Chemie  vermag  hierfür  keine  Regeln  aufzustellen.20) 
Denn  wenn  auch  heutiges  Tages  das  gefundene  Resultat  jenes 
alten  Chemikers,  der  in  den  Blättern  der  Belladonna  nichts 
Anders  fand,  als  in  denen  des  braunen  Kohls,  nicht  mehr 
gelten  kann,  weil  damals  das  A tropin  noch  nicht  entdeckt 
war:  so  haben  wir  doch  erst  durch  Versuche  am  lebenden 
Körper  die  heftige  Wirkung  dieses  Alkaloids,  und  damit  auch 
die  justa  dosis,  oder  vielmehr  diejenige  Quantität  davon 
kennen  lernen,  welche  klein  genug  ist,  um  nicht  mehr  geradezu 
zu  tödten. 21)     Aber  wenn    wir  nun  die  Belladona   oder  das 


sehen  „Taschen-Kalenders  für  Aerzte  und  Chirurgen"  (1861)  liefern,  welcher 
neben  anderm  Nützlichen  auch  „Tabellen  über  die  höchsten  Arznei  dosen" 
enthält. 

19)  ,,Je  mehr  sich  die  Krankheit  einer  akuten  nähert,  desto  geringerer 
Gaben  Arzneimittel  (ich  meine  der  bestgewählten)  bedarf  sie,  um  zu  ver- 
schwinden." - —  (Discite  moniti!) 

Hahnemann's  kl.  Sehr.  I,  S.  243. 

20)  Vom  Anfange  bis  zur  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  wollte  man, 
zunächst  auf  Veranlassung  der  Akademie  der  Wissenschaften  zu  Paris,  auf 
dem  Wege  der  Chemie  die  arzneilichen  Kräfte  der  Pflanzen  ermitteln,  konnte 
aber  Nichts  finden. 

Auch  will  er  (Th.  Zwinger)  nichts  von  den  beliebten  chemischen 
Principien  wissen,  und  zwar  aus  dem  völlig  richtigen  Grunde,  weil  der 
Arzt  nicht  die  Bestandteile  des  Körpers  zu  wissen  verlange,  welche  die 
Kunst  mit  Gewalt  hervorlockt,  sondern  die  wirklich  in  demselben  vorhan- 
den sind.  —  Er  hält  die  Chemie  indessen  für  die  Dienerin  der  Medizin ; 
wenn  sie  sich  zur  Beherrscherin  der  Letzteren  aufwerfen  will,  so  ist  sie 
werth  ausgezischt  zu  werden.  C.   Sprengel,  Gesch.  d.  Med.  III,  423. 

21)  La  chimie  n'a  vu  naitre  tant  de  substances  legerement  proclamees 
immediates,  qu'en  perdant  de  vue  les  effets  varies  et  souvant  illusoirea  de 
l'organisation.  Annales  des  sciences  d'observation. 


158  H-  Buch.     Aphorism  51. 

Atropin  als  Heilmittel  anwenden,  ist  es  dann  noch  immer 
eine  justa  dosis,  wenn  die  Gabe  davon  so  lange  gesteigert 
wird,  bis  sich  Hallucinationen,  Blindheit  und  erweiterte 
Pupillen  einstellen?  Oder  ist  dies  auch  der  Fall,  wenn  der 
Merkur  so  lange  fortgegeben  wird,  bis  die  Zähne  locker 
werden  und  ausfallen,  und  bis  ein  übelriechender  Spei- 
chel beständig  aus  dem  Munde  fliegst?22)  —  Wir  Homöopathen 
halten  diese  und  ähnliche  Symptome  für  Zeichen  einer  Arzn  ei- 
Uebersä  ttigung,  mithin  für  die  eines  wirklichen  Ueber- 
maasses,  welche  wir  sorgfältig  zu  vermeiden  suchen.23) 

Am  Schlüsse  dieses  Aphorisms  hebt  Hippokrates  die  Vor- 
theile  und  die  Nothwendigkeit  der  allmähligen  Uebergänge 
hervor.  Auch  hier  darf  man  diese  Begel  sowohl  für  das  thera- 
peutische, als  für  das  diätetische  Verfahren  als  richtig  an- 
erkennen ,    und  weil   in  dieser  Beziehung   wohl   schwerlich   eine 


22)  „Salpetersäure  bringt  den  Quecksilberkalk  des  Kalomels  in  eine 
vermehrte  Oxydation  und  macht  ihn  dadurch  zu  ätzendem  Sublimate.  Es 
möchte  mithin  doch  ungemein  gewagt  sein,  Jemand,  der  kurz  vorher  reich- 
lich versüssten  Merkur  gebraucht,  verdünnte  Salpetersäure  nehmen  zu  las- 
sen." (Kopp.  Beob.  S,  125,  Anm.)  —  So  räsonnirt  die  Chemie,  während 
Jedermann  weiss,  dass  eben  die  Salpetersäure  zu  den  wirksamsten  Anti- 
doten bei  Quecksilber-Krankheiten  gehört. 

23)  Wer  etwas  Kurzes,  aber  Gediegenes,  über  die  gegenwärtig  noch 
bestehende  Mangelhaftigkeit  und  Unzuverlässigkeit  der  organischen  Chemie 
lesen  will,  dem  empfehlen  wir  „die  Therapie  unserer  Zeit"  von  Dr.  W. 
Stens,  Sondershausen  1854. 

Ueber  die  niedrigen  und  höheren  Verdünnungen  der  Arzneien  ist 
wohl  schwerlich  etwas  anseheinend  Begründeteres,  aber  dennoch  Täuschen- 
deres gesagt,  als  die  beiden  Grundsätze,  welche  der  berühmte  Mure  darüber 
aufstellt.  Diese  lauten  nämlich  folgendermaassen :  —  1.  Die  niederen  Ver- 
dünnungen erzeugen  augenblickliche  und  heftige  Wirkungen,  welche  ganz 
den  Charakter  von  akuten  Krankheiten  an  sieb  tragen.  —  2.  Die  hohen 
Verdünnungen  dagegen,  deren  Wirkung  nie  unmittelbar  erfolgt  (?),  dringen 
durch  die  Andauer  ihrer  Einwirkung  in  die  tiefsten  Falten  der  menschlichen 
Maschine,  und  bringen  Wirkungen  hervor,  welche  schleichend  und  tief  ein- 
greifend, nach  Art  und  Zeit,  die  höchste  Aehnlichkeit  mit  chronischen 
Krankheiten  darstellen.  —  Offenbar  ist  dabei  auf  die  Reizbarkeit  und  Em- 
pfänglichkeit für  die  Arznei  viel  zu  wenig  Bäcksicht  genommen, 


II.  Buch.     Aphorism  52.  159 

Meinimgs-Verschiedenheit  zwischen  den  beiden  Schulen  vorhanden 
ist:  so  glauben  wir  diese  Glosse  mit  der  blossen  Hinweisung  auf 
den  Text  selbst  beschliessen  zu  dürfen. 


52.  Wenn  der  Arzt  von  seiner,  mit  Ueberzeugung  ein- 
geleiteten Behandlung  auch  nicht  so  bald  den  erwar- 
teten Erfolg  sieht,  so  darf  er  doch,  so  lange  die  ur- 
sprünglichen Zeichen  noch  vorhanden  sind,  zu  keinem 
andern  Mittel  schreiten. 


Celsus  (III,  1)  beschränkt  diesen  Ausspruch  des  Hippokrales 
auf  die  chronischen  Krankheiten,  und  zwar  mit  vollem  Rechte, 
weil  nur  bei  diesen  die  Heilwirkung  der  gegebenen  Arznei 
oft  erst  später  eintritt,  wenn  gleich  Diese  vollkommen  richtig 
gewählt  war.  Solche  Fälle  vergleicht  auch  nicht  ganz  unpassend 
Galenus  in  seinem  Kommentar  zu  diesem  Aphorism  mit  der 
Wirkung  des  anhaltend  auf  einen  Stein  tröpfelnden  Was- 
sers, welcher  dadurch  langsam,  aber  unfehlbar  ausgehöhlt 
wird,  —  ein  Vergleich,  den  er  vielleicht  als  Reminiszenz  aus 
älteren  Dichtern,  (z.  R.  Ovidius)  geschöpft  hatte,  bei  denen  er 
ebenfalls  vorkommt.  So  natürlich  ein  solcher  Hergang  bei 
chronischen  Krankheiten  ist,  so  wenig  findet  dieser  Lehrsatz 
Anwendung  bei  akuten  Krankheiten,  wobei  schon  meistens  nach 
wenigen  Stunden,  oft  noch  weit  schneller,  eine  Wirkung 
sich  bemerkbar  machen  muss,  wenn  die  Arznei  irgend  passend 
gewählt  war.24)  In  diesem  Falle  würde  also  die  angerathene 
Konsequenz  ganz  am  unrechten  Orte  sein,  und  so  sehr 
auch  die    exspektative    Verfahrungs  -  Methode25,   beim 


24)  Et  acutus  quidem,  quo  vetustior  est;  longus  autern,  quo  recentior, 
eo  facilius  curatur.  Celsus.  III,   1. 

25)  „Viele  Verbesserungen"  —  sagt  J.  Kant  in  s.  Vorles.  über  die 
philos.  Anthropologie  —  „können  in  den  Wissenschaften  vorgehen,  welche 
alle  negativ  sind.     Ein  Arzt,    der    lange    seine  Kunst    getrieben  hat,    und 


160  n-  Buch.     Aphorism  52. 

Hippokrates  in  Uebung  war:  so  würden  wir  ihm  doch  Unrecht  thun, 
wenn  wir  annähmen,  dass  er  auch  liier  beharrlich  bei  der  ersten 
Ansicht  zu  verharren  gerathen  hätte.  Wenn  aber  dieser  scharfe 
Beobachter  damals  schon  die  Kräfte  der  Arzneien  in  ihren 
feinsten  Nüanzen  so  genau  gekannt  hätte,  wie  die  Homöo- 
pathen, so  würde  ohne  Zweifel  dieser  Aphorism  eine  ganz  andere 
Gestalt  bekommen  und  die  oben  schon  (II,  27)  angedeuteten 
Probe- Zeichen  nicht  verschwiegen  haben,  aus  denen  wir  mit 
Sicherheit  die  Kriterien  der  günstigen  oder  ungünstigen 
Wirkungen  der  gereichten  Arznei  zu  beurtheilen  vermögen.26) 

zugleich  negative  Principien  bei  Patienten  ausübt,  ist  der,  welcher 
ihnen  oftmals  gar  keine  Arznei  giebt,  und  in  gewisser  Art  dem  Kranken 
seine  Hülfe  entbehrlich  macht,  damit  er  der  Natur  kein  Hinderniss  in  den 
Weg  lege,  die  in  sich  selbst  die  Quelle  hat,  sich  zu  heilen.  Diese  negative 
Methode,  den  Kranken  zu  behandeln,  diese  negative  Arzneiwissenschaft  ist 
der  höchste  Gipfel  der  Medizin.  Es  gehört  dazu  nicht  Wissenschaft,  son- 
dern Einsicht  in  die  Oekonomie  der  Natur  und  Selbstüberwindung  des  pe- 
dantischen Stolzes,  wo  ein  jeder  mehr  seine  Geschicklichkeit  zu  zeigen 
sucht,  als   dem  Kranken  zu  helfen." 

Wenn  man  aus  den  Kundgebungen  der  herrschenden  physiologischen 
Schule  Schlüsse  ziehen  darf,  so  wäre  Einer  davon  mindestens  der,  dass  die 
heutige  Medizin  wieder  bei  dem  Punkte  angelangt  ist,  wovon  Hippokrates 
ausging,  nämlich  bei  der  rein  exspecktativen  Methode,  welche  sich  lediglich  und 
ohne  alle  Medikation  auf  die  Beobachtung  des  natürlichen  Verlaufs  der 
Krankheiten  beschränkt.  So  lesen  wir  im  Bulletin  de  l'Acad.  imper.  de 
Med.  XXVI,  p.  161,  (Oeffentliche  Sitzung  vom  11.  Dez.  1860)  Folgendes: 
„L'Academie  met  au  concours  les  questions  suivantes:  Determiner,  en  s'ap- 
puyant  sur  des  faits  cliniques,  1°  quelle  est  la  marche  naturelle  des 
diverses  especes  de  pneumonies,  considerees  dans  les  differentes  con- 
ditions  physiologiques  des  malades;  2°  quelle  est  la  valeur  relative  de 
l'expectation  dans  le  traitement  de  ces  maladies.  Ce  prix  sera  de  Valeur 
de  mille  francs.  —  Dazu  gehört  noch  das  „Formulaire  des  medicaments 
agreables"  des  Prof.  Dr.  Gay  in  Montpellier,  damit  dies  auch  in  der  Privat- 
praxis ausgeführt  werden  kann,  wo  ein  solcher  Patient  schlechterdings  etwas 
„verschrieben"   haben  will. 

26)  „Je  ausgedehnter  und  bestimmter  die  Kenntniss  der  spezifischen 
Mittel  wird,  desto  reicher  und  wohlbringeuder  wird  die  praktische  Medizin, 
und  ein  grosser  Theil  der  Kunst,  sie  mit  Glück  auszuüben,  besteht  in  dem 
Wissen  dieser  Arzneien,  Verstehen  ihrer  mannigfaltigen  Eigenheiten,  Selbst- 
erfahrung über  ihren  Gebrauch,  Unterscheidung  der  für  sie  passenden  Fälle 
und  Fertigkeit  sie  anzuwenden,"  —  Kopp,  Beobachtungen   S.  33. 


II.  Buch.     Aphorism  52.  161 

Abgesehen  von  diesem  Allen  liegt  in  diesem  Lehrsatze  die 
dringende  Warnung,  ja  nicht  zu  leicht  mit  den  Arzneien 
zu  wechseln,  und  es  ist  vielleicht  zu  bedauern,  dass  Hippo- 
krates  hier  durch  die  angehängte  Bedingung  der  sich  gleich- 
bleibenden Zeichen  eine  Beschränkung  ausgesprochen  hat, 
die  nicht  immer  zulässig  ist  und  leicht  zu  Missverständ- 
nis s  führen  kann.  Wenn  nämlich,  wie  der  Fall  oft  vorkommt, 
in  den,  das  vollständige  Krankheitsbild  darstellenden  Symptomen 
Einige  sich  bessern  oder  verschwinden,  während  Andere 
stärker  und  deutlicher  auftreten:  so  ist  das  allerdings  eine  Ver- 
änderung in  dem  ursprünglichen  Zeichen-Komplexe,  und  würde 
mithin  leicht  Veranlassung  geben  können,  zu  andern  Mitteln 
überzugehen.  Dies  darf  aber  nur  dann  ausnahmsweise  geschehen, 
wenn  diese  Veränderungen  nicht  innerhalb,  sondern  ausser- 
halb der  Wirkungsart  des  gereichten  Mittels  liegen,  und  des- 
halb deutlich  und  bestimmt  auf  irgend  ein  anderes  Mittel  hinge- 
wiesen wird.  Auch  können  bei  unnöthig  starken  oder  zu  oft 
wiederholten  Gaben  augenblickliche,  oft  lästige  Nebenwir- 
kungen auftreten,  die  indessen  nur  dann  Berücksichtigung 
verdienen,  wenn  sie  neben  den  übrigen  Zeichen  fortdauern, 
oder  fremdartige  Erscheinungen  darbieten.27)  Sicher  ist 
es  indessen,  dass  von  Seiten  der  Aerzte  unendlich  öfter  durch 
zu  häufiges  Wechseln  der  Arzneien  gesündigt  wird,  als  durch 
übertriebene  Konsequenz,  und  es  ist  sehr  zu  bedauern,  dass 
es  nur  gar  zu  häufig  an  der  erforderlichen  Mittel-Ken ntniss 
liegt,  wenn  solche  Fehler  begangen  werden.28)     Tritt  nun  noch 


27)  Das  ärztliche  Verordnen  ist  kein  leichtes  Gedächtnisswerk  und 
kein  leichtes  Schlussfolgerungswerk,  und  zum  blossen  mechanischen  Erin- 
nern, wie  und  zwar  hauptsächlich  zum  geistigen  Vertrautsein  mit  den  Mit- 
teln bedarf  der  homöopathische  Arzt  des  Besitzes  und  des  wirklichen 
und  freien  Gebrauchs  einer  Apotheke.  Die  blosse  Praxis  reicht  hierzu 
nicht  aus,  wie  die  Allopathie  sattsam  beweist. 

Prof.  Hoppe,  die  Dispensirfreiheit.  S.  101. 

28)  „Es  ist  eine    der  vornehmsten  Pflichten  des  Arztes,"  —  sagt  Dr. 

11 


162  n-  Buch-     Aphorism  53.  54. 

gar  der  weitverbreitete  Irrthum  hinzu,  dass  die  Arznei 
unmittelbar  Hülfe  schafft,  und  man  der  Lebenskraft  keine 
Zeit  gönnt,  ihre  unentbehrliche  Reaktion  zur  Geltung  zu  brin- 
gen :  so  wird  die  Sache  doppelt  schlimm ,  und  bei  gefährlichen 
Erkrankungen  eben  durch  solche  Ueber eilungen  und  vor- 
zeitiges Wechseln  der  Mittel  das  Endresultat  beklagens- 
wert!].29) 


53.  Junge  Leute  befinden  sich  wohler,  wenn  sie  weichen, 
als  wenn  sie  harten  Stuhlgang  haben;  im  höheren 
Alter  wird  hingegen  ihr  Befinden  schlechter,  weil  sie 
dann  gewöhnlich  an  harten  Stuhlgängen  leiden. 


Wir  verweisen  hier  auf  dasjenige,  was  in  der  Glosse  zu 
dem  Aphorism  II,  20  gesagt  ist,  und  überlassen  die  Erklärung 
dieser  Erscheinung,  wenn  sie  wahr  ist,  den  gelehrten  Phy- 
siologen. 


54.  Wie  ein  hoher,  schlanker  Wuchs  dem  jugendlichen 
Manne  edel  und  vortheilhaft  steht,  so  belästigt  er 
im  höheren  Alter ,  und  ist  unbequemer ,  als  ein  Klei- 


Sowohl  Celsus  (II,  2),   als  Galenus   in   seinem  Kommentar 


Terni  über  den  Sinnspruch  Boerhave's  —  „die  einfachen  Mittel  zu  unter- 
suchen, und  es  sind  vernunftlose  Theoretiker,  welche  mit  Schriften  und 
Worten  diese  Untersuchungen  verachten,  und  dabei  redliche  Praktiker  um 
dieser  Ursache  willen  verhöhnen." 

29)  Die  neuere  Medizin  ist  eine  erkennende,  aber  keine  heilende,  und 
je  besser  es  ihr  gelingt,  das  Wesen  der  Krankheit  zu  ergründen,  je  weiter 
wird  die  Kluft  zwischen  ihr  und  der  Therapie. 

Dr.  A.  C.  Neumann. 


II.  Buch.     Aphorism  54.  163 

zu  diesem  Aphorism  bestätigen  es,  dass  hier  von  einem  hohen 
und  langen  Wüchse  die  Rede  ist,  und  nicht  überhaupt  von 
Körper  grosse  nach  allen  Dimensionen  hin.  Uebrigens  er- 
leidet dieser  Lehrspruch  einerseits  manche  Ausnahmen  von 
dieser  Regel,  und  andererseits  hat  er  fast  nur  für  die  Phy- 
siologie einen  geringen,  für  den  eigentlichen  Reruf  des  Arz- 
tes gar  keinen  Werth,  weil  dieser  ausser  Stande  ist,  der  na- 
türlichen Körperlänge  weder  einen  Zoll  zuzusetzen,  noch  auch 
davon  abzunehmen. 


III.  Buch. 


1.  Der  Wechsel  der  Jahreszeiten,  sowie  die  während  der- 
selben vorkommenden  Abwechselungen  von  Kälte  und 
Wärme,  und  der  Einfluss  sonstiger  Umstände  ähn- 
licher Art,  erzeugen  ihre  eigentümlichen  Krankheiten. 


Es  ist  eine  bekannte  Erfahrung,  dass  Jahreszeit  und 
Witterung  auf  das  Befinden  des  Menschen  einen  bedeutenden 
Einfluss  üben.  Die  folgenden  Aphorismen,  besonders  19  bis 
23  dieses  III.  Buchs  enthalten  darüber  manches  Spezielle.  In- 
dessen darf  darauf  kein  allzugrosses  Gewicht  gelegt  werden,  weil 
namentlich  in  den  letzten  Jahren  die  Ausnahmen  sich  der- 
maassen  vermehrt  zu  haben  scheinen,  dass  ihre  Zahl  die  der 
regelmässigen  Fälle  fast  übersteigt.  Um  nur  ein  Beispiel  anzu- 
führen, so  haben  wir  gefunden,  dass  die  Anfälle  von  der  häu- 
tigen Bräune  bei  Kindern  seit  zwei  oder  drei  Jahren  weit 
häufiger  bei  nassem- Wetter  vorkommen,  als  bei  trockner 
Luft  mit  Nord-  und  Ostwinden.  Wir  können  diese  Erfah- 
rung, wenigstens  für  unsere  Gegend,  um  so  mehr  als  eine  that- 
sächliche  anführen,  als  wir  eben  diesem ,  sonst  ungewöhnlichen 
Umstände  eine  besondere  Aufmerksamkeit  gewidmet  haben,  und 
wegen  der  schnellen  und  sicheren  Hülfe,  welche  die  Homöopathie 


III.  Buch.     Aphorism  1.  165 

dabei  leistet,  viel  öfter,  als  die  meisten  andern  Aerzte,  dabei  in 
Anspruch  genommen  werden.  In  ähnlicher,  obwohl  minder  auf- 
fallender Weise  stellte  es  sich  mit  den  Wechselfiebern  und 
einigen  andern  akuten  Krankheiten,  welche  vorzugsweise  dieser 
oder  jener  Jahreszeit  angehören.  Zu  den  merkwürdigsten  Er- 
scheinungen in  dieser  Beziehung  dürfte  aber  noch  das  Vorkom- 
men der  wasserscheuen  Hunde  und  der  davon  Gebissenen 
Erwähnung  verdienen,  welche  vor  etwa  vier  Jahren  ungemein 
häufig  waren,  seitdem  aber,  ungeachtet  der  letzten  heissen 
Sommer  und  des  gleichzeitigen  grossen  Wassermangels, 
denen  Manche  einen  grossen  Einfluss  darauf  zuschreiben  30),  bei 
uns  wenigstens  fast  ganz  verschollen  sind. 31)  Aus  diesen  weni- 
gen Beispielen,  die  wir  aus  unsern  sorgfältig  geführten  Journalen 
noch  bedeutend  vermehren  und  mit  authentischen  Zahlen  belegen 
könnten,  ergiebt  sich  auf's  Neue  die  Bestätigung  der  alten  Lehre, 
dass  man  alle  solche  allgemeine  Angaben  nur  als  approxi- 
mative Verhältnisse  für  lange  Zeitperioden  ansehen  darf,  welche 
in  den  Zwischenzeiten  manchen  Wandelungen  unterworfen  sind, 
die  wir  noch  nicht  kennen  und  also  auch  nicht  zu  würdigen 
verstehen.  Wir  finden  es  daher  auch  überflüssig,  die  meisten 
der,  diesen  Gegenstand  behandelnden  Aphorismen  mit  Glossen  zu 
versehen,  und  begnügen  uns  vielmehr  mit  einer  verständlichen 
Wiedergabe  des  Urtextes,  wenn  nicht  etwa  hier  oder  da  ein  be- 
sonderer Anlass  geboten  wird,  einige  Worte  beizufügen. 


30)  Nach  den,  in  dieser  Beziehung  in  Amerika  angestellten  Versuchen 
hat  sich  die  Grundlosigkeit  dieser  Hypothese  ebenfalls  herausgestellt,  und 
ist  man  wenigstens  dahin  gelangt,  eine  sicherere,  wenn  auch  wohl  nicht  die 
einzige  veranlassende  Ursache  dieser  fürchterlichen  Krankheit  in  dem  un- 
befriedigten Geschlechtstriebe  der  Hunde  zu  entdecken. 

31)  Es  ist  in  der  That  merkwürdig,  dass  im  Anfange  unserer  Zeit- 
rechnung die  Hunds wuth  äusserst  häufig  im  Oriente,  besonders  in  Kreta 
und  Karien ,  herrschte ,  heut  zu  Tage  aber  daselbst  nicht  mehr  gefun- 
den wird. 


\QQ  JH.  Buch.    Aphorism  2.  3. 

Zu  diesen  allgemeinen  Bemerkungen  dürfte  auch  noch  die 
gehören,  dass  die  Eintheilung  des  Jahres  in  seine  vier 
Jahreszeiten32),  zu  den  Zeiten  des  Hippokrates  von  unserer 
Gegenwärtigen  einigermaassen  verschieden  war.  Man  zählte 
nämlich  damals,  wohl  der  Temperatur  und  der  Tageslänge  wegen, 
den  Mai  zum  Sommer  und  den  November  zum  Winter,  so 
dass  diese  beiden  Perioden  eine  Dauer  von  je  vier,  der  Früh- 
ling und  der  Herbst  dagegen  eine  Solche  von  je  zwei  Mo- 
naten umfassten.  In  ähnlicher  Weise  ist  auch  im  16.  Jahrhun- 
dert mit  den  Hundstagen  eine  Veränderung  vorgenommen. 
Diese  Periode  nämlich,  die  seit  dem  Jahre  1582  vom  23.  Juli 
(Liborius)  bis  zum  23.  August  (Philipp)  währt,  begann  früher 
schon  am  13.  Juli  (Margaretha)  und  endete  mit  dem  10.  August 
(Laurentius),  nach  dem  alten  Spruche:  Margaris  6s  canis,  cau- 
dam  Laurentius  addit. 


2.  Der  Natur  des  Einen  ist  mehr  der  Sommer,  der  des 
Andern  hingegen  mehr  der  Winter  zuträglich  oder 
schädlich. 

3.  Gewisse  Krankheiten  gestalten  sich  in  dieser  oder  jener 
Jahreszeit  günstiger  oder  gefährlicher;  so  wie  gewisse 
Alter  desgleichen  bei  verschiedenen  Jahreszeiten,  Him- 
melsgegenden und  Lebensweisen. 


Die   nächstfolgenden  Aphorismen    18    bis    23    dieses  Buchs 
gehen  ausführlicher  in  Dasjenige  ein,    was   in    der  ersten  Hälfte 


32)  Wenn  man  dem  Taeitus  Glauben  beimessen  darf,  so  hatten  unsere 
germanischen  Vorfahren  keinen  Herbst.  Er  sagt  nämlich  (Germ.  26): 
„Hiems  et  ver  et  aestas  intellectum  et  vocabula  habent,  autumni  perinde 
nomen  et  bona  ignorantur." 

Zufolge  Heusler  und  andern  Chronologen  der  neueren  Zeit  enthiel- 
ten die  Jahre  von  Abraham,  wie  noch  jetzt  bei  einigen  Völkern  des 
Orients,  nur  3  Monate,  von  da  bis  zu  den  Zeiten  Jacobs  8  Monate,  und 
erst  nach  Joseph  12  Monate. 


III.  Buch.     Aphorism  3.  167 

des  Gegenwärtigen  gesagt  ist.  Von  dem  der  zweiten  Hälfte  ist 
in  den  Aphorismen  24  bis  31  die  Rede,  und  es  verliert  dadurch 
die  Meinung  derjenigen  Kommentatoren  an  Wahrscheinlichkeil, 
welche  glauben,  dass  einige  und  zwar  gerade  die  diesen  Gegen- 
stand ausführlicher  besprechenden  Aphorismen  verloren  gegangen 
wären.  Weder  Celsus  noch  Galenus  erwähnen  dessen,  und  Letz- 
terer benutzt  sie  nur  dazu,  seinem  Contraria  contrariis!  eine 
neue  Lobrede  zu  halten,  wozu  man  jedoch  hier  die  Veranlassung 
nicht  absehen  kann.  Vielmehr  begegnet  man  in  den  folgenden 
Aphorismen  manchen  Angaben  des  Hippokrates,  die  ohne  Zweifel 
der  Erfahrung  entnommen  sind  und  noch  heute  beobachtet  wer- 
den, aber  auch  gerade  das  Gegentheil  von  dem  Galenischen 
Axiome  nachweisen,  und  man  muss  in  der  That  zu  denen  ge- 
hören ,  die  mit  offenen  Augen  nicht  sehen  können  oder  wollen, 
um  dabei  sich  über  alle  Zweifel  und  Bedenken  so  leicht  hinweg- 
zusetzen. 33)  Man  hat  also  auch  hier  wieder  einen  Beleg  zu 
der  grossen  Wahrheit,  dass  Mancherlei  in  der  Natur,  wenig- 
stens zur  Zeit,  noch  nicht  zu  erklären  ist,  dass  man  bei 
den  Versuchen  dazu,  wenn  man  dabei  an  vorgefassten 
Meinungen  und  Ansichten  klebt,  nur  zu  leicht  auf  Irrwege 
abgelenkt  wird,  und  dass  es  unter  allen  Umständen  das  Sicherste 
und  Gerathenste  ist,  jeden  Erklärungs-Versuch  irgend 
einer  Natur-Erscheinung  mindestens  so  lange  aufzuschieben, 
bis  die  Thatsache  unzweifelbar  feststeht.  Wo  dies  versäumt, 
und  auf  einer  blossen  Behauptung,  sie  komme  woher  sie  wolle, 
fortgebaut  wird,  da  geht  es  oft,  wie  mit  der  berühmten  Preis- 
frage wegen  des  Fisches,  der  das  Gewicht  eines  Kübels  mit 
Wasser  nicht  vermehren  sollte,  weil  er  in  dem  Wasser  schwimmet, 
und  wobei  sich,  bis  auf  Einen,  eine  ganze  Akademie  von 
stockgelehrten  Männern  lächerlich  machte.34) 


33)  Um  etwas  für  recht  tief  zu  halten,   muss  man  nie  erfahren,  wie 
tief  es  ist.  Lichtenberg,   Hogarth.  PI.   I. 

34)  Dans  la  bouche  de  Galien,   ce   grand    dominateur  de  la  medecine 


Ißg  III.  Buch.     Aphorism  4,  5. 

4.  Herbstkrankheiten  sind  zu  jeder  Jahreszeit  zu  erwar- 
ten, wenn  an  demselben  Tage  Hitze  und  Kälte  schnell 
mit  einander  abwechseln. 


In  dem  Klima,  worin  Hippokrates  lebte,  mag  dies  richtig 
sein,  wie  es  auch  von  Celsus  (VI,  6)  bestätigt  wird.  Bei  uns 
kommen  die  Beschwerden,  welche  ein  schneller  Temperatur- 
Wechsel  hervorruft,  eben  so  häufig  im  Frühjahre,  als  im 
Herbste  vor,  und  können  daher  nicht  mit  dem  Namen:  Herbst- 
krankheiten bezeichnet  werden.  Auch  Galenus  bemerkt  ganz 
richtig  zu  diesem  Aphorism,  dass  nicht  die  Jahreszeit,  son- 
dern vielmehr  die  Temperatur  derartige  Krankheiten  verur- 
sache. Man  hüte  sich  also,  solche  Zeit- und  Veranlass ungs- 
Umstände  miteinander  zu  verwechseln,  besonders  da,  wo  ein 
Lehrsatz  aufgestellt  werden  soll.  Es  geht  Einem  dann  leicht, 
wie  dem  Kinde ,  welches  bemerkt  hatte ,  dass  bei  schlechtem 
Wetter  des  Vaters  Spazierstock  in  der  Ecke  stand,  und  diesen 
forttrug,  damit  die  Sonne  wieder  scheinen  sollte. 


Südwinde  veranlassen  Schwerhörigkeit ,  Gesichtsver- 
dunkelung, Schwere  des  Kopfes,  Trägheit  und  Mattig- 
keit-, wo  Jene  herrschen,  da  finden  sich  diese  Beschwer- 
den als  Begleiter  der  Krankheiten  ein.  Wehet  der 
Wind  aus  dem  Norden,  so  erscheinen  Husten,  Rauh- 
heit der  Kehle  ,  Stuhl-  und  Harn- Verhaltung ,  Fieber- 
schauder, Seitenschmerzen  und  Brustbeschwerden,  und 
bei  diesem  Winde  hat  man  dergleichen  begleitende 
Zufälle  bei  den  Krankheiten  zu  gewärtigen. 


Dieser  Aphorism  "giebt  Veranlassung  zu  zwei  nicht  unwich- 
tigen Glossen  für  die  Heilwissenschaft. 


dont  l'empire  absolu  dura  quatorze  siecles,  cette  sentence:  „la  medecine, 
c'est  mon  Systeme !" ,  n'eut  pas  ete  raoins  ridiculement  fausse ,  que  dans 
celle  de  Louis  XIV  ces  paroles  fameuses:    „l'etat  c'est  moi!" 

De  Zeimeris,  lettres.  p.  68. 


III.  Buch.     Aphorism  5.  169 

Zuerst  ist  nämlich  der  Einfluss  der  Witterung  und 
der  Temperatur  hervorzuheben,  welcher  gewöhnlich  in  den 
beiden  sich  entgegenstehenden  Winden,  dem  Süd-  und  dem 
Nord- Winde,  sich  am  deutlichsten  in  seinen  Gegensätzen  aus- 
spricht. Dass  die  Luftströmung  an  und  für  sich  dabei  gleich- 
gültig ist,  bedarf  wohl  keiner  näheren  Ausführung.  Aber  die 
uns  noch  grossentheils  unbekannten  Vorgänge  und  Kräfte, 
welche  derselben  ihre  Richtung  vermitteln,  führen  gleichzeitig  mit 
dieser  auch  noch  andere  Verhältnisse  und  Umstände 
herbei,  denen  die  Hauptsache  in  der  Einwirkung  auf  den  mensch- 
lichen Organismus  zugeschrieben  werden  muss.  Da  wir  Diese 
aber,  eben  weil  wir  sie  nicht  hinlänglich  kennen,  auch  nicht 
namentlich  anführen  können:  so  sind  wir  genöthigt,  ein  sicht- 
bares Merkmal  anzugeben,  was  damit  gepaart  zu  gehen  pflegt. 
Daher  hat  sich  auch  bei  uns  (in  Westphalen)  unter  dem  Volke 
ein  Wahr spruch  gebildet  und  erhalten,  welcher  damit  einiger- 
maassen  übereinstimmt  und  also  lautet:  Südwind  —  Müd- 
wind,  Westwind  —  Bestwind,  Nordwind  — Mordwind, 
Ostwind  —  Hostwind!  In  der  Regel  trifft  dies  auch  (für 
Brust-Kranke)  zu;  aber  in  den  letzten  Jahren,  wo  auf  und  über 
der  Erde  mancherlei  Regelloses  und  Ungeheuerliches 
vor  sich  gegangen,  gab  es  doch  auch  in  dieser  Hinsicht  zahl- 
reiche Ausnahmen  von  der  Regel,  und  namentlich  in  Bezug 
auf  Temperatur  und  Feuchtigkeit  der  Luft  im  Verhält- 
nisse zu  den  herrschenden  Winden.  Man  darf  deshalb 
diesen  hippokratischen  Lehrsatz  nicht  allzu  wörtlich  nehmen, 
sondern  muss  jederzeit  die  Art  und  das  Verhalten  der  vorkom- 
menden Zeichen,  abgesehen  von  ihrem  vermuthlichen  Ursprünge 
oder  ihrer  nur  zufälligen  Begleitung,  in  Betracht  ziehen,  und  die 
Mittelwahl  nach  der  deutlich  erkennbaren  Wirklichkeit 
der  Anzeigen,  niemals  aber  nach  räthselhaften  Vermu- 
thungen  treffen.35) 


35)  Zu  den  merkwürdigsten  Erscheinungen  in  dieser  Beziehung  gehört 


170  m-  Buch.     Aphorism  5. 

Der  andere  Gegenstand,  der  hier  ein  Paar  Worte  verdient, 
ist  der,  dass  Hippokrates  in  dem  gegenwärtigen  Aphorism ,  und 
zwar  an  den  beiden  betreffenden  Stellen,  deutlich  ausspricht,  dass 
unter  den  aufgeführten  Beschwerden  nicht  sowohl  die  Krank- 
heit selbst  zu  verstehen  sei,  sondern  vielmehr  die  beglei- 
tenden Zeichen,  die  sich  durch  die  angegebenen  Umstände 
im  Gefolge  derselben  einfinden  und  eben  dadurch  dem  Ge- 
sammtbilde  einige  bestimm  te  und  scharf  ausgeprägte 
Züge  mittheilen.  Wenn  nun  aber,  wie  wir  Homöopathen  die 
unerschütterlichste  Ueberzeugung  haben,  der  Mensch  gleich- 
zeitig nur  in  einer  Weise  krank  sein  kann,  mithin  alle  gleich- 
zeitigen Beschwerden  zu  einer  und  derselben  Gesammt- 
Krankheit  gehören:  so  wird  es  begreiflich,  dass  bei  der  Wahl 
des  Heilmittels    auch    diese  Einflüsse    nebst  ihren   Folgen 


ohne  Zweifel  die,  dass  in  der  zweiten  Hälfte  des  eben  ablaufenden  nassen 
Jahres  1860  die  meisten  akuten,  sowie  auch  viele  chronische  Krankheiten 
entschieden  auf  Lach,  oder  Ap.  mell.  hindeuteten,  und  in  der  That  von 
diesen  beiden  Thiergiften  (in  den  allerkleinsten  Gaben)  die  auffallendsten 
Heilungen  erfolgten.  Wir  wurden  zunächst  durch  das  äussere  Ausseben 
der  verschiedenen  Haut-Uebel  und  durch  die,  diesen  beiden  Mitteln  eigen- 
thümlichen  Empfindungen  an  den  leidenden  Theilen  daraufhingelenkt,  mach- 
ten aber  später  noch  die  wiederholte  Erfahrung,  dass  selbst  da,  wo  andere 
Mittel  noch  angemessener  schienen,  diese  dennoch  die  rascheste  und  dauer- 
hafteste Heilkraft  bewiesen.  Obwohl  ähnliche  Erscheinungen  eben  nicht 
zu  den  Seltenen  gehören,  so  traten  sie  doch  in  unserer  vieljährigen  Praxis 
niemals  so  deutlich  hervor,  währten  auch  nicht  so  lange,  als  in  dem  eben 
erwähnten  Zeiträume.  —  Wir  finden  nicht,  dass  diese  Beobachtung  auch 
noch  anderwärts  gemacht  ist. 

Die  Mannigfaltigkeit  der  Meinungen  ist  ein  Beweis,  dass  die  Natur 
des  Gegenstandes  noch  nicht  klar  ist.  Denn  wenn  die  Wahrheit  erst  ge- 
funden ist,  so  tritt  Gewissheit  bei  jedem  schlichten  Menschenverstände  an 
die   Stelle  der  Hypothesen.  Reil,  allgem.  Fieberlehre  §.   9. 

,,Eine  Therapie",  —  sagt  Prof.  Wunderlich  (dessen  und  Röser's 
Archiv  1846,  1.  Hft.)  —  „die  sich  auf  den  Takt,  statt  auf  durchdachte 
wissenschaftliche  Prinzipien  stützt,  ist  nichts  als  ein  Apparat  von  dunkeln, 
unbegreiflichen  Regeln  und  ungenauen  Erinnerungen ,  sie  ist  nicht  besser, 
als  die  Bauernregel  des  Kalendermannes  und  pedantischer,  pretensiöser  und 
complicirter,   als  die  Theorie  der  Schäfer  oder  Charlatane." 


III.  Buch.     Aphorism  5.  171 

wesentlich  mit  zur  Berücksichtigung  kommen  und  dazu  selbst 
einen  namhaften  Beitrag  liefern  müssen.  Dies  Alles  wird  um 
desto  einleuchtender,  wenn  man  unsere  Reine  Arzneimittel- 
Lehre  etwas  genauer  ansieht.  In  den  Prüfungs-Ergebnissen 
der  meisten  Arzneistoffe  finden  wir  nämlich  die  allgemeinen 
Umrisse  fast  jeder  Art  von  Krankheit  mehr  oder  weniger 
deutlich  ausgesprochen ;  eben  so  treten  zahlreiche  begleitende 
Nebenbeschwerden  von  grösserer  oder  geringerer  Erheblich- 
keit auf,  so  dass  man  glauben  sollte,  jedes  erste  beste  Mittel 
entspräche  durch  die  Aehnlichkeit  seiner  Symptome  dem 
vorliegenden  Krankheitsfalle.  Bei  weiterem  Nachfor- 
schen ergeben  sich  aber  hier  und  dort  Abweichungen  und 
AVidersprüche,  worin  Gegen-Indikationen  enthalten  sind. 
Die  verschiedenen  Tageszeiten,36)  Wärme,  Kälte,  Bewe- 
gung, Ruhe,  freie  Luft,  Stuben-Luft,  einige  Speisen 
oder  Getränke,  und  hundert  andere  Dinge  ähnlicher  Art  zei- 
gen sich  den  ermittelten  Symptomen  in  ihrem  günstigen  oder 
ungünstigen  Einflüsse  angemessen  oder  widersprechend. 
In  diesen  Nebenbe  seh  werden,  Verschlimmerungen  und 
Besserungen,  mit  ihrer  scharfen,  individuellen  Ohara k- 
terisirung,  nicht  aber  in  dem  allgemeinen  Krankheits- 
Charakter,  oder  gar  in  dem  Namen  derselben,  ist  dasjenige 
zu  suchen,  was  schliesslich  die  Wahl  bestimmen  muss,  und  zu 
Jenen  gehören  auch  selbstverständlich  die  in  diesem  Aphorism 
erwähnten  Befindensveränderungen,  durch  Temperatur  und 
Luftbeschaffenheit  veranlasst.  —  Ob  Hippokrates  dies  Alles 
so  deutlich  eingesehen  hat,  wie  wir,  die  wir  auf  seinen  Schultern 


36)  Ipsum  diem  alii  aliter  observavere.  Babylonii  inter  duos  Solis 
exortus:  Athenienses  inter  duos  occasus:  Umbri  a  meridie  in  meridiem: 
vulgus  omne  a  luce  ad  tenebras:  sacerdotes  Romani,  et  qui  diem  diffiniere 
civilem  ,  item  Aegyptii,  et  Hipparcbus,  a  media  nocte  in  mediam. 

Plinius  II,  79. 


172  HI.  Buch.    Aphorism  6,  7. 

stehen,  ist  sehr  zu  bezweifeln;  aber  die  Andeutung  hat  er 
ohne  Zweifel  und  verständlich  genug  gegeben,  mithin  die  Wahr- 
heit wenigstens  schon  geahnt. 


6.     Wenn    der    Sommer    dem   Frühlinge    gleicht,    so    darf 
man  bei  den  Fiebern  heftige  Schweisse  erwarten. 


Dieser  Lehrsatz  kann  schwerlich  auf  einer  langen,  konstan- 
ten Erfahrung  beruhen,  weil  er  zu  viele  Ausnahmen  erleidet, 
wie  wir  noch  in  den  letzten  Jahren  gesehen  haben.  Auch  früher 
mag  solches  oft  der  Fall  gewesen  sein :  denn  Celsus  spricht  in 
einer  Parallelstelle  zu  diesem  Aphorism  (II,  1),  als  Bedingung 
für  diese  heftigen  Fieberschweisse ,  von  einer  namhaften  Hitze, 
die  zeitig  im  Frühjahre  anfängt  und  so  den  Sommer  hindurch 
fortdauert,  nicht  aber  von  einer  bloss  gleichförmigen  Witterung 
in  diesen  beiden  Jahreszeiten,  wie  Hippokrates. 


Trockne  Luft  erregt  hitzige  Fieber.  Ist  nun  die  Jah- 
reszeit grösstenteils  so  beschaffen,  so  darf  man  auch 
solche  Krankheiten  erwarten. 


Der  Merkwürdigkeit  wegen  erlauben  wir  uns  zu  diesem, 
übrigens  erfahrungsmässigen  Aphorism  die  Erklärung  eines,  Alles 
handgreiflich  erklären  wollenden  Kommentators  derneuer  n 
Zeit  anzuführen.  Er  behauptet  nämlich:  diese  bekannte  Erfah- 
rung habe  darin  ihren  Grund,  dass  trockne  Luft  vorzugsweise 
reich  sei  an  Sauerstoff  gas,  welches  solche  hitzige  Fieber 
begünstige. 3r)     Am  Schlüsse    dieses  Kommentars    fügt   er  noch 


37)  Giacomini  berichtet  uns  (im  traite  de  la  matiere  medicale  et  de 
therapeutique,  p.  350),  dass  im  Jahre  1818,  wo  die  Chemiker  Davy  und 
Mojon  die  Luft  der  Maremnen  und  der  pontinischen  Sümpfe  auf's  Genaueste 


III.  Buch.     Aphorism  8.  173 

hinzu:  dass  trockne  heisse  Luft  akute,  feuchte  kalte 
Luft  chronische  Krankheiten  erzeuge!  —  Man  möchte  sich 
veranlasst  sehen,  dem  gelehrten  Manne  die  Frage  vorzulegen: 
welche  Krankheiten  alsdann  von  der  trocknen  kalten  und 
von  der  feuchten  warmen  Luft  erzeugt  würden?38) 


Bei  regelmässiger  Beschaffenheit  der  Jahreszeiten ,  wo 
die  Witterung  zeitgemäss  sich  gestaltet,  haben  auch 
die  Krankheiten  ihren  regelmässigen  Verlauf  und  eine 
leichte  Entscheidung;  in  den  Unregelmässigen  aber 
verlaufen  diese  ebenfalls  unregelmässig  und  entschei- 
den sich  schwer. 


Wenn  dieser  Lehrsatz  auch  im  Allgemeinen  für  richtig  an- 
genommen werden  darf:  so  wird  er  doch  hier  und  da  auf  Aus- 
nahmen stossen. 39) 


untersuchten,  diese  nicht  die  mindesten  Abweichungen  von  der  reinsten  At- 
mosphäre gefunden  hätten. 

38)  Eine  unlängst  erschienene  Schrift  unter  dem  Titel:  Klimatisch- 
Therapeutisches  Chaos  von  Dr.  Schlesinger  (in  Wien  1861)  enthält  äusserst 
beherzigenswerthe  und  auf  Thatsachen  begründete  Ermahnungen  für  dieje- 
nigen Aerzte,  welche  ihre,  meistens  phthisische  Kranken  zu  deren  grösserem 
Nachtheile  in  südlichere  Klimate  schicken.  Merkwürdiger  Weise  stimmt 
damit  im  Wesentlichen  überein  die  von  der  Pariser  Akademie  der  Medizin 
1855  gekrönte  Preisschrift  von  Jules  Rochard.  Und  dennoch  besteht  der 
Unsinn  nach  wie  vor  ! 

39)  Zu  den  unerklärlichsten  äusseren  Einwirkungen  gehört  ohne  Zwei- 
fel die  der  Witterung  auf  die  sogenannten  gichtischen  und  rheuma- 
tischen Beschwerden.  Wenn  dieser  Einfluss  sich  nämlich  auf  das  bereits 
vorhandene  Wetter,  oder  auf  die  unmittelbare  Einwirkung  des- 
selben auf  den  Körper  beschränkte :  so  wäre  dies  weniger  räthselhaft ,  ob- 
wohl noch  immer  schwer  zu  erklären.  Da  jedoch  erfahrungsmässig ,  oft 
schon  lange  vor  Eintritt  der  nachtheiligen  Wetter -Veränderung,  selbst 
in  der  verschlossenen  und  geheizten  Stube,  oder  im  Bette,  solche  Schmer- 
zen sich  bis  zum  Unerträglichen  steigern:  so  konnte  bisher  noch  kein  phy- 
siologischer   Erklärungsversuch    irgend    genügen.     Die    Schwierigkeit    wird 


174  HI.  Buch.    Aphorisui  9,   10,   11,   12. 

9.  Im  Herbste  erlangen  die  Krankheiten  ihre  grösste 
Heftigkeit  und  Tödtlichkeit.  Der  Frühling  ist  die 
gesundeste  Jahreszeit  und  die  Sterblichkeit  die  Geringste. 


Unsere  statistischen  Uebersichten  bestätigen  dieses  nicht 
so  entschieden,  wie  es  hier  versichert  wird. 


10.    Für  Schwindsüchtige  ist  der  Herbst  am  gefährlichsten. 


Da  sowohl  Galenus  als  Celsus  diese  beiden  vorhergehenden 
Lehrsätze  des  Hippokrates  bestätigen ,  so  muss  es  damit  in  der 
Heimat  jener  Aerzte  wohl  seine  Richtigkeit  haben.  Bei  uns 
stellt  sich  die  Sache  vielfach  anders.  Der  Herbst  bringt  uns 
zwar  oft  manche  akute  Krankheiten,  und  darunter  nicht  selten 
Bösartige;  aber  der  Winter,  und  noch  mehr  das  Frühjahr, 
(„wenn  das  Laub  wieder  auf  die  Bäume  kommt"),  raffen  in  un- 
serem Klima  wohl  die  meisten  Schwindsüchtigen  fort. 


11.  In  Beziehung  auf  die  Jahreszeiten  werden,  wenn  der 
vorhergegangene  Winter  bei  vorherrschendem  Nord- 
winde trocken,  der  Frühling  hingegen  bei  Südwinden 
regnerisch  gewesen  ist,  im  Sommer  hitzige  Fieber, 
Augenentzündungen  und  Kuhren  vorkommen,  und  zwar 
am  Meisten  bei  Frauen  und  säftereichen  Männern. 


12.  Wenn  aber  der  Winter  bei  vorherrschenden  Südwin- 
den weich  und  regnerisch,  der  Frühling  hingegen  bei 
Nordwinden  trocken  ist,  so  sind  die  Frauen,  welche 
im  Frühjahre  ihre  Niederkunft  erwarten,  schon  bei 
geringfügigen  Anlässen    den   Fehlgeburten    ausgesezt, 


aber  noch  bedeutend  grösser,  wenn  man  dabei  erwägt,  dass  bei  dem  Einen 
die  nasse,  bei  dem  Andern  die  trockne  Witterung  solche  Verschlimme- 
rungen bedingt. 


III.  Buch.     Aphorism  13,   14,  15.  175 

und  die  zur  richtigen  Zeit  Niederkommenden  gebären 
schwächliche  und  ungesunde  Kinder,  welche  entweder 
bald  dahinsterben,  oder  kränkelnd  und  abzehrend  fort- 
leben. Die  übrigen  Menschen  bekommen  Ruhren  oder 
trockene  Augenentzündungen,  bejahrte  Leute  aber 
Katarrhe,  welche  sie  in  kurzer  Zeit  fortraffen. 


13.  Wenn  der  Sommer  mit  voi'herrschenden  Nordwinden 
trocken,  der  Herbst  aber  mit  Südwinden  feucht  ist,  so 
folgen  im  Winter  darauf  Kopfschmerzen,  Husten,  Hei- 
serkeit, Schnupfen,  bei  Einigen  auch  Schwindsuchten. 


14.  Wenn  der  Herbst  bei  vorherrschendem  Nordwinde 
trocken  ist,  so  ist  er  besonders  den  säftereichen  Män- 
nern und  den  Frauen  zuträglich.  Bei  den  Uebrigen 
werden  aber  trockene  Augenentzündungen,  theils  hitzige, 
theils  langwierige  Fieber,  so  wie  Solche  vorkommen, 
welche  von  schwarzer  Galle  entstehen. 


Mit  kurzer  Hinweisung  auf  Dasjenige,  was  wir  in  der  Glosse 
zum  1.  Aphorism  dieses  Buchs  gesagt  haben,  enthalten  wir  uns 
hier,  wie  bei  den  Folgenden,  jedes  Zusatzes  um  so  mehr,  als 
solche  allgemeine  und  dabei  für  unsere  Gegend  kaum  passende 
Angaben  für  den  Homöopathen  ganz  ohne  Werth  sind. 


15.  In  Beziehung  auf  die  Jahres- Witterung  ist  im  Allge- 
meinen eine  anhaltende  trockne  Luft  zuträglicher  und 
der  Gesundheit  weniger  schädlich,  als  viele  Regen- 
tage. 40) 


40)  „Ich  glauhe  die  Behauptung  begründen  zu  können,  dass  durch- 
gängig anhaltend  nasses,  Regen-  oder  Schnee-Wetter  der  menschlichen  Ge- 
sundheit zuträglicher  ist,  als  andauernde  trockne,  warme  oder  kalte  Wit- 
terung. Kopp ,  Beobachtungen  S.   19. 

„Der  im  Allgemeinen   günstige  Gesundheitszustand   in   Berlin   während 


176  m-  Buch-     Aphorism  16,   17,  18. 

16.  Bei  regnerischer  Witterung  stellen  sich  häufig  folgende 
Krankheiten  ein:  langwierige  Fieber,  Bauchflüsse,  faule 
Geschwüre,  Fallsuchten,  Schlagflüsse  und  Bräune.  Bei 
trockner  Luft  erscheinen:  Schwindsuchten,  Augenent- 
zündungen, Gliederreissen,Harn- und  Stuhl -Beschwerden, 


17.  In  Hinsicht  der  täglichen  Witterungs- Beschaffenheiten 
machen  die  Nordwinde  den  Körper  fest,  kräftig,  ge- 
wandt ,  frisch  von  Farbe ,  und  schärfen  das  Gehör  •, 
dahingegen  verursachen  sie  aber  auch  Stuhlverhärtung, 
Brennen  in  den  Augen,  und  vermehren  die  bereits 
vorhandenen  Brustschmerzen.  Die  Südwinde  machen 
im  Gegentheile  den  Körper  schlaff  und  feucht,  und 
verursachen  Schwerhörigkeit,  Kopfschwere,  Trübsichtig- 
keit,  Schwerbeweglichkeit  und  durchfällige  Stühle.41) 


18.  In  Beziehung  auf  die  Jahreszeiten  befinden  sich  die 
Kinder  und  die  dem  Kindesalter  eben  Entwachsenen 
im  Frühlinge  und  in  dem  Beginne  des  Sommers  am 
besten;  alte  Leute  hingegen  im  Sommer  und  in  der 
ersten  Hälfte  des  Herbstes ;  diejenigen  endlich,  welche 
in  der  Mitte  zwischen  jenen  beiden  Altern  stehen ,  in 
der  zweiten  Hälfte  des  Herbstes  und  im  Winter, 


des  Sommers  veranlasst  eine  medizinische  Zeitschrift,  auf  die  alte  Er- 
fahrung hinzuweisen ,  dass  das  sogenannte  schlechte  Wetter  in  unserem 
Klima  den  Menschen  besser  bekomme,  als  trockne  Sommerhitze.  Beson- 
ders im  Monate  August  war  die  Sterblichkeit  in  Berlin  eine  ungewöhnlich 
geringe."  Neue  Pr.  Zeitung  1860,  No.  226. 

„Wir  haben"  —  (im  November  1816)  —  „medizinische  Ferien. 
Merkwürdig  ist  der  ausgezeichnet  gute  allgemeine  Gesundheitszustand  im 
Sommer  und  Herbste  'dieses  Jahres,  wenngleich  Sommer  und  Frühling  zu 
den  unfreundlichen  und  nassen  gehörten".  Hufeland  und  Harles  Journ.  f. 
p.  H.  1816.     November,  S.   133. 

41)  Aus  mehreren  Stellen  der  hippokratischen  Schriften  scheint  her- 
vorzugehen, dass  er  die  Tageszeiten  (Morgen,  Mittag,  Abend  und  Nacht) 
mit  den  Jahreszeiten  (Frühjahr,  Sommer,  Herbst  und  Winter)  vergleicht 
und  ihnen  ähnlichen  Einfluss  zuschreibt. 


III.  Buch.     Aphorism  19,  20,  21.  177 

19.  Obzwar  sich  Krankheiten  aller  Art  zu  jeder  Jahres- 
zeit einfinden,  so  entstehen  und  verschlimmern  sich 
doch  Einige  davon  mehr  in  dieser  oder  jener  Jahreszeit. 


20.  So  erscheinen  am  häufigsten  im  Frühjahre:  Wahnsinn, 
Schwermuth,  Fallsucht,  Blutflüsse,  Bräune,  Stock-  und 
Fliessschnupfen,  Husten,  Aussatz,  Flechten,  weisse 
Flecken,  eiternde  Geschwüre,  Geschwülste  und  Gelenk- 
schmerzen. 


21.  Im  Sommer  treten  zu  einigen  der  Ebengenannten  noch 
hinzu :  anhaltende  Fieber ,  hitzige  Fieber ,  drei  und 
viertägige  Wechselfieber,  Erbrechen,  Durchfall,  Augen- 
entzündung, Ohrenschmerzen ,  Mundgeschwüre,  faule 
Geschwüre  an  den  Schamtheilen  und  Hitzblattern. 


Aus  dem,  was  in  diesem  Aphorism  über  die  Geschwüre 
an  den  Genitalien  erwähnt  ist,  haben  einige  Schriftsteller  den 
Schluss  ziehen  wollen,  dass  Solche  syphilitischer  Natur  ge- 
wesen, mithin  die  Lustseuche  bereits  dem  Hippokrates  be- 
kannt gewesen  sei.  Wenn  man  aber  weiss,  wie  es  die  Geschichte 
der  Medizin  lehrt,  dass  diese  Krankheit  erst  im  15.  Jahrhundert 
in  Europa  erschienen  ist,  dass  Celsus  in  seiner  Parallelstelle 
(II,  1)  diese  Geschwüre  als  Bös-  oder  Krebsartige  (Cancros) 
bezeichnet,  die  auch  an  den  übrigen  Theilen  des  Körpers  aus- 
brechen können,  und  Galenus  dieselben  Faulende  nennt:  so 
dürfte  eine  solche  Annahme  keinen  gültigen  Grund  für  sich  haben. 
Auch  Quecksilber -Geschwüre,  wie  sie  bei  der  sogenannten 
secundären  Syphilis  vorkommen,  können  hier  nicht  gemeint 
sein,  weil  dieses  Metall,  welches  erst  im  11.  Jahrhundert  durch 
arabische  Aerzte  nach  Europa  gebracht  wurde,  dem  Hippokrates 
gänzlich  unbekannt  war.42) 


42)  Wenn,  wie  Einige  glauben,    die  Vermuthung  begründet  ist,    dass 
Celsus  (V,  28,  14)    unter  Acrothymium    in    der   That  Feigwarzen    ver- 

12 


178  HI.  Buch.     Aphorism  22,  23,  24,  25. 

22.  Im  Herbste  währen  ebenfalls  noch  Manche  von  den 
Sommer krankheiten  fort,  und  Folgende  treten  hinzu: 
Viertägige  und  unregelmässige  Wechselfieber,  Milzauf- 
treibung,  Wassersucht,  Schwindsucht,  Harnbeschwerden, 
Magenruhr,  Herbstruhr,  Hüftweh,  Bräune,  Engbrüstig- 
keit, Darmgicht,  Fallsucht,  Raserei  und  Melancholie. 


23.  Der  Winter  bringt  Seitenstiche ,  Lungenentzündung, 
Schlafsucht,  Schnupfen,  Heiserkeit,  Husten,  Brust-  und 
Seiten-Schmerzen,  Hüftweh,  Kopfschmerzen,  Schwindel 
und  Schlagflüsse.  43J 


24.  In  Beziehung  auf  die  Verschiedenheit  des  Alters  stellen 
sich  bei  neugeborenen ,  kleinen  Kindern  ein :  Mund- 
schwämmchen, Erbrechen,  Husten,  Schlaflosigkeit,  Auf- 
fahren   im   Schlafe,    Nabelentzündungen    und    Ohren  - 

Ausflüsse. 


25.  Bei  den  im  Zahnen  begriffenen  Kindern  sehen  wir. 
Jucken  des  Zahnfleisches,  Fieber,  Krämpfe,  Durchfall," 
und  zwar  vorzüglich  beim  Durchbruche  der  Augen - 
zahne,  und  bei  denjenigen  Kindern,  die  sehr  fett  und 
hartleibig  sind. 


standen  hat:  so  würde  daraus  hervorgehen,  dass  die  Sycosis  eine  sehr  alte 
Krankheit  ist,  und  lange  vor  Einschleppung  der  Syphilis  bekannt  war,  mit- 
hin auch  davon  sehr  verschieden  sein  rnuss.  —  Die  Sycosis  des  Celsus 
(VI,  3)  gehört  natürlich  nicht  hierher.  Dagegen  giebt  es  unter  den  im 
Aph.  24  genannten  Mundschwämmchen  (Aphthae)  der  Kinder  nicht  sel- 
ten dergleichen  von  sy kotischer  Natur,  die  in  der  Thuja  ihr  schnellstes 
und  sicherstes  Heilmittel  finden  und  von  sykotischen  Eltern  angeerbt  wer- 
den können,  —  eine  Thatsache,  worüber  wir  selbst  ein  Paar  merkwürdige 
und  sichere  Erfahrungen  gemacht  haben.  —  Vergl.  übrigens  Aetius ,  tetr. 
IV,  2,  4  und  Paul.  Aegin.  VI,  71. 

43)  Der  von  Hippokrates  beobachtete  Einfluss  von  Klima  und  Witte- 
rung, wovon  die  herrschende  Krankheits-Konstitution  zum  grössten  Theile 
abhängt,  wurde  insebsondere  auch  von  Sydenham  und  Stoll  mit  grosser 
Beharrlichkeit  verfolgt.  Es  ist  aber  nur  zu  bedauern,  dass  wir  jene  Ein- 
flüsse und  ihre  Wirkungen  noch  viel  zu  wenig  kennen,  um  grossen  Nutzen 
daraus  zu   ziehen. 


III.  Buch.     Aphorism  26,  27,  28.  179 

26.  Bei  den  heranwachsenden  Kindern  finden  sich:  Ent- 
zündungen der  Mandeln,  Einwärtskrüinmung  der  ober- 
sten Halswirbel  zunächst  am  Hinterkopfe,  Engbrüstig- 
keit, Steinbeschwerden,  Spulwürmer,  Madenwürmer, 
gestielte  Warzen, 44)  Ohrdrüsen- ,  Kropf-  und  andere 
Drüsen-Anschwellungen. 


27.  Bei  noch  älteren,  der  Mannbarkeit  sich  nähernden 
Kindern  treten  zu  Mehreren  der  eben  Genannten  noch 
hinzu:  langwierige  Fieber  und  Nasenbluten. 


28.  Die  meisten  dieser  Kinder  -  Krankheiten  entscheiden 
sich,  Einige  in  vierzig  Tagen,  Andere  in  sieben  Mo- 
naten, noch  Andere  in  sieben  Jahren,  und  wieder  An- 
dere erst  bei  eintretender  Mannbarkeit.  Diejenigen 
aber,  welche  anhaltend  sind,  und  bei  den  Knaben 
nicht  spätestens  zur  Zeit  der  Mannbarkeit,  bei  den 
Mädchen  zur  Zeit  des  Durchbruchs  der  monatlichen 
Reinigung  zur  Entscheidung  kommen,  pflegen  von 
langer  Dauer  zu  sein. 

Es  wäre  wichtig  und  lehrreich  gewesen»  wenn  Hippokrates 
statt  dieser  ganz  allgemeinen  Angaben  und  der  trockenen  Auf- 
zählung von  generellen  Krankheitsnamen,  die  meistens 
nur  als  unbestimmte  Kollektiv-Benennungen  für  einzelne  hervor- 
tretende Erscheinungen ,  aber  nicht  für  eine  genaue  Bezeichnung 
der  speciellen  Krankheiten  selbst  angesehen  werden  können,  die- 
jenigen wenigstens  namhaft  gemacht  hätte,  welche  in  der  Regel 
eine  schnellere  oder  langsamere  Entscheidung  erwarten  lassen. 
So,  wie  hier  in  den  vorstehenden  Aphorismen  die  verschiedenen 
Krankheiten  ohne  alle  Ordnung  aufgefübrt  sind,  sehen  wir  akute 
Leiden  zwischen  den  unverkennbaren  Anfängen  der  Chroni- 
schen in  buntem  Gemenge  durcheinander,  und  der  Aphorism 
28  bringt  in  dieser  Beziehung  nicht  das  mindeste  Licht  hinein. 


44)  Ausser  den  gestielten  Fe. ig warzen,  die  auf  Thuja  deuten  und 
sykotischer  Natur  sind,  giebt  es  auch  noch  Andere  dergleichen,  die  Dulc, 
Lyc,  Ph.  ac,  oder  Staph.  zur  Heilung  verlangen. 

12* 


180  HI-  Buch.    Aphorisra  28. 

Dieses  Durcheinanderwerfen  von  Krankheitsgattungen,  die 
in  ihrer  Natur  und  in  ihrem  Verlaufe  so  unendlich  verschieden 
sind,  ist  ein  Mangel,  der  auch  heute  noch  in  den  meisten  pa- 
thologischen Lehrbüchern  fortdauert,  und  wir  Homöopathen  haben 
alle  Ursache,  die  Kriterien  von  Akut  und  C h r o n i seh  s trenge 
ins  Auge  zu  fassen,  und  darnach  die  Mittel  zu  wählen,  die  für 
jede  Art  derselben  nicht  nur  für  kurze  Zeit  und  nur  vorüber- 
gehend, sondern  gründlich  und  dauerhaft  heilend  sind.45) 
Wo  Dieses  vernachlässigt  wird,  da  muss  man  unvermeidlich  bald 
in  den  Fall  kommen,  die  Wahrheit  Dessen  einzusehen,  was  Hahne- 
m an n  im  ersten  Theile  seines  Werkes  über  die  chronischen 
Krankheiten  (S.  4  der  zweiten  Auflage)  von  der  früheren, 
ebenfalls  homöopathischen  Behandlung  derselben  sagt:  „Ihr 
Anfang  war  erfreulich,  die  Fortsetzung  minder  gün- 
stig, der  Ausgang  hoffnungslos!"46)  Mögen  Einige  (oder 
auch  Viele)  von  Denen,  die  sich  mit  dem  Prädikate:  Homöopa- 
then schmücken,  ihre  feinste  Dialektik  aufbieten,  um  den  gros- 
sen Stifter  der  neuen  Schule  eben  in  diesem  Punkte  der  Incon- 
sequenz,  des  Theoretisirens,  ja  des  Verleugnens  seines 
eigenen  Fundamental -Grundsatzes,  und  was  dergleichen 
Vorwürfe  mehr  sind,  zu  beschuldigen  und  ihr  Wissen  über  Das 
des  scharfsinnigen ,  fleissigen  und  treuen  Forschers  erheben :  Sie 
werden  doch,  wenn  sie  wahrhaft  chronische  (nicht  chronisch 
gewordene  Arznei-)  Krankheiten  aller  Art  in  der  Wirklichkeit  und 


45)  Tonte  science  se  constitue  par  la  connaissauce  d'une  loi  fondamen- 
tale,  ä  laquelle  doivent  se  rattaeher  tous  les  faits  qui  se  rapportent  ä 
cette  science.  J.  de  Monestrol,  de  l'Hom.  p.  37. 

46)  „Der  berühmte  Sydenham  glaubte  nur  gegen  hitzige  (akute) 
Krankheiten  eine  allgemein  giütige  und  durch  die  Erfahrung  hinlänglich 
begründete  Methode  aufstellen  zu  können;  von  künftigen  grösseren  Fort- 
schritten in  der  Kunst  erwartet  er  auch  eine  ähnliche  allgemeine  Methode 
gegen  die  chronischen  Uebel,  die  ihm  noch  ein  Gegenstand  der  spezifi- 
schen Mittel  blieben."  (Hecker,  Theorien,  Syst.  und  Heilmeth.  S.  118.)  — 
Nach  den  seitdem  verflossenen  zwei  Jahrhunderten  leben  wir  noch  in  der- 
selben Erwartung;! 


III.  Buch.    Aphorisin  29,  30.  181 

im  wahren  Sinne  des  Worts  heilen  wollen,  dies  nur  durch 
treue  Befolgung  seiner  Vorschriften  und  durch  homöopathische 
Anwendung  der  von  Ihm  dazu  angezeigten  (nebst  einigen  weni- 
gen nach  ihm  geprüften)  Mittel  zu  thun  vermögen.47). 


29.  Jünglinge  bekommen  Blutspeien,  Lungensucht,  hitzige 
Fieber,  Fallsucht  und  andere  Krankheiten,  besonders 
aber  die  schon  oben  Angeführten. 


Ueher  die  verschiedenen  Altersstufen  beziehen  wir  uns  auf 
Dasjenige,  was  darüber  in  der  Glosse  zu  dem  Aphorism  I,  13 
gesagt  ist. 

'  30.  Bei  Denen,  welche  dieses  Alter  überschritten  haben, 
zeigen  sich  Engbrüstigkeit,  Seitenstiche,  Lungenent- 
zündung, Schlafsucht,  Gehirnentzündung,  heisse  Fieber, 
langwierige  Durchfälle,  Gallenruhr,  Herbstrulir,  Magen- 
ruhr und  Hämorrhoiden. 


-Die  pathologische  Terminologie  ist  nicht  arm  an  Na- 
men, die  etwas  Anderes  bezeichnen,  als  ihre  Etymologie 
rechtfertigt,  oder  vermuthen  lassen  sollte.  Aber  das  Wort: 
Hämorrhoiden  dürfte  doch  vielleicht  dasjenige  sein,  was  in 
dieser  Hinsicht    alle  Uebrigen   übertrifft,    und  womit    der    aller- 


47)  „Jeder  neuen  Wahrheit"  —  sagt  Voltaire,  —  ,,geht  es,  wie  den 
Gesandten  civilisirter  Staaten  an  den  Höfen  der  Barbaren;  sie  finden  erst 
nach  vielen  Hindernissen  und  Beschimpfungen  die  geziemende  Anerkennung." 

Von  jeher,  aber  am  meisten  bei  dem  Wiedererwachen  der  Wissenschaft, 
hat  streitsüchtige  Skepsis  über  dieselbe  gewaltet,  und  wir  lesen  unter  An- 
derm  in  Willen's  Natur-Kundigen  von  1694,  Kap.  IX,  folgende,  auch  heute 
noch  so  oft  verdiente  Rüge:  —  „Da  denn  darbey  dieses  abzunehmen  ge- 
wesen, dass  die  Philosophie  eben  so  viel  Galle  als  Phlegma  bei  sieh  gehabt. 
Jedoch  ist  dabey  dieses  zu  melden,  dass  Diejenigen,  so  in  diesem  Streit 
das  grösste  Maul  gehabt,  am  allerwenigsten  fähig  gewesen,  das  rechte 
Pflöckchen  zu  treffen!" 


182  HE.  Buch.    Aphorism  30. 

grösste  Missbrauch  getrieben  wird.  Wo  man  nämlich  ein,  in 
seinem  inneren  Wesen  geheimnissvolles  Unwohlsein  oder  irgend 
eine  räthselhafte  Beschwerde  in  diesem  oder  jenem  Theile  des 
Körpers  benennen  will,  da  stellt  sich,  wie  Goethe  sagt,  dieses 
Wort  eben  zur  rechten  Zeit  ein,  um  doch  dem  Kinde  einen 
Namen  zu  geben.  Daher  ist  wohl  schwerlich  ein  anderer  Krank- 
heitsnamen unter  dem  Volke  in  solcher  Ausdehnung  verbreitet, 
wie  Dieser,  und  die  ungebildetsten  Personen  aus  den  untersten 
Ständen  hört  man  häufig  mit  diesem,  von  Aerzten  und  Nicht- 
Aerzten  gehörten,  freilich  meistens  in  „Emeriten"  oder  „Mino- 
riten"  verstümmelten  Worte  ihre  Beschwerde  angeben,  ohne 
zu  ahnden,  dass  sie  damit  Nichts,  als  eine  —  Dummheit  aus- 
sprechen. 

Bekanntlich  ist  das  Wort:  Hämorrhoiden  zusammenge- 
setzt aus  den  griechischen  Wörtern  aty-a  (Blut)  und  Qorj  (Fluss), 
und  bedeutet  also  nichts  mehr  und  nichts  weniger  als  einen 
Blutfluss.  Die  Alten  brauchten  Solches  auch  in  keinem  andern 
Sinne  und  beschränkten  es  höchstens  auf  Blutabgang  vom 
After,  wie  es  in  diesem  Aphorism  ebenfalls  verstanden  werden 
muss.  Andere  Blutabgänge  bezeichneten  sie  durch  andere 
bestimmte  Verbindungen  des  alfia,  wie  z.  B.  Haematemesis, 
Haemathidrosis,  Haematuresis,  Haematoptysis  u.  dgl. 
mehr.  Jetzt  aber  wird  diesem  Ausdrucke  mit  unverantwortlicher 
Willkürlichkeit  eine  Begriffsausdehnung  verliehen,  welche 
weder  aus  der  Etymologie,  noch  aus  einer  physiologisch 
Stich  haltenden  Anschauung  der  Sache  gerechtfertigt  werden 
kann.  Man  bezeichnet  nämlich  damit  nicht  nur  auch  noch  die 
in  Stocken  gera-thenen  Blutflüsse  aus  der  sogenannten 
goldenen  Ader  (also  trockengelegte  Flüsse),  sondern  auch  solche, 
die  niemals  vorhanden  waren,  und  nur  durch  Anschwellung 
der  A  f  t  e  r  -  A  d  e  r  k  n  o  t  e  n  eine  zweifelhafte  Andeutung  dazu  dar- 
bieten, (also  Flüsse,  die  niemals  Flüsse  waren).  Aber  auch 
hierbei  bleibt  man  nicht    einmal    stehen,    sondern    geht    noch 


III.  Buch.    Aphorism  30.  183 

weiter  und  benennt  mit  Hämo  rrhoiden  (Blutfluss)  Beschwer- 
den der  verschiedensten  Art,  wobei  von  Blutabgang  Nichts 
wahrzunehmen  ist:  Störungen  der  Verdauung,  Appetit- 
verlust, Auftreibung  des  Unterleibes,  Verstopfungen 
und  Durchfälle,  Kreuzschmerzen,  Schweiss  der  Ge- 
schlechtsteile und  des  Mittelfleisches  und  noch  vieles 
Andere  mehr.48)  Um  aber  das  Maass  solcher  argen  Begriffs- 
verwirrung vollends  bis  zum  Ueberlaufen  anzufüllen,  zieht  man 
gar  noch  Kopfschmerzen,  Husten ,  Herzklopfen,  Gelenk- 
und  Gliederschmerzen,  und,  wer  weiss,  was  Alles  sonst  noch 
in  den  Bereich  der  Blutflüsse,  und  sucht  Dies  damit  zu 
rechtfertigen  und  zu  begründen,  dass  zuweilen  durch  das  Er- 
scheinen von  Blutabgang  vom  After,  welcher  fleissig  ver- 
mittelst grosser  Gaben  von  Flores  sulphuris,  Magnesia 
alba  und  Tartarus  depuratus,  Alles  durcheinander  gemischt, 
befördert  wird,  diese  Beschwerden  (acht  allopathisch)  für  einige 
Zeit  beschwichtigt  werden,  freilich  ohne  jemals  dadurch  gründ- 
liche und  dauerhafte  Heilung  zu  erlangen. 

Gegen  solchen,  auch  mit  noch  anderen  Namen  getriebenen 
Missbrauch,  der  ursprünglich  von  den  Priestern  einer  Wissen- 
schaft ausgeht,  deren  erster  und  heiligster  Beruf  die  Er- 
haltung und  Wiederherstellung  der  Gesundheit  ist,  kann 
eine  ernste  Rüge  nicht  scharf  und  einschneidend  genug  ausge- 
sprochen werden.  Denn  nichts  befördert  mehr  die  oft  so  ge- 
fährliche Hausmittel-Quacksalberei,49)  als  solcher  Na men- 


48)  Vena  portae,  porta  malorura!  war  der  bekannte  Ausspruch  der 
Stahlianer. 

49")  ,;Quae  sunt  de  summis  meis  secretis",  —  sagt.  Joh.  Anglicus 
(Gaddesden),  —  „quod  si  scirent  hoc  homines  vulgares,  vili  penderent  artem 
et  medicos  conteinuerent."  —  Das  mag  auch  von  den  meisten  approbirten 
und  nicht  approbirten  Geheimmitteln  gelten. 

Das  erste  Volks-Arzneibuch  ist  wohl  das  7ZiK<xvi8iov  des  Thessa- 
lus,  des  Sohnes  Hippokratis  gewesen,  wovon  in  VI.  Epidem.  VIII,  12  Er- 
wähnung gethan  ist.  Uns  wundert,  dass  dieser  Titel  nicht  schon  von  me- 
dizinischen Volks-Aufklärern  usurpirt  ist. 


184  III.  Buch.  Aphorism  30. 

Unfug,  besonders  in  Verbindung  mit  den  Brochüren  und 
Journal-Ar tikeln,  die  fort  und  fort  in  immer  steigen- 
der Zahl  unter  dem  Volke  unfehlbare  Arzneien  anpreisen,  und 
zwar  oft  gegen  solche  Krankheiten,  die  zu  den  Chronischen 
gehören,  und  deren  Behandlung  viele  Aerzte  zu  ihren  Scancla- 
lis  zählen.50)  Und  wenn  nun  gar  viele  dafür  präkonisirte  Mittel 
in  allerlei  Gestalten  in  Krämer-  und  Konditor-Läden  un- 
gehindert feilgeboten  werden,51)   während  der  Homöopath 


50)  Man  würde  nicht  Unrecht  haben,  wenn  man  die  Anpreiser  der 
„unfehlbaren"  Geheimmittel  mit  den,  von  den  Einwohnern  der  Stadt  Leiden 
der  spanischen  Belagerungs-Armee  zugerufenen  Worten  abfertigte:  Fistula 
dulce  canit,  dum  volucrem  decipit  anceps! 

Hufeland's  „Haus-  und  Reiseapotheke"  ist  eine  Zugabe  zu  dessen 
„Makrobiotik"  (II,  15),  die  eben,  weil  sie  unter  solcher  Autorität  ungemein 
verbreitet  ist,  namentlich  für  den  streng  individualisirenden  Homöopathen 
mancherlei  Uebelstände  in  der  Praxis  veranlasst.  Nur  allzu  häufig  ist  von 
dergleichen  Hausmitteln,  selbst  in  gefährlichen  Fällen,  Gebrauch  gemacht, 
ehe  und  bevor  der  Rath  des  Arztes  eingeholt  wird,  und  oft  ist  damit  Vieles 
verdorben  und  die  sonst  leichte  und  schleunige  Hülfe  unmöglich  geworden. 

51)  Bei  dieser  günstigen  Gelegenheit  erlauben  wir  uns  im  Vorbei- 
gehen einen  flüchtigen  Blick  zu  werfen  auf  die  Inconsequenz  der  Me- 
dizinal-Polizei  einiger  civilisirten  Staaten,  welche  mit  grosser  Strenge 
gegen  die  selbstdispensirenden  approbirten  und  vereideten  Aerzte 
einschreitet,  während  ungehindert  und  ungeahndet  eine  beträchtliche  Menge 
arzneilicher,  zum  Th eile  gefährlicher  Präparate,  ohne  ärztliche 
Verordnung,  ausserhalb  der  Apotheken,  öffentlich  angekündigt  und 
verkauft  wird.  Zum  Belege  möge  das  nachfolgende  Verzeichniss  dienen, 
welches  vielleicht  nicht  die  Hälfte  derjenigen  enthält,  wovon  wir  noch  heute 
die  Ankündigungen  in  den  öffentlichen  Blättern  lesen,  aber  Kei- 
nes von  denen,  die  bereits  der  Vergessenheit  überliefert  sind:  — 

Alain's  Pomade  (gegen  Phthiriasis.)  —  Albers  Brustkaramellen.  — 
Anodyne  Neklace  (schmerzstillendes  Zahnhalsband).  (S.  Lichtenberg's  Ho- 
garth.  I,  S.  100).  —  Atkinson's  Cold  cream.  —  Atkinson's  smelling 
selts  (gegen  Kopfweh).  — >  Du  Barry's  Revalenta  arabica.  —  Borchard's 
aromatische  Kräuterseife.  —  Borchard's  Creme  d'Allash.  —  Borchard's 
Elixir  stomachique.  —  Boyveau- Laffecteur's  Rob.  —  Breslauer 's 
Idiaton  (gegen  Zahnweh).  —  Cigarettes -Espic  (für  Asthmatische). 
—  Creme  philocome.  —  Davidson 's  (alte)  und  neue  Zahntropfen.  — 
Des  sau  er 's  Gicht-  und  Rheumatismus -Watte.  —  Dewald's  Brustkara- 
mellen. —  Dicquemare's  Melanogene.  —  Dunn's  komprimirte  Zahn- 
seife. —  Dupuytren's    Pomade.    —    Eau    Athenienne    (für    die    Kopf- 


III.  Buch.   Aphorism  30.  185 

ausser  seinem  schwierigen  Staats-Examen  noch  eine  beson- 
dere Prüfung  bestehen  muss,  um  die  von  ihm  selbstbereileten, 


haut).  —  Enthaarungsmittel,  chinesische  und  orientalische.  —  Epinal's 
Pate  pectorale.  —  Fest's  Potsdammer  Balsam.  —  Guy  de  Montmo- 
renci's  aromatisches  Waschwasser.  —  Haarlemer  Oel.  —  Hartung's 
Chinarinden-Oel,  —  Hartung's  Kräuter-Pomade.  —  Hirsch's  Waldwoll- 
Extract-O^l.  —  Hoff's  Malz  -  Extrakt -Gesundheits-  Bier.  —  de  Jongh's 
Dorsch-Leberthran.  —  Klose's  Gliadin-Pflaster.  —  Koch's  Kräuter-Bon- 
bons. —  Kummer  fei  d's  Waschwasser.  —  Lait  de  Rose.  —  Linde's 
vegetabilische  Stangenpomade.  —  Lohse's  eau  de  Lys.  —  Mora's  haar- 
stärkendes Mittel.  ■ —  Meyer 's  weisser  Brustsyrup.  —  Orfila 's  huile  de 
Noisette.  —  Pomade  tonique  au  Rhuman  Quinquina.  —  Pong's  che- 
mische Baumwolle  (gegen  Gicht  und  Bheumatismus).  —  Rimmel's  Gly- 
cerih-Lotion-Seife.  —  Rimmel's  Hair  -  Dye.  —  Rowland's  Kalidor.  — 
Rowland's  Macassar-Oil.  —  Rowland's  Odonto.  —  Shayler's  Haar- 
färbungs-Mittel.  —  Stibbe's  Magenbitter.  —  Stollwerk's  Brustbonbons. 
Stoughton's  Magenbitter. —  Suin  de  Boutemard's  aromatische  Zahn- 
Pasta.  —  Wagner's  Rettig-Bonbons.  —  Wa  ldw  oll-  Oel.  —  Waldwoll- 
Extrakt.  —  White's  Augenwasser.  —  —  Ob  der,  vom  Polizei-Präsi- 
dium zu  Berlin  empfohlene  und  mit  Angabe  der  Niederlagen  offiziell 
angezeigte  Rettungskasten  mit  Medikamenten  hierher  gehört,  wagen 
wir  nicht  zu  entscheiden. 

Bei  dieser  Gelegenheit  können  wir  nicht  verschweigen,  dass  die  Zei- 
tungs  -  Ankündigungen  z.  B.  von  der  Revalenta  arabica,  vom  Rob. 
Laffecteur,  von  Epinal's  päte  pectorale  u.  n.  v.  And.  nach  massi- 
ger Berechnung  in  die  Tausende  stiegen  und  wahrhaft  zum  Ekel  wurden, 
dass  aber  heutiges  Tages  Jene  noch  weit  überboten  werden  von  denen  des 
Hoffschen  Malzextrakts,  von  dem  Auerbachschen  Kinder-Malz- 
Pulver  und  vom  Apfelwein,  welche  in  den  gelesensten  Berliner  Zei- 
tungen Räume  einnehmen,  die  in  der  That  zum  Nachtheile  der  Abonnenten 
alles  billige  Maass  überschreiten.  Dem  Verkaufe  steht  aber  nirgends  ein 
Hinderniss  entgegen,  obwohl  z.  B.  das  Erste  (nach  der  Pr.  Med.  Z.  1861, 
S.  319)  durch  Rhamnus  Prangula  und  Menyanthes  trifoliata  erhebliche 
Arzneikräfte  bekommen  hat  und  als  wahre  Arznei  wirkt. 

Man  nehme  das  Selbstdispensiren  hinweg,  und  —  der  homöopathische 
Arzt  muss  in  Betreff  der  durch  Arzneimittel  zu  vollbringenden  Kuren  rück- 
wärts schreiten  und  sein  Entdecken  in  diesem  Gebiete  des  ärztlichen  Han- 
delns muss  Nachtheil  erleiden.  Das  Entdecken  mag  sich  dann  um  so  mehr 
in  die  Destilliranstarten,  Conditoreien  und  Bierbrauereien  flüchten,  denen  ja 
manche  Aerzte  durch  ihre  Zeugnisse  bereits  so  freundlich  entgegenkommen, 
—  diese  Thoren,  welche  Entdeckungen  machen  sollten,  aber  die  Entdeckungs- 
geräfhschaften  nicht  in  die  Hände  nehmen  wollen  und  sich  hinterdrein  doch 
berufen    glauben,    die    Entdeckungen   eines    vermeintlichen    Heilmittels     zu 


186  m-  Buch-     Aphorism  30. 

durch    die    Kleinheit    ihrer    Gaben    mindestens    unschäd- 
lichen Arzneien  unentgeltlich  dem  Kranken  verabreichen  zu 

dürfen:  so .    Dieses  Anakoluthon  auszufüllen  überlassen 

wir  jedem  verständigen  Manne!52) 


bestätigen,  —  diese  Thoren,  welche  die  Leistungen  Hahnemanns  verhöhnen 
und  sich  jedem  Bierbrauer  für  Geld  verkaufen  können,  —  diese  Thoren, 
welche,  sich  schämen  oder  zu  träge  sind ,  das  Entdeckungsverfahren  der 
Homöopathie  zu  studiren,  aber  nicht  Worte  genug  zu  finden  wissen,  um 
ihre  Atteste  über  Entdeckungen  der  Laien  wichtig  zu  machen,  —  diese  Tho- 
ren, welche  die  Entdeckungen  der  Homöopathen  mit  Füssen  treten,  aber 
jedem  planlos  auftauchenden  Geheimmittel  nachlaufen,  —  und  diese  Thoren, 
die  den  Homöopathen  das  Selbstdispensiren  entziehen  möchten  und  es  jedem 
Laien  für  seine  Marktmittel  erfechten   helfen. 

Prof.  Hoppe,  die  Dispensirfreiheit,   S.   94. 

52)  Der  Natur  der  Sache  nach  sollte  es  dem  Arzte  bei  Leibes-  und 
Lebensstrafe  verboten  sein,  die  bei  seinen  Kranken  nöthigen  Arzneien 
durch  einen  Andern  verfertigen  zu  lassen ;  er  sollte  sie  hei  Strafe  selbst 
verfertigen  müssen,  damit  er  für  den  Erfolg  stehen  kann.  Dass  es  aber 
dem  Arzte  sogar  verboten  werden  sollte,  seine  Werkzeuge  zur  Lehensrettung 
seihst  zu  verfertigen,  auf  diesen  Gedanken  konnte  kein  Mensch  a  priori 
kommen.  Volks-Heillehre  III,   S.  37. 

Wenn  die  Wissenschaft  Derartiges  gebietet,  und  das  Gesetz  Solches 
verbietet:  so  muss  Einem  nur  gar  zu  leicht  das  alte  Sprichwort  ein- 
fallen: Dat  veniam  corvis,  vexat  censura  columbas! 

Asclepiades  soll,  wie  Plinius  (XXVI,  7)  erzählt,  fünf  allgemeine  Kuren 
eingeführt  haben,  nämlich:  Hunger,  Enthaltung  von  Wein,  Reiben  des  Kör- 
pers, Spazierengehen  und  Spazierenfahren.  Sein  Ruf  stieg,  wie  an  dersel- 
ben Stelle  zu  lesen  ist,  in  dem  Maasse,  wie  er  die  damals  gebräuchlichen 
rohen  Kurarten  und  heftigen  Arzneien  vermied. 

,  „denn  von  dem  richtigen  Erkennen  der  Krankheit,  der  rich- 
tigen Wahl  der  Mittel,  dem  möglichst  schnellen  Zuhülfekommen 
des  Arztes  hängt  ja  Leben  und  Gesundheit  der  Mithürger,  das  Wohl  ihrer 
Familien,   der  eigene  Ruf  des  Arztes  ab." 

Pr.  Med.  Zeitung  1861  ,  No.  23,  S.  181. 

„Die  Fabrikanten"  —  so  lautet  es  in  einem  Aufsatze  des  Reg.-  und 
Med.-Raths  Dr.  Wittcke  in  der  Pr.  Med.  Zeitung  von  1861,  No.  29,  S.  229. 
—  „als  praktische  Chemiker  haben  freies  Feld  zu  ihren  Versuchen;  Nie- 
mand stört  sie  darin.  Die  Aerzte  sind  schlimmer  gestellt.  Das  Concordat, 
was  der  Staat  mit  den  Apothekern  geschlossen  hat,  hat  sie  hinter  den 
Zaun  gewiesen,  und  wenn  der  Jatrochemicus  wagen  wollte,  für  sich  zu  labo- 
riren,  so  gilt  dies  als  ein  Eingriff  in  die  Rechte  des  Apothekers;  er  findet 
den  Engel  des  Gesetzes  mit  dem  flammenden  Schwerte  vor  dem  Paradiese 
der  Apotheker  und  muss  eiligst  retiriren,  um  sich  nicht  zu  verbrennen." 
—  So  klagt  ein  Reg.-Med.-Rath  in  Erfurt!! 


III.  Buch.     Aphorism  31.  187 

31.  Bei  alten  Leuten  finden  sich  Athembeschwerden ,  Ka- 
tarrhusten,  Harnverhaltung,  Harnbeschwerden,  Gelenk- 
schmerzen, Nierenleiden,  Schwindel,  Schlagfluss,  schlechte 
Körperbeschaffenheit,  allgemeines  Jucken  über  den 
Körper,  Schlaflosigkeit,  Durchfall,  Augenthränen,  Fliess- 
schnupfen, Blödsichtigkeit ,  grauer  Staar  und  Schwer- 
hörigkeit. 


Da  bisher,  so  viel  bekannt,  noch  in  keinem  Staate  gesetzliche  homöo- 
pathische Pharmakopoen  bestehen,  worauf  die  Apotheker  verpflichtet  werden 
können:  so  sind  Diese  auch  weder  an  die  Anschaffung  derjenigen  Arznei- 
körper gebunden,  welche  die  Landes-Pharmakopöe  nicht  führt,  sondern  auch 
die  Bereitungsweise  derselben  ist  gänzlich  ihrer  Willkühr  anheim  gegeben. 
Um  in  letzterer  Beziehung  nur  eines  Umstandes  zu  gedenken,  lassen  wir 
hier  den  Stabs  -  Arzt  Starke  reden,  wie  dieser  sich  in  der  Sitzung  des  hom. 
Centralvereins  zu  Magdeburg  am  10.  August  183fi  fBeilage  13)  ausgespro- 
chen hat:  —  „Ein  Arzt  oder  Apotheker  bereitet  seine  Mittel  mit  Regen- 
wasser, ein  Zweiter  mit  destillirtem,  ein  Dritter  mit  Flusswasser,  ein  Vier- 
ter mit  fuselhaltigem  Weingeiste,  ein  Fünfter  mit  Apotheker-Weingeist,  der 
mit  Kohlen  und  Kali  gereinigt  ist, ;  ein  Sechster  nimmt  dazu  ver- 
dünnten Weingeist,  aus  der  Hälfte  Wasser  und  der  andern  Hälfte  Franz- 
branntwein bestehend;  —  ein  Siebenter  reinigt  seinen  Weingeist  mit  Pro- 
venzer-Oel,  ohne  ihn  nochmals  zu  destilliren;  —  ein  Achter  wendet  vielleicht 

fabrikmässig    bereiteten  Dextrin  -  Spiritus    an,  u.   s.   w. Eine  gleiche 

Bewandtniss  hat  es  mit  dem  Fabriken- Milchzucker,  den  ich  von  sehr  ver- 
schiedenen Farben  und  vielfältig  mit  fremdartigen  Stoffen  verunreinigt  ge- 
funden habe  u.  s.  w." 

Neben  den  zahlreichen  und  auffallenden  Aehnlichkeiten,  welche  uns 
die  Geschichte  der  Erfindung  und  Entwickelung  der  Medizin  und  der 
Malerei  darbietet,  besteht  doch  eine  grosse  und  einflussreiche  Verschieden- 
heit darin,  dass  niemals  dieser  Letzteren  in  Bezug  auf  das  technische  Material 
irgend  ein  Zwang  auferlegt  und  ihr  überall  gestattet  war,  frei  und  unge- 
hindert ihren  selbstgewählten  Weg  zu  verfolgen.  Welche  Hindernisse  wür- 
den aber  auch  daraus  entstanden  sein ,  wenn  man  den  Maler  gezwungen 
hätte,  seine  Farben  und  seine  Pinsel  von  einem  ausschliesslich  dazu  privi- 
legirten  Fabrikanten  zu  beziehen,  oder  diesen  zu  bevollmächtigen,  die  dabei 
von  dem  Maler  gemachten  Verbesserungen  lediglich  zu  seinem  eigenen 
Vortheil  auszubeuten,  oder  gar  nach  des  Malers  Vorschrift  eigenhändig  zur 
Darstellung  von  Kunstwerken  zu  verwenden? 


IV.  Buch. 


Wenn  Auftreibung  vorbanden  ist,  darf  man  Schwan- 
gere vom  vierten  bis  zum  siebenten  Monate  abfuhren ; 
in  dem  Letzten  aber  schon  weniger.  In  einer  früheren 
oder  einer  späteren  Periode  der  Schwangerschaft  muss 
man  nur  im  Nothfalle  und   sehr  behutsam  dazu  über- 


Es  ist  jedem  Ärzte  bekannt,  dass  die  meisten  Fehlgebur- 
ten in  dem  dritten,  seltener  im  vierten  oder  fünften  Mo- 
nate der  Schwangerschaft,  sowie  die  Frühgeburten  vom  sie- 
benten Monate  an  einzutreten  pflegen.  In  den  genannten 
Perioden  ist  also  Beides  am  meisten  zu  befürchten,  mithin  am 
sorgfältigsten  Alles  zu  vermeiden,  was  Solches  veranlassen  oder 
befördern  könnte.  Dazu  gehört  aber  unbedingt  jede  den  Unter- 
leib und  die  Eingeweide  angreifende  Arznei,  welche  nur 
durch  diese  Eigenschaft  in  der  Erst-Wirkung  eine  Abführung 
zu  bewirken  im  Stande  ist.  Die  Gebräuchlichsten  der  gelinden 
Abführmittel  sind  bekanntlich  Senna,  Calomcl  und  Magnesia 
sulphurica.  Vom  Ersten  kennen  wir  Homöopathen,  weil  noch 
nicht  geprüft,  die  positiven  Wirkungen  auf  die  weiblichen  Ge- 
schlechtsorgane nicht;  von  den  beiden  Letzten  aber  wohl  und 
wissen  wir,  dass  Beide,  ausser  ihrer  leibeseröffnenden 
Kraft,  auch  noch  die  besitzen,  eine  Fehl-  oder  Frühgeburt 


IV.  Buch.     Aphorism  1.  189 

herbeiführen  zu  können,  wenn  die  Dosis  etwas  stark  und 
überhaupt  eine  Disposition  dazu  vorhanden  war.  Es  hat 
mitbin  dieser  Aphorism  für  die  Allopathie  immer  noch  seine 
Gültigkeit. 

Für  die  Aerzte  aus  der  Schule  und  in  dem  Zeitalter  des 
Hippokrates  war  die  in  diesem  Aphorism  ausgesprochene  War- 
nung aber  doppelt  nothwendig,  weil  sie  zum  Abfuhren 
sich  fast  ausschliesslich  der  weissen  Niesswurzel  (Veratrum 
album)  bedienten,  deren  ungemein  heftige  Wirkung,  nicht 
nur  auf  den  Unterleib  überhaupt,  sondern  insbesondere  auch 
auf  die  weiblichen  Geschlechtstheile  und  ihre  Funktionen, 
so  wie  auf  Abortus  und  Menstruation  jedem  Homöopathen 
bekannt  sind.  Wir  kennen  namentlich  von  dieser  heroischen 
Arznei  mehrere,  ihr  entweder  ausschliesslich,  oder  doch 
in  vorzüglichem  Grade  eigenthümlichen  Erst- Wirkungen 
vor  Eintritt,  der  Periode,  welche  ebenfalls  einer  Fehlgeburt 
vorherzugehen  pflegen,  wie:  Uebelkeit  und  Erbrechen, 
Durchfall,  Frost  mit  äusserer  Kälte,  Kopfweh  mit 
Nasenbluten,  Ohrensausen,  Schwindel  u.  dergl.  mehr. 
Es  ist  daher  leicht  begreiflich,  dass  die  unvorsichtige  und 
unzeitige  Anwendung  eines,  nicht  nur  an  und  für  sich  so 
drastischen,  sondern  auch  für  einen  vorhandenen  Zustand 
der  Schwangerschaft  positiv  gefährlichen  Mittels  zahlreiche 
beklagenswerte  Folgen  verursachen  musste,  wenn  dabei  nicht 
in  Gemässheit  der  Cautelen  verfahren  würde,  welche  der  erfah- 
rungsreiche Hippokrates  hier  seinen  Zunftgenossen  ans  Herz  legt. 

Bei  der  Homöopathie  stellt  sich  aber  die  Sache  weit 
g  ü  n  s  t i  g  e  r  und  sicherer,  wenn  sich  b ei  schwangeren  Frauen 
das  Bedürfniss  einstellt,  die  Stuhlausleerung  zu  befördern. 
Fast  jedesmal  ist  dabei  noch  diese  oder  jene  andere  Beschwerde, 
namentlich  Uebelkeit  und  Erbrechen  vorhanden,  was  dann 
Alles  zusammen  durch  kleine  Gaben  der  für  jeden  individu- 
ellen   Fall    angezeigten    Arznei    leicht    und    gefahrlos    zu 


190  IV.  Buch.     Aphorism  2. 

beseitigen  ist.  Wir  brauchen  daher  auch  keineswegs  auf  das 
Stadium  der  Schwangerschaft  ein  ängstliches  Gewicht  zu  legen, 
sondern  dürfen  unbedenklich ,  sowohl  in  der  ersten ,  als  in  der 
letzten  Periode  derselben ,  die  von  Beschwerden  solcher  Art  oft 
sehr  belästigten  Frauen,  ohne  die  mindeste  Gefahr  für  Mutter 
oder  Kind,  die  erwünschte  Hülfe  bringen.  Im  Gegentheile  wird 
die  eben  durch  eine  solche  leichte  Medikation  wieder  hergestellte 
und  befestigte  Gesundheit  für  Beide  in  gleichem  Maasse  er- 
spriesslich  sein.53) 


2.  Durch  Abführungsniittel  soll  nur  Dasjenige  ausgeleert 
werden,  dessen  freiwillige  Ausscheidung  dem  Körper 
zum  Nutzen  gereicht ;  alle  nachtheiligen  Ausleerungen 
hingegen  müssen  verhindert  werden. 


Ohne  Zweifel  klingt  dieser  Lehrsatz  äusserst  verständig  und 
plausibel.  Es  ist  dabei  nur  Schade,  dass  die  Anwendung 
desselben  auf  so  erhebliche  und  völlig  unüberwindliche  Schwie- 
rigkeiten stösst.  Die  Ansicht  der  Alten,  welche  noch  bis  auf 
unsere  Zeit  theilweise  fortdauert,  war  die,  dass  die  Säfte, 
welche  durch  solche  Abführungsmittel  vermögt  wurden,  sich  in 
die  Gedärme  zu  ergiessen,  lauter  Unreinigkeiten  enthielten 
und  daher  mit  dem  entschiedensten  Vortheile  ausgeleert  wurden. 
Wir  wissen  jetzt  aber,  dass  die  Hauptmasse  dieser  Säfte 
einestheils  zur  Erhaltung  des  Körpers  unentbehrlich  ist, 
und  dass  ander ntheils,  wenn  in  der  That  schädliche  Stoffe 
sich  darunter  befinden,  diese  auf  solchem  Wege  davon  nicht 
abzuscheiden  sind,  mithin  nicht  die  Letzteren  allein,  son- 
dern auch  die  Unentbehrlichen,  und  zwar  diese  fast  jedesmal  in 


53)  Wenn  eine  Mutter  oder  eine  Ziege  das  aus  der  Eselsgurke  (Mo- 
mordica  Elaterium  L.  J  bereitete  Abführungsmittel  oder  die  Eselsgurke 
selbst  geniesst,  so   führen  auch   die   Säuglinge  ab. 

Hippokr.  Epid.  VI,  S.  33. 


IV.  Buch.    Aphorism  3,  4.  1  91 

weit  überwiegender  Quantität,  abgeführt  werden.  Jede  Arznei 
also,  die  solches  bewirkt,  verursacht  eine  krankhafte  Verän- 
derung in  den  normalen  Funktionen  der  Eingeweide,  und 
das  Ausgeleerte  ist  weiter  nichts,  als  ein  Produkt  dieser 
Darmkrankheit,  oft  verbunden  mit  den  natürlichen,  nicht 
selten  ebenfalls  veränderten  Kothabgängen.  Eben  so  wenig,  wie 
es  bisher  jemals  gelungen  ist,  und  wohl  schwerlich  jemals  ge- 
lingen wird,  durch  Aderlässe  oder  Fontanelle  das  gesunde 
Blut  von  den  ungesunden  Beimischungen  zu  trennen  und 
nur  Diese  abfliessen  zu  lassen,54)  eben  so  wenig  wird  etwas 
Aehnliches  bei  Abführungen  zu  erreichen  sein.  Aus  dieser,  ge- 
wiss naturgemässen  und  richtigen  Anschauung  der  Sache  und 
des  Lebensprozesses  ergiebt  sich  von  selbst  der  Grund,  warum 
die  Homöopathie  eine  so  entschiedene  Abneigung  gegen 
alle  und  jede  Abführmittel  als  Solche  hegt,  und  diesem  so 
weise  klingenden  Lehrsatze  unbedingt  ihren  Beifall  versagen  muss, 
wenn  sie  nicht  den  Nachsatz  als  den  allgemein  gültigen  anneh- 
men und  den  Vordersatz  ganz  streichen  darf.55) 


3.  Wenn  nur  Dasjenige  ausgeleert  wird,  was  ausgeleert 
werden  soll,  so  ist  es  für  den  Kranken  erleichternd 
und  zuträglich;  nachtheilig  aber,  wenn  das  Gegentheil 
geschieht. 

Gleichlautend  mit  dem  Aph.  I,  25  und  zum  Theil  mit  dem 
Aph.  I,  2,  dessen  Glosse  auch  hierher  gehört. 


4.     Im  Sommer  bewirke  man  die  Ausleerungen  mehr  nach 
oben,   im  Winter  aber  nach  unten. 


54)  Sanguinern  vix  purgant,   sed  inquinant  potius  uleera  artificialia. 

Hufeland  Diss.  inaug. 

55)  Die  erste  Anwendung  der  Blutegel  wird  (zufolge  Cael.  Aurel.  chron. 
I,  1)  dem  Themisson  zugeschrieben,  welcher  etwa  ein  halbes  Jahrhundert 
vor  unserer  Zeitrechnung  lebte. 


192  IV-  Buch.      Aphorism  5. 

Dieser  Aphorism  steht  in  geradem  Widerspruche  mit  einer 
Parallelstelle  desCelsus  (I,  3),  welcher  ausdrücklich  sagt,  dass 
Brechmittel  im  Winter  vorteilhafter  wirkten,  als  im  Som- 
mer. Dagegen  giebt  der  Aphorism  I,  21  zu  dem  vorstehenden 
Lehrsatze  eine  Modifikation  an,  welche  Galenus  an  dieser 
Stelle  benutzt,  um  ihn  dadurch  zu  rechtfertigen,  indem  er,  frei- 
lich etwas  willkürlich,  behauptet,  dass  im  Sommer  die  gelbe, 
leichtere  und  daher  aufwärts  steigende,  im  Winter  hingegen 
die  schwarze,  schwerere  und  deshalb  herabdrängende  Galle 
vorherrsche.  Man  begreift  leicht,  dass  von  solchen  Erklärungen 
nicht  viel  zu  halten  ist,  und  am  Wenigsten  dann,  wenn  die 
Thatsachen  mit  der  Erfahrung  nicht  übereinstimmen  und  die 
Angaben  der  Autoritäten  sich  einander  widersprechen.  — 
Für  uns  bedarf  es  kaum  der  Wiederholung,  dass  die  Homöopathen 
von  solchen  Gewaltsmitteln,  so  wie  von  all  dem  Aufheben,  was 
in  Bezug  auf  angebliche  saburrale,  atrabilarische  und  der- 
gleichen Unreinigkeiten  im  Körper  gefabelt  wird  und  die, 
Jede  für  sich  abgesondert,  fortzuschaffen  sind,  nichts  wissen 
wollen.56)  —  Wir  rechnen  dahin  auch  die  Bestimmungen,  welche 
die  Alten  den  verschiedenen  Organen  zulegten. 57). 


5.     Während  der  Hundstage,   so  wie  kurz  vor  Eintritt  der 
selben,  sind  Ausleerungen  überhaupt  zu  vermeiden. 


56)  Obwohl  man  seit  den  ältesten  Zeiten  der  Galle  eine  so  überaus 
wichtige  Rolle  zugetheilt  hat,  und  die  tägliche  Absonderung  derselben  beim 
erwachsenen  Menschen  (nach  Haller,  Reil,  Graf,  Magendie  u.  A.)  auf  etwa 
2  Pfund  und  darüber  anschlägt:  so  ist  man  doch  noch  heutiges  Tages  weit 
davon  entfernt,  ihren  wahren  Zweck  zu  erkennen.  Die  Versuche  von 
Brodie,  Tiedemann,  Blondlot,  Schwan  u.  A.  haben  nur  bewiesen,  dass 
Thiere  auch  ohne  Galle  längere  Zeit  leben  können,  und  die  von  Scheibach 
zeigen  nur,  dass  Jene  einer  grösseren  Menge  von  Nahrungsmitteln  bedürfen, 
vielleicht  also  der  Stoffwechsel  um  so  rascher  vor  sich  gehe. 

57)  Mens  sapit  et  pulmo  loquitur,  fei  suscätat  iras, 
Spien  ridere  facit,  cogit  amare  jecur. 


IV.  Buch.     Aphorism  6,  7,  8.  193 

In  Bezug  auf  den  Eintritt  der  Hundstage  verweisen  wir  auf 
den  Schluss  der  Glosse  zu  Aph.  III,  1. 


G.  Magere  Personen  und  Solche,  die  sich  leicht  erbrechen, 
leere  mau  in  der  Kegel  nur  nach  Oben  aus.  Nur  im 
Winter  verfahre  man  damit  vorsichtig. 


Ziemlich  fleischige  Personen,  die  sich  schwer  erbrechen, 
führe  man  nach  Unten  ab.  Im  Sommer  aber  muss 
damit  behutsam  verfahren  werden. 


Es  ist  in  der  That  sehr  häufig  der  Fall,  und  in  der  Erfah- 
rung sowohl,  als  in  der  Natur  der  Sache  begründet,  dass  magere 
Personen  sich  viel  leichter  und  unbeschwerlicher  erbrechen, 
als  dicke  und  vollsaftige  Leute,  die  oft  davon  ungemein 
heftig  angegriffen  werden  und  nicht  selten  von  der  damit  ver- 
bundenen Anstrengung  einen  nachhaltigen  Denkzettel  behalten. 
Aber  wir  dürfen  und  können  nicht  zugeben,  dass  dieses  eben 
als  ein  Wink  der  Natur  anzusehen  ist,  dem  man  Folge  leisten 
muss.  —  Die  beiden  Nachsätze  in  den  beiden  letzten  Aphoris- 
men beziehen  sich  auf  Aph.  IV,  4. 


8.    Bei  vorhandener  Anlage   zu  Lungenschwindsucht  ver- 
meide man  alle  Brechmittel. 


Man  würde  diese  wahrhaft  goldene  Regel  noch  auf  viele 
andere  Beschwerden  und  Krankheiten  ausdehnen  können,  wo 
durch  Erbrechen  Nachtheil  herbeigeführt  wird,  der  oft  erst  hinter- 
her bemerkbar  wird.  Darin  aber  liegt  noch  ein  weiterer  Beleg 
für  die  Richtigkeit  der  homöopathischen  Praxis,  welche  alle 
derartigen  heftigen  Angriffe  vermeidet,  die  in  den  meisten  Fällen 
überdem  nur  eine  palliative,    vorübergehende  Besserung  bringen, 

13 


194  1V-  ]kKh-     Aphorism  9. 

hinterher  aber  meistens  nur  um  desto  gewisser  und  mehr  scha- 
den. Bei  Schwindsüchtigen,  wo  nach  künstlich  erregtem 
oder  natürlichem  Erbrechen  so  leicht*  verderbliche  Lungenblu- 
tungen eintreten,  liegt  eine  solche  Gefahr  unmittelbar  vor 
Augen;  aber  wenn  in  anderen  Fällen  der  Nachtheil  auch  erst 
später  sichtbar  wird:  so  ist  er  darum  doch  nicht  minder  vor- 
handen, und  jede  Veranlassung   dazu  zu  vermeiden. 


9.  Die  an  schwarzer  Galle  leiden,  müssen  stark  nach 
Unten  abgeführt  werden.  Beim  Entgegengesetzten  muss 
das  Gegentheil  angewendet   werden. 


Der  eigentliche  Sinn  dieses  Aphorisins  scheint  vielen  Kom- 
mentatoren einige  Schwierigkeiten  gemacht  zu  haben,  die  in- 
dessen, wie  uns  scheint,  verschwinden,  wenn  man  dabei  die  be- 
reits früher  und  zuletzt  noch  in  der  Glosse  zum  Aph.  IV,  4 
erwähnten  Ansichten  der  Alten  über  die  gelbe  und  schwarze 
Galle  in  Betracht  zieht.  Wenn  nämlich  Jene  vorherrschte, 
liess  man  erbrechen,  wo  Diese,  wie  im  Vorstehenden,  aber 
abführen.  Man  sieht  daraus,  dass  in  den  damaligen  Zeiten 
die  v orgefa  ss ten  Meinungen  einen  eben  so. grossen  Einfluss 
übten,  wie  noch  heuliges  Tages,  und  dass  man  sich  damals, 
wie  jetzt,  bemühte,  die  einfache  Erfahrung  der  theoretischen 
Schablone,  und  nicht,  im  Gegentheile  die  Schablone  der 
Erfahrung  anzupassen.58)  Solche  Verwechselungen  bekommen 
dadurch  unfehlbar  einen  besonderen  Vorschub,  dass  die  Arz- 
neien, wie  es  oft  der  Fall  ist,  vermöge  ihrer  dynamischen 
Kraft  gleichzeitig  mit  ihrer  grob  materiellen  Wirkung 
einer  Krankheit  entsprechen,  und  deshalb  eine  Besserung  her- 
beiführen,   die    der  Handgreiflichkeit    wegen    der  Letzteren    zu- 


58)  Eam  desideramus  theoriara,  quae    a    praxi    t'elicissime    sit    dedueta, 
ad  eamque  rursus  aecomodata.  Fremd ,  praef.  ad  Emmenolog. 


IV.   Bucb.     Aphorism   10,  11.  195 

geschrieben  wird ,  aber  eben  so  sicher ,  nur  mit  weit  weniger 
Beschwerde  für  den  Kranken,  ohne  solche  übermässige  und  un- 
nöthige  Angriffe  auf  den  Organismus  zu  erlangen  gewesen  wären. 
Durch  Krankenbehandlungen  dieser  letzten  Art  kann  allerdings, 
wie  nicht  zu  leugnen  ist,  der  Zweck  der  Heilung  erreicht  werden; 
aber  man  hat  wahrlich  keinen  Grund,  ihnen  das  schöne  Prädikat: 
jueunde!  beizulegen,  was  doch  auch  in  den  Wünschen  jedes 
Kranken  liegen  muss. 

Es  ist  wohl  überflüssig  zu  bemerken,  und  kann  wohl  ver- 
nünftiger Weise  Niemandem  im  Ernste  einfallen,  in  dem  Nach- 
satze einen  Beleg  für  die  Richtigkeit  des  Contraria  contrariis  zu 
finden,  indem  unter  dem  „Entgegengesetzten"  hier  offenbar  nur 
die  gelbe  Galle  und  das  Erbrechen  gemeint  sein  können. 


10.  Wenn  in  hitzigen  Krankheiten  wegen  Aufwallung  eine 
Ausleerung  erforderlich  ist,  so  muss  sie  gleich  zu  An- 
fange derselben  vorgenommen  werden;  in  solchen 
Krankheiten  ist  jede  Zögerung  in  dieser  Beziehung 
nachtheilig. 

Dieser  Lehrsatz  enthält  eine  Ergänzung  und  Bestätigung 
dessen,  was  bereits  in  den  Aphorismen  I,  24  und  II,  29  an- 
geführt ist,  und  giebt  mithin  keine  Veranlassung  zu  einer  neuen 
Glosse. 


11,  Diejenigen,  welche  an  Leibschneiden,  und  an  Schmer- 
zen in  der  Nabelgegend  und  in  den  Lenden  leiden, 
die  weder  durch  Abführungen,  noch  durch  andere 
Mittel  zu  heben  sind,  bekommen  die  trockene  Was- 
sersucht, 

Was  Hippokrafes  unter  trockener  Wassersucht  versteht 
und  später  den  Namen  Trommelsucht  (Tympanitis)  erhielt, 
wurde  dnmals  in  der  Wreise  erklärt,   dass  die  Wasserergiessun- 


196  IV-  Buch-     Aphorisui   11. 

gen  im  Unterleibe  bei  Jener  durch  vermehrte  Hitze,  wie  iri  einem 
Dampfkessel,  in  Dunst  oder  Wasserdampf  aufgelöst  wur- 
den, während  sie  bei  der  eigentlichen  (nassen)  Wassersucht 
vermöge  der  innewohnenden  Kälte,  etwa  wie  im  Kühlapparate 
einer  Destillation,  zu  tropfbarer  Flüssigkeit  verdicbtet  blie- 
ben. Bei  dieser  Erklärung,  die  man  in  dem  Kommentar  des 
Galenus  zu  diesem  Aphorism  in  vollem  Ernste  aufgestellt 
findet,  fallen  uns  unwillkührlich  die  flüssigen  und  trockenen 
Blutflüsse  (Hämorrhoiden)  wieder  ein,  wofür  uns  leider!  ein 
ähnlicher,  scharfsinniger  luterpretator  noch  mangelt.  Uebrigens 
müssen  diese  beiderlei  Krankheiten,  nämlich  die  trockenen 
Blutflüsse  und  die  trockenen  Wassersuchten,  sehr  nahe 
miteinander  verwandt  sein,  weil  einige  neuere  Kommentatoren 
(namentlich  der  gelehrte  Pitschaft)  in  dieser  Letzten  nichts  als 
„offenbar  verkappte  Hämorrhoiden"  gefunden  haben.  Wir 
würden  uns  daher  gar  nicht  wundern,  wenn  wir  nächstens  ein- 
mal die  scharfsinnige  Ansicht  ausgesprochen  fänden,  dass  die 
nassen  Wassersüchten  in  nicht  verkappten,  sondern  natür- 
lich fliessenden  Hämorrhoiden  ihren  Ursprung  hätten,  nur  dass, 
wie  angeblich  in  Australien,  der  Strom  seine  Bichtung  landein- 
wärts nähme. 

Es  wäre  übrigens  sehr  zu  beklagen,  wenn  es  ausser  den 
Abführungsmitteln  nicht  noch  Andere  und  weit  Zweck  massigere 
gäbe,  um  jene  bösen  Folgen  zu  vermeiden.  Die  Homöopathie 
kennt  aber  in  der  That  mehrere  Arzneien,  welche  jenen  vorher- 
gehenden Beschwerden  genügend  entsprechen,  und  wovon  die 
Eine  oder  die  Andere  sicher  dabei  eine  richtige  homöopatbiscbe 
Anwendung  linden  kann.  Und  wenn  sich  nun  aucb  in  Folge 
von  Versäumniss  oder  böser  Kunst  eine  solche  Tympanitis  be- 
reits eingestellt  hätte,  so  wäre  darum  die  Sache  noch  lange  nicht 
als  verloren  zu  betrachten,  sondern  (durch  Beil.,  Op. ,  Coleb., 
Coloc. ,    Puls.,    oder    einige  Andere   je    nach  den    Umständen,) 


IV.   Buch.    Aphorism   12.  197 

sehr  bald    und    sicher   nuch  Hülfe   zu   bringen,    so    lauge   diese 
nicht  vorher  schon  unmöglich  gemacht  worden  ist.  59j 


12.    Im  Winter  ist  es  schädlich,  Personen,  welche  an  der 
Magenruhr  leiden,  nach  Oben  auszuleeren. 


Die  unverdauten  Durchfälle,  welche  man  Magenruhr 
oder  Lienterie  zu  nennen  pflegt,  liegen  durchaus  nicht  inner- 
halb des  Wirkungs- Kreises  desjenigen  Mittels,  dessen  sich 
Hippokrates  und  seine  Schüler  am  Gewöhnlichsten  als  Brech- 
mittel bedienten,  nämlich  der  weissen  Nie ss würz  (Vera- 
trum album).  Kein  Homöopath  wird  es  sich  daher  einfallen 
lassen,  diese  Arznei  gegen  eine  solche  Krankheit  anzuwenden, 
noch  sich  darüber  wundern,  wenn  sie  dabei  nicht  hilft.  Wenn  nun 
aber  die  Gabe  davon  in  solcher  Grösse  dargereicht  wird,  wie 
es  nöthig  ist,  um  antipat bisch  Erbrechen  zu  erregen:  so  ist 
es  leicht  begreiflich,  dass  die  andersartigen  (allopathischen) 
Eigen  Wirkungen  dieses  heroischen  Mittels  zu  der  natürlichen 
Krankheit  hinzutreten  und  den  Unglücklichen  noch  kranker 
machen  müssen,  als  er  vorher  war.  Ein  derartiger  Hergang  ist 
so  vollkommen  in  den  unwandelbaren  Gesetzen  der  Natur  be- 
gründet, dass  er  sich  unter  gleichen  Umständen  überall  und 
immer  wiederholen  muss.  Wir  haben  daher  auch  die  Ueber- 
zeugung,  dass  der  angeführte  Nachtheil  für  den  vorliegenden 
Fall  sich  nicht  auf  den  Winter  allein  beschränkt,  und  dass 
Hippokrates  diese  Bedingung  vielleicht  nur  deshalb  in  seinen 
Lehrsatz  aufgenommen  hat,    um  ihn  noch  mehr  mit  dem  Apho- 

59)  Schon  Hahnemann  erwähnt  (in  Cullens  Mat.  med.  I,  S.  288),  dass 
unter  allen  Kohlarten  der  Blumenkohl  (Br.  oler.  Botrytis)  und  der 
gefrorene  Braun-  oder  Krause-Kohl  (Br.  oler.  crispa) ,  (welchen  Letz- 
ten man  merkwürdiger  Weise  in  Paris  nicht  kennt,)  die  wenigsten  Blähun- 
gen erzeuge.  Es  ist  aber  nöthig,  dass  er,  wie  man  es  nennt,  abgekocht 
und  das  erste  Siede- Wasser  abgegossen  werde. 


198  IV-  Buch'     Aphorism  13,   14,  15,  16. 

rism  IV,  4  in  Uebereinstimmung  zu  bringen,  oder  um  einen 
besonders  erlieblichen  Nachtbeil  in  dieser  Jahreszeit  damit 
anzudeuten,  ohne  darum  die  Andern  ganz  auszuschliessen. 


13.  Diejenigen,  welche  durch  Niesswurz  nicht  leicht  zum 
Erbrechen  gebracht  werden  können,  müssen  vor  dem 
Einnehmen  derselben  reichlich  angefeuchtet  werden 
und  sich  ruhig  verhalten. 


14.  Hat  Jemand  Niesswurz  eingenommen,  so  wirkt  diese 
heftiger,  wenn  sein  Körper  in  Bewegung  erhalten  wird, 
als  wenn  er  schläft  oder  ruhet.  Das  Fahren  zur  See 
zeigt  deutlich,  dass  die  Bewegung  des  Schiffes  auch 
die  Stoffe  im  Körper  in  Bewegung  bringt. 60) 

15.  Wenn  man  daher  die  Absicht  hat,  die  Wirkung  der 
Niesswurz  zu  verstärken,  so  bewege  man  den  Körper; 
wo  man  sie  aber  schwächen  will,  da  verordne  man 
Schlaf  und  Ruhe. 


16.     Für  Gesunde  ist  der  Gebrauch  der  Niesswurz  gefähr- 
lich; denn  sie  verursacht  bei  ihnen  Krämpfe.61) 


Die  vier  eben  angefahrten  Aphorismen  (13  bis  16)  sprechen 


60)  Die  Südländer  schreiben  vielfach  die  Seekrankheit  der  Furcht 
zu,  indem  sie  von  einem  davon  Befallenen  sagen:  er  fürchtet  sich  vor  der 
See!  (II  craint  la  mer.)  Auch  hier  mögen  mehrere  und  verschiedene  Ur- 
sachen zusammentreffen,  weshalb  dem  Einen  nützt,  was  beim  Andern  ohne 
Erfolg  bleibt. 

61)  Alle  Anstrengungen,  aus  diesem  Schutte  (der  Arzneimittellehre^ 
ein  festes  Gebäude  zu  errichten,  haben  bisher  fast  mehr  geschadet,  als  ge- 
nützt; —  denn  es  entbehrten  nicht  allein  des  sicheren  Fundaments  diese 
Gebäude,  so  dass  sie  dem  Zahn  der  Zeit  nicht  widerstehen  konnten,  son- 
dern auch  hypothetische  Ansichten  wurden  durch  sie  eingeschwärzt  als  baare 
Wahrheiten  und  pflanzten  sich  nun  in  der  Wissenschaft  mitunter  wuchernd 
fort,  zu  immer  grösserem   Trug  und  bedeutsamerer  Täuschung  verleitend. 

Vogt,   Lehrbuch   der  Pharm.   I.  Vorr.  6. 


IV.  Buch.    Aphorism   16.  199 

alle  über  die  pathogenetische  Wirkung  des  Veratrum 
albuni,  und  können  also  füglicher  Weise  mit  einer  Glosse  ab- 
gemacht werden. 

Zuvörderst  tritt  uns  die  bemerkenswerthe  Eigenschaft  der 
JNiesswurz  entgegen,  dass  Flüssigmachung  des  Magen-Inhalts, 
mithin  Gelränke  überhaupt  die.  brechenerregende  Wirkung 
dieser  Arznei  vermehren.  Dies  isl ,  wie  alle  Homöopathen 
wissen,  eine  der  vorzüglichsten  charakteristischen  Eigen- 
thümlichkeiten  Derselben,  welche  eben  in  dieser  Beziehung  den 
augenfälligsten  Gegensatz  iindet  in  dein  Kupfer  (Cuprum 
metallicum),  das  in  mehrfacher  Hinsicht  als  deren  Schwester- 
Arznei  betrachtet  werden  kann.  Diese  beiden  Heilmittel  bieten 
uns  eine  lange  Reihe  von  Symptomen  dar,  welche  parallel 
neben  einander  laufen,  dieselben  Tb  eile  des  Organismus  und 
beinahe  in  derselben  Weise  affiziren,  so  dass  sie  Beide  bei 
manchen  schweren  Erkrankungen  verschiedener  Art  mit  einander 
um  den  Vorzug  streiten.  Unter  diesen  Umständen  eine 
richtige  Wahl  zu  treffen,  würde  oft  äusserst  schwierig  fallen, 
wenn  nicht  ein  charakteristisches  Zeichen  vorhanden  wäre, 
welches  hierbei  jeden  Zweifel  beseitigt,  nämlich:  das  Trinken, 
besonders  von  einer  kalten  Flüssigkeit,  wie  Wasser.  So- 
bald nämlich  die  Beschwerden,  nicht  bloss  des  Magens  und  Unter- 
leibes, des  Erbrechens  und  des  Durchfalls,  sondern  auch  alle 
sonstigen  krampfhaften  und  schmerzhafte  n  Beschwerden, 
die  meistens  im  Geleite  der  Ersten  gehen,  von  einem  Trünke 
kalten  Wassers  sich  verschlimmern,  so  gehören  sie  zu  dem 
Bereiche  des  Veratrum:  wenn  sie  sich  davon  hingegen  bes- 
sern, zu  Dem  des  Cuprum,  und  in  beiden  Fällen  ist  die 
Heilung  durch  die  entsprechende  Anwendung  des  einen  oder 
des  andern  Mittels  gesichert.  Dieser  Unterschied  in  dem 
Verhalten  der  Veratrum-  und  der  Cuprutn- Krankheiten  beim 
Trinken  ist  um   desto  wichtiger,    als    er    sich    nur    bei    einer 


200  IV-  Buch-    Aphorism  16. 

geringen  Zahl  von  Arzneimitteln  (Calc.  carb.  und  Caust.62) 
etwa  ausgenommen,)  mit  solcher  Deutlichkeit  und  Entschieden- 
heit ausspricht.  Nur  beim  Phosphor  haben  wir  eine  eben  so 
seltene  und  ganz  eigen thümli che  Erscheinung  ähnlicher 
Art,  nämlich  die:  dass  ein  Trunk  kalten  Wassers  augen- 
blickliche Linderung  bringt,  die  aber  sofort  aufhört, 
sobald  das  Getränk  im  Magen  erwärmt  ist,  wo  dann  die 
frühere  Brechanstrengung  sogleich  mit  erneuerter  Heftigkeit  wie- 
derkehrt. 63) 

Was  die  Beförderung  des  Erbrechens  von  Veratrum 
durch  Bewegung  anltelangt,  so  ist  die  Beobachtung  ebenfalls 
ganz  richtig,  aber  weit  weniger  charakteristisch,  weil  sich  diese 
Erhöhung  bei  diesem  Mittel  fast  nur  beim  Erbrechen  einstellt, 
bei  den  meisten  anderen  Veratrum-Beschwerden  aber  das  gerade 
Gegentheil  statt  findet  und  mässsige  Bewegung  eher  Lin- 
derung verschafft.  Meistens  tritt  überdem  bei  den,  für  dieses 
Mittel  angemessenen  Krankheiten  eine  derartige  allgemeine 
Schwäche  und  Mattigkeit  hinzu,  dass  jede  Bewegung  un- 
möglich wird.  Dieser  Umstand,  nebst  den  meistens  dabei  sich 
einstellenden,  äusserst  schmerzhaften  tonischen  Krämpfen, 
die  gewöhnlich  an  den  äussersten  Extremitäten  ihre  Aus- 
gangs-Stelle nehmen,  macht  die  INiesswurz  zu  einem 
Brechmittel,  welches  nichts  weniger,  als  das  Prädikat:  ju- 
cunde!  verdient  und  daher  in  der  Allopathie  längst  obsolet  ge- 


62)  Dieser  erst  seit  ein  Paar  Jahren  von  uns  als  konstant  beobachtete 
Unterschied  in  der  Wirkung  der  Calc.  carb.  (Verschlimmerung  von  Trinken) 
und  Caust.  (Besserung  davon)  beweiset  (ausser  manchem  Andern),  dass 
beide  Mittel  keineswegs  identisch  sind,  wie  Einige  haben  behaupten  wollen. 

63)  Jeder  Homöopath  begreift  leicht  die  unermessliche  Wichtigkeit, 
welche  solche  bestätigte  Erfahrungen  für  die  Praxis  haben,  und  es  wäre 
sehr  zu  wünschen,  dass  wir  von  allen  Mitteln  dergleichen  kurze  charakte- 
ristische Kennzeichen  und  Eigentbümliclikeiten  ermittelt  hätten,  welche  mehr 
als  hundert  andere  Symptome  die  richtige  Wahl  zu  fördern  und  zu  sichern 
geeignet  sind. 


IV.  Buch.     Aphorism  17,  201 

worden  ist.  —  Dass  die  Homöopathie  sich  Derselben  zu 
solchen  Zwecken  niemals  bedient,  obwohl  Sie  sonst  häufig  an- 
wendet und  zu  ihren  Polychresten  zählt,  ist  bekannt  genug. 
Der  letzte  Aphorism  (16),  der  den  Nachthei.l  der  Niess- 
vvurz  für  gesunde  Leute  erwähnt  *  gilt  in  grösserem  oder  ge- 
ringerem Grade  für  alle  und  jede  Arznei,  sie  mag  Namen 
haben,  welchen  sie  wolle.  Aber  diese  äusserst  giftige  und 
arznei kräftige  Wurzel  besitzt  einen  derartigen  Umfang  von 
Wirkungen  der  gewaltigsten  Art,  auch  noch  ausser  dem 
Erbrechen  und  den  Krämpfen,  dass  die  Nachtheile  davon  nur 
um  so  grösser  und  die  Anlässe  zu  schaden  nur  um  so  häufiger 
sind.  Insbesondere  ist  die  Wirkung  dieses  Arzneistoffs  auf  Geist 
und  Gemüt h  von  der  grössten  Erheblichkeit,  und  vermittelst 
desselben  ,  richtig  homöopalhisch  angewendet,  ist  bereits  that- 
sächlich  manche  Geistesstörung  und  mancher  Wahnsinn 
geheilt,  die  in  den  Wirkungen  keines  andern  Mittels  ihr  Simile 
gefunden  hätten  und  daher  nalurgesetzh'ch  auch  durch  kein  An- 
deres zu  heilen  gewesen  wären.  So  wird ,  natürlich  in  sehr 
verkleinerter  Gabe,  das  ärgste  Gift  in  den  Händen  des  tüch- 
tigen Homöopathen  zu  einem  unersetzlichen  Heilmittel, 
und  unter  den  gefährlichsten  und  verscbrieensten  Stoffen, 
welche  die  drei  Naturreiche  zum  Schrecken,  aber  nicht 
minder  zum  Segen  der  Menschheit  enthalten,  verdient  die,  in 
der  Allopathie  fast  obsolet  gewordene  weisse  Nies s würz 
unstreitig  eine  hervorragende  Stelle  und  das  Prädikat  eines  wah- 
ren Polychrestes,  welches  für  sich  stark  genug  wirkt  und 
sein  Alkaloi'd  (Veratrin)  überflüssig  macht. 


17.  Wenn  ein,  übrigens  fieberfreier  Kranker  an  Abscheu 
vor  Speisen,  Magenschmerzen,  Schwindel  mit  Gesichts- 
verdunkelung' und  bitterem  Mundgeschmack  leidet, 
so  zeigt  dies  an,  dass  er  nach  Oben  ausgeleert  werden 
müsse. 


202  IV-  Buch-    Aphorism   17. 

Die  in  diesem  Aphorism  aufgezählten  Symptome  bieten 
uns  einige  wenige,  aber  im  Allgemeinen  wesentliche  Züge  zu 
dem  Bilde  einer  einfachen  Magenverderbniss,  und  zunächst 
einer  Solchen,  wie  sie  nicht  selten  nach  Genuss  von  Seh  wein  e- 
f  1  e  i  s  c  h  oder  andern  fetten  Speisen  zu  entstehen  pflegt.  64) 
Dieser  Zustand  dauert  aber,  wofern  er  nicht  geheilt  wird,  mei- 
stens weit  länger,  als  die.  nachtheiligen  Speisen,  die  ihn  her- 
beigeführt haben,  noch  im  Magen  enthalten  sind  und  daher  so- 
gleich im  Beginne  eine  Ausleerung  nöthig  zu  machen  scheinen. 
Es  ist.  leicht  begreiflich,  dass  später  der  richtige  Zeitpunkt  dazu 
nicht  mehr  vorhanden  sein  kann.  Wenn  also  die  Verdauung 
über  dieses  Stadium  hinaus  noch  gestört  bleibt,  und  die 
wenigen  unschädlichen  Speisen,  die  genossen  werden,  nicht  den 
natürlichen,  gesunden  und  unbeschwerlichen  Stoffwechsel  in  der 
gehörigen  Weise  erleiden,  sondern  fortdauernd  krankhafte  Er- 
scheinungen darbieten:  so  liegt  dies  offenbar  nicht  an  Diesen, 
sondern  an  einer  zurückgebliebenen  dynamischen  Ver- 
stimmung der  Verdauungs-Organe,  welche  das  Brech- 
mittel nur  dann  zu  heilen  vermag,  wenn  es,  neben  seiner 
emetischen  Kraft,  auch  noch  dynamisch  dieser  Krankheit 
entspricht.  Wo  dies  Letzte  aber  der  Fall  ist,  da  ist.  das  Er- 
brechen nunmehro  völlig  un  nöthig,  wenn  es  nicht  wegen  der 
Ueberfüllung  schon  gleich  zu  Anfange  und  freiwillig  statt 
gefunden  hat,  und  eine  kleine  Gabe  der  homöopathisch  passenden 
Arznei  wird  unfehlbar,  auch  ohne  jene  Gewaltmaassregel 
die  Verdauungs-Organe  in  kurzer  Zeit  wieder  herstellen. 

Für  manche,  auf  der  Schwelle  der  Homöopathie  stehenden 
Aerzte  dürfte  hier  noch    die  Bemerkung    nicht   überflüssig   sein, 


64)  „Hippokrates"  —  sagt  Sprengel  in  seiner  Gesch.  der  Med.  1.  S. 
409  —  „bildete  niemals  seine  Indikationen  nach  der  hypothetischen  näch- 
sten Ursache,  sondern  immer  nach  den  offenbaren,  wesentlichen 
Symptomen  und  den  entfernten  Ursachen!1'  —  Und  thun  die  Homöopa- 
fhen  etwas  Anderes? 


IV.  Buch.     Apkorism  17.  203 

dass  die  oben  angeführten  Symptome  nicht  hinreichend  sind, 
um  mit  Sicherheit  das  richtige  Heilmittel  zu  treffen.  Da  in- 
dessen hier  nicht  der  Ort  sein  kann,  wo  eine  vollständige  Auf- 
zählung aller  dabei  möglicher  Weise  konkurrirenden  Mittel,  liebst 
ihren  wesentlichsten  Unterscheidungs-Meikmalen  zu  geben  wäre: 
so  wollen  wir  nur  mit  wenigen  Worten  Eins  derselben  anführen, 
nämlich  die  Pulsatilla,  die  sehr  oft  für  ähnliche  Fälle 
angezeigt  ist.  Wenn  nämlich,  ausser  den  Zeichen  des  Apho- 
risms,  der  Kranke  dabei  ohne  allen  Durst  ist,  beständig  über 
Frost  klagt,  sich  in  der  Ruhe,  besonders  in  der  warmen 
Stube  und  in  den  Abendstunden  am  unwohlsten  fühlt, 
und  hingegen  weit  besser  in  der  Morgen  zeit  und  bei  einem 
Spaziergange  im  Freien:  so  geben  diese  Symptome  bereits 
einen  Beitrag  zu  dem  Krankheitsbilde,  welches  für  die  Pulsa- 
tilla geeignet  ist.  Wenn  aber  zu  diesem  noch  ein  weicher, 
durchfallartiger  Stuhl  und  ein  sanftes,  zum  Weinen 
geneigtes,  nachgiebiges  Gemüth  hinzukommt:  so  wird  un- 
fehlbar die  kleinste  Gabe  des  erwähnten  Mittels  (Pulsatilla) 
hinreichen,  um  in  sehr  kurzer  Zeit,  oft  in  vierundzwanzig  Stun- 
den, alle  krankhaften  Erscheinungen  vollständig  zu  besei- 
tigen.65) Wenn  aber  die  eben  angeführten  Symptome  nicht 
zutreffen,  und  von  Einigen  derselben  gar  das  Gegentheil  vor- 
handen ist:  so  ist  dieses  Mittel  zuverlässig  nicht  das  homöo- 
pathisch Richtige,  und,  weil  wir  unsere  Versuche  niemals  an 
Kranken  anstellen,  ein  Anderes  aufzusuchen,  welches  allen  diesen 
Zeichen  in  der  grössten  Aehnlichkeit  entspricht.66) 

65)  Im  Jahre  1598  grassirte  im  ungarischen  Lager  eine  Krankheit, 
die  Csörnör  ^Tschömör)  genannt  wurde  und  von  Tob.  Cober  ausführlich 
beschrieben  ist.  Von  allen  epidemischen  Krankheiten  der  Vorzeit  kennen 
wir    Keine,     welche    so     vollständig,    wie   diese,    der    Pulsatilla    entspricht 

De  meme  qu'en  pathologie  les  symptomes  n'ont  pas  tous  la  meme  va- 
leur,  et  doivent  etre  subordonnes  les  uns  aux  autres.  de  meme  ceux  des 
medicaments  doivent  etre  apprecies   selon  lern-  importance. 

Magnan,  l'hom.,  p.   35. 

66)  Die    Reihenfolge    der    Angriffe    auf    die    Homöopathie    und    ihren 


204  IV-  Buch.     Aphorism   17. 

Wenn  man  ein  solches  umsichtiges  Verfahren,  seihst 
hei  einer  so  wenig  erhehlichen  Krankheit,  wie  ein  hlosses  Magen- 
verderben, höhnischer  Weise  mit  den  Spottnamen:  sympto- 
matisches Kuriren,  oder  Symptomen-Deckerei  belegen 
will:  so  müssen  wir  uns  das  freilich  gefallen  lassen.  Wie  sollen 
und  dürfen  wir  dann  aber,  durch  solch  e  Angriffe  berechtigt, 
das  Verfahren  vieler  Allopathen  benennen,  welche  kurzweg 
und  im  Allgemeinen  «'abei  einen  gastrischen  Zustand  dia- 
gnostiziren,  sofort  das  erste  beste  Brechmittel  reichen 
und  hinterher  noch  Wochenlang  den  Kranken  in  der  Stube 
und  im  Bette  einsperren,  während  er  allerlei  schlecht- 
schmeckende und  viel  Geld  kostende  Mixturen,  Tropfen 
und  Tränke  nehmen  muss,  bis  nach  langem  schweren 
Kampfe  die  Lebenskraft  endlich  wieder  die  Oberhand 
gewinnt?67)  —  Und  wie. steht  es  dabei  mit  der  Ehre  und  dem 


Urheber  liefert  beachtenswerten  Stoff  zum  Nachdenken  über  Sache  und 
Personen.  Der  erste  Gegner  war  der  gelehrte  Heinroth,  welcher  in  sei- 
nem ,,Anti-Organon"  unter  der  Flagge  der  Wissenschaftlichkeit  die  Homöo- 
pathie als  eine  Unwahrheit  darzustellen  suchte,  aber  von  dem  Sohne  Hah- 
nemanns  und  von  Gross  mit  schlngenden  Thatsachen  widerlegt  wurde,  und 
seitdem  schwieg.  Dann  folgte  Simon  in  Hamburg,  welcher,  anstatt  in  an- 
ständiger Weise  und  mit  den  Waffen  der  Wissenschaft  und  der  Erfahrung 
zu  kämpfen,  gegen  den  „Pseudo-Messias"  (der  Juden)  und  den  ,, Organisten" 
Schimpfworte  ausstiess  und  seiner  Galle  Abfluss  verschaffte,  aber,  wie  na- 
türlich, wenige  Sympathien  fand  und  endlich  ebenfalls  schwieg,  weil  Nie- 
mand  ihn  einer  Entgegnung  würdigte.  Neuerdings  ist  nun  auch  selbst  Dieser 
in  Gemeinheit  noch  überboten  von  dem  anonymen  Verfasser  der  „Smuliade" 
worin  nicht  mehr  die  Lehre,  sondern  nun  gar  der  persönliche  Ruf  des 
längst  verstorbenen  Urhebers  derselben  mit  schmutzigen  Händen  angetastet 
wird.  Wenn  ein  wissenschaftlicher  Kampf  einmal  bis  in  diesen  Pfuhl  der 
gemeinsten  Unfläthigkeit  herabgesunken  ist:  so  kann  darüber  kein  Zweifel 
mehr  obwalten,  auf  wessen  Seite  der  endliche   Sieg  verbleiben  wird. 

67)  Magnum  pathologiae  detrimentum  adfertur  ex  nonnullorum  mrdi- 
corum  cacoethe,  qua  audito  uno  alterove  cardinali,  ut  ita  dicam ,  sympto- 
mate,  statim  et  praemature  nimis,  nomina  morbis  imponant,  totamque  no- 
mini  superstruunt  indicationem. 

v.  d.  Bosch.  Hist.  contr.  epid.  verm. 


IV.  Buch.    Aphorism  18.  205 

Rufe  der  beiden  behandelnden  Aerzte ?  Der  Homöopath  hat, 
wie  ja  der  klare  Erfolg  zeigte,  eine  ganz  unbedeutende  Magen- 
überiadung  zu  behandeln  gehabt,  welche  ohne  Zweifel  auch  ohne 
seinen  Beistand  und  ohne  seine  lächerlichen  kleinen  Pülver- 
ehen  eben  so  schnell  beseitigt  gewesen  wäre.  Der  Allopath 
hingegen  hat,  wie  seine  Behandlung  und  die  lange  Dauer 
der  Krankheit  deutlich  beweist,  eine  gefährliche  gastrische 
Krankheit,  wahrscheinlich  mit  nervösem  Charakter,  zur  Hei- 
lung gebracht  und  nur. seinen  tiefen  Kenntnissen  und  seiner 
angestrengtesten  Sorgfalt  ist  es  gelungen,  den  Kranken 
zu  retten.68)  —  Es  lebe  darum  die  Allopathie!  —  und  hütet 
Euch,  ihr  jungen  Aerzte,  vor  der  Homöopathie,  denn  sie 
bringt  weder  Geld  noch  Ehre!69) 


18.  Wenn  Schmerzen  vorhanden  sind,  die  überhaupt  eine 
Ausleerung-  erfordern,  so  niuss  bei  Denen,  welche  ober- 
halb des  Zwerchfelles  ihren  (Sitz  haben,  nach  Oben,  bei 
Denen  unterhalb  desselben,  nach  Unten  ausgeleert 
werden. 


68j  Paris  besass  im  Jahre  1832  noch  ■  nicht  mehr  als  vier  homöo- 
pathische Aerzte.  Der  Flor  dieser  neuen  Heilkunst  datirt  erst  von  dem 
Tage  an,  als  die  dortige  Akademie  jenes  berühmt  gewordene,  durch  Stupi- 
dität so  ausgezeichnete  Gutachten  erstattete,  in  welchem  sie  behauptete,  dass 
die  Prinzipien  derselben  in  dem  Maasse  aller  gesunden  Vernunft  wider- 
stritten, dass  es  nicht  der  Mühe  lohne,  sie  einer  eingehenden  Prüfung  zu 
unterwerfen  und  Versuche  damit  anzustellen.  Ein  Jahr  später  zählte  Paris 
dreissig  homöopathische  Aerzte.    —  Facts  are   stubborn  things! 

6i)j  Galenus,  der  14  Jahrhunderte  in  der  Medizin  regierte,  musste  wäh- 
rend seines  Lebens  aus  Rom  flüchten,  um  den  Verfolgungen  der  griechischen 
Aerzte  daselbst  zu  entfliehen. 

In  der  Sitzung  vom  4.  Januar  1856  wurden  von  der  „societe  anato- 
mique"  zu  Paris  einstimmig  ausgeschlossen  die  DU.  Tessier,  Gabalda,  Fre- 
dault  und  Jousset,  „comme  auteurs  de  publications  hoinoeopathiques1',  und 
gleichzeitig  ein  Anderer,  dessen  Namen  rücksichtsvoll  in  der  „Gazette  heb- 
domadaire"  verschwiegen  wird,  ,,pour  un  acte  iletrissant,  dejk  puni  par  la 
justice.''  —  in  ähnlicher  verhöhnender  und  unwürdiger  Weise  enthält  das 
„Reglement    de    l'association    des    medeeins    de    Paris"    folgenden  Artikel: 


206  IV'   Bllch-    Aphorism   19. 

Wir  überlassen  diesen  Lehrsatz  der  gegenwärtig,  wer  weiss 
wie  lange  noch,  herrschenden  Schule ,  indem  wir  keine  Gelegen- 
heit haben,  ihn  anzuwenden.  Wir  enthalten  uns  daher  auch, 
eben  weil  es  uns  Nichts  angeht,  auf  die  Bedingungen  der  Aus- 
leerungen noch  besonders  hinzuweisen,  obwohl,  selbst  vom  allo- 
pathischen Standpunkte  aus  beurtheilt,  gar  häufige  Verstösse 
dagegen  vorkommen. 


19.  Diejenigen,  welche  in  Folge  einer  genommenen  Arznei 
abführen,  ohne  Durst  zu  bekommen,  werden  erst  mit  ein- 
tretendem Durste  damit  aufhören. 


In  wiefern  diese  Beobachtung  nach  einem  genommenen  Ab- 
führungs-Mittel  richtig  ist,  können  wir  aus  Mangel  an  Erfahrung 
weil  wir  Solche  niemals  anwenden,  weder  bestätigen  noch  be- 
streiten. Dass  aber  bei  manchen  natürlichen  Krankheiten  oft 
Durchfälle  mit  gleichzeitigem  Durste  vorkommen  und 
dabei  lange  fortdauern  können,  Das  wissen  wir  genau,  und  fin- 
den dies  namentlich  bei  Denjenigen,  welche  vorzüglich  auf  Ars., 
Bry,,  Cham.,  Chin.,  Dulc,  Bheum.,  oder  Ac.  sulph.  deuten.  Frei- 
lich waren  dem  Hippokrates  von  diesen  Mitteln  nur  höchstens 
die  drei  Ersten  bekannt,  und  nur  die  Cham.70;  (wenn  das 
£vävd")]iiov  desselben  wirklich  unsere  Pflanze  war,)  wurde  davon 
innerlich  zur  Beförderung  der  Menstruation  und  der  Lochien, 
wie  noch  heute,  aber  nicht  als  Abführungsmittel  gebraucht. 


„Toul.  membre  qui  acceptera  une  consultation  avec  un  somnambule,  mag- 
netiseur,  homocopathe  ou  charlatan  de  la  meine  espece,  sera  considere 
comme  demissionaire." 

70)  Dr.  Merat  (Nouv.  Flore  des  environs  de  Paris  1812,  pag.  332; 
bemerkt  schon ,  dass  die  von  ihm  beschriebene  französische  Pflanze  nicht 
die  wahre  Linne'sche  Matricaria  Chamomilla  sei,  wie  sie  Smith  (Fl.  britan. 
II,   p.   y02)  beschrieben  hat,  aber  doch  eben  so  als  Arznei  gebraucht  werde. 


IV.  Buch.    Aphorism  20,  21,  22,  23.  207 

20.  Wenn  ein,  übrigens  fieberfreier  Kranker  an  Leibschnei- 
den und  Schwere  in  den  Knieen  und  Lenden  leidet, 
so  zeigt  dies  an,  dass  er  nach  Unten  abgeführt  werden 


üiess  ist  die  folgerichtige  Konsequenz  des  Aphonsms  IV, 
18,  und  der  diesem  entsprechende  Gegensatz  zu  dem  Aphorism 
IV,  17,  auf  dessen  Glosse  wir  Kürze  halber  verweisen.  - —  Aber 
ist  diese  Vorschrift  auch  dem  Contraria   contrariis    angemessen? 


21.  Schwarze,  dunklem  Blute  ähnliche,  mit  oder  ohne  Fie- 
ber und  freiwillig  abgehende  Stuhlausleerungen  sind 
äusserst  gefährlich,  und  zwar  um  desto  mehr,  je 
schlechtere  Farben  sie  annehmen.  Sind  sie  hingegen 
eine  Folge  von  Abführungsmitteln,  und  weniger  schlecht 
von  Farbe :  so  sind  sie  auch  weniger  bösartig. 


22.     Es  ist  tödtlich,   wenn  zu  Anfange  irgend  einer  Krank- 
heit schwarze  Galle  von  Oben  und  Unten  abgeht. 


2'd.  Diejenigen,  welche  durch  akute  oder  chronische  Krank- 
heiten, oder  nach  Verletzungen,  oder  auf  sonst  irgend 
eine  Weise  abgezehrt  sind ,  sterben  am  Tage  darauf, 
wo  ihnen  schwarze  Galle  oder  ein  dem  schwarzen 
Blute  ähnlicher  Stoff  abgegangen  ist. 


Diese  drei  Aphorismen  handeln  unverkennbar  von  der  Tödt- 
lichkeit  jener  Krankheit,  welche  man  mit  dem  Namen:  morbus 
niger  Hippocratis  (Melaena ,  morbus  spleniticus,  schwarze 
Krankheit)  in  den  pathologischen  Lehrbüchern  bezeichnet  und 
beschrieben  findet  und  ihre  ungemeine  Gefährlichkeit  bestä- 
tigt, die  besonders  wegen  der  damit  verbundenen  und  in  kurzer 
Zeit  den  höchsten  Grad  erreichenden  Schwäche  oft  so  schnell 
einen  lethalen  Ausgang  herbeiführt. 

Es  liegt  gar  zu  weit  ausser  unserem  Zwecke,  bei  dieser 
Krankheit  eine  Parallele  zwischen  der  allopathischen  und  homöo- 


208  IV-  Buch.     Aphorism  24. 

pathischen  Behandlung  aufzustellen.  Wir  begnügen  uns  daher, 
hier  nur  ein  Mittel  zu  nennen,  nämlich  den  Arsenik,  welcher 
bei  Prüfungen  am  Gesunden  alle  wesentlichen  Zeichen  und 
Erscheinungen  dieser  Krankheit  in  grösster  Aehnlichkeit 
hervorgebracht  und,  in  Getnässheit  des  Grundprinzips  der  Ho- 
möopathie in  der  angemessensten  (kleinsten)  Gabe  angewendet, 
Überali  sichere  Hülfe  geleistet  hat,  wo  er  noch  rechtzeitig 
angewendet  wurde.  Erst  eres  kann  jeder  Zweifler  in  unserer 
R.  A.-M.-Lehre,  Letzteres  in  unserer  Literatur  an  mehreren 
Stellen,  z.  B.  im  Archiv  d.  h.  H.  VII,  2  und  VIII,  1  linden.  Nur 
müssen  wir  noch  hinzufügen,  dass  auch,  wenngleich  nur  selten, 
noch  einige  wenige  andere  Mittel  zur  Konkurrenz  kommen, 
namentlich  in  den  Fällen,  wo  diese  Erscheinungen  in  Folge  ver- 
dorbener S  ä  f  t e  d urch  eine  vorhergegangene  a  n  d  e r e  Rrank- 
heit,  oder  nach  schweren  Verletzungen  innerer  Tb  eile, 
wie  im  Aphorism  23  angedeutet  ist,  auftreten.  Hier  muss  dann 
ebenfalls  den  anamnestischen,  so  wie  den  gegenwärtigen 
Zeichen,  welche  meistens  denen  der  eigentlichen  Melaena  nur 
theilweise  und  nicht  vollständig  entsprechen,  Rechnung  getragen 
werden.  Indessen  wird  in  diesen  letzten  Fällen,  wenn  solche 
Erscheinungen  sich  bereits  eingestellt  haben,  alle  Hülfe  meistens 
zu  spät  kommen. 


24.     Es    ist   tödtlich(    wenn    die  Ruhr    von    der    schwarzen 
Gralle  ihren  Ursprung-  nimmt. 


Wir  gestehen  gern,  nicht  zu  wissen,  was  Hippokrates  mit 
diesem  Lehrsatze  eigentlich  hat  sagen  wollen.  So  viel  scheint 
wohl  offenbar,  dass  hier  die  bösartige  schwarze  T» alle  im 
Gegensatze  zu  der  müderen  Gelben  stehen  soll.  Demnach 
wäre  unter  der  hier  bezeichneten  Krankheit  eine,  gleich  vom  Be- 
ginne an  nur  schwarze  Exkremente  ausleerende  Gallenruhr 


IV.  Buch.     Aphorism    25.  209 

(Cholera)71)  verstanden,  welches  aber  bei  der  Krankheit,  die 
wir  mit  diesem  Namen  bezeichnen,  wohl  nie  der  Fall  ist, 
wenn  sie  auch  zuweilen  im  letzten  Stadium  solche  tödlliche 
Zeichen  darbieten  kann.  Wir  vernmthen  daher,  dass  hier  noch- 
mals die  Melaena  der  vorigen  Aphorismen  gemeint  ist.  und  dass 
nur  zum  Schlüsse  die  damals  herrschende  theoretische  Ansicht 
von  der  schwarzen  und  gelben  Galle  sich  wieder  geltend 
machen  sollte. 


25.  Es  ist  böse,  wenn  Blut,  gleichviel  von  welcher  Be- 
schaffenheit, nach  Oben  ausgeleert  wird.*,  gut  aber,  wenn 
schwarzes  Blut  nach  Unten  abgeführt  wird. 


Dass  jede  Blutau  slee  rung  durch  den  Mund  gefährlich 
ist,  uder  Solches  doch  leicht  werden  kann,  ist  bekannt  genug. 
Waruni    aber    allein    die    Ausleerung    von    schwarzem   Blute, 

71J  Die  älteste  Cholera-Heilung  vermittelst  des  Hauptmittels  der 
Homöopathie  (Veratrum  albura)  findet  sich  wohl  in  der  11.  Krankenge- 
schichte des  V.  Buches  der  Landseuchen  von  Hippokrates,  welches  zu  den 
^vielleicht  unechten)  hippokratischen  Schriften  gezählt  wird.  Es  ist  daher 
zu  verwundern,  dass  die  hippokratischen  Aerzte  unserer  Zeit  bei  ihren 
zahllosen  Versuchen  diese,  freilich  etwas  obsolet  gewordene  Arznei  dabei 
versäumt  haben.  Wenn  nun  aber  schon  unterm  9.  Sept.  1831,  mithin  beim 
ersten  Auftreten  der  Cholera  in  Deutschland,  auf  Allerhöchsten  Befehl  durch 
Herrn  etc.  von  Wiebel  den  sämmtlichen  kön.  pr.  Medizinal-Collegien  die 
Resultate  mitgetheilt  wurden,  welche  bis  dahin  in  den  Petersburger  Militär- 
Hospitälern  bei  14  verschiedenen  Behandlungsarten  erlangt  waren,  und 
unter  diesen  einzig  und  allein  Die  (No.  5)  mit  Veratr.  alb.  den  befriedi- 
gendsten Erfolg  gezeigt  hatte:  so  scheint  hier  noch  etwas  Schlimmeres,  als 
blosse  Unwissenheit  obgewaltet  zu  haben.  Dieser  Verdacht  wird  ausdrück- 
lich in  einer  Anmerkung  des  etc.  v.  Wiebel  an  dieser  Stelle  ausgesprochen, 
indem  er  sagt:  „Warum  mögen  trotz  dieses  so  günstigen  Erfolges 
die  Versuche  mit  diesem  Mittel  nicht  vervielfältigt  worden  sein?"  —  Es 
ist  dabei  nöthig  anzumerken,  dass  die  Zahl  der  Versuchs-Personen  betra- 
gen hatte:  1392,  der  Genesenen:  561,  der  Hoffnung  Gebenden:  352,  der 
Gestorbenen:  319  und  der  Hoffnungslosen:  160.  Von  den  mit  Veratr. 
alb.  behandelten  Kranken,  nur  7  an  der  Zahl,  waren  4  genesen,  2  gaben 
Hoffnung,  und  nur  1  war  gestorben. 

14 


210  1V-  'Buch.    Aphorism  26. 

nicht  von  Hellfarbigem,  vom  After  gut  sein  soll,  ist  nicht 
wohl  zu  begreifen,  wenn  anders,  wie  es  doch  scheint,  hier  nur 
von  den  Blutungen  der  goldenen  Ader  (sogenannten  fliessenden 
Hämorrhoiden),  und  nicht  von  denen  aus  dem  Darmkanal,  die 
Rede  ist.  Freilich  sind  die  Hämorrhoi'dal-  Ausflüsse  gewöhnlich 
dunkel,  aber  nicht  schwarz  gefärbt,  und  nicht  selten  ist 
dieses  Blut  auch  von  etwas  hellerer  Röthe.  Auch  die,  in  den 
vorhergehenden  Aphorismen  20  bis  23  bei  der  Melaena  erwähn- 
ten Abgänge  schwarzen  Blutes  scheinen  mit  diesem  Lehrsatze  im 
Widerspruche  zu  stehen. 


26.    Es  ist  todtlich,  wenn  bei    einem  Ruhrkranken  fleisch  - 
artige  Stückchen  abgehen. 


Eine  nicht  seltene  Erscheinung  besonders  bei  der  wahren 
H erb struhr,  wobei,  anstatt  des  kothigen  Barminhalls,  anfangs 
nur  blutiger  Schleim,  dann  Hautstückchen  und  wie  Ab- 
schabsel  von  den  Gedärmen  und,  wenn  es  mit  dem  Patienten 
zu  Ende  geht,  wie  Fleisch-Klümpchen  abgehen,  Alles  mit 
dem  heftigsten  Tenesmus.  Alle  diese  Zeichen  finden  ihr 
Simile  in  dem  Quecksilber,  welches  auch  als  spezifisches 
Heilmittel  in  der  ersten  Linie  steht.  Aber  zu  den  Zeiten  des 
Hippokrates  war  dieses  Metall  in  Europa  noch  gänzlich  unbe- 
kannt, indem  es  erst  im  eilften  Jahrhunderte  zuerst  durch  ara- 
bische Aerzte,  denen  wir  überhaupt  vieles  Nützliche  zu  ver- 
danken haben ,  eingeführt  wurde.  Indessen  ist  auch ,  wie  in 
vielen  andern  Krankheiten,  diese  Arznei  keineswegs  die  allein 
und  jederzeit  II ülf reiche,  und  namentlich  in  dem  ersten 
Stadium  stellen  sich  die  Ncbenanzeigen  oft  so ,  dass  Apis  melk, 
Cantharis,  oder  Colchicum  aut.  den  Vorzug  verdienen  und  das 
Leiden  schnell  beseitigen.  Das  Prädikat  der  entschiedenen  Tüdl- 
lichkeil  bat  daher  für  unser  Zeitalter  seine  Gültigkeil  verloren, 


IV.  Buch,     Aphorism  27,  28.  211 

wenn  die  Hülfe  nur  zeitig  genug  und   aus   der  richtigen  Quelle 
geholt  wird. 

27.  Diejenigen,  welche  bei  einem  Fieber  viel  Blut  verloren 
haben,  es  möge  sein,  auf  welchem  Wege  es  wolle, 
bekommen  während  der  Rekonvaleszenz  durchfällige 
Stuhlgänge. 

Diese  Erfahrung  findet  in  der  That  auch  heute  noch  zahl- 
reiche Bestätigung,  und  liefert  ein  anamnestisches  Zeichen, 
worauf  die  Homöopathie  mit  Recht  ein  bedeutendes  Gewicht  legt. 
Wir  beschränken  diesen  Lehrsatz  daher  nicht  auf  die  Fieber, 
sondern  dehnen  ihn  auch  auf  chronische  Krankheiten  aus,  wie 
Solches  ebenfalls  in  der  (unechten)  hippokratischen  Schrift:  die 
koischen  Vorhersagungen  (naunai  TCQoyvaxseig)  geschehen 
ist.  Tu  der  ansehnlichen  Reihe  von  Heilmitteln,  welche  bei 
solchen,  oft  gefährlich  werdenden  Zuständen  zur  Wahl  kommen, 
steht  die  China  an  der  Spitze.  Aber  man  hüte  sich,  dieses 
Mittel  ohne  Weiteres  zu  verordnen,  wo  die  Zeichen  nicht 
genau  zutreffen.  Eben  aus  dem  Grunde,  weil  diese  China  hier 
so  oft  passt,  und  zu  Anfange  ihres  Gebrauchs,  auch  wo  sie  nicht 
völlig  homöopathisch  angemessen  ist,  nicht  selten  eine  fast  zau- 
berartige Wirkung  hervorbringt,  wird  man  sich  nur  gar  zu  leicht 
bewogen  finden,  die  Gaben  zu  wiederholen  oder  gar  zu 
verstärken,  sobald  die  Besserung  nachlässt.  Wie  verderblich 
ein  solches  Verfahren  ist,  werden  aufmerksame  und  vorurteils- 
freie Homöopathen  unter  Anderen  auch  in  diesen  Fällen  nur  zu 
bald  erfahren,  wenn  sie  eine  hartnäckige  „Konsequenz"  über 
das  sorgfältige  „Individuali siren"  stellen. 


28.  Gallichte  Durchfälle  hören  auf,  sobald  sich  Taubhörig- 
keit  einstellt-,  und  hinwiederum  vergeht  die  Taubhörig- 
keit beim  Eintritt  solcher  Bauchflüsse. 


212  IV-  Buch.    Aphorfsm  29. 

In  diesem  Äphorism,  der  ebenfalls,  wie  es  scheint,  den 
(wahrscheinlich  vor- bürokratischen)  kölschen  Vorhersagungen 
entlehnt  und  von  Celsus  (II,  8)  wiederholt  ist,  kann  wohl  nur 
von  akuten  Krankheiten  die  Rede  sein,  wo  unter  den  beglei- 
tenden Beschwerden  solche  Gehörfehler  eben  so  vorkommen, 
wie  andere  Fehler  des  Gesichts,  des  Geruchs,  oder  noch 
häufiger  des  Geschmacks.  Die  Erklärungen  solcher  Er- 
scheinungen, die  meistens  bewunderungswürdig  gelehrt  aus- 
fallen, aber  oft  auch  ebenso  weit  auseinander  laufen,  wollen 
wir  den  gelehrten  Pathologen  überlassen.  Für  uns  gehören 
solche  Zeichen  wesentlich  zum  Gesammt-Krankheitsbilde  als  ein 
wichtiger  Charakter -Zug,  worauf  das  Heilmittel  passen  muss, 
und  es  fällt  uns  nicht  ein,  so  lange  zu  warten,  bis  die 
Natur  oder,  wenn  man  will,  die  Lebenskraft  das  Eine  für 
das  Andere  substituirt  hat.  72) 


29.     Wenn  sich  bei  Fieberkranken  am  sechsten  Tage  Frost 
einstellt,   so  folgt  eine  schwierige  Entscheidung. 


Es  scheinen  hier  diejenigen  Fieber  gemeint  zu  sein,  welche 
sich  zufolge  Aphor.  II,  23  in  vierzehn  Tagen  entscheiden  sollen, 
und  wobei  nun  diese  Entscheidung  gegen  die  Mitte  der  Zeit  ihres 
Wachsthums  eine  Störung  erleidet,  die  Solche  verzögert  und  da- 
her schwieriger  machen  muss.  Ein  neuerer  Kommentator  knüpft 
hieran,  ob  mit  Recht  oder  Unrecht,  steht  uns  nicht  zu  zu  ent- 
scheiden, folgende  Beschuldigung  für  einige  Aerzte,  deren  Ver- 
tretung   wir    Ihm    allein    überlassen    müssen:    —    „Fehlerhafte 


72)  In  des  Hippokrates  iniörmicöv  ro  sktov  finden  sich  zahlreiche 
Neben -Symptome  angeführt,  welche  bei  der  Behandlung  der  Kranken 
Beachtung  verdienen,  und  wobei  man  nur  bedauern  muss,  dass  dabei  nicht 
auch  die  bezüglichen  Mitte]  augegeben  sind,  wie  solche  in  der  homöopa- 
thischen A.-M. -Lehre  mit  grossem  Fleisse  gesammelt  sind. 


IV.  Buch.     Aphorism  30  213 

Behandlung,  verwegene  Afterkunst  eingriffe ,  sowohl  zu  weit  ge- 
triebenes antiphlogistisches ,  als  reizendes  Verfahren  bringen 
dieses  Ereigniss  sehr  häufig  hervor."  —  Vor  solchen  Vor- 
würfen sind  mindestens  die  Homöopathen  gesichert! 


30.  Wenn  die  Fieberanfälle  täglich  genau  um  dieselbe, 
gleichviel  um  welche  Stunde  sich  erneuern,  so  ent- 
scheiden sich  diese  Krankheiten  schwer. 


Hippokrates  scheint  zunächst  bei  diesem  Aphorism  diejeni- 
gen Wechselfieber  im  Auge  gehabt  zu  haben,  deren  Anfälle  täg- 
lich genau  um  dieselbe  Stunde  wiederkehren,  ohne  vor- 
oder  nachzusetzen.  Bei  solchen  eintägigen  Fiebern  wird 
gewöhnlich,  ebenso  wie  bei  allen  Andern,  zu  dem  universellen 
Fiebermittel,  der  China  und  deren  verschiedenen  Präpara- 
ten gegriffen,  aber  noch  heute,  wie  zu  den  Zeiten  des  Hippo- 
krates, mit  mehr  als  zweifelhaftem  Erfolge.  Eben  unter 
diesen  Patienten  kommen  die  Meisten  vor,  welche  trotz  dieses 
„unfehlbaren  Fieber-Heilmittels",  viele  Monate,  selbst 
bis  zu  anderthalb  und  zwei  Jahren,  sich  damit  herumschleppen 
und  nicht  eher  davon  erlöset  werden,  als  bis  die  China  sie  in 
anderer,  ihr  eigenthümlichen  Weise  krank  gemacht  hat  und 
der  Patient  nun  nocb  elender  ist,  als  während  des  Fiebers 
selbst.73)  In  diesem  beklageuswerthen  Zustande  suchen  dann 
endlich  die  Unglücklichen    oft   noch  Hülfe    und    Bettung   bei  den 


73)  Beispielsweise  heben  wir  uuter  andern  Anzeigen  der  China  bei 
Wechselfiebern  hervor:  das  Eintreten  eines  auffallend  vermehrten  Durstes 
in  der  Periode  des  Ueberganges  vom  Fi'oste  zur  Hitze,  so  wie  von  der 
Hitze  zum  Schweisse,  und  nach  dem  beendigten  Fieber,  wo  sich  oft  auch 
üebelkeit  und  Brecherlicbkeit ,  selbst  Erbrechen  einstellt.  Diese  deutlich 
erkennbaren  Symptome  bietet  in  ihrer  Gesammtheit  kein  Einziges  von  allen 
unsern  sonstigen  Arzneien,  und  dürfen  sie  deshalb  jederzeit  als  charakteristisch, 
wenn  auch  nicht  als  allein  inaassgebend,  angesehen  werden.  —  Die  Allo- 
pathie  kennt   dergleichen   nicht. 


214  lV-  Bu<-"h.     Aphorism  30. 

Homöopathen,  welche  nur  durch  umsichtige  Anwendung  der  ver- 
schiedenen Antidote  der  China  und,  wenn  chronische  Be- 
schwerden, wie  dieses  oft  der  Fall  ist,  dabei  aufgeweckt  sind, 
durch  die  sorgfältig  ausgewählten,  für  Diese  passenden  Arzneien 
geleistet  werden  kann.  Wenn  aber  Kranke  dieser  Art  sogleich 
bei  uns  Rath  holen,  so  fehlt  es  uns  nicht  an  Heilmitteln,  welche 
auch  diese  regelmässige  und  pünktliche  Wiederkehr 
von  Fieber-Anfällen  unter  ihre  charakteristische  Zeichen  zählen, 
(wie  Ant.  crud. ,  Cina,  Ignat.  und  vorzüglich  Sabad.),  und  je 
nach  den  sonstigen  begleitenden  Beschwerden  homöopathisch 
richtig  angewendet,  jedesmal  diese  Fieber  eben  so  sicher 
und  eben  so  vollständig  heilen,  als  jedes  Andere,  und  zwar 
ohne  die  mindesten  nachtheiligen  Folgen  zurückzulassen.74). 

Wir  dürfen  diese  Gelegenheit,  um  unserer  Glosse  über  die 
zu  bestimmten  Stunden  oder  Tageszeiten  wiederkehrenden 
Verschlimmerungen  noch  einige  Worte  beizufügen,  um  so  weni- 
ger unbenutzt  vorbeigehen  lassen,  als  in  den  Schriften  des  Hippo- 
krates  überhaupt  so  wenig  darüber  gesagt  ist,  und  die  darin  ent- 
haltenen Angaben  über  die  Periodizität  sich  fast  ausschliess- 
lich auf  den  Verlauf  und  die  E  n  t s  c  h  e  i d  u  n g  e  n  der  Krankheiten 
beziehen.  Durch  die  Prüfungen  der  Arzneien  am  gesunden 
Menschen  hat  es  sich  aber  deutlich  herausgestellt,  dass  bei  den 
Meisten  derselben  sich  eine  mehr  oder  weniger  regelmässige 
Erhöhung  oder  Abnahme  der  dadurch  erregten  Beschwerden 
auch  nach  der  Tageszeit  richtet,  und  die  Erfahrung  hat  uns 
gelehrt,  dass  bei  Anwendung  des  Aehnlichkeits- Gesetzes  auch 
hierauf  nicht  minder  Rücksicht  genommen  werden  muss,  als 
auf  die  Einflüsse  der  verschiedenen  Lagen  und  Umstände. 
Es  finden  sich  Manche  darunter,  wo  solche  periodische  Exa- 
zerbationen    so    ziemlich    für    alle    dem   Mittel   angehörende 


74)  Causa    vero    physica    et    tantopere  a   philosophis    quaesitd    rerum 
natura  est  illud  in  rebus  iguotum,  a  quo   vires  emanare  solent. 

Pitcairn ,  opusc.  III,  59. 


IV.  Buch.     Aphorism  30.  215 

Krankheits-Erscheinungen  gelten,  Andere,  wo  Solche  für  ver- 
schiedene Beschwerden  zu  verschiedenen,  aber  doch 
wieder  bestimmten  Tageszeiten  aufzutreten  pflegen,  noch 
Andere,  wo  solche  Zeitpunkte  des  Anfangs  und  des  Endes 
scharf  begrenzt  sind.  Als  Beispiel  von  diesem  Letzten  wollen 
wir  Kürze  halber  nur  die  ziemlich  konstante  allgemeine  Ver- 
schlimmerung von  4  bis  8  Uhr  Abends  anführen,  die  wir  bisher 
nur  bei  zweien  Mitteln,  dem  Helle borus  niger  und  dem 
Lycopodium  clavatum,  beobachtet  haben,  und  die  oft  allein 
hinreicht,  um  bei  der  Mittelwahl  den  Ausschlag  zu  geben,  wo 
oft  viele  Andere  mit  den  beiden  Genannten  um  den  Vorrang 
streiten.  Je  geringer  die  Zahl  der  Arzneistoffe,  ist,  die  in 
dieser  Beziehung  einer  besonderen  Tageszeit  oder  Stunde  ent- 
sprechen, um  so  mehr  fallen  sie  dabei  ins  Gewicht,  und  wenn 
sich  bei  der  Wahl  von  dieser  Seite  her  Widersprüche  erhe- 
ben, so  darf  und  muss  man  Diese  jederzeit  als  triftige  Gegen- 
indikationen ansehen,  wovon  weder  Hippokrates  und  seine 
Schule,  noch  die  Allopathie  etwas  wissen.  Für  uns  Homöopathen 
ist  daher  die  sorgfältigste  Ermittelung  dieses  Periodizitäts- 
Moments  bei  der  Aufnahme  eines  Krankheitsbildes  eine  drin- 
gende Notwendigkeit,  die  niemals  ausser  Acht  zu  lassen  ist, 
und  der  Mangel  derselben,  ebenso  wie  die  der  sonstigen  Ver- 
schlimmerungs-Momente  ist  am  Gewöhnlichsten  die  Ursache, 
weshalb  die  umständlichsten,  von  allopathischen  Aerzten  aufge- 
stellten Krankheits-Geschichten  in  der  Regel  für  uns  ganz  un- 
genügend und  unbrauchbar  sind.  Wenn  z.  B.  ein  gelehrter 
Allopath  einen  ausführlichen,  bogenlangen  Bericht  über  einen 
Nerven  fieberkranken  aufsetzt:  so  wird  er  sicher  nicht 
unterlassen,  die  pathologischen  Kennzeichen  dieser  Krankheit  mit 
aller  Vollständigkeit  zu  beschreiben,  und  auch,  wenn  sie  vorhan- 
den sind,  der  Gliederschmerzen  zu  erwähnen.  Aber  für  den 
Homöopathen  ist  das  Alles  zur  sichern  Mittelwahl  unzureichend, 
und  er  wird  erst  dann    im   Stande  sein,    sich    für    eine  Arznei 


216  IV-  Buch-     Aphorism  30. 

zu  entscheiden,  wenn  er  zu  dem  Allen  nur  noch  weiss,  oh 
der  Kranke  Abends,  in  der  Wärme  und  bei  jeder  Bewegung 
(Bry.J,  oder  Morgens,  bei  Abkühlung  und  in  der  vollstän- 
digsten Ruhe  (Rhus)  eine  Erhöhung  verspürt.  Ganz  in  der- 
selben Weise  verhält  es  sich  mit  den  Neuralgien,  wie  z.  B. 
Zahn-  oder  Gesichtsschmerzen,  welche  die  Allopathen  selbst 
zu  ihren  Scandalis  zählen  und  für  deren  Beseitigung  oft 
„goldene  Berge  versprochen"  werden.75)  So  wenig  hierbei  der 
ganze  gelehrte  anatomische  und  pa  th  o  logische  Kram  den 
mindesten  Nulzen  schafft,  so  leicht  werden  Diese  von  einem  ge- 
übten Homöopathen  geheilt,  wenn  er  nur  den  Einfluss  von 
Zeit  und  Umständen  genau  hat  erforschen  und  dem  entspre- 
chend seine  Mittel  wählen  können.  r6) 


75)  In  physicis  rebus  sine  experimento  philosophari  idein  est,  ac  si 
coecus  de  colore  Judicium  ferre  insipientius  praesumeret. 

Kivcher,  rriund.  subt.  X,  c.   3. 

76)  Der  Mangel  an  pathologischer  Wahrheit  kann  durch  .scholastisches 
Schematisiren  nicht  ergänzt  werden.  Dr.   M.   H.  Romberg. 

A  la  maxirne  d'Hippocrate :  „Naturam  morborum  curationes  ostendunt!" 
—  Hahnemanu  a  substitue  la  formule:  „Vires  medicamentorum  curationes 
ostendunt!"  Dr.   Taxil,  l'Homoion.    1,   10,  219. 

„Die  Therapie"  —  sagt  unser  trefflicher  Freund  Stens  in  der  ersten 
Zeile  seiner  Therapie  unserer  Zeit,  —  „ist  die  eigentliche  Blüthe  der  Me- 
dizin." Und  in  der  That  selbst  unsere  Pathologie  und  Nosologie  sind  im 
Wesentlichen  Therapeuthische,  weil  sie  dazu  dienen,  unter  den  oft  zahl- 
reich konkurrirenden  Arzneien  diejenige  anzuzeigen ,  welche  für  den  kon- 
kreten Fall  die  Passendste ,  mithin  die  Hülfreichste  ist.  Es  handelt  sich 
hier  also  nur  in  soweit  um  das  Generelle,  was  alle  Krankheiten  derselben  Gat- 
tung mit  einander  gemein  haben,  als  dies  zu  einer  generellen  Diagnose  erforder- 
lich ist.  Weit  erheblicher  und  durchaus  unentbehrlich  ist  für  uns  die  Er- 
forschung derjenigen  Zeiclren,  welche  den  einzelnen  Mitteln  angehören,  und 
eben  so  die  Einen  indiziren,  wie  sie  die  Andern  ausschliessen.  Hiernach 
begreift  es  sich  leicht,  dass  ein  genügendes  Krankheitsbild  nur  von  Dem 
aufgestellt  werden  kann,  welcher  alle  diese  Zeichen  kennt  und  zu  würdigen 
versteht,  und  dass  eine,  oft  bogenlange,  von  einem  gelehrten  Allopathen 
entworfene  Beschreibung  für  den  Homöopathen  völlig  ungenügend  und  un- 
brauchbar ist.  In  noch  weit  höherem  Grade  ist  dies  der  Fall,  wo  bloss 
von   Namen    die  Rede   ist,    unter    denen    oft   eine    ssahllose   Metige  der  ver- 


IV.  Buch.     Aphorism  31.  217 

31.  Bei  Fiebern,  welche  von  ungewöhnlicher  Mattigkeit 
begleitet  sind ,  stellen  sich  leicht  Geschwülste  an  den 
Gelenken  und  an  den  Kinnbacken  ein. 


Dieser  Lehrsatz,  ohne  Zweifel  ein  Ergebniss  der  Erfahrung, 
ist  von  Galenus  koinmentirt  und  von  Celsus  (II,  7)  wiederholt, 
kann  aber  doch  wohl  nicht  als  allgemein  gültig  angenommen 
werden.  Allerdings  sind  dergleichen  Fieber,  namentlich  Wechsel- 
Geher,  auch  bei  uns  in  den  letzten  zwanzig  Jahren  einige  Male 
vorgekommen,  wo  sich  Gelenk-  und  Drusen-Geschwülste, 
besonders  an  den  Knieen  und  Unterkiefern  einfanden,  und  die 
fast  jedesmal  in  der  Calc.  carb.  ihr  Heilmittel  hatten,  so  dass 
dann  diese  metastatischenBeschwerden  sich  niemals  einstellten. 
Diese  Fieber  zeichneten  sich  dadurch  aus,  dass  Frost  und 
Hitze  entweder  schnell  mit  einander  abwechselten,  oder 
gleichzeitig  vorhanden  waren,  indem  der  Frost  inner- 
lich, die  Hitze  aber  äusserlich  war,  gewöhnlich  mit  Herz- 
klopfen und  nachfolgendem  profusen  Seh  weisse,  wozu 
die  Neigung  bei  den  Rekonvaleszenten  oft  längere  Zeit  anhielt, 
und  welcher  noch  die  Eigenthümlichkeit  hatte,  dass  er  bei  Be- 
wegung in  der  freien  kalten  Luft  am  heftigsten  hervor- 
trat, und  nur  im  ersten  Schlafe  im  Bette,  nicht  in  der  Mor- 
genzeit sich  zeigte.  Nachdem  dieses  Fieber  kaum  ein  Paar 
Monate  geherrscht  hatte,  trat  in  zweien  Jahren  nach  einander 
an  dessen  Stelle  ein  Anderes ,  welches  wegen  der  ungeheuren 
Kopfschmerzen    während    der   Hitze    und    einiger    andern 


schiedenartigsten  Beschwerden  begriffen  ist.  deren  Jede  ihr  besonderes  Heil- 
mittel verlangt.  Wir  können  daher  nicht  oft  genug  wiederholen,  dass  wir 
gegen  Kopfweh,  Zahnweh,  Magenweh,  Husten,  Schlaflosigkeit,  Wechsel- 
fieber u.  s.  w.  keine  überall  passende  Mittel  besitzen,  und  beim  Maugel  an 
hinreichenden  Symptomen  an  die  Allopathie  oder  an  die  Zeitungen  verwei- 
sen müssen,  welche  „unfehlbare  Mittel"  im  Ueberflusse  für  alle  dergleichen 
Beschwerden  ankündigen  .  bis  wir  unsere  spezielle  Therapie  in  Anwendung 
bringen  können. 


218  IV.  Buch.     Aphorism  32, 

Zeichen  Natrüm  niuriaticum77)  verlangte,  und  dadurch  eben  so 
schnell  als  vollständig  geheilt  wurde.  Auch  hei  diesen  Fie- 
bern blieb  die  China  ohne  allen  Erfolg,  und  viele  damit  Be- 
handelte suchten  gegen  die  oben  angeführten  Beschwerden  am 
Ende  bei  uns  Hülfe.78) 

Indessen  ist  die  grosse  Schwäche  und  Mattigkeit  keines- 
wegs als  ein  Kriterium  zu  betrachten,  woraus  für  die  obige 
hippokratische  Schlussfolgerung  eine,  auch  nur  gewöhnliche  Be- 
rechtigung zu  entnehmen  wäre.  Vielmehr  giebt  es  der  Fieber 
Viele,  wo,  ungeachtet  der  übergrossen  Hinfälligkeit  schon  bei  und 
nach  den  ersten  Anfällen,  weder  das  Eine  noch  das  Andere  ein- 
tritt, sondern  Beschwerden  ganz  anderer  Art.  So  haben  wir 
z.  B.  derartige  ermattende  Fieber  gesehen,  denen  heftige 
Kopfschmerzen  von  traumvoller  Schlummer  sucht  unter- 
brochen (Ars.);  Andere,  denen  rheumatische  Gliederschmer- 
zen mit  unlöschbarem  Durste  und  häutigem  Harnlassen 
(Lyc);  noch  Andere,  denen  Magendrücken  mit  Erbrechen 
alles  Genossenen,  Blutdrang  zum  Kopfe  und  Athembeengung 
folgte  (Ferr.),  und  noch  mehrere  Modifikationen  verschiedener 
Art.  Wenn  man  aber  solche  Fälle  genau  betrachtete,  so  erkannte 
man  durchgehends  bald,  dass  auch  hierbei  das  chronische 
(psorische)  Miasma,  dieser  vielgestaltige  Proteus,  sein 
leidiges  Spiel  trieb ,  und  dass  bei  manchen  lange  und  schwer 
Erkrankten  ohne  Anwendung  des  Schwefels  das  Ziel  nicht 
zu  erreichen  war. 


32.     Diejenigen,  welche   nach  überstandener  Krankheit    an 


77)  Wenn  Homer  (II.  IX,  214)  das  Salz  göttlich  nennt,  so  will  er 
damit  wohl  nur  die  grosse  Nützlichkeit  desselben  ausdrücken  und  es  nur  als 
Beiwort  brauchen,  wogegen  der  Schwefel   das  wirkliche  fttlov  ist  und  heissi. 

78)  „In  der  Medizin"  —  sagt  ELufeland  in  seinen  kl.  med.  Schriften 
II,  S.  285.  —  „heisst  es  mehr,  als  irgendwo:  an  ihren  Früchten  sollt  ihr 
sie  erkenne)!." 


IV.  Buch.     Aphorism  33,  34,  35.  219 

irgend  einem  Theile  ihres  Körpers  Schmerzen  empfin- 
den, bekommen  daselbst  Geschwülste. 


In  der  Allgemeinheil,  wie  dieser  Erfolg  hier  ausgesprochen 
ist,  dürfte  sich  derselbe  doch  nicht  in  der  Erfahrung  bestätigt 
finden.  Jedenfalls  ist  aber  ein  derartiger  Vorgang  ein  zuverlässi- 
ges Zeichen,  dass  die  Krankheit  nicht  wirklich  geheilt  war, 
sondern  nur,  nach  der  nicht  seltenen  Unart  der  chronischen 
Leiden,  ihre  Form  und  Gestalt  verändert  und  zur  gründ- 
lichen und  dauerhaften  Heilung  noch  tiefer  eingreifender  Mittel 
bedurft  hätte. 


33.  Wenn  aber  bereits  vor  der  Krankheit  ein  Theil  des 
Körpers  leidend  gewesen  ist,  so  nimmt  sie  Diesen  zu 
ihrem  Sitze. 


Die  Bestätigung  dieses  Aphorisms  erleben  wir  täglich,  und 
am  meisten  da,  wo  die  früher en  Beschwerden  palliativ  be- 
schwichtigt sind.  Wenn  aber  ein  solches  früheres  Leiden  gründ- 
lich und  im  vollen  Sinne  des  Worts  geheilt  war,  so  wird  dies 
nicht  erfolgen.  Wenn  z.  ß.  ein  rheumatisches  Zahnweh, 
bei  übrigens  gesunden  Zähnen,  homöopathisch  geheilt  war. 
so  wird  ein  später  durch  neue  Erkältung  oder  sonst  auf's  Neue 
Entstandenes  selten  zunächst  an  derselben  Stelle  wieder 
auftreten.     Solche  Erfahrungen  machen  wir  ebenfalls  täglich. 


34.  Es  ist  tödtlich,  wenn  ein  Kranker,  ohne  eine  Geschwulst 
im  Halse  zu  haben,  plötzlich  von  Erstickung  befallen 
wird. 

35.  Es  ist  tödtlich,  wenn  einem  Fieberkranken  plötzlich 
der  Hals  verdreht  wird,  und  er,  ohne  vorhandene  Ge- 
schwulst im  Halse,  fast  nichts  mehr  durchschlingen 
kann. 


220  IV-  Buch.     Aphorism  35. 

Diese  beiden  Aphorismen  gehören  offenbar  zusammen  und 
enthalten  Symptome,  die  fast  nur  bei  der  Hydrophobie  vor- 
kommen, in  der  That  hat  auch  ein  neuerer  Kommentator  diese 
darauf  bezogen,  wahrscheinlich  mit  aus  dem  Grunde,  weil  nach 
allgemeinem  Dafürhalten  die  einmal  zum  Ausbruche  gekom- 
mene Wasserscheu  nicht  mehr  zu  heilen  ist,  mithin  die 
angeführte  Tödtlichkeil  dieser  Zeichen  völlig  zutreffend  ist. 
Bei  unserer  Stellung  als  blosser  Glossator  können  wir  uns  in- 
dessen der  etwaigen  Zweifel  an  der  Richtigkeit  dieser  Vermuthung 
für  überhoben  ansehen  und  getrost  einen  kleinen  Abstecher 
in  das  Gebiet  der  Hundswuth  unternehmen. 

Ohne  uns  dabei  gar  zu  weit  in  das  bisherige  Verfahren  der 
Allopathie  einzulassen,  wollen  wir  nur  im  Vorbeigehen  er- 
wähnen, dass  diese  Schule  die  äussere  Behandlung  als  die 
Wichtigste  und  Unentbehrlichste  ansieht,  und  dass  sie 
selbst  gesteht,  das  eigentliche  Wesen  dieser  gefährlichen  Krank- 
heit noch  nicht  zu  kennen.  Eine  Hauptautorität  in  diesem 
Fache  (Rust,  Aufsätze  und  Abhandlungen  a.  d.  G.  der  Medizin, 
Band  II,)  äussert  sich  in  dieser  Beziehung  folgender  Maassen : 
—  „Ich  für  meinen  Theil  halte  jedes  Mittel,  das  nicht  unmittel- 
bar auf  die  wunde  Stelle  selbst  angewendet  wird,  und  von  dem 
nicht  bewiesen  ist,  dass  es  durch  eine  spezilische  Reaktion  das 
aufgenommene  Wuthgift  zu  zersetzen,  unwirksam  zu  machen, 
oder  auf  irgend  einem  Abführungswege  zu  entfernen  im  Stande 
ist,  für  unzureichend,  die  Wasserscheu  zu  verhüten,  und  in  wie- 
fern durch  den  frommen  Glauben  an  die  Untrügliebkeit  solcher 
spezifischen  Mittel  die  örtliche  Behandlung  vernachlässigt  wird, 
für  gefährlich."79) 


79)  Wie  willkürlich   oft  verfahren   wird,   um  einer  Theorie  zu  gefallen, 
die  S.  51  dess.  W.  mit  einer   Folie  —   (6h  folie  oder  tairi?)  verglichen 

wird,  ei  nein  Mittel  unter  Mehreren  den  Erfolg  zuzuschreiben  und  ein  An- 
deres für  unwirksam  zu  erklären,  lesen  wir  z.  B.  in  der  ,. Darstellung  etc. 
über  die  Wasserscheu"  von  J>.  Wendt  (Breslau    1842;,   bei  Gelegenheit,  wo 


IV.  Buch.     Aphorism  35.  221 

Wir  glauben  nicht  zu  irren,  wenn  wir  Dies,  mit.  sehr  weni- 
gen Ausnahmen,  für  die  allgemein  herrschende  Ansicht  der 
allopathischen  Schule  halten,  welche  darin  mit  der  homöo- 
pathischen Schule  in  dem  entschiedensten  Widerspruche 
steht.  Wir  nämlich  he  trachten  die  Wasserscheu  ihrem 
Wesen  nach  nicht  Anders,  als  jede  andere  dynamische  Krank- 
heit, die  deshalb  auch  nach  denselben  Grundsätzen  zu  hehan- 
deln  und  zu  heilen  ist.  Aus  diesem  Grunde  legen  wir  das 
hauptsächlichste  Gewicht  auf  die  eigenthümlichen  und  cha- 
rakteristischen Symptome  dieser  Krankheit,  und  beachten 
das  Verhalten  der  Bisswunden  nur  als  Kennzeichen  von  den 
Fortschritten  der  Heilung,  hüten  uns  also  wohl  davor, 
uns  selbst  diese  Merkmale  zu  verdunkeln. 

In  unserer  langen  Praxis  haben  wir  selbst  nur  zwei  Fälle 
von  bereits  aus  gebrochen  er  Wasserscheu  zu  bebandeln 
gehabt.  Der  Erste  davon  ist  im  Archiv  für  die  hom.  Heilkunde, 
Band  X,  Heft  3,  S.  85  ff.  ausführlich  mitgetheiit.  Er  betraf  eine 
bereits  allopathisch  äusserlich  und  innerlich  (überkräftig) 
behandelte.  Hydrophobie,  die  dessenungeachtet  schnell  und 
vollständig  geheilt  wurde.  Der  Zweite  kam  im  Jahre  1854  vor, 
wo  ungewöhnlich  viele  tollwülbige  Hunde  erschienen,  die  merk- 
würdigerweise trotz  der  grossen  Hitze  in  den  drei  vorletzten 
Jahren  fast  gar  nicht  mehr  vorkamen.  Dieser  Letze  betraf 
einen  Landmann  in  den  besten  Jahren,  der  vor  sieben  Tagen 
von  einem  solchen  Hunde  in  die  Hand  gebissen  war,  und  der 
heute  früh  beim  Waschen  die  ersten  Anfänge  im  Kopfe  ver- 
spürt hatte.     Er  machte  sich  deshalb  schleimigst   auf  den  Weg, 


er  S.  75  ff.  die  Breraschen  Versuche  im  Hospital  zu  Crema  einer  Kritik 
unterzieht.  Hier  wurden  von  12  gebissenen  und  behandelten  Personen  4 
gerettet,  die  neben  andern  Mitteln  auch  Belladonna  bekommen  hatten, 
und  dennoch  sollten  diese  durch  Quecksilber  und  Salivation  geheilt  sein, 
welche  bei  den  übrigen  8  Personen  ohne  Belladonna  nichts  gefruchtet 
hatten, 


222  IV-  Buch.     Aphorism  35. 

um  bei  uns  Hülfe  zu  suchen.  Während  wir  eben  beschäftigt 
waren,  die  Symptome  genau  zu  erforschen ,  überkam  ihm  der 
zweite  Anfall  auf  unserer  Stube,  und  brachte  uns  damit  in 
eine  eben  nicht  angenehme  Situation.  Es  begann  mit  einem 
schmerzhaften  Ziehen  vom  Nacken  herüber  zur  Stirne,  dar- 
auf unmittelbar  Funken  vor  den  Augen  und  gänzliches  Ver- 
gehen des  Gesichts,  mit  rothem  Angesichte  und  unwill- 
kürlichem Knirschen  mit  den  Zähnen.  Der  Patient  wurde 
sofort  zum  Sitze  geführt,  nach  rückwärts  angelehnt  und  Ruhe 
geboten,  dem  er  noch  Folge  zu  leisten  im  Stande  war.  Nach 
fünf  Minuten  etwa  war  der  Anfall  vorüber,  und  nun  erhielt  er 
sogleich  eine  kleinste  Gabe  Bellad.  (200)  auf  die  Zunge  gelegt, 
so  wie  noch  zwei  Andere  desgleichen ,  nebst  zweien  Zwischen- 
gaben Hyosc.  (200),.  um  davon  alle  vierundzwanzig  Stunden  Eine 
zu  nehmen.  Der  Erfolg  war  vollständig.  Am  sechsten  Tage 
stellte  er  sich  wieder  ein  und  versicherte,  seitdem  auch  nicht 
die  mindeste  E r  m  a  h n  u n  g  mehr  davon  gehabt  zu  haben. 
Weil  indessen  die  gebissene  Stelle  noch  eine  etwas  bläuliche 
Farbe  durchscheinen  liess,  erhielt  er  noch  einmal  die  vorerwähn- 
ten Pulver,  jedoch  mit  der  Aenderung,  dass  nun,  eben  wegen 
der  noch  bläulichen  Färbung,  statt  des  Hyosc,  die  Lach, 
als  Zwischenmittel  gewählt  wurde.  Acht  Tage  später,  wo  er 
sich  abermals  meldete,  war  alles  geheilt  und  von  natürlicher 
Farbe,  von  sonstigem  Unwohlsein  nicht  das  Mindeste  mehr  wahr- 
zunehmen ,  und  der  Gerettete  erfreut  sich  bis  heule  der  unge- 
trübtesten Gesundheit. 

Das  prophylaktische  Verfahren  der  beiden  rivalisiren- 
den  Schulen  entspricht  vollkommen  den  obigen  Ansichten  und 
Behandlungsweisen.  Wo  die  Allopathie  schneidet,  ätzt 
und  brennt,  was  wolü  Niemand  jucunde  nennen  kann,  da  giebl 
die  Homöopathie  einfach  und  ruhig  ihre  kleinen  weissen  süs- 
sen Pulver  eben,80)  welche   diejenige  Arznei   in    hoher  Dyna- 

80)  Mais  pour  le  public  qni  ne  voit  d.ms  nos    remedes    que  des  pou- 


IV.  Buch.     Aphorism  36.  223 

misation  enthalten,  die  den  gewöhnlichen  Zeichen  der  Hydro- 
phobie in  der  grössten  Äehnlichkeit  der  Wirkungen  entsprechen. 
Unter  Diesen  steht  die  Belladonna  an  der  Spitze,  und  um  die 
Wirksamkeit  Derselben  noch  mehr  zu  sichern,  wählen  wir  davon 
nicht  nur  eine  hohe  Dyna misation,  wodurch  unserer  Erfah- 
rung gemäss  der  W  i  r  k  u  n  g  s  k  r  e  i  s  einer  Arzneisubstanz  u  n  g  e- 
mein  erweitert  wird,  sondern  geben  noch  als  Zwischenmittel 
einmal  Hyosc,  andermal  Stram.,  weil  diese  beiden  Mittel,  neben 
ihrer  theilweisen  Symptom en-Aelmlichkeit  mit  Der  der  wahren 
Hydrophobie,  auch  noch  die  Eigenschaft  haben,  den  Organismus 
für  die  Einwirkung  der  Beilad.  empfänglicher  zu  machen.  Dieses 
Verfahren  hat  sich  nun  auch  faktisch  in  dem  Maasse  be- 
währt, dass  heutiges  Tages  und  in  einem  weiten  Umkreise 
von. zehn  Gebissenen  mindestens  Neun  bei  Uns  Hülfe  suchen, 
und  unter  den  Hunderten,  die  unsere  Präservative  gebraucht 
haben,  ist  brs  zur  Stunde  noch  bei  keinem  Einzigen  ein 
Ausbruch  dieser  schrecklichen  Krankheit,  oder  auch  nur  die 
leiseste  Anwandlung  davon  erfolgt. 

Wir  schreiben  kein  Lehrbuch  über  Homöopathie ;  man  könnte 
uns  aber  zum  Vorwurf  machen,  dass  wir  bloss  obige  vier  Mittel 
genannt  und  Canth.,  Cupr.,  Merc,  Phosph.  und  Sabad.  vergessen 
hätten,  zu  denen  vielleicht  auch  noch  Apis.,  Ars.,  Calc. ,  Jod., 
Ruta  und  Veratr.  gehören ;  so  wollen  wir  daher  diese  hier  bloss 
nachtragen,  wenn  wir  sie  bisher  auch  noch  nicht  gebraucht  haben. 


36.  Diejenigen  Schweisse,  welche  sich  bei  Fieberkranken 
am  dritten,  fünften,  siebenten,  nennten,  eilften,  vier- 
zehnten, siebenzehnten,  einundzwanzigsten,  siebenund- 


dres  Manches,  ce  seront  toujours  des  poudres  contre  le  sang  qu'il  deman- 
dera;  et  il  est  fort  etonne  qu'on  le  soumette  ä  un  exauien  si  minutieux, 
pour  aboutir  ä  un  remede  qu'il  croit  toujours   etre  le  meme. 

Dr.   L.  Malaise,  clin.  hom.  p.  269. 


224  lv-  Bucn-    Aphorism  3<". 

zwanzigsten,  einunddreissigsten  und  vierunddreissigsten 
Tage  einstellen ,  sind  heilsam ,  weil  sie  die  Krankheit 
entscheiden.  Wenn  solche  aber  an  anderen  Tagen 
eintreten,  so  deuten  sie  auf  Erschöpfung,  Langwierig- 
keit der  Krankheit  und  Rückfälle. 


Bei  der  Aufmerksamkeit,  welche  Hippokrates  auf  die  kri- 
tischen Tage  verwendet  hat,81)  und  wovon  dieser  Aphorism 
auf's  Neue  Zeugniss  ablegt,  ist  es  fast  unerklärlich,  dass  von 
den  täglichen  Erhöhungen  oder  Linderungen  der  Be- 
schwerden nach  den  verschiedenen  Tageszeiten  nirgends  die 
Rede  ist,  indem  doch  diese  Unterschiede  fast  bei  jeder  Krank- 
heit so  deutlich  in  die  Augen  treten  ,  dass  sie  unmöglich  über- 
sehen werden  können.  Die  Ursache  mag  indessen  wohl  darin 
liegen,  dass  die  hippokratischen  Beobachtungen  und  Angaben  sich 
durchgängig  auf  kritische  Zei  tabs  chnitte  für  die  Entschei- 
dungen beziehen,  mithin  nur  als  prognostische  Zeichen 
und  Anhaltspunkte  für  ihn  von  einigem  Werthe  waren,  das 
Verhalten  nach  den  Tageszeiten  hingegen  nur  gleichsam 
therapeutische  Indikationen  liefert,  von  denen  Hippokrates 
damals  noch  weniger  Gebrauch  machen  konnte,  als  die  heutige 
Allopathie,  weil  Beiden  die  erforderlichen  pathogenetischen 
Kenntnisse  abgehen,  um  sie  zu  verwerthen.  Welchen  uner- 
setzlichen Werth  diese  Letztern  für  uns  haben,  weiss  jeder 
Homöopath  aus  seiner  täglichen  Erfahrung  immer  mehr  zu  wür- 
digen, und  legt  deshalb  ein  weit  grösseres  Gewicht  hierauf,  als 
auf  die  sogenannten  kritischen  Tage  und  Erscheinungen  der 
alten  Schule,  die  ihm  zur  richtigen  Wahl  der  Mittel,  welche  ihm 
stets  und  überall  für1  die  Hauptsache  gilt,  keine  Anhaltspunkte 
darbietet.  82) 


81)  Bekanntlich  haben,  zum  grossen  Schaden  für  die  Wissenschaft, 
spätere  hippokratisehe  Schwärmer  das  pythagorische  Zahlen-System  mit  der 
Lehre  von  den  kritischen  Tagen  verbunden,  ohne  zu  bedenken,  dass  in 
dieser  Letzteren  der    11.   und  der    17.   Tag  ohne   Bedeutung  sind. 

82)  Wie  Manchem  mag  es  noch  heute   gehen,    wie    dem  Fabricius    ab 


IV.   Buch.    Aphorisin  37,   38.  225 

37.     Kalter  Schweiss  kündigt  in  sehr  hitzigen  Fiebern  den 
Tod,    in  Gelindem    Langwierigkeit   der  Krankheit    an. 


Der  kalte  Schweiss  ist  in  vielen  Fällen  der  wirkliche 
Todesschweiss;  aber  in  manchen  Krankheiten  ist  er  auch 
ein  sehr  charakteristisches  Zeichen  für  chronische  Zu- 
stände, und  namentlich  dann,  wenn  er  besonders  im  Nacken 
auftritt.  In  der  That  bezeichnet  auch  Hippokrates  eben  diese 
Stelle  für  den  kalten  Schweiss  in  zweien  seiner  Schriften 
(tceqi  xyiaiav  und  7tqoyvo6tiKov)  ausdrücklich,  und  es  ist  merk- 
würdig, dass  unser  Hauptmittel  für  chronische  Krankheiten,  näm- 
lich der  Schwefel,  fast  ausschliesslich  diesem  Symptome  ent- 
spricht. 


38.     Wo  am  Körper  Schweiss    ausbricht,    da  ist    auch    der 
Sitz  der  Krankheit. 


Der  hier  ausgesprochene,  in  der  Wirklichkeit  sehr  häufig 
bestätigte  Lehrsatz,  findet  mancherlei  Anwendung  in  der  Praxis. 
Um  hierüber  nur  Ein  Beispiel  anzuführen ,  erinnern  wir  an  die 
fürchterlichen.  Geist  und  Körper  zerrüttenden  Folgen  der 
geheimen  Jugend-Sünden,  welche  häufiger  vorkommen,  als 
man  glauben  sollte.  Die  daraus  entstehenden ,  oft  ungemein 
verschiedenen  Beschwerden  lassen  nicht  immer  mit  Sicherheit 
auf  die  Ursache  schliessen,  während  auch  hier  für  die  Behand- 
lung, sowohl  was  die  Wahl  der  Mittel,  als  die  diätetische 
Lebensweise  und  die  angemessenen  Ermahnungen  anbelangt, 
die  Kenntniss  solcher  anamnestischen  Zeichen  von  grosser 
Erheblichkeit  ist.  Sehr  häufig  kommen  dabei  Fälle  vor,  wo  un- 
mittelbare Nachforschungen  in  dieser  Beziehung  wenigstens  so  lange 


Aquapendente ,    der    die  Yenenklappen  entdeckte,    aber  den  wahren  Zweck 
derselben  nicht  zu   ermitteln  vermochte. 

15 


226  1V-  Buch.  Aphorism  39. 

durchaus  unstatthaft  sind,  bis  die  onanistischen  Ge- 
wohnheiten ausser  Zweifel  stehen,  und  sehr  oft  würde  sich  da- 
durch der  Arzt  der  Gefahr  aussetzen,  entweder  die  Scham- 
haftigkeit,  dieses  heilige  Palladium  besonders  der  weiblichen 
Jugend,  zu  verletzen,  oder  gar  zu  derartigen,  bisher  unbe- 
kannten Verirrungen  Veranlassung  zu  geben.  Unter  solchen 
schwierigen  Umständen,  die  neben  der  vollständigen  Renntniss 
der  individuellen  Krankheits-Symptome,  auch  die  grösste  Behut- 
samkeit erheischen,  ist  natürlich  alles  Dasjenige  erwünscht,  was 
auf  ganz  unanstössige  Art  näheren  Aufschluss  zu  geben  im  Stande 
ist,  und  dazu  gehört  namentlich  auch  besonders  der  vorherr- 
schende Schweiss  um  und  an  den  geschwächten  Genita- 
lien, der  dabei  fast  jedesmal  in  auffallender  und  oft  in  ganz 
e  i  gen  th  um  lieber  Weise  vorhanden  ist.  Hierüber  alter  Aus- 
kunft zu  erlangen,  bringt  schon  weniger  Verlegenheit,  wenn  nur 
die  Fragen  behutsam  gestellt  werden,  und  wenn  man  dabei  von 
dem  Allgemeinen  auf  das  mehr  Oertliche  und  Besondere  über- 
geht. Wenn  sich  nun  dabei,  wie  nicht  selten,  besondere  Eigen- 
tümlichkeiten des  Seh  weisses  herausstellen,  wie  z.  B.  die, 
dass  er  während  der  Bewegung  weniger  heftig  ist,  als 
gleich  darauf  während  der  nachfolgenden  Ruhe  des  Körpers 
(Sep.):  so  erhält  man  dadurch  eine  bestimmte  Einweisung  auf 
eine  Arznei,  von  deren  homöopathischen  Anwendung  man  jedes- 
mal der  erwünschtesten  Heilwirkung  versichert  sein  kann.  83J 


39.     Wo  an  irgend  einem  Theile    des  Körpers   Hitze    oder 
Kälte  vorhanden  ist,  da  ist  auch  der  Sitz  der  Krankheit. 


Dieser  Aphorism  erleidet  viel   häutigere  Ausnahmen,  als  der 


83)  Scientia  nihil  aliud  est  quam  yeritatis  imago:  a&m  veritas  Essendi 
et  veritas  Cognoscendi  idem  sunt,  aec  plus  :i  se  invieem  differunt,  quam 
radius  directus  et  radius   reflexu  .  Baco,  de  augm,  scient.  1. 


IV.  Buch.    Aphorism  40.  227 

Vorhergehende.  Die  Gesich  tshitze  z.  B.  bei  einigen  Magen- 
beschwerden, die  kalten  Füsse  bei  Unterleibsleiden, 
die  heissen  Handteller  bei  hektischen  Fiebern,  und 
Viele  dergleichen  mehr  stehen  damit  in  geradem  Widerspruche. 
Es  scheint  daher,  dass  Hippokrates  hierbei  mehr  angehende 
örtliche  Beschwerden  im  Auge  gehabt  hat,  die  noch  nicht  so 
weit  gediehen  sind,  dass  sie  sich  auf  sonstige  Art  äusserlich 
zu  erkennen  geben  können.  Für  uns  hat  daher  dieser  Lehr- 
satz, so  wie  er  da  steht,  nur  einen  sehr  bedingten  Werth,  der 
lediglich  durch  Hinzutritt  von  noch  andern  speziellen  Empfindungen 
und  Nebenbeschwerden  in  erheblicher  Weise  Beachtung  verdient, 
besonders  in  den  Fällen,  wo  es  sich  darum  handelt,  ein  eben 
entstehendes  und  noch  nicht  ausgebildetes  Uebel  wo  möglich 
im   Keime  zu  ersticken. 


40.  Wenn  der  ganze  Körper  abwechselnd  bald  kalt  bald 
warm  wird,  und  eben  so  die  Farbe  wechselt,  so  deutet 
Dies  auf  eine  langwierige  Krankheit. 


Auch  dieser  Lehrsalz,  der  von  Celsus  (II,  5)  wörtlich  wie- 
derholt wird,  kann  auf  allgemeine  Gültigkeit  durchaus  keinen 
Anspruch  machen.  Es  giebt  allerdings  viele  chronische  Krank- 
heiten, bei  denen  ein  solcher  öfterer  Wechsel  von  Kälte  und 
Hitze  zu  den  eigenthümlichen  Zeichen  der  dafür  geeigneten 
Arzneien  wiedergefunden  wird.  Aber  bei  vielen  akuten  Krank- 
heiten ist  dieses  nicht  minder  der  Fall,  namentlich  bei  denjeni- 
gen Nervenfiebern,  die  auf  Bry.  oder  Bhus  deuten,  bei  Er- 
kältungsfiebern, die  sich  für  N.  vom.  eignen,  sowie  bei 
manchen  andern  leichteren  oder  schwereren  Fiebern,  welche  ihre 
Heilmittel  in  Amm.  mur.,  Ghin.,  Creos.,  Samb.,  Veratr.  u.  Andern  fin- 
den. Es  lässt  sich  mithin  aus  diesem  wiederholten  Wechsel  von  Kälte 

und  Hitze  nicht  füglich  einen  Schluss  ziehen  auf  die  Langwierig- 

15* 


228  1V-   Buch.    Aphorism  41. 

keit  einer  Krankheit,  die  thatsächlich  durch  Anwendung  des  rich- 
tigen homöopathischen  Heilmittels  in  wenigen  Tagen  völlig  und 
dauerhaft  beseitigt  werden  kann. 


41.  Ein  starker  Schweiss,  der  ohne  erkennbare  Veranlas- 
sung während  des  Schlafs  ausbricht,  zeigt  an,  dass  der 
Körper  zu  stark  genährt  wird.  Geschieht  dies  aber 
bei  Jemandem,  der  nicht  eben  zu  Viel  isset,  so  ist  das 
ein  Zeichen,  dass  er  einer  Abführung  bedarf. 


Dieser  Aphorism  hat  reichliches  Wasser  auf  die  Mühle  der 
Humoral pathologen  gebracht,  die  ihn  deshalb  auch,  wie  andere 
dahin  Gehörige,  fleissig  ausgebeutet  haben.  Wo  die  Saburren 
und  die  atrabilarischen  Unreinigkeiten,  ihrer  Hypothese 
nach ,  die  Hauptrollen  spielen ,  da  versteht  es  sich  ja  ganz  von 
Selbst ,  dass  sie  ausgefegt  werden  müssen.  Auf  diesem  Wege 
wollen  Jene  nicht  nur  innere  Krankheiten,  sondern  selbst  die 
Hautübel,  Ausschläge,  Flechten,  Geschwüre  n.  dergl., 
die  vermittelst  des  Malpighischen  Netzes  mit  dem  Darmkanal  in 
enger  Verbindung  stehen ;  beseitigen,  und  handeln  daher  nicht 
anders  als  konsequent,  wenn  sie  auch  den  krankhaften  Schweiss 
dazu  rechnen.  Dass  unsere  dynamischen  Ansichten  sehr  weit 
davon  abweichen,  brauchen  wir  nicht  zu  sagen.  Wir  wollen 
daher  auch  nur  mit  kurzen  Worten  erwähnen,  dass  die  oben 
genannten  Erscheinungen  in  den  meisten  Fällen  zu  den  Zeichen 
eines  chronischen  Leidens  gehören,  und  nicht  eher  dauerhaft 
verschwinden,  als  bis  Dieses  gründlich  geheilt  ist,  wozu  aber 
weder  Hungerkur,  noch  Abführmittel  hinreichen.  Diese 
können  nur  dann  helfen ,  wenn  die  „erkennbare  Veranlassung" 
in  einer  Ueberfüllung  zu  linden  ist,  die  hier  aber  ausdrücklich 
ausgeschlossen  wird. 


IV.  Buch.     Aphorism  42,  43.  229 

2.  Ein  unausgesetzt  fortdauernder,  warmer  oder  kalter 
Schweiss  zeigt  eine  Krankheit  an,  und  zwar  der  Kalte 
eine  Schlimmere,   der  Warme  eine  Gelindere. 


Ein  solcher  beständiger  Schweiss  ist,  an  und  für  sich 
schon  natürlicher  Weise  ehen  so  gut  eine  krankhafte  Fieber- 
erscheinung, wie  beständiger  Frost  und  Hitze.  In  der  That 
belegt  man  jene  gewöhnlich  mit  dem  Namen  Schweissfieber, 
womit  aber  im  Grunde  Nichts,  als  ein  einzeln  dastehendes  Symp- 
tom angegeben  wird,  welches  für  sich  allein  natürlich  zur  Mittel- 
wahl nicht  hinreicht.  Wenn  wir  die  vielen  Arzneien  betrachten, 
die  hierbei  zur  Anwendung  kommen  können ,  und  wovon  wir 
nur  die  Hauptsächlichen,  nämlich:  Acon.,  Ars.,  Ery.,  Ipec,  Merc. 
Op.,  Rhus.,  Samb.  und  Sepia  namhaft  machen :  so  ist  es  ein- 
leuchtend, dass  zahlreiche,  unter  sich  gänzlich  verschiedene 
Krankheits -Zu stände  dieses  Symptom  aufzuweisen  haben,  und 
dass  mithin  der  Namen  selbst  dabei  völlig  gleichgültig  ist.  Für 
Saburral-  und  Nom  enklator-  Aerzte  mag  daher  der  Namen: 
Febris  helodes  ausreichen;  für  uns  sogenannte  Symptomen- 
Decker  ist  dies  nicht  der  Fall. 


43.  Anhaltende  Fieber,  die  sich  jedesmal  mit  dem  dritten 
Tage  verstärken,  sind  die  Gefährlicheren;  wenn  sie 
aber  irgendwie  aussetzen,  so  hören  sie  auf,  gefährlich 
zu  sein. 


Dies  ist  ein  aus  den  kölschen  Vorhersehungen  übernomme- 
ner Erfahrungssatz,  der  in  vielen  Fällen  auch  heute  noch  seine 
vollkommene  Richtigkeit  hat.  Der  Umstand ,  dass  dabei  nicht 
nur  keine  Remissionen  eintreten,  sondern  mit  dem  dritten 
Tage  Verschlimmerung  sich  einstellt,  deutet  hinlänglich  an, 
dass  das  Fieber  ungemein  mächtig  ist  und  die  Lebenskraft  gänz- 
lich beherrscht.     Es  ist  daher  nöthig.   so  schleunig    als    mög- 


230  IV-    Buch-     Aphorism  44,  45. 

lieh  die  richtigen  Mittel  anzuwenden,  und  nicht  damit  zu  war- 
ten, bis  die  Krankheit  einige  Tage  Zeit  gehabt  hat,  ihre  Bös- 
artigkeit vollständig  zu  entfalten.  Hier  gilt  es  also,  sogleich  die 
Zeichen  sorgfältig  zu  einem  genügenden  Krankheitshilde  zu  sam- 
meln, damit  ja  nichts  Verkehrtes  angewendet  werde,  was 
das  Uebel  nur  um  so  schlimmer  machen  würde.  Eben  so  wäre 
es  aber  auch  ein  schlechter  Rath,  beim  Beginne  irgendeines 
Fiebers  den  müssig  zuschauenden  Beobachter  zu  machen,  und 
den  dritten  Tag  abzuwarten,  um  zu  sehen,  ob  bis  dahin 
die  Natur  ohne  alle  Beihülfe  nicht  etwa  eine  günstigere  Wen- 
dung eintreten  liesse.  Wenn  irgendwo,  so  ist  es  unstreitig  unter 
solchen  Umständen,  dass  die  homöopathische  Behandlung 
ganz  an  ihrem  Orte  ist,  weil  sie  sich  weniger  darum  beküm- 
mert,—  was  etwa  noch  kommen  kann,  als  um  das,  was  eben 
vorhanden  ist  und  durch  die  wahrnehmbaren  Symptome  den 
Arzt  in  den  Stand  setzt,  die  hülfreiche  Arznei  ohne  Zeitver- 
lust zu  finden  und  zu  reichen.84)  —  Man  kann  Dies  nicht  oft 
genug  wiederholen,  damit  es  nicht  vergessen  werde. 


44.  Diejenigen,  welche  an  langwierigen  Fiebern  leiden, 
bekommen  Geschwülste  oder  Schmerzen  an  den  Ge- 
lenken. 

45.  Diejenigen,  welche  in  Folge  langwieriger  Fieber  Ge- 
schwülste oder  Schmerzen  an  den  Gelenken  bekommen 
haben,  nehmen  allzu  reichliche  Nahrung  zu  sich. 


Diese  beiden  Aphorismen  gehören  zusammen,  und  die  Mei- 
nung des  llippokrates  scheint  Die  gewesen  zu  sein,  dass  die 
genannten,  durch  chronische  Fieber   entstandenen  Beschwer- 


84)  Helleborum  frustra  cum  jam  cutis  aegra  tumebit, 

Poscentes  videas:  venienti  oecurrite  morbo. 

Pers.  Satyr.  3. 


IV.  Luch.    Aphorism  46.  231 

den  durch  magert'  Diät,  d.  h.  durch  Hungerkur  zu  besei- 
tigen wären.  Nun,  wir  wollen  den  Patienten,  die  sich  dazu 
enlschliessen,  von  ganzem  Herzen  ein:  Wohl  bekomm's!  zuwün- 
schen ;  aber  wir  bitten  freundlich,  uns  selbst  damit  zu  verscho- 
nen, da  wir  Mittel  besitzen,  womit  wir  den  beabsichtigten  Zweck 
mindestens  eben  so  luto  und  cito,  aber  dabei  gewiss  viel  mehr 
jucunde  zu  erreichen  wissen. 


46.  Es  ist  tödtlich,  wenn  einen  Kranken,  der  an  einem 
nicht  aussetzenden  Fieber  leidet  und  schon  entkräftet 
ist,  ein  Starrfrost  befällt. 


Ein  solcher  Zustand  ist  in  der  That  beinahe  hoffnungslos, 
und  Niemand  wird  für  die  Rettung  eines  Patienten  dieser  Art 
noch  einsteben  können.  Die  Thätigkeit  der  Lebenskraft  scheint 
dabei  völlig  erloschen  und  zu  keiner  Reaktion  mehr  fähig  zu 
sein;  und  wo  Diese  fehlt,  da  kann  natürlich  auch  von  der 
Wirkung  irgend  einer,  gleichviel  ob  allopathischen,  oder  homöo- 
pathischen Arznei  keine  Rede  mehr  sein,  indem  Diese  eben 
von  dem  Leben  abhängig,  und  am  Todten  unmöglich  ist.85) 

Indessen  kennen  wir  unter  unsern  Heilmitteln,  welche  für 
Starrfrost  in  geringeren  Graden  überhaupt  passen  und  zur 
Wahl  kommen,  besonders  Drei,  die  selbst  in  solchen  verzweifel- 
ten Fällen  zuweilen  noch  Hülfe  zu  bringen  im  Staude!  sind  und 
wirklich  Hülfe  gebracht  haben,  nämlich:  den  Kampfer,  den 
Mohns afl  und  die  Holzkohle.86) 


85)  Die  älteste  Spur  von  der  Erkenutniss  der  heilenden  Reaktion  der 
Lebenskraft,  unabhängig  von  dem  Willen  der  Seele  und  als  notwendiges 
Naturgesetz  finden  wir  in  Joubert's  Paradoxen,   (Dec.  I,  par.  4.  1566). 

86)  Ein  ganz  vorzügliches  und  häufig  anwendbares  Mittel  gegen  Mangel 
an  Reizbarkeit  und  Reaktionsfähigkeit,  besonders  für  alte  Leute,  be- 
sitzen wir  in  der  Carb.  veg.,  aber  unsern  Erfahrungen  zufolge,  fast  nur  in 
den   kleinsten   Gaben   einer  Hochpotenz.      In   übrigens    dafür    angemessenen 


232  IV-  Buch-    Aphorisra  46. 

Vermittelst  des  Ersten  (Camph.)  wurden  in  der  That 
mehrere  Personen,  die  sich  in  Folge  der  schnell  tödtendcn 
Cholera,  welche  die  Franzosen  le  Cholera  foudroyant  nennen, 
in  diesem  Zustande  noch  gerettet,  nachdem  sie  ohne  alle  Lebens- 
zeichen bereits  zu  den  Abgestorbenen  gerechnet  und  bei  Seite 
geschafft  waren.  Ein,  wie  wir  vermuthen,  noch  heut  lebendes 
Beispiel  dieser  Art  ist  der  Oesterreichische  F.-M.-L.  Clam-Gallas, 
welcher  im  Jahre  1831  an  dieser  Krankheit  anscheinend  ver- 
schieden und  ohne  Lebenszeichen  daliegend,  durch  den  längst 
verstorbenen  Grafen  Lazansky  bloss  durch  Kampfer- Spiri- 
tus wieder  ins  Leben  zurückgebracht  wurde,  —  eine  Heilung 
nach  Hahnemanns  Vorschrift,  die  damals  durch  viele  Zeitungen 
die  Runde  machte,  aber  doch  in  Vergessenheit  gerieth. 87) 

In  ähnlicher  Weise  kann  auch  der  Mohnsaft  noch  uner- 
wartete Rettung  bringen,  wo  die  natürliche  Reaktion  der 
Lebenskraft  fehlt,  und  wo  der  Kranke  am  ganzen  Körper 
kalt  und  steif,  und  mit  Schweiss  des  bläulich  aufge- 
dunsenen Gesichts,  wie  ein  Todter  daliegt.  Dieses  Mittel 
besitzt  nämlich  in  so  ausgezeichnetem  Grade,  wie  kein  Anderes, 
die  Fähigkeit,  die  Reaktion  der  Lebenskraft  zu  erwecken  und 
zu  stärken,  und  wird  daher  von  den  Homöopathen  häutig  in 
solchen  Fällen  angewendet,  wo  aus  Mangel  derselben  die  richtig 
gewählte  Arznei  ohne  Wirkung  bleibt.  Nur  da,  wo  in  wahren 
(psorisch-)  chronischen  Krankheilen  dieser  Umstand  vorban- 
den ist,  vertritt  am  besten  der  Schwefel  dessen  Stelle,  indem 
es  das  gleichsam  miasmatische  Hinderniss,  welches  hier 
der  Reizlosigkeit  zum  Grunde    hegt,    kräftig    niederhält    und    die 


Fällen  übertrifft    sie    da  den  Mohnsaft,  sowohl  in   Bezug  auf  Wirksamkeit, 
als  auf  Dauer   derselben. 

87)  Pour  justiner  devant  l'opinion  publique  l'iinpuissance  de  l'art,  on 
a  imagine  un  stratagernc  fort  ingenieux,  et  qui  consiste  ä  dire ,  qu'on  ne 
connait  pas  le  Cholera,  et  que ,  par  eonsequent,  on  ne  peut  eonnaitre  les 
moyens  de   le  guerir.  Magnan.  1'lioniaeop.   p.   (i. 


IV.  Buch.    Aphorism  47.  23o 

natürliche  Lebenskraft  von  ihren  hemmenden  Fesseln  be- 
freit. Die  Anwendung  dieses  unschätzbaren  Mittels  ist  daher 
vielleicht  noch  häufiger ,  als  die  des  Mohnsaftes ,  und  bringt  oft 
in  wunderbar  kurzer  Zeit  die  überraschendsten  Erfolge  zu  Wege.88) 


47.  Bei  nicht  aussetzenden  Fiebern  ist  jeder  graue,  blutige, 
übelriechende  oder  gallichte  Hustenauswurf  böse;  er- 
leichternd aber,  wenn  er  von  guter  Beschaffenheit  ist. 
Eben  so  verhält  es  sich  mit  den  Stuhl-  und  Harn- 
Ausleerungen.  Ueberhaupt  ist  es  böse,  wenn  auf  die- 
sen Wegen  Nichts  fortgeschafft  wird,  was  Erleichterung 
verschafft. 

Die  Absonderungen  aus  der  Brust,  aus  dem  Darm- 
k anale  und  aus  den  Harnorganen  bieten,  besonders  bei 
chronischen  Kranken  mit  ununterbrochenem  Fieber  eine  unge- 
mein grosse  Mannigfaltigkeit  dar,  die  sich  mehr  oder  weni- 
ger von  dem  Natürlichen  unterscheidet,  und  in  beinahe  demsel- 
ben Maasse  mehr  oder  weniger  ungünstige  und  gefährliche 
Zeichen  abgiebt.  Die  Homöopathie  erkennt  dies  nicht  nur  voll- 
ständig, sondern  ist  auch  ernstlich  bemüht  gewesen,  für  diese 
Symptome  nicht  minder,  als  für  alle  Andern,  diejenigen  Arz- 
neien kennen  zu  lernen,  welche  Jeder  dieser  einzelnen  Abnor- 
mitäten besonders  entsprechen.  Die  auf  diesem,  früher 
wenig  betretenen  Felde  gesammelten  Materialien  sind  bereits  in 
sehr  ansehnlicher  Menge  aufgespeichert,  und  noch  fortwährend 
ist  es  unser  ernstlichstes  Bestreben,  sie  noch  zu  vermehren  und 
zu  vervollständigen.     Die  IN  othwendig ■  k  e i t ,  in  allen  Punkten 


88)  Maasslosigkeiten  im  Anpreisen  von  Lieblingsmitteln  finden  wir 
nicht  bloss  bei  den  Enthusiasten  unter  den  Aerzten ,  sondern  auch  unter 
den  besonnenen  Beobachtern.  So  sagt  Sydenham  (Op.  III.)  vom  Mohn- 
safte: „Ohne  dieses  Mittel  bestehe  die  Kunst  nicht  mehr,  und  mit  demsel- 
ben könne  ein  geschickter  Arzt  Dinge  verrichten ,  die  man  für  Wunder 
halten  sollte.  Es  sei  das  Opium  das  herrlichste  Cardiacum,  beinahe  das 
Einzige,   was  in  der  Natur  vorkomme." 


234  IV-   Bucl)'     Apliorism  48. 

das  ähnlich  Wirkende  anzuwenden,  macht  es  uns  zur  gebie- 
terischen Pf  lieh  t,  auch  hierbei  die  geringfügigsten  Verschieden- 
heiten scharf  zu  beachten,  damit  die  Wahl  der  richtigen  Arznei, 
die  bei  uns  stets  für  die  Hauptsache  gilt,  möglichst  gesichert, 
und  dabei  alles  Zweifelhafte  ausgeschlossen  sei.89) 


48.  Es  ist  tödtlich,  wenn  ein  Kranker,  bei  einem  nicht 
aussetzenden  Fieber,  innerlich  brennende  Hitze  mit 
heftigem  Durste  empfindet,  während  die  äusseren 
Theile  kalt  sind. 

* 
Wenn  auch  in  den  kölschen  Vorhersehungen,  denen  dieser 
Apliorism  entlehnt  zu  sein  scheint,  dieser  Zustand  nur  als  sehr 
gefährlich  bezeichnet  wird,  so  darf  man  doch  das  hier  stehende 
d-avccöifiov  wohl  nicht  anders,  als  (wie  gewöhnlich)  mit  dem 
Worte:  tödtlich  wiedergeben,  da  auch  Celsus  (II,  5)  einen  solchen 
Kranken  unrettbar  nennt.90)  Dieses  darf  in  der  That  um  so 
weniger  Wunder  nehmen,  als  von  den  beiden,  uns  bekannten 
Hauptmitteln  für  diese  Krankheitsform,  nämlich  Ars.  und 
Veratr.,  so  viel  -aus  den  übrigen  Schriften  des  Hippokrates  zu 
ersehen  ist,  damals  hierbei  keine  Anwendung  gemacht  wurde. 
So  häufig   auch   zu  dieser  Zeit   namentlich   das  Letzte   in  Ge- 


89)  Bei  der  Versammlung  hom.  Aerzte  Rheinlands  und  Westphalens 
zu  Münster  am  31.  Juli  1856  hat  der  Verf.  dazu  einen  Beitrag  geliefert, 
welcher  in  der  „Allgem.  Hom.  Zeitung,  Band  53,  No.  10  und  11"  abge- 
druckt ist.  Einen  solchen,  seitdem  Vervollständigten,  findet  man  in  der 
im  Jahre  1860  (bei  Coppenrath  in  Münster)  erschienenen  Brochure  dessel- 
ben, unter  dem  Titel:  „Die  homöopathische  Behandlung  des  Keuchhustens 
in  seinen  verschiedenen  Formen",  worin  auch,  weil  es  zu  dessen  Charak- 
teristik gehörte,  auf  sonstige  Hustenarten  und  deren  Eigentümlichkeiten 
Rücksicht  genommen  wurde,  und  welche  also  auch  sonst  noch  in  dieser 
Beziehung  brauchbar  ist. 

90)  In  malis  jam  aegrotum  esse,  ubi  exterior  pars  corporis  frigat,  in- 
terior  cum  siti  calet,  supra  posui.  Sed  tune  quoque  unicuin  in  frictioBe 
praesidium  est;  quae  si  calorem  in  cutem  evoeavit,  potest  alicui  medicinae 
locum  facere.  Celsus  II,  14. 


IV.  Buch.     Aphorism  49.  235 

brauch  war,  so  diente  es  doch  in  der  Regel  zu  Ausleerun- 
gen, besonders  gastrischer  Unreinigkeiten  nach  Oben,  und  ausser- 
dem (eigentlich  homöopathisch)  bei  Wahnsinn  und  bei  bös- 
artigen Durchfällen.  In  den  gewöhnlichen  starken  Do- 
sen,91) wie  damals  die  weisse  Nicsswurz  gereicht  wurde,  hätte 
sie  auch  nur  den  Tod  beschleunigen  müssen,  während  sie 
in  kleinen  und  dynamisirten  Gaben,  wenn  die  übrigen  Ne- 
benzeichen zutrafen,  noch  Rettung  gebracht  haben  würde,  so 
lange  Diese  nämlich  noch  im  Rereiche  der  Möglichkeit  gelegen 
hätte.  In  solchen  verzweifelten  Fällen,  welche  die  schleunigste 
Hülfe  erheischen,  erfährt  man  erst  recht,  wenn  man  nur  den 
Muth  dazu  besitzt  und  seine  grob  materialistischen  Vor- 
urtheile  überwinden  kann,  den  grossen  Y  ortheil  der  höhe- 
ren und  höchsten  Dynamisation,  die  wir  mit  dem  Namen : 
Hoch-Pötcnzen  bezeichnen.  Leider  ist  diese  grosse  Wahr- 
heit, ein  eben  so  zuverlässiges  Ergebniss  einer  sorgfältigen  Er- 
fahrung, wie  die,  worauf  unsere  ganze  Lehre  begründet  ist, 
selbst  im  eigenen  Lager  der  Homöopathie  noch  vielfach 
verkannt,  und,  was  das  Reklagenswertheste  ist,  am  heftigsten 
und  lautesten  erheben  sich  dagegen  die  jüngeren  Adepten, 
denen  es  gerade  in  dieser  Reziehung  an  aller  und  jeglicher 
Erfahrung  mangelt.92) 


49.  Es  ist  ein  Zeichen  des  nahen  Todes,  wenn  bei  einem 
nicht  aussetzenden  Fieber  die  Lippe,  das  Auge,  oder 
die  Nase  sich  verziehen ,  oder  wenn  der  schon  er- 
schöpfte Kranke    nicht    mehr    sieht,    oder    nicht   mehr 


91)  Nur  die  Quantität  macht   das   Gift.  Paracelsus. 

92)  AI  fijar  la  atencion  sobre  los  progresos  que  ha  hecho  la  terapeu- 
tica  homeopatica  en  los  Ultimos  tiempos,  me  parece  uno  de  los  mas  im- 
portantes  para  la  hümanidad  doliente  el  de  la  elevation  de  los  medicamen- 
tos  ä  dinamizaeiones  altisimas. 

Dr.  J.  Nunez,  boletin  ofic.   1    (1846). 


236  R'-  Buch.    Aphorism  49. 

hört,    oder  wenn    sonst  Zufälle  ähnlicher  Art  sich  bei 
Ihm  einstellen. 


Solche  Erscheinungen  gehören  zu  denjenigen,  welche  den 
Uebergang  vom  Zustande  des  dynamisch-lebenden  Kör- 
pers zu  Dem  des  Materiell-Todten  bilden.  Hier  hören  meistens 
die  Funktionen  der  edleren  Organe  zuerst  auf.  und  die 
geheimnissvolle,  in  ihrem  eigentlichen  Wesen  gänzlich  unbekannte, 
in  ihrer  Herrschaft  über  den  lebenden  Organismus  aber  um 
desto  deutlicher  erkennbare,  daher  sicher  immaterielle  Le- 
benskraft93) erlischt  nach  und  nach,  bis  sie  ganz  entwichen 
ist.94)  Dann  aber,  und  nicht  früher,  verfällt  der  entseelte 
Körper  den  Gesetzen  der  Chemie95):  es  treten  Zersetzun- 
gen ein,  die  gleichzeitig  mit  dem  Leben  unmöglich  sind:  Stoffe 
trennen  und  verbinden  sich  nach  chemischen  Verwandt- 
schaften, wie  bei  den  Prozessen  der  leblosen  Materie; 
das  Flüchtige  verfliegt  und  die  festen  Bestandtheile 
bleiben  am  Ende  in  der  Form  zurück,  wie  sie  in  der  todten 
Natur  gefunden  werden.96) 


93)  „Kein  Sterblicher"  —  sagt  Hahnemann  in  seinen  kleinen  von 
Stapf  gesammelten)  Schriften,  I,  63  —  , .kennt  das  Substrat  der  Vitalität, 
oder  die  apriorische,  innere  Einrichtung  des  lebenden  Organismus:  kein 
Sterblicher  kann  es  je  ergrübein.  oder  durch  menschliche  Sprache  auch  nur 
einen   Schatten  davon  andeuten." 

94)  Für  die  Anhänger  des  Thom.  von  Aquin  möge  hier  mit  einem 
Worte  erwähnt  werden,  dass  er  die  materielle  Ursache  der  Krankheit  (Lib. 
III,  P.  I,  cl.  1,  quaest.  173)  aus  dem  Grunde  leugnet,  dass  sie  eine  Be- 
raubung,  ein  Minus  sei. 

95)  Berzelius  allein  unter  allen  Chemikern  behauptet  ausdrücklich,  dass 
die  chemischen  Elemente  im  lebenden  Körper  nicht  bloss  modifizirten,  son- 
dern ganz  verschiedenen   Gesetzen  folgen. 

96)  Rudolphi.  Adelon,  Tiedemann.  Barclay,  Pritchard ,  Fletscher  und 
mehrere  andere  denkende  und  erfahrene  Aerzte  haben  die  Gegenwart  bloss 
chemischer  Einwirkungen    im  lebenden  Körper  geleugnet. 

Ob  wohl  jemals  die  Chemie  im  Stande  sein  wird,  ein  vollständiges 
Samenkorn  nach  seinem  inneren  Baue  und  mit  Einschluss  sämmtlicher 
darin  enthaltenen  Thcile   und   Substanzen    darzustellen?  —   Wir   bezweifeln 


IV.   Ruch.    Aphorism  49.  237 

Bei  einer  solchen,  vollkommen  naturgemäßen  Ansicht  von 
den  Gegensätzen,  welche  zwischen  dem  organischen  Lehen 
und  dem  materiellen  Tode  so  klar  vor  Augen  liegen,  scheint 
es  unmöglich,  die  Dynamis,  die  Lebenskraft  in  der  leben- 
den Natur  zu  verkennen,  und  den  Hergang  des  thierischen, 
ja  selbst  des  vegetabilischen  Lebens  als  etwas  bloss  Ma- 
terielles zu  betrachten.97)  Wenn  Dem  aber  so  ist,  dann  ist 
die  Chemie  eine  Wissenschaft,  welche  unmittelbar  mit  der 
Arzneiwissenschaft  Nichts  gemein  hat,  und  man  kann  es 
nur  für  eine  völlig  unberechtigte  Selbstüberschätzung 
ansehen,  wenn  Jene  sich  anmaassen  will,  auch  hierbei  ein  Wort 
mitzusprechen.  98) 


es!  —  Aber  wenn  nun  auch  Form  und  Materie  richtig  sind,  wird  die  Wis- 
senschaft dann  auch  vermögend  sein,  den  Lebenskeim  darin  zu  bergen, 
der  es  befähigt,  keimen,  aufgehen  und  zu  einer  organisirten  Pflanze  heran- 
wachsen zu  können?  —  Das  können  wir  nicht  glauben!  —  Für  noch  Un- 
möglicher halten  wir  es  aber,  auf  chemischem  Wege  den  Lebenskeim  so 
einzurichten,  dass  nothwendig  eine  bestimmte  Pflanze  daraus  erwachsen 
muss,  wie  z.  B.  aus  dem  ganz  gleichförmigen  Kohlsamen  nach  Belieben 
Kopfkohl,  Wirsing,  Savoierkohl,  grüner  oder  brauner  Krauskohl,  Kosenkohl, 
Oberkohlrabi  u.  s.  w.     Und  nun  gar  Blumen,  Wein  u.  s.  w. 

97j  „Das  Leben''  —  sagt  der  tiefsinnige  Virchow  —  „setzt  sich  nicht 
diskontinuirlich,  sprungweise  fort,  sondern  in  regelmässiger,  legitimer  S.uc- 
cession  der  Generationen.  Es  giebt  kein  anderes  Leben,  als  das  durch  Erb- 
folge, und  es  muss  daher  ausser  den  stetig  an  die  Materie  geknüpften  Kräf- 
ten noch  eine  durchlaufende  Kraft  gegeben  sein,  welche  von  Glied  zu  Glied 
übertragen  wird.  Wo  sie  zuerst  herstammte,  ist  empirisch  nicht  ergründet ; 
aber  dieser  Mangel  berechtigt  uns  nicht,  sie  in  Abrede  zu  stellen." 

98;  Wenn  der  Stoff  den  Menschen  regiert,  dann  ist  die  Erkenntnis» 
unserer  stoffliehen  Verhältnisse  eine  Aufgabe,  deren  Lösung  uns  nicht  drin- 
gend genug  beschäftigen  kann.  Darum  führt  die  Chemie  in  diesem  Augen- 
blicke ihr  Scepter  über  alle  andere  Naturwissenschaften.^! J 

Moleschott  16.  Brief  an  Liebig. 

Les  molecules,  qui  forment  les  solides  du  Corps  humain,  etant  asso- 
ciees  en  vertu  d'une  afnnite  speciale,  dite  vitale,  et  que  les  ehimistes  n'ont 
pas  en  main,  comment  ces  ehimistes  pourraient-ils  pretendre  faire  une  ana- 
lyse  de  ces  solides?  Ils  ne  fönt  que  les  detruire.  Adelon. 

Das  Wesen  des  Materialismus  besteht   darin,    dass    er    im  Prinzip 


288  IV-  Buch'     Aphorism  50. 

50.     Es   ist   todtlicli ,    wenn    bei    einem    nicht   aussetzenden 
Fieber  Schwerathmi°;keit  mit  Irrereden  eintritt. 


Leben  und  Tod  nicht  unterscheidet,  sondern  auf  ein  abstrakt  Allgemeines, 
auf  sogenannte  allgemeine  Naturgesetze,  als  welche  er  die  Physikalischen 
und  Chemischen  betrachtet,  zurückführt;  dann  aber  den  Lebenden  Menschen 
zum  Gegenstand  der  Aufklärung  macht,  und  ihn  und  seine  Thätigkeit  aus 
todten,  physikalischen  und  chemischen  Naturgesetzen  aufklären  will.  Da- 
durch reduzirt  der  Materialismus  das  Leben  auf  den  Tod,  die  Physiologie 
auf  Physik  und  Chemie;  er  giebt  eine  to  dte  Aufklärung  lebendiger 
Dinge,  wodurch  er  die  Lebenswissenschaft,  die  Physiologie,  so  gut  als 
das  Leben,  als  organisches  Leben,  vernichtet.  Indem  er  die  Lebenskraft 
leugnet,  leugnet  er  das  Leben  selbst,  und  würdigt  den  Menschen  zu  einem 
wandelnden   Ofen  oder  einer  Dampfmaschine  herab. 

Prof.   Schultz-Schultzenstein,  Rede  über  die  Verjüngung  d.  Wiss. 

Die  chemisch-materialistischen  Ansichten  über  die  Ersetzung  der,  durch 
die  Vegetation  dem  Boden  entzogenen  Bestandteile  haben  neuerdings  durch 
die  zwölfjährigen  Versuche  der  Herrn  Lawes  und  Dr.  Gilbert  über  die 
„Kleemüdigkeit"  des  Ackerbodens  einen  argen  Stoss  bekommen.  Es 
dürften  iu  der  nächsten  Zeit  noch  mehrere  Erfahrungen  ähnlicher  Art  zu 
erwarten  sein. 

„Armer  Plato,"  —  ruft  schon  Schlosser  in  einer  Anmerkung  zu  dessen 
Briefen,  S.  90  —  „wenn  du  nicht  das  Siegel  des  Alterthums  auf  dir  hät- 
test, und  wenn  man,  ohne  dich  gelesen  zu  haben,  einen  Anspruch  auf  Ge- 
lehrsamkeit machen  könnte ,  wer  würde  dich  in  dem  prosaischen  Zeitalter 
noch  lesen  wollen,  in  welchem  das  die  höchste  Weisheit  ist,  nichts  zu 
sehen,  als  was  vor  den  Füssen  liegt,  und  nichts  anzunehmen,  als  was  man 
mit  Händen  greifen  kann?" 

Quod  dolendum  summopere,  atque  admirandum  magis  artes  mechnni- 
cas  proficere  quotidie,  solum  verum  naturalium  Studium  censuris  iniquis 
terreri  et  retroire.  Van  Helmont  de  cur.  magn.  36. 

„Die  Chemie"  —  sagt  Dr.  v.  Grauvogl  in  seiner  Schrift  über  das 
hom.  Aehnlichkeitsgesetz,  §  95  —  „ist  noch  keine  Wissenschaft,  nur  eine 
Empirie,  eine  Sammlung  von  Experimenten.  Erst  seit  der  neuen  Typen- 
theorie und  der  Spektralanalyse  leuchtet  aus  der  Ferne  ein  Punkt,  der  den 
endlichen  Ausgang  aus  dem  Schachte  an's  Tageslicht  verspricht.  Doch  hat 
sie  die  Stirn,  über  die  Wissenschaft  der  Homöopathie  sich  Urthcilc  anzu- 
maassen,  wie  ein  Erzürnter  über  einen  ihm  verborgenen,  doch  unangenehm 
fühlbaren  Gegenstand." 

Die  chemischen  Mittelstufen  oder  Spaltungsreihen  in  den  Zusammen- 
setzungen der  Urstoffe  (Stick-,  Kohlen-,  Sauer-  und  Wasser-Stoff)  erinnern 
unwillkürlich  an  die  Zwischenstufen  des  Galenus,  welche  er  bei  der  Wärme, 
Kälte,  Trockenheit  und  Feuchtigkeit   in  vierfachem  Grade  annahm.    Ob  jene 


IV.  Buch.     Aphorism  51.  239 

Wenn  jedes  dieser  Zeichen  an  und  für  sich  und  allein  vor- 
handen nicht  eben  tödtlich  genannt  werden  kann :  so  ist  doch 
das  gleichzeitige  Auftreten  von  allen  drei  Symptomen  ein  Um- 
stand, der  wenig  Hoffnung  übrig  lässt. 


51.  Wenn  in  den  ersten  Entscheidungs-Stadien  eines  Fie- 
bers eine  Versetzung  (auf  andere  Theile)  stattfindet, 
ohne  dasselbe  zu  heben,  so  zeigt  dies  an ,  dass  die 
Krankheit  langwierig  ist. 


Es  scheint,  dass  manche  Uebersetzer,  selbst  Grimm,  den 
eigentlichen  Sinn  dieses  Auhorisms  verfehlt  haben,  und  dass 
Hippokrates  nur  damit  habe  sagen  wollen,  dass,  wenn  eine 
Metastase  das  Fieber  nicht  tilgt,  dieses  Letztere  vermöge 
seiner,  den  Organismus  in  grossem  Umlange  beherrschenden 


auch  wohl,  so  wie  diese,  anderthalb  Tausend  Jahre  in  Geltung  bleiben 
werden  ? 

Die  am  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  geführten  literarischen  Kämpfe 
zwischen  den  Dynamisten  und  Materialisten  führten  den  berühmten  Phy- 
siker J.  Priestley,  der  sich  selbst  als  Materialist  dabei  betheiligte,  zu  der 
Ueberzeugung:  dass  die  blosse  menschliche  Vernunft  zur  Schlichtung  des 
Streits  unvermögend  sei,  und  dass  mithin  der  praktische  Glaube  und  die 
hohe  Würde  der  Offenbarung  dabei  gebührende  Anerkennung  finden  müsse. 

,,So  wie  Hippokrates"  —  sagt  der  berühmte  Sydenham  —  „diejeni- 
gen mit  Recht  tadelt,  welche  den  Grübeleien  über  die  Natur  des  mensch- 
lichen Körpers  zu  vielen  Werth  beilegen:  so  muss  man  auch  heut  zu  Tage 
denen  Schriftstellern  gerechte  Vorwürfe  machen,  die  die  Vervollkommnung 
fler  Arzneikunst  hauptsächlich  von  der  Chemie  erwarten.  Zwar  muss  man 
zugeben,  dass  die  Letztere  äusserst  nützlich  ist,  wenn  sie  in  die  Grenzen 
der  Kunst  eingeschränkt  wird.  Allein,  sobald  man  die  Chemie  zur  Würde 
einer  Wissenschaft  erhebt,  so  verkennt  man  ihre  Natur.  Und  wenn  man 
glaubt,  dass  die  Anzeigen  zur  Kur  von  diesem  oder  jenem  Grundstoffe  des 
Körpers  hergenommen  werden  müssen,  so  beschäftigt  man  sich  immer  nur 
mit  einer  schönen  Metapher.  Alle  diese  Grübeleien,  die  nicht  Urtheile  der 
Natur,  sondern  Produkte  der  Einbildungskraft  sind,  wird  die  Zeit  mit  sich 
fortreissen  und  zerstören;  aber  die  Urtheile  der  Natur  werden  nur 
mit  der  Natur  selbst  untergehen." 


'240  1V-   Buch-     Aphorism  52. 

Gewalt  zu  denjenigen  geholt,  die  nur  langsam  geheilt  werden 
können.  Solche  Erscheinungen  kommen  oft  hei  wahren  chro- 
nischen Krankheiten  vor,  wo  die  Fieher  gleichsam  nur  die 
anfänglichen  Vorbereitungen  zu  den  metastatischen  Be- 
schwerden machen,  die  heim  Ausbruche  oder  beim  Erscheinen 
derselben  in  akuten  Fällen  von  selbst  aufhören.  Wenn  diese 
Fieber  aber  auch  unter  den  letzten  Umständen  noch  fortdau- 
ern, so  gehören  sie  einer  chronischen  Krankheit  an  und 
machen  einen  wesentlichen  Bestand theil  der  Gesammt- 
Krankheit  aus,  welcher  bei  der  Wahl  der  Mittel  sorgfältig  mit 
zu  beachten  ist.  Die  gründliche  Heilung  einer  chronischen  Krank- 
heit ist  aber  bekanntlich  stets  langwierig. 


52.  Es  ist  nicht  ungewöhnlich,  dass  Kranke  bei  Fiebern, 
oder  bei  andern  Krankheiten,  willkürlich  Thränen  ver- 
giessen.  Geschieht  dies  aber  unbewusster  Weise ,  so 
ist  es  böse. 

Einige  Stellen  in  den  Schriften  des  Hippokrates  über  die 
Landseuchen  (imörj^Läv  to  tcqootov)  ,  sowie  Galenus  in  seinem 
Kommentar  über  diesen  Aphorism,  und  Celsus  (II,  4)  dürften  in 
der  zweiten  Phrase  den  Ausdruck:  böse,  statt  des  Wörtlichen: 
ungewöhnlich  rechtfertigen,  worin  schon  Galenus  einen  Schreib- 
fehler vermuthet.  Indessen  bleibt  die  Sache  doch  immer  etwas 
dunkel,  und  es  fehlt  an  genügenden  Gründen,  hierbei  anzuneh- 
men, dass  darunter  das  krampfhafte  Weinen  (oft  mit  Lachen 
im  Wechsel)  bei  Hysterischen  gemeint  sei,  dessen  Heilung 
nicht  selten  viele  Schwierigkeiten  macht,  und  welches  in  der 
Regel  zu  den  chronischen  Krankheiten  gehört.  Bei  akuten 
Erkrankungen,  die  zu  den  Gefährlichen  gehören,  keimen  wir  bis 
jetzt  nur  die  Eine,  welche  aufStram.  deutet,  wo  in  der  Regel 
dieses  Weinen  vorzugsweise  am  Tage  eintritt,  während  in 
der    Nacht    ein    krampfhaftes    Lachen    vorherrschend    ist. 


IV.  Buch.     Aphomm  53.  241 

Dieser  letzte   Unterschied    scheint    bisher   noch    wenig   beachtet 
zu  sein.99) 


53.     Wenn  sich  bei  einem  Fieberkranken  klebriger  Schleim 
um  die  Zähne  ansetzt,  so  wird  das  Fieber  schlimmer. 


Es  ist  bekannt,  dass  insbesondere  hei  Nervenfiebern, 
sowohl  bei  den  Schmerzhaften,  die  für  Bry.  oder  Rhus,  als 
bei  den  Schmerzlosen,  die  für  Pbosph,  oder  Ac.  phosph. 
passen,  dieses  Symptom  fast  regelmässig  beobachtet  wird.  Uns 
macht  dies  eben  keine  erhebliche  Sorge,  oder  die  Heilung 
wird  dadurch  weder  erschwert  noch  verzögert.  Die  Allopathie 
wagt  es  daher  nicht  mehr  nach  den  zahlreichen,  weltkundigen 
Erfolgen  unserer  Heilmethode  der  Homöopathie  ihren  entschiede- 
nen Vorzug  in  der  Behandlung  der  Nervenfieber  zu  be- 
streiten. Aber  dieses  Ergebniss  ist  leicht  zu  erklären.  Unter 
dem  allgemeinen  Namen  Nerven fieber  giebt  es  nämlich  eine 
so  grosse  Anzahl  von  Krankheiten,  die  in  ihrem  Wesen 
und  selbst  in  ihren  pathologischen  Zeichen  so  verschie- 
den sind,  wie  schwerlich  bei  einer  andern  innerlichen  Krank- 
heit. lü0)  Dieselbe  Verschiedenheit  findet  sich  auch  bei  der  grös- 
seren oder  geringeren  Heftigkeit  und  Gefährlichkeit,  von  dem 
leichteren   nervösen  Charakter  anderer   Fieber   an   bis   zum 


99)  Sehr  treffend  bezeichnet  Hufeland  (Makrobiotik  II,  13)  das  Lachen 
als  die  „Gesündeste  aller  Leibesbewegungen ;  denn  es  erschüttert  Seele  und 
Körper  zugleich,  befördert  Verdauung,  Blutumlauf,  Ausdünstung  und  er- 
muntert die  Lebenskraft  in  allen  Organen." 

100)  Seit  dem  Beginne  dieses  Jahrhunderts  gilt  vom  Nervenfieber,  was 
im  16.  Jahrhundert  Joh.  Lange  von  der  Pest  sagte:  „Et  est  stupenda  res, 
quod  haec  plaga  nunquam  totaliter  cessat;  sed  omni  anno  regnat  jam  hie 
nunc  alibi,  de  loco  in  locum,  de  provincia  in  provinciam  migrando,  et  si 
recedit  aliquamdiu,  tarnen  post  paueos  annos  in  cireuitum  revertitur  et 
juventutem  interim  natam  in  ipso  flore  pro  parte  majore  amputat. 

16 


242  IV-  B«ch.     Aphorism  53. 

bösartigen  Typhus  und  bis  zur  Pest,1)  die  im  Grunde 
ebenfalls  nur  eine  Art  von  Nervenfieber  ist.  Unter  solchen  Um- 
ständen muss  es  also  erst  recht  einleuchten,  dass  die  Behandlung 
nicht  überall  dieselbe  sein  kann,  und  dass  jeder  für  sich  da- 
stehenden Symptomengruppe  auch  ein  besonderes  Arz- 
neimittel entsprechen  muss,  welches  bei  einer  Andern  nicht 
angezeigt  ist,  und  daher  nicht  helfen  kann.2)  Wie  wenig  in 
solchen  Fällen  der  Zweck  erreicht  wird  durch  sogenannte  cor- 
rigentia  und  adjuvantia,  oder  durch  sonstige  Beimischun- 
gen und  Nebenmittel,  ist  bekannt  genug,  und  wenn  Diese  einigen 
Erfolg  zu  haben  scheinen,  so  besteht  Dieser  gewöhnlich  nur 
darin,  dass  die  Zeichen  wechseln  oder  einige  davon  Verän- 
derungen erleiden,  ohne  darum  im  Grunde  etwas  zu  bessern, 
vielmehr  häufig  den  regelmässigen  Verlauf  der  Krankheit  stö- 
ren und  mithin  oft  mehr  Nachtheil  als  Vor t heil  bringen. 
Alles  dieses  gestaltet  sich  bei  der  homöopathischen  Behandlung 
ganz  anders.  Das  gleich  im  Beginne  angezeigte  und  in  der 
nöthigen  Kleinheit  der  Gabe  gereichte  Heilmittel  beginnt  mei- 
stens schon  nach  einigen  Stunden  seine  Wirkung  zu  thun,  der 
Verlauf  der  Krankheit  wird  gleichzeitig  beschleunigt  und 
durch  allmähliges  Abnehmen  und  Verschwinden  der  ge- 
fahrdrohenden Zeichen  erleichtert,  und  der  Kranke  erreicht 
schon  lange  vor  der  gewöhnlichen  sogenannten  Krisis  den 
Eintritt  in  die  Rekonvaleszenz,  so  dass  auch  die  Kräfte  sich 
besser  erhalten  und  die  gänzliche  Erholung  weil,  schnellere  Fort- 


1)  Merkwürdig  und  zugleich  warnend  sind  die  Thatsachen,  welche 
von  Forestus,  AI.  Benedictes,  Sennart,  Trincavellus ,  Diemerhroek,  Boyl 
u.  A.  über  die  Dauerhaftigkeit  der  von  der  Pest  infizirten  Dinge  erzählt 
werden. 

2)  Ueber  die  Pest  in  Athen  sagt  Lucretius  VI,   1228   seq.: 

Nee  ratio  remedi  communis  certa  dabatur: 
Nam  quod  ali   dederat  vitalis  aeris  auras 
Volvere  in  ore  Heere  et  coeli  templa  tueri, 
Hoc  aliis  erat  exitio   letumque  parabat. 


IV.   Buch.     Aphorism  54.  243 

schritte  macht.  Deshalb  fürchten  wir  auch  solche  Nebenbe- 
schwer den,  wie  den  hier  in  Rede  stehenden  klebrigen 
Ueberzug  der  Zähne,  durchaus  nicht,  und  weil  er  bei  vielen 
verschiedenen  Nervenfiebern  in  gleicher  Weise  vorkommt,  so 
legen  wir  auf  dieses  Symptom  auch  kein  besonderes  Gewicht. 
Um  so  mehr  suchen  wir  aber  alle  diejenigen  Zeichen  zu  er- 
mitteln, die  jedes  der  hier  konkurrirenden  Mittel  Charakter i- 
siren,  und  die  sich  gerade  bei  derartigen  bedeutenden  Erkran- 
kungen in  der  Regel  mit  der  grössten  Deutlichkeit  und  Bestimmt- 
heit aussprechen.  Aus  diesem  Grunde  zählen  wir  denn  auch 
die  Nervenfieber  zu  denjenigen  Krankheiten  ernsterer  Art, 
deren  Heilung  uns  weniger  Sorge  und  Mühe  macht,  als 
manche  andere  bei  Weitem  weniger  Gefährliche,  wie  z.  B.  einige 
Wechselfieber,  wobei  sehr  oft  die  am  Meisten  hervor- 
stechenden, aber  für  die  Mittelwahl  wenig  charakteristi- 
schen Zeichen  die  sonstigen,  dazu  weit  wichtigeren  und  un- 
entbehrlichen Nebenbeschwerden  verdunkeln. 


54.  Diejenigen,  welche  bei  einem  Brennfieber  an  einem 
trocknen  Kitzelhnsten  leiden,  werden  nicht  von  hef- 
tigem Durste  geplagt. 


Obwohl  diese  Beobachtung  von  Celsus  (III,  1)  wiederholt 
ist,  mithin  in  der  Wirklichkeit  mehrfach  vorgekommen  sein  muss: 
so  hat  dieser  Lehrsatz  den  Kommentatoren  doch  viele  Schwierig- 
keiten gemacht,  weil  unter  solchen  Zeichen  Verbindungen  gewöhn- 
lich das  Gegentheil,  nämlich  heftiger  Durst,  vorhanden  zu 
sein  pflegt.  Aber  eben  dieser  ungewöhnliche  Umstand 
hat  für  uns  bei  der  Mittelwahl  einen  sehr  grossen  Werth, 
weil  er  auf  eine  geringe  Anzahl  von  Arzneien  hinweiset  (hier 
vorzüglich  auf  Ars. ,  Con. ,  Phosph. ,  Puls. ,  Sabad.  und  Scill.), 
und  nun,  die  sonstigen  Nebenbeschwerden  hiermit  verglichen,  um 


244  IV-  Buch-      Aphorism  55. 

so  leichter  die  Wahl  zum  Abschluss  bringt.  Gerade  solche 
selten  vorkommende  Absonderlichkeiten  sind  für  en  Ho- 
möopathen in  demselben  Grade  erwünscht,  in  welchem  sie 
dem  Allopathen  Verlegenheiten  erwecken,  weil  er  sie  nicht 
zu  verwertheil  versteht.  Wenn  Dieser  daher  ein  solches  Symp- 
tom als  mindestens  unnütz  bei  Seite  schiebt  und  unbeachtet 
lässt,  so  stellt  Jener  es  oben  an  die  Spitze  des  Krankheitsbil- 
des, um  durch  Anreihung  des  sonst  noch  zu  Ermittelnden  Das- 
selbe bis  dahin  zu  vervollständigen,  dass  das  spezifische  (homöo- 
pathisch entsprechende)  Heilmittel  ausser  allem  Zweifel  sich  von 
selbst  herausstellt.  Darin  liegt  der  unschätzbare  Vor th eil 
einer  genauen  Vertrautheit  mit  der  R.-A.-M.  Lehre,  welche 
dem  Arzte  zur  grossen  Erleichterung,  dem  Leidenden 
aber  zu  noch  weit  grösserem  Heile  gereicht.3) 


55.    Sämmtliche,    von    Drüsen -Anschwellungen    begleitete 
Fieber,  mit  Ausnahme  der  Eintägigen,  sind  böse. 


Auch  in  diesem  Aphorism  scheint  Hippokrates  zunächst 
die  pest-  und  ty phus-artigen  Krankheiten  im  Auge  gehabt 
zu  haben,  bei  denen  allerdings  solche  Drüsengeschwülste 
ein  bedenkliches  Zeichen  abgeben.  Dadurch  kommen  dann  auch 
noch  einige  andere  Heilmittel  zur  Wahl  (vorzüglich  Beil.,  Kali, 
und  Sep.),  die  in  den  gewöhnlicheren  Fällen  von  Nerven- 
fiebern meistens  ausser  der  Konkurrenz  bleiben,  obwohl  man 
auch  sonst  zuweilen  davon  Anwendung  machen  muss.  Die 
Erste  (Bell.)  ist  namentlich  dann,  und  gewöhnlich  schon  gleich 


3)  Die  Medizin  muss  sich  einen  andern  Weg,  als  den  des  iatroche- 
mischen  und  iatromechanisehen  Materialismus  wählen,  wenn  sie  wirklich 
fortschreiten  will.  Jetzt  ist  sie  auf  dem  Wege  des  Rückschritts  ihrer 
Theorie  begriffen,  und  die  Praxis  steht  verlassen  da. 

Prof.  Schultz-Schultzenstein   1860. 


IV.  Buch.    Aphorism  56.  245 

im  Anfange,  durch  Blutdrang  und  die  davon  abhängigen  Er- 
scheinungen, die  Zweite  (Kali.)  meistens  im  späteren  Verlaufe 
der  Krankheil  und  bei  Beschwerden  der  Brust  und  des  Unter- 
leibes angezeigt.  Das  sofortige  Brennen  solcher  Geschwülste, 
wie  Celsus  räth  und  auch  heute  noch  ausgeführt  wird,  kann  un- 
möglich die  innere  Krankheit  heilen,  wovon  Diese  nur  ein  ein- 
zelnes ,  wenngleich  nicht  zu  übersehendes  Symptom  sind.  — 
Dass  die  ephemeren  Fieber ,  welche  übrigens  fast  jede  sonstige 
Drüsenanschwellung  begleiten,  nicht  hierher  gehören,  versteht 
sich  von  selbst. 


56.  Es  ist  ein  schlimmes  Zeichen,  wenn  sich  bei  einem 
Fieberkranken  Schweiss  einstellt,  ohne  dass  davon  das 
Fieber  nachlässt.  Die  Krankheit  wird  dann  langwie- 
rig und  zeigt  Ueberfluss  von  Säften  an. 


Die  Homöopathie  unterscheidet  sorgfältig  die  Fälle,  wo 
mit  Eintritt  und  während  des  Schweisses  das  Fieber  an- 
hält oder  gar  sich  verschlimmert,  von  denen,  wo  Solches 
auch  noch  nach  dem  Schweisse  der  Fall  ist.  Unter  beiden 
Verschiedenheiten  giebt  es  böse  und  ungefährliche  Fieber, 
und  Diejenigen,  wo  mit  dem  Schweisse  die  Heftigkeit  des  Fie- 
bers sich  bricht  (Ars.,  Lyc. ,  Bhus.  u.  Andere)  sind  oft  weit 
schlimmer,  als  die,  wobei  das  Fieber  mit  seinen  Beschwerden 
nach  dem  Schweisse  noch  fortdauert  (Calc,  Chin. ,  Merc, 
Ph.  ac,  Sep.,  Sulph.  u.  Andere).  Man  kann  also  diesen  Lehr- 
satz durchaus  nicht  für  allgemein  gültig  annehmen.  Noch  viel 
weniger  kann  man  Dieses  aber  in  Bezug  auf  den  Nachsatz  we- 
gen des  Ueberflusses  der  Säfte  thun,  indem  gerade  die 
zuletzt  genannten  Mittel  sämmtlich  zu  Denjenigen  gehören,  welche 
eben  bei  entgegengesetzten  Zuständen,  nämlich  nach  Säfte- 
verlusten, von  einiger  Erheblichkeit  in  der  obersten  Beihe 
stehen  und ,   richtig   homöopathisch  ausgewählt  und  angewendet, 


246  1V-  Biu-'h-     Aphorism  57,  58. 

oft  die  überraschendste  Besserung  hervorbringen.  Dieser  Lehr- 
satz rauss  mithin  mit  der  grössten  Vorsicht  aufgenommen  wer- 
den, und  darf  niemals  in  seiner  Allgemeinheit,  wie  er  da  steht, 
dem  Arzte  zur  Richtschnur  dienen. 4) 


57.  Wenn  bei  Einem ,  der  an  klonischen  oder  tonischen 
Krämpfen  leidet,  ein  Fieber  hinzutritt,  so  wird  die 
Krankheit  dadurch  gehoben. 


Dies  kann  wohl  nur  lediglich  von  solchen  Krämpfen 
gelten,  die  zuweilen  dem  Ausbruche  eines  Fiebers  vorher- 
gehen, wie  Solches  bei  Denen  beobachtet  ist,  welche  am  Ge- 
wöhnlichsten in  den  Bereich  von  Arn.,  Ars.,  Calc,  Chin.,  Hyosc, 
Ignat.  oder  Rhus  fallen.  Die  meisten  sonstigen  Zufälle  jener  Art 
sind  aber  gewöhnlich  und  entschieden  von  chronischer  Natur, 
die,  wenn  sie  auch  während  der  Dauer  eines  Fiebers 
schweigen,  weil  der  Mensch  nicht  in  zweierlei  Weise  zu- 
gleich krank  sein  kann,  nur  für  kurze  Zeit  aufhören,  hinter- 
her aber  stets  wiederkommen  und  nur  durch  die  passenden 
langwirkenden  (antipsorischen)  Mittel  dauerhaft  geheilt  werden 
können ,  wenn  sie  nicht  etwa  durch  äussere  Umstände  plötzlich 
entstanden  und  noch  neu  sind. 


58.     Wenn  einem  am  Brennfieber  Leidenden  ein  Starrfrost 
überkommt,  so  wird  Jenes  dadurch  gehoben. 


Unter  den  mannichfaltigen  Verschiedenheiten  der  komplizir- 


4)  Die  Zeiten  sind,  gottlob!  nicht  mehr,  wo  das:  tclqtovOov ,  avxoq 
tqpo:  der  Schüler  des  Pythagoras  statt  alles  Beweises  diente ,  und  jeden 
Versuch  und  jede  Erfahrung  überflüssig  machte. 


IV.  Buch.     Aphorism  59.  247 

leu  Fieber  giebt  es  bekanntlich  auch  Solche,  die  mit  Hilz  e  an- 
fangen und  mit  Frost  aufhören,  ohne  dass  weder  dabei, 
noch  auch  nachher  Seh  weiss  erscheint.  Die  Homöopathie  kennt 
mehrere  Arznei-Mittel ,  zu  deren  Eigenthümlichkeiten  auch  Diese 
gehört,  und  die  sich  am  Deutlichsten  in  Beil.,  Bry.,  Calc,  Caps., 
Lyc,  N.  vom.  und  Sep.  ausspricht.  Wenn  Eins  von  Diesen, 
oder  auch  ein  Anderes,  auf  den  ganzen  Symptomen -Komplex, 
mit  Einschluss  sämmtlicher  begleitenden  Nebenbeschwer- 
den, homöopathisch  passt  und  in  der  erforderlichen  feinen  Gabe 
gereicht  wird:  so  erfolgt  hier  die  Heilung  eben  so  gut,  wie  bei 
jeder  anderen  Form.  Aber  ohne  angemessene  Arznei  wird 
schwerlich  der  nach  der  Hitze  eintretende  Frost  im  Stande  sein, 
die  Wiederkehr  zu  verhüten,  wie  man  nach  diesem  Aphorism 
geneigt  sein  könnte  anzunehmen,  Auch  wird  dieses  Letzte  in 
keiner  Weise  von  der  Erfahrung  bestätigt;  vielmehr  haben  wir 
nicht  selten  Fälle  gesehen,  wo  eben  ein  solches  Fieber,  selbst 
trotz  des  „unfehlbaren"  Chin.  sulph. ,  Monate  lang  ange- 
halten hatte,  und  erst  nach  der  Anwendung  des  genau  passen- 
den homöopathischen  Heilmittels  schnell  und  dauerhaft  be- 
seitigt wurde. 


59.     Das   wahre    dreitägige    Wechselfieber    entscheidet    sich 
längstens  in  sieben  Umläufen. 


Mit  dein  Schlüsse  dieses  Aphorisms  darf  man  es  allenfalls 
nicht  so  genau  nehmen,  indem  Hippokrates  in  seinen  „Entschei- 
dungen" statt:  „längstens"  das  Wort:  „meistens"  ge- 
braucht, und  in  den  „kölschen  Vorhersehungen"  die  Zahl 
der  Umläufe  bis  zur  freiwilligen  Heilung  auf  Neun  erweitert 
wird. 

Aber  abgesehen  von  solchen  geringfügigen  Unterschieden 
oder  Widersprüchen,  welche  schwerlich  jemals  aus  der  Arznei- 


248  1V-  Buch.     Aphorism  59. 

Wissenschaft,  als  einer  scientia  oder  ars  conjecturaiis 
gänzlich  zu  beseitigen  sein  werden,  drängt  sich  uns  die  weit 
wichtigere  Frage  auf:  was  Hippokrates  wohl  eigentlich  unter 
echten  Wechselfiebern  verstanden  habe? — Wo  man  irgend 
eine  Eigenschaft  auf  etwas  Echtes  beschränkt,  da  muss  es 
auch  Unechtes  geben,  welches  Jene  ausschliesst.  Will  man 
die  echten  Wechselfieber  daran  erkennen,  dass  sie  Frost 
Hitze  und  Schweiss  in  dieser  Reihe  auf  einander  folgen  las- 
sen: so  entspricht  das  nicht  dem  periodischen  Wechsel  im 
Auftreten  der  Anfälle.  Will  man  aber  Dieses  bei  Seite  lassen 
und  bloss  die  regelmässige  Wiederkehr  als  Kriterium  an- 
sehen, so  ist  der  Zusatz:  echt!  ein  ganz  überflüssiger  Pleo- 
nasmus und  der  Zusatz:  dreitägig  wäre  hier  vollkommen 
hinreichend.6)  Was  die  sogenannten  „verkappten"  Wechsel- 
fieber anbelangt,  so  ist  dies  eine  scharfsinnige,  der  neueren 
Zeit  angehörige,  dem  Hippokrates  unbekannte  Erfindung,  um 
mit  einem  räthselhaften  Worte  eine  räthselhatte  Sache  zu 
benennen.    Wir  befinden  uns  also  hier  Angesichts  einer  Schwie- 


5)  Es  muss  in  der  That  auffallen,  dass  ein  so  genauer  und  sorgfälti- 
ger Beobachter,  wie  unser  Hippokrates,  weder  in  den  Aphorismen,  noch 
sonst  in  seinen  (echten)  Schriften  irgend  von  dem  Pulse  spricht,  obwohl 
so  oft  von  hitzigen  Fiebern  die  Rede  ist,  wobei  dieser  meistens  so  er- 
hebliche Veränderungen  erleidet.  Soviel  uns  bekannt,  hat  die  Lehre  von 
der  q)lsßo7tcdlci  zuerst  im  Democritus  ihren  Urheber,  wurde  dann  aber 
bald  von  den  Dogmatikern,  besonders  von  der  alexandrinischen  Schule,, 
namentlich  von  dem  grausamen  Herophilus  weiter  ausgebildet,  von  Galenits 
systematisch  behandelt  und  später  am  Umständlichsten  von  Paulus  von 
Aegina  in  förmliche  Klassen  eingetheilt,  die  grösstenteils  noch  heute  gel- 
ten. Dennoch  legen  nicht  alle  Aerzte  dem  Pulse  eine  gleiche  Wichtigkeit 
bei,  und  der  erfahrene  Kopp  sagt  (Betrachtungen,  S.  83)  ausdrücklich: 
,,der  Puls  ist  doch  in  der  That  ein  unsicherer  Leiter  für  den  Aderlass!" 
—  Heute  erscheint  das  „Fühlen  des  Pulses'',  wie  das  „Besehen  der  Zunge", 
oft  nur  als  eine  hergebrachte  Mode  oder  Sitte  unter  den  Aerzten ,  die  bei 
keinem  Kranken  versäumt  wird,   es  mag  Fieber  vorhanden  sein,  oder  nicht. 

„Was  für  den  Allopathen  die  Beachtung  des  Pulses  ist",  —  sagt  der 
Rezens.  zu  Kopp's  Denkwürdigkeiten  II.  Band,  —  „das  ist  für  die  Homöo- 
pathen die  Erforschung    des  Geinüthszustandes." 


IV.  Buch.     Aphoj-ism  59.  249 

rigkeit,  die  wir  in  keiner  Weise  zu  überwinden  wissen  und  müs- 
sen ihre  Lösung  den  Gelehrten  überlassen,  die  in  der  nebeligen 
Wissenschall  einen  erhabeneren  Standpunkt  erstiegen  haben,  um 
vielleicht  in  den  höheren  Regionen  zu  erspähen,  was  wir  An- 
deren auf  dem  festen  Boden  der  Erfahrung  nicht  zu  finden  ver- 
mögen. Die  Ansichten  der  Homöopathie  sind  nämlich  viel  ein- 
facher, und  ihre  Ueberzeugung  gehl  dahin,  dass  alle  Wechsel- 
fieber echte  und  wahre  Krankheiten,  und  Keine  unecht 
oder  falsch  sind,  dass  es  aber  durchaus  nicht  bloss  eine 
Art  von  Wechselfiebern  giebt,  sondern  dass  unter  diesem  gene- 
rellen Namen  eine  überaus  grosse  Anzahl  der  verschie- 
densten Krankheiten  vorkommt,  die  unter  sich  kaum  etwas 
Anderes  gemeinschaftlich  haben,  als  die  periodische  Wieder- 
kehr der  Anfälle.  Aus  diesem  Grunde  besitzen  wir  auch 
nicht  bloss  ein  Heilmittel  für  ein  sogenanntes  echtes  Wechsel- 
nder, sondern  für  jede  wechselfieberartig  in  abgesonderten 
Anfällen,  mehr  oder  weniger  regelmässig  wiederkehrende  Krank- 
heit ebenfalls  eine  besondere  Arznei,  die  mit  möglichster 
Vollständigkeit  dem  ganzen  Symptomen-Komplexe  und  der  Indi- 
vidualität des  Kranken  entsprechen  muss,  wenn  sie  die  Richtige 
und  Hülfreiche  sein  soll. 

Dass  endlich  die  sogenannten,  aber  noch  zweifelhaften 
echten  dreitägigen  Wechselfieber  nach  sieben,  oder' 
wenn  man  will,  nach  neun  Umläufen  von  selbst  und  ohne 
Arznei  sich  entscheiden  sollen,  dürfte  heutiges  Tages  schwer  zu 
erproben  sein,  indem  schwerlich  Jemand  Geduld  hat,  damit  so 
lange  zu  warten,  bis  es  aufhört,  sondern  unverweilt,  spätestens 
schon  nach  zwei  oder  drei  Anfällen,  zum  Arzte  (oder  zum  Apo- 
theker) geht,  der  dann  unfehlbar  das  unfehlbare  Chili. 
sulph.  verordnet.  Sollte  es  aber  an  dieser  Medikation  liegen, 
wenn  uns  dergleichen  Fieber  zur  Behandlung  kommen,  die  oft 
schon  über  ein  volles  Jahr  gedauert  haben,  inzwischen  auch 
wohl  mal  Eintägige  oder  Viertägige  geworden  sind:  so  muss 


250  IV-   Buch-     Aphorism  60. 

man  gestehen,  dass  es  sowohl  mit  der  Unfehl  hark  eil  des 
Chin.  sulph.,  als  mit  der  Richtigkeit  des  eben  besprochenen 
Aphorisms  nicht  so  unfehlbar  aussieht,  als  von  manchen 
Seiten  versichert  wird.     Da  würde  Nichtsthun  offenbar  viel  bes- 


60.     Eine    bei  Fiebern    entstandene    Taubhörigkeit    vergeht 
durch  Nasenbluten  oder  Durchfall. 


Nach  dem  Texte  dieses  Aphorisms  sollte  man  fast  glauben, 
dass  durch  Nasenbluten  oder  Durchfall  in  solchen  Fällen 
zugleich  mit  der  Taubhörigkeit  auch  die  übrige  Krank- 
heit gehoben  würde.  Aber  die  Parallelstellen  in  den  kölschen 
Vorhersehungen  und  im  Celsus  (II,  8)  gestatten  diese  Annahme 
nicht,  die  auch  in  der  Erfahrung  keine  Begründung  findet.  Der 
Verlust  des  Gehörs,  von  dem  die  Rede  ist.  kann  nur  von 
Blut  drang  zum  Kopfe  entstanden  sein.  In  allen  andern  Fäl- 
len, wie  z.  B.  in  manchen  Nervenfiebern  mit  Sopor,  und 
noch  mehr  in  der  chronischen  Taubheit  bleibt  das  Eine, 
wie  das  Andere  nicht  nur  ohne  Erfolg,  sondern  bei  dem  Ersten 
ist  fast  jedesmal  eine  Verschlimmerung  zu  erwarten,  als 
eine  immittelbare  Folge  solcher  Ausleerungen,  die  mithin 
sorgfältig  zu  vermeiden  sind.  Es  giebt  sogar  Zeitperioden ,  wo 
diese  und  ähnliche  Arten  von  Säfteverlust  (Aderlass,  Abfüh- 
rungen, Schweiss)  bei  akuten  Krankheiten  gar  leicht  einen 
nervösen  Charakter  hervorrufen,  der  dann  jederzeit,  eine  ent- 
schiedene und  oft  gefährliche  Verschlimmerung  in  dem  Zu- 
stande des  Kranken  bedingt.  Solchen  Gefahren  entgehen  wir 
indessen  dadurch  leicht,  dass  wir  dergleichen  absichtlich  niemals 


6)  Imperatoren  et  Medieos   saepenumero  nihil  agentes,  plurimum  profi- 
eere,  illosque  de  hostilm.s.  hos  de  morbis   insignes  reportare  victorias. 

Massaria  de  chol.  111. 


IV.  Buch.     Aphorism  61,  62.  251 

zur  Ausführung  bringen ,  und  den  freiwillig  sich  Einstellenden 
so  schnell  wie  möglich  hemmend  entgegen  treten.  —  Vielleicht 
verdient  es  hier  einer  kurzer  Erwähnung,  dass  bei  Blutungen 
überhaupt,  und  besonders  beim  Nasenbluten,  der  Saft  des 
Tblaspi  Bursa  pastoris  von  ganz  ausgezeichnetem  Erfolge 
ist,  selbst  in  den  höheren  Verdünnungen,  wo  dabei  von 
einer  angeblichen  adstringirenden  Eigenschaft  keine  Rede 
mehr  sein  kann.  Es  genügt  oft,  wenn  zu  dem  Ende  ein  grünes 
Blatt  oder  ein  Paar  Samenkapseln  in  der  hohlen  Hand  zerrieben 
werden. 

61.    Wenn  ein  Fieber  nicht  an  einem  unpaaren  Tage  aus- 
bleibt, so  pflegt  es  wiederzukommen. 

Dieser  Aphorism  hat  zu  vielen  gelehrten  und  äusserst  scharf- 
sinnigen Untersuchungen,  selbst  mit  Aufstellung  verschiedener 
verbesserten  Lesarten  Anlass  gegeben.  Wir  übergehen  dies 
Alles  mit  dem  Bemerken,  dass,  wie  schon  früher  erwähnt  wurde, 
die  ganze  ehedem  für  so  wichtig  gehaltene  Lehre  von  den 
kritischen  und  entscheidenden  Tagen  für  uns  keinen,  oder 
doch  nur  einen  sehr  unerheblichen  VVerth  hat.  —  Rezidive  ge- 
hören bei  der  Homöopathie  zu  den  Seltenheiten,  besonders  bei 
Wechselfiebern. 7) 


62.     Es  ist    böse,    wenn   sich   vor   dem  siebenten  Tage  zu 
dem  Fieber  Gelbsucht  einstellt. 


Wenn  auch    die  Gelbs  uchten    sämmtlich    in  der  Leber 
und  Gallenblase  ihren  Ursprung  haben,   so  bringen  doch   die 


7)  Les  guerisous  par  fhomoeopathie  sont  presque    toujours  radicales 
il  est  excessivement  rare  de  recontrer  wie  recidive,   meme     dans    les  mala- 
dies  oü  elles  sont  les  plus  frequentes  apres  un  traitement    allopathique. 

Dr.  L.  Malaise,  clin.    hom.  p.   312. 


252  lV-   Blul>-    Aphorism  63. 

veranlassenden  Ursachen  und  die  begleitenden  Zeichen  verschie- 
dene Arzneimittel  zur  Wahl,  und  die  schnellere  oder  langsamere 
Heilung  derselben  ist  gewöhnlich  von  Jenen  abhängig.  Dass  aber 
eine  solche  Gelbsucht  dadurch,  dass  sie  schon  bald  und  noch 
vor  dem  siebenten  Tage  des  sie  gewöhnlich  ankündigenden 
Fiebers  sich  einstellt,  eine  grössere  Gefahr  anzeigen  soll,  ist 
eine  Behauptung,  die  weder  in  der  Natur  der  Sache,  noch  in  der 
Erfahrung  begründet  ist.  Es  giebt  zahlreiche  Fälle,  wo  nach 
einer  Gemüthsbewegung  schon  am  nächstfolgenden  Tage 
der  Icterus  zum  Ausbruche  kömmt,  aber  durch  das  den  Zeichen 
angemessene  Mittel  (Acon. ,  Cham.,  N.  vom.)  eben  so  schnell 
und  schon  in  wenigen  Tagen  geheilt  wird.  Wir  halten  die 
Heilung  dieser  Beschwerde,  wo  nicht  für  schwieriger,  doch 
wenigstens  für  langwieriger,  wenn  ein  chronisches  Leber- 
leiden zum  Grunde  liegt  und  die  gelb  süchtigen  äusseren 
Ercheinungen,  wie  oft  geschieht,  erst  später  sich  einstellen. 
Dasselbe  gilt  von  der  Gelbsucht  der  Schwangeren,  wobei 
der  mehr  mechanische  Druck,  den  die  Gebärmutter  ausübt, 
nicht  ganz  zu  beseitigen  ist.  Diesem  zufolge  muss  also  dieser 
Aphorism  erhebliche  Einschränkungen  erleiden. 8) 


63.    Fieber ,    bei    denen    der  Frost    sich    täglich    erneuert, 
können  auch  an  jedem  Tage  sich  entscheiden. 


Dies  bezieht  sich  wahrscheinlich  auf  die  eintägigen 
Wechselfieber,  die  eben,  weil  sie  täglich  ihre  Anfälle  machen, 
keine  besonderen  kritischen  Tage  haben,  auf  welche  sich, 
nach  den  Ansichten   der   hippokratischen  Schule,    die    günstigen 


8)  Gelbsucht  und    vermehrter  Ausfluss    der  Galle   aus   der  Leber   und 
Gallenblase  zum  Darmkanale  sind  nicht   selten  mit  einander  verbunden. 
BrandiB,   Vers.  u.   d.   Metast.  §  30. 


IV.    Bach.     Aphorism  64,  65.  253 

Entscheidungen  beschränken  könnten.  Es  giebt  ausser  den, 
selbst  im  ausgedehntesten  Sinne  sogenannten  Wechselfiebern, 
die  Verkappten  mit  eingeschlossen,  noch  viele  andere  Krank- 
heiten, die  täglich  und  meistens  zu  einer  bestimmten  Ta- 
geszeit, ihre  Exazerbationen  mit  Frost  erleiden,  denen  man 
indessen  oft  kaum  einen  passenden  pathologischen  Namen 
geben  kann,  und  die  man  theils  zu  den  Akuten,  theils  zu  den 
Chronischen  zählen  muss. 9)  Wir  behandeln  indessen  die 
Einen  wie  die  Andern  nach  demselben  unwandelbaren  Prinzipe 
und  kümmern  uns  wenig  um  den  Namen,  der  den  Allopathen 
oft  viel  Kopfbrechens  macht  und  die  gelehrte  Nomenklatur  ver- 
grössert. 


61.  Es  ist  ein  gutes  Zeichen,  wenn  in  Fiebern  am  sieben- 
ten, neunten,  eilften  oder  vierzehnten  Tage  Gelbsucht 
hinzutritt,  ohne  dass  die  Lebergegend  dabei  verhärtet 
ist;  in  anderen  Fällen  ist  dies  nicht  gut. 


In  diesem  Aphorism  giebt  uns  Hippokrates  sowohl  eine 
nähere  Erläuterung  und  Vervollständigung  des  Aph.  02,  als  auch 
eine  Beschränkung  desselben  durch  die  Abwesenheit  einer  har- 
ten Lebergeschwulst,  die  allerdings,  wie  jeder  organische 
Fehler,  die  Sache  verschlimmert.  Wir  sind  daher  der  Meinung, 
dass  die  Uebersetzungen  von  Fuchs  und  Grimm  nicht  ganz 
richtig  sind. 


65.    Ein    böses   Zeichen    in    hitzigen    Fiebern    ist   heftiges 
Brennen  im  Magen  und  am  Magenmunde, 


Die  brennenden  Schmerzen  in    der  Magengegend  können 


9)  Der  berühmte  Pyretologe  ßeil  sagt  (Allgem.  Fieberlehre  §  9) :  „Dass 
wir  die  Natur  der  Fieber  nicht  kennen,  und  dass  die  Behandlung  derselben 
nichts  Anders   als  eine  nackte  Empirie  ist." 


254  IV-  Buch'     Aphorism  65. 

vielen  Arzneien  entsprechen,  sowohl  Solchen,  die  für  akute, 
als  Denen,  die  für  chronische  Krankheiten  passen,  und  gehen 
daher  nicht  immer  ein  Symptom,  welches  allein  für  sich  da- 
stehend zu  einer  besonders  beachtenswerten  Indikation  dienlich 
ist.  Bei  Nerven  fiebern  z.  B.  sind  sie  jederzeit  ein  uner- 
wünschtes Zeichen,  welches  aber  die  Zahl  der  zur  Wahl  kom- 
menden Mittel  (Ars.,  Beil.,  Bry.,  N.  vom.,  Phosph.,  Bhus,  Sulph.) 
nicht  sehr  beschränkt,  und  daher  in  der  umständlichen  Ermitte- 
lung der  sonstigen  Nebenbeschwerden  keine  erhebliche  Erleich- 
terung verschafft.  Auch  die  Magenmund -Verengerungen 
fangen  oft  mit  solchem  Brennen  an,  wo  dann  freilich,  wenn 
dieses  Symptom  noch  nicht  alt,  und  beim  Niederschlingen  der 
Speisen  die  Stockung  gleich  über  dem  Magen  noch  nicht  erheb- 
lich ist,  meistens  (durch  N.  vom.  oder  Ban.  bulb.)  baldige  Hülfe 
erlangt  wird.  In  veralteten  und  schlimmeren  Fällen  ist  aber 
die  Genesung,  wo  nicht  unmöglich,  doch  schwierig  und  un- 
sicher, und  ausser  den  gewöhnlichsten  Mitteln  (Carb.  veg., 
Phosph.  und  besonders  Zinc.)  sind  oft  noch  viele  Andere  ange- 
zeigt. Die  übrigen,  sonst  oft  symptomatisch  und  als  Nebe  n- 
besch werden  vorkommenden  brennenden  Schmerzen  im 
Magen  weichen  meistens  sehr  leicht  den  auch  den  sonstigen 
Zeichen  ebenfalls  genau  entsprechenden  und  richtig  homöopathisch 
gewählten  Mitteln.  Nur  die  wirkliche  akute  Gastritis,  welche 
stets  zu  den  gefährlichsten  Krankheiten  gehört,  in  kurzer  Zeit 
tödtlieli  werden  kann,  und  so  leicht  mit  dem  Typhus  abdo- 
minalis verwechselt  wird,  aber  übrigens  glücklicher  Weise  sel- 
ten vorkommt,  muss  sofort  mit  unseren  kräftigen  antiphlo- 
gistischen Mitteln  (Acon.,  Bry.,  N.  vom.,  Phosph.)  bekämpft 
werden;  und  wenn  diese  zeitig  genug  und  richtig  gewählt,  in 
den  allerfeinsten  Gaben  (namentlich  in  Hoch -Potenzen) 
angewendet  werden ,  so  ist  die  Lebensgefahr  in  der  Begel  bald 
beseitigt. 


IV.  Buch.     Aphorism    66,  67.  «8,  69.  255 

66.     Es  ist  böse,  wenn  sich  in  hitzigen  Fiebern  Convulsio- 
nen  und  heftige  Leibschmerzen  einstellen. 


67.     Es  ist  böse,  wenn  bei  Fiebern  die  Kranken  im  Schlafe 
aufschrecken  und  Convulsionen  bekommen. 


Ein    unterbrochenes    Athmen     in    Fiebern     ist     böse : 
denn  dieses  zeigt  Krampf  an. 


Die  in  den  drei  vorstehenden  Aphorismen  angedeuteten 
Symptome  kommen  oft  hei  schweren  entzündlichen  Krankheilen 
vor  und  geben  jedesmal  böse  Zeichen,  ohne  jedoch  deshalb  den 
Zustand  als  hoffnungslos  zu  bezeichnen.  Sie  geben  indessen  zu 
keiner  Glosse  Veranlassung,  indem  solche  allgemeine  Symptome 
bei  gar  zu  mannichfaltigen  Erkrankungen  vorkommen. 


69.  Für  Diejenigen,  die  nicht  fieberfrei  sind,  ist  es  heil- 
sam, wenn  nach  vorgängigem  sparsamen  Abgange 
eines  trüben  und  dicken  Harns,  nun  ein  Reichlicher 
und  Dünner  erscheint.  Am  Meisten  erfolgt  dies  bei 
Denen ,  wo  der  Harn  schon  gleich  oder  kurz  nach 
dem  Lassen  einen  Bodensatz  macht. 


Eine  Beobachtung,  die  man  häufig,  sowohl  bei  rheuma- 
tischen, als  bei  gastrischen  Fiebern  machen  kann.  —  Für 
den  Homöopathen  ist  diese  Erscheinung  ein  Zeichen,  dass  mit 
dem  Einnehmen  der  verordneten  Arznei  sofort  innegehalten 
werden  muss,  und  dass  nun  die  zur  normalen  Thätigkeit  wieder 
zurückgekehrte  Lebenskraft  in  ihrer  Wirksamkeit  ungestört 
den  Heilungs-Prozess  so  lange  fortsetzen  muss,  bis  die  Fort- 
schritte in  der  Besserung  einen  deutlichen  Stillstand  machen. 10) 


10)  Cullen  war  vielleicht  der  Erste,  welcher    die  Reaktion  der  Lebens- 
kraft gegen  die  Wirkungen  der  Arznei  deutlich  erkannte.    Er  sprach  z.  B. 


256  IV-   Buch.     Aphorism  70. 

Jedes  arzneiliche  Eingreifen  in  einem  solchen  Stadium  der 
Krankheit  würde  weit  mehr  schaden,  als  nützen,  und  die  Ein- 
wirkung einer  Arznei  würde  ganz  und  gar  von  einem  un- 
richtigen Gesichtspunkte  aus  betrachtet  werden,  wenn  man 
ihr  eine  positive,  von  der  Reaktion  der  Lebenskraft  unab- 
hängige erstwirkende  Heilkraft  zuschreiben  wollte.  Viel- 
mehr darf  der  Arzt  niemals  vergessen,  dass  jede  Arznei  eine 
für  den  lebenden  Organismus  feindselige  und  schädliche 
Substanz  ist,11)  und  dass  daher  nicht  stärker  und  nicht 
öfterer  davon  Anwendung  gemacht  werden  darf,  als  eben  hin- 
reicht, um  eine  vorhandene  Krankheit  vermittelst  der  da- 
durch erweckten  Reaktion  der  Lebenskraft  zu  beseitigen. 
Da  heisst  es  unbedingt :  omne  nhnium  vertitur  in  vitium ! l2) 


70.  Diejenigen,  welche  in  Fiebern  einen  trüben,  dem 
Pferdeurin  ähnlichen  Harn  lassen,  leiden  an  Kopf- 
schmerzen oder  werden  Solche  nächstens  bekommen. 


Die  hier  etwas  unvollständig  beschriebene,  aber  sonst  wohl- 
bekannte Veränderung  des  Harns  kömmt  bei  vielen,  besonders 
gastrischen  Krankheiten,  aber  auch  sehr  häufig  bei  Gehirn- 


dem   Opium  alle  reizende  Kraft  ab,  legte  ihm  aber  eine  Kraft  bei,  die  heil- 
samen Bestrebungen  der  Natur  anzuspornen. 

11)  Medicina  faeit  infirmos,  Mathematiea  tristes,  Theologia  peccatores. 

Luther. 

12)  Medicamentum  non  semper  aegris  prodest ,  nocet  semper  sanis. 

Celsus  L.  II,  C.  13. 
In  Froriep's  „neuen  Notizen  (von  1846,  No.  842,  S.  96)  lesen  wir 
unter  der  Rubrik:  „Von  der  Tödtung  eines  Arztes  durch  die  von  ihm  selbst 
einem  Kranken  verschriebene  Arznei",  wie  der  alte  und  erfahrene  Dr.  Ba- 
der eine  Arznei  einnimmt,  welche  der  Patient  verweigert  zu  nehmen,  weil 
der  Apotheker  Solche  für  tödtlkh  erklärt,  und  eine  halbe  Stunde  darauf 
wirklich  todt   ist. 


IV.  Buch.    Aphorism  70.  257 

entzündungen  vor.  Vielleicht  darf  man  annehmen,  dass  Hippo- 
krates  bei  diesem  Aphorism  vorzüglich  diese  Letzteren  im  Auge 
gehabt  hat,  weil  in  den  „kölschen  Vorhersehungen"  und  in  der 
Schrift  über  „die  Landseuchen1'  einige  Krankheitsfälle  mitgetheilt 
sind,  wo  alle  hier  angeführten  Symptome  ausdrücklich  mit  tödt- 
lich  abgelaufenen  Gehirnentzündungen  in  Verbindung  gebracht 
sind.  Obwohl  dabei  die  also  veränderte  Beschaffenheit  des  Harns 
sich  offenbar  nur  als  eine  symp  tomatische  Nebenbeschwerde 
andeutet,  die  überdem  nicht  immer  bei  dieser  gefährlichen  Krank- 
keit in  derselben  Weise  vorhanden  ist,  so  sieht  man  doch,  wel- 
ches Gewicht  Hippokrates  auf  Dergleichen  legt,  und  wie  dieser 
aufmerksame  Beobachter  schon  deutlich  erkannt  hat,  dass  in 
manchen  Fällen  ähnliche  Nebenzeichen  dazu  dienen  können, 
eine  anfangs  unerheblich  scheinende  Krankheit  in  ihrer 
Bösartigkeit  noch  zeitig  genug  zu  vermuthen,  um  ihr  so- 
gleich wirksam  entgegentreten  zu  können.  Wir  haben  also  hier 
wieder  ein  Beispiel,  von  welcher  Wichtigkeit  es  sein  kann, 
sämmt liehe  Symptome  zu  ermitteln,  die  von  dem  normalen 
Zustande  abweichen,  und  auf  welcher  wohl  befestigten  Grundlage 
das  Verfahren  der  Homöopathie  beruht,  wenn  sie  alle 
solche  Zeichen ,  ohne  Ausnahme ,  bei  der  Wahl  berücksichtigt 
und  ein  Mittel  reicht,  welches  zwar  wohl  dem  pathologi- 
schen Namen  im  Allgemeinen,  nicht  aber  gleichzeitig  den 
begleitenden  Beschwerden  entspricht.  Mancherlei  unwe- 
sentlich scheinende  Abweichungen  dieser  Art  vom  Normal-Zu- 
stande  setzen  uns  oft  in  den  Stand,  gleich  von  Vorne  herein 
einem  Uebel  zu  begegnen,  welches  noch  undeutlich  und  keiner 
sicheren  pathologischen  Diagnose  fähig  ist,  und  so  eine  Gefahr 
abzuwenden,  die  allerdings  für  den  Augenblick  noch  nicht  erkenn- 
bar, aber  darum  nicht  weniger  vorhanden  ist.  Bei  solchen  Vor- 
zügen wollen  wir  den,  von  der  Allopathie  meistens  ganz  falsch 
verstandenen  Vorwurf  der  „Symp tomen-Deckerei"  uns  gern 

17 


258  IV.  Buch.     Aphorism71. 

gefallen  lassen,  und  lieber  zur  rechten  Zeit  helfen,  als  abwarten, 
bis  die  Hülfe  zu  spät  kommt. 13) 

Vielleicht  ist  es  unnöthig,  hier  noch  anzumerken,  dass  wir 
das  Wort:  „vjto£v%Lov",  (jumentuin,  Lastthier)  mit  „Pferd" 
und  nicht,  wie  gewöhnlich,  mit  „Rind"  übersetzt  haben.  Pferde 
und  Esel  werden  wohl  am  Häufigsten  als  Lastthiere  gebraucht, 
und  der  Ausdruck:  „Pferdeurin"  ist  nicht  nur  bekannt,  son- 
dern beinahe  als  technische  Bezeichnung  für  solchen  Harn  in 
der  medizinischen  Terminologie  aufgenommen. 


71.  Wenn  am  siebenten  Tage  die  Entscheidung-  eintreten 
soll,  so  zeigt  sich  am  vierten  Tage  im  Hain  ein  röth- 
liches  Wölkchen ,  und  gleichzeitig  alles  Uebrige  in 
regelmässiger  Weise. 


Die  Schlussworte  dieses  Aphorisms  geben  ausdrücklich  zu 
erkennen,  dass  das  erwähnte  Harn  -Symptom  für  sich  allein 
nicht  hinreicht,  um  eine  günstige  Prognose  zu  stellen.  Diese 
einschränkende  Bedingung  entspricht  ganz  der  Lehre  und  der 
Praxis  der  Homöopathie,  die  niemals  ein  einzeln  dastehendes 
Symptom  für  maassgebend  anerkennt,  und  am  Wenigsten  da,  wo 
so  viele  Mittel,  wie  bei  der  Wolkenbildung  im  Harn  der 
Fall  ist,  dasselhe  Zeichen  führen.  Nur  dann,  wenn  alle  Symp- 
tome gleichmässig  eine  solche  nahe  bevorstehende  Entschei- 
dung ankündigen,  darf  man  sie  mit  einiger  Zuverlässigkeit  er- 
warten und  die   Prognose  darnach  stellen. 14) 


13)  Quelles  que  soient  les  tentatives  de  systömatisation  p:ithologique 
ijui  puissent  ctre  essayi'os  dana  l'avenir,  tuutes  c''eliuiien>i)t  duvanl  les  difti- 
cultiis  de  la  pratique,  h  moins  qu'elles  ne  tiennent  im  compte  rigoureui  de 
l'univeraalite*  dea  symptdmea  sans  cxclure  aueum  d'eu, 

Leon  Simon,  expositioa.  p<  891. 

M,  Der  Bchweizer  l'.l.   Plater  »rar  wohl  der  Erste,  «reicher  (in  leinei 


IV.  Buch.    Aphorism  72.  259 

72.       Es  ist  böse7  wenn  der  Harn  sehr  klar  und  blass  ist, 
besonders  bei  Gehirnentzündung. 


Eine  bekannte  Erfahrung,  und  ein  Symptom,  welches  wir 
in  der  Symptomen-Reihe  der  Hauptmittel  für  solche  phreni- 
tische  Gehirnaffektionen  (Beil.,  Hyosc,  Lach.,  Phosph.), 
kaum  aber  bei  unserem  Haupt-Antiphlogistikum  (Acon.) 
antreffen.  Dies  dient  uns  zum  Beweise,  dass  das  Stadium  der 
Krankheit,  wo  dieses  Letzte  noch  Erfolg  verspricht,  vorüber  ist, 
sobald  der  Harn  hell  und  wässerig  wird.  Wenn  also  bei  dieser 
gefährlichen  Krankheit  ein  solches  Zeichen  eingetreten  ist,  so  wird 
nicht  leicht,  und  nur  bei  überwiegenden  andern,  das  Letztgenannte 
Mittel  ausschliesslich  charakterisirenden  Zeichen,  ein  Homöopath 
dasselbe  noch  in  Anwendung  ziehen  und  nutzlos  eine,  oft  uner- 
setzliche Zeit  damit  verlieren.  Ob  die  Allopathie  dasselbe  Symp- 
tom eben  so  benutzt,  um  ihren  sogenannten  antiphlogisti- 
schen Apparat  sofort  bei  Seite  zu  setzen,  wissen  wir  nicht. 15) 


Praxis  med.  1625)  die  Krankheiten  als  eine  Gesammtheit  von  Symptomen, 
sowohl  am  Geiste  wie  am  Körper,  betrachtet,  ohne  sich  um  den  geheim- 
nissvollen Hergang  im  Innern  zu  kümmern.  Nur  darin  weicht  er  sehr 
wesentlich  von  den  Homöopathen  ab,  dass  er  sehr  zusammengesetzte  Arz- 
neien verordnet,  indem  er  sucht,  für  jedes  Symptom  ein  entsprechendes 
Mittel  beizufügen.  Dies  war  eine  Folge  der  hergebrachten  Meinung,  dass 
Jedes  derselben  nur  auf  bestimmte  Organe  wirkte. 

15)  In  den  hippokratischen  Krankheits  -  Geschichten,  so  wie  in  den 
7tQoyv.  88  und  89,  begegnet  man  weit  öfterer,  als  heutiges  Tages  dem  Aus- 
drucke: „schwarzer  Urin"  (ovqu  /xslccva),  der  bisher  nur  bei  Ars.,  Colch., 
Kali.,  Lach,  und  Merc.  corr.  als  eine  seltene  Erscheinung  beobachtet  wurde. 
Sollte  vielleicht  unter  /xsXccg  nicht  vielmehr  alles  Dunkele,  mithin  auch 
dunkelroth,  oder  überhaupt  jede  sehr  gesättigte  Farbe  zu  verstehen  sein, 
wie  Solches  auch  beim  Homer  an  verschiedenen  Stellen  vorkommt?  — 
Auch  bei  den  Stuhlausleerungen  und  beim  Husten -Auswurf  finden  wir  oft 
das  Prädikat  der  Schwärze  angegeben ,  und  möchte  Dies  dabei  nicht  selten  in 
derselben  Bedeutung  zu  nehmen  sein. 

17* 


260  *  IV-  Buch-     Aphorism   73,  74. 

73.  Diejenigen,  denen  es  in  den  aufgetriebenen  Hypo- 
chondern knurrt  und  kollert,  bekommen  Durchfall, 
sobald  sich  dabei  Lendenschmerzen  einstellen;  es  sei 
denn,  dass  viel  Blähungen  und  Harn  abgingen.  Diese 
Zufälle  kommen  bei  Fiebern  vor. 


Bei  der  grossen  Menge  von  Arzneien,  welche  die  vorstehen- 
den Zeichen  unter  ihren  Symptomen  zählen,  hat  dieser  Lehrsatz 
für  uns  eine  sehr  untergeordnete  Brauchbarkeit.  Nur  in  den 
Fällen,  wo  solche  in  dieser  Gruppirung  an  bestimmten  Tages- 
zeiten oder  unter  bestimmten  Umständen  sich  einzustellen 
pflegen ,  können  sie  bei  der  Mittelwahl  zu  nützlichen  Anzeigen 
dienen.  —  Uebrigens  dürfte  hierbei  noch  zu  erwähnen  sein,  dass 
bei  diesem,  aus  den  kölschen  Vorhersehungen  entnommenen 
Aphorism  von  Fieber  keine  Bede  ist,  und  dass  in  einer  Pa- 
rallelstelle in  den  Vorhersehungen  (TtQoyvcoöuKov)  das  Fieber 
ausdrücklich  ausgeschlossen  ist.  Demgeinäss  steht  also  der 
Schluss  dieses  Lehrsatzes  mit  den  angezogenen  Stellen  in  eini- 
gem Widerspruche,  den  wir  jedoch  nirgends  gelöst  finden. 
Vielleicht  haben  spätere  Erfahrungen  unseren  Autor  belehrt,  dass, 
wie  es  auch  wirklich  der  Fall  ist,  auch  bei  Fiebern,  besonders 
bei  Gastrischen,  diese  Zufälle  zuweilen  eintreten.  Die  Chole- 
rine -Durch fälle  mit  dem  Kollern  und  Poltern  im  Leibe  sind 
meistens  ganz  schmerzlos,  nur  zuweilen  mit  Schmerzen  im 
After,  nicht  im  Kreuze,  verbunden. 


74.  Diejenigen,  welche  von  einer  Versetzung  auf  die  Gre- 
lenke  bedroht  werden,  werden  dagegen  gesichert,  wenn 
sich  am  vierten  Tage  ein  reichlicher  Abgang  eines 
dicken,  weisslichen  Harns  einstellt,  wie  Solches  in  den 
mit  grossem  Mattigkeitsgefühle  verbundenen  Fiebern 
zu  geschehen  pflegt.  Erfolgt  aber  dazu  noch  Nasen- 
bluten, so  geht  die  Herstellung  noch  schneller  von 
Statten. 


IV.  Buch.     Aphoiism  75.  261 

Hier  scheint,  wie  aus  einer  erläuternden  Stelle  in  dem  sechs- 
ten Buche  von  den  Landseuchen,  (imdiiijuav  to  tcqgjtov)  hervor- 
geht, eine  früher  schon  vorgekommene  und  daher  leicht  wieder- 
kehrende Metastase16)  gemeint  zu  sein,  wovon  die  augenblick- 
liche Gefahr  durch  die  erwähnte,  in  dem  Verlaufe  der  Krankheit 
von  selbst  eingetretene  Aenderung  abgewendet  wird.  Solche 
Versetzungen  deuten  aber  stets  auf  eine  chronische  Natur 
der  Krankheit  und  gehören  zu  den  tief  eingewurzelten  Uebeln, 
welche  durch  solche  zeitliche  Veränderungen,  die  an  sich  schon 
eine  Art  von  Metastase  sind,  unmöglich  gründlich  und  dauerhaft 
geheilt  werden  können,  und  bei  jeder  neuen  Veranlassung  wieder 
dieselbe  Gefahr  mit  sich  bringen.  Der  Homöopath  wird  daher 
einen  solchen  Hergang  niemals  als  eine  wahre  Heilung 
ansehen,  sondern,  wenn  er  sich  des  gehörigen  Zutrauens  seines 
Patienten  erfreut,  Diesen  leicht  vermögen,  die  (antipsorische)  Kur 
so  lange  fortzusetzen ,  als  sich  noch  Zeichen  auffinden  lassen, 
um  die  Mittel  richtig  zu  wählen.  Wer  dabei  auf  dem  halben 
Wege  stehen  bleibt,  der  hat  mit  Sicherheit  zu  erwarten,  dass 
das  Uebel  im  Stillen  fortwuchert  und  bei  der  ersten  Veranlas- 
sung, meistens  mit  erneuerter  Heftigkeit  und  grösserer  Bösar- 
tigkeit, sein  Haupt  wieder  erhebt. 


75.  Wenn  mit  dem  Harn  zugleich  Blut  oder  Eiter  ausge- 
leert wird,  so  zeigt  Dies  eine  Verschwärung  der  Nie- 
ren oder  der  Blase  an. 


Einige  Kommentatoren  wollen  statt:  „oder"  —  „und"  lesen; 
aber  weder  Celsus  (II,  7),  noch  Galenus  haben  das  Zweite,  und 


16)  TJeber  die  wahre  Natur  der  Metastasen  hat  Brandis  (Versuch 
über  die  Metastasen)  die  wichtigsten  und  belehrendsten  Aufschlüsse  gege- 
ben, obwohl  auch  hier  noch  manche  physiologische  Räthsel  zu  lösen  übrig 
bleiben. 


262  IV-  Buch.     Aphorism  76. 

wir  finden  keine  Veranlassung  davon  abzuweichen,  da  gewöhnlich 
auf  Blutharnen,  wenn  auch  noch  keine  solche  Vereiterung 
vorhanden  ist,  Diese  doch  leicht  erfolgt,  wofern  das  Uebel  nicht 
bald  gehoben  wird.  Dies  ist  aber  bei  der  Menge  der  daran! 
passenden  Mittel  oft  ziemlich  schwierig,  und  verlangt  grosse  Um- 
sicht seitens  des  Arztes,  sowohl  in  Bezug  auf  die  veranlas- 
sende Ursache,  als  auf  die  Unterschiede  in  akuten  und  chro- 
nischen Fällen. ir) 


76.  Wenn  mit  dickem  Harn  kleine  Fleischstückcken  oder 
haarförmige  Fasern  abgehen,  so  kommen  solche  aus 
den  Nieren. 

Es  ist  gewiss  merkwürdig  und  eine  Bestätigung  unseres 
Grundsatzes:  Similia  Similibus,  dass  gerade  dasjenige  Mittel 
(Canth.),  welches  bei  Krankheiten  der  Nieren  und  der  Harn- 
organe eine  so  vorzügliche  Heilkraft  besitzt,  auch  dieses 
Symptom  am  gesunden  Menschen  hervorgebracht  hat, 
und  am  Kranken  Solches  vor  Andern  heilt.  Uebrigens  darf 
der  genau  bezeichnete,  haarförmige  Abgang  in  dem  Harne 
nicht  verwechselt  werden  mit  sonstigen  Schleimabgängen,  die  ge- 
wöhnlich   mehr    die  Form  von  Flocken    oder  Fasern  anneh- 


17)  Seit  mehreren  Jahren  befestigt  sich  bei  uns  immermehr  die  Ueber- 
zeugung,  dass  die  grösste  Zahl  der  Harnbeschwerden,  nebst  denen  der  uro- 
poetischen  Organe,  in  dem  Boden  der  Sycosis,  oder,  was  wir  für  dasselbe 
ansehen,  der  Pocken  (Variola)  wurzelt,  und  nur  durch  solche  Mittel  dauer- 
haft geheilt  werden  kann,  welche  diesem  Grundübel  entsprechen.  Die 
Zahl  dieser  Mittel  ist  aber  bei  Weitem  grösser,  als  man  gewöhnlich  annimmt, 
und  viele  der  sogenannten  antipsorischen  Arzneien,  (insbesondere:  Ant. 
crud.,  Ant.  tart.,  Arg.,  Ars.,  Aur.,  Bar.,  Beil.,  Calc,  Carb.  an.,  Carb. 
veg.,  Caust.,  Dulc,  Euphr.,  Jod.,  Lach.,  Lyc,  Merc,  Mur.  ac,  Nitr.  ac,  N. 
vom.,  Ph.  ac,  Puls.,  Rhus.,  Sabin.,  See.  corn.,  Selen.,  Sep.,  Sil.,  Staph., 
Sulph.,  Zinc.  und  Andere  haben  in  diesen  verschiedenen  Krankheitsformen 
ihre  Heilkraft  dargethan.  Es  steht  daher  zu  erwarten,  dass  in  der  nächsten 
Zeit  die  Homöopathie  in  der  Heilung  dieser,  bisher  nur  schwer  oder  gar 
nicht  heilbaren  Krankheiten  bedeutende  Fortschritte  machen  wird. 


IV.   Buch.     Aphorism  77,  78.  263 

inen ,    wie    sie  bei  mehreren  Mitteln   vorkommen,  oder  gar  als 

Schleimmassen,     die     sich    meistens    als    Bodensatz  nieder- 
schlagen. 


77.     Wenn  mit  dickem  Harne  kleienartige  Stoffe   abgehen, 
so   ist  Ausschlag  in  der  Blase  vorhanden. 


So  ganz  allgemein  und  imbedingt  dürfte  dieser  Lehrsatz  doch 
wohl  nicht  anzunehmen  sein,  weil  dieses  Zeichen,  ausser  bei  Ant. 
I.art.,  Merc.  und  Phosph.,  auch  besonders  bei  der  Valer.  gefun- 
den wird,  wo  es  mehr  mit  einem  hysterischen  Unterleibs- 
leiden zusammenzuhängen  scheint,  und  dann  durch  dieses  Mittel, 
wie  wir  selbst  erfahren  haben,  schnell  beseitigt  wird. 


78.    Plötzliches  Blutharnen  zeigt  an ,    dass    in    den  Nieren 
ein  Blutgefäss  aufgesprungen  ist. 


Ob  dies  in  allen  Fällen  richtig  ist,  mag  dahin  gestellt  sein. 
Wenigstens  nützt  es  uns  wenig,  weil  wir  doch  ausser  Stande 
sind,  unmittelbar  auf  die  Niere  blutstillende  Mittel  anzubrin- 
gen. Uebrigens  kömmt  diese  Erscheinung  sowohl  bei  einigen 
exanthematischen  Fiebern  (Masern,  Scharlach,  Pocken)  vor, 
als  bei  äusseren  Verletzungen  (Arn.),  und  nach  übermässi- 
gem Genüsse  hitziger  Getränke  (N.  vom.).  Sehr  gemein 
ist  diese  Krankheit  beim  Rindvieh,  zumal  bei  den  ersten 
Weidegängen  und  gegen  den  Herbst,  wahrscheinlich  als  Folge 
schädlicher  Nahrung.  Hier  hilft  im  Anfange  jedesmal  die  Ipec, 
und  zwar  in  der  feinsten  Gabe  (200)  in  Wasser  aufgelöst  und 
eingegossen,  meistens  in  einer  einzigen  Dosis  innerhalb  weniger 
Stunden.  Wir  erwähnen  diese  häufig  erprobte  Thatsache  als 
einen  unwiderleglichen  Beweis  für  die  Heilkraft  der  kleinsten 
Arzneigaben,  wenn  nur  die  Wahl  richtig    war,    und    in   der 


264  IV-  Buch-    Aphorism  79. 

Absicht,  die  aus  theoretischen  Gründen  zweifelnden  und  ohne 
Erfahrung  darüber  absprechenden  Collegen  wenigstens  zu  Ver- 
suchen zu  veranlassen.18) 


79.    Wenn  der  Harn  einen  sandigen  Bodensatz  ausscheidet, 
so  leidet  der  Kranke  am  Blasen-Steine. 


Eigentlich  hätte  es  heissen  sollen,  dass  hier  eine  Neigung 
zur  Bildung  des  Blasen-Steins  vorhanden  war,  weil  der  san- 
dige Bodensatz  oft  Jahre  lang  abgehen  kann ,  ehe  sich  wirklich 
der  Stein  bildel,  womit  dann  meistens  der  Abgang  von  Stein- 
gries  aufhört.  Dieser  sandige  Bodensatz  zeigt  also  mehr 
die  Disposition  zur  Steinbeschwerde,  als  diese  selbst  an, 
und  mahnt  zur  Anrufung  ärztlicher  Hülfe,  um  dem  drohenden 
Uebel  bei  Zeiten  vorzubeugen.  Bei  der  zu  dem  Ende  einzulei- 
tenden Kur  ist  dieses  Eine  Symptom  indessen  durchaus  unzu- 
reichend zur  richtigen  Mittelwahl,  die  überdem  oft  noch  dadurch 
sehr  erschwert  wird,  dass  der  Patient  sich  im  Uebrigen  meistens 
ganz  wohl  befindet  und  sonst  über  Nichts  zu  klagen  hat.  Da 
gilt  es  also  wieder,  allen  Scharfsinn  aufzubieten ,  um  so  Viel  zu 
ermitteln,    als    unumgänglich   erforderlich  ist,    um    für  das  Eine 


18)  A  doctor  who  considers  it  beneath  his  dignity  to  treat  anhnals,  is 
a  most  miserable  snob,  and  certainly  no  real  phisieian. 

C.  Hering,  h.  Niews.   1856,  p.   67. 

On  doit  user  des  medicaraents  homoeopatbiques  avec  les  plus  grandes 
precautions  chez  les  personnes  atteintes  de  maladies  anciennes  des  voies 
urinaires:  car  ils  produisent  quelques  fois ,  meme  aux  doses  les  plus  fai- 
bles,  des  aggravations  extremement  douloureuses.  C'est  surtout  dans  cette 
classe  de  maladies,  qu'on  peut  juger  de  la  puissance  energique  que  posse- 
dent  les  doses  dites  infinitesimales  des  medicaments  prepares  d'apres 
les  preceptes  de  l'homoeopathie.  —  C'est  dans  ces  circonstances  qu'on 
emploie  avec  avantage  la  seule  inspiration  de  quelques  globules 
renferm^s  dans  un  petit  flacon. 

Dr.  L.  Malaise,  clin.  bom,  p.    148. 


IV.   Buch.    Aphorism  80.  265 

oder  das  Andere  der  hier  konkurrirenden  Mitte]  eine  homöo- 
pathische Basis  zu  finden,  und  die  bei  uns  so  stark  verpönte 
Nothwendigkeit  zu  umgehen,  am  Kranken  selbst  Versuche  zu 
machen.  Bei  diesen  Ermittelungen  kömmt  es  nun  sehr  zu  Statten, 
dass  bei  den  Prüfungen  der  Arzneien  am  Gesunden  auch  in 
Bezug  auf  den  Harn  eine  überaus  grosse  Menge  der  verschie- 
denartigsten Zeichen  aufgefunden  ist,  die  sich  nicht  bloss  auf 
die  Beschaffenheit  des  Harns  selbst  und  dessen  Boden- 
satz beschränken,  sondern  auch  auf  die  Ausleerungen  und 
auf  die  begleitenden  Beschwerden  vor,  bei  und  nach 
dem  Harnlassen  beziehen.19)  Wenn  alle  dahin  gehörigen 
Momente  mit  der  grössten  Genauigkeit  aufgezeichnet  und  mit 
den  Symptomen-Reihen  der  Arzneien  verglichen  werden,  so  kann 
es  nicht  fehlen,  dass  bei  Weitem  die  grösste  Zahl  derselben  ausser 
Konkurrenz  gesetzt  wird,  und  dass  man  unter  den  wenigen 
Uebrigbleibenden  leicht  im  Stande  ist,  durch  Anpassung  der  son- 
stigen Individualität  des  Kranken  die  Passendste  und  Hülf- 
reichste aufzufinden.  —  Ob  ein  solches  Verfahren  auch  als 
symptomatisches  Kuriren  verspottet  und  verhöhnt  werden 
kann,  Das  dürfen  wir  unbedenklich  der  Entscheidung  jedes  un- 
befangenen Arztes  und  Nicht-Arztes  anheimstellen. 


80*  Wenn  Jemand  Blut  in  flüssiger  Gestalt  oder  in  Klump  - 
chen  harnt,  oder  nur  tropfenweise  den  Harn  ausleeren 
kann,  mit  gleichzeitigen  Schmerzen  im  TJnterbauche 
und  im  Mittelfleische,  so  sind  die  zur  Blase  gehören- 
den Theile  leidend. 


19)  Galenus  sagt  (Comm.  1  in  libr.  de  artie.j:  „Hippokrates  habe 
selten  oder  nie  die  Ursache  der  Krankheiten  aus  Begriffen  entwickelt:  er 
habe  es  für  vernunftmässiger  und  sicherer  gehalten,  sich  durch  offenbare 
Erscheinungen  leiten  zu  lassen.  So  habe  er  auch  seine  Urtheile  über 
die  Heilung  durch  eigene  Erfahrung  befestigt,  ehe  er  danach  Anweisun- 
gen gegeben."  —  Wenn  man  hier  unter  den  Erscheinungen  nur  die  Symp- 
tome, und  unter  Erfahrung  nur  die  Prüfungen  der  Arzneien  verstehen  kann, 
so  entspricht  dies  genau  der  Lehre  Hahnemanns. 


266  IV-   Buch-     Aphorism  81,  82. 

Unter  diesen  Erscheinungen  kündigen  sich  viele,  unter  sich 
ganz  verschiedene  Krankheiten  an  und  in  der  Umgehung  der 
Harnblase  an,  zu  deren  Diagnostizirung  viel  mehr  gehört,  als  die 
eben  angeführten,  allzu  unbestimmten  Symptome.  Wie  wenig 
also  hiernach  eine  richtige  Mittelwahl  zu  treffen  ist,  leuchtet 
von  selbst  ein. 


81.  Es  zeigt  eine  Verschwärmig  der  Blase  an,  wenn  mit 
dem  sehr  übelriechenden  Harne  Blut,  Eiter,  oder 
Schorfe  abgehen.     . 

Die  Verschwärung  der  Blase  ist  ein  gefährliches  Uebel, 
dem  man  indessen  durch  zweckmässige  Mittel,  richtig  angewen- 
det, im  ersten  Beginne  ziemlich  leicht  vorbeugen  kann.  Ist  die 
Verschwärung  aber  einmal  vorhanden ,  welches  aus  den  ange- 
führten und  noch  einigen  andern  Zeichen  leicht  zu  erkennen: 
so  werden  bei  der  Wahl  der  Mittel  meistens  zuerst  Petr.,  Puls., 
Sep.  und  Sulph.  zum  Vergleiche  der  Neben-Symptome  sich  dar- 
bieten. Dabei  verdient  in  Bezug  auf  das  Ausgeleerte  ins  Be- 
sondere der  sp  e  z  i  f i  s  c h  e  Geruch  desselben  und  die  E  i g e  n- 
t hü  ml  ich k ei t  der  Schmerzen  in  der  Blase  die  erste  Berück- 
sichtigung. —  Auch  dieser  Krankheit  liegt  fast  immer  ein 
chronisches  Miasma  zum  Grunde. 2o) 


82.     Wenn  sich  in  der  Harnröhre  eine  Eitergeschwulst  ge- 


20)  Es  giebt,  glücklicher  Weise  nicht  sehr  häufig,  zweierlei  Krankhei- 
ten des  uropoetischen  Systems,  welche,  der  Allopathie  beinahe  ganz  unzu- 
gänglich, auch  dem  Homöopathen  viel  zu  schaffen  machen,  nämlich  die 
Albuminurie  und  der  Diabetes  mellitus.  Bei  der  Ersten  wird  man  zunächst 
an:  Ant.  er.,  Ars.,  Aur.,  Bry.,  Canth.,  Kali,  Lach.,  Puls.,  Thuj.  und  Valer.; 
bei  der  Zweiten  an:  Arg.,  Ars.,  Carb.  veg.,  Coloc,  Creos.,  Natr.  mur., 
Ph.  ac,  Ran.  bulb.,  Scill.,  Sep.,  Sulph.  und  Thuj.  denken  müssen.  Eine 
umsichtige  Berücksichtigung  aller  Nebenbeschwerden  ist  hier  doppelt  noth- 
wendig. 


IV.  Buch.    Aphorism  83.  267 

bildet  bat,  so  verschwinden  die  Schmerzen,  sobald  Jene 
aufbricht  und  eitert. 


Eine  Erscheinung,  die  bei  allen  Eitergeschwülsten,  sobald 
sie  aufbrechen,  vorkommt.  Indessen  ist  bei  dieser  Arl  von  Harn- 
röhrgeschwüren,  auch  wenn  sie  nicht  syphilitischer  oder 
syko  tischer  Natur  sind,  leicht  eine  Verengerung  derselben 
die  Folge,  und  es  ist  daher  jederzeit  anzurathen,  die  dafür  pas- 
senden Mittel  anzuwenden,  unter  denen  Canth.,  Rhus.  und  Puls, 
wohl  in  der  ersten  Linie  stehen.  Haben  jene  Eitergeschwülste 
aber  ihren  Ursprung  von  einem  der  drei  bekannten  chroni- 
schen Miasmen,  so  ist  es  doppelt  nöthig,  die  dafür  angezeig- 
ten und  dem  individuellen  Falle  genau  angepassten  Arzneien  in 
Anwendung  zu  bringen. 


83.     Ein  häufiger  nächtlicher  Harnabgang  deutet  auf  spär- 
liche Stuhlausleerung. 


Dieser  Lehrsatz  scheint  den  Kommentatoren  erhebliche 
Schwierigkeiten  gemacht  zu  haben.  Einige  von  Ihnen  sind  kurz- 
weg alle  Erklärung  schuldig  geblieben;  Andere  haben  sich  in 
ein  nicht  dahingehöriges  Feld  verlaufen,  und  noch  Andere  bei 
ihrer  gelehrten  physiologischen  Erläuterung  das  hier  sehr 
beachtenswerte  Wörtchen:  nächtlich  unberücksichtigt  gelassen. 
Wenn  man  indessen  die  Erfahrung  befragt,  so  erhält  man  eine 
Antwort,  welche  eben  diesen  Aphorism  in  einer  Weise  bestätigt, 
wie  wenige  Andere,  und  wir  müssen  ihn  daher  als  eine  der  be- 
währtesten hippokratischen  Beobachtungen  annehmen.  Anstatt 
uns  aber  auf  eine  physiologische  Erklärung  einzulassen, 
wollen  wir  lieber  einen  Augenblick  darauf  verwenden,  zu  sehen, 
wie  die  Beobachtungen,  die  wir  in  dieser  Beziehung  bei  Prüfung 
der  Mittel  am  Gesunden  gemacht  haben,    sich   zu    dieser  Beob- 


268  IV-  Buch-     Aphorism  83. 

achtung  des  Altvaters  der  Medizin  an  seinen  Kranken  verhalten. 
Hier  begegnen  wir  aber  einer  wahrhaft  überraschenden  Ueber- 
einstimmung.  Wir  finden  nämlich  das  ungewöhnlich  häufige 
nächtliche  Harnlassen  vorzüglich  auch  bei  folgenden  Arznei- 
mitteln: Alum.,  Bry.,  Caust. ,  Creos. ,  Graph.,  Hep.,  Kali,  Lyc, 
Natr.  carb.,  N.  vom.,  Rhus.,  Sabin.,  Samb.,  Scill.,  Spig.,  Sep. 
und  Sulph. ;  und  siehe  da!  gerade  diese  sind  es  auch,  welche 
die  spärliche,  zögernde  und  ungenügende  Stuhlaus- 
leerung bei  den  Prüfungen  am  Entschiedensten  als  ihnen  zu- 
kommende Symptome  herausgestellt  haben.  Man  sieht  also  aber- 
mals an  diesem  Beispiele ,  wie  bei  der  Homöopathie  das  Eine 
mit  dem  Andern  einträchtig  Hand  in  Hand  geht,  und  wie  man 
überall  dieselben  Resultate  erlangt,  wenn  man  die  Ergebnisse 
der  Natur  an  den  Lehren  der  Homöopathie,  oder  Diese 
an  Jenen  prüft.  Wir  glauben  daher,  natürlich  nach  der  Erfah- 
rung, die  stets  oben  an  steht,  solche  Uebereinstimmungen 
als  die  stärksten  Beweise  für  die  innere  Wahrheit  der  homöo- 
pathischen Heillehre  ansehen  zu  dürfen.21) 


21)  L'homoeopathie  est  aussi  vieille  que  le  monde,  et  eile  se  distingue 
des  autres  doctrines  medicales ,  qui  tour  ä  tour  se  sont  succede  dans  la 
science,  par  cela  seul  qu'elle  n'a  rien  invente,  rien  imagine,  mais 
qu'elle  a  tout  simplement  trouve  la  loi  de  guerison  emanee  de  Dieu  et 
obscurcie  par  l'orgueil  de  l'honmie. 

Dr.  Bampal,  rev.  hom.  I,  71. 

Die  Homöopathie  steht  ganz  auf  dem  Boden  der  Erfahrung  und 
Beobachtung,  während  der  Mysticismus  der  Theorie  den  Vorrang  zuer- 
kennt. Homöopathie  und  Mysticismus  sind  deshalb  vielmehr  einander  ge- 
rade entgegengesetzt.  —  (Einige  sprechen  gar  von  „Metaphy sik",  ohne, 
wie  es  scheint,  recht  zu  wissen,  worin  Diese  besteht.) 

Griesselieh,  Skizzen  S.  SO. 

In  Beziehung  auf  Hufeland's  Brochure:  „die  Homöopathie"  (Berlin  1831) 
sagte  ein  Witzbold:  „Hufeland  ist  zwar  noch  nicht  todt,  aber  er  hat  den 
Geist  aufgegeben." 

Ausser  der  Homöopathie  scheint  es  keine  genau  passende  allgemeine 
Bezeichnung  für  irgend  eine  Heilart  zu  geben,  welche  das  Wesen  und  den 
Modus  operandi  ausspricht.  Wenn  die  Allopathen  von  eröffnenden  Mitteln 
sprechen,  wenn  sie   Obstruktionen  beseitigen  wollen ,    oder    von  Tonischen 


V.  Buch. 


1.     Es  ist  tödtlich,  wenn  sich  auf  den  Gebrauch  der  Niess- 
wurz  Konvulsionen  einstellen. 


wenn  sie  stärken  wollen,  oder  von  Stimulirenden ,  wenn  sie  eine  erhöhte 
Thätigkeit  erwecken  wollen,  so  bezieht  sich  Dieses  doch  immer  nur  auf  das 
Endresultat  derselben.  Dr.   Scott,  Brit.  journ.   1850, 

Möge  die  Lehre  der  Homöopathie  noch  so  unvollkommen  sein,  viel 
Wahrheit  aber  enthält  sie,  und  an  Gedanken,  die  weiter  führen,  ist  sie 
reich,  —  sie,  die  zum  ersten  Male,  seit  es  eine  Heilkunde  giebt,  mit  ei- 
nem geordneten,  präcisen,  compendiösen,  technisch -therapeutischen  Apparate 
an  das  Krankenbett  trat,  zum  ersten  Male  das  Heilen  zu  einem  experi- 
mentellen, durchdachten  und  unschädlichen  Geschäfte  machte,  zum  ersten 
Male  die  Idee  des  forschenden  Heilversuchs,  Glied  vor  Glied,  von  der  Wahl 
des  Mittels  bis  zur  Verabreichung  desselben,  ausführte. 

Prof.  Hoppe,   die  Dispensirfreiheit.    S.    118. 

„Müssen  wir  denn"  —  sagt  Hering  im  Arch.  f.  d.  h.  H.  XL  1,  S.  109 
—  „noch  einmal  wiederholen,  was  neu  ist  an  der  Hahnemannschen  Lehre ? 
Neu  ist  es,  Arzneien  als  krankmachende  Potenzen  zu  betrachten  j  neu  ist 
es,  an  Gesunden  Arzneien  zu  prüfen,  und  dies  als  nothwendig  zu  verlan- 
gen; neu  ist  es,  aus  den  Zeichen  einer  Arznei  zu  schliessen  auf  die  Spezi- 
ficität  eines  Mittels  im  ähnlichen  Krankheitsfalle ;  neu  ist  es ,  die  feinsten 
Eigenthümlichkeiten  der  Krankheiten  zu  berücksichtigen,  die  man  bis  auf 
Hahnemann  ganz  und  gar  nicht  sah;  neu  ist  es  endlich,  nur  eine  Arznei, 
und  immer  einzig  und  allein  nur  eine  Arznei  zu  geben;  neu  ist  es,  diese 
nur  einmal  zu  geben  und  nicht  zu  wiederholen,  sondern  die  Wirkung  ab- 
zuwarten;   neu    ist   es,    die  Arzneien   durch    Reiben   und   Schütteln  zu  ent- 


270  v«  Buch.     Aphorism   1. 

Ein  solcher  Erfolg  zeigt  deutlich  eine  Vergiftung  mit 
dieser  äusserst  kräftigen  Arznei  an,  die,  in  allzu  starker  Dosis 
eingenommen,  ihre  giftigen  Eigen^virkungen  mächtig  entfaltet  und 
mit  Eintritt  der  Konvulsionen,  die  in  hohem  Grade  dazu  gehören, 
das  Lehen  gefährdet.'22)    Zu  den  Zeiten  des  Hippokrates  kannte 


wickeln;  neu  ist  es,  sonst  ganz  kraftlose  Dinge  in  die  hülfreichsten  Arz- 
neien zu  verwandeln;  neu  ist  es,  die  ärgsten  Gifte  dadurch  mild  und  ge- 
fahrlos zu  machen;  neu  ist  es,  dass  Riechen  an  solcbe  Arzneien  eben  so 
wirksam  sei,  als  Einnehmen ;  neu  ist  es,  dass  alle  Gewürze  und  dergleichen 
auch  krankmachende  Potenzen  sind;  neu  ist  es,  dass  keine  örtliche  Behand- 
lung zulässig  ist,  weil  es  keine  örtlichen  Krankheiten  giebt;  neu,  und  ganz 
und  gar-  neu  und  ungeahnet  vor  Hahnemann  ist  die  ganze,  grosse  Welt 
seiner  Entdeckungen."  —  „Lehrte  Hufeland  Specifica  finden?  Und  wer 
lehrte  Diese  finden  vor  Hahnemann?  wo  der  liebe  Zufall  und  die  liebe  Na- 
turkraft das  Beste  thun  müssen.  Es  ist  Unwahrheit,  dass  das  Prinzip  nicht 
neu  wäre,  denn  es  wurde  dadurch  von  der  alten  Schule  nie  ein  Mittel  ge- 
funden, und  man  wusste  nie,  warum  man  Aehnliches  ei-zeugende  Mittel 
manchmal  doch  gab,  und  unerwartete  Heilungen  damit  verrichtete." 

Verblendung,  Gleichgültigkeit  und  Ungerechtigkeit  haben  in  die  Wetle 
gerungen,  um  die  Homöopathie  zu  untergraben. 

Prof.  Hoppe,  die  Dispensirfreiheit.   S.  44. 

Si  eile  (l'homoeopathie)  etait  restee  ä  l'etat  de  simple  tkeorie,  les  me- 
decins  l'auraient  laissee  passer  sans  y  faire  la  moindre  attention,  sans  en 
prendre  le  moindre  souci:  c'est  par-la- meine  qu'ils  ont  commence  dans 
l'origine,  mais  le  jour  oü  eile  s'est  posee  comme  une  des  lois  primordiales 
de  la  nature,  le  jour  oü  eile  a  voulu  realiser  ses  esperances  et  ses  princi- 
pes,  le  jour  oü  eile  a  prouve  par  les  faits  pratiques  qu'elle  est  sur  la 
route  de  la  vraie  medecine,  alors  les  docteurs  de  l'ecole  allopathique,  trou- 
bles  dans  leur  etat,  se  sont  emus;  ils  se  sont  mis  ä  l'oeuvre  pour  s'opposer 
ä  l'application  d'une  loi  qui  ebranle  presque  dans  ses  fondements  une 
science  surannee,  cette  predendue  science  qui  se  farde  d'une  logomachie 
sans  cesse  renovellee,  pour  cacher,  comme  une  vieille  femme,  ses  rides  et 
se  decrepitude.  Dr.  L.  Marchant,  etude.  pag.  X. 

22)  Die  Kuren  damit,,  —  sagte  Hahnemann  bereits  im  Jahre  1799  im 
II.  Tb..,  2.  Abth.,  Seite  429  seines  Apothekerlexikons,  —  die  sie  (die 
Alten)  Helleborismus  nannten,  kommen  in  der  Beschreibung,  die  sie  uns 
davon  hinterliessen,  noch  über  die  Torturgrade  unsrer  ehemaligen  Justiz. 
—  —  Wenn  aber  demungeachtet  die  unverantwortlich  dreisten  Alten  oft 
Wunderkuren  damit  verrichteten  in  Krankheiten,  die  die  zaghaften  Neueren 
nicht  zu  heilen  vermögen,  so  wird  man  verleitet,  zu  schliessen,  dass  Beide 
des  rechten  Wegs  verfehlten,  dass  die  Wahrheit  in  der  Mitte  liege,  und 
dass  eine  so  kräftige  Wurzel  in  tausendmal  kleineren  Gaben,  als  die  Alten 


V.  Buch.     Aphorism  1.  271 

und  brauchte  man  als  Antidot  gegen  allzu  heftige  Wirkun- 
gen der  JNiesswurz  nur  die  Zipa^oidsq,  von  der  man 
bloss  weiss,  dass  sie  zu  den  Vegetabilien  gehörte,  ohne  ihren 
systematischen  Namen  zu  kennen,  und  dass  sie  sonst  nur  zum 
Erbrechen  und  gegen  Qu artanfieb er  angewendet  wurde.  23) 
Demnach  ist  es  schon  der  Natur  der  Sache  gemäss  zu  vermu- 
then,  dass  sie  gegen  die  Konvulsionen  der  Niesswurz 
ohne  Wirkung  bleiben  musste,  weil  diese  ausserhalb  des  Be- 
reichs ihrer  Kräfte  lagen,  und  dass  mithin  die  hippokratischen 
Aerzte  eines  Mittels  entbehrten,  welches  in  diesen  äussersten 
Fällen  noch  hätte  Rettung  bringen  können.  Die  antidotarische 
Kraft  einer  Substanz  ist  nämlich  lediglich  abhängig  von  ihrem 
eigentümlichen  Wirkungsvermögen  auf  den  lebenden 
Organismus,  natürlich  sobald  die  allenfallsige  chemische  oder 
mechanische  Einwirkung  beseitigt  und  nur  noch  die  rein 
Dynamische  vorhanden  ist.  Aus  diesem  Grunde  giebt  es  nicht 
nur  keine  universellen  Andidote  gegen  alle  Gifte,  wie  es 
keine  universelle  Medizin  gegen  alle  Krankheiten  giebt 
oder  geben  kann,  sondern  selbst  für  die  verschiedenen  Ver- 
giftungszeichen von  einer  und  derselben  Arznei  sind 
verschiedene  Gegengifte  nöthig,  von  denen  Jedes  wieder 
seinen  besonderen  und  abgeschlossenen  Wirkungskreis  hat, 
über  dessen  Grenzen  hinaus  seine  Kraft  nicht  mehr  reicht. 

Zur  nähern  Erläuterung  und  Begründung  des  eben  Gesagten 
verdient  hier  Dasjenige  eine  Stelle ,  was  Hahnemann  in  seinem 
Vorworte  zur  hier  in  Rede  stehenden  Weissniesswurz 
(R.  A.-M.-L.  III.  Band,  S.  329  der  zweiten  Auflage)  über  die 
Gegenmittel  dieser  Arznei  aus  eigener  Erfahrung  mittheilt.  — 


nahmen,  und  in  noch  weit  kleine ren  gebraucht,  bei  zuverlässiger  Ge- 
fahrlosigkeit eins  der  schätzbarsten  Heilmittel  abgeben  müsse;  wie  mich 
auch   zur  Genüge  die  Erfahrung  gelehrt  hat. 

23)  Dierbach  (die  Arzneien    d.  Hippokr.    S.    115)    hält    es    nach    dem 
Theophrast  für  den   Samen   desselben  Veratrum  album. 


272  v-  Buch.    Aphorisra  1. 

„Jählinge,  schlimme  Zufälle  von  Weissniesswurzel  nehmen 
einige  Tassen  starken  Kaffee's  am  sichersten  weg.  Sind  aber 
drückendes  Kopfweh  mit  Körperkälte  und  unbesinnlichem 
Schlummer  die  Hauptzustände,  so  ist  Kampfer  das  Gegen- 
mittel. Ist  ein  ängstliches  Aussersichsein  mit  Körper- 
kälte, oder  auch  wohl  brennender  Empfindung  im  Gehirne 
begleitet,  zugegen,  dann  dient  Sturmhut.  -Die  von  Weiss- 
n  i  e  s  s  w  u  r  z  e  1  -  M  i  s  s b  r  a  u  c  h  übrigen  langwierigen  Uebel,  z.  B. 
das  tägliche  Vormitternacht- Fieber,  tilgt  die  Chinarinde  in 
kleinen  Gaben  am  Besten".  —  Indessen  ist  mit  diesen  vier 
Mitteln  die  ganze  Beihe  der  Erscheinungen,  welche  als  Be- 
schwerden einer  mit  Weissniesswurz  verübten  Vergiftung  vor- 
kommen, keineswegs  abgeschlossen.  Namentlich  bleiben  hier  noch 
die  im  besprochenen  Aphorism  erwähnten  Konvulsionen  übrig, 
welche  entweder  Cupr.  oder  Hyosc. ,  seltener  Stram.  verlangen 
dürften.  Ferner  die  Quartanfieber,  die  meistens  auf  Ars. 
passen  werden,  das  Erbrechen,  welches  der  Bry.  oder  der 
Ipec.  entspricht,  u.  dergl.  mehr.  Bei  allen  solchen  Zufällen, 
welche  durch  übergrosse  Arzneigaben  oder  durch  sonstige 
Vergiftungen  entstanden  sind,  helfen  nur,  so  lange  überhaupt 
noch  Hülfe  möglich  ist,  diejenigen  Arzneimittel,  welche  das  Ver- 
mögen besitzen,  ähnliche  Beschwerden  zu  erzeugen,  und  bestä- 
tigen also  abermals  die  Bichtigkeit  unseres  Grundprinzips  :  Simi- 
lia  Similibus.24) 

Sehr  nahe  verwandt  mit  der  Lehre  von  den  Antidoten 
und  nach  demselben  Naturgesetze  zu  beurtheilen  ist  die  von  den 
prophylaktischen  Mitteln,  welche  bezwecken,  schon  im  Vor- 
aus im  lebenden  Organismus  die  Disposition  zu  irgend  einer 
ansteckenden  Krankheit  zu  vernichten.25)     Es  ist  nämlich 


24)  Sic  morbus  rnorbo,    ut  clavum    clavo    retundimus ,    maloque    nodo 
malum  adhibemus  cuneum. 

L.  Lemnius  de  occult.  nat.  min.  I,  5. 

25)  Hufeland  (Makrobiotik  II,    1,  9)  ist  gewiss  im  Irrthume  befangen, 


V.  Buch.      Aphorism  1.  273 

bekannt,  dass  selbst  von  den  bösartigsten  und  unzweifelbaft 
ansteckenden  Seucben  immer  einige  Personen  verschont 
werden,  und  man  ist  allgemein  der  auch  wohl  wahrscheinlichen 
Meinung,  dass  Diese  nur  dadurch  davor  geschützt  werden,  weil 
ihnen  die  Empfänglichkeit  dafür  mangelt.  Um  diesen 
Zustand  auf  künstlichem  Wege  herzustellen,  können  erfah- 
rungsmässig  nur  solche  Mittel  dienen,  welche  ebenfalls  das  Ver- 
mögen haben,  die  befürchtete  Krankheit  zu  heilen,  und  die 
deshalb  im  Organismus  eine  Reaktion  hervorrufen,  die  unmit- 
telbar gegen  diese  Krankheit  und  ihre  Einflüsse  gerichtet  ist. 
Wenn  man  daher  in  einem  Hause,  wo  z.  B.  eine  Art  von  Ner- 
venfieber eingezogen  ist,  die  noch  nicht  ergriffenen  Mitglieder 
der  Familie  gegen  die  Ansteckung  schützen  will:  so  kann  Dies 
nur  durch  Anwendung  desselben  Mittels  mit  Sicherheit  ge- 
schehen, welches  bei  den  bereits  Erkrankten  das  wahre  homöo- 
pathische Heilmittel  ist,  während  alle  andere  Arzneien,  die 
sonst  bei  Nervenfiebern  überhaupt  zur  Wahl  kommen  können, 
gänzlich  ohne  Erfolg  bleiben.  Auch  hier  giebt  es  also  eben  so 
wenig  ein  Universal-Prophylaktikum,  wie  eine  Univer- 
sal-Medizin,  und  alle  sonstige  Veranstaltungen,  wie  z.  B.  die 
üblichen  Räucherungen,  um  angeblich  einen  gänzlich  unbe- 
kannten Ansteckungsstoff  zu  vernichten,  gehören  zu  der- 
selben Kategorie,  die  sich  nirgend  bewährt  hat.26) 


wenn  er  sagt:  —  „Jede  Thierklasse  hat  ihre  eigenen  (kontagiösen)  Gifte, 
die  auf  Andere  nicht  wirken»  So  hat  das  Menschengeschlecht  die  Seinigen, 
welche  denThieren  nichts  anhaben,  z.E.  das  venerische  Gift,  das  Pocken- 
gift etc.,  die  Thiere  hingegen  die  Ihrigen,  die  nicht  auf  den  Menschen  wir- 
ken, z.  E.  das  Hornviehseuchengift,  das  Kotzgift  bei  Pferden.  Nur 
Eins  ist  mir  bekannt,  was  Thieren  und  Menschen  eigen  ist,  das  Wuth- 
gift".  —   Offenbar  ist  hier  die  Sache  mit  der  Form  verwechselt. 

26)  Man  weiss,  dass  wenigstens  viele  Miasmen  sich  der  atmosphäri- 
schen Luft  mittheilen,  besonders  der  Feuchtigkeit  derselben  anhängen,  und 
so  vermittelst  der  Windströmungen  über  entfernte  Gegenden  verbreitet 
werden.     Vielleicht  Hessen  sich  hierdurch  manche  plötzliche  Erscheinungen 

18 


274  ^*  Buch-    Aphorism  2,  3. 

2.    Es  ist   tödtlich,    wenn   sich    nach    einer   Verwundung 
Krämpfe  einstellen. 


Aus  einer  hierher  gehörigen  Stelle  in  der  hippokratischen 
Schrift  7ts(jt  %qi6limov  (V,  1)  scheint  hervorzugehen,  dass  in  die- 
sem Lehrsalze  vorzüglich  die,  nach  Verletzungen  allerdings  äus- 
serst gefährliche  Mundklemme  (Trismus)  gemeint  ist.  Die 
Homöopathie  ist  jedoch  im  Besitze  einer  grossen ,  man  möchte 
sagen,  allzu  grossen  Menge  von  Mitteln  gegen  dieses  Uebel,  so 
dass  durch  die  Hand  eines  erfahrenen  und  umsichtigen  Arztes 
dieser  Schule  die  Gefahr  in  der  Regel  bald  abzuwenden  ist. 
Aber  eben  die  grosse  Anzahl  der  hier  zur  Anwendung  kon- 
kurrirenden  Mittel  macht  oft  die  richtige  Wahl  schwierig,  und 
es  sind  dabei  sehr  häufig  geringfügig  scheinende  Umstände  ent- 
scheidend, die  so  leicht  übersehen  werden,  und  die  nur  der  Ge- 
übtere in  ihrer  wahren  Wichtigkeit  zu  erkennen  vermag.  Glück- 
licher Weise  kann  durch  sofortige  richtige  Anwendung  unserer 
Arzneien  gegen  die  verschiedenen  Arten  von  Verletzungen 
diesem  bösen  Zufalle  so  wirksam  vorgebeugt  werden,  dass  es 
nur  selten  dazu  kömmt. 


3.    Es  ist  böse,  wenn  bei  einer  starken  Verblutung  Kon- 
vulsionen oder  Schluchzen  sich  einstellen. 


Auch  für  diese  Fälle  hat  die  Homöopathie  ihre  fast  unfehl- 


von    Cholera   und   andern    ansteckenden   Krankheiten  am  Natürlichsten    er- 
klären. 

Bereits  vor  mehreren  Jahren  entdeckte  der  berühmte  Ehrenberg  in  der 
Atmosphäre  Berlins  ungefähr  100  Arten  von  Infusorien,  welche  sicli  zur 
Zeit  der  daselbst  herrschenden  Cholera  noch  um  etwa  30  neue  Speciea 
vermehrten  und  die  Vermuthung  begründeten,  dass  solche  mindestens  in 
sehr  naher  Verbindung  mit  dieser  Krankheit  ständen,  was  Halmemann  Bchon 
beim   ersten  Auftreten  derselben  ausgesprochen  hatte. 


V.  Buch.     Aphorism  4.  275 

baren  Heilmittel,  sowohl  um  die  Blutungen  dynamisch  zu 
stillen,  —  natürlich  da ,  wo  keine  bedeutende  Verletzungen  der 
Blutgefässe  selbst  vorhanden  sind,  die  eine  chirurgische  Behand- 
lung erheischen,  — -  als  um  die,  in  Folge  bereits  stattgefun- 
denen erheblichen  Blutverlustes  eintretenden  Konvulsio- 
nen, Ohnmächten,  Schluchzen  u.  dgl.  zu  beseitigen.  Es 
versteht  sich  übrigens  von  selbst ,  dass  in  allen  diesen  Fällen, 
wie  in  der  vorhergehenden  Glosse  gesagt  ist,  ebenfalls  mit  der 
nöthigen  Umsicht  verfahren  werden  muss.  —  Siehe  hierzu  auch 
die  nächstfolgende  Glosse. 


4.    Es  ist  böse,  wenn  sich  auf  übermässige  Abführungen 
Konvulsionen  oder  Schluchzen  einstellen. 


Die  Einwirkung  solcher  unmässigen  Abführungen  auf  den 
Organismus  ist  sehr  ähnlich  Derjenigen,  welche  nach  starken 
Blutungen,  Schweissen,  oder  überhaupt  nach  Säfteverlust  jeder 
Art  entsteht.  Am  Schlimmsten  aber  ist  es,  wenn  Jene  eine  Folge 
von  unmässigem  Gebrauche  der  Weissniesswurz  war,  die 
zu  des  Hippokrates  Zeiten  am  Gewöhnlichsten  zu  Abführungen 
angewendet  wurde,  und  wovon  schon  im  Aphorism  1  dieses 
Buchs  gesprochen  ist. 

Bei  dieser  Gelegenheit,  und  mit  Bezugnahme  auf  die  beiden 
vorstehenden  Aphorismen  3  und  4,  dürfen  wir  nicht  verschwei- 
gen, dass  in  Betreff  der  durch  Säfteverlust  entstandenen 
Beschwerden  sich  auch  in  die  homöopathische  Praxis  ein  Miss- 
brauch eingeschlichen  hat,  welcher  Dem  der  Behandlung  der 
Wechselfieber  bei  der  Allopathischen  ziemlich  ähnlich  ist 
und,  merkwürdiger  Weise,  mit  einem  und  demselben  Heilmittel, 
nämlich  mit  der  China,  verübt  wird.  Es  ist  deshalb,  leider! 
auch  bei  uns,  wenngleich  in  minderer  Weise,  Dasjenige  wahr  ge- 
worden, was  Hahnemann  gleich  im  Anfange  seines  ausführlichen 

18* 


276  v-  Bucla-     Aphorism  4. 

Vorworts  zu  dieser  Arznei  (R.  A.-M.-Lehre  III,  Seite  98 
der  zweiten  Auflage)  beklagt,  indem  er  sagt:  —  „Nächst  dem 
Mohn  safte  kenne  ich  keine  Arznei,  welche  in  Krankheiten 
mehr  und  häufiger  gemissbraucht  und  zum  Schaden 
der  Menschen  angewendet  wäre,  als  die  Chinarinde."  — 
Was  Hahnemann  weiter  in  diesem  sehr  lesenswerthen  und  lehr- 
reichen Vorworte  (S.  108  daselbst)  über  die  Schwäche  von 
Säfteverlust  erwähnt,  mag  wohl  die  Hauptveranlassung  zu 
dem  gerügten  Miss  brauche  gegeben  haben,  obwohl  er  dadurch 
in  keiner  Weise  eine  Rechtfertigung  erlangt.  Denn  so  sehr  auch 
diese  Arznei  in  äusserst  vielen,  vielleicht  selbst  in  den  meisten 
Krankheiten,  die  aus  Säfteverlust  der  verschiedensten  Art 
entstanden  sind,  den  obersten  Rang  einnimmt  und,  wenn 
auch  nur  als  Zwischenmittel,  kaum  je  entbehrt  werden  kann: 
so  würde  man  doch  eine  vollständige  Unbekanntschaft  mit  dem 
Grundprincip  unserer  bewährten  Heilmethode  bekunden,  wenn 
man  annehmen  wollte,  dass  sie  überall  für  alle  solche  Fälle 
einzig  und  allein  passe  und  ausreiche.  In  der  That  besitzen 
wir  eine  grosse  Anzahl  von  Mitteln,  welche  zu  dieser  Kategorie 
gehören,  unter  welcher  Calc.  carb. ,  Carb.  veg. ,  Ph.  ac. ,  Puls., 
Sep.  und  Staph.  fast  eben  so  oft  zur  Wahl  kommen,  als  die 
China,  und  ausser  diesen  steht  uns  noch  eine  lange  Reihe  von 
andern  Arzneien  zu  Gebote,  welche  unter  besonderen  Umstän- 
den selbst  noch  vor  den  eben  Genannten  den  Vorzug  verdienen, 
je  nachdem  die  individuellen  Symptome  dafür  eine  maassgebende 
Anzeige  darbieten.  Es  ist  demnach  durchaus  nicht  homöopa- 
thisch zu  nennen ;  wenn  man  bloss  nach  der  generellen 
Anamnese  des  Säfteverlustes  (durch  Blutungen,  Durchfälle, 
zu  vieles  Stillen  der  Mutter,  zu  häufige  Pollutionen,  Onanie, 
heftige  Schweisse  u.  dergl.  mehr)  überall  bloss  die  China  in 
Anwendung  bringen  will,  unbekümmert  um  die  specielle  Art  und 
Weise  der  Beschwerden,  die  darauf  gefolgt  sind.  Ein  solches 
Verfahren  steht  ganz  und  gar  in  gleicher  Linie  mit  dem  blinden 


V.  Buch.    Apliorism  5.  277 

Gebrauche  dieser  Arznei  in  allen  Krankheiten,  welche  den 
periodischen  Typus  irgend  eines  Wechselfiebers  an  sich 
tragen,  und  wir  haben  uns  um  so  mehr  veranlasst  gefunden, 
diese  Rüge  hier  offen  und  unverhohlen  auszusprechen,  um  auch 
nur  den  Schein  zu  vermeiden,  als  wollten  wir  die  Mängel,  nicht 
so  sehr  der  Homöopathie,  als  der  Praxis  einiger  Homöopathen 
gutheissen  oder  auch  nur  verschweigen. 


Wenn  ein  Betrunkener  plötzlich  die  Sprache  verliert, 
so  stirbt  er  unter  Konvulsionen,  es  sei  denn,  dass  ihn 
ein  Fieber  ergreift,  oder  dass  er  zu  der  Zeit,  wo  der 
Eausch  sein  Ende  erreicht,  den  Gebrauch  der  Sprache 
wieder  erlangt. 


Wir  sind  nicht  der  Meinung  derjenigen  Kommentatoren, 
welche  diesen  Aphorism  nicht  für  echt,  sondern  für  unterge- 
schoben halten.  Es  stimmt  damit  nämlich  eine  Stelle  überein  in  dem 
Buche:  Ttsyl  vovßcov,  (XXII,  2),  sowie  im  Celsus  (II,  6),  und 
Galenus  in  seinem  Kommentar  macht  keine  darauf  bezügliche 
Anmerkung,  woraus  man  auf  etwas  Derartiges  schliessen  könnte. 
Aber  ausserdem  wird  uns  hier  ein,  zwar  nur  in  wenigen  Zügen 
angedeutetes,  aber  doch  völlig  erkennbares  Bild  eines  in  hohem 
Maasse  betrunkenen  Menschen  vorgeführt,  wie  wir  es  in 
den  dahin  gehörenden  Zeichen  des  Mohnsaftes  in  grösserer 
Vollständigkeit  ausgemalt  wiederfinden.  Denn  dort  fehlt  das 
dunkelrothe,  oft  schweisstriefende  Gesicht,  die  stieren 
Augen,  die  Zuckungen  um  den  Mund,  das  laute  schnar- 
chende Athemholen  u.  dergl.  mehrere  Symptome,  welche  bei 
solchen  Subjekten  in  diesem  Zustande  der  höchsten  Trunkenheit 
vorkommen,  und  sehr  häufig  mit  einem  ap  oplektischen  Tode 
endigen.  Nur  durch  schnell  (alle  %  oder  %  Stunde)  wieder- 
holte kleine  Gaben  Opium,  worin  sich  alle  diese  Symptome 
auf's  Deutlichste  abspiegeln,   kann  die  hier  drohende  Lebensge- 


278  v-   B"ch.     Aphorism  5. 

fahr  bald  beseitigt  werden.  Das  Fieber  endlich,  welches  dann 
meistens  hinterher  noch  einzutreten  pflegt,  und  in  dem  Apho- 
rism als  spontanes  Rettungsmittel  angeführt  wird,  ist  in  der 
Regel  von  der  Art,  dass  Acon.  oder  Beil.,  oder  wohl  Stram. 
Dasselbe  am  Ersten  beseitigen,  und  den  früheren  Normal-Zustand 
wieder  herstellen.27)  —  Uebrigens  scheint  der  Mohnsaft  zu  den 
Zeiten  des  Hippokrates  mindestens  noch  nicht  so  verwendet 
worden  zu  sein,  wie  jetzt,  nämlich  bei  der  Allopathie  als 
schlafbringendes  und  schmerzstillendes,  und  ganz  im 
Gegentheile  bei  der  Homöopathie  als  Schlafsucht  besei- 
tigendes und  Reaktion  aller  Art  erregendes  Mittel,  — 
in  der  That  Einer  der  merkwürdigsten  Widersprüche,  welche 


27)  Man  scheint  heute  vergessen  zu  haben,  was  unsere  Vorfahren  über 
die  Wirksamkeit  des  Kopfkohls  gegen  die  Trunkenheit  aus  der  Erfah- 
rung gelernt  hatten.  Der  alte  belgische  Arzt  L.  Lemnius  sagt  darüber  (de 
occult.  nat.  miraculis.  II,  17),  nachdem  er  Mehreres  dagegen  angeführt 
hat:- — His  omnibus  praefertur  Brassica,  Catoni  ad  fastidium  usque  nobili- 
tata,  quam  vulgus  Caulis  nomine  designat,  quod  nulla  stirpium  cole  sit 
amplior.  Hujus  cum  plures  sint  differentiae,  illa  ad  discutiendam  crapulam 
accomodatior,  quae  plus  coeteris  rubescit,  etc. 

Plinius  bestätigt  (XX,  34)  den  Ausspruch  des  Cato  vom  Kohl:  „Vino 
adversari,  ut  inimicam  vitibus.  Antecedente  in  cibis  caveri  ebrietatem, 
postea  sumta  crapulam   discuti." 

Die  Feindschaft  zwischen  dem  Kohl  und  dem  Weinstocke  war  den 
Alten  sehr  bekannt,  und  die  Fabel  erzählt,  dass  Jener  aus  den  Thränem 
des  Lycurgus,  Königs  der  Thracier,  entsprossen  sei,  nachdem  er  in  blindem 
Eifer,  statt  des  Weinstocks,  sich  selbst  die  Beine  abgehauen  habe.  Daher 
singt  Vanieri  (praed.  rust.  IX,): 

ut  Brassica  nata  Lycurgi 
De  lacrymis,  Vites  etiam  nunc  oderit  almas: 
Vitis  ut  ipsa  retro  tendentibus  usque  fiagellis 
Diffugiat,  ferrum  velut  in  frondosa  Lycurgus 
Brachia  rursus  agat,  veteresque  resuscitet  iras. 

Es  wäre  leicht  zu  versuchen,  was  Plinius  (XX,  36)  über  den  Kessel- 
stein sagt:  ,,Crustae  si  occupent  intus  vasa  omnia,  in  quibus  aquae  fer- 
vent  in  tantum,  ut  non  sit  eas  avellere,  si  brassica  in  iis  decoquatur, 
abscedunt." 

Boerhave  versichert,  dass  eine  lungensüchtige  Person,  deren  Lungen 
schon  ganz  vereitert  waren,  durch  den  Gebrauch  des  einfachen  Kohldekokts 
mit  etwas   Salz  und  Orangonsaft  völlig  geheilt  worden  sei. 


V.  Buch.     Aphorism  6,  7.  279 

wir  in  den  beiden  Schulen  finden  und  wovon  Jede  ihre  Ansich- 
ten mit  Thatsachcn  belegt  und  daher  im  Rechte  zu  sein  glaubt. 
Aber  dergleichen  Widersprüche  giebt  es  selbst  in  der  Wissen- 
schaft nicht  Wenige.28) 


6.  Die  vom  Starrkrämpfe  Ergriffenen  sterben  innerhalb 
vier  Tagen.  Haben  sie  aber  diese  Frist  überlebt,  so 
werden  sie  wieder  hergestellt. 


Es  wird  kaum  nöthig  sein,  hierbei  zu  bemerken,  dass  die 
Ausnahmen  von  der  in  diesem  Aphorism  aufgestellten  Regel 
wohl  noch  häufiger  sind,  als  Diese  selbst.  Auch  in  der  hippo- 
kratischen  Schrift  von  den  Krankheiten  (tcsqL  vovgcov)  wird  bei 
diesen  Zufällen  der  dritte,  fünfte,  siebente,  oder  vierzehnte  als 
der  Sterbetag  angegeben,  mithin  im  Widerspruche  mit  diesem 
Aphorism,  so  wie  mit  der  betreffenden  Stelle  aus  den  Entschei- 
dungen (tcsqi  HQtöioav),  woraus  Jener  entnommen  zu  sein  scheint. 
Uebrigens  ist  hier  offenbar  nur  von  dem  natürlichen  Verlaufe 
der  Krankheit,  ohne  Medikation,  die  Rede,  während  sowohl  die 
Allopathie,  als  die  Homöopathie  sich  rühmt,  wirksame 
Mittel  zu  besitzen,  um  solche  zu  heilen  und  die  Lebensgefahr 
abzuwenden. 


Eine  vor  der  Mannbarkeit  eintretende  Fallsucht  giebt 
nocb  Aussiebt  auf  Genesung.    Stellt  sie  sich  aber  nach 


28)  Balnea,  vina,  Venus  corrumpunt  corpora  sana; 

Corpora  sana  dabunt  balnea,  vina,  Venus. 

Baccius  de  ven.  et  antid.  c.  26. 
Die  Alten  nannten  die  Personen,  welche  wir  als  mit  „Katzenjammer  be- 
haftet" bezeichnen,  mit  dem  Worte  Heluci.  „Quem  effectum"  —  sagt  Lem- 
nius,  —  „Festus  Pompejus  Helucum  vocat.  Quae  vox  languidum  sonat, 
semisomnum  atque  hesterno  vino  oscitantem.  Tertullianus  hanc  vocem  pro 
affectione  usurpat,  qua  proelives  in  somnum  reddimur  ex  pridiana  crapula." 


280  v-  BuCfl-    Aphorism  7. 

dem  fünfundzwanzigsten  Lebensjahre  ein,  so  währt  sie 
bis  zum  Tode. 


Dieser  Lehrsatz  stimmt  in  sofern  mit  der  Erfahrung  über- 
ein, als  die  Fallsnchten  in  der  Jugend  meistens  viel  leichter 
und  sicherer  zu  heilen  sind,  als  in  den  späteren  Lebensjahren.29) 
Dass  indessen  die  nach  dem  fünfundzwanzigsten  Lebensjahre 
Entstandenen  für  völlig  unheilbar  angesehen  werden  sollen, 
ist  zuverlässig  unrichtig,  und  wir  selbst  können  aus  unserer 
eigenen  Praxis  eine  sehr  beträchtliche  Zahl  von  dauerhaf- 
ten Heilungen  der  letzten  Kategorie  nachweisen,  weil  dieses 
Leiden  bei  uns  sehr  häufig  vorkommt  und  wir  deshalb  sehr 
zahlreiche  Fälle  dieser  Art  zu  behandeln  hatten.  Nur  so  viel 
müssen  wir  zugeben,  dass  es  allerdings  einige  langjährige 
Epileptische  giebt,  besonders  unter  Denen,  die  dagegen 
Vieles  gebraucht  haben,  wo  alle  Sorgfalt  und  Mühe  vergeblich 
war,  und  dass  Diese  auch  verhältnissmässig  mehr  im  reiferen, 
als  im  jugendlichen  Alter  vorkommen,  und  wenn  sie  sich  viele 
Jahre  damit  herumgeschleppt  haben.30)  Am  leichtesten  und 
sichersten  ist  jedenfalls  die  Heilung  gleich  nach  den  ersten 
Anfällen,  wenn  man  dabei  die  veranlassenden  Ursachen  kennt, 
die  sehr  oft  in  Gemüthsbewegungen  zu  finden  sind,  aber 
auch  in  andern  Nervenreizungen  oder  orgauischen  Stö- 
rungen ihren  Ursprung  haben  können.  Deshalb  giebt  es  auch 
der  Mittel  gegen   dieses   schlimme  Uebel   so  unendlich  Viele, 


29)  Nach  der  Meinung  der  arabischen  Aerzte  sollen  diejenigen  Kinder, 
welche  zur  Zeit  d«s  Neu-Mondes  geboren  sind,  am  Häufigsten  den  epilep- 
tischen Krankheiten  unterworfen  sein. 

Guido  Patinus  I,  54. 

30)  Mehrere  Homöopathen  werden  mit  uns  die  Beobachtung  gemacht 
haben,  dass  die  Heilung  derjenigen  Fallsuchten  am  Schwierigsten  ist  und 
oft  nicht  gelingt,  wobei  die  Kranken  nach  den  Anfällen  jedesmal  in  einen 
tiefen  Schlaf  fallen,  und  daraus  mit  einem  anhaltenden  Hinterkopfschmerz 
erwachen.  Es  scheinen  in  diesen  Fällen  meistens  immer  Verbildungen  im 
Gehirne  vorhanden  zu  sein. 


V.  Buch.     Aphorism  7.  281 

so  wohl  in  der  sogenannten  rationellen  Heilkunst,  als  in  der 
(irrationellen)  Empirie  und  in  der  Haus-  und  Geheim -Mit- 
tel-Praxis, welche  wahrscheinlich  Alle  schon  einmal  hier  oder 
da  Hülfe  gebracht  haben,  aber  noch  des  erforderlichen  Weg- 
weisers entbehren,  um  zu  beurlheilen,  wo  und  wann  Jedes  an- 
zuwenden ist.  Eben  in  dieser  bekannten  Insuffizienz  der 
Allopathie  liegt  auch  der  Grund,  weshalb  man  bei  solchen 
Fällen  sich  nur  selten  an  die  Aerzte  der  alten  Schule  wen- 
det, sondern  meistens  Hausmittel  und  Arcana  aufsucht,  und 
solche  der  Reihe  nach  probirt,  natürlich  meistens  ohne,  oft  mit 
sehr  schlimmem  Erfolge. 

Ist  es  wohl  noch  nöthig,  hier  zu  wiederholen,  was  schon 
so  oft  gesagt  ist,  dass  nämlich  die  Homöopathie  Fallsucht en 
eben  so  behandelt,  wie  jede  andere  Krankheit?  —  Es  giebt 
und  kann  kein  Spezifi cum  geben  für  alle  die  verschiedenen 
Krankheiten,  welche  unter  dem  generellen  Namen  Fallsucht 
begriffen  werden.  In  diesem,  wie  in  allen  andern  krankhaften 
Zuständen,  ohne  Ausnahme,  muss  zuvörderst  das  Bild  Derselben 
völlig  klar  und  besonders  in  seinen  charakteristischen  Zeichen 
vollständig  ausgeführt  vor  Augen  liegen.  Von  der  grössten  Wich- 
tigkeit ist  dabei  die  veranlassende  Ursache,  dann  aber  auch 
die  mehr  oder  weniger  regelmässige  Wiederkehr,  so  wie 
die  besondern  Nebenbeschwerden,  welche  sich  vor,  bei  und 
nach  den  Anfällen  einstellen.  Was  hier  dann  noch  mangelt,  um 
mit  Bestimmtheit  die  Indikation  auf  eine,  homöopathische, 
speziell  passende  Arznei31)  zu  beschränken  und  zu  sichern, 


31)  Hahnemann  würde  bei  der  Neubildung  des  Wortes:  Homöopathie 
die  so  häufige  Verwechselung  von  6/J,og  mit  bfiotoq  haben  vermeiden 
können,  wenn  er  statt  des  Letzteren  das  Wort:  ioinwg  (von  slnco ,  also 
etwa  Eikopathie)  gewählt  hätte.  Es  wäre  dann  auch  mit  dem  Begriffe 
des  Aehnlichen  zugleich  Der  des  Passenden  und  Angemessenen 
zum  Ausdrucke  gekommen.  Indessen  sind  wir  um  so  weiter  davon  entfernt, 
hiermit  einen  Vorschlag  zur  Abänderung    der    einmal    allgemein  bekannten 


282  v-  Buch.     Aphorism  8. 

Das  lässt  sich  meistens  aus  dem  Verhalten  des  Leiden 
den  in  der  freien  Zeit  zwischen  den  Anfällen  durch  sorg- 
fältige Nachforschung  beim  Kranken  selbst,  oder  bei  dessen 
Angehörigen  ergänzen.  Nur  der  oft  vorkommende  Umstand,  das 
es  an  hinreichenden  charakteristischen  Symptomen  fehlt,  um 
eine  sichere  homöopathische  Mittelwahl  zu  treffen,  weil  das 
Hauptleiden  alle  Nebenbeschwerden  verdunkelt,  macht 
in  der  Regel  die  meisten  Schwierigkeiten.  Wenn  Diese  aber 
einmal  vollständig  überwunden  sind,  so  ist  für  den  Homöopathen 
die  gründliche  und  dauerhafte  Heilung  der  Fallsucht  eben  so 
leicht  und  eben  so  sicher,  selbst  im  vorgerückten  Alter,  wie  die 
jeder  andern  chronischen  Krankheit,  und  wir  haben  alle  Ursache, 
mit  unseren  Erfolgen  vollkommen  zufrieden  zu  sein,  die  dann 
auch  Veranlassung  gewesen  sind,  uns  eine  grosse  Anzahl  von 
Leidenden  dieser  Art  zuzuführen. 


Wenn  bei  einem  am  Seitenstich  Leidenden  nicht  inner- 
halb vierzehn  Tagen  eine  Reinigung  durch  Auswurf 
stattfindet,  so  tritt  Eiterung  ein. 


Heutiges  Tages  wird  wohl  nicht  leicht  ein  Arzt  so  lange 
den  müssigen  Zuschauer  abgeben,  als  nöthig  ist,  um  die  Rich- 
tigkeit dieses  Lehrspruchs  zu  erproben.  Die  Allopathie  hat 
ihre  sogenannte  antiphlogistische  Methode  mit  reichlichen 
Aderlässen,32)    welche,    dabei    die   Hauptrolle     spielen     müs- 


Benennung  unserer  Lehre  zu  machen,  als  es  ohnedem  der  gelehrten  Namen 
in  der  Medizin  nur  allzu  Viele  giebt,  und  eine  unnöthige  Vermehrung  der- 
selben, namentlich  gar  mit  barbarischen  Wörtern,  wie:  Spezifisch  und 
Spezifizismus,  in  keiner  Weise  zu  rechtfertigen  ist.  Nur  zur  Bezeich- 
nung Desjenigen,  was  wir  bisher  bildlich  unter  (dynamischer)  Verwandt- 
schaft und  Angemessenheit  der  Arznei  verstehen,  dürfte  vielleicht  der 
obige  Ausdruck  (Eikopathiseh)  eine  richtigere  Anwendung  finden  können. 
32)  Ueber  das  Aderlassen    war    schon  Zwiespalt    unter    den   medizini- 


V.  Buch.     Aphorism  9.  283 

sen.33)  Wir  besitzen  dagegen  unsere  rein  dynamische  n,  hoch  v  e  r- 
dünnten,  und  deshalb  eben  so  schnell,  als  unfehlbar  wir- 
kenden Heilmittel  (Acon.,  Bry.,  Dulc,  Kali,  Phosph.  und  Scill.) 
und  säumen  keinen  Augenblick,  um  davon  sogleich  Gebrauch  zu 
machen,  sobald  wir  Zeichen  genug  haben,  um  die  Wahl  zu  treffen. 


9.     Die  Lungenschwindsucht  befällt  am  meisten  Personen 
im  Alter  von  achtzehn  bis  zu  ftinfunddreissig  Jahren. 


Es  giebt  aber  auch  nicht  eben  seltene  Fälle,  wo  sie  früher 
oder  später  eintritt,  und  aus  diesem  Grunde  ist  sowohl  in  den 
koi'schen  Vorhersehungen  (III,)  als  im  Celsus  (III,  22)  das 
obengenannte  Alter  als  das  Gefährlichste,  nicht  aber  als 
das  Ausschliessliche    für   diese  Krankheit  hervorgehoben.34) 


sehen  Wortführern  des  Alterthurns,  eben  so,  wie  zu  unserer  Zeit.  Galenus 
nämlich  duldete  bei  Kindern  bis  zum  Eintritte  der  Pubertät  kein  Blut- 
lassen, wogegen  Celsus  Solches  auch  bei  vollsaftigen  Kindern  für  zuträg- 
lieh erklärte.     (Vergl.  Botalli  de  cur.  per  sang.  miss.   c.  2.) 

33)  En  1853,  M.  de  Poulins  ä  publie  dans  la  Revue  medicale 
(t.  II,  p.  473)  un  tableau  de  la  mortalite  relativement  aus  maladies,  en 
1811  et  en  1851.  II  resulte  des  chiffres  auxquels  il  est  arrive,  que  de 
1811  ä  1851,  les  deces  par  variole  ont  diminue  de  moitie;  les  deces  par 
phthisie,  hemorrhagies,  apoplexies  sont  restes  dans  les  memes  proportions; 
les  morts-nes,  morts  subites,  ont  augmente  de  quatre  neuviemes;  les  deces 
par  actions  inflammatoires  de  tont  genre  se  sont  aecrus  de  cinquante- 
quatre  pour  cents  au  moins.  De  ces  donnees,  M.  de  Foulins  conclut 
ä  la  decadence  de  la  medecine  depuis  quarante  ans. 

Magnan,  l'homoeop.  p.  137. 
Wenn  der  Puls,  statt  voll,  hoch  und  gespannt  zu  sein,  niedrig,  schwach 
und  matt  ist,    dann    ist  es   selbst   in  Entzündungskrankheiten  zuträglicher, 
die  Lebenskraft  zu  erwecken,  als  durch  Aderlass  zu  schwächen. 

Smith ,  physiol.  essays.   126. 

34)  Wenn  der  Astronom  J.  W.  Schmitz  in  Berlin  darin  Recht  hat,  — 
was  wir  uns  einstweilen  zu  bezweifeln  erlauben,  —  dass  zu  den  Zeiten  des 
Ptolomäus  (200  Jahre  nach  Chi-.  Geb.)  der  Tag,  nach  Maassgabe  der 
wirklichen  Dauer,  5  Stunden  und  40  Minuten,  und  das  Jahr,  ebenfalls 
der  Dauer  (nicht  den  Tagen)  nach  86  Tage  und  4  Stunden  kürzer  wa- 
ren, als  jetzt,  und  wenn  im  gleichen  Verhältnisse   bis  zu  Hippokrates  hin- 


284  Vi  Bucn-    Aphorism  9. 

Uebrigens  ist  nicht  zu  verkennen,  dass  dieser  Aphorism  mit  dem 
Vorhergehenden  in  nahem  Zusammenhange  steht,  und  dass  mit- 
hin auch  das  Seitenstichfieber  eben  in  dieser  Altersperiode 
am  Meisten  mit  einem  solchen  bösen  Ausgange  droht,  und  des- 
halb für  die  baldigste  Beseitigung  der  Entzündung  Sorge  getra- 
gen werden  muss.  Wenn  nun  aber,  wie  oft  der  Fall,  die  all- 
gemeine epidemische  Konstitution  den  nervösen  Charak- 
ter der  Krankheiten  begünstigt  und  Dieser  durch  abschwächende 
S  afteverluste  ganz  besonders  befördert  wird:  so  dürfte  die 
Frage  leicht  zu  entscheiden  sein,  welche  von  den  beiden,  in 
der  vorhergehenden  Glosse  erwähnten  Heilmethoden  den 
Vorzug  verdient.35) 


auf  (400  Jahre  vor  Chr.  Geb.)  diese  Abkürzung  der  Zeit  berechnet  wird: 
so  beträgt  der  Unterschied  gegen  jetzt  nahezu  ein  Drittel.  Ein  Mädchen 
von  21  Jahren  würde  also  damals  in  der  Wirklichkeit  nicht  länger  gelebt 
haben,  als  jetzt  Eins  von  14  Jahren,  und  ein  ÜOjähriger  Greis  würde  mit 
dem  heutigen  60jährigen  Manne  im  gleichen  Alter  stehen. 

Wenn  in  früheren  Zeiten  die  Jahre  in  der  That  kürzer  gewesen  wären, 
als  jetzt,  und  die  Lebensdauer  sich  nicht  verkürzt  hätte:  so  würde  das 
mit  den  Angaben  übereinstimmen,  welche  uns  Plinius  (VII,  50)  aus  der 
Vespasianischen  Statistik  aufbewahrt  hat. 

35)  Wenn  in  der  neueren  Zeit  die  Physiologie  aufs  Bündigste  nach- 
gewiesen hat,  dass  bei  Entzündungen  der  Faserstoff  im  Blute  sich  ver- 
mehrt, dieser  aber  durch  Aderlass  keine  Abnahme  erleidet,  während  dadurch 
nur  die  Blutkügelchen  sich  vermindern,  dass  ferner  das  Blut  der  Haupt- 
träger der  Lebenskraft  ist  und  daher  jedwede  Entziehung  desselben  Diese 
und  mithin  ihre  Eeaktions-Fähigkeit  beeinträchtigt,  und  dass  endlich  that- 
sächlich  durch  vergleichende  Versuche  (z.  B.  im  Wiener  und  in  einigen 
französischen  Krankenhäusern)  eine  ansehnlich  grössere  Mortalität  bei  sol- 
cher Behandlung  der  Entzündungs-Krankheiten  durch  unwiderlegliche  Zah- 
len bewiesen  ist:  so  dürfte  sich  der  Aderlass,  wie  er  heutiges  Tages  noch 
immer  angewendet  wird,  schwerlich  mehr  vor  der  Wissenschaft  rechtferti- 
gen lassen.  Es  ist  deshalb  nicht  das  geringste  Verdienst  der  Homöopathie. 
um  die  leidende  Menschheit,  dass  sie  die  Entbehrlichkeit  alles  Blutver- 
giessens  zur  vollendeten  Thatsache  gemacht  hat. 

Die  nachstehenden  Turiner  Telegramme,  wie  sie  über  das  Ende  des 
Grafen  Cavour  in  Paris  veröffentlicht  wurden,  bedürfen  wohl  keines  Kom- 
mentars. 


V.  Buch.    Aphorism  10.  285 

10.  Diejenigen,  bei  Denen  eine  Entzündung*  des  Halses 
sich  plötzlich,  von  da  auf  die  Lungen  versetzt,  sterben 
innerhalb  sieben  Tagen.  Ueberleben  sie  aber  diesen 
Zeitraum,  so  erfolgt  Lungeneiterung. 


Solche  Metastasen  können  fast  nur  allein  da  vorkommen, 
wo  gar  nichts,  oder  wo  etwas  Verkehrtes  geschieht.  Es 
giebt  nämlich  Fälle,  wo  eine  Brustentzündung  sich  im  An- 
fange wie  ein  Katarrh  mit  Halsweh  ankündigt,  wobei  dann 
aber  jedesmal  schon  gleich  die  Brust  mehr  oder  weniger  an- 
gegriffen und  leidend  ist.  Wenn  dabei  gar  nichts  geschieht  und 
die  Sache,  wie  man  es  nennt,  der  Natur  überlassen  wird,  so  ist 
es  zuweilen  der  Fall,  dass  der  Hals  frei,  dagegen  die  Brust 
um  so  mehr  affizirt  wird,  besonders  bei  solchen  Personen,  die 
früher  an  ähnlichen  Brustbeschwerden  gelitten  haben,  oder  be 
denen  Diese  überhaupt  der  schwächste  Theil  ist.  Noch  gefähr- 
licher ist  es  aber,  wenn  unter  solchen  Umständen,  unbekümmert 
um  die  sonstigen  noch  vorhandenen  Symptome,  bloss  auf  den 
Hals  eingewirkt  wird,  wobei  dann  die  Versetzung  auf  die  Brust 


1.  Juni.  Der  Graf  Cavour  ist  erkrankt.  Gestern  ist  ihm  dreimal 
zur  Ader  gelassen.     Heute  geht  es  hesser. 

2.  Juni.  Heute  erlitt  Graf  Cavour  einen  Rückfall  und  hat  man  ihm 
wieder  zweimal  zur  Ader  gelassen.  Man  hegt  seinethalhen  keine  grosse 
Besorgniss. 

3.  Juni.  Der  Graf  Cavour  hatte  eine  sehr  unruhige  Nacht.  —  Ein 
sechster  Aderlass.  —  Heute  Abend  geht  es  besser.  Die  berathenden 
Aerzte  haben  erklärt,  dass  die  Krankheit  den  Chax-akter  eines  Nervenfiebers 
(fievre  typhoide)  habe,  aber  in  äusserst  gelindem  Grade  und  ohne  die  min- 
desten beunruhigenden  Symptome. 

4.  Juni.  Heute  Morgen  hatte  der  Kranke  einen  Fieberanfall,  nach 
vorgängigem  Froste.  Um  Mittag,  Nachlass ;  alle  Symptome  bestätigen,  dass 
der  Geist  ungetrübt  ist. 

5.  Juni.  Um  6  Uhr  Abends  hält  das  Fieber  noch  an.  —  Keine  be- 
merkenswerthe  Veränderung.  —  Um  81/2  Uhr  hoffen  die  Aerzte  auf  eine 
ruhigere  Nacht.  —  Die  Aerzte  werden  Berathung  halten. 

6.  Juni.     Um  7  Uhr  früh  ist  der  Graf  Cavour  gestorben. 
Kuriren     und    Heilen    sind    Wörter    von    sehr     verschiedener    Be- 
deutung. Goldschmid. 


286  v«  Buch-    Aphorism   11. 

nur  um  so  leichter  erfolgt.  Bei  der  homöopathischen  Be- 
handlung, wobei  alle  Nebenbeschwerden  sorgfältig  be- 
rücksichtigt werden,  ist  ein  solcher  unerwünschter  Erfolg  nie- 
mals zu  befürchten,  wenn  der  Artzt  anders  seine  Schuldigkeit 
thut,  und  ihm  nicht  geflissentlich  Ein  oder  Anderes  verheim- 
licht wird.  Mithin  kann  dann  auch  von  einer  nachfolgenden 
Vereiterung  der  Lunge  ,  die  unter  allen  Umständen  so  äusserst 
gefährlich  ist,  keine  Rede  sein. 


11.  Es  ist  ein  Zeichen  von  Tödtlichkeit,  wenn  der  Aus- 
wurf der  Schwindsüchtigen,  auf  glühende  Kohlen  ge- 
schüttet, heftig  stinkt,  und  ihnen  die  Kopfhaare  aus- 
fallen. 


Man  muss  den  üblen  Geruch  des  Auswurfs,  der  diesem 
Aphorism  zufolge  beim  Verbrennen  desselben  entsteht,  wohl 
unterscheiden  von  dem  sonst  dabei  Vorkommenden.  Dieser 
Letzte  zeigt  bei  Weitem  nicht  immer,  wie  wir  selbst  bei  mehreren 
Patienten  erfahren,  einen  absolut  tödtlichen  Ausgang  einer 
schwindsuchtartigen  Krankheit  an.  Wir  sehen  noch  täglich  einen 
hiesigen  Hauderer  bei  jedem  Wetter,  Tag  und  Nacht,  seinem 
Geschäfte  obliegen,  den  wir  vor  über  dreissig  Jahren  an  einer 
solchen  Krankheit  behandelt  haben,  und  dessen  Auswurf  in  dem 
Maasse  übelriechend  war,  dass  beständig  Fenster  und  Thüren 
offen  gehalten  werden  mussten,  um  den  Aufenthalt  in  seiner 
Stube  nur  irgend  erträglich  zu  machen.  In  wie  fern  aber  der 
Auswurf,  welcher  beim  Verbrennen  auf  Kohlen  einen  heftigen 
Gestank  verbreitet,  ein  so  entschieden  böses  Zeichen  abgeben 
soll,  bleibt  uns  auch  noch  mehr  als  zweifelhaft.  Wir  haben 
solche  Versuche  einige  Male  angestellt,  aber  auch  hier  das  Re- 
sultat nicht  immer  richtig  befunden.  Vielmehr  haben  wir  dabei 
erfahren,  dass  selbst  der  ungefährliche,  dickschleimige,  an 
sich   geruch-   und    geschmacklose    Auswurf  beim  Verbrennen 


V.  Buch.    Aphoriam  12.  287 

oft,  ja  meistens  einen  überaus  heftigen  stinkenden  Geruch 
erzeugte,  und  dessenungeachtet  die  Patienten  ohne  grosse  Schwie- 
rigkeit wieder  hergestellt  wurden.  Ueberhaupt  liefert  uns  aller- 
dings der  Geruch  und  der  Geschmack  des  Hustenaus- 
wurfs mitunter  die  wichtigsten  und  unentbehrlichsten  Symp- 
tome für  die  richtige  Mittelwahl.  Allein  zur  Aufstellung  einer 
zuverlässigen  Prognose  scheinen  Beide  für  sich  allein  wenig 
brauchbar,  wenigstens  anderen  Zeichen  entschieden  untergeordnet. 
Auch  das  Ausfallen  der  Kopfhaare,  welches  oft  auch 
bei  andern  Krankheiten  eintritt,  und  daher  auf  zahlreiche  Mittel 
hindeutet,  ist  uns  bei  dieser  Krankheit,  so  viel  wir  uns  erinnern, 
niemals  eine  Vorbedeutung  von  besonderer  Bösartigkeit  gewesen, 
die  sich  in  der  Folge  als  Solche  bestätigte. 


12.    Wenn  sich  bei  einem  Schwindsüchtigen,  dem  die  Haan 
ausfallen,  Durchfall  einstellt,  so  ist  der  Tod  nahe. 


Eintretender  Durchfall  im  letzten  Stadium  der  Schwind- 
sucht beschleunigt  nicht  nur  den  Tod  durch  die  dadurch  her- 
beigeführte beträchtliche  Erschöpfung,  sondern  ist  auch  an 
und  für  sich  schon  ein  gewöhnlicher  charakteristischer  Zug 
in  dem  Bilde  der  Höhe  dieser  Krankheit,  die  überhaupt  einige 
ganz  eigenthümliche  Erscheinungen  darbietet.  Wir  er- 
innern in  dieser  Beziehung  nur  an  das,  in  den  letzten  Tagen 
sich  einstellende  allgemeine  Gefühl  von  Wohlbefinden,  an 
die  unerschütterliche  Hoffnung  auf  baldige  Genesung,  an 
die,  zum  Ersatz  für  die  lange  Einsperrung  projektirten  Rei- 
sen, an  die  Vervollständigung  der  Garderobe,  u.  dergl.  mehr, 
welches  Alles  den  nahe  bevorstehenden  Sehluss  der  Traue r- 
scene  mit  grosser  Sicherheit  ankündigt.  Solche  Kranke  haben 
selten  eine  Ahnung  von  der  Grösse  und  Nähe  der  Gefahr, 
und  selbst   die   kolliquativen  Seh  weisse   und  Durchfälle,  so 


288  v-  Buch-     Aphorism  13. 

wie  das  Anschwellen,  erst  derFüsse  und  dann  der  Hände, 
meistens  Einer  nach  der  Andern,  werden  als  vorübergehende 
Beschwerden  von  geringer  Erheblichkeit  angesehen,  die  sich 
nächstens  von  selbst  verlieren  werden.  In  dieser  Hinsicht  be- 
währt die  Schwindsucht  vor  allen  andern  hoffnungslosen 
Krankheiten  für  den  Kranken  selbst  die  unbestreitbarsten  Vor- 
züge, indem  sie  in  der  Regel  weder  von  erheblichen  Schmer- 
zen begleitet  ist,  noch  auch  bis  zum  letzten  Athemzuge  die 
sichere  Hoffnung  auf  Genesung  schwinden  lässt.  Solche  Kranke 
kann  man  aber  wohl  als  unbedingt  unheilbar  ansehen.36) 


13.    Wenn  schäumiges  Blut   ausgeworfen  wird,    so   kommt 
Dieses  aus  der  Lunge. 

Wenn  überhaupt  jeder  Blutauswurf  ein  bedenkliches 
Symptom  abgiebt,  so  ist  das  besonders  mit  dem  schäumigen 
Blute  der  Fall,  und  am  Meisten  dann,  wenn  das  Ausgeworfene 
dabei  sehr  flüssig  und  hellroth  ist,  weil  dieses  aus  den  fein- 
sten Verästelungen  der  Luftwege  in  den  Lungen  hervorkommt. 
Dieser  Verschiedenheit  in  der  Farbe  und  in  der  Konsistenz  des 
Blutes  hat  daher  die  Homöopathie,  wie  billig  und  nolhwendig, 
eine  grosse  Aufmerksamkeit  zugewendet,  und  darüber  eine  be- 
deutende Menge  von  Notizen  mit  grosser  Sorgfalt  gesammelt,  die 
bei  der  Mittelwahl  jederzeit  wohl  zu  beachten  sind.  Es  ist  da- 
bei merkwürdig,  dass  die  eben  angeführte  Verschiedenheit 
des  Blutes,  wie  sie  bei  Blutungen  von  einzelnen  Mitteln 
erregt  und  geheilt  werden  kann,  sich  bei  jedem  derselben  bei 
allen  Blutungen  (auch  der  Nase,  des  Afters,  der  Ge- 
schlechtstheile  u.  s.  w.)   in  derselben  Weise  zu  wieder- 

36)  Non  est  in  inedico  semper  relevetur  ut  aeger, 

InterduiD  docta  plus  valet  arte  malum. 

üvidius. 


V.  Buch.     Aphorism  14,   15.  289 

holen  pflegt,  mithin  um  so  mehr  zur  Charakteristik  derselben  zu 
rechnen  ist. 


14.     Es  führt  bald    zürn  Tode,    wenn   bei   einem  Schwind- 
süchtigen Durchfall  sich  einstellt. 


Siehe  den  vorstehenden  Aphorism  12,   der  schon  Dasselbe 
besagt. 


15.  Wenn  in  Folge  des  Seitenstichs  ein  Lungen geschwür 
entstanden  ist,  so  erfolgt  Genesung,  wofern  innerhalb 
vierzig  Tagen,  vom  Aufbrechen  des  Geschwürs  an  ge- 
rechnet, eine  Reinigung  durch  Auswurf  stattfindet;  wo 
aber  nicht,  da  bildet  sich  eine  Schwindsucht  aus. 


So  ganz  genau  wird  es  mit  diesem  Lehrsatze  wohl  nicht 
zu  nehmen  sein.  Die  Dauer  von  vierzig  Tagen  dürfte  in  dem 
einen  Falle  wohl  zu  lange,  in  einem  Andern  zu  kurz  bemessen 
sein.  Das  Hauptkennzeichen  für  die  Hoffnung  eines  er- 
wünschten Ausganges  ist  wohl  mehr  in  der  Beschaffen- 
heit des  Eiters  und  in  den  damit  in  unmittelbarer  Verbin- 
dung stehenden  Symptomen  des  übrigen  Befindens  zu 
suchen.37)  Den  schlechten  und  bösartigen  Eiter  in  Ge- 
schwüren aller  Art  in  Milden  und  Gutartigen  zu  verwan- 
deln, ist  eine  der  Hauptaufgaben  der  Homöopathie,  und  wenn 
es  auch  noch  einige  Wenige  der  Art  giebt,  wobei  sie  ihren 
Zweck  noch  nicht  vollständig  erreicht  hat:  so  sind  doch  ihre 
Erfolge  in  dieser  Beziehung  bereits  von  grosser  Erheblichkeit. 
Es  kann  daher  auch  wohl  nicht  bezweifelt  werden,  dass  es  uns 


37)  Die  Eiterung  ist  eine  Wirkung  der  Natur,  und  wenn  diese  in  guter 
Verfassung  ist,  so  geht  auch  jene  gut  von  statten;  wenn  aher  die  Lebens- 
kräfte mangeln,  so  muss  man  innerliche  Arzneien  und  eine  nährende  Diät 
anwenden,  welche  unendlich  mehr  leisten,  als  alle  äusserlich  angewendeten 
Mittel.  Peter  Cläre,  über  Eitergeschwüre. 

19 


290  v-  Bueh-     Aphorism  16,  17. 

gelingen  wird,  selbst  für  die  letztgenannten  bösen  Eiterungen  in 
nächster  Zeit  ebenfalls  die  hülfreichen  sicheren  Mittel  zu  ent- 
decken. Dann  wird  auch  der  Brust-  und  Mutter-Krebs 
nicht  mehr  unheilbar  sein,  obwohl  wir  schon  jetzt  einige,  nicht 
gar  zu  weit  Gediehene  wirklich  geheilt  haben.  38) 

Bei  den  eigentlichen  Lungeneiterungen  tritt. noch  der 
üble  Umstand  hinzu,  dass  dieses  Organ  niemals  in  Buhe  ver- 
bleiben kann,  und  dass  bei  dem  durch  das  unaufhörliche  Ath- 
men  verursachten  abwechselnden  Ausdehnen  und  Zusammen- 
ziehen desselben  eine  Heilung  und  Vernarbung  hier  mehr 
Schwierigkeit  findet,  als  in  anderen  Theilen.  Wenn  aber  das 
Brustfell  der  Heerd  der  Eitergeschwulst  war,  wie  dies 
gewöhnlich  beim  Seitenstich  der  Fall  ist,  und  die  Lunge  selbst 
davon  nicht  ergriffen  wurde,  so  stellt  sich  die  Sache  günstiger, 
wenngleich  dabei  die  Eiterausleerung  durch  Vermittelung  der 
Lungen  noch  nicht  genügend  erklärt  ist.  Dass  dies  aber  in 
der  That  geschehen  könne,  und  dass  man  dann  durch  die  Bil- 
dung eines  völlig  gutartigen  Eiters  einer  sicheren  Genesung 
entgegensehen  darf,  das  haben  sowohl  Allopathen  als  Homöo- 
pathen in  zahlreichen  Fällen  erfahren. 


16.  Die  allzu  häufige  Anwendung  der  "Wärme  erzeugt 
folgende  Uebel:  Muskelschlaffheit,  Nervenschwäche, 
Geistesstumpfheit,  Blutflüsse,  Ohnmächten  und  endlich 
den  Tod.  . 

17.  Die  Kälte  hingegen  verursacht  Konvulsionen,  Starr- 
krämpfe, schwarzblaue  Färbung  der  Theile  und  Fie- 
berfrost. 

In  diesen  beiden  Aphorismen  stellt  der  Vater  der  Heilkunde, 


38j  Nicht  das  Vollendete  allein,  es  erfreut  und  frommt  auch  die  Wege 
zu  verfolgen,  auf  denen  und  wie  es  stufenweise  erreicht  ward. 

C.  Stapf,  Vorw.  zu  Hahn.  kl.   Sehr. 


V.  Buch.     Aphorism  17.  291 

freilich  nur  in  wenigen,  aber  kräftigen  Zügen ,  die  nachtheiligen 
Wirkungen  von  der  anhaltenden  Anwendung  der  Wärme  und 
der  Kälte  einander  gegenüber.  Es  scheint  daraus  hervorzu- 
gehen, dass  auch  schon  in  der  damaligen  Zeit  damit  häufiger 
Missbrauch  getrieben  wurde,  und  dass  er  deshalb  eine  drin- 
gende Veranlassung  fand,  durch  Darstellung  der  oft  darnach 
eintretenden  bösen  Folgen  seine  warnende  Stimme  zu  erheben. 
Wir  glauben  seine  wohlmeinende  Absicht  um  desto  deutlicher 
hier  darin  zu  erkennen,  dass  in  den  wenigen  angeführten  Wir- 
kungen gerade  die  Bösesten  hervorgehoben  sind,  die  nur  bei 
allzu  grossem  TJebermaasse  und  allzu  anhaltender  Dauer  der 
Anwendung  des  Einen  oder  des  Andern  zu  entstehen  pflegen, 
dass  in  den  nächstfolgenden  Aphorismen  Manches  davon  eine 
Aenderung  erleidet,  und  dass  hier  die  Fälle  näher  bezeichnet 
werden,  wo  von  Beiden  auch  eine  nützliche  Anwendung  gemacht 
werden  kann.  Es  scheint  uns  daher  unzweifelhaft,  dass  hier 
nur  von  dem  eigentlichen  Missbrauch  die  Bede  ist,  wie  über- 
haupt Hippokrates,  vielleicht  mit  einziger  Ausnahme  der  auslee- 
renden Mittel,  ein  grosser  Feind  von  allem  Ueb  er  trieben  en 
und  von  jeder  Art  von  allzu  heftigen  Eingriffen  war,  de- 
ren Nachtheile  sich  einem  so  scharfen  Beobachter  bei  jeder  Ge- 
legenheit von  selbst  aufdringen  mussten.  39) 


39)  Findet  irgend  ein  Gewächs  in  dem  Erdboden,  in  welchem  es 
wächst,  den  ihm  verwandten  Saft  im  TJebermaasse,  so  erkrankt  es ;  hat  es 
aber  zu  wenig  davon,  so  verwelkt  es. 

Hippokr.  tzsqI  vovßcov. 

Wenn  (nach  Virgil)  die  Flüsse  Calabriens  und  (nach  Juvenal)  die  Ti- 
ber zufroren,  wenn  (nach  Plinius)  bei  Rom  die  Myrrten-,  Oel-  und  Lor- 
beer-Bäume erfroren,  und  Aelian  die  Kunst  lehrte,  Aale  unter  dem  Eise  zu 
fangen:  so  muss  ehedem  im  südlichen  Europa  die  Temperatur  des  Winters 
weit  tiefer  gestanden  haben,  als  heute. 

19* 


292  v>  Buch.     Aphorism  18. 

18.  Die  Kälte  wirkt  nachtheilig  auf  die  Knochen,  die  Zähne, 
die  Nerven,  das  Gehirn  und  das  Rückenmark;  die 
Wärme  dagegen  wohlthätig. 


Was  hier  von  dem  nachtheiligen  Einflüsse  der  Kälte  auf 
verschiedene  Körpertheile  gesagt  ist,  erleidet  nicht  nur  viel- 
fältige und  sehr  wichtige  Ausnahmen,  sondern  verlangt  auch 
erläuternde  Zusätze,  wovon  wir  hier  jedoch  nur  beispielsweise 
einiges  Wenige  anführen  können.  —  So  sind  z.  B.  diejenigen 
Zahnschmerzen  gar  nicht  selten,  wobei  durchaus  nichts 
Heisses  oder  auch  nur  Warmes  vertragen  wird,  während  sie 
sich  durch  kaltes  Wasser,  wenn  auch  nur  vorübergehend, 
besänftigen  lassen.  Jeder  Homöopath  kennt  die  Mittel,  die 
eben  durch  diese  Eigenthümlichkeit  angezeigt  werden,  sowie 
Diejenigen,  wobei  sie  eine  entschiedene  Gegen-Anzeige  ab- 
giebt,  und  wodurch  er  im  Stande  ist,  ein  oft  arges  Leiden  schnell 
und  gründlich  zu  heilen,  welches  der  Allopathie  in  der  Regel 
völlig   unzugänglich  ist.40)  —  Das   Kühlhalten   des  Kopfes, 


40)  Les  personnes  qui  souffrent  de  maux  de  dents  sont  si  accoutumees 
ä  etre  renvoyees  par  leur  medecin  chez  un  dentiste,  qu'elles  ont  recours 
tout  de  suite  ä  ce  dernier,  sans  reflechir  qu'en  faisant  enlever  une  dent 
malade,  on  ne  detruit  point  la  cause  qui  a  engendre  cette  maladie,  et  que 
bientöt  cette  meme  cause  produira  la  meme  affection  sur  les  dents  qui 
etaient  restees  saines  jusqu'alors. 

Di-.  Malaise,  clin.  hom.  p.  57. 

Schwerlich  giebt  es  in  der  Homöopathie  einen  anderen,  eben  so  un- 
widerleglichen, als  (materialistisch)  unerklärlichen  Beweis  für  die  Wirksam- 
keit der  allerkleinsten  Dosen,  als  das  Eiechen  gegen  Zahnschmerzen.  Wo 
das  Uebel  nicht  zu  alt 'und  überhaupt  für  irgend  ein  schnell  wirkendes 
Mittel  angemessen  ist,  da  hilft  jedesmal  das  Eiechen  daran  unmittelbar 
und  ebenso  dauerhaft,  als  das  Einnehmen.  Diese  Wirkung  beschränkt  sich 
aber  keineswegs  auf  die  wirklich  riechenden  Heilmittel,  oder  auf  solche 
Verdünnungen,  welche  diesen  Geruch  noch  besitzen.  Der  Erfolg  ist  und 
bleibt  jederzeit  derselbe,  wenn  der  Leidende  auch  nur  auf  ein  Gläschen 
riecht,  welches  ein  Paar  Grane  trockner  Streukügelchen  enthält,  die,  vor 
Jahr  und  Tag  mit  der  flüssigen  Hochpotenz  befeuchtet,  nunmehro  längst 
trocken  und  geruchlos  geworden  sind,  selbst  dann,    wenn    diese-   Gläschen 


V.  Buch.     Aphorism  18.  293 

worauf  bekanntlich  der  berühmte  Boerhave  ein  eben  so  grosses 
Gewicht  legte,  als  auf  das  Warmhalten  der  Füsse,41)  ist 
ohne  Zweifel  eher  nützlich  als  schädlich,  so  lange  dabei  alles 
Uebermaass  vermieden  wird.  Zu  diesem  Letzten  gehört  aber 
namentlich  die  wirkliche  Erkältung  des  eben  erhitzten  oder 
schwitzenden  Kopfes,  etwa  durch  Kaltwaschen,  oder 
durch  Entblössung  in  kalter  Luft,  selbst  von  unvorsichtigem 
ßaa  rhauptgehen  im  Freien,  besonders  nach  Haarschnei- 
den43) u.  dergl.  mehr.  Hier  liegt  indessen  nicht  so  sehr  in 
der  Kälte  selbst,  als  vielmehr  in  dem  durch  die  natürliche 
Reaktion  der  Lebensthätigkeit  hervorgerufenen  entgegen- 
gesetzten Zustande,  nämlich  in  der  darauffolgenden,  bis  zur 
Entzündung  gesteigerten  Hitze  das  Gefährliche,  welches,  wenn 
es  nicht  schleunigst  beseitigt  wird,  wozu  meistens  nur  eine  ein- 
zige kleinste  Gabe  Bell,  hinreicht,  oft  ein  langwieriges,  schwe- 
res, nicht  selten  zum  Tode  führendes  Kopfleiden  zur  Folge 
hat. 43)  —  Im  Wesentlichen  geschieht  ganz  Dasselbe,  wenn  sich 


seitdem  unzählige  Male  zu  gleichem  Behufe  gebraucht  war.  ■  Diese  feinen 
Zuckerkügelchen  behalten  erfahrungsmässig  ihre  Arzneikraft  unvermindert 
viele  Jahre  lang,  lassen  Diese  mithin  nicht  verdunsten,  und  sind  dennoch 
beständig  mit  einem  hinreichenden  Arzneidunste  umgeben,  um  in  wenigen 
Minuten  einen  heftigen   Schmerz  gründlich  zu  tilgen. 

41)  't  hoofd  koel,  de  voeten  warm, 
steek  niet  te  veel  in  uw  darm, 
houd  't  achterpoortjen  open, 

en  laat  den  Dokter  loopen. 

Boerhave. 
Die  beiden  ersten  Zeilen  dieses  Spruchs    sind   eigentlich  dem  Plutarch 
entlehnt. 

42)  Diejenigen  Personen,  welche  nach  Haarschneiden  fast  jedesmal 
Kopfschmerzen  bekommen,  können  sich  leicht  dagegen  schützen,  wenn 
sie  gleich  darauf,  und  später  allenfalls  noch  ein  oder  andermal  nur  flüchtig 
an  hochpotenzirte  Belladonna  riechen. 

43)  "Wenn  der  hippokratische  Eath  zur  Anwendung  des  heissen 
Wassers,  z.  B.  bei  Lungenentzündung  in  einer  Blase  auf  die  Brust  zu 
legen,  (tceqI  vovGcov  II,)  wie  Conradi,  oder  bei  Starrkrampf,  (daselbst  III,), 
wie  van  Swieten  bestätigt,    die   besten  Resultate  geliefert   hat:    so    begreift 


294  v-  Bucl1-     Aphorism  18. 

Jemand  durch  Kalttrinken  bei  Erhitzung  eine  Brustent- 
zündung zugezogen  hat.  Der  Unterschied  liegt  nur  darin,  dass 
beim  Kopfe  die  äussere,  bei  der  Brust  die  innere  Kälte 
in  der  Nach-Wirkung,  die  immer  dauernder  ist  als  die  Erst- Wir- 
kung, die  Hitze  bis  zur  Entzündung  steigert.  Deshalb  tritt 
Diese  auch  nur  dann  ein,  wenn  die  innere,  durch  den  kalten 
Trunk  plötzlich  und  vorübergehend  abgekühlte  Erhitzung 
einen  gewissen  Grad  erreicht  hat,  welcher  sich  am  sichersten 
durch  den  beschleunigten  Puls  und  das  schnellere  Athmen 
erkennen  lässt.  Sobald  die  beiden  Letzten  wieder  auf  un- 
normales Maass  zurückgekehrt  sind,  schadet  ein  kalter 
Trunk  in  dieser  Weise  niemals,  der  Körper  mag  übrigens  so 
erhitzt  sein,  wie  er  will,  —  eine  K autele,  die  man  namentlich 
in  den  h ei ssen  Ländern  sehr  wohl  kennt,  wo  alle  Getränke 
mit  Eis  abgekühlt  werden,  wo  man  aber  sorgfältig  den  erforder- 
lichen Zeitpunkt  abwartet,  bis  sie  ohne  Gefahr  genossen  werden 
können.44)  —  In  diesen  und  ähnlichen  Fällen  würde  man  mit 
dem  Contraria  Contrariis  schlecht  fahren.  —  Ueber  die 
üblichen  kalten  Begiessungen  und  Aufschläge  auf  dem  Kopfe 
siehe  Aph.  VII,  42. 


man  nicht-,  wie  man  dasselbe  'Verfahren  hei  Kopfschmerzen  von  Entzün- 
dung (daselbst  II)  für  einen  Seltsamen  und  Nachtheiligen  erklären  kann, 
und  in  diesen  Fällen  lieber  zum  eiskalten  Wasser  greift.  Aber  freilich, 
das  Erste  passt  schlecht  zu   dem  unverletzbaren  Contraria  Contrariis. 

44)  Der  heftige,  zerstörende  Einfluss  von  schnell  aufeinander  folgen- 
der Einwirkung  entgegengesetzter  Temperatur -Zustände  zeigt  sich  auch 
selbst  an  leblosen  Gegenständen.  Man  kennt  das  Zerspringen  der  schnell 
erhitzten  oder  abgekühlten  Gläser;  aber  Manche»  wissen  nicht,  wie  man 
auch  in  der  Küche  davon  Nutzen  ziehen  kann.  Diese  mögen  es  denn  hier 
erfahren,  dass  das  bequemste  und  unfehlbarste  Mittel,  altes  und  zähes  Fleisch 
mürbe  zu  kochen,  darin  besteht,  dass  man  Solches  halbgar  plötzlich  aus 
der  Siedehitze  in  möglichst  kaltes  Wasser  taucht  und  darin  so  lange  liegen 
lässt,  bis  es  durch  und  durch  kalt  geworden,  dann  aber  wieder  eben  so 
plötzlich  an's  volle  Feuer  bringt    und  nun  völlig    gar    kochen    oder  braten 


V.  Buch,     Aphorism  19.  295 

19.  Kaltgewordene  Tlieile  muss  man  erwärmen,  ausgenom- 
men bei  einem  schon  vorhandenen  oder  drohenden 
Blutflusse. 

Dieser  Aphorism  ist  von  den  Allopathen  mit  Jubel  begrüsst 
worden,  weil  er  eine  Bestätigung  des  in  der  vorhergehenden 
Glosse  von  uns  angezweifelten  Lehrsatzes:  Contraria  Contra- 
riis!  enthält.  Ein  Kommentator  nennt  ihn  sogar  an  dieser  Stelle 
„ein  Axiom,  welches  im  Grunde  seine  volle  Richtigkeit 
hat."  Und  doch  spricht  sich  eben  in  dem  hier  vorliegenden 
Falle,  namentlich  wenn  die  Kälte  einen  bedeutenden  Grad 
erreicht  hat  oder  irgend  ein  Theil  wirklich  erfroren  ist,  die 
Erfahrung  jedes  Arztes,  ja  selbst  die  Sitte  der  Bevölke- 
rung nordischer  Länder  gerade  im  entgegengesetzten 
Sinne  aus.  Wenn  z.  B.,  was  im  Winter  in  Russland  sehr  häufig 
geschieht,  Jemand  einem  Andern  begegnet,  dem  die  Nase  oder 
die  Ohren  weiss  gefroren  sind,  was  Dieser  oft  selbst  nicht 
fühlt,  so  besinnt  er  sich  keinen  Augenblick,  eine  Hand  voll 
Schnee  aufzuraffen  und  ihm  Solchen  darauf  zu  drücken.  Der 
Andere,  weit  entfernt  Dieses  übel  zu  nehmen,  dankt  lan- 
desüblich auf's  Verbindlichste  für  diesen  Liebesdienst. 
Plötzlich  angebrachte  Wärme  würde  hier  leicht  den  Verlust 
des  Gliedes  zur  Folge  haben. 

Das  bewährteste  Schutzmittel  gegen  Kälte  und  Erfrie- 
rung  einzelner  Theile  ist  Bestreichen  mit  Kampferspiritus, 
welcher  in  der  Er  st- Wirkung  einen  hohen  Grad  von  Kälte, 
in  der  "andauernden  Nach- Wirkung  aber  eine  anhaltende 
Wärme  hervorbringt.  Bei  der  oft  hinterher  sich  einstellenden 
schmerzhaften  Hitze,  wie  von  Verbrennung,  hilft  dann  am 
besten  die   äussere  Anwendung  der   verdünnten  Kanthariden- 


lässt.  Dieses  Verfahren  ist  seit  undenklicher  Zeit  im  Oriente  bekannt,  wo 
man  es  namentlich  in  Anwendung  bringt,  um  zu  dem  beliebten,  dort  mit 
dem  Namen:  „Taouk  Geukseu"  bezeichneten  Gerichte  (nach  Curzon)  das 
Hühnerfleisch  weich  zu  kochen. 


296  v-  Buch-     Aphorism  20. 

tinktur.  —  Ganz  spezifisch  für  kalte  Füsse,  die  oft  bei 
Winterreisen  sehr  unbequem  sind,  ist  der  weisse  Arrak-Punsch, 
auch  wenn  er  kalt  getrunken  wird,  und  am  Wirksamsten  bei 
trockener  Kälte. 

Die  Wiederbelebung  von  Erfrorenen,  die  schon  als 
starre  Leichen  da  liegen,  soll  in  mehreren  Fällen  gelungen  sein, 
wenn  sie  ebenfalls  nach  dem  homöopathischen  Prinzipe  behan- 
delt, nämlich  ganz  in  Schnee  eingehüllt,  oder  in  ein  durch 
Eisstücke  möglichst  kalt  gemachtes  Wasserbad  gelegt  wer- 
den, bis  alle  Glieder  wieder  weich  und  biegsam  geworden  sind. 
Dann  reibt  man  den  Körper  mit  Schnee,  bis  er  roth  wird, 
und  später  mit  trocknen  wollenen  Tüchern.  Die  weitere  Be- 
handlung gehört  nicht  hierher;  wohl  aber  noch  die  ebenfalls 
mehrfach  bestätigte  Erfahrung,  dass,  um  nachtheilige  Folgen  zu 
vermeiden,  der  also  Gerettete  sich  noch  längere  Zeit  nachher 
vor  Feuer-  und  Ofen- Wärme  hüten  muss.  45) 

Wie  lassen  sich  alle  diese  tausendfältig  bewährten  Erfah- 
rungen mit  dem  obigen  Axiom:  Contraria  Contrariis  in  Ein- 
klang bringen?  —  Vielmehr  scheint  es,  dass  der  vorstehende 
Aphorism  lediglich  zur  Einleitung  für  den  Nächstfolgenden  die- 
nen soll. 

20.  In  den  Geschwüren  erzeugt  die  Kälte  ein  Gefühl  von 
Beissen,  Verhärtung  der  Haut,  schmerzhafte  Stockung 
der  Eiterung,  eine  schwarzblaue  Färbung,  Fieberfrost, 
Konvulsionen  und  Starrkrampf. 

Auch  diese  Erscheinungen  bleiben  sich  keineswegs  bei  allen 
Geschwüren  gleich.    Im  Gegentheile  giebt  es  deren  nicht  Wenige, 


45)  Merkwürdig  ist  die  Erklärung  Hufelands  (kl.  med.  Schriften  III, 
S.  308)  von  der  wohlthätigen  Wirkung  der  Kälte  auf  erfrorene  orga- 
nische Theile,  und  vielleicht  noch  merkwürdiger,  dass  er  kurz  vorher,  wo 
er  über  die  Wirkungen  der  Wärme  spricht,  über  die  vortheilhafte  An- 
wendung derselben  bei  Verbrennungen  Nichts  sagt. 


V.  Buch.     Aphovism  21.  297 

welche  keine  Wärme  vertragen  und  bei  kühlem  Verhalten, 
freilich  ohne  die  beliebten  nassen  Umschläge,  schmerzloser 
werden  und  leichter  heilen.  Wir  erinnern  hier  nur  an  die  Ge- 
schwüre, welche  auf  Ac.  fluor. ,  Lyc. ,  Puls,  und  Sabin,  passen, 
die  keine  Wärme  vertragen,  während  die  auf  Ars.,  Gem., 
Com,  Hep.,  Lach.,  Rhus.  und  Sil.  Deutenden  Wärme  und  war- 
mes Einhüllen  verlangen.  Alles  Dieses  ist  verschieden  bei  den 
verschiedenen  Individualitäten,  und  eine  allgemeine  Vorschrift  oder 
Regel  für  alle  Fälle  nur  ein  Beweis,  —  dass  man  es  eben  nicht 
besser  weiss.46) 


21.  Zuweilen  bringt  aber  auch  im  Starrkrämpfe  ohne  Ge- 
schwüre, bei  einem  kräftigen  jungen  Menschen,  mitten 
im  Sommer,  das  Begiessen  mit  vielem  kalten  Wasser 
die  Wärme  zurück.  Diese  wiedergekehrte  Wärme 
hebt  dann  die  andern  Zufälle. 


Dieser  Lehrsatz  hätte  füglich  unmittelbar  auf  den  19.  Apho- 
rism  dieses  Buchs  folgen  können,  weil  er  mindestens  eine  wich- 
tige Modifikation  des  darin  vermutheten :  Contraria  Contrariis 
enthält.  Indessen  bezieht  er  sich  ebenfalls  auf  den  Nächstvor- 
hergehenden (20) ,  indem  er  die  Abwesenheit  von  Geschwüren, 
die  angeblich  überhaupt  keine  Kälte  vertragen  sollen,  als  Gegen- 
anzeige anführt.  —  Uebrigens  haben  wir  hier  dem  dort  bereits 
Gesagten  nichts  beizufügen,  können  uns  aber  die  beiläufige  Be- 
merkung nicht  versagen,  dass  Hippokrates  selbst  seine  Lehrsätze 
über  die  Anwendung  der  Kälte,  und  damit  gleichzeitig  den 
ihm  zugeschriebenen  Grundsatz:  Contraria  Contrariis 
mindestens  durchlöchert  hat  und  sich  gezwungen  sieht,  Aus- 
nahmen aufzustellen,   die   man  dazu  benutzen  kann,  Dasjenige 


46)  Ueber  den  Brand  von  Anwendung  des  kalten  Wassers  findet  man 
mehrere  Beispiele  in  den  Ephein.  nat.   curios.   1684  und   16üjf| 


298  v-  Buch-     Aphorism  21. 

im  Stillen  durchlaufen  zu  lassen,  was  erfahrungsmässig 
in  der  Wirklichkeit  nicht  haltbar  ist.47)  Dieses  Alles  sind 
die  unausbleiblichen  Folgen,  wenn  man  mit  vorgefasster 
Meinung  sämmtliche  Erscheinungen  in  der  vielgestaltigen 
Natur  unter  eine  Regel  bringen  will,  die  einestheils  nicht 
einmal  natu r gemäss  ist,  und  anderntheils  oft  gar  keine  An- 
wendung finden  kann,  aus  dem  einfachen  Grunde,  weil  es  für 
die  meisten  krankhaften  Empfindungen  oder  Schmerzen 
aller  Art  kein  eigentliches  Entgegengesetztes  giebt,  noch 
geben  kann.48)  Ein  ruhiges  und  besonnenes  Nachdenken  müsste, 
wie  es  scheint,  jeden  Unbefangenen  von  selbst  auf  die  Nich- 
tigkeit dieses  so  laut  proklamirten  und  nachgesprochenen,  und 
doch  sowohl  in  der  Theorie,  als  in  der  Praxis  völlig  fal- 
schen Grundsalzes  führen,  und  es  ist  wahrlich  unbegreiflich, 
wie  er  sich  viele  Jahrhunderte  lang  als  oberstes  Heilgesetz 
hat  in  Ehren  und  Würden  erhalten  können.49) 


47)  "Van  Swieten  (Cornm.  in  Boerh.  aph.  §  1069)  stimmt  ganz  mit 
uns  überein,  wenn  er  sagt:  „Von  dem  äusseren  Gebrauche  des  kältesten 
Wassers  entsteht  zuerst  ein  Schüttelfrost;  darauf  aber  erfolgt  eine  erhöhete 
Wärme  und  Röthe,  mit  beschleunigtem  Pulse,  und  wenn  man  sich  gleich 
nachher  ins  Bette  legt,  so  tritt  meistens  ein  starker  Schweiss  ein.  Auf  diese 
Weise  wird  ein  künstliches  Fieber  erzeugt,  welches  mit  Schütteln  und  Kälte 
(in  der  Erst- Wirkung)  anfängt,  und  in  Wärme  und  Schweiss  (in  der  Nach- 
wirkung) übergeht".  —  Ueberall  und  immer  stossen  wir  in  der  Natur  auf 
die  Reaktion   der  Lebenskraft  gegen  äussere  Einwirkungen. 

48)  Quel  est  le  contraire  de  la  fievre,  d'une  angine,  d'une  bron- 
chite,  d'une  gastrite,  d'une  dartre,  de  la  goutte,  du  rhumatismc, 
de  la  gravelle,  des  scrofules?  Cette  loi  est  donc  inapplicable.  Si, 
par  contraire,  on  entend  que  tout  medicament  est  le  contraire  de  la  mala- 
die  qu'il  guerit,   ce  n'est  la  qu'un  sens  de  mots  indigne  de  la  science. 

L.  de  Parseval,  All.  et.  Hom.  p.  437. 

49)  Der  Weise  weiss  den  lrrthum,  so  bald  er  ihn  erkennt,  zu  verwer- 
fen; ein  beschränkter  Kopf  aber  kann  sich  nur  nach  einer  gewissen  Zeit 
von  der  einmal  aufgefassten  Meinung  losmachen. 

J.  W.  Schmitz,  Andeut.  S.  91. 
Mit  origineller  Ironie  hat  Swift  dem  Grundsatze:    Contraria  Contrariis 


V.  Buch.     Aphorism  22.  299 

22.  Die  Wärme  befördert,  jedoch  nicht  in  allen  Geschwü- 
ren, die  Eiterung,  welche  den  besten  Schutz  gegen 
sonstige  Gefahr  darbietet.  Sie  erweicht  und  verdünnt 
die  Haut,  besänftigt  den  Schmerz,  verhindert  den  Starr- 
frost, die  Konvulsionen  und  die  Starrkrämpfe,  und 
beseitigt  die  Eingenommenheit  des  Kopfes.  Am  Zu- 
träglichsten ist  sie  bei  Knochenbrüchen,  besonders  bei 
Solchen,  wo  dadurch  die  Knochen  blossgelegt  sind, 
und  am  Meisten  bei  schwärenden  Knochenbrüchen  am 
Hirnschädel ;  desgleichen  an  den  Theilen ,  die  entwe- 
der abgestorben  sind  oder  verschwären ,  so  wie  bei 
fressenden  Flechten  am  After,  an  der  Schaam,  in  der 
Scheide  und  in  der  Blase.  In  allen  diesen  Fällen  ist 
Wärme  wohlthuend  und  heilsam,  Kälte  hingegen  un- 
erträglich und  verderblich.50) 


In  einigen  Ausgaben,  so  wie  auch  beim  Galenus,  fehlen  die 
zu  Anfange  dieses  Aphorisms  stehenden  beschränkenden  Worte: 
„jedoch  nicht  in  allen   Geschwüren".     Indessen   scheint 


eine  neue  Seite  abgewonnen,  welche  wir  hier  nicht  verschweigen  können. 
Er.  sagt  nämlich  in  seiner  „Reise  in  das  Land  der  Hauyhuhums" ,  im  6. 
Kapitel:  „Da  die  Natur,  wie  der  Arzt  behauptet,  die  obere  Oeffnung  für 
Einführung  fester  und  flüssiger  Nahrung,  die  Untere  zum  Auswerfen  be- 
stimmt hat,  so  stellt  die  Kunst  den  genialen  Grundsatz  auf:  die  Natur, 
welche  in  jeder  Krankheit  gestört  sei,  müsse  dadurch  wieder  in  ihre  ge- 
hörige Stellung  gerathen,  dass  man  den  Leib  in  einer  durchaus  entgegen- 
gesetzten Weise  behandle,  indem  man  die  Punktionen  einer  jeden  Oeff- 
nung umtausche,  feste  und  flüssige  Substanzen  hinten  einführe,  und  Aus- 
leerungen durch  den  Mund  bewirke."  —  Vergl.  damit  Lichtenbergs  Erklä- 
rung der  Hogarthschen  Kupfer,  Platte  XL 

50)  So  lang  und  ausführlich  dieser  Aphorism  ist,  so  scheint  er  doch 
vorzugsweise  Einer  von  Denen  zu  sein,  welche  von  unsern  gegenwärtigen, 
sich  hippokratisch  nennenden  Aerzten  am  Meisten  übersehen  und  unbeachtet 
geblieben  ist.  Es  giebt  kaum  Eine  von  den  vielen,  hier  namhaft  aufge- 
zählten Beschwerden,  wobei  nicht,  und  zwar  nach  dem  Vorgange  mehr 
oder  weniger  berühmter  Autoritäten,  Kälte  in  der  Form  von  kaltem  Wasser 
oder  dergleichen  Umschlägen,  ja  selbst  mit  Zusatz  von  Eis,  angewendet  ist 
und  noch  heute  angewendet  wird,  sehr  oft  mit  beklagenswerthen  Folgen. 
Wenn  jene  Aerzte,  wie  wir  gerne  annehmen  wollen,  Solches  aus  Ueber- 
zeugung  oder  als  Folge  früherer  Katheder -Lehren  thun,  so  sollten  sie  we- 
nigstens sich  nicht  mit  jenem  unwahren  Prädikate   schmücken. 


300  v«  Buch.     Aphorism  22. 

dieser  Zusatz  doch  richtig  hierher  zu  gehören,  weil  er  sich  eben- 
falls in  der  Abhandlung  von  den  Säften,  (ns^l  %viiav  XI,)  vor- 
findet, der  er  offenbar  entnommen  ist.  Dagegen  spricht,  wie  es 
scheint,  nichts  für  die  Annahme,  dass  hier  bloss  die  frischen 
Wunden  gemeint  seien,  wie  Einige  übersetzen;  denn  die  An- 
wendung des  kalten  Wassers  bei  Diesen  gehört  mehr  der 
neueren  Zeit  an. 

Was  übrigens  die,  durch  äussere  Wärme  beförderte  Ei- 
terung anbelangt,  so  hat  Solches  in  der  That  seine  volle  Rich- 
tigkeit und  es  beruht  hierauf  namentlich  die  Anwendung  der 
heissen  Umschläge.  Aber  auch  hierbei  tritt  wieder  die  all- 
gemeine Gültigkeit  des  homöopathischen  Grundsatzes  zu  Tage. 
Die  zögernde  oder  stockende  Eiterung  wird  nämlich  in 
den  meisten  Fällen  durch  einen  hohen  Grad  von  Entzündung 
bedingt,  welche  durch  die  angebrachte  äussere  Hitze  in  soweit 
homöopathisch  beseitigt  oder  vermindert  wird,  dass  dieses 
Hinderniss  nun  gehoben  ist,  und  die  Eiterung  vor  sich  gehen 
kann.  Die  Stoffe,  welche  dabei  zur  Anwendung  kommen, 
sind  deshalb  ziemlich  gleichgültig,  und  nur  Diejenigen,  welche, 
die  Entzündung  in  der  Erst- Wirkung  gar  zu  sehr  vermeh- 
ren, oder  welche  auf  die  Beschaffenheit  des  Eiters  einen 
nachtheiligen  Einfluss  üben  können,  müssen  dabei  eher 
schädlich  als  nützlich  sein.  Daher  kommt  es,  dass  die  häufig 
dabei  als  Zuthaten  gebrauchten  Arzneien,  wie  Cham.,  Samb., 
Leinsamen  und  dergl.  nicht  selten  üble  Folgen  haben.  Aus 
diesem  Grunde  verwirft  die  Homöopathie  nicht  nur  alle  diese 
ausser  liehen  Arzneimittel,  sondern  wendet  auch  zu  diesem 
Behuf e  bloss  Innerliche  an,  welche  zugleich  der  sonstigen 
Gesammtheit  der  vorhandenen  Symptome  entsprechen,  (Ars., 
Beil.,  Calc,  Creos.,  Hep.,  Lach.,  Lyc,  Merc,  Sil.,  oder  Andere), 
und  erreicht  dadurch  ihren  Zweck  sicherer  und  gefahrloser, 
indem  Diese  zugleich  dazu  dienen,  den  vielleicht  schlechten 
Eiter  in  einen  Milden  und  Gutartigen  umzuwandeln. 


V.  Buch.    Aphorism  23.  301 

23.  Bei  wirklichen  oder  drohenden  Blutungen  wendet  man 
mit  Vortheil  die  Kälte  an ,  aber  nicht  unmittelbar 
auf  diese  Stellen,  sondern  im  Umfange  derselben 
da,  woher  das  Blut  kommt.  Ferner  braucht  man  sie 
bei  frischen  rosenartigen  Entzündungen ,  welche  roth 
oder  blutfarbig  aussehen ;  denn  die  Veralteten  werden 
dadurch  schwarz.  Auch  für  nicht  eiternde  Rothläufe 
ist  die  Kälte  zuträglich,  dagegen  schädlich  für  Eiternde. 


Wie  im  vorhergehenden  Aphorism  von  der  Wärme,  so 
spricht  Hippokrates  in  dem  Gegenwärtigen  von  der  Kälte  und 
ihrer  therapeutischen  Anwendung.  Wir  wollen  daher  nur 
folgendes  Wenige  glossarisch  dazu  bemerken.  —  Zu  einer  wah- 
ren,  dynamischen  Heilung  von  Blutungen,  mit  Verhinde- 
rung einer  baldigen  Wiederkehr,  und  namentlich  aus  inneren 
Theilen,  wird  die  blosse  Kälte  wohl  niemals  sich  als  brauch- 
bar bewähren.  Auch  scheint  hier  nur  von  Blutungen  äusserer 
verletzter  Theile  die  Bede  zu  sein,  indem  die  angegebene 
Anwendung  der  Kälte  in  der  Nähe  der  blutenden  Stelle  bei 
inneren  Verblutungen  wohl  schwerlich  stattfinden  kann.  Aber 
selbst  bei  äusseren  Verletzungen  von  einiger  Erheblichkeit  wird 
die  blosse  Kälte  nicht  viel  nützen.  Die  wirksamsten  blut- 
stillenden Mittel,  welche  wir  jetzt  besitzen,  waren  zu  den 
Zeiten  des  Hippokrates  noch  nicht  bekannt,  und  es  mussten 
daher  solche  Nothbehelfe,  wie  die  Kälte,  leisten,  was  sie  eben 
vermochten.  —  Die  Anwendung  der  Kälte  auf  r ose n artige 
Entzündungen51)  wird  nicht  leicht  ein  vorsichtiger  Arzt  wa- 
gen, und  um  so  weniger  wir,  die  wir  dagegen  so  treffliche  und 
gefahrlose   innere   Mittel  zur  Hand   haben.     Wenn   also   die 


51)  Nach  des  berühmten  Schönleins  Ansicht  besteht  die  Rose  in  der 
Entwicklung  zu  vieler  Elektrizität,  und  bildet  damit  den  Gegensatz  zu 
den  Rheumatismen.  Demzufolge  gleicht  sich  die  Elektrizität  durch  Wasser- 
bildung  aus,  und  das  Exanthem  selbst  stellt  eine  elektrische  Figur  dar,  in- 
dem sie  nach  demselben  Gesetze  entsteht,  nach  welchem  die  Schneeflocken 
geformt  werden. 


302  v-  Buch-     Aphorism  24. 

Kälte  nicht  mit  dem  kalten  Wasser  verwechselt  wird,  so 
muss  Jeder  einsehen ,  dass  dieser  Lehrsatz  nur  wenig  prakti- 
schen Nutzen  darbietet,  und  dass  er  daneben  ein  Gefolge  von 
Gefahren  verschiedener  Art  mit  sich  führt,  welche  Jenen  noch 
mehr  einschränkt. ö2) 


24.  Kalte  Dinge,  wie  Schnee  und  Eis,  sind  für  die  Brust 
schädlich:  sie  erzeugen  Husten,  Blutspeien  und  Fliess- 
schnupfen. 


Auch  Dieses  ist  nur  mit  Vorbehalt  und  nicht  als  allgemein 
gültig  anzunehmen,  so  lange  nicht  gerade  von  Uebermaass 
die  Rede  ist.53)  Es  wird  genügen,  den  homöopathischen  Kolle- 
gen nur  im  Allgemeinen  an  die  Eigenthümlichkeiten  zu  erinnern, 
die  in  dieser  Beziehung  auf  Ant.  crud.,  Dros.,  Jod.,  Laur.,  Puls., 
Seneg.,  Veratr.  und  Verb,  hinweisen.  —  Uebrigens  darf  man  die 
Beschwerden,  welche  durch  Erkältung  in  der  einen  oder  an- 
dern Weise  entstanden  sind,  nicht  verwechseln  mit  Denen, 
welche  bei  und  durch  eben  vorhandene  Kälte  oder  durch 
Kaltwerden  verschlimmert  werden.  Das:  Cessante  causa, 
cessat  effectus!    ist  in   dem  Sinne,  wie  es  so  häufig  miss- 


52)  Eine  Geneigtheit  zur  Entzündung  und  selbst  den  heissen  Brand 
heilt  die  Kälte  oft,  aber  eine  schon  gegenwärtige  Entzündung   vermehrt  sie. 

de.  Paula  Willemet,  v.  d.  Kälte  §  4. 

53)  „Weit  entfernt",  —  sagt  der  erfahrene  Dr.  Eamadge  über  Lungen- 
schwindsucht, S.  88  —  „einen  an  der  Lungenschwindsucht  Leidenden  in 
die  südlichen  Gegenden  'von  Frankreich  oder  Italien  zu  schicken,  würde 
ich,  wenn  je  eine  Ortsveränderimg  nöthig  wäre,  dem  Klima  von  St.  Peters- 
burg tausendmal  den  Vorzug  geben.  ■ —  Wenn  ich  von  Lungensüchtigen 
höre,  denen  man  die  herrlichen  Klimata  (wie  man  sie  thörichter  Weise  zu 
nennen  pflegt)  von  Lissabon,  Madeira  oder  anderer  warmen  Länder  em- 
pfiehlt, und  wenn  ich  bedenke,  wie  medizinisch-statistische  Beobachtungen 
gerade  ihren  tödtlichen  Einfluss  auf  die  Lungenschwindsucht  darthun :  so 
habe  ich  grosse  Versuchung,  solchen  Rathgebern  als  Antwort  den  Spruch 
zu  geben:  me  vestigia  terrent,  omnia  adversum  spectantia,  nulla  retrorsum!" 


V.  Buch.     Aphorism  25.  303 

verstanden  wird,  durchaus  falsch.  Die  durch  irgend  eine 
Ursache  entstandene  Krankheit  währt  meistens  noch  lange 
nachher  fort,  wenn  Jene  längst  aufgehört  hat,  wie  der  Pfeil 
noch  weit  fortfliegt,  wenn  er  die  Bogensehne  verlassen,  und  wie 
die  Prügelschmerzen  noch  fortdauern,  wenn  der  Stock  längst 
ins  Feuer  geworfen  und  verbrannt  ist.  Sehr  oft  ist  es  der  Fall, 
dass  Beschwerden  durch  Umstände  hervorgerufen  wurden,  die 
unbekannt  und  gar  nicht  mehr  zu  ermitteln  sind.  Da  müssen 
bloss  die  Symptome  aushelfen,  und  namentlich  Die,  welche 
eine  Verschlimmerung  oder  Besserung  bedingen,  und  die 
auch  ohnedem  jederzeit  an  Wichtigkeit  für  die  Mittelwahl  die, 
übrigens  beachtenswerthen  veranlassenden  Ursachen  weit 
übertreffen.  So  giebt  es  auch  Beschwerden,  die  ursprüng- 
lich durch  Kälte  entstanden  sind,  die  aber  später  durch 
Wärme  verschlimmert  werden,  und  man  würde  bei  der  Be- 
handlung einen  grossen  Fehler  begehen,  wenn  man  die  Arznei 
mehr  der  Causa,  als  dem  Effectus  anpassen  wollte.54) 


25.  Das  reichliche  Begiessen  mit  kaltem  Wasser  besänftigt, 
vermindert  und  hebt  die  Schmerzen  an  den  geschwol- 
lenen, aber  nicht  eiternden  Gelenken,  die  podagrischen 
Beschwerden  und  die  Krämpfe;  denn  eine  massige 
Betäubung  besitzt  die  Kraft,  Schmerzen  zu  heben. 


Dieser  Aphorism   dürfte  vorzugsweise  Denjenigen  beizuzäh- 
len sein,    deren  Befolgung  eher   ab-   als   anzurathen  ist.55) 


54)  Die  Entstehungs-Ursache  einer  Krankheit,  die  wahre  causa 
morbi,  ist  gänzlich  verschieden  von  dem,  was  in  der  medizinischen  Ter- 
minologie die  prima  causa  morbi,  die  nächste  Ursache  der  Krank- 
heit genannt  wird,  welche  zugleich  das  Wesen  der  Krankheit,  die  Krank- 
heit selbst  sein  soll.     (Vergl.   Organon,  Einleitung  S.  4.) 

55)  Die  beliebte  Methode  der  Abhärtung,  welche  darin  besteht,  dass 
man  durch  beständiges  Baden  in  kaltem  Wasser,  durch  einen  fast  unbe- 
deckten Körper  in  der   strengsten  Luft,    durch    die    strapazantesten    Bewe- 


304  v-  Buch-     Aphorism  25. 

Die  Geschichte  der  Heilkunst  hat  uns  zahlreiche  Fälle  aufbe- 
wahrt, wo  der  Erfolg  eines  derartigen  Verfahrens  ein  äusserst 
Beklagenswerther  war  und  oft  zu  einem  lethalen  Aus- 
gange führte.  Eine  Heilung  im  wahren  und  eigentlichen  Sinne 
des  Worts  kann  wohl  schwerlich  von  einem,  an  und  für  sich 
durchaus  unarzneilichen  Stoffe,  wie  das  reine,  kalte W a s s e r, 
jemals  erwartet  werden,  welches  nur  zur  Löschung  des  Durstes 
und  zur  Reinigung  des  Körpers  bestimmt  ist.  Wenn  daher 
Affektionen,  wie  Gelenk-Anschwellungen  oder  podagrische 
Schmerzen  dadurch  beseitigt  werden,  so  kann  Dies  nie  und 
nimmer  eine  eigentliche  wahre  Heilung  genannt  werden, 
welche  nur  durch  solche  Mittel  zu  bewirken  ist,  die  das  Ver- 
mögen besitzen,  in  dem  lebenden  Organismus  eine  dynamische 
Veränderung  hervorzubringen.  Die  Veränderungen  aber,  welche 
eigentlich  un arzneiliche  Dinge  bewirken,  reichen  nicht  dazu 
hin,  sondern  werden,  wenn  sie  überhaupt  eine  Wirkung  thun, 
entweder  gefährliche  Metastasen,  oder,  im  günstigsten  Falle, 
eine  zwar  wohlthuende,  aber  nur  vorübergehende  grössere 
Thätigkeit  des  Hautorgans  veranlassen,  welche  dann  frei- 
lich zur  temporären  Beschwichtigung  der  Krankheit, 
schwerlich  aber  jemals  zu  einer  gründlichen  und  dauerhaften 
Heilung  dienen  kann.  Die  einzigen  Fälle,  wobei  dieses  Letzte 
ermöglicht  wird,  dürften  Diejenigen  sein,  wo  die  Krankheit  vom 
Missbrauche  einer  Arznei  herrührt,  die  eben  durch  die  Haut 
ausgeschieden  werden  kann.  Bei  aufmerksamer  Betrachtung 
aller  derjenigen  Heilungen,  wobei  die  sogenannten  Kaltvvass er- 
Kuren von  auffallend  günstigem,  oft  wunderbarem  und  dabei 
dauerhaftem  Erfolge  gewesen  sind,  wird  man  das  eben  Gesagte 


gungen,  sich  fest  und  unverwüstlich  zu  machen  sucht,  bewirkt  nichts  wei- 
ter, als  dass  unsere  Organe  steifer,  zäher  und  troekner,  und  also  früher 
unbrauchbar  werden,  und  dass  wir  folglich,  anstatt  unser  Leben  zu  ver- 
längern, ein  früheres  Alter  und  eine  frühere  Destruktion  dadurch  herbei- 
führen. TTufehind,  Makrobiotik   I,  9. 


V.  Buch.     Aphorisra  25.  305 

bestätigt  finden,  während  bei  allen  Andern,  nach  kurzer  Be- 
schwichtigung, die  ungeheilte,  meistens  chronische  Krank- 
heit ihr  Haupt  aufs  Neue  erhebt  und  in  nicht  langer  Zeit  den 
vorigen  Standpunkt  wieder  einnimmt. 56)  —  Natürlich  gilt  dies 
nicht  von  den  M i n e r  a  1  -  W ä  s s e r  n ,  welche  durch  ihre  Bei- 
mischungen wirkliche  medizinische  Kräfte  erlangt  halben 
und  daher  mit  vollem  Rechte  den  Arzneien  beizuzählen  sind.57) 
Ganz  erfahrungswidrig  ist  aber  der  Schlusssatz  dieses  Apho- 
risms,  und  giebt  der  Vermuthung  Raum,  dass  er  nicht  von 
Hippokrates  selbst  herstammt,  sondern  später  eingeschmuggelt 
ist.  Er  liefert  ein  Gegenstück  zum  Mohnsafte58),  der  heu- 
tiges Tages  zu  dem  angeführten  Behufe  noch  so  häufig  ange- 
wendet wird  und  ebenfalls,  nur  noch  weit  kräftiger,  betäubt,  und 
daher  noch  weit  mehr  schadet,  als  das  kalte  Wasser.59) 


56)  Das  kalte  Bad  dient  mehr  dazu,  seine  Stärke  sehen  zu  lassen,  als 
zur  Gesundheit.  Dagegen  erweiset  sich  das  warme  Bad  als  weit  zuträg- 
licher. Plutarch,  moral.   Sehr.  II,  30. 

57)  „Les  sources  de  Töplitz",  —  sagt  Dr.  Escallier,  —  „sont  de  Celles 
dont  les  eaux  sont  moins  mineralisees  que  l'eau  potable  ordinaire."  — 
Eben  über  dieses  berühmte  Mineralwasser  sagt  Dr.  C.  James:  „Nouvel 
exemple  de  l'impuissance  de  la  chirnie  pour  expliquer  l'action  therapeutique 
de  certaines  eaux  minerales!  Voila  une  eau  qui,  chimiquement  parlant,  n'a 
aueune  signification,  tandis  que,  sous  le  rapport  medical,  eile  merite  d'oecu- 
per  le  premier  rang!" 

58)  Lichtenberg  sagt  vom  Mohnsaft  (Hogarth.  PI.  XXVI,)  in  seiner 
gewohnten  witzigen,  aber  scharf  treffenden  Weise:  —  „Denjenigen  unter 
unsern  Lesern  und  Leserinnen,  die  nicht  wissen,  was  dieses  L  au  d  an  um 
sei,  dient  zur  Nachricht,  dass  es  eigentlich  eine  Art  von  böhmischem 
Liquor  ist,  der  tropfenweise  äusserlich,  auch  wohl  innerlich  unter  der 
Leitung  eines  erfahrenen  Arztes  gebraucht,  heilsam  sein  kann;  allein  in 
den  Tag  hinein  und  gar  Lothweis  verschluckt,  völlig  wirkt,  wie  Blei  in 
Pillenform  Unzenweis  aus  der  Pistole  genommen." 

59)  In  der  (vielleicht  unechten,  aber  doch  sicher  den  Echten  sehr  nahe 
stehenden)  hippokratischen  Schrift:  Äfoi  rtaftcöv  kommen  vielleicht,  mehr 
als  anderswo,  die  Gegensätze  von  der  äussern  Anwendung  der  Wärme 
oder  der  Kälte  vor,  welche  daher  hier  eine  kurze  Erwähnung  verdienen. 
Hier  finden  wir  nämlich  die  Erste  (Wärme)  als  nothwendig  und  heilsam 
angegeben    bei:    Kopfschmerzen,    Ohrenschmerzen.    Seitenstich,    Phrenitis, 

20 


306  v-  Bucü-     Aphorism  26. 

26.  Dasjenige  Wasser,  welches  am  Schnellsten  heiss,  und 
eben,  so  am  Schnellsten  wieder  kalt  wird,  ist  das 
Leichteste. 

Zu  den  Zeiten  des  Hippokrates  kannte  man  weder  die 
Senk  wagen  (Aerometer),  noch  andere  Werkzeuge,  um  die 
feinsten  Unterschiede  im  Gewichte  der  Flüssigkeiten  zu  messen. 
Wenn  daher  von  der  relativen  Leichtigkeit  des  Wassers  die 
Rede  ist,  so  muss  man  mit  Galenus  die  grössere  Zu  trag  Hen- 
kelt und  leichtere  Verdaulichkeit  darunter  verstehen,  welche 
Hippokrates  (tisqI  usqcov,  vScczcov,  xönav  XVII,)  dem  Regen- 
wasser  zuschreibt,  das  auch  mit  unserem  d  e  s  t  i  1 1  i  r  t  e  n  W  a  s- 
ser  ziemlich  übereinstimmt.  Uebrigens  haben  vergleichende  Ver- 
suche, mit  diesem  und  dem  harten  Quell- Wasser  angestellt, 
die  Richtigkeit  des  angegebenenVerhaltens  derselben  beim  Erhitzen 
und  Abkühlen  nicht  bestätigt.  Es  hat  sich  vielmehr  dabei 
ergeben,  dass  das  Regen-  oder  destillirte  Wasser  sich 
allerdings  schneller  erwärmt,  als  das  Quell- Wasser,  dass 
dagegen  dieses  Letztere  schneller  sich  wieder  abkühlt,  als 
Jenes.  Nur  der  Umstand,  dass  das  Erkalten  in  den  letzten 
Graden  immer  langsamer  von  Statten  geht,  und  dass  es  damals 
noch  gänzlich  an  genauen  und  zuverlässigen  Thermometern 
gebrach,  mag  unserem  Altvater  zur  Entschuldigung  dienen.  Wir 
aber  finden  uns  eben  so  berechtigt,  als  veranlasst,  Nichts  von 
allen  solchen  Behauptungen  auf  den  blossen  guten  Glauben 
anzunehmen,  wenn  wir  sie  einem  Nachversuche  unterwerfen 
können.  6ü) 


Darmgicht,  Ruhr,  Harnstrenge,  Gelbsucht  und  Hautgeschwülsten;  dagegen 
die  äussere  Kälte  bei:  Fieber  mit  äusserer  Kälte,  Stulilzwang  und  Durch- 
fall (bloss  am  Kopfe  anzubringen),  Gelenkgicht  und  Podagra.  Wir  dürfen 
es  unbedenklich  jedem  vorurtheilsfreien  Arzte  anheim  stellen,  zu  beurtlicilcn, 
ob  diese  unzweifelhaften  Ergebnisse  der  Erfahrung  mehr  dem  allopathischen 
oder  dem  homöopathischen  Heilprinzip   entsprechen! 

60)  Noch  fehlt  uns,  trotz   des   Kosmos,   eine  genügende   Erklärung  der 


V.  Buch.     Aphorism  27,  28.  307 

27.    Es  ist  ein  gutes  Zeichen,  wenn  Diejenigen,  welche  in 
der  Nacht  an  Durst  leiden,  darüber  einschlafen. 


Man  weiss  in  der  That  nicht  recht,  wie  man  diesen,  so 
isolirt  für  sich  dastehenden  Lehrsatz  verwerthen  soll.  Wenn 
Jemand  in  Folge  einer  Arznei  über  seine  Beschwerden,  also 
auch  über  einen  ihn  quälenden  Durst,  einschläft,  so  ist  das 
allerdings  ein  gutes  und  Besserung  verheissendes  Zeichen. 
Aber  warum  dies  bloss,  oder  auch  nur  vorzugsweise  beim  nächt- 
lichen Durste  der  Fall  sein  sollte,  ist  nicht  wohl  abzusehen.61) 
Diese  Beobachtung  scbeint  daher  bei  einzelnen  Personen,  viel- 
leicht während  einer  besonderen  Epidemie,  gemacht  zu  sein, 
wobei  der  nächtliche  Durst  ein  hervorragendes  Symptom 
abgab,  wie  wir  Solchen  in  mehreren  akuten  Fiebern,  die  na- 
mentlich auf  Acon.,  Ant.  crud. ,  Beil.,  Bry.,  Cham.,  oder  Rhus 
hindeuten,  oft  vorhanden  finden.  Aber  nach  einem  derartigen 
einzelnen  Zeichen  die  Wahl  einer  homöopathisch  angemessenen 
Arznei  zu  treffen,  oder  auch  nur  eine  Prognose  zu  stellen,  dürfte 
doch  völlig  unmöglich  und  unzulässig  sein. 


28.  Das  Eäu ehern  mit  gewürzhaften  Dingen  befördert  die 
monatliche  Reinigung.  Dasselbe  würde  auch  sonst 
noch  manchmal  von  Nutzen  sein,  wenn  es  nicht  eine 
Eingenommenheit  des  Kopfes  verursachte. 


Bei   der   grossen  Anzahl    von    emmeniagogischen  Arz- 
neien, welche  heutiges  Tages  den  Aerzten  zu  Gebote  stehen,  und 


Thatsache,  dass  im  Meere  mit  der  Tiefe  die  Temperatur  eben  so  ab- 
nimmt, wie  sie  in  der  Erde  zunimmt.  Dort  nämlich  (nach  Peron  und 
d'Aubuisson)  findet  sieh  unter  dem  Aequator  bei  2000  Fuss  Tiefe  schon 
beinahe  der  Gefrierpunkt  erreicht,  während  er  hier  in  derselben  Tiefe  der 
Erde  bis  auf  beinahe  30°  R.  gestiegen  ist. 

61)  Grosser  Durst  ist  immer    ein  Zeichen    schneller  Selbstkonsumtion. 

Hufeland,  Makrobiotik  I,  8. 
20* 


308  v-   Buch-     Aphorism  29.   30. 

deren  Wirkung,  so  weit  Solche  von  uns  geprüft  sind,  rein 
homöopathisch  ist,  haben  die  Rauch  er  un  gen  nachgelassen, 
und  höchstens  bringt  man  noch  Fomentationen  und  Bäder 
mit  solchen  Stoffen  geschwängert  in  Anwendung.  Dass  die  Ho- 
möopathie dergleichen  zu  diesem  Behufe  nicht  braucht  und  nicht 
nölhig  hat,  bedarf  wohl  eben  so  wenig  einer  Erwähnung,  als 
dass  sie  hier,  wie  überall,  ihre  Mittel  in  Gemässheit  der  Ge- 
sammtheit  der  Krankheitszeichen  wählt.  In  der  Regel  stösst 
man  nur  dann  bei  der  Behandlung  solcher  weiblichen  Patienten 
auf  erhebliche  Schwierigkeiten,  wenn  vorher  schon  eine  lange 
Reihe  von  allopathischen  Emmeniagogis  in  den  üblichen 
grossen  Gaben  durchprobirt  war,  wie  dies  häufig  geschieht,  weil 
wir  doch  zur  Zeit  meistens  die  letzte  Instanz    sind. 


29.  Wenn  Auftreib ung  vorhanden  ist,  darf  man  Schwangere 
vom  vierten  bis  zum  siebenten  Monate  abführen;  in 
dem  letzten  Monate  aber  schon  weniger.  In  einer 
früheren  oder  späteren  Periode  der  Schwangerschaft 
muss  man  nur  im  Nothfalle  und  behutsam  dazu  über- 
gehen. 

Dieser  Aphorism  ist  gleichlautend  mit  Aph.  IV,  1,  worauf 
hiermit  verwiesen  wird.  Vielleicht  ist  er  eben  dieser  Wieder- 
holung wegen  in  einigen  Uebersetzungen  ganz  ausgelassen. 


30.     Es  ist  tödtlich,  wenn  eine  Schwangere  von  einer  hitzi- 
gen Krankheit  befallen  wird. 


Fast  sämmtliche  allopathische  Kommentatoren  haben  auf 
den  Grund  eigener  Erfahrungen  gegen  diesen  Lehrsatz  Wider- 
spruch erhoben,  und  wir  schliessen  uns  Diesen  gern  an.  Einige 
von  Ihnen  wollen  die  Ursache  dieses  hippokratischen  Irr- 
thums  in  dem,  durch  den  nachfolgenden  Aphorism  verpönten 


V.   Buch.     Aphorism  31.  309 

und  daher  unterlassenen  rechtzeitigen  Aderlas  s  finden. 
Wir  wollen  nicht  in  Zweifel  ziehen,  dass  dies  zuweilen  die  Ur- 
sache gewesen  sein  mag;  aber  mehr  und  öfterer,  wie  diese 
Unterlassungssünde ,  deren  wir  uns  selbst  beharrlich  schuldig 
machen,  dürften  doch  die  heftigen  Mittel,  welche  damals  im 
Gebrauche  waren,  und  die  in  übermässigen  Gaben  angewen- 
det wurden,  die  Hauptschuld  tragen,  wenn  dergleichen  lethale 
Folgen  eintraten.  Bei  unseren  kleinen,  richtig  angepassten  und 
nur  rein  dynamisch  wirkenden  Arzneien  sind  vollends  Dergleichen 
niemals  und  in  keiner  Periode  der  Schwangerschaft  zu  befürchten. 


31.     Eine  Schwangere,    der   man   zur  Ader   lässt,    erleidet 
eine  Fehlgeburt,  und  um  so  eher,  je  älter  die  Frucht  ist. 


Noch  einstimmiger,  wie  beim  vorhergehenden  (30)  Apho- 
rism,  lauten  die  Widersprüche  gegen  Diesen,  und  es  giebt  im 
Gegentheile  viele  Aerzte  von  Autorität,  die  gerade  unter  solchen 
Umständen  öftere  kleine  Aderlässe  nicht  nur  für  durchaus 
gefahrlos,  sondern  selbst  für  zuträglich  erklären.  Indessen  haben 
doch  auch  Andere  bestätigt,  dass  zuweilen,  besonders  nach  etwas 
reichlichein  Aderlasse,  in  den  ersten  Monaten  dei 
Schwangerschaft  Fehlgeburt,  so  wie  in  den  Letzten  Früh- 
geburt entstanden  sei,  und  wir  müssen  dieser  Erfahrung  bei- 
pflichten ,  ohne  darum  behaupten  zu  wollen ,  dass  Solches  eben 
durch  den  Aderlass  verursacht  sei.  Natürlich  haben  wir  in 
solchen  Dingen  keine  eigenen  Erfahrungen,  weil  wir  niemals 
absichtlich  einen  Tropfen  Blutes  vergiessen,  und  wir  hüten 
uns  sorgfältig,  wo  irgend  Zweifel  bestehen,  das  Post  hoc  mit 
dem  Propter  hoc  zu  verwechseln.  Wenn  daher  in  dieser  Be- 
ziehung zwischen  den  verschiedenen  Ansichten  ein  Streit  ob- 
waltet, so  geht  das  eigentlich  uns  nichts  an.  W;ir  können 
vielmehr  dabei  unsere  völlige  Neutralität  bewahren  und,  ohne  uns 


310  V.  Buch.    Aphorism  32. 

im  Entferntesten  daran  zu  betheiligen,  die  Kämpfenden  unter 
sich  die  Sache  ausfechten  lassen,  indem  selbst  der  Sieg  für 
uns  ziemlich  gleichgültig  ist,  er  möge  sich  nun  den  Blutgie- 
rigen oder  den  Blutscheuen  zuwenden.62) 


32.     Eine  Frau,  die  Blut  ausAvirft,  wird  davon  befreit,   so- 
bald sich  bei  ihr  die  Menstruation  einstellt. 


Nach  Galenus  (in  seinem  Kommentar)  und  Celsus  (II,  8) 
ist  es  wahrscheinlich,  dass  hier  bloss  von  Blutbrechen  die 
Rede  ist.  Indessen  entspricht  dieser  Lehrsatz  eben  so  gut  auch 
dem  Bluthusten,  welcher  unter  dieser  Bedingung  noch  häufi- 
ger vorkommt,  als  das  Blutb rechen,  und  es  scheint  daher 
die  obige  Uebersetzung  mindestens  zulässig.  Das  Eine  ist  übri- 
gens eben  so  wenig  unschuldig  und  gefahrlos,  als  das  Andere, 
und  wenn  die  temporäre  Beschwichtigung  dieses  Uebels  auch 
durch  den  Eintritt  der  Menstruation  erfolgt:  so  kann  dies  doch 
weder  eine  Heilung  genannt,  noch  als  eine  Bürgschaft 
gegen  die  Wiederkehr  angenommen  werden.  Jeder  Homöo- 
path wird  daher  diese  Erscheinung,  welche  namentlich  bei  jungen 
Mädchen  die  übelsten  Folgen  haben  kann  und  meistens  den 
Keim  zu  einem  tiefen  chronischen  Leiden  ankündigt,  nie- 
mals auf  die  leichte  Achsel  nehmen,  sondern  bei  Zeiten  ein- 
schreiten, ehe  es  zu  spät,  und  die  oft  darauf  folgende  Schwind- 
sucht völlig  ausgebildet  und  unheilbar  geworden  ist.  Glück- 
licher Weise  stehen -ihm  zu  dem  Ende  für  beiderlei  Fälle  die 
erprobtesten  und  bewährtesten  Heilmittel  zu  Gebote  (vorzüglich 
Bell. ,  Cupr. ,  Phosph. ,  Puls. ,  Sulph.  und  Veratr.) ,  unter  denen 


62)  Jeder  kann  seine  eigene  Meinung  oder  Ansicht  haben,  nicht  aber 
jeder  seine  Wahrheit;  es  giebt  nur  eine  Wahrheit  für  Alle,  und  diese  zu 
erreichen,  ist  das  Ziel  aller  gebildeten  Menschen. 

J.  W.   Schmitz,  Audeut.  S.  89. 


V.   Buch.    Aphorism  3ä,  34.  31  1 

das  Eine  oder  das  Andere,  nach  vorgangiger  genauer  homöo- 
pathischer Wahl,  nicht  verfehlen  wird,  diesen  abnormen  Zustand 
und  damit  auch  die  drohende  Gefahr  zu  beseitigen. 


33.     Es  ist  gut,    wenn    eine  Frau    bei   unterdrückter  Men- 
struation Nasenbluten  bekommt. 


Zufolge  einer  hierher  gehörigen  Stelle  heim  Celsus  (II,  8) 
hat  Hippokrates  hier  den  zuweilen  gefährlichen  und  stets 
sehr  belästigenden  Zustand  vor  Augen  gehabt,  wo  eine 
Frau  oder  ein  Mädchen,  nach  ausgebliebener  Regel,  an 
heftigem  Blutdrange  zum  Oberkörper  und  zum  Kopfe 
leidet.  Unter  solchen  Umständen  gewährt  allerdings  ein  einge- 
tretenes Nasenbluten  für  den  Augenblick  eine  sehr  bedeutende 
Erleichterung;  aber  leider!  ist  diese  Besserung  selten  von  lan- 
ger Dauer,  indem  sie  nur  gleichsam  palliativ  ist  und  nie- 
mals als  eine  wirkliche  Heilung  angesehen  werden  kann. 
Es  ist  also  durchaus  kein  genügender  Grund  vorhanden,  die 
Sache  damit  auf  sich  beruhen  zu  lassen.  Vielmehr  wird  auch 
in  solchen,  nicht  selten  vorkommenden  Fällen  der  Homöopath 
nicht  zögern,  seine  dafür  passenden  Mittel,  ebenfalls  sorgfältig  nach 
den  sonstigen  symptomatischen  Umständen  ausgewählt,  in  An- 
wendung zu  bringen.  Denn  er  weiss,  dass  zu  diesem  Behufe 
viele  Mittel  in  Konkurrenz  treten,  (namentlich  Acon.,  Ap.  melk, 
Beil., -Bit.,  Calc,  Carb.  an.,  Cham.,  Com,  Dulc. ,  Ferr.,  Graph., 
Lach.,  Lyc,  Merc,  Phosph.,  Puls.,  Sep.,  Sil.,  Sulph.  und  Veratr), 
denen  in  vorzüglichem  Grade  bei  Menstruations-Stockun- 
gen Blutdrang  zum  Kopfe  und  Nasenbluten  angehört. 


34.     Wenn    eine  Schwangere    einen    starken  Durchfall    be- 
kommt, so  läuft  sie  Gefahr,  eine  Fehlgeburt  zu  halten. 


312  v>  Buch-    Aphorism  35. 

Dieser  Lehrsatz  steht  gewissermaassen  in  Verbindung  mit 
dem  Aphorism  IV,  1,  worin  von  der  Gefahr  der  Abführungen 
für  Schwangere  die  Rede  ist.  In  dem  jetzigen  Falle  aber  ist 
diese  Gefahr  noch  grösser,  da  jeder  einigermaassen  heftige,  frei- 
willige Durchfall  von  einer  wirklichen  natürlichen  Krankheit 
des  Unterleibes  bedingt  und  abhängig  ist.  Aus  diesem  Grunde 
fürchtet  die  Homöopathie  jede  Art  von  Durchfall,  verwirft 
alle  Abführmittel,  und  beeilt  sich  jedesmal,  wo  freiwillig 
Diarrhöen  entstanden  sind,  Solche  sofort  zu  beseitigen.  Die 
alte  Schule,  die  sich  das  Prädikat  einer  hippokratischen 
anmaasst,  verstösst  nur  gar  zu  häufig  gegen  diese  hippokra- 
tische  Lehre,  indem  sie  bei  jedem  etwas  verhärteten  oder 
zögernden  Stuhlgange  mit  ihren  Abführmitteln  bei  der 
Hand  ist,  die  gewöhnlich  mehr  thun,  als  beabsichtigt  und  zu- 
träglich ist.63)  —  Oft  sind  die  Durchfälle  der  Schwangeren 
leichterer  Art,  wobei  Ant.  er.,  Chin.,  Dulc,  Puls.,  oder  Rheum 
zur  schnellen  Beseitigung  hinreichen.  Zuweilen  liegt  aber  ein 
chronisches  Leiden  im  Hintergrunde,  welches  Lyc. ,  Merc, 
Petr. ,  Phosph. ,  Sep.,  Sulph.  oder  Thuj.  zur  Wahl  bringt,  und 
dann  durch  diese  Mittel,  wenngleich  etwas  langsamer,  aber  um 
desto  dauerhafter  den  Zweck  erreichen  lässt. 


35.  Es  ist  gut,  wenn  sich  bei  einer  mit  hysterischen 
Krämpfen  behafteten,  oder  schwer  gebärenden  Frau 
Messen  einstellt. 


Die    noch    heute    bestehende    Gewohnheit.     Jemanden    ein 
Prosit!    oder:    Wohl    bekomm's!    zu    wünschen,    wenn    er 


63)  L'usage  des  purgatifs  est  lui-meme  cause  de  constipation,  et  cela 
d 'apres  la  loi  de  reaction  si  universellement  applicable  dans  l'ecoaomie.  — 
Loin  donc,  de  modifier  heureusenient  la  constipation,  les  purgatifs  l'aug- 
menteront   et  finiront  par  la  rendre  presque  invincible. 

Trousseau  et  Pidoux  I,  777. 


V.  Buch.     Aphorism  36,    37.  313 

geniesst  hat,  verliert  sich  im  höchsten  Alterthume.  Selbst 
Aristoteles  wusste  den  Ursprung  dieser  Sitte  nicht  mehr  an- 
zugeben. Die  Alten  scheinen  aber  dem  Ni essen  eine  grössere 
und  ausgedehntere  Wirkung  beigelegt  zu  haben,  als  heutiges 
Tages  geschieht.  Der  oben  erwähnte,  auch  von  Celsus  (II,  8) 
bestätigte  wohlthätige  Einfluss  auf  Hysterische  oder  Gebä- 
rende kann  nur  vorübergehend  sein,  und  es  wird  wohl  nicht 
leicht  einem  Arzte  einfallen,  wenn  er  auch  noch  so  hippo- 
kra tisch  gesinnt  ist,  seinen  Patienten  in  solchen  Fällen  Pulvis 
sternutatorius  (aus  Majoran,  Katzenkraut ,  Mayglöckchen  und 
Veilchen  wurzel)  zu  verschreiben,  oder  Schneeberg  er  anzu- 
rathen,  womit  vor  50 — 60  Jahren  in  den  Schulen  viel  Muth- 
willen  getrieben  wurde. 


36.  Wenn  bei  einer  Frau  die  monatliche  Beinigung  miss- 
farbig und  unregelmässig  erfolgt,  so  ist  dies  ein  Zei- 
chen, dass  eine  Abführung  nöthig  ist. 


Ein  Lehrsatz,  welchen  wohl  kein  Arzt  unterschreiben  wird, 
und  am  Allerwenigsten  ein  Homöopath.  Wenn  solche,  mehr  als 
einseitige  Behauptungen  zu  den  Kennzeichen  eines  wahren  hippo- 
kratischen  Arztes  gehören:  so  dürfen  wir  uns  Glück  wünschen, 
dass  uns  dieses  Prädikat  abgesprochen  wird. 


37.     W7enn    bei    einer    Schwangeren    die    Brüste    plötzlich 
schwinden,   so  erfolgt  eine  Fehlgeburt. 


Es  ist  sehr  häufig  der  Fall ,  dass  beim  Auftreten  des  eben 
erwähnten  Symptoms  an  den  Brüsten  einer  Schwangeren  die 
Frucht  bereits  abgestorben  ist,  wo  dann  natürlich  diese 
Folge  nicht   ausbleiben    kann.     Es    giebt   aber    auch  Fälle,    wo 


314  v-   B«ch.     Aphorism  38. 

ungeachtet  dieser  abnormen  Erscheinung  die  Frucht  noch  lebt 
und  die  Bewegung  Derselben  noch  deutlich  gefühlt  wird.  Hier 
ist  in  der  Regel  noch  Hülfe  und  Abwendung  des  allerdings 
drohenden  Missfalls  möglich,  wenn  unter  den,  für  solche  Um- 
stände angezeigten  Mitteln  (Cham.,  Chin.,  Com,  Fem,  Jod., 
Nitr.  ac,  N.  mosch.,  See.  com.  und  Sil.) ,  in  Gemässheit  der 
übrigen  vorhandenen  Symptome,  eine  vollkommen  richtige  homöo- 
pathische Wahl  getroffen  werden  kann,  und  Diese  in  der  erfor- 
derlichen Kleinheit  angewendet  werden.  Wir  können  in  unserer 
eigenen  Praxis  Mehrere  solcher  glücklichen  Erfolge  nachweisen, 
selbst  bei  Frauen,  welche  früher  schon  mehrere  ähnliche 
Fehlgeburten  erlitten  halten.64) 


38.  Wenn  bei  einer  mit  Zwillingen  schwangeren  Frau 
eine  der  beiden  Brüste  schwindet,  so  erfolgt  eine  Fehl- 
geburt der  einen  Frucht,  und  zwar  die  des  Knaben, 
wenn  die  rechte,  die  des  Mädchens  aber,  wenn  die 
linke  Brust  eingesunken  ist. 


Weder  Hippokrates  selbst,  noch  seine  Kommentatoren  füh- 
ren, so  viel  wir  haben  auffinden  können,  irgend  Thatsachen  an, 
welche  die  Richtigkeit  dieses  Lehrsatzes  nachweisen.  Man  darf 
sich  daher  versucht  fühlen ,  diesen  Aphorism  als  eine  etwas 
willkürliche  Schlussfolge  aus  dem  Vorhergehenden,  in 
Verbindung  mit  dem  später  folgenden  Aphorism  V,  48 
anzusehen,  welcher  Letztere  eine,  ebenfalls  noch  nicht  vollstän- 
dig bewiesene  Annahme  des  Altvaters  enthält.65)     Wir  betreffen 


64)  Ist  es  nicht  auffallend,  dass  eben  beim  Abortus,  ganz  dem  Similia 
Similibus  entsprechend,  Hufeland  dem  Eisen  und  Busch  dem  See.  com.  die 
heilsamste  Wirkung  zuschreiben? 

65)  On  prend  pour  point  de  depart  des  erreurs  et  on  arrive  ä  des 
erreurs,  qui   sont  les  carres  et  les  cubes  des  erreurs  primitives. 

Lebert  II,   273. 


V.  Buch.    Aphorism  38.  315 

daher  in  diesem  Lehrspruche  unsere  ehrenwerthe  Autorität 
auf  einem  spekulativen  Wege,  wo  Vernunflschlüsse 
auf  unerwiesene  Prämissen  an  die  Stelle  der  einfachen, 
klaren  und  unz weifelbaren  Erfahrungen  treten, und  bekla- 
gen es,  darin  einen  Vorgang  zu  erkennen,  welcher  von  einigen 
hippokratischen  Aerzten  nur  allzu  bereitwillig  nachgeahmt 
ist.  66)  Dieser  Umstand  kann  und  muss,  unseres  Erachtens,  zur 
ernsten  Warnung  dienen,  das  Feld  der  blossen  Spekulation 
ja  nicht  zu  betreten,  wo  es  sich  um  Thatsachen  handelt,  und 
da,  wo  Solches  unvermeidlich  ist,  Dieses  bloss  an  der  Hand 
der  sicheren  und  bereits  bewährten  Erfahrung,  und 
nicht  an  Der  irgend  einer,  auch  noch  so  wahrscheinlichen  Ver- 
muthung,  oder  gar  einer  vorgefassten  Meinung  zu  thun.6r) 
Dieser  Gefahr  wird  sich  aber  jeder  Arzt  aussetzen,  welcher 
seinen  Verstand  höher  schätzt,  als  die  verspotteten  Symp- 
tome, welche  die  Natur  selbst  darbietet,  und  an  Diesen  mäkelt 
und  erläutert  nach  Begriffen  und  Anschauungen,  die 
sich  mit  der  Herrschaft  jeder  neu  aufgetauchten  Schule  ver- 
ändern. 68)  Mag  auch  dadurch  der  sogenannten  Wissenschaft- 


66)  Es  hat  von  jeher  der  aufgenommene  Irrthum  immer  seine  Ver- 
theidiger  gehabt,  die  um  so  eifriger  Partei  ergreifen,  als  sie  selbst  weniger 
geprüft  haben.  Zwischen  Wahrheit  und  Irrthum  kann  aber  die  Welt 
nicht  lange  in  Zweifel  bleiben.  Ist  aber  die  Wahrheit  noch  neu,  der  Irr- 
thum hingegen  durch  sein  Alterthum  einigermaassen  geheiligt  und  tief  ein- 
gewurzelt, so  hat  er  ein  Heer  von  Anhängern,  die  ihn  als  den  Anker  ihres 
Heils  vertheidigen.  J.  W.   Schmitz,  Andeutungen  S.  89. 

67)  Es  ist  eine  merkwürdige  Thatsache,  dass  eben  in  den  Jahren 
1855  und  1856,  wo  Prof.  Bock  in  der  „Gartenlaube"  und  in  der  „Allg. 
Deutsch.  Zeitung"  der  Homöopathie  zu  Leibe  rückte,  die  Zahl  der  Patien- 
ten, welche  sich  an  die  Leipziger  hom.  Polyklinik  wandten,  eine  früher  nie 
erlangte  Höhe  erreichte.  Die  Geschichte  ist  nichts  weniger ,  als  arm  an 
dergleichen  keineswegs  beabsichtigten  Erfolgen. 

68)  Im  Jahre  1805  war  Fulton's  Entdeckung  über  die  Anwendung  des 
Dampfes  von  Napoleon  dem  französischen  Institute  vorgelegt,  welches  die- 
selbe einstimmig  verwarf,  und  den  Erfinder  einen  phantastischen  Schwär- 
mer, und  seine  Entdeckung  eine  wahnsinnige  Idee,  einen  Verstandesfehler, 
eine  sinnlose  Abgeschmacktheit  nannte. 


316  v-   Buch-    Aphorism  38. 

lichkeit69)  ein  unabsehbares  Feld  zum  Tummelplätze  für 
die  sich  gegenseitig  bekämpfenden  (und  schmähenden)  Gelehr- 
ten eröffnet  und  damit  Manchem  eine  erwünschte  Gelegenheit 
dargeboten  werden,  sein  künstliches  Licht  leuchten  zu  lassen;70) 
es  ist  und  bleibt  doch  vieles  unechtes  Blendwerk  darunter, 
was  wohl  den  Unkundigen  zur  Ueberraschung  und  zum  Anstau- 
nen bringen,  den  besonnenen  Forscher  in  dem  weiten  Reiche  der 
Natur  selbst  aber  niemals  blenden  und  verführen  kann.71) 


69)  „In  der  Verwerfung  aller  Verrnuthung",  —  sagt  Dr.  Rummel,  A. 
H.  Z.  Bd.  48,  S.  133  —  „alles  Unsicheren  liegt  die  Bedeutung  der  Ho- 
möopathie für  die  Wissenschaft,  liegt,  die  ganz  veränderte  Richtung,  welche 
ihr,  abgesehen  von  ihren  Erfolgen  am  Krankenbette,  eine  Stelle  in  dem 
Entwicklungsgänge  der  ärztlichen  Kunst  sichert,  welche  ihr  aber  auch  den 
Vorwurf  der  Unwissenschaftlichkeit  zuzog.  —  Die  Wissenschaftlichkeit  aber, 
die  hier  gemeint  ist,  wollen  wir  eben  nicht,  können  wir  nicht  brauchen, 
denn  sie  ist  eine  falsche,  trügerische,  unseren  Stolz  zwar  verlockende, 
aber  uns  in  Irrthümer  führende." 

70)  „Die  Elephanten"  —  sagt  Swift  —  „werden  immer  kleiner  ge- 
zeichnet als  sie  sind,  die  Flöhe  immer  grösser.  Mit  dem  Rufe  vieler  Ge- 
lehrten geht  es  eben  so." 

71)  Quand  on  veut  tromper  les  hommes ,  on  cherche  ä  les  entrainer 
par  quelque  chose  capable  de  les  seduire,  par  quelque  theorie  brillante. 
Ici ,  au  contraire,  c'est  un  principe ,  la  loi  des  semblables ,  qu'au  premier 
appercu  la  raison  est  disposee  a  rejeter;  c'est  en  outre  ime  posologie  qui 
excite  le  rire,  l'incredulite.  Dr.  L.  de  Parseval. 

Zu  welcher  wahrhaft  stupenden  (nicht  stupiden)  Höhe  die  Wissen- 
schaft emporgestiegen  ist,  davon  liefert  unter  Anderem  ein  Beispiel  die,  von 
dem  Prof.  Buys-Ballot  zu  Utrecht  (in  den  Verh,  der  deutschen  Naturf.  U. 
Aerzte  zu  Bonn  1857,  S.  169)  gegebene  Mittheilung  über  die  Hitze  des 
Sonnen-Kerns,  welche  im  Jahre  1850:  78,104,°19  Cels. ,  aber  vor 
36,268  Jahren:  156,  208,°38  C.  gewesen  seie,  und  nach  etwa  36,268 
Jahren  nur  noch  etwa  39,052°09  C.  betragen  würde.  Etwas  Aehnliches 
von  Genauigkeit  bis  auf  Yioo  emes  Celsius'schen  Wärmegrades  bei  solcher 
enormen  Hitze  ist  doch  wohl  noch  nicht  dagewesen. 

Bekannt  ist  die  Antwort,  welche  der  noch  heute  gefeierte  Th.  Syden- 
ham  einem  jungen  Arzte  gab,  der  ihn  um  seinen  guten  Rnth  wegen  seiner 
medizinischen  Studien  befragte,  und  dem  er  sagte:  „Lesen  Sie  den  Don 
Quixote;  es  ist  ein  sehr  gutes  Buch;  ich  lese  es  täglich."  —  Solche  Vor- 
gänge erinnern  daran. 


V.  Buch.    Aphorism  39.  317 

39.  Wenn  sich  bei  einer  Frau ,  die  weder  schwanger  ist, 
noch  gehören  hat ,  Milch  in  den  Brüsten  befindet,  so 
ist  ihre  monatliche  Reinigung  ausgeblieben. 


Ob  zwar  Celsus  (II,  8)  diesen  Lehrsatz  wörtlich  bestätigt, 
(und  wegen  ähnlicher  Uebereinstimmungen  wiederholt  den  Ver- 
dacht erregt,  dass  er  mehr  abgeschrieben,  als  selbst  geprüft  hat)  : 
so  wird  er  doch  nur  theil weise  durch  die  Erfahrung  bestätigt, 
indem  es  Frauen  giebt,  die  fortwährend  Milch  in  den  Brüsten 
haben,  obwohl  sie  weder  geboren  haben,    noch  ihnen  die  mo- 


Wir  haben  einen  äusserst  gelehrten  und  berühmten  Professor  der  Bo- 
tanik gekannt,  welcher  auf  einer  botanischen  Exkursion  viele  der  gemein- 
sten Gräser  nicht  kannte,  und  nicht  im  Stande  war,  neuerdings  aufgegan- 
gene Gerste  vom  Hafer  zu  unterscheiden.  Dagegen  benannte  er  ohne 
Stocken  zahlreiche  Moose  ohne  Fruktifikation ,  womit  die  getrockneten 
Pflanzen  in  einer  eben  aus  Java  angekommenen  Kiste  ringsumher  ausge- 
stopft waren.  —  Es  ist  leicht,  etwas  zu  behaupten,  wo  man  keine  Zurecht- 
weisung zu  befürchten  hat! 

Es  giebt  eine  Art  von  Gelehrsamkeit,  welche  man  die  „Pleonastische" 
nennen  könnte,  und  meistens  nur  dazu  dient,  entweder  eine  nutzlose  Viel- 
wisserei  zu  befördern,  oder  gar  missliebige  Examinanden  zu  chikaniren. 
Dahin  gehört  z.  B.:  wenn  von  einem  agronomischen  Zöglinge  die  Geschichte 
der  Erfindung,  der  Namen  und  der  Gestalten  aller  Pflüge  der  Vor-  und 
Jetzt-Zeit  verlangt  wird,  als  wenn  dies  Alles  erforderlich  wäre,  um  auf  dem 
Felde  eine  tadellose  Furche  zu  pflügen.  Ueber  ähnliche  „pleonastische" 
Prüfungen  haben  wir  auch  noch  in  andern  Fächern  des  menschlichen  Wis- 
sens theils  lächerliche,  theils  boshafte  Thatsachen  erfahren,  die  entweder 
auf  den  Verstand ,  oder  auf  die  Moralität  des  Examinators  ein  mehr'  als 
zweifelhaftes  Licht  werfen. 

Wenn  zwei  Professoren  der  Zoologie  (Pöppig  und  Giebel)  das  Ge- 
wicht des  Geweihs  eines  im  Jahre  1696  von  König  Friederich  I.  ge- 
schossenen Sechsundsechzigenders  übereinstimmend  zu  532  Pfund 
angeben:  so  muss  man  schliessen,  dass  auch  Gelehrte,  selbst  in  ihrem  Fache, 
sich  oft  gröblich  irren  können. 

Das  bekannte:  ne  sutor  ultra  crepidam!,  welches  (nach  Plinius  XXXV, 
36,  12)  Apelles  dem  kritisirenden  Schuster  zurief,  dürfte  zu  unseren  Zei- 
ten noch  oft  anwendbar  sein. 

Guerir  homoeopatiquement  des  animaux,  passe  encore,  mais  des  hom- 
mes,  ceci  est  un  attentat  aux  droits  de  la  Faculte. 

Parseval,  AU.  et  Hom.  p.  530, 


318  v-  Buch.    Aphorism  39» 

natliche  Reinigung  fehlt.  Was  nützen  also  solche  isolirt  da- 
stehende Beobachtungen ,  nebst  den  Erklärungen  derselben  aus 
dem  sonst  unerklärlichen  Ronsenz,  welcher  zwischen  den  Brü- 
sten und  den  Geschlechtstheilen  besteht?  —  Es  lassen 
sich  freilich  darüber  Abhandlungen  schreiben,  worin  der  Aufwand 
von  Gelehrsamkeit  Staunen  erregt;  aber  dieses  Schreiben  und 
Sprechen  gehört  erst  zu  der  zweiten  Linie  des  ärztlichen 
Berufs,  dessen  erste  und  oberste,  um  nicht  zu  sagen  ein- 
zige Obliegenheit  darin  besteht,  den  Kranken  wieder  ge- 
sund zu  machen.72)  Dieser  Hauptzweck  würde  dadurch  wenig- 
stens einigermaassen  erfüllt  werden ,  wenn  für  solche  seltenere 
Erscheinungen  die  hülfreichen  Mittel  angegeben  wären.  Aber 
daran  mangelt  es  bei  allen  Aphorismen,  und  was  die  Kommen- 
tatoren dazu  geliefert  haben,  ist  meistens,  wenigstens  für  uns, 
ganz  unbrauchbar.  Wir  haben  es  daher  für  dienlich  gehalten, 
diesen  Mangel,  so  gut  es  zur  Zeit  möglich  war,  wenigstens  theil- 
weise  auszufüllen.  Wir  fügen  deshalb  auch  hier  hinzu ,  dass 
beim  Eintreten  von  Milch  in  den  Brüsten  unter  den  ange- 
gebenen Umständen,  vorzüglich  aber  bei  unterdrückter 
Regel,  sich  zunächst  Beil.,  Bry.,  Calc,  Lyc,  Phosph.,  Puls., 
Rhus.,  Sabin,  und  Stram.  zur  Auswahl  darbieten,  während  die 
vorhandenen  Nebenbeschwerden  über  das  Eine  oder  das  Andere 
bestimmen  müssen.  Namentlich  wird  aber  entweder  das  Erste, 
oder  das  Letzte  (Bell,  oder  Stram.)  vor  den  Andern  angezeigt 
sein,  wenn  dabei  der,  in  dem  gleich  hierauf  folgenden  Apho- 
rism  angeführte ,  in  der  Wirklichkeit  zuweilen  vorkommende 
Fall  eintritt,  nämlich: 


72)  Die  unentbehrlichste  Wissenschaft  für  Jeden  ist,  zeitig  genug  zu 
erfahren,  nicht  nur  wozu  er  tauglich  sei,  sondern  auch,  wozu  er  tauglich 
zu  sein  Erlaubniss  und  Beruf  habe. 

Abt,   vom  Verdienste,  am   Schlüsse. 


V.  Buch.     Aphorism    40,  41.  319 

40.     Es  deutet  auf  Geistesverwirrung,    wenn  sich  das  Blut 
in  den  Brüsten  der  Frauen  anhäuft. 


Indessen  giebt  es  hierbei  auch  Falle,  wo  wegen  entzünd- 
lichen Zustandes  Acon. ,  Ap.  raell. ,  Ferr. ,  Pliospb.,  oder  noch 
Andere  angezeigt  sein  können  und  am  ersten  dann  Hülfe  brin- 
gen, wenn  sie  schon  vor  Eintritt  der  Geistesverwirrung 
angewendet  werden,  und  die  Symptome  Solche  überhaupt  an- 
zeigen. —  Uebrigens  gehört  auch  dieser  Aphorism  wieder  ganz 
zur  Kategorie  der  Vorigen,  und  muss  notwendiger  Weise  Man- 
chen unbefriedigt  lassen,  welcher  nützliche  und  brauchbare  Be- 
lehrung, und  nicht  physiologische  Rä Insel  zu  lösen  sucht, 
wie  die  in  der  Anmerkung.73) 


41.     Will  man  wissen,  ob  eine  Frau  schwanger  ist,  so  gebe 
man  ihr  vor  dem  Schlafengehen  Honigwasser  zu  trin- 


73)  Die  fast  augenblicklich  vermehrte  Absonderung  der  Milch,  wenn 
sich  die  Amme  mit  einem  wohlschmeckenden  Getränke  gelabt  hat,  so  wie 
der  augenblickliche  Durst,  wenn  das  Kind  zu  saugen  beginnt,  ist  ein  wah- 
res physiologisches  Eäthsel. 

Hahnemann  in  Cullens  M.  med.  I,  355. 

Wir  haben  schon  den  materialistischen  Physiologen  und  Chemikern  in 
diesen  Glossen  einige  Räthsel  aufgegeben;  auch  hier  möge  noch  ein  Der- 
artiges zur  befriedigenden  Lösung  vorgelegt  werden:  —  Es  ist  nämlich 
bekannt,  dass  viele  Insekten,  namentlich  die  Schmetterlinge,  vom  Eie 
an  verschiedene  Verwandlungen  durchmachen  müssen,  bis  sie  zu  ihrer 
Vollkommenheit  gelangt  und  zur  Fortpflanzung  fähig  geworden  sind,  wäh- 
rend sie  nur  als  Raupe  eigentliche  Nahrung  zu  sich  nehmen,  —  dass  diese 
Verwandlungen  bei  den  verschiedenen  Arten  (Papiliones ,  Sphinges  und 
Phalaenae)  verschieden,  aber  bei  Allen  stets  gleichförmig  sind,  und  endlich 
—  dass  die  Eier  jedesmal  vorsorglich  auf  bestimmte  Gegenstände  gelegt 
werden,  welche  für  den  vollendeten  Schmetterling  an  und  für  sich  gänzlich 
nutzlos  sind  und  nur  dem  ausgekrochenen  Räupchen  Nahrung  darbieten. 
Wer  diesen  Hergang  chemisch  oder  physiologisch  genügend  erklärt,  von  Dem 
wird  es  mit  Recht  heissen :    magnus  nobis  erit  Apollo ! 


320  v-  Buch.     Aphorism  42,  43. 

ken.    Erfolgt  darauf  Leibschneiden,   so  ist  sie  schwan- 
ger ;    wo  aber  nicht ,   so  ist  sie  auch  nicht  schwanger. 

Ob  zwar  mehrere  medizinische  Schriftsteller  der  Vorzeit,  die 
heute  Niemand  mehr  liest,  diesen  Lehrsatz  bestätigen,  vielleicht 
aber  auch  nur  abgeschrieben  haben:  so  lässt  sich  doch  nichts 
Sicheres  darüber  sagen,  weil  die  Anwendung  des  bei  den  Alten 
so  sehr  beliebten  Honigwassers74)  ganz  aus  der  Mode  gekom- 
men ist  und  es  mithin  heutiges  Tages  an  Nachversuchen  und 
Erfahrungen  darüber  mangelt. 


42.  Wenn  eine  Frau  mit  einem  Knaben  schwanger  geht, 
so  ist  ihre  Farbe  frisch;  wenn  aber  mit  einem  Mäd- 
chen, blass. 


Diese  Meinung,  deren  auch  Plinius  (VII,  6)  Erwähnung 
thut,  besteht  noch  heutiges  Tages  unter  dem  Volke,  und  dürfte 
daher,  wie  so  manche  Volksregel,  in  vielen  Fällen  etwas  für 
sich  haben.  Aber  als  Lehrsatz  kann  sie  doch  wohl  schwer- 
lich hier  eine  Stelle  verdienen.  Die  blasse  Farbe  hat  gewöhn- 
lich andere  Ursachen.75) 


43.     Es  ist  tödtlich,  wenn  bei  einer  Schwangeren  sich  eine 
Entzündung  der  Gebärmutter  einstellt. 


Dies  ist  eine  allerdings  höchst  gefährliche,  aber  darum  doch 
nicht  eben  absolut-  tödtli che  Krankheit,  die  noch  häufiger  die 
Wöchnerinnen,  als  die  Schwangeren  befällt.     Unter  den   Händen 

74)  Verschieden  von  dem  einfachen  Honigwasser  war  das  Thalas- 
somelon  des  Dioscorides,  welches  aus  gleichen  Theilen  Meer- Wasser,  süs- 
sem Wasser  und  Konig  bestand,  und  bei  Vielen  sehr  beliebt  war. 

75)  Um  bleiche  Farben  zu  erzielen,  schnüren  wir  die  Endivien,  die 
Spanier  die  Palmblätter  und   —   die  Mütter  ihre  Töchter  zusammen. 


V.  Buch.     Aphorism  44.  321 

eines  erfahrenen  und  umsichtigen  Arztes  wird  sie  indessen  in 
hei  Weitem  den  meisten  Fällen  einem  glücklichen  Ausgange  zu- 
geführt. Jedenfalls  erfordert  aher  dieses  schnell  tödtlich  werdende 
Fieber  ein  strenges  Individualisiren,  weil  die  Zahl  der 
dabei  konkurrirenden  Heilmittel  gross  ist,  die  begleitenden 
und  anzeigenden  Nebenbeschwerden  äusserst  mann  ich- 
faltig sind,  und  nur  durch  möglichst  schnelle  und  genau  ent- 
sprechende arzneiliche  Einwirkung  die  drohende  Gefahr  ab- 
gewendet werden  kann.  Wenn  dabei  auch  in  den  meisten  Fällen 
die  Wahl  zunächst  schwankt  zwischen  Acon.,  Beil.,  Chain.,  Coloc, 
N.  vom.,  Plat.,  Puls.,  Rhus.,  Sabin.,  See.  com.  und  Sep. ;  so 
giebt  es  doch  auch  Andere,  welche  Ap.,  Arn.,  Ars.,  Bry.,  Calc, 
Carb.  an.,  Coff.,  Croc,  Ferr.,  Hyosc,  Ipec,  Kali,  Stram.,  oder 
Sulph.  anzeigen,  ohne  darum  auch  noch  andere  Mittel,  nament- 
lich :  Ant.  crud.,  Chin.,  Cocc,  Con.,  Creos.,  Ignat.,  Mosch.,  Natr. 
mur.,  Op.,  Phosph.,  Veratr.  und  Zinc.  ganz  auszuschliessen.  Man 
sieht  also,  dass  die  Behandlung  dieser  Krankheit,  die  dabei  weni- 
ger, als  manche  Andere,  Zögern  oder  Versuche  gestattet, 
ihre  grossen  Schwierigkeiten  darbietet,  welche  nur  von  Demjeni- 
gen mit  Sicherheit  überwunden  werden  können,  der  mit  der 
vollständigsten  Kenntniss  der  Eigenthümlichkeit  jeder 
dieser  Arzneien  ausgerüstet,  den  vorliegenden  Fall  mit  aller 
Schärfe  ins  Auge  fasst,  und  dabei  nicht  mit  Gewalt  erzwingen 
will,  was  nur  auf  dynamischem  Wege,  d.  h.  durch  die  klein- 
sten Gaben,  zu  erreichen  ist. 


44.  Bei  widernatürlich  mageren  Frauen,  welche  schwanger 
werden,  hören  die  Fehlgeburten  nicht  eher  auf,  als 
bis  sie  beleibter  geworden  sind. 


Beispiele  vom  Gegentheile   kommen  aller  Orten  vor  und 
überheben  uns  der  Mühe ,    diesen  Aphorism ,    zusammt  den  ge- 


322  v-  B«cU.     Aphoiism  45,  46,  47. 

schraubten  Erklärungsversuchen    des   JNumesianus   heim    Galenu^ 
zu  widerlegen. 


45.  Diejenigen  Frauen  von  mittlerer  Beleibtheit,  welche 
ohne  Veranlassung  im  zweiten  oder  dritten  Monate 
eine  Fehlgeburt  halten,  leiden  an  einer  Verschleimung 
der  Kotyledonen.  Diese  können  daher  ihrer  Schwere 
wegen  die  Frucht  nicht  tragen  und  lassen  sie  deshalb 
abfallen. 

46.  Bei  denjenigen  Frauen ,  welche  wegen  übermässiger 
Fettigkeit  nicht  empfangen ,  drückt  das  Netz  den 
Muttermund  zusammen,  und  sie  werden  daher  nicht 
eher  schwanger,  als  bis  sie  magerer  geworden  sind. 


Man  weiss  kaum,  was  man  zu  den  beiden  vorstehenden 
Aphorismen  (45  und  46)  sagen  soll ,  und  übergeht  sie  daher 
wohl  am  Besten  mit  Stillschweigen.  Sie  beweisen  bloss,  dass 
selbst  der  Altvater  der  Medizin  nicht  frei  war  von  der  leidigen 
Erklärungssuchl  der  Aerzte,  selbst  da,  wo  er  nur  Ver- 
muthungen  vorzubringen  hat,  die  in  der  Wirklichkeit  keine  Be- 
stätigung finden.  76) 


47.  Wenn  die  auf  dem  Hüftbeine  aufliegende  Gebärmutter 
in  Eiterung  übergegangen  ist,  so  wird  daraus  ein 
fistulöses  Geschwür  entstehen. 


76)  Prenons  garde  de  nous  laisser  empörter  par  les  fausses  lueurs  de 
cette  science  trompeuse.qu'on  nomine  l'an.itomie  pathologique. 

Leon   Simon,   exposition.  p.   397. 

Selbst  die  Academie  de  Medecine  zu  Paris  kann  den  Rückschritt  in 
der  eigentlichen  Heilkunst,  wie  er  sieh  in  der  neueren  Zeit  durch  den  Eiu- 
fluss  der  pathologischen  Anatomie  gestaltet  hat,  nicht  verhehlen.  Ihr  Be- 
richterstatter, Dr.  Donne,  erklärt:  „Nous  voulons  demontrer  que  l'attention 
exclusive  qu'on  donne  aux  etudes  anatomiques,  au  diagnostic  et  aux  causes 
prochaines  des  maladies,  a  peut-etre  trop  eloigne  de  l'observation  des  cau- 
ses g^ndrales  et  des  moyens  de  les  combattre". 


V.  Buch.    Aphorisra  48.  323 

Die  vorstehende  Uebersetzung  dieses  Aphorisms  entspricht 
derjenigen,  welche  Grimm,  Brandeis,  Martian  u.  A.  davon  gege- 
ben, während  Almeloveen,  Plantius,  Leveille,  Lilienhain,  Pittschaft, 
und  besonders  der  gelehrte  Foesius  in  seiner  Oeconomia  Hippo- 
kratis  ad  vocem  s'^ota  (Pag.  203)  den  Schluss  dahin  über- 
setzen, dass  dazu  auf  Leinwand  gestrichene  Arznei  erforderlich 
wäre.  Wir  finden  keine  Veranlassung,  auf  diesen  Meinungs- 
Zwiespalt  solcher  gelehrten  Autoritäten  näher  einzugehen  und  uns 
für  die  Eine  oder  die  Andere  auszusprechen,  indem  die  Sache 
an  und  für  sich  unerheblich  und  aus  keiner  Version  eine  beson 
dere  Belehrung  zu  schöpfen  ist. 


48.     Gewöhnlich   liegen    die    Knaben    in    der    rechten,    die 
Mädchen  in  der  linken  Seite. 


Ebenfalls  eine  Meinung,  die  noch  heute  bei  vielen  Weibern 
besteht  und  seihst  unter  den  Aerzten  Verfechter  gefunden  hat. 
Indessen  hat  selbst  Hippokrates  durch  den  Beisatz :  paXkov  die 
Allgemeinheit  dieser  Regel  ausgeschlossen.  —  Vergl.  sitiS^jxiav 
vo  i-Ktov  II,  34,  35  und  36. 77) 


77)  Saepius  in  utero  moveri  mares  et  in  dextera  fere  geri  parte,  in 
laeva  feminas,  constat.  Plinius  VII,  3. 

Vermuthlich  kennen  wenige  Dasjenige,  was  Avicenna  über  die  Zeugung 
der  männlichen  und  weiblichen  Kinder  lehrt,  und  es  möge  daher  die  be- 
treffende Stelle  hier  angehängt  werden:  —  „Ubi  menses  defluxerint  sitque 
abstersus  uterus,  quod  quinto  fere  die  usuvenit,  aut  septimo,  si  vir  mulieri 
congrediatur,  a  primo  cum  est  purgata  die  ad  quintum,  marem  producere:  a 
quinto  vero  ad  oetavum  femellam :  rursus  ab  octavo  ad  duodecimum  denuo 
masculum:  post  illum  vero   dierum  numerum  Hermaphroditum." 

In  des  Hippokrates  Buche  negl  £inx.V7Jat,og  ist  Diesem  entsprechend 
der  Rath  ertheilt:  die  rechte  Hode  so  stark  zu  unterbinden,  als  der  Mann 
es  nur  ertragen  kann,  wenn  er  ein  Mädchen,  die  linke  hingegen,  wenn  er 
einen   Knaben   zeugen  will. 

21* 


324  v-   Bucl>-     Aphorism    19,  50,   51. 

49.  Zur  Beförderung  des  Abganges  der  Nachgeburt  gebe 
man  den  Wöchnerinnen  ein  Niessemittel ,  wobei  sie 
aber  Mund  und  Nase  zuhalten  müssen. 


Zu  vergleichen  mit  dem  Aphorism  35  dieses  Buches.  — 
Wir  wissen  nicht,  ob  unsere  hippokra tischen  Aerzte  in 
solchen  Fällen  von  diesem  hippokratischen  Lehrsätze  noch 
heute  Gebrauch  machen.  Uebrigens  erinnert  der  Nachsatz  an 
ein  oft  angepriesenes  Verfahren,  um  ein,  nach  nassem  Klee- 
futter aufgeblähtes  Stück  Rindvieh  zu  retten,  indem  ihm 
ebenfalls  Maul  und  Nase  zugehalten  wird,  damit  es  aufstossen 
und  so  das  Gas  von  sich  geben  soll,  —  ein  Verfahren,  welches 
wir  weit  sicherer  und  zweckmässiger  durch  eine  kleine 
Gabe  Colch.  ersetzen,  und  die  barbarische  Anwendung  des  sonst 
üblichen  Troikars  überflüssig  machen. 


50.  Wenn  man  bei  einer  Frau  den  monatlichen  Blutab- 
gang stillen  will ,  so  setze  man  ihr  einen  grossen 
Öchröpfkopf  dicht  unter  den  Brüsten. 


Diese  Stelle  zum  Anbringen  der  Schröpfköpfe  für  den  er- 
wähnten Fall,  nämlich  nicht  auf  oder  neben,  sondern  vielmehr 
unter  den  Brüsten,  entspricht  dem  Kommentar  des  Galenus  und 
dem  Celsus  (IV,  20;,  sowie  dem  Sinne  des  Aphorisms  20  die- 
ses Buches.  Aber  auch  dieses  Verfahren  scheint  obsolet  gewor- 
den zu  sein,  und  zwar  mit  Recht,  weil  nur  Wenige  solcher 
Blutungen  auf  diese  Art  gehoben,  Keine  aber  dadurch 
dauerhaft  geheilt  werden  können. 


51.    Bei  Schwangeren  ist  der  Muttermund  verschlossen. 


V.  Buch.    Aphorism  52.  325 

Es  bedarf  kaum  einer  Erwähnung,  dass  dieser  Lehrsatz  in 
den  damaligen  mangelhaften  anatomischen  Kenntnissen  seinen 
Ursprung  hat.  r8) 


52.  Wenn  einer  schwangeren  Frau  viel  Milch  aus  den 
Brüsten  läuft,  so  zeigt  dies  eine  schwächliche  Frucht 
an.  Sind  hingegen  bei  einer  Solchen  die  Brüste  fest 
und  straff,    so  deutet  dies  auf  eine  kräftige  Frucht. 


Obwohl  dieser  Lehrsatz  von  Celsus  (II,  7)  bestätigt  wird, 
und  in  der  Wirklichkeit  nicht  so  gar  selten  seine  volle  Richtig- 
keit hat:  so  ist  er  doch  nicht  allgemein  wahr.  Es  giebt  näm- 
lich starke,  man  möchte  sagen,  übergesunde  Frauen,  welche 
in  der  Schwangerschaft  an  dieser  Beschwerde ,  und  oft  in 
dem  Maasse  leiden,  dass  sie  gezwungen  sind,  Tücher  oder 
Schwämme  auf  der  Brust  zu  tragen,  und  doch  gesunde,  kräf- 
tige Kinder  zur  Welt  bringen.  Am  meisten  findet  sich  dieses 
bei  fettleibigen  Personen,  bei  denen  ausser  der  Schwan- 
gerschaft das  Monatliche  zu  früh,  zu  stark  und  zu  lange 
fliesst,  und  die  kurz  vor  Eintritt  der  Regel  an  einer  schmerz- 
haften Anschwellung  der  Brüste  leiden,  die  mit  dem  Er- 
scheinen derselben  wieder  vergeht.  Auch  sind  diese  Frauen 
vorzugsweise  zu  Fehlgeburten  geneigt.  In  Gemässheit  un- 
serer wiederholten  Erfahrungen  ist  diese  Beschwerde  der  Frauen 
zwar  nicht  eben  gefährlich,  aber  doch  äusserst  lästig, 
und  findet  meistens  in  der  homöopathischen  Anwendung  der 
Calc.  carb.  eine  gründliche  und  dauerhafte  Heilung.  Bei  mage- 
ren und  überhaupt  schwä  ch liehen  Müttern  fügt  jedoch  die- 
ser obwohl  seltenere  Umstand  zu  den  Uebrigen  noch  ein  schlim- 


78)  Merkwürdig  ist  in  dieser  Beziehung  der  Widerspruch  in  A.  v.  Hal- 
ler's  „Grundriss  der  Physiologie"  in  den  beiden  §  880  und  §  926,  worüber 
sich  auch  die  Herausgeber  der  deutschen  Uebersetzung,  Sömmering  und 
Meckel,  nicht  weiter  erklärt  haben. 


326  V.   Buch.      Aphorism  53. 

mes  Symptom  hinzu,  und  es  ist  dann  ohne  Zweifel  ein  chro- 
nisches Leiden  vorhanden,  welches  eine  umsichtige  und  sorg- 
fältige Behandlung  verlangt,  und  wofür  die  Gesammtheit  der 
Zeichen  auf  viele  andere  Mittel  hinweisen  kann ,  deren  Erörte- 
rung hier  zu  weit  führen  würde. 


53.  Bei  denjenigen  Frauen,  denen  eine  Fehlgeburt  bevor- 
steht, schwinden  vorher  die  Brüste.  Wenn  diese  sich 
aber  wieder  anfüllen,  so  erfolgen  Schmerzen,  entweder 
in  den  Brüsten,  oder  in  den  Hüften,  oder  in  den 
Augen,  oder  in  den  Knieen,  aber  keine  Fehlgeburt. 


Dieser  Aphorism  ist  eine  Ergänzung  und  Erweiterung  zu 
den  Aphorismen  37  und  38  dieses  Buches,  wobei  das  auf  die 
erste  Phrase  Bezügliche  bereits  angeführt  wurde.  Was  die 
zweite  Hälfte  desselben  betrifft,  so  wird  diese  wohl  nicht  so 
zu  verstehen  sein ,  als  wären  die  angeführten  Beschwerden  an 
Hüfte,  Auge  oder  Knie  eine  andere  unmittelbare  Folge 
des  Abwelkens  der  Brüste ,  wie  die  Fehlgeburt.  Wir  müssen 
darin  vielmehr  eine  Metastase  eines  inneren  Siechthums 
erblicken,  wie  sie  hier  und  da  vorkommt,  und  in  einer  Weise 
auftritt,  die  oft  aller  vorherigen  Vermuthung  und  aller 
nachherigen  Erklärung  spottet.  Die  Zahl  solcher  Ver- 
setzungen geht  aber  ins  Unendliche,  wie  die  Zahl  der  chro- 
nischen Krankheiten  überhaupt,  und  nur  durch  die  für  diese 
Letztern  sich  eignenden  Mittel  kann  dauerhafte  Hülfe  geschafft 
werden.  Arn  Uebelsten  fährt  aber  eine  solche  Kranke,  wenn 
sie,  mit  Verkennung  der  eigentlichen  Natur  und  Eigenthümlich- 
keit  ähnlicher  Zufälle,  mit  palliativen  oder  revulsiven  Mit- 
teln behandelt  wird,  wobei  in  der  Begel  das  von  irgend  einem 
Organe  vertriebene  Leiden  sich  auf  ein  Anderes  und  mei- 
stens Edleres  wirft,  welches  wichtiger  und  zum  Leben  noth- 
wendiger  ist,  als  das  früher  Ergriffene.     Hierin  liegt  dann  auch 


V.   Buch.     Aphorism  54.  327 

der  Grund,  warum  solche  Beschwerden  in  keinem  Falle  als  un- 
bedeutend angesehen  und  mit  sorgloser  Leichtfertigkeit  behan- 
delt werden  dürfen. 


54.     Wenn    bei    einer  Frau    der  Muttermund  hart   ist,    so 
muss  dieser  nothwendiger  "Weise  auch  verschlossen  sein. 


Hier  ist  nicht  von  dem ,  der  Schwangerschaft  wegen  ver- 
schlossenen Muttermunde,  wobei  die  Theile  weich  bleiben,  wie 
im  Aphorism  V,  51,  sondern  von  einer  Verhärtung  und  Ge- 
schwulst die  Rede,  die  unter  allen  Umständen  gefährlich  ist 
und  leicht  zu  einem  der  schrecklichsten  Leiden,  nämlich  zum 
bösartigen  Mutterkrebs  übergehen  kann.  Nur  im  Anfange 
der  richtig  erkannten,  nicht  Lokal-,  sondern  Gesammt- 
Krankheit,  und  bei  genügenden  Symptomen  in  Betreff  der  be- 
gleitenden Nebenbeschwerden,  welche  vorzüglich  die  Mittel- 
wahl sichern  müssen,  kann  noch  mit  grosser  Zuversicht  eine 
glückliche  und  vollständige  Heilung  prognoslizirt  werden.  Ist 
das  Uehel  hingegen  einmal  völlig  ausgebildet  und  die  jauchige 
Eiterung  eingetreten,  dann  ist  meistens  wenig  oder  gar  keine 
Hoffnung  mehr  für  einen  günstigen  Ausgang  vorhanden.  Man 
hat  also  die  dringendste  Veranlassung,  gleich  von  Vorne  herein 
mit  der  grössten  Gewissenhaftigkeit  und  Sorgfalt  unter  den  sich 
dazu  darbietenden  Mitteln,  wozu  sich  namentlich:  Ars.,  Aur., 
Beil.,  Carb.  an.,  Chin.,  Gem.,  Creos.,  Ferr.,  Jod.,  Lach.,  Magn. 
mur.,  Merc,  Plat.,  Puls.,  Sabin.,  Sassap.,  See.  corn.,  Se.p.  und 
Thuj.  vorzüglich  empfehlen,  die  passendste  Wahl  zu  treffen. 
Dadurch  allein  ist  es  uns  selbst  und  einigen  unserer  befreun- 
deten Kollegen  jedesmal  gelungen,  die  drohende  Gefahr  glücklich 
abzuwenden,  ehe  das  Uebel  seine  unheilbare  Höhe  erreicht  hatte. 


328  v-   Buch.    Aphorism  55. 

55.  Bei  schwangeren  Frauen ,  welche  von  Fiebern  ergrif- 
fen werden,  oder  welche  ohne  offenbare  Veranlassung 
stark  abmagern,  ist  entweder  die  Niederkunft  beschwer- 
lich und  gefahrvoll,  oder  sie  schweben  in  Gefahr  we- 
gen Fehlgeburten. 


Diese  Zustände,  nämlich  sowohl  irgend  ein  Fieber,  als 
noch  mehr  eine  erhebliche  Abmagerung  ohne  besondere 
sichtliche  Ursache,  deuten  fast  jedesmal  auf  ein,  tief  im  Innern 
verborgenes  chronisches  Siechthum,  welches  beim  Akte 
einer  gewöhnlichen  Geburt,  oder  bei  einer  Fehlgeburt  einen 
bedeutenden  Fortschritt  zu  machen  pflegt,  und  dann  um  so  mehr 
dem  dadurch  angegriffenen  und  geschwächten  Körper  höchst 
gefährlich  werden  kann.  Darin  liegt  eben  eine  Haupt-Eigen- 
thümlichkeit  der  bei  Weitem  meisten  wahren  chronischen 
Krankheiten,  dass  sie  aus  fast  unbemerklichen  Anfängen 
hervorgehen,  geraume  Zeit  hindurch  den  Kranken  nicht  erheb- 
lich belästigen,  aber  um  so  mehr  im  verborgenen  Innern 
wuchern  und  ihre  Wurzeln  ausbreiten,  bis  irgend  eine  Veran- 
lassung, oft  geringfügiger  Art,  ihren  Ausbruch  befördert, 
und  sie  nun,  einmal  erwacht,  mit  grosser  Kraft  und  Ausdauer 
auf  dem  Pfade  ihrer  Zerstörung  vorwärts  gehen.  Da  heisst  es 
also:  Aufgepasst!  Nicht  gezögert!  und  früh  genug,  so  lange 
es  noch  an  der  Zeit  ist,  die  nöthigen  Mittel  in  Thätigkeit  ge- 
setzt! Wer  da  mit  den  gewöhnlichen  Mitteln  von  kurzer 
Wirkungsdauer  das  Fieber  vorübergehend  beschwich- 
tigen, oder  durch  reichliche  Nahrung  die  Abmagerung  hem- 
men wollte,  der  würde  ganz  zuverlässig  seinen  Zweck  völlig  ver- 
fehlen. Es  ist  nicht  das  geringste  Verdienst  des  Stifters  unserer 
Schule,  was  er  uns  durch  sein  noch  vielfach  verkanntes  Werk 
„über  die  Natur  und  Heilung  der  chronischen  Krank- 
heiten" gelehrt  hat.79)     In  dem  ersten  Bande  (zweiter  Auf- 


79)  Es  kann  in  der  That  nichts  Ungerechteres  und  Grundloseres  geben, 
als  die  bitteren   und   maasslosen  Vorwürfe,    womit    man    den    ehrwürdigen 


V.  Buch.     Aphorism  55.  329 

läge)  finden  wir  (S.  58  ff.)  die  Zeichen  der  noch  schlum- 
mernden (latenten),  und  (S.  67  ff.)  die  der  erwachten 
Psora,  mit  einer  Schärfe  und  Vollständigkeit  angegeben,  welche 
Zeugniss  ablegen  für  den  Fleiss,  den  er  darauf  verwendet  bat.80) 
Wenn  dieser  ebenso  redliche,  als  tiefsinnige  Forscher  dafür  nicht 
nur  von  seinen  Feinden,  sondern  selbst  von  seinen  Schülern  und 
angeblichen  Freunden  mit  Schmähungen  überschüttet  ist:  so 
glauben  wir  von  der  Nachwelt  ein  anderes  Urtheil  erwarten  zu 
dürfen.  81) 


Gründer  der  Homöopathie  wegen  der  sogenannten  „Psoratheorie"  über- 
schüttet hat.  Was  ist  diese  denn  Anderes,  als  eine  streng  homöopathische 
Anwendung  der  nirgends  bezweifelten  und  so  wichtigen  Lehre  von  der 
Anamnese  auf  die  chronischen  Krankheiten?  —  einer  Lehre,  die  ohne 
Zweifel  jedem  Widersacher  Hahnemanns  in  zahlreichen  Fällen  von  akuten 
Krankheiten  die  wichtigsten  Dienste  geleistet  hat!  Diese  ganz  unver- 
kennbare Uebereinstimmung  mit  den  Prinzipien  der  Homöopathie  liegt,  soll- 
ten wir  meinen,  so  nahe  und  deutlich  vor  Augen,  dass  es  fast  scheint,  als 
habe  man  absichtlich  Diese  verschlossen,  um  der  Galle  los  zu  werden,  die 
sich  bei  mehreren  Gegnern  des  edlen  Greises,  selbst  unter  der  Zahl  der 
angeblichen  Homöopathen,  allzu  sehr  angehäuft  hatte,  weil  sie  seine  treuen 
Lehren  und  Warnungen  nicht  befolgten  und  daher  seine  unverhohlene  und 
laute  Rüge  sich  zuzogen.  —  In  ganz  gleicher  Weise  gilt  Alles,  was  die 
Natur  und  das  Wesen  der  Anamnese  anbelangt,  auch  von  der  Syphilis 
und  von  der  durch  die  Pocken  so  weit  verbreiteten  Sykosis. 

80)  Hahnemann  hätte  wie  Lucian  (in  seinem  „Fischer")  mit  Recht 
auch  von  sich  sagen  können:  Ich  heisse  Parrhesiades  (der  Freimüthige), 
Alethions  (der  Wahrhaftigkeit)  Sohn,  und  Enkel  des  Cleaxicles  (des  Ueber- 
zeugenden). 

Vielen  Gegnern  Hahnemanns  geht  es,  wie  J.  Primirose,  dem  Gegner 
Harwey's,  welcher  in  einer  Schrift  von  14  Tagen  ein  Werk  widerlegen 
wollte,   worauf  dieser  26  Jahre  verwendet  hatte. 

81)  Erscheint  ein  wahres  Genie  in  der  Welt,  so  könnt  ihr  es  daran 
erkennen,   dass  alle  Dummköpfe   ein  Bündniss    dagegen    geschlossen    haben. 

Swift's  Aphorismen. 
Wenn  sich  auch  die  wahre,  glaubensvolle  Frömmigkeit  Hahnemanns 
in  zahlreichen  Stellen  seiner  Schriften  deutlich  genug  ausspricht,  so  ver- 
dient doch  dessen  letzte  Aeusserung  kurz  vor  seinem  Tode  der  Nachwelt 
aufbewahrt  zu  bleiben.  Als  nämlich  bei  einem  wiederkehrenden  Erstickungs- 
Anfalle  seine  verzweifelnde  Frau  in  die  Worte  ausbrach :    „Die  Vorsehung 


330  v-   Buch.     Aphorism  56. 

56.     Es  ist  böse,  wenn  sich  bei  der  monatlichen  Reinigung 
Zuckungen  und  Ohnmächten  einstellen. 


Einige  Kommentatoren  haben  sich  zu  der  Voraussetzung 
bewogen  gefunden,  dass  liier  bloss  der  übermässige  Blut- 
a  b  g  a  n  g  und  insbesondere  der  B 1  u  l  s  t u  r  z  der  Wöchnerinnen 
nach  der  Entbindung  gemeint  sei.  Wir  finden  Nichts,  worauf 
sich  diese  Annahme  stützen  könnte.  Allerdings  kommen  unter 
letzterwähnten  Umständen  oft  solche  gefährliche  Erscheinungen 
vor;  aber  Diese  stellen  sich  wohl  noch  häufiger  ohne  Jene  ein, 
und  namentlich  bei  nervenschwachen  oder  sonst  zu  der- 
gleichen geneigten  Personen.  Was  uns  aber  am  Meisten  ver- 
hindert, dieser  allzu  willkürlichen  Annahme  beizutreten,  ist  der, 
wie  uns  scheint,  hier  maassgebende  Umstand,  dass  solche 
Mens  truations- Beschwer d  en,  wozu  auch  die  der  wahren 
Blulstürze  gerechnet  werden  können,  meistens  vor  (Cupr., 
Kali,  Natr.  mur.,  Phosph.,  Ph.  ac,  Plat ,  Puls.,  Sep.,  \Sulph.) 
oder  während  derselben  (Acon.,  Bry.,  Calc,  Caust.,  Cham.,  Chin., 
Cocc,  Coff.,  Cupr.,  Ferr.,  Hyosc,  Ignat,  Ipec,  Lyc,  Magn.  mur., 
Merc,  Natr.  mur.,  N.  vom.,  Puls.,  Sulph.),  selten  aber  und  fast 
niemals    ausschliesslich    nach   der  Periode  (Chin.,  Cupr.,  Puls.) 


möchte  doch  Dir  vor  Andern  einen  Erlass  deiner  Leiden  schuldig  sein, 
weil  du  so  viel  fremdes  Leiden  gelindert  hast!"  Darauf  entgegnete  er, 
in   abgebrochenen  Sätzen,   die  denkwürdigen  Worte:  „Mir?  —  Warum  mir? 

—  Jeder  in  der  Welt  —  wirkt  nach  den  Gaben  und  Kräften,  —  die  er 
von  der  Vorsehung  empfangen ;  —  ein  Mehr  oder  Weniger  findet  nur  vor  dem 
Richterstuhle   der  Menschen,   —   nicht  aber  vor  Dem  der  Vorsehung  statt. 

—  Die  Vorsehung  ist  mir  Nichts,  ich  aber  bin  ihr  Vieles,  ja  Alles 
schuldig!"  (S.  Jahr  in  d.  A.  H.  Z.  XXIV,  S.  258.) 

Die  zahlreichen  Verehrer  Hahnemanns  dürfte  es  interessiren  zu  erfah- 
ren, wie  er  beständig  von  Ort  zu  Ort  gehetzt  wurde,  um  erst  im  höchsten 
Alter  ein  ruhiges  Asyl  zu  erlangen.  Deshalb  folgende  kurze  Angaben:  — 
Nach  seiner  Verheirathung  mit  der  Tochter  des  Apothekers  Küchler  in 
Dessau  am  1.  Dec.  1782  verblieb  er  einstweilen  noch  in  Dessau,  bis  er 
1784  nach  Gommern  zog;  von  dort  siedelte  er  schon  1785  nach  Dresden 
üljer.   1789  nach  Lobkowitz    bei  Dresden,     1790  nach  Leipzig,     1792  nach 


V.  Buch.     Aphorism  56.  331 

eintreten.  Daraus  scheint  nun  unwiderleglich  hervorzugehen, 
dass  solche  Krämpfe  und  Ohnmächten  keineswegs  eine  Folge 
des  Blutverlustes  sind,  obwohl  auch  dieser  Fall  vorkommen  kann 
und  dann  die  dafür  geeigneten  Mittel  (Chin.,  Creos.  u.  s.  w.) 
zur  Auswahl  kommen.  Eine  noch  grössere  Bestätigung  unserer 
Ansicht  dürfte  aber  darin  liegen,  dass  Mehrere  der  oben  nam- 
haft gemachten  Arzneien  vorzugsweise  auf  eine  allzu  schwache 
oder  zögernde  Periode  hinweisen,  mithin  bei  Diesen  um  so 
mehr  ein  grosser  Blutverlust  mit  seinen  Folgen  völlig  ausge- 
schlossen ist.  —  Wir  können  nicht  unterlassen,  bei  dieser  Ge- 
legenheit wiederholt  darauf  hinzuweisen,  wie  unsicher  es  ist, 
die  Erscheinungen  in  der  Natur  mit  dem  Verstände  allein 
erklären  und  ergründen  zu  wollen,82)  und  wie  leicht  man 
auf  Irrwege  geführt  wird,  wenn  man  vorgefasste  Ansich- 
ten den  Zufällen  und  Symptomen  unterschieben  will,  um  sich 
auf  Kosten  der  leidenden  Menschheit  das  Prädikat  eines 
tiefdenkenden  und  philosophischen  Arztes  zu  er- 
werben. 83) 


Georgenthal  bei  Gotha,  1794  nach  Molchsleben,  1795  nach  Wolfenbütte], 
1797  nach  Königslutter,  1800  nach  Hamburg,  1801  nach  Machern  bei 
Leipzig,  1802  nach  Eilenburg,  1803  nach  Schildau,  1804  nach  Torgau, 
1811  wieder  nach  Leipzig,  1821  nach  Cöthen,  von  wo  er  1835  nach  Paris 
ging  und  hier  am  2.  Juli   1843  starb. 

Ein  grosser  Deutscher  sagte  einst:  „grob  zu  sein,  ist  erlaubt,  wenn 
man  nur  versteht,  wovon  die  Eede  ist.  Denn  durch  das  Wissen  wenigster? 
unterscheidet  sich  der  Grobe  von  dem  Flegel." 

82)  „Wahrlich"  —  sagt  unser  Stens  in  seiner  Ther.  uns.  Zeit,  S.  205 
—  ,,es  verräth  keine  besondere  Weihe  der  Naturforschung,  Unsinnliches 
Sofort  für  Unsinniges,  und  das  ganz  gemeine  Augenvorurtheil  für  ein  Urtheil 
des  gesunden  Menschenverstandes  zu  erklären!  Für  die  kleinen  Gaben  der 
Homöopathen  sprechen  ganz  dieselben,  ja  noch  gewichtigere  Gründe,  als 
für  die  Analogien  aus  der  Chemie,  Physik  oder  Physiologie.  Letztere  an- 
nehmen und  Erstere  als  unmöglich,  als  unbegreiflich  ausschreien,  zeugt  für 
keine  gesunde  Logik."  Höher,  als  alles  Dieses,  steht  aber  die  Erfahrung 
und  die  Thatsache. 

83)  „Ou  en  serions  nous,"  —  sagt  der  gelehrte  Arago,  —  „si  nous 
nous  mettions  ä  nier  tout  ce  que  nous  ne  pouvons  pas  expliquer?" 


332  V.  Buch.     Aphoriam  57. 

57.  Bei  allzu  starkem  Monatsflusse  stellen  sich  (verschie- 
dene) Krankheiten  ein;  bei  Unterdrücktem  entstehen 
die  Krankheiten  aus  der  Gebärmutter. 


Bei  unseren  Prüfungen  der  Arzneien  am  Gesunden  legen 
wir  jederzeit  ein  bedeutendes  Gewicht  auf  die  Veränderungen, 
welche  dabei  in  den  bisherigen  Verhältnissen  der  Menstrua- 
tion, sowohl  in  Bezug  auf  Qu  antität,  Qu  alität  und  Dauer, 
so  wie  auf  ihre  beschleunigte  oder  verzögerte  Wieder- 
kehr, als  auch  auf  die  begleitenden  Beschwerden,  inso- 
fern solche  überhaupt  damit  in  Verbindung  stehen,  und  vor, 
bei  oder  nach  dem  Blutabgange  sich  einstellen.  Auf  diese  Art 
haben  wir  bereits  einen  grossen  Schatz  von  Erfahrungen  ge- 
sammelt und  vermehren  ihn  noch  täglich,  um  sie,  wie  andere 
Symptome   zu    benutzen    und    darnach    heurtheilen    zu    können, 

Schiller  schrieb  an  Körner  (Briefw.  IV,  S.  42)  über  Humboldt:  — 
„Es  ist  der  nackte,  schneidende  Verstand,  der  die  Natur,  die  immer  un- 
fasslich  und  in  allen  Punkten  ehrwürdig  und  unergründlich  ist,  schamlos 
ausgemessen  haben  will,  und  mit  einer  Frechheit,  die  ich  nicht  begreife, 
seine  Formeln,  die  oft  nur  leere  Worte  und  immer  nur  leere  Begriffe  sind, 
zu  ihrem  Maassstabe  macht."  —  Es  ist  noch  zu  bemerken,  dass  Schiller 
dies  1797  schrieb,  nachdem  er  3  Jahre  früher  (1794)  weit  günstiger  über 
Humboldt  geurtheilt  hatte  und  „sehr  gute  Aufsätze  (für  die  Hören)  von 
ihm  erwartete." 

Obgleich  die  homöopathische  Literatur  von  verfehlten  Erklärungsver- 
suchen der  ihr  auf  ihrem  Gebiete  entgegengebrachten  Thatsaehen' wimmelt ; 
keiner  ihrer  Fundamentalsätze  ist  veraltet,  sondern  alle  sind  neu  geblieben, 
und  haben  sich  erweitert  in  Wurzel,   Stamm,  Zweigen  und  Früchten. 

Dr.  v.   Grauvogl,  d.   hom.  Aehnl.   Gesetz,  §   81. 

Ratio  sine  experientia  mendax,  experientia  sine  ratione  fallax. 

„Homöopathik"  —  sagt  Hahnemann  in  der  Vorrede  zum  Organon, 
5ter  Auflage,  S.  VII,  —  „vergiesst  keinen  Tropfen  Blut,  giebt  nicht  zu 
brechen,  purgiren,  laxiren  oder  schwitzen,  vertreibt  kein  äusseres  Uebel 
durch  äussere  Mittel,  verordnet  keine  warmen  Bäder  oder  Arznei  ent- 
haltende Klystiere,  selbst  keine  spanische  Fliegen  oder  Senfpflaster,  keine 
Haarseile,  keine  Fontanelle,  erregt  keinen  Speichelfluss,  brennt  nicht 
mit  Moxa  oder  Glüheisen  bis  auf  die  Knochen  u.  dgl. ,  giebt  aus  ihrer 
Hand  nur  selbst  bereitete,  einfache  Arznei,  die  sie  genau  kennt  und  keine 
Gemische,  stillt  nie  Schmerz  mit   Opium  u.   s.   w." 


V.  Buch.     Aphorism  57.  333 

wann  und  wo  dieses  oder  jenes  Mittel  vor  Ändern  homöo- 
pathisch angezeigt  ist.  Dahei  hat  sich  dann  ergeben,  dass  die 
Beschaffenheit  der  Menstruation  für  sich  allein  schon 
äusserst  brauchbare  Symptome  liefert,  dass  es  aber  nur  wenige 
Mittel  giebt,  welche  in  Bezug  auf  Quantität  und  Dauer 
jedesmal  dieselben  konstanten  Zeichen  darbieten,  dass  hin- 
gegen sowohl  unter  den  einen,  als  unter  den  andern  Um- 
ständen jeder  Arznei  einige,  ihr  ganz  eigenthümliche, 
bei  Andern  nicht  vorkommende  Nebenbeschwerden  ange- 
hören, die  man  mit  grosser  Sicherheit  als  Charakteristisch 
ansehen  und  anwenden  darf.  Diese  konstanten  begleiten- 
den Beschwerden,  welche  in  allen  Theilen  des  Körpers  auf- 
treten können,  beschränken  sich  aber  keineswegs  auf  einen  allzu 
starken  Monatsfluss,  sondern  erscheinen  eben  so  häutig  und 
eben  so  regelmässig  bei  zu  schwacher,  theilweise  selbst  zur 
Zeit  der  unterdrückten  Regel.  Hierdurch  wird  dor  Beweis 
geführt,  dass  der  zweite  Theil  des  vorstehenden  Aphorims  eine 
grosse  Menge  von  Ausnahmen  erleiden  muss,  wenn  man  nicht 
dem  Einflüsse  des  Genitaisystems,  eben  so  wie  den  soge- 
nannten Hämorrhoiden,  eine  allzu  grosse  und  nicht  zu  recht- 
fertigende Ausdehnung  geben  will.  Bei  der  festen,  auf  tausend- 
fältigen Erfahrungen  beruhenden  Ueberzeugung  von  der  Wichtig- 
keit dieser  Sache  müssen  wir  bedauern,  hier  nicht  spezieller 
darauf  eingehen  zu  können,  um  durch  Beispiele  aus  dem  Leben 
selbst  zu  erläutern,  was  hier  nur  in  allgemeinen  Zügen  dargelegt 
werden  konnte,  und  daher  Manchem,  dem  unser  Verfahren  noch 
fremd  ist,  unverständlich  bleiben  muss.  Aber  eigene  Beob- 
achtungen von  Thatsachen,  die  jeder  Arzt  in  seiner 
Praxis  hinlänglich  zu  machen  Gelegenheit  findet,  in  Verbindung 
gebracht  mit  den,  in  unserer  reinen  Arzneimittel-Lehre 
aufgezeichneten  Symptomen  bei  den  verschiedenen  Mitteln,  wer- 
den schon  für  sich  die  nöthigen  Aufklärungen  darüber  geben, 
und  dazu  beitragen,    diesem   noch  allzu   mangelhaft  bearbeiteten 


334  v-  Buch-     Aphorism  58. 

und  oft  viel  zu  wenig  beachteten  Gegenstande  die  verdiente  Auf- 
merksamkeit zuzuwenden.  Namentlich  liefern  diese  Zeichen  bei 
fast  allen  weiblichen  Krankheiten  Momente  von  solcher 
Wichtigkeit,  dass  sie  jederzeit  einen  ausgezeichneten  Bestand- 
teil des  Krankheitsbildes  auszumachen  verdienen. 


58.  Zur  Entzündung  des  Mastdarms  und  der  Gebärmutter, 
so  wie  zur  Vereiterung  der  Nieren,  gesellt  sich  Harn- 
strenge;  zur  Entzündung  der  Leber  hingegen  Schluchzen. 


Solche  und  viele  ähnliche  begleitende  Beschwerden 
finden  sich  stets  bei  allen  gewöhnlichen  Krankheiten  ein,  und 
machen  denjenigen  Theil  der  medizinischen  Wissenschaften  aus, 
den  man  Semiotik  nennt.  Man  darf  aber  nicht  glauben,  dass 
nur  die  hier  Erwähnten  und  keine  Andere,  noch  auch,  dass 
diese  jedesmal  und  unzertrennlich  von  jenen  Hauptleiden  dabei 
vorkommen.  Es  giebt  vielmehr  zu  allen  den  Dreien  hier  ge- 
nannten, aber  nicht  näher  individualisirten  Entzündungen  noch 
eine  ansehnliche  Menge  von  sonstigen  JN eben  besch  werden, 
wovon  Einige  hauptsächlich  die  wahre,  innere  Natur  der  Krank- 
heit anzeigen,  Andere,  meistens  in  noch  grösserer  Mehrzahl  Auf- 
tretende aber  dazu  dienen,  die  richtige  Mittelwahl  für  jeden 
Einzelfall  treffen  zu  können.  Diese  Letzteren  sind  es  vor- 
züglich, welche  uns  am  Meisten  vor  dem  unseligen  Generali- 
siren  schützen  und  uns  in  den  Stand  setzen,  jeden  Versuch 
am  Kranken84)  seihst  vermeiden  zu  können,  weil  wir  schon 
im  Voraus  durch  die  Zeichen  selbst  über  die  Angemessenheit 
einer  Arznei   ein   sicheres  Urtheil   fallen  können.85)     Diese,  auf 

84)  Ueber  das  Gerstenkorn  (am  Auge)  vergleiche  man,  was  Prof. 
Osiander  (Volks- Arzneimittel ,  2.  Aufl.,  Seite  314  in  der  Note)  sagt,  wo 
ihm  von  sechzehn  berühmten  Aerzten  in  Wien  sechzehn  Mittel  ver- 
geblich angerathen  waren. 

85)  So  lange  auf  unseren  Universitäten    noch    nicht    dafür   gesorgt  ist, 


V.  Buch.     Aphorism  59.  335 

ein  u n w a n d  e  1  b  a r e  s  J\  a  t u  r g  e  s  e  t  z  begründete,  durch  tausend- 
fältige Erfahrung  als  richtig  bestätigte ,  die  Heilung  nach  Mög- 
lichkeit fördernde  und  den  Leidenden  durch  Vermeidung  aller 
Versuche  vor  jeder  künstlichen  Steigerung  seiner  Beschwerden 
schützende  Verfahrungs weise,  wie  sie  nur  allein  bei  der 
richtigen  homöopathischen  Behandlung  möglich  ist,  wird 
von  unsern  unverbesserlichen  Gegnern  mit  dem  Namen:  symp- 
tomatisches Kuriren,  wenn  nicht  noch  mit  einem  Schlim- 
meren bezeichnet,  offenbar  in  der  Absicht,  sie  dem  Spott  und 
Hohne  der  in  diesem  Punkte  völlig  unwissenden  Laien  Preis  zu 
geben. 86) 


59.  Wenn  man  erfahren  will,  ob  eine  Frau,  die  nicht 
schwanger  wird ,  zum  Empfangen  fähig  sei ,  so  hülle 
man  sie  rings  herum  in  Kleider  ein  und  räuchere  dann 
von  Unten;  wenn  dabei  der  Geruch  der  Räucherung 
durch  den  Körper  in  die  Nase  und  in  den  Mund  auf- 


dass  die  Kandidaten  der  Medizin  über  die  homöopathische  Disciplin  den 
erforderlichen  Unterricht  geniessen  können,  so  lange  ist  es  auch  nicht  zu 
vermeiden,  dass  später  die  selbstständigen  Aerzte  nur  behutsam  und  all- 
mälig  sich  mit  derselben  vertraut  machen  und  Versuche  anstellen.  Für 
diese  zweite  Lehrzeit,  und  bis  dahin,  dass  eine  feste  Entscheidung  getroffen 
ist,  lässt  es  sich  allerdings  rechtfertigen,  wenn  der  frühere  reine  Allopath 
seine  Patienten  bald  nach  der  einen,  bald  nach  der  andern  Methode  be- 
handelt. Ist  diese  Probezeit  aber  überstanden ,  uud  die  Ueberzeugung  für 
die  Eine  oder  die  Andere  befestigt,  so  ist  es,  —  wie  Dr.  Wislicenus  in 
seiner  „Entwickelung  etc."  sagt,  selbstverständlich,  „dass  ein  redlicher, 
denkender  Arzt  niemals  Homöopath  und  Allopath  zu  gleicher  Zeit  sein  und 
bleiben  kann,  und  dass  nur  solche  Aerzte,  die  weder  warm  noch  kalt  sind, 
und  welche  die  Heilkunst  als  eine  melkende  Kuh  betrachten,  dieses  Hal- 
birungssystem  befolgen,  weil  es  allerdings  kein  übles  Geschäft  ist,  durch 
Verbindung  beider  Methoden  die  zahlreiche  Klasse  schwankender  Patienten, 
die  bald  dies,  bald  jenes  probiren,  zu  befriedigen  und  für  sich  zu  gewinnen." 
86j  II  faudrait  bien  peu  connaitre  les  passions  humaines,  pour  exiger 
que  les  hommes,  qui  dirigent  pour  ainsi  dire  la  science,  qui  en  sont  les 
princes,  comme  on  dit,  veuillent  reconnaitre  et  convenir  que  la  science  a 
pu  marcher  saus   eux.  Dr.  Magnan,  l'hom.  pref.  p.   IV. 


336  v-   BucK     Aphprism  60. 

steigt ,    so  kann  man  daraus  abnehmen ,    dass    sie    an 
und  für  sich  nicht  unfruchtbar  ist. 


Mehrere  echt  hipp  okra  tische  Aerzte  und  warme  Ver- 
ehrer des  Altvaters  der  Medizin  haben  ihrer  Entrüstung  über 
diesen  Aphorism  laute  Worte  verliehen.  Einer  von  ihnen  ruft 
dabei  unverholen  aus:  „einen  solchen  Unsinn  hat  unser  Hippo- 
krates  nicht  niedergeschrieben!"  und  fügt  zur  Beschönigung  noch 
weiter  hinzu:  „dass  es  dem  aufmerksamen,  gebildeten  Leser 
nicht  entgehen  werde,  dass  in  diesem  Buche  viele  Sätze  einge- 
schwärzt sind."  Wir  würden  Dies  zur  Ehre  des  wahrhaft  gros- 
sen und  verdienstvollen  Mannes  gern  annehmen,  wenn  Dem  nicht 
auch  noch  manche  andere  Stellen  in  dessen  Werken,  die  freilich 
zum  Theile  für  unecht  gehalten  werden,  und  selbst  in  diesen, 
ohne  Zweifel  echten  Aphorismen  entgegen  ständen. 8r)  Es 
scheint  uns  daher  vorzuziehen  zu  sein,  in  Betracht  des  vielen 
Guten  und  Lehrreichen,  was  er  uns  hinterlassen  hat,  über  solche 
Schwächen  mit  stillschweigendem  Bedauern  hinwegzusehen ,  und 
zu  bedauern,  quandoque  bonus  dormitat  Homerus ! 88) 


ßö.  Wenn  eine  Frau  im  Verlaufe  ihrer  Schwangerschaft 
die  monatliche  Reinigung  behält,  so  kann  die  Frucht 
unmöglich  gesund  sein. 


87)  Omnium  animos  ex  suo  aestimat,  qui  putat  fieri  non  posse,  quod 
mtelligere  non  potest.  Van  Helmont   de  cur.  magn.  9. 

88)  Einige  Naturhistoriker  der  Neuzeit  haben  bewunderungswürdige 
Behauptungen  in  dieser  Beziehung  aufgestellt,  welche  den  Hippokratischen 
an  die  Seite  gestellt  werden  können,  wie  z.  B.  die  des  bekannten  Dav. 
Strauss,  der  (Glaubenslehre  I,  602)  im  vollen  Ernste  lehrt,  dass  der  Mensch, 
ohne  elterliche  Zeugung,  „wie  ein  Bandwurm"  entstehen  könne. 
Selbst  Humboldt  schüttelt  dazu  sein  weises  Haupt  und  sagt:  was  mir  an 
Strauss  nicht  gefällt,  das  ist  der  naturhistorische  Leichtsinn,  mit  dem  er  in 
der  Entstehung  des  Organischen  aus  dem  Unorganischen,  ja  in  der  Bil- 
dung des  Menschen  aus  chaldäischem  Urschlamm  keine  Schwie- 
rigkeit findet. 


V.  Buch.     Aphorism  61,  62.  337 

Aus  der  Fassung  und  dem  Wortlaute  dieses  Aphorisms 
geht  schon  deutlich  hervor,  dass  hier  nicht  bloss  die  ersten 
Monate,  wo  eine  solche  Erscheinung  ebenfalls  bedenklich  ist, 
sondern  mehr  die  Späteren  gemeint  sind.  In  diesen  Fällen 
aber  entspricht  er  vollkommen  der  Erfahrung,  und  meistens 
endet  die  Sache  mit  einer  Fehlgeburt.  Was  dabei  von  der 
richtigen  homöopathischen  Anwendung  unserer  hierfür  angezeig- 
ten Mittel,  (Asar.,  Cham.,  Cocc,  Croc,  Ipec,  Kali,  Lyc,  Phosph., 
Rhus,  Sabin,  und  See.  com.)  erwartet  werden  darf,  das  werden 
sicher  Manche  unserer  Kollegen  mit  grosser  Befriedigung  erfah- 
ren haben. 


6.1.  Wenn  bei  einer  Frau  die  monatliche  Eeinigung  aus- 
bleibt, ohne  Schauder  oder  Fieber  zu  bekommen,  da- 
gegen aber  Abscheu  vor  Speisen  sich  einstellt,  da  darf 
man  annehmen,  dass  sie  schwanger  sei. 


Die  Zeichen  der  Schwangerschaft  sind,  zumal  in  den 
ersten  Monaten,  überhaupt  sehr  zweideutig  und  unsicher 
und  selbst  die  in  dem  vorstehenden  Aphorism  Angegebenen 
lassen  noch  nicht  mit  apodiktischer  Gewissheit  darauf  schliessen 
wenn  sie  sonst  auch  gewöhnlich  zutreffen.89) 


62.  Frauen,  die  eine  kalte  und  harte  Gebärmutter  haben, 
empfangen  nicht,  so  wie  auch  Diejenigen  nicht  schwan- 
ger werden  können,  die  eine  Feuchte  haben;  denn 
der  Keim  erstickt  bei  Ihnen.  Desgleichen  bei  Denen, 
die  eine  sehr  Trockne  und  Heisse  haben;  denn  der 
Samen  verdirbt  darin  aus  Mangel  an  Nahrung.  Bei 
Denen  aber,  welche  von  diesen  Gegensätzen  ein  gleich- 


89)  La  Motte  (Tratte"  eompl.  d.  aecouch.)  will  die  Bemerkung  gemacht 
haben,  dass  diejenigen  Schwangeren,  denen  die  Füsse  anschwellen,  meisten- 
theils  von  Erbrechen  verschont  bleiben. 

22 


338  v-  Buch.     Aphorism  63. 

massiges  Mischungs-Verhältniss  besitzen,    ist  auch  die 
Fruchtbarkeit  vorhanden. 


63.  Eben  so  verhält  es  sich  bei  den  Männern.  Denn  ent- 
weder wird  durch  das  allzu  lockere  Gewebe  des  Kör- 
pers das  Geistige  nach  Aussen  verflüchtigt,  so  dass 
kein  Samen  ausgetrieben  werden  kann;  oder  die  Sa- 
menfeuchtigkeit kann  ihrer  dicken  Beschaffenheit  wegen 
nicht  herausfliessen  •,  oder  diese  wird  der  Kälte  wegen 
verhindert,  sich  am  gehörigen  Orte  anzusammeln; 
oder  endlich  geschieht  dasselbe  wegen  der  Hitze. 


Man  wird  uns  hoffentlich  nicht  zumuthen,  aus  den  philo- 
sophischen Lehrsätzen  des  Empedokles,  denen  offenbar 
diese  beiden  Aphorismen  ihren  Ursprung  verdanken,  einen  nutz- 
losen Kommentar  dazu  zu  schreiben.  Ohne  irgend  dem  Wert  he 
der  Philosophie  überhaupt  die  schuldige  Achtung  zu  versagen, 
müssen  wir  doch  ihr  blosses  theoretisches  Mitsprechen 
über  Gegenstände  der  reinen  Erfahrungswissenschaften 
mit  aller  Entschiedenheit  ablehnen,  und  können  Ihr  in  dieser 
Hinsicht  auch  nicht  das  mindeste  Gewicht  beilegen. 90)  Die 
Geschichte  der  Medizin  weiset  vollständig  genug  nach,  wohin  die 
Vernunft  für  sich  allein  führt,  wenn  Sie  sich  nicht  mehr 
durch  sinnliche  Erkenntniss,  sondern  lediglich  durch  ihre 
selbstgeschaffene  Spekulation  leiten  lässt. 91)  Daher  denn  auch 
das  beständige  Wechseln  der  Systeme,92)  die  bald  auf  che- 


90)  Die  Philosophie  mit  ihren  wechselnden  Systemen  gleicht  einer 
ewig  sich  häutenden  Schlange.  Biernatzki. 

91)  Ea  demum  est  vera  philosophia,  quae  mundi  ipsius  voces  quam 
fidelissime  reddit,  et  veluti  dictante  mundo  conscripta  est,  nee  quidquain 
de  proprio  addit,   sed  tantum  iterat  et  resonat. 

Baco,  de  augm.  scient.  II. 

92)  En  multipliant  la  Serie  d'annees  ecoulees  seulement  depuis  la 
lre  de  la  80e  Olympiade  jusqu'en  1840,  par  celle  des  existences  medicales 
qui  se  succederent  depuis  Hippocrate  jusqu'  ä  nous,  Ton  obtient  un  total 
de  plusieurs  millions  d'annees  d'etude,  d'cssais,  de  discussions;    qu'ont-elles 


V.  Buch.     Aphorism  64.  339 

mische,  bald  auf  dynamische,  bald  gar  auf  transzenden- 
tale Ansichten  und  Grundsätze  aufgebaut,  und  wobei  das 
einzig  Gültige,  nämlich  die  reine  Erfahrung,  ausser  Acht 
gelassen  wurde,  um  einer  Kunst  zu  nützen,  die  nur  allein  im 
Gebiete  der  Erfahrung  ihre  sichere  Grundlage  finden  und 
daher  wohl  den  Namen  einer  Reellen,  aber  nicht  den  einer 
Rationellen  verdienen  kann.93) 


64.  Die  Milch  ist  nachtheilig  Denen,  die  an  Kopfweh  leiden, 
den  Fiebernden,  denen  die  Hypochondern  aufgetrieben 
sind  und  es  darin  kollert,  und  den  Dürstenden;  ferner 
Denen,  die  gallichte  Durchfälle  haben,  die  an  hitzigen 
Fiebern  darnieder  liegen,  und  endlich  Denen,  die  einen 
starken  Blutverlust  erlitten  haben.  Dagegen  ist  sie 
wohlthätig  für  nicht  stark  fiebernde  Schwindsüchtige, 
bei  langwierigen  und  schleichenden  Fiebern,  wobei 
Keines  der  oben  genannten  Zeichen  vorhanden,  der 
Kranke  aber  unverhältnissmässig  abgezehrt  ist. 


Mit  wahrer  Freude  begrüsst  man  in  diesem  Aphorism  wie- 
der reine  Erfahrungen  aus  dem  Leben,  frei  von  allen 
Erklärungs  -  Versuchen ,  und  durch  ihre  einfache  Bestimmtheit 
ganz  des  scharfsinnigen  Beobachters  würdig,  welcher  Sie  uns 
aufbewahrt  hat.  Es  wäre  in  der  That  für  die  Wissenschaft  weit 
nützlicher  gewesen,  wenn  der  Altvater  solche  Goldkörner,  die 
er  auf  den  Votivtafeln  in  den  Tempeln  und  in  seiner  eigenen 
Praxis  gesammelt,  in  reichhaltigerer  Zahl  der  Nachwelt  ver- 
macht,   und  dafür  die  im  Uebermaass    eingeschalteten  theore- 


rapporte  ä  la  medecine?  Une  verite  par  mille  erreurs,  au  plus.  Temps 
perdu  ä  rever  de  presomptueux  et  d'insenses  systemes;  temps  perdu  a  les 
propager;  temps  perdu  ä  les  croire  et  a  les  eprouver;  temps  perdu  ä  les 
combattre;  temps  perdu  a  les  ressusciter  sous  un  autre  nom,  etc.  Oh! 
que  de  temps  perdu!  Dr.  Munaret,  Med.  d.  villes.  p.  485. 

93)  II  n'y  a  pas,  que  je  sache,  d'astronomie  rationelle,  de  phy- 
sique   on  de  chimie  rationelle. 

Magnan,  l'homoep.  p.  50. 
22* 


340  v-  Buch-     Aphorism  64. 

tisch-philosophischen  Anschauungen  um  so  mehr  ein- 
geschränkt hätte.94)  Ohne  Zweifel  würde  dadurch  der  Klage 
über  die  Kürze  des  Lebens  und  die  Länge  der  K  unst,  wie 
er  sie  im  ersten  Aphorism  ausspricht,  am  Besten  abgeholfen. 
sein,  sowohl  durch  eigene  That,  als  durch  Beispiel  für  seine 
Schüler  und  Nachfolger.95) 

Was  sollen  wir  aber  dazu  sagen,  wenn  die  Kommentatoren 
auch  bei  diesem  Lehrsatze  wieder  ihr  trübes  Talglicht  leuchten 
lassen  und,  anstatt  die  mitgetheilte  Erfahrung  des  Hippokra- 
tes  noch  genauer  zu  präcisiren,  durch  Generalisirung  Dessel- 
ben sie  geradezu  verfälschen.96)  —  So  sagt  Einer  von  Ihnen, 
dass  die  Milch  bei  Kopfschmerzen  überall  schadet,  wo  Solche 
in  gastrischen  Verdauungsbeschwerden  ihren  Grund 
haben,  wogegen  wir  wissen,  dass  eben  unter  Diesen  nicht  selten 
Dergleichen  vorkommen ,  welche  für  Bry.  oder  Veratr.  passen, 
und  wobei  eben  in  der  Milch  ein  wirksames  Linderungs- 
mittel gefunden  wird.  Auch  bei  den  hitzigen  Fieber  zu- 
ständen ist  nicht  immer  die  Milch  nachtheilig,  und  diejenigen 
Fälle  dieser  Art,  welche  genau  auf  unser  Ha  up  t-Antiphlo- 
gistikum  (Acon.)  passen,  werden  dadurch  schwerlich  jemals 
verschlimmert.  Dass  dagegen  die  Milch  Denjenigen  schadet, 
welche  starke  Blutverluste  erlitten  haben,  entspricht  nicht 
nur  auch  unserer  Erfahrung,    sondern    stimmt  auch  vollkommen 


94)  Der  Beobachter  soll  die  Natur  nicht  anders  erklären,  als  durch 
die  Natur.  Wer  aus  Hypothesen  sie  erklären  will,  betrachtet  sie  durch 
seine  Hypothesen,  wie>  ein  Gelbsüchtiger  durch  seine  G-alle  die  Welt. 

Zimmermann  üb.  d.  Erfahr.  III,  2. 

95)  Viele  arabische  Aerzte,  namentlich  auch  die  berühmten  Rhazes, 
Avicenna,  Ali  Abbas,  Avenzoar  u.  A.  rühmten  besonders  den  Gebrauch 
der  Milch  mit  Zucker  bei  Schwindsüchten  und  Zehrfiebern.  Nur  Eselsmilch 
war  den  Sarazenen   verboten. 

96)  Die  Scholastiker  gleichen  einem  Blinden,  der,  um  dem  Sehen- 
den im  Zweikampfe  gleich  zu  sein,  diesen  in  ein  unterirdisches,  dunkeles 
Gemach  führt.  Descartes. 


V.  Buch.     Aphorism  64.  341 

tiberein  mit  unsern  Arzneiprüfungen,  wonach  sowohl  das 
Hauptmittel  für  solche  Zustände,  nämlich  die  China,  als 
auch  die  Meisten  von  den  hierbei  in  der  zweiten  Linie  stehen- 
den Arzneien  (Ars.,  Calc,  Carb.  veg.,  Con.,  Kali,  Lach.,  Lyc, 
N.  vom.,  Phosph.,  Puls.,  Sep.  und  Sulph.)  von  der  Milch  Ver- 
schlimmerung erfahren.  Aber  selbst  hier  stossen  wir  wieder, 
wie  überall,  auf  Ausnahmen  von  der  Regel,  indem  zwei  Arz- 
neien von  Denen,  die  hierbei  nicht  selten  zur  Wahl  kommen, 
nämlich  Ph.  ac.  und  Staph. ,  und  ausserdem  noch  Cina,  Ferr., 
Jod.,  Merc,  Scill.  und  Veratr.,  die  ebenfalls  dabei  zuweilen  an- 
gezeigt sind,  recht  gut  Milch  vertragen  und  von  deren  Ge- 
nuss  niemals  irgend  ein  Nachtheil  zu  befürchten  ist.97) 

Es  versteht  sich  übrigens  von  selbst,  dass  jedesmal  die  Wahl 
der  Arznei  genau  homöopathisch  getroffen  werden  muss, 
und  wenn  man  den  Vorschriften  dieser  Schule  richtige  Folge 
leisten  will,  so  muss  man  alle  vorhandenen  Symptome  zu  einem 
Krankheitsbilde  zusammen  fassen  und  eine  Arznei  aufsuchen, 
welche  sowohl  dem  Einen  als  dem  Andern  entspricht,  oder  min- 
destens damit  nicht  im  Widerspruche  steht.  Nehmen  wir  also 
die,  in  dem  ersten  Satze  des  vorstehenden  Aphorisms  enthaltenen, 
für  die  Milch  feindlichen  Zeichen  zusammen,  so  scheiden 
sich  bis  auf  die,  auf  Alles  vollständig  passende  China,  alle 
übrigen  angeführten  Arzneien  von  selbst  aus,  indem  die  einzige, 
sonst  noch  am  Meisten  angezeigte  Puls,  in  dem  vorhandenen 
Durste  eine  Gegenindikation  finden  lässt.  So  steht  die, 
aus  der  Natur  selbst  geschöpfte  Lehre  mit  den  Erschei- 
nungen in  Derselben  in  steter  Harmonie,  und  die  auf  ein 
unwandelbares,  ewiges  Natur- Gesetz  aufgebaute  Schule  erfreut 


97)  D.  Dubernard  in  Paris,  welcher  die  Quelle  der  Skrofeln  in  der 
Mutter-  und  Kuh-Milch  gefunden  zu  haben  wähnte,  machte  der  dortigen, 
Academie  de  Medicine  den  Vorschlag,  den  kleinen  Kindern  Fleisch  zu  geben, 
welches  die  Mütter  ihnen  vorkauen  sollten. 


342  v-  Buch.   Aphorism  64. 

sich  in  allen  Fällen  einer  Sicherheit  in  ihrer  Behandlung  der 
Krankheiten,  welche  eben  so  sehr  zum  Wohle  des  Kranken,  als 
zur  Beruhigung  des  ärztlichen  Gewissens  gereicht.  98) 

Dass  übrigens  die  Milch  an  und  für  sich  ein  durchaus 
gesundes  und  völlig  unschädliches  Nahrungsmittel  ist,  lässt 
sich  schon  mit  Sicherheit  daraus  schliessen,  dass  Sie  von  der 
Vorsehung  zur  ersten  Nahrung  des  neugeborenen  Erden- 
bürgers bestimmt  und  angewiesen  ist.99)  Wenn  daher  die 
Milch  Kindern  oder  Erwachsenen  übel  bekommt,  so  verhält 
es  sich  damit,  wie  mit  sehr  vielen  andern,  sonst  ebenfalls  un- 
schädlichen Nahrungsmitteln,  indem  alsdann  der  Organis- 
mus unter  der  Herrschaft  einer  akuten  oder  chronischen 
Krankheit  steht,  welche  eine  solche  Art  von  Idiosynkrasie 
hervorgebracht  hat.  Eine  Ausnahme  davon  macht  die  Milch 
von  ungesunden  Müttern  oder  Thieren,  oder  Solche,  die 
durch  Genuss  schädlicher  Dinge,  oder  durch  Gemüthsbewegung 
u.  dergl.  arzneilich  oder  giftig  geworden  ist.  Daher  mag  es 
auch  kommen,  dass  sich  die  Milch  der  mit  unschädlicher 
Nahrung  gefütterten  und  dabei  phlegmatischen  Kühe  und 
Esel  stets  weit  zuträglicher  für  Kranke  erweist,  als  die  von 
Ziegen,  welche  nicht  nur  manche,  für  den  Menschen  sehr  arz- 
neiliche und  giftige  Vegetabilien  fressen,  sondern  auch 
leicht    zu   Aerger  und   Zorn   gereizt  werden,    und  in  beiden 


98)  Praestat  natura  voce  doceri,  quam  ingenio  suo  sapere. 

Cicero. 
Der  erfahrene  Dr.'  Jeannet   de  Longrois  empfahl    den  Lungensüchtigen 
vor  Allem    den    häufigen  Genuss    der  Milch,  und    versichert,    damit   viele 
lungensüchtige  Personen  gerettet    zu  haben,    indem  er   hinzufügt,    dass  die 
Arzneien,  welche  uns  die  Apotheken  bieten,  dazu  nicht  genügen. 

99)  Milch  ist  die  erste  Speise  des  Kindes,  und  auch  sonst  dem  Men- 
schen die  heilsamste.  A.  v.  Haller,  Physiologie  §  947. 

Guido  Patinus  (epist.  ad  Sponium  15)  behauptet,  dass  Kinder,  welche 
ohne  Brey,  bloss  mit  Milch  aufgefüttert  würden,  niemals  von  den  Blattern 
befallen  würden,  und  verwirft  daher  alle  derartige  Fütterungsarten. 


V.  Buch.     Aphorism  64.  343 

Fällen  eine  unbedingt  nachtheilige  Milch  geben,  die  selbst  nicht 
immer  durch  Abkochung  völlig  unschädlich  gemacht  werden 
kann.100) 

Noch  möge  es  uns  erlaubt  sein,  hier  mit  einem  Worte  zu 
erwähnen,  dass  wir  in  der  Milch -Diät  ein  vorzügliches  Mittel 
gefunden  haben,  um  Trunkenbolde  von  ihrer  verderblichen, 
aber  stets  schwer  auszulöschenden  Leidenschaft  zu  befreien. 
Nachdem  nämlich  durch  einige  kleine  Gaben  Mohnsaft  die 
Haupt-Beschwerden  der  Säufer-Krankheit  vorab  be- 
seitigt sind,  bringt  der,  beharrlich  fortgesetzte  Genuss  der 
Milch,  sowohl  als  Speise,  wie  als  Getränk,  täglich  mehr- 
mals gebraucht,  in  kurzer  Zeit  einen  entschiedenen  Widerwillen 
gegen  alle   geistigen   Getränke,    besonders   gegen   Brannt- 


100)  Schon  Dr.  Jeannet  de  Longrois  (in  seiner  Abhandhing  über  die 
Lungensucht)  sagt:  „Man  kann  die  Milch  der  Thiere  nach  Wohlgefallen 
arzneilich  machen.  Der  ganze  Handgriff  besteht  darin,  dass  man  sie  mit 
den  Kräutern  füttert,  deren  Kräfte  man  sucht." 

Eine  sehr  lehrreiche  Abhandlung  über  die  Milch  findet  sich  in  dem 
ersten  Theile  der  Materia  medica  von  Cullen,  übersetzt  von  Hahnemann, 
von  Seite  335  bis  390,  wobei  die  Anmerkungen  des  Uebersetzers  einen 
schätzbaren  Beitrag  liefern. 

Die  Milch  enthält  alle  Ernährungssubstrate,  enthält  dieselben  in  rela- 
tiven Mengen,  deren  Zweckmässigkeit  für  die  Ernährung  nicht  scharf  zu 
erweisen,  aber  vom  teleologischen  Standpunkte  aus  so  einleuchtend  ist,  dass 
man  ohne  Weiteres  die  Proportionen  der  Milchbestandtheile  als  die  Normal- 
mischung der  Nährstoffe  betrachtet;  sie  enthält  endlich  diese  Stoffe  in  der 
geeignetsten  Form  für  die  Einwirkung  der  Verdauungsmittel  und  für  die 
Resorption.  Auf  gleicher  Stufe  mit  der  Milch  stehen  die  Flüssigkeiten  des 
Eies  als  Nahrungsmittel,  und  zwar  aus  denselben  Gründen. 

0.  Funke,  Lehrb.  der  Physiol.  I,  S.  2  47. 

A  Paris,  M.  Damoiseau  a  fonde ,  d' apres  l'invitation  de  plusieurs  me- 
decins,  un  etablissement  ou  il  soumet  k  des  frictions  mercurielles  et  k 
l'ingestion  du  calomel  ou  du  sublime,  des  anesses  et  des  chevres  dont  le 
lait  est  ensuite  porte  k  domicile.  Mr.  A.  Lebreton,  l'un  des  accoucheurs 
les  plus  distingues  de  la  capitale,  a  eu  surtout  de  frequentes  occasions  de 
traiter  de  cette  maniere  des  enfants  ou  des  femmes  debiles  qui  ne  pouvaient 
supporter  le  mercure  sous  aucune  forme. 

Trousseau  et  Pidoux  I,  p.  204. 


344  v-  Buch«     Aphorism  65,  66,  67. 

wein  hervor,  wodurch  es  schon  bei  halbem  guten  Willen  dem 
Säufer  leicht  wird,  sich  vor  jedem  Rückfalle  in  sein  altes  Laster 
zu  schützen.  Diese,  so  viel  wir  wissen,  bisher  unbekannte  Ei- 
genschaft der  Milch  ist  begreiflich  von  grossem  Werthe  und 
verdient  ohne  Zweifel,  als  ein  schätzbarer  Fund  der  Homöo- 
pathie, in  weiteren  Kreisen  bekannt  und  in  Anwendung  gebracht 
zu  werden.  Wer  Näheres  und  Ausführlicheres  darüber  wünscht, 
findet  dies  in  der  trefflichen  „Allgemeinen  homöopathischen 
Zeitung"  unter  der  Redaktion  des  Dr.  V.  Meyer,  Band  60, 
Seite  171   unter  der  Rubrik :  „Ueber  die  Philoposie!" 


65.  Diejenigen,  bei  denen  die  Geschwüre  mit  deutlicher 
Geschwulst  verbunden  sind,  werden  dadurch  vor  Kräm- 
pfen und  Geistesstörungen  geschützt.  Verschwindet 
diese  Geschwulst  aber  plötzlich,  so  erfolgen,  wenn  die 
Geschwüre  sich  Hinten  befinden,  Konvulsionen  und 
Starrkrämpfe,  wenn  aber  Vorne,  Verstandesverwirrung, 
heftiges  Seitenstechen,  innere  Vereiterungen,  oder  Durch- 
fall, wenn  die  Anschwellungen  roth  waren. 


66.  Es  ist  ein  sehr  böses  Zeichen,  wenn  bei  grossen  und 
gefährlichen  Wunden  sich  keine  Geschwulst  ein- 
stellen will. 

67.  Die  weiche  Geschwulst  ist  gut,  die  Eohe  und  Harte 
aber  böse. 


Diese  drei  Aphorismen  (65,  66  und  67)  gehören  ihrem 
Wesen  nach  zusammen,  obwohl  der  Erste  von  Geschwüren, 
—  (nicht  wie  Einige  im  Widerspruche  mit  des  Hippokrates 
imdrjfucov  to  tvqcötov  II,  3  und  mit  Celsus  II,  7  hier  „Verwun- 
dungen" übersetzen)  —  und  der  Folgende  von  Wunden  han- 
delt. Bei  Beiden  ist  gleichmässig  eine  weiche,  die  Eiterung 
befördernde  Geschwulst  ein  gutes  Zeichen,  wie  Solches  auch 
von  der  Erfahrung  vollkommen   bestätigt  wird.     Eben   so   ist  es 


V.  Buch.    Aphorism  67.  345 

bei  Beiden  ein  ungünstiges  Zeichen,  sowohl  wenn  eine  bereits 
vorhandene  Geschwulst  schnell  verschwindet,  als  auch 
wenn  gar  Keine  entsteht.  Wo  aber  eine  Solche  vorhanden  ist, 
da  zeigt  die  Harte  meistens  einen  hohen  Grad  von  Entzün- 
dung an,  welche  (am  Gewöhnlichsten  durch  Ars.,  Beil.,  Hep., 
Lach.,  Merc,  Puls. ,  oder  Sil.,  je  nach  den  Umständen)  vorab 
beseitigt  werden  muss,  um  eine  gehörige  Eiterbildung  zu  ge- 
statten. Der  in  der  erforderlichen  Menge  abgesonderte  und  sei- 
ner Beschaffenheit  nach  gesunde  Eiter  ist  alsdann  die  zu- 
träglichste Salbe  für  alle  Geschwüre,  und  so  wie  die 
Homöopathie  zahlreiche  Mittel  besitzt,  um  den  schlechten 
Eiter  in  einen  Guten  umzuwandeln,  so  will  sie  auch,  sobald 
dieser  Zweck  erreicht  ist,  von  dem  öfteren  angeblichen  Reini- 
gen solcher  Geschwüre  nichts  wissen,  indem  dadurch  Nichts  ge- 
wonnen und  im  Gegentheile  die  Heilung  nur  verzögert  wird. 

Eine  gänzlich  mangelnde  Geschwulst  an  verletzten 
Theilen  deutet  gewöhnlich  auf  Mangel  an  Lebens-  und  Reak- 
tions -Kraft,  und  muss  demgemäss,  zuvörderst  ohne  besondere 
Rücksichtsnahme  auf  den  beschädigten  Theil,  behandelt  werden, 
wozu  in  sehr  vielen  Fällen  Ars.,  Camph.,  Carb.  veg.,  Com,  Laur., 
Op.,  Ph.  ac.  und  Sulph.  die  erspriesslichsten  Dienste  leisten, 
wenn  sie  genau  homöopathisch,  d.  h.  der  Gesammtheit  der 
übrigen  Krankheits-Symptome  entsprechend  gewählt  und  in  mög- 
lichst feinen  Gaben  angewendet  werden.  Durch  dasselbe  Ver- 
fahren, vermittelst  blosser  innerer  Mittel,  gelingt  es  ebenfalls 
meistens,  eine  verschwundene  Geschwulst  wieder  herzu- 
stellen, namentlich  durch  Ars.,  Calc,  Creos.,  Hep.,  Lach.,  Lyc, 
Merc,  Sep.  und  Sil.,  was  wohl  schwerlich  jemals  durch  äussere 
Mittel  möglich  sein  dürfte,  weil  die  Ursache  nicht  in  den 
verletzten  Theilen,  sondern  lediglich  im  inneren  Organismus 
liegt.  Was  aber  überhaupt  durch  blosse  innere  Mittel  bei 
äusseren  Beschädigungen,  wie  z.  B.  durch  Arn.  bei  Quetschun- 
gen,   durch    Ars.    bei   Verbrennungen,    durch   Symph.    bei 


346  v-    Buch.     Aphorism  68. 

Knochenbrüchen  u.  s.  w.  geleistet  werden  kann,  Das  ist  be- 
reits in  weiteren  Kreisen  bekannt,  als  manches  Andere,  dessen 
die  Homöopathie  sich  rühmen  darf. x) 


68.     Dem,    der   an   Kopfschmerzen  im  Hinterhaupte  leidet, 
ist  ein  Aderlass    an  der  geraden  Stif nader   nützlich. 2) 


Hier  kann  wohl  nur  eine  vorübergehende  Linderung 
derjenigen  Schmerzen  im  Hinterkopfe  gemeint  sein,  welche 
von  Blutdrang  zum  Kopfe  verursacht  werden  und  die  am 
Gewöhnlichsten  durch  unsere  Acon.,  Ap.  m.,  Beil.,  Bor.,  Ignat., 
Mezer.,  Mosch.,  N.  vom.,  Petr.,  Sep.,  Sil.,  Staph.,  oder  Sulph. 
dauerhaft  geheilt  werden.  Für  alle  andern  nervösen,  rheu- 
matischen oder  sonstigen  Hinterhauptschmerzen  der 
verschiedensten  Art,  die  innerhalb  des  Wirkungskreises  vieler 
andern  Mittel  liegen,  und  namentlich  oft  auf  Alum.,  Ambr.,  Carb. 
an.,  Carb.  veg.,  Chel.,  Colch.,  Magn.  mur. ,  Mezer.,  Natr.  carb., 
Nitr.,  Sabin.,  Seneg.,  Thuj.,  Zinc.  und  Andere  hinweisen,  kann 
ein  solcher  Aderlass  an  der  Stirne  oder  sonst  irgendwo  kaum 
jemals  selbst  auch  nur  eine  kurzdauernde  Besänftigung  her- 
vorbringen und  wird  in  vielen  Fällen  das  Uebel  nur  steigern. 
Niemals  aber  und  unter  keiner  Bedingung  wird  eine  Blutent- 
ziehung eine  gründliche  und  dauerhafte  Hülfe  gegen  dieses 
Leiden  verschaffen  können,  wo  es  nur  als  ein  einzelnes  Symp- 


1)  Noch  heutiges  Tages  steht  die  sogenannte  „Mumie"  der  Araber,  das 
Pissasphaltum  des  Plinius ,  hei  den  orientalischen  Aerzten  zur  schnellen 
Heilung  von  Knochenbrüchen  aller  Art  in  grösstem  Ansehen.  Bei  der 
noch  geringen  Zahl  unserer  dazu  dienenden  Mittel  dürfte  Dieses  der  Prü- 
fung werth  sein,  wie  es  uns  in  der  That  auch  schon  treffliche  Dienste  ge- 
leistet hat. 

2)  Diese  und  andere  Bestimmungen  über  die  Wahl  der  Adern,  die  ge- 
öffnet werden  sollen,  beruhen  auf  der  Augiologie  des  Polybius,  welche 
Hippokrates  adoptirt  haben  musste. 


V.  Buch.     Aphorism  69,  70.  347 

lom  einer  Krankheit  betrachtet  werden  darf,  und  ein  derartiger 
Versuch,  Heilung  zu  bringen,  verdient  erst  recht  den  Namen: 
symptomatisches  Kuriren!,  womit  die  Allopathie  uns  so 
freigebig  beschenkt.  3) 


69.  Der  Starrfrost  entspringt  bei  den  Frauen  ans  den 
Lenden  und  steigt  durch  den  Rücken  zum  Kopfe  her- 
auf. Eben  so  beginnt  er  bei  den  Männern  mehr  in 
den  hintern,  als  in  den  vorderen  Theilen  des  Körpers, 
wie  in  den  (hintern)  Schenkeln  und  an  den  Ellnbogen. 
Dies  kömmt  von  der  grösseren  Lockerheit  der  Haut 
(an  der  vorderen  Seite),  welche  durch  den  Haar- 
wuchs angezeigt  wird. 


Wir  wollen  zu  diesem  Aphorism  weder  für  die  Berichtigung 
der  Leseart  eines  im  Urtexte  offenbar  vorhandenen ,  mit  einer 
Parallelstelle  in  desselben  Autors  gnetö^furav  xo  enrov  (III,  15) 
im  Widerspruche  stehenden  Schreibfehlers,  noch  für  die  Beleuch- 
tung seines  Inhalts,  den  ein  Kommentator  ziemlich  treffend  ein 
„Phantasiestückchen"  genannt  hat,  unnütze  Worte  verlie- 
ren, und  überlassen  ihn  gerne  den  wahren  hippokratischen  Aerz- 
ten  zur  Uebung  ihres  Scharfsinns,  wenn  sie  nicht  blindlings  in 
verba  magistri  schwören  wollen.4) 


70.     Die  am    viertägigen   W^echselfieber  Leidenden   bleiben 
meistens  von  Krämpfen  verschont.     Waren  Diese  aber 


3)  Ein  öfterer  Aderlass  befördert  mächtig  die  Anlage  zur  Vollblütig- 
keit. Cullen,  pract.  of  phys.  II,  167. 

,,Tu  forte  nil  scies  (de  judicio  ex  urina  ferendo)"  —  sagt  Petrarca  de 
caut.  med.  —  „Die,  quod  habet  obstruetionem  in  hepate.  Dicet:  non  Do- 
mine, imo  dolet  in  capite.  Tu  debes  dicere,  quod  hoc  venit  ab  hepate.  Et 
specialiter  utere  hoc  nomine  obstruetio,  quia  non  intelligent,  quid  significat, 
et  multum  expedit,  ut  non  intelligatur  locutio  ab  illis."  —  Dergleichen 
medizinische  Kautelen  sind  heutiges  Tages  noch  mindestens  eben  so  häufig 
im  Gebrauche,  als    zu  den  Zeiten  Petrarca's. 

4)  Mich  dünkt,  Plato    würde,  wenn  er  noch  lebte,  sein  ßQOzoi  cpQEvccg 


348  v-  B"ch.     Aphorism  70. 

früher  schon  damit  behaftet,  so  werden  sie  davon  be- 
freit, sobald  sich  bei  Ihnen  ein  viertägiges  Wechsel- 
fieber einstellt. 


Es  konnte  nicht  fehlen,  dass  unserm  aufmerksamen  und 
scharfsinnigen  Beobachter  der  gewöhnlichen  Vorgänge  in  der 
Natur  die  Erfahrung  auffallen  musste,  dass  zweierlei  Krank- 
heiten von  verschiedener  Beschaffenheit  zu  gleicher 
Zeit  im  Organismus  nicht  bestehen  können.5)  Diese  höchst 
wichtige  Wahrheit  bildet  nun  aber  die  erste  Grundlage,  wor- 
auf die  ganze  Lehre  der  Homöopathie  aufgebaut,  die  aber  durch 
weitere  Versuche,  Beobachtungen  und  Erfahrungen  noch  genauer 
präcisirt  ist.  Die  Letzteren  haben  nämlich  überall  nachgewies- 
sen,  dass  nur  ähnliche  Krankheiten  sich  einander  voll- 
ständigaufheben und  auslöschen,  während  Unähnliche  hin- 
gegen nur  vorübergehend  einander  unterdrücken,  sodass 
unter  der  Herrschaft  der  Stärkeren  die  Schwächere 
gleichsam  bloss  schlummert,  aber  nach  der  freiwilligen  oder 
künstlichen  Beseitigung  der  Ersten  als  eine  ungeheilt 
noch  Vorhandene  wieder  erwacht.  Daher  mag  es  auch  wohl 
kommen,  dass  Hippokrates  im  vorstehenden  Aphorism  nicht 
überhaupt    von    dauerhafter  Heilung    der   Krämpfe    durch 


mXt6av  ccvvoi-  auf    manche  Abhandlung    und    manchen  Lehrsatz    der    alten 
und  neuen  Philosophen  (und  Physiologen)  schreiben. 

Schlosser,  Anna,  zu  Plato's  Briefen,  S.  195. 
5)  Ueber  die  Ausschliessung  oder  Immunität  der  Tuberkulose  durch 
Krebs,  Herzkrankheiten,  Lungenemphysem,  Kropf,  Rückgratsverkrümmun- 
gen, Leberleiden  u.  s.  w'.  S.  Richter,  Grundriss  der  inneren  Klinik,  S.  276 
und  287.  —  „Ich  habe  bereits"  —  sagt  Dr.  Ramadge,  die  Lungenschwind- 
sucht heilbar,  S.  54  —  ,,oben  gesagt,  dass  Menschen,  welche  an  asthma- 
tischen, catarrhalischen  oder  Herzkrankheiten  leiden,  ausser  aller  Gefahr 
sind,  in  Lungenschwindsucht  zu  verfallen.  Ich  könnte  auch  noch  alle  Die- 
jenigen dazu  zählen ,  die  von  convulsivischen  Krankheiten ,  als  Hysterie, 
Epilepsie,  mit  einem  Worte  von  solchen  Uebeln  befallen  sind,  bei  denen 
man  häufig  eine  fortgesetzte  und  gewaltsame  Zurückhaltung  des  Athems 
bemerkt."    —   (Ob  der  motivirende   Scliluss  richtig  ist,  bezweifeln   wir!) 


V.  Buch.    Aphorism  71.  349 

Quartanfieber  spricht,  sondern  eigentlich  mehr  von  einem  Aus- 
bleiben der  Anfälle,  ohne  sich  mit  Bestimmtheit  darüber  zu 
äussern,  ob  nicht  vielleicht  eine  Wiederkehr  des  Uebels  zu 
befürchten  steht,  nachdem  das  Fieber  aufgehört  hat.  Ein  solcher 
glücklicher  Erfolg  würde,  im  Einklänge  mit  unsern  Grundsätzen 
und  unseren  Erfahrungen  in  diesen  Fällen  nur  dann  zu  erwarten 
sein,  wenn  das  viertägige,  oder  auch  jedes  andere  Wechsel- 
fieber  zu  Denjenigen  gehörte,  welche  ähnliche  Krampfan- 
fälle unter  ihre  begleitenden  Symptome  zählen,  wie  Das  unter 
Andern  hauptsächlich  bei  denjenigen  Fiebern  vorkommt,  welche 
vermöge  ihrer  sonstigen  begleitenden  Beschwerden  auf  Ant.  crud., 
Arn.,  Ars.,  Beil.,  Calc,  Caust.,  Chin.,  Cina.,  Cocc,  Cupr.,  Hyosc, 
Ignat.,  Lach.,  N.  vom.,  Bhus,  Sep. ,  Stann.,  Sulph.,  oder  Veratr. 
hinweisen.  Wo  hingegen  gar  keine  eigentlichen  krampfhaften 
Ercheinungen  in  der  Wirkungsfähigkeit  einer  Arznei 
liegen,  da  ist  auch  nach  einem  unwandelbaren  und  durch  tausend- 
fältige Thatsachen  bestätigten  Naturgesetze  keine  wahre  Hei- 
lung derselben  möglich.  Wenn  mithin  die  Epileptischen 
von  einer  Art  von  Quartanfieber  befallen  werden ,  welches  ein 
Mittel  verlangt,  das  keine  eigentlichen  Krämpfe  unter  seinen 
Zeichen  besitzt,  so  können  und  werden  Diese  allerdings  für  eine 
gewisse  Zeit  zurücktreten,  später  aber  unausbleiblich  sich 
wieder  in  der  früheren  Weise  einstellen.  So  und  nicht 
anders,  darf  nach  unserer,  auf  zahlreiche  Erfahrungen  gerade  in 
diesen  beiden  Krankheitsformen  begründeten  Ueberzeugung  die- 
ser Aphorism  verstanden  werden,  der  in  derselben  Weise  auch 
noch  auf  viele  andere,  durch  Krankheiten  entweder  geheilte  oder 
nur  zeitweise  unterdrückte  Beschwerden  verschiedener  Art  An- 
wendung findet. 

71.  Diejenigen,  welche  eine  straffe,  dürre  und  harte  Haut 
haben ,  sterben  ohne  Schweiss ;  Diejenigen  hingegen, 
deren  Haut  schlaff  und  locker  ist,  sterben  unter 
Schweissen. 


350  v-  Buch.     Aphorism  72. 

Im  Allgemeinen  ist  dies  wohl  richtig.  Doch  erscheint  bei 
den  Erstgenannten  in  der  Todesstunde  oft  ein  ziemlich  bedeuten- 
der Schvveiss ,  der  dann  aber  meistens  einen  eigenthümlichen, 
sehr  unangenehmen  Geruch  verbreitet. 


72.     Gelbsüchtige  leiden  selten  an  Blähungsbeschwerden. 


Dieser  letzte  Lehrsatz  dieses  Buches,  welches  neben  vielem 
Wahren  und  Lehrreichen  auch  manches  Halbwahre,  Zwei- 
felhafte und  Irrige  enthält,  erleidet  wieder  in  der  Wirklich- 
keit zahlreiche  Ausnahmen,  bei  Denen  wir  uns  nicht  aufhalten 
wollen,  weil  sie  für  die  Wissenschaft  von  geringer  Erheblichkeit 
sind.  Wir  begnügen  uns  daher,  nur  im  Allgemeinen  auf  die- 
jenigen Arten  von  Gelbsucht  hinzuweisen,  welche  auf  Carb. 
veg.,  Cham.,  Chin.,  Ignat.,  Lyc,  N.  vom.  und  Plumb.  passen, 
und  bei  Denen  allerdings  nicht  selten  Blähungsbeschwerden  in 
erheblicher  Menge  vorhanden  sind. 


VI.  Buch.6) 


1.  Wenn  bei  langwierigen  unverdauten  Durchfällen  sich 
ein  saures  Aufstossen  einstellt,  was  früher  nicht  vor- 
handen war:  so  ist  Dieses  ein  günstiges  Zeichen. 


Dieser  Aphorism  scheint  aus  des  Hippokrates  ETtiS^fjuav  to 
dsvtEQov.  II,  2  geschöpft  zu  sein,  wo  wir  (in  der  Grimm-Lilien- 
hainschen  Uebersetzung ,  S.  223)  folgende  merkwürdige  Stelle 
lesen:  „In  langwierigen  Ruhren  ist  ein  vorher  noch  nicht  be- 
merktes saure  s  Aufstossen,  wie  beim  Demänetes,  ein  gutes 
Zeichen.  Vielleicht  lässt  es  sich  auch  durch  die 
Kunst  herbeiführen."  Wenn  man  dabei  bedenkt,  dass  fast 
alle  Heilmittel,  welche  sich  bei  der  Lienterie  am  Meisten  be- 
währt haben,  auch  saures  Aufstossen  unter  ihre  Symptome 
zählen,  und  Hippokrates  selbst  ein  künstliches  Hervorbrin- 
gen Desselben  für  wünschenswerth  hält:  wie  nahe  hatte  ihn 
seine  Erfahrung  dann  bereits  an  die  Erkenn tniss  der  Homöo- 
pathie gebracht!  Freilich  stimmt  damit  nicht  überein,  was  er 
zur  Erläuterung  aus  der  damaligen  Theorie  hinzufügt;  aber 

6)  Einige  Gelehrte  zweifeln  an  der  Echtheit  und  der  Autorschaft  des 
Hippokrates  dieses  und  der  heiden  letzten  Bücher  der  Aphorismen,  und 
schliessen  dies  hauptsächlich  aus  dem  „verfehlten,  hippokratischen  Ionis- 
mus" und  der  überhaupt  verfehlten  eigenthümlichen  Sprache  unsers  Autors. 


352  ^1.  Buch-     Aphorism  2. 

dies  thut  mindestens  der  Erfahrung  und  Beobachtung  kei- 
nen Abbruch,  welche  Ihn  zu  jenem  Ausspruche  bewogen  haben.7) 
Hätte  er  also  unsere  Asar.,  Bry.,  Chin.,  Ferr.,  Phosph.  und 
Sulph.  ac.  nach  ihren  Wirkungen  gekannt,  so  würde  er  sie  an- 
gewendet und  den  Erfolg  als  Bestätigung  seiner  Vermu- 
thung,  vielleicht  auch  seiner  theoretischen  Ansichten  mit- 
getheilt,  dagegen  die  von  Einigen  empfohlene  Salzsäure  un- 
wirksam befunden  haben,  weil  zu  ihren  Symptomen  weder  die 
eigentliche  Lienterie,  noch  auch  das  saure  Aufstossen 
gehört. 8) 


2.  Ein  anhaltender  natürlicher  Fliessschnupfen,9)  so  wie 
Schweiss  an  den  Geschlechtstheilen  bezeichnen  eine 
minder  feste  Gesundheit,    als  das  Entgegengesetzte. 


Es  scheint  als  eine  ziemlich  allgemein  gültige  Regel  anzu- 
nehmen zu  sein,  dass  jederlei  Art  von  dauernden,  allzu 
flüssigen  Ausleerungen ,  wie  die  der  Nase,  aber  auch  des 
Stuhlganges,  insbesondere  der  zu  viele  Schweiss,  eine  mehr 
oder  weniger  schwächliche  Konstitution  andeuten.  Wenn 
auch  bei  einigen  fieb  erartigen  Krankheiten  und  Entzün- 
dungen, wie  z.  B.  bei  Gehirnentzündungen,  das  wieder 
Feuchtwerden   der   vorher   trockenen  Nase,  ja  selbst  ein 


7)  Die  Verdienste  des  Hippokrates  um  die  leidende  Menschheit  wurden 
(nach  Plinius  VII,  37)  in  dem  Maasse  von  den  Griechen  anerkannt,  dass 
sie  ihm  gleiche  Ehren,'  als   dem  Hercules,   zuerkannten. 

8)  Unter  Cholera  sicca  (auch  morbus  ructuosus  Hippocratis  genannt) 
verstanden  die  Alten  das  unaufhörliche,  heftige  Luft-Aufstossen  oder  die 
Eülps-Sucht,  mithin  ganz  etwas  Anderes,  als  viele  Neuere. 

9)  Der,  von  den  älteren  Aerzten  scharf  bestimmte  Unterschied  zwischen 
Fliessschnupfen  (Coryza)  und  Stock-Schnupfen  (G-ravedo)  wird 
heutiges  Tages,  selbst  von  Homöopathen,  vielfach  verwechselt  oder  unbe- 
achtet gelassen,  und  für  den  Einen,  wie  für  den  Andern,  häutig  nur  das 
doppeldeutige  Wort  „Schnupfen"  gebraucht. 


VI.  Buch.     Aphorism  2.  353 

eintretender  Fliess schnupfen,  ein  sehr  erwünschtes  Zeichen 
abgiebt:  so  ist  Dieses  doch  nicht  der  Fall,  wenn  Solcher  habi- 
tuell fortdauert.  Ebenso  verhält  es  sich  mit  den  habituellen 
flüssigen  Stuhlausleerungen,  und  Wer  sich  aufmerksam  in 
seinen  Umgebungen  umsieht,  Der  wird  finden,  dass  durchgängig 
Personen  mit  etwas  hartem  und  zögerndem  Stuhle  einer 
dauerhafteren  Gesundheit  sich  erfreuen,  als  die  Weich- 
leibigen. 10) 

Wenn  wir  in  Bezug  auf  das  zweite,  die  Geschlechts- 
t heile  betreffende  Symptom  von  der  Uebersetzung  aller  andern 
Autoren  abweichen:  so  haben  wir  zur  Rechtfertigung  nur  anzu- 
führen, dass  einestheils  das  Maass  für  die  Flüssigkeit  des 
Samens,  wie  schon  Einer  angemerkt  hat,  ungemein  unbestimmt 
und  kaum  zu  bemessen  ist,  und  dass  anderntheils  der  gelehrte 
Foesius  (Oecon.  Hipp.  pag.  140  ad  vocem  Fovtj),  aus  vielen 
Stellen  des  Hippokrates  und  andern  griechischen  Autoren  nach- 
gewiesen hat,  dass  unter  diesem,  hier  gebrauchten  Worte  häufiger 
die  Geschlechtstheile  überhaupt,  als  der  männliche 
Samen  verstanden  werde.  Damit  stimmt  nun  auch  vollkommen 
überein,  was  (1.  c.  pag.  630  und  631)  zu  den  Wörtern  vyQaßirj 
und  vyQov  gesagt  ist.  Aber  noch  mehr  dürfte  für  unsere  An- 
sicht sprechen,  dass  der  habituelle  Seh  weiss  der  Genitalien 
durchgängig  eine  geschwächte  und  angegriffene  Gesund- 
heit anzeigt,  welche  sich  mancher  Jüngling  und  manches 
Mädchen  schon  frühzeitig  durch  die  bekannten  heimlichen 
Sünden  zugezogen  hat.  Indessen  haben  wir  nicht  die  An- 
massung,  unsere  Meinung  irgend  aufdringen,  oder,  so  wichtigen 
Autoritäten  gegenüber,  als  die  Richtigste  aufstellen  zu  wollen, 
sondern  begnügen  uns  damit,  dieselbe  wenigstens  einigermaassen 


10)  Sed  purgationes  quoque,  ut  interdum  necessariae  sunt,  sie,  ubi 
frequentes  sunt,  periculum  afferunt.  Assuescit  enim  non  ali  corpus ,  cum 
omuibus  morbis  obnoxia  masime  infirmitas  sit.  Celsus  I,  3. 

23 


354  VL  Buch-     Aphorism  3,  4. 

begründet    und    der  Beurtheilung   der  medizinischen  Philo- 
logen zur  beliebigen  Kenntnissnahme  vorgelegt  zu  haben. 

Wir  verweisen  hierbei  übrigens  noch  auf  die  Glosse  zum 
Aphorism  IV,  38,  und  übergehen  mit  Stillschweigen  die  Wider- 
sprüche in  den  Uebersetzungen  und  Erklärungen  des  Schlusses 
des  eben  in  Rede  stehenden  Aphoriras,  die  wohl  durch  die  Un- 
sicherheit der  Vordersätze  veranlasst  sind. 


Es  ist  böse,  wenn  bei  langwierigen  ßuhren  Abscheu 
gegen  Speisen,  und  noch  böser,  wenn  gleichzeitig  da- 
mit auch  Fieber  sich  einstellt. 


Dass  allerdings  das  Zusammentreten  zweier  so  bedenk- 
lichen Symptome  ein  böses  Zeichen  abgiebt,  versteht  sich 
von  selbst,  deutet  auf  eine  grosse  Angegriffenheit  der  Verdau- 
ungsorgane, und  muss  natürlich  die  Kräfte  des  Kranken  in 
kurzer  Zeit  ungemein  erschöpfen.  In  solchen  Fällen  wird  in- 
dessen von  Ant.  crud.,  Ars.,  Chin.,  N.  mosch.,  Phosph.,  oder 
Puls.,  je  nach  den  sonstigen  Neben  zeichen,  noch  Viel  zu  er- 
warten sein. 1X)  —  Wir  bemerken  hier  noch,  dass  beim  Hippo- 
krates  unter  Ruhr  nicht  immer  Dasjenige  gemeint  ist,  was  wir 
im  engeren  Sinne  darunter  verstehen,  sondern  auch  Durch- 
fälle ohne  Tenesmus. 


4.    Die  in    ihrem   Umfange   glänzend   glatten    Geschwüre 
sind  bösartig. 

Einige  Uebersetzer  und  Kommentatoren  erblicken  in  diesen 
Geschwüren  allerlei  Arten  von  Solchen,  die  aus  einer  Dyskrasie 


11 J  Dies  erinnert  an  die  von  J.  P.  Frank  (de  cur.  hom.  morb.  epi- 
tome  L.  V,)  erzählte  Thatsache  von  der  Heilung  einer  heftigen  Diarrhöe 
bei  einem  40jährigen   Manne  vermittelst  eines  drastischen   Purgirmittels. 


VI.  Buch.    Aphorism  4.  355 

der  Säfte  entstanden  sind,  und  warnen  dabei  aufs  Dringendste 
gegen  jeden  Versuch,  sie  bloss  äusserlich  zu  behandeln.  Sie 
rathen  demgemäss  zu  den  Antimonial-Präparaten,  zum 
Quecksilber  und  zu  den  flaschehreichen  Haupt-Repräsen- 
tanten der  Allopathie,  nämlich  zum  Zittmann'schen 
De  kokte.12)  Wenn  wir  auch  in  Bezug  auf  eine  Verde  rb- 
niss  der  Säfte,  als  Ursache,  aber  nicht  bloss  dieser,  sondern 
aller  freiwilligen  Geschwüre  mit  unserer  bejahrten  und  er- 
fahrenen Schwester  vollkommen  übereinstimmen:  so  sehen  wir 
doch  in  der  obigen,  freilich  allzu  kurzen  Andeutung  haupt- 
sächlich nur  die  sogenannten  Furunkeln  beschrieben,  die  fast 
jedesmal  bösartiger  Natur,  an  einigen  Stellen,  z.  B.  im 
Nacken,  oft  lebensgefährlich  sind.  Die  Warnung,  Der- 
gleichen nicht  äusserlich  zu  behandeln,  scheint  indessen  nicht 
eindringlich  genug  gegeben  zu  sein,  denn  sie  wird  selten  befolgt. 
Erst  kommen  gewöhnlich  allerlei  Umschläge  und  Kataplas- 
men,  und  dann  sehr  bald,  noch  ehe  der  Eiter  gebildet  ist,  das 
Messer  zum  Aufschneiden;  aber  zur  Verbesserung  der  dys- 
kratischen  Säfte  geschieht  meistens  Nichts.  Bei  solchem 
Verfahren  kann  es  kaum  fehlen,  dass  das  Uebel  wächst  und 
endlich  eine  gefahrvolle  Höhe  erreicht. 13) 


12)  Das  Zittmannsche  Dekokt  scheint  eine  (angeblich)  verbesserte 
Nachahmung  des  vor  200  Jahren  üblichen  Guajac-Dekokts  zu  sein,  wovon 
ebenfalls  ein  stärkeres  und  ein  schwächeres  Präparat,  jedes  zu  16  Pfund, 
angefertigt  wurde,  und  welches  die  venerischen  Patienten  „Bier-Glas-weise" 
verzehren  mussten,  wie  man  heutiges  Tages  das  Hoff  sehe  Malzextrakt  ver- 
zehrt. Es  hatte  nur  den  Vorzug,  dass  es  viel  einfacher  war,  als  Jenes, 
und  dass  es  sonst  durchaus  keine  andere  arzneiliche  Zusätze  enthielt. 

13)  Freke  (Essay  or  the  Art  of  Healing)  war  der  Erste,  welcher  sich 
dem  Gebrauche  ätzender  und  fressender  Mittel  bei  schwammigen  Geschwü- 
ren widersetzte,  und  warme  Umschläge  zur  Beförderung  der  Ausdünstung 
der  leidenden  Theile  vorschlug.  Er  bemerkte,  dass  durch  erschlaffende 
Mittel  die  schwieligen  Ränder  am  Besten  gehoben  würden  Viele  neuere 
Aerzte  haben  dieser  gelinden  Behandlungsart  Beifall  gegeben,  und  sich  be- 
müht, solche  zum  Wohle  des  menschlichen  Geschlechts  allgemeiner  einzu- 
führen.    (Vergl.  Cläre  über  Eitergeschwüre.) 


356  VI>  Buch.    Aphorism  5. 

Die  Beb  an  dlungsw  eise  der  Homöopathie  ist  davon 
ganz  abweichend  und  offenbar  mehr  der  Krankheit  angemes- 
sen, weil  sie  der  Sache  auf  den  Grund  geht,  zunächst  ihr  Au- 
genmerk auf  die  Verbesserung  der  Säfte  richtet  und  mit 
dieser  das  bösartige  Geschwür  in  ein  Gutartiges  umwan- 
delt. Bei  den  kleinen,  aber  oft  sehr  schmerzhaften  Furun- 
keln reicht  man  oft  mit  Arn.  aus,  dem  man  dann  gern  eine 
kleine  Gabe  Sulph.  nachfolgen  lässt,  um  die  Wiederkehr  zu  ver- 
hüten. Die  Grossen,  oft  mehrere  Oeffnungen  Werfen- 
den verlangen  gewöhnlich  entweder  Hep.,  Lyc,  oder  Nitr.  ac, 
die  Brennenden  Ars.,  die  Dunkel blaurothen  Lach.,  die 
Scharlachrothen  Ap.  inel.,  oder  Beil.,  u.  s.  w.  Jede  äussere 
Behandlung  mit  arzneilichen  Salben  und  Pflastern  ist  dabei 
nicht  nur  völlig  unnütz,  sondern  dient  nur  dazu,  die  äusse- 
ren Rennzeichen  für  die  Wahl  der  Mittel,  wie  so  eben  bei- 
spielsweise angegeben  ist,  zu  verdunkeln.  Bei  solchem  Ver- 
fahren ist  der  Verlauf  jedesmal  schnell  und  gefahrlos, 
und  nicht  zu  befürchten,  dass  diese,  wenn  auch  sonst  nicht 
lebensgefährliche,  aber  doch  äusserst  lästige  Beschwerde,  sich 
lange  Zeit  fortschleppt.  —  Wir  wollen  hierbei  nur  mit  einem 
Worte  fragen,  wer  rationeller  verfährt,  die  Allopathie 
oder  die  Homöopathie?14) 


5.  Die  Unterschiede  bei  den  Schmerzen  in  den  Seiten, 
in  der  Brust  und  in  anderen  Theilen  müssen  genau 
erforscht  werden. 


Dieser  Aphorism  legt  ein  deutliches  Zeugniss  dafür  ab,  dass 


14)  Ob  wohl  die,  neuerdings  in  Berlin  erfundene  Bekleidung  der  Füsse 
der  Schaafe  mit  Gummischuhen,  dieselben  vor  der  bösartigen  Klauen- 
seuche schützen  wird?  An  Heilung  der  bereits  davon  Angesteckten  wird 
dabei  wohl  nicht  zu  denken  sein,  wie  es  dem  Homöopathen  (in  diesem 
Jahre   mit  Ars.)  so  leicht  gelungen  ist. 


VI.  Buch.     Aphorism  5.  357 

schon  Hippokrates  die  Notwendigkeit  des  Spezialisiren  s 
der  Schmerzen  und  Empfindungen  vollkommen  einsah.  Einige 
Kommentatoren  wollen  dies  bloss  auf  die  Zeit  der  Exacerba- 
tion beziehen;  Andere  verstehen  darunter  im  Allgemeinen 
diejenigen  Schmerzen,  welche  entzündlicher,  krampfhafter, 
rheumatischer,  oder  dergleichen  Art  sind;  noch  Andere  un- 
terscheiden mehr  nach  den  Stellen,  wo  sie  vorkommen  und 
wohin  sie  sich  verbreiten. 15)  Von  allen  solchen  Beschränkungen 
ist  im  Aphorism  selbst  Nichts  zu  lesen,  welcher  überhaupt  von 
Unterschieden  im  Allgemeinen  spricht,  ohne  die  Einen 
oder  die  Andern  auszuschliessen,  und  es  scheint  sich  daher  von 
Selbst  zu  verstehen,  dass  Keine  der  Art  ausgeschlossen  sein 
soll.  Ein  derartiges  Verallgemeinern  aber,  nach  oft  unver- 
ständlichen Bezeichnungen,  wie  die  oben  Angedeuteten,  oder 
Uebersehen  der  äusseren  Bedingungen  für  Verschlimme- 
rung oder  Besserung,  würde  sicher  nicht  in  dem  Maasse 
haben  einreissen  können,  wie  es  bis  zur  heutigen  Stunde  üblich 
ist,  wenn  man  das  Spezielle  und  Bestimmte  in  dieser  Be- 
ziehung zur  richtigen  Wahl  der  Arznei  zu  verwenden  gewusst 
hätte.16)  Aus  diesem  Grunde  vorzüglich  scheint  man  das  un- 
bebaute und  daher  unfruchtbare  Feld  der  Erfahrung 
verlassen  und  sich  einem  Andern  zugewendet  zu  haben,  wo  das 


15)  „So  wenig  der  Anatom"  —  sagt  der  gelehrte  Virchow,  —  „ohne 
andere  Untersuchungsmittel,  als  die  seine  Disziplin  bietet,  im  Stande  wäre, 
die  verschiedenen  Sinnesorgane  als  die  spezifischen  Sitze  der  sinnlichen 
Einwirkungen  zu  demonstriren,  so  wenig  vermag  der  pathologische  Anatom 
eine  grosse  Reihe  krankhafter  Einwirkungen  zu  lokalisiren,  wenn  sie  auch 
durchaus  lokal  sind.  Die  Lokalisation  der  Krankheit  ist  nur  zum  Theil 
auf  anatomischem  Wege  zu  ergründen.  Die  Nervenpathologie  ist  der  ana- 
tomischen Untersuchung  am  wenigsten  zugänglich." 

16)  Wenn  der  Arzt  auch  genau  nachgeforscht  und  von  dem  Patienten 
erfahren  hat,  ob  der  Schmerz  drückend,  fressend,  klopfend,  kneipend,  reis- 
send, schneidend,  stechend,  spannend,  zuckend,  oder  wie  sonst  noch  em- 
pfunden wird:  so  kann  er  doch  vermittelst  seines  Contraria  Contrariis  keine 
Anwendung  davon  machen,  weil  es  von  allen  diesen,  so  wie  von  sämmtlichen 
Schmerz-Empfindungen  kein  wahres  und  eigentliches  Contrarium  giebt. 


358  VI-  Buch.     Aphorism  5. 

Individuelle  beinahe  ganz  ausgeschlossen  ist,  wo  man 
jeden  Baum  kurzweg  einen  Baum,  jedes  Kraut  ein  Kraut 
und  jeden  Stein  einen  Stein  nennt,  ohne  sich  im  Mindesten 
um  die  Unterschiede  zu  bekümmern,  welche  Jedes  von  allen 
den  vielen  Vorkommenden  kennzeichnen  und  individualisiren.  So 
gewiss  aber  jede  Baum-  und  jede  Kraut-Gattung  von  der 
Andern  verschieden  ist,  eben  so  gewiss  ist  dies  auch  der 
Fall  mit  den  Krankheiten  der  Menschen,  und  so  wie  unter 
derselben  Gattung  verschiedene  Arten  und  Spielarten  vor- 
kommen, so,  und  wohl  noch  häufiger,  kommen  auch  unter  den- 
selben Krankheits-Gattungen  ebenfalls  eine  grosse  Menge 
von  Unterarten  vor,  die  selbst  bei  gleichförmig  scheinen- 
den Epidemien  kein  Generalisiren  gestatten.  Diese  Wichtigkeit 
und  Unerlässlichkeit  des  Individualisirens  bei  der  homöo- 
pathischen Heilmethode  hat  sich  immer  mehr  herausge- 
stellt, je  mehr  man  durch  Prüfung  der  Arzneien  am  Gesun- 
den und  durch  Anwendung  Derselben  beim  Kranken  zur 
Ueberzeugung  gelangte,  dass  es  nicht  zwei  Arzneien  giebl, 
deren  Wirkung  in  allen  Hinsichten  ganz  gleichförmig, 
und  dass  die  unendliche  Mannigfaltigkeit  der  Krankheits- 
zeichen mindestens  eben  so  gross  ist,  als  die  Zahl  der  ermit- 
telten Arznei-Symptome.17)  Die  Verwerthung  dieser 
Ergebnisse  der  Erfahrung  zum  Heile  der  leidenden  Mensch- 
heit ist  daher  immer  mehr  die  Hauptaufgabe  der  Homöopathie 
geworden.  Sie  geht  dabei  gewissermaassen  systematisch  zu 
Werke,  um  nach  allen  Bichtungen  hin  ihre  Symptome  vollstän- 
dig festzustellen  und  nirgends  eine  Lücke  offen  zu  lassen,  worin 


17)  Was  soll  man  also  dazu  sagen,  wenn  ein  genauer  Beobachter,  wie 
Hufeland  (Kleine  mediz.  Schriften  II,  S.  83)  aus  eigener  (?)  Erfahrung  ver- 
sichert: „Die  Hauptkraft  dieses  Mittels  (der  Nux  voraica)  ist  die  narko- 
tische; es  nimmt  eben  so  schnell  Schmerzen  und  Krämpfe  weg,  als  Opium 
und  die  besten  anderen  Narkotika,  und  besonders  bei  Krämpfen  des  Darm- 
kanals scheint  es  dieselben  noch  zu  übertreffen." 


VI.  Buch.     Aphorism  5.  359 

sich  ein  Zweifel  verbergen  könnte.  Zu  dem  Ende  erforscht  sie 
zuvörderst  bei  jedem  Einzelnen  Derselben  mit  möglichster  Ge- 
nauigkeit das  Organ  oder  den  Körpertheil,  dann  die  Art 
der  daran  wahrzunehmenden  Schmerzen  oder  Empfindun- 
gen, mit  Einschluss  der  äusseren  Erscheinungen,  darauf  die 
Zeit,  die  Lage,  das  Verhalten  und  sämmtliche  Umstände, 
welche  auf  V  e r  s  c  h  1  i  m  m  e  r  u  n  g  oder  B  e  s  s e  r  u n  g  dieses  Symp- 
toms irgend  Einfluss  haben.  Sind  nun  alle  die  verschiedenen 
Symptome,  welche  die  Gesammtheit  des  vollständigen  Krank- 
heitsbildes ausmachen,  in  solcher  Weise  erforscht  und  scharf 
individualisirt,  so  folgt  die  Wahl  des  Heilmittels  eben  so 
durch  Vergleichung  jeder  einzelnen  Besonderheit  mit  den  Ergeb- 
nissen der  Arzneipräfungen,  woraus  sich  dann  ergiebt, 
welches  Heilmittel  das  Passendste  und  Hülfreichste  sein  muss.18) 


18)  „Bei  jedem  neuen  Kranken"  —  sagt  Hufeland  in  seinen  kleinen 
mediz.  Schriften  II,  S.  147  —  „ist  das  Examen  die  Hauptsache,  -wobei 
ich  mich  gern  etwas  lange  verweile,  ■ —  weil  ich  weiss,  dass  nichts  wich- 
tiger aber  auch  nichts  schwerer  ist,  als  in  diesem  Theile  der  praktischen 
Kunst  eine  Fertigkeit  zu  erhalten.  —  Wer  das  Fragen  in  der  Medizin  ver- 
steht, der  wird  klug."  —  —  Für  den  Homöopathen  ist  dieses  Examen 
doppelt  wichtig,  weil  er  solches  nach  den  Erfordernissen  der  therapeutischen 
Mittelwahl  unmittelbar  anstellen  kann. 

In  der  Anmerkung  zum  §  119.  des  Organons  lesen  wir:  —  „Wer  die 
so  sonderbar  verschiedenen  Wirkungen  jeder  einzelnen  Substanz  von  denen 
jeder  Anderen  auf  das  menschliche  Befinden  genau  kennt  und  zu  würdigen 
versteht,  der  sieht  auch  leicht  ein,  dass  es  unter  ihnen,  in  arzneilicher 
Hinsicht,  durchaus  keine  gleichbedeutenden  Mittel,  keine  Surrogate  geben 
kann.  Bloss  wer  die  verschiedenen  Arzneien  nach  ihren  reinen,  positiven 
Wirkungen  nicht  kennt,  kann  so  thö'richt  sein,  uns  weissmachen  zu  wollen, 
eins  könne  statt  des  andern  dienen  und  eben  so  gut,  als  jenes,  in  gleicher 
Krankheit  helfen."  —  Daraus  folgt  unmittelbar,  was  daselbst  im  §  264 
steht:  —  „Der  wahre  Heilkünstler  muss  die  vollkräftigsten,  echtesten 
Arzneien  in  seiner  Hand  haben,  wenn  er  sich  auf  ihre  Heilkraft  will  ver- 
lassen können;  er  muss  sie  selbst  nach  ihrer  Echtheit  kennen."  —  Und 
im  §  265.:  —  „Es  ist  Gewissenssache  für  ihn,  in  jedem  Falle  un- 
trüglich überzeugt  zu  sein,  dass  der  Kranke  jederzeit  die  rechte  Arznei 
einnehme."  —  Aus  diesen  ernsten  Aussprüchen  des  Stifters  der  Homöo- 
pathie lassen  sich  mehrere  eben  so  ernste  Folgerungen  ziehen,  sowohl  in 
Beziehung  auf  die  Freiheit  der  Wissenschaft,  als  in  der  des  Gewissens  der 
Aerzte. 


360  VI-  Buch.     Aphorism  5. 

Mit  gleicher  Sorgfalt  und  Umsicht  hat  man  früher  nie- 
mals bei  der  Behandlung  eines  Kranken  verfahren,  und  man  darf 
mit  Entschiedenheit  behaupten,  dass  der  hier  in  Rede  stehende 
hippokratische  Aphorism  niemals  in  solcher  Wichtig- 
keit erkannt  und  mit  solcher  Vollständigkeit  befolgt  ist, 
wie  eben  bei  der  Homöopathie.19)  Man  muss  freilich  zugeben, 
dass  dieser  Weg  lang  und  mühsam  ist;  aber  man  wird  auch 
dafür  nicht  in  Abrede  stellen  und  durch  keine  Thatsache  be- 
weisen können,  dass  es  einen  Kürzeren  und  Bequemeren 
giebt,  der  eben  so  sicher  zum  Ziele  führt.  Was  gilt  aber  der 
grössere  Aufwand  von  Zeit  und  Mühe,  wenn  es  sich  um  Gesund- 
heit und  Leben  eines  Menschen  handelt?  —  Indessen  wird  auch 
dieser  Weg,  der  dem  Anfänger  unabsehbar  lang  erscheint, 
durch  fortschreitend  genauere  Bekanntschaft  mit  dem  Genius 
der  einzelnen  Arzneien  und  durch  die  allmählig  erlangte  Uebung, 
das  Wichtige  von  dem  Unerheblichen  zu  trennen,  unbe- 
schadet der  Sicherheit,  immer  mehr  und  bedeutender  abge- 
kürzt, und  der  routinirte  Homöopath  erlangt  allmälig 
darin  eine  Leichtigkeit  und  Fertigkeit,  die  er  anfangs  für 
unmöglich  halten  musste.  Selten  oder  nie  wird  aber  der  Kennt- 
nissreichste und  Geüb  testebei  allen  vorkommenden  Krank- 
heiten mit  seinem  auch  noch  so  treuen  Gedächtnisse  allein 
ausreichen,  sondern  er  wird  öfterer  oder  seltener  in  den  Fall 
kommen,  wo  er,  um  sicher  zu  gehen,  sich  genöthigt  sehen  wird, 


19)  Nach  25  Jahren  gilt  heute  überall  noch,  was' Jahr  (A.  H.  Zeitung 
X,  50)  von  Belgien  sagte:  —  „Was  der  Homöopathie  hier  noch  viel  Scha- 
den droht,  das  sind  die  schlechten  Aerzte,  die,  ohne  gehörige  Kenntniss 
irgend  einer  Methode,  von  der  allopathischen  Pfuscherei  zur  Homöopathi- 
schen übergegangen  sind;  die  bald  Blutegel  setzen,  hald  Aconit  reichen, 
ohne  zu  wissen,  warum;  die  sich  nie  die  Mühe  nehmen,  ein  Krank- 
heitsbild aufzuzeichnen,  und  Mittel  verordnen,  ohne  je  einen  Blick  in  die 
reine  Arzneimittellehre  gethan  zu  haben,  und  die  endlich  in  der  Grösse 
der   Gabe   suchen,   was    sich   nur   in   der   richtigen  Wahl   der  Mittel  finden 


VI.  Buch.      Aphorism  6.  361 

zu  den  Arzneiprüfungen    selbst    seine   Zuflucht   zu   nehmen 
und  sich  darin  Raths  zu  erholen.20) 


Bei    alten  Leuten    ist    die  Heilung    der   Nieren-    und 
Blasenübel  schwierig. 


Dem  Umstände,  dass  diese  Erfahrung  sich  von  jeher  und 
zu  allen  Zeiten  bestätigt  hat,  mag  wohl  die  Hauptursache  beizu- 
messen sein,  dass  die  allopathische  Literatur  eben  über 
diesen  Gegenstand  so  ungemein  reich  vertreten  ist,  und  dass 
wir  dessenungeachtet  in  Bezug  auf  die  Heilung  dieser  Krank- 
heiten noch  ziemlich  auf  demselben  Flecke  stehen,  worauf  un- 
sere Vorfahren  standen.  Hippokrates  sagt  (otk^pcov  xo  7t(jcotov. 
VI,  84),  dass  er  nach  dem  fünfzigsten  Lebensjahre  nie- 
mals eine  Heilung  dieser  Krankheit  gesehen  habe,  und  es 
scheint,  dass  dies  auch  heute  noch  der  Fall  ist,  wenn  man  unter 
Heilung  nicht  bloss  die  vorübergehende  Beseitigung  der 


20)  Was  hier  nur  in  den  allgemeinsten  Umrissen  gesagt  werden  konnte, 
findet  sich  etwas  ausführlicher,  aher  bei  Weitem  noch  nicht  erschöpfend 
dargestellt  in  einem  Aufsatze  des  Herausgebers,  welcher  zuerst  in  franzö- 
sischer Sprache  in  dem  November-Hefte  von  1859  des  in  Brüssel  erschei- 
nenden „Homoeopathe  beige"  unter  der  Rubrik:  ,, Quelques  considerations 
sur  le  valeur  caracteristique  des  symptomes"  erschien,  und  worin  der  alte 
theologisch-scholastische  Vers:  „Quis?  quid?  Ubi?  quibus  ausiliis?  cur? 
quomodo?  quando?''  zum  Anhaltspunkte  genommen  wurde.  Der  gelehrte 
Redakteur  der  Allgem.  Hom.  Zeitung  hat  diesen  Aufsatz  in  deutscher 
Sprache  in  No.  10  bis  13  des  60.  Bandes  dieser  Zeitschrift  aufgenommen, 
so  wie  Solches  auch  andere  englische  und  italienische  Journale,  und  selbst 
der  Verfasser  des  Guide  du  medecin  (F.  Perrussel)  gethan  haben.  Wir 
dürfen  daher  annehmen,  dass  er  dem  Wesen  der  homöopathischen  Heillehre 
entspricht.  —  Der  obige  Spruch  muss  schon  die  Aufmerksamkeit  Hahne- 
manns  erregt  haben  und  ihm  bekannt  gewesen  sein,  weil  er  in  einem  Schrei- 
ben an  Hufeland  (s.  dessen  Journal,  Bd.  VI,  Heft  2,  Jahrg.  1801)  über 
die  Kraft  kleiner  Gaben  sagt:  „Die  Frage  ist  aber  immer  noch  zu  weit, 
und  bloss  durch  das  Ubi,  quomodo,  quando ,  quibus  ausiliis  wird  sie  be- 
stimmter und  beantwortbarer." 


362  VI.  Buch.     Aphorism    6. 

augenblicklich  drohenden  Beschwerden,  sondern  auch  die  dauer- 
hafte Verhinderung  der  Wiederkehr  versteht.  Nicht  ganz 
so  trost-  und  hoffnungslos  sieht  es  bei  der  Homöopathie  aus, 
obwohl  ein  vorgerücktes  Alter  selbst  wegen  der  vermin- 
derten Energie  der  natürlichen  Reaktion  der  Lebenskraft 
dabei  ein  bedeutendes  Hinderniss  abgiebt,  welches  am  Meisten 
bei  Personen  vorkommt,  die  entweder  eine  sitzende  Lebens- 
weiseführen, oder  sich  früher  geschlechtlichen  Ausschwei- 
fungen hingegeben  haben.  Eine  Hauptschwierigkeit  in  der  Be- 
handlung solcher.  Kranken  liegt  in  der  fast  allzu  grossen  Zahl 
der  hier  zur  Wahl  sich  darbietenden  Arzneien,  welche  sich  nicht 
auf  die  Vorzüglichsten  (Acon.,  Ap.  mel.,  Arn.,  Ars.,  Beil.,  Calc, 
Camph.,  Canth.,  Dulc,  Ferr.,  Hell.,  Hep.,  Hyosc,  Lyc,  Merc, 
N.  vom.,  Op.,  Ph.  ac,  Puls.,  Sassap.,  Still.,  Sil.,  Sulph.,  Thuj., 
Valer.  und  Veratr.)  beschränken  lässt,  sondern  oft  noch  die  An- 
wendung einiger  Andern  erfordert,  so  wie  ausserdem  noch  in 
dem  Umstände,  dass  selten  dabei  eine  hinreichende  Anzahl  von 
Nebenbeschwerden  zu  ermitteln  ist,  um  die  Wahl  des  Pas- 
sendsten zu  sichern.  Daher  ist  und  bleibt  für  die  Homöopathie 
die  Heilung  solcher  Leiden,  besonders  bei  alten  Leuten,  die 
meistens  dabei  wenig  Geduld  und  Ausdauer  besitzen,  sicherlich 
immer  eine  der  schwierigsten  Aufgaben. 

Wir  mögen  diese  Glosse  nicht  schliessen,  ohne  mit  einem 
Worte  auf  die  nicht  selten  erheblichen  Gefahren  aufmerk- 
sam zu  machen,  denen  sich  Derjenige  aussetzt,  welcher  entwe- 
der freiwillig  oder  durch  Umstände  gezwungen  den  Harn  zu 
lange  aufhält,  und  nicht  schnell  genug  den  Drang  dazu  be- 
friedigt. Wenn  man  auf  die  regelmässige  Stuhlausleerung 
ein  grösseres  Gewicht  legt,  als  sie  eigentlich  wohl  verdient,  so 
ist  es  doppelt  unerklärbar,  wie  man  so  häufig  der  rechtzeitigen 
Harnentleerung,  die  meistens  viel  wichtiger  ist,  wenig  oder 
gar  keine  Aufmerksamkeit  schenkt.  Und  doch  ist  es  sicher, 
dass  eine  Stuhlverstopfung,    selbst  von    mehren  Tagen,    in    den 


VI.  Buch.    Aphorism  7.  363 

meisten  Fällen  bei  Weitem  nicht  so  gefährlich  ist,  als  eine  Harn- 
verhalt u  n  g  von  nur  wenigen  Stunden ,  oder  wie  eine  U  n  b  e  - 
friedigung  eines  heftigen  Harndrangs  für  eine  noch  kürzere 
Zeit.  So  wie  der  erfahrene  Arzt  jederzeit  auf  diesen  Gegen- 
stand ein  grosses  Gewicht  legen  wird,  so  würde  auch  eine 
zweckmässige  Belehrung  und  Warnung  hierüber  für  Laien  in 
den  diätetischen  Lebensregeln  für  Gesunde  und  Kranke  eine  vor- 
zügliche Stelle  verdienen.21) 


Die  Schmerzen  im  Unter  leibe  sind  gelinder,  wenn  sie 
im  Oberbauche,  als  wenn  sie  im  Unterbauche  ihren 
Sitz  haben. 


Abermals  sehen  wir  uns  veranlasst,  hier  von  den  übrigen 
Uebersetzungen  abzuweichen,  können  aber  für  unsere  Ansicht 
nur  Dasjenige  anführen,  was  Foesius  (Oecon.  Hipp,  ad  voc. 
{.lerscoQov  und  (istswqcc,  pag.  410)  zu  diesen  Ausdrücken  anführt, 
ohne  jedoch  dabei  ein  besonderes  Gewicht  auf  die,  ebenfalls  an 
dieser  Stelle  angezogene  Meinung  des  Galenus  zu  legen,  die  sich 
mit  den  andern  Stellen  nicht  recht  zusammenreimen  lässt.  Am 
Meisten  wird  aber  der  Sinn  des  Aphorisms  selbst,  wie  wir  ihn 
gegeben,  für  uns  sprechen,  indem  in  der  That  die  heftigsten 
Schmerzen  im  Unterleibe  überhaupt  um  und  unter  der 
Nabel gegend  ihren  Sitz  zu  haben  pflegen.  Uebrigens  scheint 
dieser  Lehrsatz  von  so  unerheblicher  Wichtigkeit,  dass  es  kaum 
der  Mühe  verlohnt,  sich  weitläufig  darüber  auszulassen,  indem 
er  nicht  den  mindesten  Anhalt  für  die  Praxis  gewährt,  und  die 
grössere  oder  geringere  Heftigkeit  der  Schmerzen  wohl  schwer- 
lich jemals  hinreichend  sein  dürfte,  für  sich  allein  über  die  an- 
gegriffenen Organe  des  Unterleibes  eine  zuverlässigere  Aufklärung 
zu  geben,  als  manche   andere  Zeichen ,   die  weniger  Zweifel  zu- 


21)  Non  mictum  retine.  Schol.  Salernit.  Cap.  I. 


364  VL    Buch-     Aphorism  8. 

lassen.  Ueberdem  ist  hier  nicht  von  verschiedenen  Graden  von 
Gefährlichkeit,  die  von  Anderen  mit  hineingezogen  werden,  die 
Rede,  und  selbst  wenn  Dies  gewissermaassen  ein  Hintergedanken 
unseres  Hippokrates  gewesen  sein  sollte,  so  würde  wenigstens 
der  Aphorism  II,  35  mit  unserer  Ansicht  durchaus  im  Einklänge 
stehen. 


Bei  Wassersüchtigen  kommen   die   am  Körper    aufge- 
brochenen Geschwüre  nicht  leicht  zur  Heilung. 


Diese  vollkommen  erfahrungsmässige  Erscheinung  ist  eine 
unmittelbare  Folge  der  sehr  herabgesunkenen  Lebensthä- 
tigkeit  des  Hautorgans,  womit  auch  die  Wassersucht  in  der 
unmittelbarsten  Verbindung  steht.  Demzufolge  verbietet  in  sol- 
chen Krankheiten  in  der  augenfälligsten  Weise  die  Natur  selbst 
alle  Skarrifikationen  und  sonstigen  mechanischen  Aus- 
leerungen des  daselbst  angesammelten  Wassers,  weil  dadurch 
ganz  nutzlos  dem  ersten  Uebel  ein  Zweites  hinzugefügt  wird. 
So  bald  durch  die  richtige  Arznei  die  innere  Krankheit  ge- 
hoben und  die  Haut  zu  ihrer  natürlichen  Funktion  wieder 
befähigt  ist,  verschwindet  das  Oedem  von  selbst.  Dagegen  wird 
es  jedesmal  von  Neuem  erzeugt ,  wenn  es  bloss  durch  solche 
äusserliche  Manipulationen  momentan  entfernt  wurde. 

Für  solche  Geschwüre  bei  Wassersüchtigen  stehen 
der  Homöopathie  einige  Mittel  zu  Gebote,  welche,  nach  den  be- 
gleitenden Zeichen  richtig  angewendet,  von  ungemeiner  und  oft 
wirklich  überraschender  Wirkung  sind.  Die  Vorzüglicbsten  darun- 
ter dürften  Folgende  sein:  Ars.,  Graph.,  Hell.,  Lyc,  Merc,  Rhus, 
Scill.  und  Sulph.  Unter  diesen  hat  sich  bei  Oedem  der  Unter- 
schenkel, mit  stetem  profusen  Auslaufen  von  Wasser  aus 
geschwürigen  Stellen^  die  aber  keinen  Eiter  bilden 
wollen,  Keins  so  häufig  und  so  heilkräftig  bewährt,  als  unsere 
Rhus  Toxicodendron  in  den  kleinsten  Gaben,  welches  pölychres- 


VI.  Buch.     Aphorism  9.  365 

tische  Heilmittel  oft  in  wenigen  Tagen,  mit  grosser  Abnahme 
aller  übrigen  krankhalten  Erscheinungen  und  mit  deutlich  wie- 
derkehrender Thätigkeit  der  Haut,  den  Ausfluss  be- 
seitigt und  den  ganzen  Zustand  derartig  gestaltet,  dass  nun 
Lyc.  die  Heilung  ganz,  oder  mindestens  grösstenteils  vollenden 
kann.  Wir  erwähnen  Dies  hier  noch  besonders,  weil  bisher  von 
dieser  Anwendung  der  genannten  beiden  Arzneien  für  solche 
böse  Fälle  noch  Wenig  verlautet  hat,  wollen  uns  aber  hiermit 
ausdrücklich  vor  der  Annahme  verwahren,  als  wenn  diese  Mittel 
in  allen  Fällen  der  Art  angezeigt  wären. 


Flach  ausgebreitete  Pusteln  jucken   nicht   sehr    heftig. 


Obgleich  sich  in  den  Schriften  des  Hippokrates  (emSy^mv 
xo  tvqütov.  VI,  2)  eine  Stelle  findet,  woraus  man  schliessen  darf, 
dass  dieser  Lehrsatz  nicht  eben  wieder  als  ein  „Phantasie- 
stückchen" anzusehen  ist:  so  giebt  uns  doch  Galenus  in  sei- 
nem Kommentar  hierzu  Aufschluss  darüber ,  wie  der  Altvater 
einen  Einzelfall  generalisirt  hat,  weil  er  mit  der  herr- 
schenden Anschauungsweise  der  damaligen  Zeit  in  trefflicher 
Uebereinstimmung  stand.  Dieser  belehrt  uns  nämlich,  dass 
die  spitz  erhabenen  Pusteln  grössere  Hitze  einschliessen,  als  die 
flach  Ausgebreiteten,  welche  überdem  die  Wärme  leichter  aus- 
strömen lassen,  und  aus  diesem  Grunde  weniger  jucken!22)  Ob 
die  hipp okrati sehen  Aerzte  unserer  Zeit  diesen  Lehrsatz, 
sammt  des  Galenus  Erklärung ,  beifällig  unterschreiben  werden, 
bezweifeln  wir. 


22)  Was  ist  natürlicher,  als  dass  der  Kranke  denkt:  wenn  die  Allo- 
pathie die  Weisheit  auswendig  und  die  Thorheit  inwendig  hatte,  es  werde 
mit  der  Homöopathie  vielleicht  umgekehrt  sein. 

Dr.  Mises,  Schutzm.  f.  d.  Cholera  S.    111. 


366  VI.   Buch.     Aphorism  10,  11. 

10.     Wenn    einem    an    heftigen    Kopfschmerzen   Leidenden 
.  Eiter,  Wasser  oder  Blut  aus  der  Nase,  aus  dem  Munde, 
oder  aus  den  Ohren  läuft,    so    werden  die  Schmerzen 
dadurch  gehoben. 


Hier  ist  offenbar  derjenige,  oft  wahrhaft  fürchterliche  Schmerz 
gemeint,  der  von  einem  A bscesse  oder  Geschwüre  in  irgend 
einem  Theile  des  Kopfes  herrührt,  und  nach  dessen  Aufbruch 
und  Ab  flu  ss  seines  Inhalts,  wie  bei  jedem  andern  Geschwüre, 
heseitigt  wird.  Solche  Zufalle,  welche  die  Homöopathie  mit 
ziemlicher  Sicherheit  aus  der  Art  und  dem  Verhalten  der  Schmer- 
zen zu  erkennen  im  Stande  ist,  sind  stets  gefährlich,  wenn  sie 
nicht  ihren  Sitz  an  einer  Stelle  haben,  welche  dem  Abflüsse 
günstig  ist.  Glücklicher  Weise  erfolgt  dieser  Letztere  meistens 
aus  dem  Ohre,  weniger  häufig  aus  der  Nase,  und  am  Selten- 
sten aus  dem  Munde,  und  die  Heilung  findet  dann  gewöhnlich 
keine  besonderen  Schwierigkeiten  mehr.  Selten  aber  wird  eine 
stets  vorhergehende  Entzündung  zeitig  genug  erkannt,  um  die 
Bildung  eines  solchen  Geschwürs  noch  verhindern  zu  können. 


11.  Es  ist  gut,  wenn  sich  bei  Melancholischen,  oder  an 
Nierenbeschwerden  Leidenden  ein  After- Aderfluss  ein- 
stellt. 


Eine  Besserung  tritt  unter  solchen  Umständen  allerdings 
sehr  bald  und  gewöhnlich  in  beträchtlichem  Maasse  ein ;  aber 
eine  wahre  und  dauerhafte  Heilung  darf  schwerlich  davon 
erwartet  werden.  Am  Wenigsten  wird  Dies  der  Fall  sein  bei 
Nierenschmerzen,  worauf  die  After-Blutungen  selten  einen 
grossen  und  anhaltenden  Einfluss  haben,  und  die  oft  mit  andern 
Kreuz-  und  Rückenschmerzen  verwechselt  werden,  die  dann 
freilich  eher  dadurch  Linderung  erfahren. 


VI.  Buch.    Aphorisml2.  367 

12.  Wenn  bei  Heilung  langwieriger  Blutungen  der  After- 
Aclerknoten  nicht  wenigstens  Einer  davon  am  Fliessen 
erhalten  wird,  so  ist  Wassersucht  oder  Auszehrung 
zu  befürchten. 23) 


Wir  müssen  aufrichtig  gestehen,  dass  unser  Verstand  nicht 
weit  genug  reicht,  um  zu  begreifen,  wie  es  in  der  Willkühr  des 
Arztes  liegen  kann,  die  fliessenden  goldenen  Adern  bis 
auf  Eine  oder  Andere  zum  Versiegen  zu  bringen.  Wir  sind 
vielmehr  der  Meinung,  dass  ein  solches  Kunststück  zu  den 
Zeiten  des  Hippokrates  eben  so  wenig  mit  einiger  Zuverlässig- 
keit ausführbar  gewesen  ist ,  wie  zu  der  Unsrigen.  Auch  unter 
den,  heutiges  Tages  bei  der  Allopathie  am  Meisten  zur  Anwen- 
dung kommenden  Mitteln  (Eisen,  Galläpfel,  Eichenrinde,  Schaaf- 
garbe,  Kino,  Ratanhia,  Schwefel,  Alaun,  Zink,  Blei,  Terpentin  u.  a.), 
finden  wir  Keins,  das  eine  solche  Annahme  rechtfertigen  könnte. 
Wenn  daher,  wie  die  Erfahrung  Solches  bestätigt,  eine  blosse 
Unterdrückung  eines  vorhandenen,  zumal  chronischen 
Afteraderflusses  zu  den  gefährlichen,  später  sich  fast  jedes- 
mal rächenden  Experienten  gehört,  und  ein  theilweiser 
Abfluss  unausführbar  ist:  so  können  wir  nicht  einsehen, 
wie  von  diesem  Aphorism  bei  der  Allopathie  eine  nützliche 
Anwendung  gemacht  werden  kann. 

Bei  der  Homöopathie  verhält  sich  die  Sache  etwas  anders. 
Hier  gilt  ein  solcher  Blutfluss  nur  für  ein  einzelnes  Symp- 
tom in  dem  Krankheitsbilde  des  damit  Behafteten,  welches  kei- 
neswegs für  sich  allein  behandelt  und  beseitigt  werden  kann  und 
darf,  sondern  nur  einen  beachtenswerthen  Bestandtheil  der 
Gesammtzeichen  ausmacht,  die  Alle  der  zu  reichenden  Arznei 


23)  Dies  steht  scheinbar  im  Widerspruch  mit  einer  Stelle  in  dem,  dem 
Hippokrates  zugeschriebenen  Buche:  7t£QL  alfiOQQOiScDV,  worin  es  heisst  : 
„Du  darfst,  aber  keinen  Hämorrhoidalknoten  ungebrannt  lassen,  sondern  Du 
musst  Alle  brennen," 


3ßg  VI.  Buch.     Aphorism  13. 

entsprechen  müssen.  Daher  ist  dann  auch  die  Wahl  nicht  bloss 
auf  einige,  diesem  Zustande  vorzüglich  entsprechende  Arz- 
neien (Amin,  carb.,  Caps.,  Ferr.,  Kali,  Phosph.;  Ph.  ac,  Puls., 
Sabin.,  Sep.,  oder  Sulph,)  beschränkt,  sondern  es  treten  noch 
mindestens  doppelt  so  viele  Andere  hinzu,  die  den  Nebenbe- 
schwerden mehr  entsprechen  und  daher  den  Vorzug  verdie- 
nen können.  Wenn  aber  in  Gemässheit  dieser  Letzteren  das 
genau  und  vollständig  homöopathisch  angemessene  Mittel 
angewendet  wird,  dann  sind  weder  die  im  vorstehenden  Apho- 
rism angedrohten,  noch  andere  böse  Folgen  zu  befürchten, 
und  der  Leidende  wird  ohne  alle  Gefahr  für  Gesundheit  und 
Leben  von  dem  fraglichen,  mindestens  lästigen,  wenn  auch  an 
sich  nicht  gefährlichen  Uebel  befreit  werden  dürfen,  ohne  dass 
dabei  der  Blutabgang  theilweise  erhalten  wird. 

Unserem  Ermessen  nach  besteht  ein  unendlicher  Unter- 
schied zwischen  dem  Kuriren  eines  einzelnen  Symptoms 
und  zwischen  dem  Kuriren  der  Gesammtheit  aller  vorhan- 
denen Symptome  zu  einem  Krankheitsbilde  vereinigt,  und  wenn 
man  Einem  von  den  Beiden  den  Namen:  symptomatisches 
Kuriren!  beilegen  will,  so  kann  es  nicht  zweifelhaft  sein,  dass 
diese  verhöhnende  Bezeichnung  nur  dein  Ersten  gebührt. 


13.     Wenn  Jemand  von  Schluchzen  geplagt  wird,  so  wird 
er  davon  befreit,  so  bald  sich  Niessen  einstellt. 


Ueber  die  heilsame  Wirkung  des  Niessens  haben  wir 
bereits  Einiges  in  den  Aphorismen  V,  35  und  49  gelesen  und 
glossirt.  Nach  dem  Gegenwärtigen  beseitigt  es,  wie  auch  die 
Erfahrung  lehrt,  das  Schluchzen,  aber  sicher  nicht  in  allen 
Fällen.  Die  Semiotik  stellt  nämlich  verschiedene  Arten  von 
Schluchzen  auf,  wovon  die  gewöhnlich  Vorkommenden  unbe- 
denklich,   Andere   aber   gefährlich,   und   noch  Andere   gar 


VI.  Buch.  Aphorism   14.  369 

tödtlich  sind.  Bei  dem  zur  zweiten  Kategorie  Gehörenden  und 
bei  einigen  Entzündungs-,  gastrischen,  Faul-  und  Wechsel- 
Fiebern  sich  Einstellenden  wird  das  Niessen,  wenn  man  es 
auch  künstlich  zu  erregen  im  Stande  ist,  wenig  Hülfe  bringen, 
noch  auch  die  Gefahr  beseitigen.  Aber  noch  weniger  wird 
dieser  Erfolg  zu  erzielen  sein  bei  gefährlichen  Verwundungen, 
besonders  am  Kopfe,  bei  bösartigem  Erbrechen,  bei  Ver- 
giftungen, nach  starken  Sä  fteverlu  sten  ,  bei  eingeklemmten 
Brüchen  u.  dergl.  mehr.  Es  wird  daher  keinem,  weder  allo- 
pathischen noch  homöopathischen  Arzte  auch  nur  einen  Augen- 
blick einfallen,  unter  solchen  Umständen  zu  einem  Mittel  zu 
greifen,  welches  im  günstigsten  Falle  nur  ein  einzelnes  Symp- 
tom beschwichtigen  kann,  die  Krankheit  selbst  aber  völlig  un- 
berührt lässt ,  und  überdem  möglicher  Weise  die  Sache  noch 
verschlimmern  kann.  So  weiss  man  ja  aus  der  Geschichte  der 
Pest,  dass  bei  einigen  solchen  Epidemieen  das  Niessen  den 
nahen  Tod  anzeigte,  und  dass  sich  unser  bekanntes:  Gott  hei f! 
eben  daher  schreiben  soll.  Uebrigens  giebt  es  eine  solche  Menge 
von  Haus-  und  Volks-Mitteln  gegen  das  gewöhnliche,  un- 
gefährliche Schluchzen,  dass  dieser  Beitrag  dazu  von  geringer 
Erheblichkeit  ist. 


14.  Wenn  bei  einem  Wassersüchtigen  das  Wasser  aus  den 
Adern  in  den  Bauch  zusammenfliesst ,  so  wird  die 
Krankheit  gehoben. 


Dieser  Aphorism  scheint  nicht  recht  deutlich,  und  ist  daher 
verschieden  aufgefasst  und  erläutert.  Die  meisten  Kommentato- 
ren sind  der  Ansicht,  dass  die  freiwillige  Abführung  des  Was- 
sers durch  die  ersten  Wege  gemeint  sei,  was  dann  freilich  eine 
Beseitigung  der  Krankheit  zur  unmittelbaren  Folge  haben  würde. 
Dabei  soll   dann  natürlich  bloss  von  der  Bauchwassersucht 

die  Bede   sein,    nicht   aber  von   der  Hautwassersucht.     Bei 

24 


37()  VI.  Buch.     Aphorism  15. 

Andern  hingegen  soll  hier  bloss  die  Hautwassersucht  ge- 
meint sein,  die  sich  dadurch  löset,  dass  sich  das  Wasser  in  der 
Bauchhöhle  ansammelt  und  dafür  die  übrigen  Theile  ver- 
lässt.  Diese  letztere  Ansicht  scheint  uns  am  Meisten  unterstützt 
zu  werden  durch  einige  andere  Stellen  in  den  Schriften  des 
Hippokrates,  namentlich  in :  tzeqI  %qi6icov  und  ncoaKal  nQoyvcoahg 
III.  Aus  diesem  Grunde  glauben  wir  uns  der  letzteren  Meinung 
anschliessen  zu  dürfen,  ohne  indessen  gegen  die  Erstere  Wider- 
spruch erheben  zu  wollen.  Wir  überlassen  heutiges  Tages  solche 
Krankheiten  niemals  mehr  der  Natur  und  dem  Zufalle,  der  öfte- 
rer zum  bösen,  als  zum  guten  Ausgange  führt.24) 


15.  Wenn  zu  einem  anhaltenden  Durchfalle  ein  freiwilli- 
ges Erbrechen  hinzutritt,  so  wird  Jenes  dadurch  ge- 
hoben. 


Ungeachtet  der  Bestätigung,  welche  wir  an  mehreren  Stellen 
der  hippokratischen  Schriften,  so  wie  im  Kommentar  des  Galenus 
und  im  Celsus  (II,  8)  zu  diesem  Lehrsatze  finden,  so  ist  er 
doch  nur  theil weise  wahr  und  in  der  Erfahrung  begründet. 
Wenn  der  Durchfall  nämlich  in  einer  Magenverderbniss, 
oder  in  einer  Schwäche  des  Darm k anal s  seinen  Grund  hat, 
so  geschieht  es  nicht  selten,  dass  durch  Hinzutritt  eines  frei- 
willigen oder  auch  künstlichen  Erbrechens  die  Krankheit  ge- 
hoben wird,  indem  dadurch  wieder  mehr  Ton  und  Thä tigkeit 
in  die  Verdauungs-Organe  gebracht  wird.  Dagegen  giebt 
es  aber  auch  viele, -besonders  chronische  Durchfälle,  welche 
durch  Hinzutritt  von  Erbrechen  in  hohem  Grade  verschlim- 


24)  Nie,  nie  war  es  uns  möglieh,  jene  freiwilligen  Bestrebungen  des 
Organisms  durch  ein  künstliches  Mittel  zu  erzwingen  (schon  in  der  Sache 
liegt  der  Widerspruch),  nie  war  es  auch  des  Schöpfers  Wille,  dass  wir  es 
thun  sollten.  —  Bloss  die  reine  Chirurgie  folgte  bisher  zum  Tbeile  diesem 
weisen   Winke.  Hahncmann.   Heilk.   d.   Erfahr.,   S.   5, 


VI.  Buch.     Aphorism   15.  371 

niert  werden,  indem  im  Gegentheile  dadurch  ein  weiteres  Um- 
sichgreifen der  Unterleib  s-Rrank  hei  t  angezeigt  wird,  welches 
dann  oft  zu  bedeutend  ist,  um  durch  Erbrechen  beseitigt  und  in 
seinen  Fortschritten  gehemmt  werden  zu  können.  In  diesen 
letzten  Fällen  ist  deshalb  das  Erbrechen  jederzeit  ein  sehr 
böses  Zeichen  und  es  ist  dann  die  höchste  Zeit,  von  denje- 
nigen Mitteln  (Ant.  crud.,  Ant.  tart.,  Ap.  mell.,  Arg.,  Ars.,  Asar., 
Bor.,  Cham.,  Cupr.,  Ipec,  Merc,  Phosph.,  Seneg.,  Sulph.,  Sulpb. 
ac,  oder  Veratr.),  die  diesem  Zustande  am  Vollständigsten  ent- 
sprechen, die  schleimigste  Anwendung  zu  machen,  je  nachdem 
nicht  nur  die  Eigenthümlichkeit  der  Ausleerungen  nach  Oben 
und  nach  Unten,  sondern  auch  die  begleitenden  Beschwer- 
den Dieses  oder  Jenes  homöopathisch  am  Vollständigsten  an- 
zeigen. Denn  in  beiderlei  Beziehungen  kommen  dabei  grosse 
Verschiedenheiten  vor,  welche  die  genaueste  Beachtung  verdienen, 
und  wobei  ins  Besondere  die  Renntniss  sowohl  der  Beschaffen- 
heit, als  auch  der  Aufeinanderfolge  der  ausgeleerten 
Stoffe25)  gewöhnlich  am  Meisten  zu  Seiner  richtigen  Mittelwahl 
beitragen  können.  Die  Homöopathie,  welche  auch  hier,  wie 
überall ,  wo  es  sich  um  die  Kenntniss  ihrer  Arzneien  handelt, 
das  Spezielle  und  Charakteristische  ins  Auge  fasst,  besitzt 
in  dieser  Beziehung  einen  äusserst  werthvollen  Schatz  der  be- 
währtesten Erfahrungen,  welche  der  Allopathie  in  dieser  Weise 
gänzlich  mangeln,  und  wird  daher  nicht  leicht  in  Verlegenheit 
und  noch  weniger  in  Versuchung    kommen,    auf  gut  Glück 


25)  Die  Aufeinanderfolge  der  verschiedenen,  besonders  durch  Er- 
brechen ausgeleerten  Stoffe  gehört  zu  Denen,  worüber  noch  weitere  Beob- 
achtungen zu  machen  sind.  Wir  kennen  das  Erbrechen  von  Speisen  und 
Getränken,  so  wie  Solches  von  Galle,  Schleim,  Wasser  u.  dergl.  Aber 
wenn  erst  das  Eine  eintritt,  und  gleich  darauf  das  Andere  folgt,  so  ist 
diese  Reihefolge  fast  immer  charakteristisch  und  bei  der  Mittelwahl  wohl 
zu  beachten;  und  wir  müssen  mit  Bedauern  gestehen,  dass  uns  dabei  un- 
sere R.  A.-M.-Lehre  noch  oft  im  Stiche  lässt. 

24* 


372  VI-   Buch-     Aphorism   16,    17. 

Dieses    oder  Jenes    zu    probiren,    um    es    zum   Schaden    des 
Kranken  bald  wieder  mit  einem  Andern  zu  vertauschen. 


16.  Es  ist'  böse,  wenn  sieb  bei  einem  vom  Seitenstiche, 
oder  von  einer  Lungenentzündung  Befallenen  Durch- 
fall einstellt. 

Ein  in  der  Erfahrung  häufig  sich  bestätigender  Lehrsatz, 
dessen  Erklärung  wir  aber  gerne  Dem  überlassen,  der  Alles  meint 
erklären  zu  müssen  und  zu  können.  Nur  Das  dürfen  wir  kurz 
beifügen,  dass  unter  solchen  Nebenerscheinungen  die 
Krankheit  leicht  eben  so  einen  gefährlichen  nervösen  Charak- 
ter annimmt,  wie  nach  Aderlässen  oder  sonstigen  Säfleverlusten, 
welche  Schwächung  zur  Folge  haben. 


17.     Es  ist  gut,  wenn  Jemand,    der  an  Augenentzündung 
leidet,  Durchfall  bekömmt. 


Dieser ,  aus  den  koi'schen  Vorhersehungen  (II ,  133)  ent- 
nommene und  von  Celsns  (II,  8)  wiederholte  Aphorism  kann 
sich  nur  auf  einzelne  wenige  Beobachtungen  stützen,  wo  ledig- 
lich eine  vorübergehende  Besserung  des  Augenleidens, 
schwerlich  aber  eine  dauerhafte  und  gründliche  Heilung 
Desselben  davon  die  Folge  gewesen,  wenn  das  Uebel  selbst  seiner 
Natur  nach  nicht  bald  vorübergehend  war.  Auch  die  Behaup- 
tung einiger  neueren  Aerzle  über  die  Ophthalmia  neonato- 
rum, welche  ohne  gleichzeitige  Abführmittel  neben  den 
Augeu-Salben  und  Wässern  nicht  zu  heilen  sei,  wird,  we- 
nigstens in  unserer  Praxis,  durch  Tausende  von  Fällen 
widerlegt.  Der  fremdartige  Beiz  im  Darmkanal,  welchen 
der  Durchfall  bedingt,  kann  und  wird  wohl  einigermaassen 
beschwichtigend    auf   die  Heftigkeit   der   Entzündung    wirken: 


VI.  Buch.    Aphorfem  17.  373 

aber  sobald  Jener  aufhört,  muss  Diese  uuthwendiger  Weise  wie- 
der ihr  Haupt  erheben,  weil  das  Naturgesetz  der  Aehnlich- 
keit  nicht  zutrifft,  und  daher  das  Eine  das  Andere  nicht  aus- 
löschen kann.  Daher  darf  höchstens  nur  in  einigen  akuten 
Fällen  ein  günstiger  Erfolg  davon  erwartet  werden,  wo  sowohl 
die  Entzündung,  als  der  Durchfall,  eine  beschränkte  Dauer  haben. 
Bei  Chronischen,  wie  wohl  die  Meisten  sind,  wird  aber  das 
Uebel  dadurch  sicher  niemals  gründlich  geheilt,  und  wir 
sehen  täglich,  wie  namentlich  viele  Kinder  mit  psorischer 
Grundlage,  ohne  Anwendung  der  homöopathisch  richtig  ausge- 
wählten Mittel,  monatelang  an  beiden  Besch  wer  den  gleich- 
zeitig leiden,  und  die  am  Ende  nicht  selten  eine  Höhe  errei- 
chen, die  entweder  mit  dem  Verluste  eines  oder  beider  Augen, 
oder  mit  einem  lebensgefährlichen  TJnterleibsleid  en  endigen, 
um  nun  weiter  in  eine  andere  Form  der  ungeheilt  gebliebenen 
proteusartigen  chronischen  Krankheit  überzugehen.  Nach 
einem  ewigen  und  unwandelbaren  Na turgesetze,  welches 
Hahneinann  entdeckt  und  seitdem  aller  Orten  in  Milliarden 
von  Krankheiten  der  verschiedensten  Art  seine  ausnahmslose 
Bestätigung  gefunden  hat,  kann  nur  eine  ähnliche  natür- 
liche oder  künstliche  Krankheit  eine  jede  andere  be- 
reits Vorhandene  heilkräftig  aufheben;26)  aber  Unähnliche 
können  das  nicht,  und  wenn  man  bei  solchen  Vorgängen  auch 
Anfangs  die  besten  Hoffnungen  hegen  zu  dürfen  glaubte,  so  er- 
wies sich  doch    hinterher  jedesmal,    dass    man    sich    getäuscht 


26)  Eine  spezielle  Therapie  zu  vollenden  für  irgend  ein  Krank- 
heitsgenuss  ist  so  unmöglich,  wie  alle  Menschen  aller  Zeiten  zu  beschrei- 
ben; weil  die  Bedingungen  der  Erkrankungen  sich  mit  der  Zeit  ändern. 
Dessenungeachtet  muss  eine  jede  Therapie,  welche  den  Namen  einer  ratio- 
nellen verdienen  soll,  auch  für  alle  zukünftigen,  noch  nicht  be- 
kannten Fälle  gerüstet  dastehen,  was  nur  eine  naturgesetzlich  be- 
gründete allgemeine  Pathologie  und  Therapie,  wie  die  Homöopathie  sie  be- 
sitzt, zu  ermöglichen  vermag. 

Dr.  v.  Grauvogl,  d.  hom.  Aehnl.-Gesetz  §  72, 


374  VI-   Buch-     Aphorism  18. 

hatte.27)  —  Eine  solche,  weit  reichende,  vielfach  verkannte,  keck 
geleugnete,  aber  doch  unumstössliche  Wahrheit  kann  nicht 
oft  genug   wiederholt  werden.28) 


18.  Es  ist  tödtlich,  wenn  die  Harnblase,  das  Gehirn,  das 
Herz, 29)  das  Zwerchfell,  einer  der  dünnen  Därme,  der 
Magen ,  oder  die  Leber  stark  gequetscht  oder  durch- 
schnitten sind. 


In  den  koi'schen  Vorhersehungen  (III)  werden  zu  diesen 
tödtlichen  Verletzungen  auch  noch  hinzugezählt:  die  des 
Rückenmarks  und  der  grossen  Blutgefässe,  und  nach 
den  Vorhersehungen  (II,  19)  diese  Letztem  dann  am  Meisten, 
wenn  sie  die  Hals-  und  Schenkel-Arterien  betreffen.  Zu- 
gleich wird  aber  an  der   letzten  Stelle    hinzugefügt,    dass    diese 


27)  Parti culares  autem  et  proprias  analogias  non  prudentis  est  inqui- 
rere.  —  Non  omnia  agunt  in  omnia,  sed  certa  in  certa  soluin,  quae  ana- 
loga  dicuntur.  Fracastorius  de  Contag.  I,  8. 

28)  „Erfindungen  von  solcher  Wichtigkeit1'  —  sagt  W.  Menzel  Lit. 
Bl.  May  1830  —  ,, sollten  in  unseren  aufgeklärten  Zeiten  nicht  mehr  dem 
Falle  ausgesetzt  sein,  durch  den  Egoismus  einiger  alten  medizinischen  Chor- 
führer der  Nation  gleichsam  aus  den  Händen  gespielt  zu  werden." 

Merkwürdig  ist,  dass  selbst  in  der  „Kinesith  erapie"  des  Schweden 
P.  H.  Ling,  einer  medizinischen  Gymnastik,  Operationen  vorkommen,  welche 
deutlich  dem  Simile  der  Homöopathie  entsprechen.  So  räth  er  z.  B.  gegen 
Schwindel  eine  wirbelartige  Bewegung  des  Kopfes,  gegen  Kopfkon- 
gestionen einen  Druck  auf  die  Jugularvenen,  gegen  heisse  Hände  und 
Füsse  das  Reiben  dieser  Theile,  gegen  Geschwulst  dieser  Letztern  Liga- 
turen oberhalb  der  Geschwulst,  gegen  Hämoptoe  Perkussion  der  Brust 
u.  s.  w. 

„Werft  Vorurtheile  zur  Thüre  hinaus,"  —  sagte  unser  gekrönter  Phi- 
losoph, Friedrich  der  Grosse  —   „sie  kommen  wieder  zum  Fenster  hinein." 

29)  Die  Meinung  vieler  Philosophen  und  Aerzte  des  Alterthurns,  dass 
das  Herz  der  Sitz  der  Lebenskraft  und  der  Seele  sei,  hat  sich  bis  heute 
im  Sprachgebrauch  erhalten,  wonach  nicht  nur  gute  und  böse  Leidenschaf- 
ten damit  in  Verbindung  genannt  werden,  sondern  auch  Uebel  der  nächsten 
Umgebung,  welche  mit  dem  Herzen   Nichts  gemein  haben. 


VI.   Buch.     Aphorism   10,   20.  375 

Alle  nicht  eben  absolut  tödtlich,  aber  doch  äusserst  gefährlich 
sind,  —  eine  Beschränkung,  welche  durch  die  Erfahrung  be- 
stätigt wird.  Das  davatädeg  des  Hippokrates  wird  übrigens  in 
dessen  Schriften  und  besonders  auch  in  den  Aphorismen  oft  für : 
äusserst  gefährlich,  oder  meistens  tödtlich  gebraucht; 
aber  wir  halten  uns  nicht  für  befugt,  uns  willkührlich  so  weit 
von  dem  Urtexte  zu  entfernen. 


19.  Wenn  ein  Knochen,  eine  Knorpel,  eine  Sehne,  die 
dünne  Haut  der  Wange,  oder  die  Vorhaut  durch- 
schnitten ist,  so  ersetzt  sich  weder  die  Substanz,  noch 
wachsen  die  Stellen  wieder  zusammen. 


Mehrere  Gelehrte  halten  diesen  Aphorism  für  eingeschoben 
und  nicht  hippokratisch,  weil  der  Inhalt,  wenigstens  zum  Theile, 
der  gewöhnlichsten  Erfahrung  widerspricht.  Wir  finden  uns  nicht 
veranlasst,  uns  hierüber  an  einem  doktrinären  Streite  zu  betheili- 
gen ,  der  uns  allzu  weit  von  unserm  praktischen  Zwecke  ab- 
führen würde. 


20.  Wenn  sich  unnatürlicher  Weise  Blut  in  die  Bauchhöhle 
ergossen  hat,  so  muss  Dieses  unfehlbar  in  Eiter  über- 
gehen. 

In  dem  Zeitalter  des  Hippokrates  scheint  man  noch  kaum 
eine  Ahndung  davon  gehabt  zu  haben,  dass  man  auf  künstlichem 
Wege,  nämlich  vermittelst  innerer  Arzneien,  das  in  innere 
Höhlungen  des  Körpers  ergossene  Blut  durch  Auflösung 
und  Aufsaugung  wieder  fortschaffen,  und  so  einem  Uebergange 
in  Eiterung  vorbeugen  könne.  Selbst  bis  zu  den  neueren  Zeiten 
hinab  lässt  die  hierauf  gerichtete  äusserliche  Behandlung 
von  Verletzungen  sehr  viel  zu  wünschen  übrig,  indem,  wenn 
wir  nicht  irren,  Thilenius  der  Einzige  aus  der  alten  Schule 


376  VI-  Buch,    Aphorism  20. 

ist,  der  sieb  zu  diesem  Behufe  bloss  und  allein  der  unv  er  misch- 
ten Arnica  mit  dem  glänzendsten  Erfolge  bediente,  während 
alle  Andern  durch  Beimischung  von  Kampfer,  Salmiak, 
Mittelsalzen  und  dergleichen  die  Kräfte  Derselben  schwächten  und 
mithin  nur  theilweisen  Erfolg  erzielen  konnten.  Erst  bei  der 
näheren  Erkenntniss  und  durch  Erfahrungen  bei  der  Behandlung 
des  sogenannten  Morbus  maculosus  Werlhofii  scheinen  sieb 
die  Ansichten  darüber  etwas  geläutert  zu  haben,  indem  man  ein- 
sehen lernte,  dass  allerdings  eine  Besorbtion  eines  extrava- 
sirten  blutähnlichen  Stoffs  möglich  sei.  Hier  erst  sieht 
man  die,  wohl  nur  durch  Zufall  entdeckte,  kräftige  Wirkung  der 
Schwefelsäure,  aber  in  der  beliebten  Art  auf  alle  Säuren, 
besonders  die  Mineral  säuren,  ausgedehnt,  und  daneben  und 
gleichzeitig,  um  angeblich  allen  Indikationen  zu  genügen, 
noch  mancherlei  andere  arzneikräftige  Substanzen  zusetzen,  die 
dabei  gar  nicht  an  ihrem  Platze  sind. 30)  Ausserdem  können  die 
Allopathen  und,  wir  müssen  es  leider!  gestehen,  auch  viele 
Homöopathen  sich  noch  bis  zur  heutigen  Stunde  nicht  von 
dem  Vorurtheile  frei  machen,  dass  äussere  Verletzungen 
auch  durch  äussere  Mittel  behandelt  werden  müssen ,  als 
wenn  nicht  auch  hier,  wie  überall  und  ohne  irgend  eine  Aus- 
nahme, die  Thätigkeit  der  Lebenskraft  allein  die  Heilung 
bewirken  könne  und  müsse,  und  als  wenn  der  innerliche 
Gebrauch  der  Arznei  nicht  unmittelbarer  auf  Jene  einwirkte, 
als  der  Aeusserliehe,  der  in  vielen  Fällen  auch  noch  den  Nach- 
theil bringt,  die  äusseren  Kennzeichen   von  den  eintreten- 


30)  Das  heisse  ich  eine  Handvoll  verschiedentlich  gerundeter  Kugeln 
mit  verbundenen  Augen  auf  einem  ungekannten  Billard  mit  vieleckigen 
Banden  hinwerfen  und  im  Voraus  bestimmen  wollen,  welchen  Effekt  sie  zu- 
sammen thun,  welche  Richtung  jede  erhalten  und  welchen  Stand  sie  end- 
lich einnehmen  müssen  nach  den  vielfachen  Abprallungen  und  unvorher- 
sehbaren Gtegenstö'ssen  unter  einander!  Und  doch  bleibt  die  Bestimmbarkeit 
der  Resultate  aller  mechanischen  Potenzen  unendlich  leichter,  als  die  der 
Dynamischen.  Hahnemann's  kl.   Sehr.  I,  S.    19. 


VI,  Buch.    Aphorism  20.  377 

den  Veränderungen    und   dem  Fortgange   der  Heilung    zu   ver- 
dunkeln. 

Den  immer  fortschreitenden  Beobachtungen  und  Erfahrun- 
gen der  Homöopathen  war  es  vorbehalten,  auch  in  diese  Geheim- 
nisse der  Natur  mehr  Licht31)  hineinzubringen,  und  es  ist 
ihr  bereits  gelungen ,  für  die  meisten  vorkommenden  Fälle  die 
Kriterien  festzustellen,  welche  dieser  oder  jener  Arznei  am 
Besten  entsprechen,  und  dabei  die  Zahl  dieser  Letzteren  so  an- 
sehnlich zu  vermehren,  dass  man  damit  so  ziemlich  überall  aus- 
reicht, wo  noch  Hülfe  möglich  ist.  Ausser  den  beiden,  bereits 
von  der  Allopathie  gekannten  und  gebrauchton  Mitteln  (Arn.  und 
Sulph.  ac),  die  freilich  auch  von  uns  an  die  Spitze  gestellt  werden, 
besitzen  wir  noch  als  nicht  selten  angezeigt:  Bry.,  Bursa  past., 
Cham.,  Com,  Dulc,  Hep.,  Hyper.,  Lach.,  N.  vom.,  Petr. ,  Puls., 
Rhus,  Ruta.,  See.  com.,  und  Sulph.;  denen  noch  für  besondere 
nicht  häufig  vorkommende  Fälle:  Beil.,  Chin.,  Cic.  vir.,  Euphras., 
Ferr.,  Jod.,  Laur.,  Par.  quadr.,  Phosph.  und  Plumb.,  vielleicht 
auch  noch  einige  Andere  zugezählt  werden  müssen.  Bei  der 
darunter  zu  treffenden  Auswahl  versteht  es  sich  von  selbst,  dass 
dabei,  wie  überall,  den  Vorschriften  der  Homöopathie  gemäss  zu 
verfahren  ist,  und  dass  auch  hier  alle  zu  ermittelnde  Zeichen  zu 
einem  Gesammt- Krankheitsbilde  vereinigt  und  berücksich- 
tigt werden  müssen.  Dahin  gehören  zunächst  die  veranlas- 
sende Ursache,  der  Körpertheil,  das  äussere  Aussehen 
der  verletzten  Stelle,  die  Art  der  Empfindungen  und  Schmer- 
zen, und  die  Verschlimmerung  oder  Besserung  dieser 
Letzten  nach  Zeit,  Lage  und  Umständen,  dann  aber  endlich 


31)  „Je  mehr  man  sich  anstrengt"  —  sagt  Dr.  Wolf  in  seinen  hom. 
Erfahrungen  II,  1  —  „das  von  ihr  (der  Homöopathie)  angezündete  Licht 
zu  verlöschen,  desto  heller  beleuchtet  es  die  umgebende  Finsterniss."  — 
Und  in  der  That:  „Je  tiefer  und  schwärzer  die  Finsterniss,  um  desto  grel- 
ler erscheint  ein  helles  Licht ,  welches  dann  blöde  Augen  nicht  vertragen, 
und  die  deshalb  nur  gar  zu  häufig  ganz    verschlossen  werden".  (Bacon.) 


378  VL  Buch-     Aphorism  20. 

noch  Alles,  was  von  Nebenbeschwerden  jeder  Art  aufzufin- 
den ist.  Wird  in  solcher  Weise  mit  Umsicht  und  Sorgfalt  ver- 
fahren, so  sind  die  Erfolge  nicht  bloss  vollkommen  befriedigend, 
sondern  oft  alle  Erwartungen  übertreffend, 32)  namentlich  dann, 
wenn  die    genau    passende.  Arznei   in  Gaben33)    gereicht   wird, 


32)  Eine  der  merkwürdigsten  Thatsachen  ist  die,  welche  uns  Prof. 
Bonelli  von  Turin  aus  seiner  eigenen  Erfahrung  mittheilt.  Er  stach  näm- 
lich ein  Tni er  mit  einem  Giftzahn  einer  Klapperschlange,  welche  15  his  16 
Jahre  ausgetrocknet  und  allen  Einflüssen  von  Staub  und  Witterung  aus- 
gesetzt, und  vor  dieser  Zeit  über  30  Jahre  lang  in  Weingeist  aufbewahrt 
gewesen  war.  Zu  seiner  eigenen  und  seiner  Schüler  grössten  Verwunderung 
war  das  Thier  nach  einer  Stunde  todt. 

33)  Bei  der  Benennung  der  Verdünnungs-Stufen  darf  man  nicht  ver- 
gessen, dass  die  nördlichen  Völker  Europa's  für  die  höheren  Zahlen  in 
ihrem  Sprachgebrauche  von  Dem  der  Südlicheren  (Franzosen,  Italiener, 
Spanier)  wesentlich  abweichen.  Bei  uns  nämlich  steigen,  über  die  Million 
hinaus,  die  ferneren  Billion,  Trillion  u.  s.  w.  mit  der  sechsten  Stelle  der 
Ziffer,  so  dass  die  Billion  mit  der  13.,  die  Trillion  mit  der  19.,  die  Quadril- 
lion mit  der  25.  Stelle  beginnt.  Bei  den  Letzteren  aber  treten  diese  Be- 
zeichnungen nach  der  Million  schon  nach  je  3  weiteren  Zifferstellen  ein, 
so  dass  schon  mit  der  10.  die  Billion,  mit  der  13.  die  Trillion  u.  s.  w. 
anfängt.  (S.  Kries,  Lehrb.  der  r.  Math.  S.  15.  —  Fraucoeur,  cours  compl. 
de  Math.  I,  Pag.  8).  Um  daher  allen  Irrungen  vorzubeugen,  ist  es  rath- 
sam,  jederzeit  die  Zahl  der  Verdünnungen,  nebst  Beifügung,  ob  nach  der 
Dezimal-  oder  Centesimal  -Sk  ala,  mit  bestimmten  Worten  anzugeben, 
und  nicht  schlechthin  von  Billion,  Trillion  u.   s.  w.  zu  reden. 

Um  die  Verdünnungen  der  Homöopathen  lächerlich  zu  machen,  hat 
ein  gewisser  Dr.  Joh.   Gottl.    Schimko  zu  Teschen   folgende  Berechnung  an- 
gestellt: —  Um  einen  ganzen  Tropfen    einer  Arznei-Tinktur  zu  verdün- 
nen, werden  erfordert  für  die 
3.  65 V2  Pfund  Weingeist; 

6.  655,000  Zentner,  oder  5,500  kubische  Klafter; 
9.   Y12  Kubik-Meile    oder    ein  See    von    16  □Meilen  und  einer  Tiefe 

von  20  Klaftern; 
12.  83,300  Kubik-Meilen,   oder  ein  See,  wie  das  ganze  atlantische   Meer 

bis  zum  Aequator. 
15.  83,300  Millionen  Kubik-Meilen  oder  33  Erdkugeln; 
18.   33  Millionen  Erdkugeln,  oder  24  Sonnenkörper; 
21.   24  Millionen  Sonnen,   oder  die  halbe  Milchstrasse; 
24.   100  Mal  die  ganze  bekannte   Schöpfung; 
27.  100  Millionen  Schöpfungsräume, 
30.   24   Quadrilliouen   Sonnenkörper ,    oder    :!:•!    Quintillionen   Erdkugeln, 


VI.  Buch.     Aphorism  20.  379 

welche  eben  hinreichen,  die  Reaktion  der  Lebenskraft  zu 
erwecken,  ohne  ihre  Energie  auf  die  Beseitigung  der  Arznei- 
krankheit verwenden  zu  müssen.  34) 


oder  200  Billionenmal  alle  Sonnen  des  Firmaments,  oder  100  Billio- 
nenmal mehr,   als  alle  Weltkörper  der  Schöpfung  fassen  können. 
Und  wie  viel  Weingeist    braucht    in    der  Wirklichkeit    der  Homöopath  zur 
Darstellung  seiner  30.  Verdünnung?  —  Nicht   mehr  als  3,000  Tropfen!  — 

—  Und  wer  hat  sich  am  Ende  lächerlich  gemacht? 

34)  Wenn  der  gemeine  Verstand  des  Laien  sich  an  die  Kleinheit 
unserer  Arzneigaben  stösst:  so  kann  man  Das  hingehen  lassen.  Nicht 
aber,  wenn  der  Arzt,  dessen  ganzes  Wissen  lediglich  auf  Versuche  und 
Erfahrungen  begründet  ist,  Solches  thut,  ohne  einmal  Diese  zu  befragen. 
Hat  er  denn  ganz  vergessen,  wie  so  manche  Erscheinungen  bei  anstecken- 
den Krankheiten  dafür  Belege  darbieten?  Wie  viel  Masern- Stoff  mochte 
wohl  z.  B.  in  dem  Briefe  enthalten  sein,  den  eine  gesunde  Dame  im  Haag, 

—  wie  Th.  ä  Thuessink  in  seiner  Abhandlung  über  die  Masern  S.  101  ver- 
sichert, —  in  dem  Zimmer  ihrer  masernkranken  Kinder  an  ihren  Sohn  in 
Kassel  schrieb,  wohin  er  mit  der  Post  versandt  wurde  und  Diesen,  so  wie 
darauf  noch  Andere  ansteckte,  während  in  Kassel  übrigens  Niemand  daran 
litt?  —  Aehnlicher  Beispiele  von  unerklärlicher  Verbreitung  ansteckender 
Miasmen  giebt  es  eine  unzählige  Menge,  und  wenn  Jemand  im  Kreise  ge- 
sitteter Menschen  die  Unterhaltung  auf  derartige  Merkwürdigkeiten  lenkt, 
so  wird  kaum  Einer  ausser  Stande  sein,   seinen  Beitrag  dazu  zu  liefern. 

„Zwei  Dinge"  ■ —  sagt  Hippokrates  (imö^fiiav  zb  TtQoövov  I,  2)  — 
„muss  der  Arzt  bei  Krankheiten  sorgfältig  beachten:  entweder  zu  helfen 
oder  mindestens  nicht  zu  schaden".  —  Das  Letzte  kann  bloss  von  kleinen 
Gaben  erwartet  werden. 

Warum  bedient  sich  die  physiologische  Schule  nur  zur  Impfung  un- 
wägbarer Quantitäten,  um  die  Bewegungen  des  Blatternstoffs  in  seiner  Ver- 
bindung mit  dem  Organismus  zu  sistiren,  und  nicht  auch  solcher  unwäg- 
baren Quantitäten  ziir  Heilung  der  übrigen  Erkrankungen?  Weil  sie  auch 
Darin  kein  Gesetz  der  Natur  zu  erblicken  vermag,  also  nur  eine  zufällige 
Empirie.     Die  Empirie  begreift  sie,  das   Gesetz  ist  ihr  unverständlich. 

,,Ein  Minimum  eine.s  sehr  energischen  Erregers"  —  sagt  Virchow,  — 
kann  sehr  dauernde  und  grosse  Wirkungen  haben,  indem  sich  die  ursprüng- 
liche katalytische  Bewegung  immer  weiter  propagirt.  Dies  ist  eine  der 
Thatsachen,  welche  die  Möglichkeit  der  sogenannten  homöopathischen  Wir- 
kungen anschaulich  macht." 

„Die  Hinneigung  zu  starken,  massiven  Gaben"  —  sagt  Kümmel  (A.  H. 
Z.  XXI,  S.  251)  —  „hat  zum  Theil  ihren  Grund  in  der  Ansicht  der  Spe- 
zifiker  und  Generalisirer,  die  durch  die  Stärke  der  Arznei  ersetzen  wollen, 
was  ihre  ungenaue  Wahl  verschuldet ;  zum  Theil  entspringt  sie  aber  auch 
aus  der  Herrschaft  der  materiellen  Ansicht  überhaupt." 


380  VI.   Buch.    Aphorisrn  21. 

21.  Wenn  sich  bei  einem  Wahnsinnigen  Krampfadern  oder 
After-Blutungen  einstellen,  so  wird  der  Wahnsinn  ge- 
hohen. 


Hahnemann  sagt  in  der  Anmerkung  zum  §  276.  des  Organons:  — 
„Das  in  neueren  Zeiten  von  einigen,  wenigen  Homöopathikern  den  grösse- 
ren Gaben  ertheilte  Lob  beruht  darauf,  dass  sie  theils  niedrige  Potenzirun- 
gen  der  zu  reichenden  Arznei  wählten,  wie  etwa  ich  selbst  vor  20  Jah- 
ren in  Ermangelung  besseren  Wissens  gab,  theils  dass  die  Arz- 
neien nicht  völlig  homöopathisch  gewählt  waren."  —  Hahnemann  hat  nicht 
nur  in  seinen  letzten  Lebensjahren  an  seinen  hohen  Potenzirungen  und 
feinsten  Gaben  immer  entschiedener  festgehalten  (wie  zahlreiche  Briefe  bis 
kurz  vor  seinem  Tode  bezeugen),  sondern  sich  auch  einer  neuen  Art  von 
Potenzirung  bedient,  wodurch  er  unseren  gegenwärtigen  Hochpotenzen  nahe 
kam.  Sein  Verfahren  wird  in  der  nächsten,  hoffentlich  bald  erscheinenden, 
sechsten  Auflage  des  Organons  mitgetheilt  werden,  da  wir  selbst  durch 
Ehrenwort  an  die  Geheimhaltung  dieser  uns  bekannten  Prozedur  bis  dahin 
gebunden  sind. 

Wahrhaft  interessant  ist  die  Mittheilung  des  gelehrten  Herausgebers 
der  „Pr.  Medizinal-Zeitung",  Geh.  Med.-Raths  Dr.  E.  Müller  (V.  Jahrgang 
1862,  No.  29):  „Ueber  Identität  der  Mauke  mit  der  Vaccine",  worü- 
ber gegenwärtig  bei  der  Academie  de  Medecine  zu  Paris  verhandelt  wird, 
und  die  schon  früher  von  einigen  deutschen  Gelehrten  zur  Sprache  gebracht 
sein  soll.  Sie  ist  es  aber  für  uns  Homöopathen  um  desto  mehr,  da  wir 
wissen,  dass  1)  schon  vor  mehr  als  40  Jahren  durch  Hahnemann  in  der 
Thuja  occidentalis  das  spezifische  Mittel  gegen  Fe  ig  war  zen,  die  sich  bei 
vernachlässigter  Mauke  der  Pferde  regelmässig  einstellen,  entdeckt,  und 
unter  den  Zeichen  dieses  Mittels  (Sympt.  262)  ebenfalls  Ausschläge,  wie 
„Kindsblattern",  beobachtet  wurden;  dass  2)  dieses  Heilmittel  (Thuj.) 
seit  30  Jahren  (1832)  in  zahlreichen  Fällen  gegen  die  wahre  Mauke  von 
Homöopathen  angewendet  und  bewährt  gefunden  ist;  dass  3)  wir  selbst 
vor  13  Jahren  (1849)  die  Heil-  und  Schutzkraft  der  Thuja  gegen  die  ech- 
ten Menschenp.ocken  gefunden  und  (Allg.  hom.  Zeitung,  Band  37, 
S.  21)  veröffentlicht  haben,  und  dass  4)  vor  2  Jahren  (1860)  der  erfah- 
rene Dr.  C.  W.  Wolf  in  Berlin  im  2.-5.  Hefte  seiner  „hom.  Erfahrungen" 
diese  Gegenstände  umständlich  erörtert  und  die  in  Rede  stehende  Identität 
aufs  Bündigste  nachgewiesen  hat.  Wenn  diese  Thatsachen  auch  der  Pariser 
Academie  unbekannt  geblieben  sein  sollten :  so  lässt  sich  Solches  doch  von 
deutscher  Gründlichkeit  nicht  voraussetzen  und  wollen  wir  abwarten,  ob 
es,  wie  einiges  Andere,  geflissentlich  ignorirt  wird. 

In  Beziehung  auf  die  Befruchtung  des  Fischlaichs,  haben  Dumas 
und  Prevost  durch  Versuche  nachgewiesen,  dass  Dieselbe  am  Erfolgreich- 
sten ist,  wenn  die  männliche  Samenfeuchtigkeit  vorher  verdünnt  war.  Im 
konzentrirten  Zustande  zeigte  sie  sich  fast  ganz  unwirksam.  —  Eben   so   fand 


VI.   Buch.    Aphorism  21.  381 

Wir  begnügen  uns  damit,  in  der  Kürze  abzuführen ,  dass 
die  Richtigkeit  dieses  Aphorisms  sicli  in  einzelnen  Fällen  der 
jüngeren  Zeit  ebenfalls  bewährt  hat,  wie  durch  Krankheitsge- 
schichten nachgewiesen  ist,  obwohl  solche  Vorgänge  überall  nur 
sehr  vereinzelt  dastphen,  und  eben  deshalb  als  besonders  merk- 
würdig der  Aufzeichnung  werth  gehalten  wurden.  Die  gelehr- 
ten Untersuchungen  über  den  Zusammenhang  des  Gehirns  mit 
den  sogenannten  Hämorrhoiden  und  mit  den  Krampfadern 
wollen  wir  daher  den  pathologischen  Theoretikern  über- 
lassen und  hier  ganz  übergehen.  Dagegen  glauben  wir  mit  weni- 
gen Worten  anführen  zu  müssen,  dass  hier  wieder  ein  Beweis 
vorliegt,  wie  innig  Körper  und  Geist  im  kranken  und  im 
gesunden  Zustande  mit  einander  in  Verbindung  stehen, 
wie  das  Leiden  des  Einen  das  des  Andern  zu  beschwich- 
tigen vermag,  und  wie  daher  von  einer  wirklichen  Heilung 
keine  Rede  sein  kann,  wo  eben  Nichts  als  eine  Veränderung 
der  Form  stattgefunden  hat  und  das  eine  Uebel  an  die  Stelle 
des  Andern  getreten  ist.  35) 

Arnold,  als  er  die  Versuche  von  Spallanzani  wiederholte,  dass  diese  Feuch- 
tigkeit noch  in  der  dritten  Centesimal- Verdünnung,  welche  nur  ein  Million- 
tel davon  enthielt,  ihre  befruchtende  Kraft  nicht  verloren  habe. 

„Rademacher  auf  Hahnemann  gepropft",  —  sagt  Dr.  Heneke  in  Riga, 
(A.  H.  Z.  51.  Bd.,  S.  118)  —  „alle  Kranke  durch  grosse  und  oft  wieder- 
holte Gaben  Urtinkturen,  Esseuzen,  Mineralien  u.  s.  w.  aus  allopathischen 
Apotheken  bezogen,  zu  kuriren,  ist  nicht  Homöopathie". 

C'est  par  une  grossiere  erreur  d'analogie  qu'on  a  toujours  conclu  de 
la  masse  des  aliments  k  la  masse  des  remedes,  car  leur  but  est  essentiel- 
lement  distinct;  ceux-lä  doivent  presenter  de  la  matiere  pour  reconstituer 
le  corps,  a  ceus-ci  on  ne  demande  rien  de  leur  matiere,  mais  bien  la  force 
qu'elle  recele.  Dr.  Rapou. 

35)  Wir  wollen  keineswegs  den  Einfluss  des  Leiblichen  auf  das  Gei- 
stige leugnen.  Aber  eben  so  auffallend,  ja  noch  grösser  ist  die  psychische 
Macht  des  Geistes  über  das  Leibliche.  Sie  kann  Krankheiten  erregen  und 
heilen.      Ja   sie  kann  tödten  und  lebendig  machen. 

Hufeland's  Vorw.  zu  Kant's  Macht  d.   Gem. 

Was  ein  eigenthümliches  Leben  besitzt,  ist  unmittelbar  oder  mittelbar 
dem  Einflüsse  der  Geisterwelt  ausgesetzt.  Es  äussert  entweder  selber  will- 
kührliche  Handlungen,    oder    ist  abhängig   von  Organismen,    die    sich   aus 


382  VI-   Buch.    Aphorism  21. 

Von  weit  grösserer  Wichtigkeit  für  den  homöopathischen 
Arzt  bei  der  Behandlung  solcher  Wahnsinnigen  ist  der  Umstand, 
dass  es  unter  den  Heilmitteln  für  Geistesverwirrungen 
Mehrere  giebt,  welche  ebenfalls  unter  ihre  Zeichen  die  Krampf- 
adern und  die  hämorrhoi'dalischen  Au  sleerungen  zählen. 
Zu  Jenen  gehören  bekanntlich  vorzugsweise:  Arn.,  Ars.,  Fluor, 
ac,  Lach.,  Lyc,  Sulph.  und  Zinc. ;  zu  Diesen:  Anac,  Ant.  crud., 
Arn.,  Ars.,  Beil.,  Caust.,  Cupr.,  Hyosc. ,  Ignat.,  Lach.,  Lyc,  N. 
vom.,  Phosph.,  Sep.,  Sulph.  und  Veratr.  Wenn  daher  der  Patient 
vor  seiner  Geistes-  oder  Gemüths-Krankheit  an  Einem  von 
beiden  Uebeln  gelitten  hat,  was  nun  aufgehört,  oder  was  gar 
durch  böse  Kunst  vertrieben  ist:  so  gewinnt  dadurch  dieses 
anamnestische  Zeichen  die  grösste  Wichtigkeit  in  dem  Ge- 
sammt-  Krankheitsbilde  und  deutet  gleich  von  Vorne  herein  auf 
die  oben  mitgetheilte  Reihe  von  Arzneien,  die  dabei  vor  Andern 
sich  zur  Wahl  darbieten.  Solcher  vorhergegangenen,  aber 
entweder  freiwillig  verschwundenen,  oder  künstlich  (symp- 
tomatisch) beseitigten  Beschwerden  giebt  es  aber,  ausser  den 
beiden  Angeführten,  noch  viele  Andere  der  verschiedensten 
Art,  die  sämmtlich  eben  so  die  grösste  Aufmerksamkeit  verdie- 
nen, wenn  man  richtig  homöopathisch  das  Heilverfahren  einleiten 
will,  und  es  versteht  sich  dabei  von  selbst,  dass  es  beim  Wie- 
dererscheinen derselben  ein  strafwürdiger  Unsinn  sein 
würde,  abermals  in  symptomatischer  Weise  auf  eine  Sepa- 


einem  inneren  Prinzip  zur  Thätigkeit  oder  Ruhe  bestimmen.  Ohne  diese 
Verbindung  des  Lebens  mit  der  Geisterwelt  würden  wir  gar  keinen  Begriff 
vom  Leben  haben,  weil  "es  nur  vermöge  dieser  Verbindung  Körper  giebt, 
die  zufälligen  und  also  ungleichförmigen  Einwirkungen  ausgesetzt  sind. 

Treviranus,  Biologie  III,  S.  551. 
Bei  der  homöopathischen  Behandlung  wirkt  der  Arzt  durch  ein  gleich- 
sam psychisches  Element  zunächst  auf  die  psychischen  Kräfte  des  Leibes, 
und  so  durch  diese  auf  die  gröbere  Leiblichkeit  selber,  während  die  ge- 
wöhnliche Heilart  den  zunächst  in  unserer  Gewalt  stehenden,  natürlichen 
Weg  einschlägt,  und  durch  das  gröbere  Leibliche  auf  die  Lebenskraft  zu- 
rückwirkt, Dr.  v.  Schubert,  Gesch.  der  Seele. 


VI.  Buch.     Apliorism  22,  23.  383 

rat-Beseitigung  dieser  Beschwerden  hinzuwirken.36)  Weit 
häufiger,  als  hei  den  Genannten,  kommen  solche  Geistesstö- 
rungen in  Folge  unterdrückter  oder  verschmierter  Haut- 
ausschläge vor,  und  das  eben  Gesagte  findet  dabei  um  so 
mehr  seine  volle  Anwendung,  als  hier,  wie  die  Erfahrung  lehrt, 
die  Gefahr  vor  solchem  Unglück  nur  noch  weit  grösser  ist. 


22.  Schmerzen  von  Verletzungen  am  Rücken,  welche  sich 
bis  zum  Ellnbogen  erstrecken,  werden  durch  Aderlass 
gehoben. 

Schon  von  Galenus  an  finden  wir  abweichende  Lesearten 
und  Interpretationen  dieses  Aphorisms,  und  wir  haben  geglaubt, 
den  Versuch  machen  zu  dürfen,  jene  divergirenden  Meinungen 
in  unserer  Uebersetzung  einigermaassen  zu  vermitteln  und  mit 
einander  in  Einklang  zu  bringen.  Uebrigens  steht  dieser  Lehr- 
satz so  isolirt  und  unbestimmt  da ,  dass  er  nicht  füglich  eine 
praktische  Anwendung  gestattet,  und  dass  Einige  überdem  der 
Meinung  sind ,  er  wäre  unecht  und  eingeschoben.  Wir  lassen 
dies  dahin  gestellt  sein,  bemerken  indessen,  dass  die  Anwendung- 
tüchtiger  Aderlässe  zu  den  Zeiten  des  Hippokrates  bei 
Quetschungen  und  Verletzungen  verschiedener  Art  sehr 
üblich  war  und  auch  heute  zum  Theile  noch  ist,  wir  aber  keine 
Veranlassung  finden,  diesem  Vorbilde  zu  folgen. 


23.    Wenn    Aengstlichkeit    und    Traurigkeit    geraume   Zeit 
fortwähren,  so  zeigt  dies  Melancholie  an. 


36)    Mutatio    morbi    unius    in    alium    speciei    vel    similis    vel    diversae 
subindicare  facile  poterit  naturam  proxknae  causae. 

Bagliv.   Op.  II,  9, 


384  VI-  Buch-    Aphorisra  24,  25. 

Obschon  Celsus  (II,  7)  diese  beiden  Gemüths  -  Symptome 
noch  mit  der  Schlaflosigkeit  vervollständigt,  so  lässt  sich 
doch  schwerlich  behaupten,  dass  diese  irgend  hinreichende  An- 
zeigen für  die  Melancholie  abgeben  können.  Für  uns  Ho- 
möopathen ist  Dies  um  so  handgreiflicher,  als  wir  wissen,  dass 
es  nur  wenige  Arzneien  giebt,  in  deren  Erst -Wirkungen  wir 
nicht  alle  drei  erwähnten  Symptome  mehr  oder  weniger  deutlich 
ausgesprochen  finden,  dass  Diese  mithin,  wie  auch  die  Erfahrung 
lehrt,  bei  gar  vielen  Krankheiten  der  verschiedensten  Art  vor- 
kommen, und  dass  Sie  mithin  nur  selten  zu  den  Charakteristi- 
schen gezählt  werden  können. 


24.     Wenn  irgend  ein  dünner  Darm  durchschnitten  ist,   so 
wächst  er  nicht  wieder  zusammen. 


Vergleiche  den  Aphorism  VI.   18.  —  Uebrigens  soll  er  nach 
Galenus  unecht  sein. 


25.  Es  ist  böse,  wenn  ein  äusserer  Rothlauf  sich  nach 
Innen  kehrt;  gut  aber,  wenn  er  von  Innen  wieder 
nach  Aussen  heraustritt. 


Von  jeher  hat  man  die  Gefahren  des  freiwillig  zurück- 
getretenen, oder  künstlich  nach  Innen  getriebenen 
Rothlaufs  aus  zahlreichen,  traurigen  Erfahrungen  erkannt,  und 
man  sollte  daher  glauben ,  dass  es  keinem  gewissenhaften  Arzte 
einfallen  könnte,  zu  solchen  gefährlichen  Wagestücken  die 
Hand  zu  bieten.  Und  dennoch  finden  wir  nicht  bloss  bei  ge- 
wöhnlichen Kurirern,  sondern  selbst  bei  Aerzten,  die  Ruf  und 
Autorität  geniessen.  wie  z.  B.  Dupuytren,  Kluge  und  Lawrence, 
die  Anwendung   des    kalten  Wassers    und    der    kalten   Um- 


VI.  Buch.    Aphorism  25.  385 

schlage  angerat hen. 3r)  Wenn  aber  dergleichen  Wider- 
sprüche38) in  der  Behandlung  solcher  oft  vorkommenden  Krank- 
heiten uns  in  Erstaunen  setzen  müssen,  wie  kann  man  da  ver- 
kennen, dass  die  bisherige  Heilkunst  aller  festen  Grundlagen 
entbehrt,  und  vor  wie  nach  eine  reine  ars  conjecturalis 
geblieben  ist,  bei  welcher  Leben  und  Gesundheit  für  unter- 
geordnete Nebensachen  gelten  gegenüber  den  sogenannten 
wissenschaftlichen  Versuchen  auf  Leben  und  Tod.39) 
So  hart  dieser  Ausspruch  auch  lauten  mag,  so  ist  er  doch  nicht 
nur  durch  die  erwähnte  Behandlung  des  Rothlaufs,  sondern 
durch  viele  andere  Kuren  vollkommen  begründet,  und  findet 
zahlreiche  Belege  fast  auf  jeder  Seite  der  allopathischen 
Sammelwerke  über  die  Behandlunssweisen  der  verschiedenen 


37)  Was  nach  der  einen  Theorie  Wahrheit  ist  und  angeblich  erwiesen 
wird,  das  leugnet  die  andere  und  widerlegt  es;  ein  Heilverfahren,  das  die 
eine  für  nützlich  erklärt,  nennt  die  andere  geradezu  schädlich  und  verwirft 
es;  ja  es  fehlt  nicht  an  Beispielen,  dass  die  Aerzte  Kurmethoden  und  ein- 
zelne Mittel  mörderisch  nannten,  deren  Heilsamkeit  sie  wenige  Jahre  vor- 
her nicht  genug  preisen  konnten. 

Hecker,  Theorien  etc.   der  Aerzte,   S.   5. 

38)  II  y  a  six  ans,  l'Academie  de  medecine  couronnait  M.  Bochard 
pour  avoir  etabli  par  la  statistique  que  le  sejour  au  bord  de  la  mer  et  la 
navigation  etaient  prejudiciables  aux  phthisiques.  Tout  recemment  lAca- 
demie  remerciait  M.  P.  Garnier  d'avoir  demontre  le  contraire,  toujours  par 
la  puissance  du  chiffre. 

Dr.   Gallavardin,  exper.  p.  47. 
II  arrive  souvent  que,  dans  la  meme  salle,  devant  le  meme  auditoire, 
ä  quelques  heures  de  distance,  Forganicisme,  le  vitalisme,  et  l'electisme  lui- 
meme,  se  trouvent  representes  avec  conscience  et  talent. 

Dr.  Combes,  Bev.  med.  Fevr.   1833. 

39)  ,,So  lange  noch"  —  sagt  Dr.  A.  Winkler,  zur  Theorie  etc.  1861 
—  „die  verschiedensten ,  oft  einander  direkt  widersprechenden  Meinungen 
über  ein  und  dasselbe  Mittel  existiren  und  die  Wirkungen  der  Arzneien 
überhaupt  nicht  auf  allgemeine  Gesetze  zurückgeführt  sind,  so  lange  wird 
der  Faden  fehlen,  der  den  Arzt  leiten  kann  bei  der  Wahl  und  Beurtheilung 
eines  Arzneistoffes,  und,  statt  sicher  gehen  zu  können,  wird  er  sich  viel- 
mehr wiederholten  Versuchen  —  freilich  oft  zum  grossen  Nachtheile 
der  Kranken  —  hingeben  müssen. 

25 


ggß  VI.  Buch.     Apborism  25. 

Krankheiten,  durch  berühmte  und  unberühmte  Aerzte  der  altern 
und  neueren  Zeit.40) 

Solcher  argen  Verstösse  gegen  Vernunft  und  Erfahrung 
macht  sich  wahrlich  die  viel  geschmähte  Homöopathie  nicht 
schuldig,  und  am  Wenigsten  bei  Hautübeln,  wie  der  Rothlauf 
und  ähnliche  Andere,  die  damit  verwandt  sind.  Sie  weiss, 
wie  nutzlos  und  oft  gefährlich  jede  äussere  Behandlung  der- 
artiger Hautaffektionen  ist,  die  ausserdem  nicht  voreilig  beseitigt 
oder  auch  nur  in  ihrer  äusseren  Gestaltung  verändert  werden 
dürfen,  um  nicht  zu  früh  eines  Symptoms  verlustig  zu  werden, 
welches  für  die  Mittelwahl  von  der  grössten  Erheblichkeit  ist. 
Sie  besitzt  ausserdem  eine  grosse  Anzahl  von  Arzneien,  nicht 
nur  für  den  Roth  lauf  überhaupt,  sondern  auch  für  alle  die 
mancherlei  Formen  und  Eigenheiten,  worunter  er  oft  erscheint. 
Was  dann  noch  zur  Sicherung  der  jedesmaligen  Wahl  dabei 
mangelt,  das  ergänzen  die  Empfindungen  und  begleitenden 
Nebenbeschwer  de  n,  und  nachdem  dies  Alles  gehörig  erwo- 
gen und  in  der  zu  reichenden  Arznei  treu  sich  wiederspiegelnd 
gefunden  wurde,  darf  eben  sowohl  die  möglichst  schnelle  Besei- 
tigung des  ganzen  Leidens  mit  seinem  Anhange,  als  die  völlige 
Sicherstellung  vor  einem  gefährlichen  Zurücktritt  des  äus- 
sern Uebels  auf  die  inneren  Theile  erwartet  werden. 

Aber  selbst  in  dem  unglücklichen  Falle,  wo  der  Rothlauf 
freiwillig  zurückgetreten  ist,  stehen  der  Homöopathie  noch 
reichliche  Mittel  zu  Gebote,  um  der  drohenden  Lebensgefahr  zu 
begegnen  und  Jenen  wieder  hervorzurufen.  Sie  hat  dann  unter 
den,  den  früheren.  Rothlauf   charaklerisirenden    und    dessen 


40)  „Wenn  mich  nicht  alles  täuscht'',  —  schrieb  Fichte  am  Schlüsse 
des  vorigen  Jahrhunderts,  —  „ist  jetzt  der  Zeitpunkt  der  hereinbrechenden 
Morgenröthe,  und  der  volle  Tag  wird  zu  seiner  Zeit  folgen." 

Gestattet  man  eine  Entdeckungsmedizin  und  erlaubt  man  den  Gebrauch 
der  Verdünnungen,  so  ist  jedes  Verbot  des  Selbstdispensirens  ein  Wider- 
spruch. Prof.  Hoppe,   die  Dispensirfreiheit.  S.   67. 


VI.  Buch.    Aphorism  26.  387 

Nebenbeschwerdeii  entsprechenden  Eigentümlichkeiten  nur  das- 
jenige Mittel  auszuwählen,  was  sich  überhaupt  für  den  Zurück- 
tritt solcher  Hautleiden  und  für  die  dabei  neu  aufgetrete- 
nen Beschwerden  eignet,  und  welches  sich  in  den  meisten  Fällen 
bei  Acon.,  Amin,  carb.,  Ars.,  Beil.,  Bry. ,  Calc,  Dulc,  Graph., 
Hep.,  Ipec,  Lyc,  Merc.,  Phosph.,  Ph.  ac,  Puls.,  Rhus,  Sulph., 
oder  Thuj.  ziemlich  leicht  finden  lässt.  Bei  der  Anwendung  des 
hierunter  richtig  homöopathisch  ausgewählten  Heilmittels  erscheint, 
mit  schneller  Beseitigung  der  zuletzt  entstandenen  Beschwerden, 
der  Rothlauf  bald  wieder  auf  derselben  Stelle,  die  er  früher 
einnahm ,  und  die  Krankheit  eilt  dann  ungestört  und  gefahrlos 
mit  beschleunigten  Schritten  der  Heilung  entgegen.  Unter  keinen 
Umständen  ist  es  dabei  nöthig,  ja  selbst  nicht  einmal  unschäd- 
lich, äussere  Mittel  zu  Hülfe  zu  nehmen,  um  durch  Reizung 
der  Haut  das  Wiedererscheinen  des  Rothlaufs  oder  irgend 
eines  sonstigen  Hautausschlags  zu  befördern,  weil  man  dabei 
Gefahr  läuft,  zu  früh  eine  theilweise  heilkräftige  Reaktion  daselbst 
hervorzurufen,  welche  der  Absicht  entgegen  nur  zu  einem  neuen 
und  hemmenden  Hindernisse  dienen,  mindestens  aber  das 
Hautübel  selbst  in  seiner  Form  und  seinem  äusseren  Aussehen 
so  verändern  würde,  dass  daraus  nur  Unsicherheit  für  die  übrige 
Behandlung  entstehen  könnte. 


26.     Wenn  Jemandem  im  hitzigen  Fieber  Zittern  überkömmt, 
so  wird  Dies  durch  Irrereden  gehoben. 


Der  im  Vorstehenden  ausgedrückte  Sinn  dieses  Aphorisms, 
welcher  auch  dem  Galenus  und  Celsus  (II,  8)  entspricht,  ist  von 
Andern,  selbst  von  Grimm  und  Pittschaft  so  verstanden,  als 
wenn  die  Delirien  durch  das  Zittern  gehoben  würden.  Wir 
haben  auch  hier  nicht  die  Anmaassung,  bei  diesen  sich  wider- 
sprechenden   Ansichten    den   Schiedsrichter    spielen    zu    wollen  , 

25* 


388  VI.  Buch.    Aphorism  27. 

sondern  überlassen  Jedem  seine  Meinung  um  so  lieber,  als  wir 
den  ganzen  Lebrsalz  für  uns  wenigstens  als  ganz  unerheblich 
betrachten.  Nur  wollen  wir  hiebei  noch  kurz  anführen,  dass  es 
verschiedene  Arzneimittel  giebt,  denen  bei  hitzigen  Fiebern 
sowohl  die  Delirien,  als  das  Zittern  zukommt,  und  nennen 
davon,  als  die  Vorzüglichsten,  nur  Folgende:  Acon.,  Ap.  mel., 
Ars.,  Beil.,  Bry.,  Calc,  Chin.,  Hyosc,  Ignat.,  Natr.  mur.,  Op., 
Plat.,  Puls.,  Rhus.,  Sabad.,  Samb.,  Stram.,  Sulph.  und  Veratr. 
Wir  haben  also  keine  Ursache,  bei  solchen,  oft  gefährlichen 
Zufällen  den  müssigen  Zuschauer  abzugeben  und  die  Natur 
ohne  zweckmässige  Leitung  und  Unterstützung  ihren  unsiche- 
ren Weg  verfolgen  zu  lassen. 


27.  Wenn  Jemand  an  innerer  Vereiterung  oder  an  Wasser- 
sucht leidet,  und  dabei  durch  Brennen  oder  Aufschnei- 
den der  Eiter  oder  das  Wasser  auf  einmal  gänzlich 
ausgeleert  wird,  so  stirbt  er  jeden  Falles. 


Die  Erfahrung  hat  in  vielen  Fällen  die  Richtigkeit  dieses 
Lehrsatzes  bestätigt,  und  man  darf  daher  wohl  einige  Verwun- 
derung darüber  aussprechen,  dass  manche  sogenannte  hippo- 
kratische  Aerzte  diese  Warnung  ihres  Altmeisters  so  wenig 
befolgen.  Wenn  eine  innere  Vereiterung  von  einiger  Bedeu- 
tung vorhanden  ist,  so  muss  allerdings  dem  Eiter  ein  Abfluss 
nach  Aussen  verschafft  werden.  Aber  damit  ist  die  Krankheit 
keineswegs  gehoben,  wovon  diese  Eiterbildung  nur  ein  Symp- 
tom ist,  und  die  Entleerung  des  Eiters  bringt  ausserdem  für 
sich  schon,  wie  jeder  Säfteverlust,  einen  Zustand  von  Schwäche 
hervor,  der  das  weitere  Umsichgreifen  der  eigentlichen  Ge- 
sam  mtkrankheit  nur  befördern  muss.  Eben  so  wenig  ist 
die  mechanische  Ausleerung  des  Wassers  bei  Wasser- 
süchtigen eine  wirkliche  Heilung  der  Wassersucht,  sondern 
nur   ein    sehr    zweideutiges  Palliativ-Mittel    zur    augenblick- 


VI.  Buch.     Aphorism  27.  389 

liehen,  aber  meistens  nur  kurz  dauernden  Erleichterung  des  Pa- 
tienten, dem  in  der  Regel  ebenfalls  eine  grosse  Schwäche  nach- 
folgt. Die  Homöopathie  greift  daher  nur  selten  und  nur  im 
äussersten  Nothfalle  zu  solchen  Operationen,  und  hütet  sich 
dabei  wohl  vor  jedem  Uebermaasse,  indem  sie  nicht  nur  die 
oben  angedeutete  Gefahr  vollständig  würdigt,  sondern  überdem 
noch  die  Ueberzeugung  hat,  dass  nur  durch  den  Gebrauch  der 
genau  homöopathisch  passenden  Arzneien  die  Krankheit  wahr- 
haft zu  heilen  ist.  Aus  demselben  Grunde  verwirft  sie  auch 
sämmtliche  sonstige  arzneiliche  Palliativ-Mittel,  womit  be- 
sonders bei  der  Wassersucht  so  viel  Unheil  angerichtet  wird, 
indem  solche  nur  bezwecken,  den  Urinabgang  rein  symp- 
tomatisch und ,  was  noch  schlimmer  ist ,  in  der  E r  s  t  -  W i  r- 
kung  zu  vermehren,  während  das  Wesen  der  Krankheit  selbst 
unberührt  bleibt.  Zu  diesen,  von  der  Allopathie  häufig  an- 
gewendeten Pal  liativ -Mitte  In,  welche  nur  in  der  Erst-Wir- 
kung  den  Harnabfluss  befördern,  in  der  folgenden  und 
dauernden  Nach- Wirkung  aber  vermindern,  gehören  zufolge 
unserer  Prüfungen  am  Gesunden,  sowohl  bei  der  Bauchwasser- 
sucht (Ascites),  als  bei  der  Haut  Wassersucht  (Anasarca) 
folgende  Arzneien:  Ant.  crud.,  Bar.,  Beil.,  Chel.,  Coloc,  Guaj., 
Junip.,  Kali,  Merc,  Natr.  mur.,  Ph.  ac.,  Sabin.,  Samb.  (ScilL), 
Seneg.  und  Sulph. ;  während  Andere,  wie  Coleb.,  Dig„  Hell,  und 
Veratr.  solches  mehr  in  der  Nach-Wirkung  befördern.  Da- 
gegen kennt  und  braucht  die  Allopathie  unsere  Heroen  in  dieser 
Art  Krankheit  fast  gar  nicht,  und  scheint  selbst  vor  der  An- 
wendung von  Ap.  mel.,  Ars.,  Bry.,  Chin.,  Dulc,  Led.,  Lyc, 
Phosph.,  Puls.,  Rhus,  Sep.  und  Stront.  eine  Art  von  Scheu  zu  ha- 
ben, weil  sie,  vorzüglich  in  den  üblichen  starken  Gaben,  zu 
Anfange  den  Harnabgang  vermindern  und  nur  in  der 
dauernden  Nach-Wirkung  ihre  grossen  Heilkräfte  entfalten. 
Einen  noch  grösseren  Werth  für  die  Heilung  der  Wassersucht 
gewinnen  sie  aber  noch  dadurch,  dass  sie  grösstenteils  zu  im- 


390  VL  Buch-     Aphorism  28,  29. 

seren  Polychresten  gehören,  und  vermöge  ihrer  ausgedehnten 
und  mannichfaltigen  Kräfte  vor  den  meisten  Andern  auch  zahl- 
reichen, mit  der  Wasser  sucht  verbundenen  Krankheiten 
homöopathisch  entsprechen  und  so  in  vielen  Fällen  eine  voll- 
ständige und  dauerhafte  Heilung  bewirken. 


28.    Verschnittene  leiden  weder  an  Podagra,  noch  an  Kahl- 
köpfigkeit. 

Schon  Galenus,  in  seinem  Kommentar  zu  diesem  Aphorism, 
macht  die  Bemerkung,  dass  Dies  vielleicht  zur  Zeit  des  Hippo- 
krates  mit  dem  Podagra  der  Fall  gewesen  sein  möge,  dass 
es  aber  in  der  Seinigen  nicht  mehr  zutreffe,  und  vermuthet  den 
Grund  davon  darin,  dass  die  Verschni  ttenen  sich  allzu  sehr 
der  Trägheit  und  Völlerei  hingegeben  hätten.41)  Auch  der 
bekannte  Theophrastus  Paracelsus  machte  in  Bezug  auf  die 
Kahlköpfigkeit  eine  Ausnahme  von  der  obigen  Begel,  indem 
er,  schon  in  der  Kindheit  von  einem  Schweine  entmannt, 
mit  einer  ansehnlichen  Glatze  bescheert  war.  Uebrigens  sind 
heutiges  Tages  die  Verschnittenen  oder  auf  sonstige  Weise 
Entmannten,  und  eben  so  das  wahre  Podagra  so  selten 
geworden,  dass  für  unser  Zeitalter  keine  genügende  Erfahrungen 
vorliegen  dürften ,  um  die  Richtigkeit  dieses ,  an  sich  unerheb- 
lichen Lehrsatzes  bejahen  oder  verneinen  zu  können. 


29.  Frauen  werden  vom  Podagra  nicht  eher  befallen ,  als 
nachdem  die  monatliche  Reinigung  bei  Ihnen  aufge- 
hört hat. 


41)  Brown  erzählt  uns  dagegen  in  der  Vorrede  zu  seinem  Systeme, 
dass  er  beide  Male,  wo  er  am  Podagra  gelitten  habe,  einige  Zeit  vorher 
zu  einer  ungewöhnlich  mageren  Diät  übergegangen,  und  das  zweite  Mal 
nach  Ablauf  eines  ganzen  Jahrs  erst  dann  davon  völlig  befreit  wäre,  als 
er  gegen  den  Rath  der  Aerzte  seine  frühere,  nahrhafte  Lebensweise  wieder 
befolgt  habe. 


VI.  Buch.     Aphorism  30,  31.  391 

30.    Jünglinge  bekommen  das  Podagra  nicht  vor  der  Aus- 
übung des  Beischlafs. 


Wir  finden  keine  Veranlassung  zu  Glossen  zu  diesen  Apho- 
rismen. 

31.     Augenschmerzen   werden  durch  Wein,  Bäder,  Bähun- 
gen, Aderlass,  oder  durch  Abführung  beseitigt. 


Von  einigen  Kommentatoren  wird  die  Autorschaft  des  Hippo- 
krates  zu  diesem  Aphorism  bestritten,  obwohl  Celsus  (VI,  6) 
ihn  ausdrücklich  Diesem  zuschreibt.  Auch  ist  ausserdem  der, 
von  Jenen  für  ihre  Zweifel  angeführte  Grund  aus  der  Allge- 
meinheit und  der  Abwesenheit  aller  speziellen  Indika- 
tion nicht  stichhaltig,  weil  dieser  Mangel  fast  überall  in  diesen 
Aphorismen  zu  beklagen  ist.  Fragen  wir  aber:  ob  es  in  dieser 
letzten  Beziehung  in  unseren  pathologischen  und  therapeu- 
tischen Lehrbüchern  besser  aussieht?  so  kann  die  Antwort 
nur  wie  ein  entschiedenes:  Nein!  lauten.  Das  Höchste,  was 
wir  darin  von  speziellen  Indikationen  finden,  besteht  ledig- 
lich darin,  dass  die  verschiedenen  Augenkrankheiten  in  ein- 
zelne Kategorien  gebracht  werden,  wie  z.  B.  die  Katarrha- 
lische, die  Gastrische,  die  Idiopathische,  die  Impeti- 
ginöse,  die  Skrofulöse  u.  s.  w.,  und  dass  für  Jede  dieser 
Arten  eine  lange  Liste  von  Mitteln  angegeben  wird,  die  unter 
sich  nicht  näher  charakterisirt  sind  und  daher  Eins  nach  dem 
Andern  versucht  werden   dürfen.42)     Dadurch  aber  ist  der  in- 


42)  Eine  statt  Vieler  dienende  Probe  davon  hat  der  Verfasser  in  einem 
früher  erschienenen  Buche  mitgetheilt ,  welches  unter  dem  Titel:  „Die 
Homöopathie,  ein  Lesebuch  für  das  gebildete,  nichtärztliche  Publikum" 
1834  in  Münster  bei  Coppenrath  erschienen  ist.  In  diesem  Buche  findet 
sich  (aus  Ploucquet  init.  Biblioth.)  von  Seite  3  bis  Seite  5  eine  Keihe  von 
nicht  weniger  als  86 ,  zum  Theile  zusammengesetzter  Mittel  gegen  den 
schwarzen  Staar,  welche  Girtanner  (Ausf.  Darst.  des  Brownischen  Sy- 
stems II,  597)  mit  folgenden  Worten  begleitet:  —  ,,Der  Laie,  welcher  die- 
ses lange  Verzeichniss  von  Heilmitteln  liest,  mag  wohl  bei  sich  selbst  den- 
ken:   Nun,  Gott  sei  Dank!    mit  dem  Blindwerden  hat's  keine  Gefahr!    Die 


392  VL  Buch'    Aphorism  31. 

dividuellen  Ansicht  des  Arztes,  um  nicht  zu  sagen:  dessen 
Willkühr,  ein  weit  grösserer  Spielraum  gelassen,  als  dem 
Altvater  der  Medizin,  weil  seit  dessen  Zeitalter  die  Zahl  der 
Augenmittel  sich  bis  in's  Unendliche  vermehrt  hat,  ohne  in 
gleichem  Schritte  auch  die  Anzeigen  für  Jedes  derselben  ge- 
nauer festzustellen.  Bei  dieser  therapeutischen  Unsicher- 
heit, wo  es  sich  um  die  Wahl  eines  gewiss  heilenden  Mittels 
handelt,  können  wir  daher  keinem  Allopathen  das  Recht  zu- 
gestehen, diesen  hippokratischen  Lehrsatz  zu  tadeln,  oder 
gar  für  unecht  und  untergeschoben  zu  erklären ,  weil  in  seiner 
Doktrin  nirgends  etwas  Besseres  und  Bestimmteres  dargeboten 
wird.  Ein  solcher  Tadel  würde  hingegen  dem  Homöopathen 
weit  eher  anstehen,  da  er  durch  sorgfältige  Prüfung  der  Heil- 
mittel am  Gesunden  auch  in  der  Behandlung  dieser  Art  von 
menschlichen  Beschwerden  auf  festem  Boden  steht  und  im 
Stande  ist,  nach  Maassgabe  der  vorhandenen  Zeichen  für  jeden 
individuellen  Fall  diejenige  Arznei  zu  wählen,  welche  demselben 
am  Vollständigsten  entspricht  und  daher  am  Sichersten  Hülfe 
bringen  muss.  Hierbei  ist  dann  natürlich  jede  Vermuthung, 
jede  aprioristische  Meinung,  jede  Willkühr  und  jedes 
Lieblingsmittel43)  von  Vorne  herein  ausgeschlossen,  und 
nur  in  den  Tb at Sachen  und  in  den  deutlich  wahrnehmbaren 
Symptomen  nach  allen  Richtungen  hin  liegt  die  Norm  der 
Entscheidung,  wie  eine  von  der  Natur  selbst  gebotene  Not- 
wendigkeit, deren  Verkennung  und  Nichtachtung  sich  minde- 
stens durch  Erfolglosigkeit,  oft  aber  auch  durch  erhebliche  Zu- 
nahme des  Uebels  rächt.44) 


Aerzte  sind  im  Besitze  eines  ganzen  Magazins  von  Hülfsmitteln  gegen  diese 
Krankheit.  —  Es  ist  Alles  blosse  Tau  sehn  ng!  Wir  Aerzte  wissen 
insgesammt,   dass  der  schwarze  Staar  eine  unheilbare  Krankheit  ist." 

43)  Warum  etwas  geschieht,  kann  man  durch  die  Vernunft  zu  ergrün- 
den suchen;  aber  dass  es  geschieht,  lernt  man  nur  durch  Geschichte  und 
Erfahrung.  Plutarchs  Tischreden  V,   7. 

44)  „Von  den  unzähligen  Mitteln",   —  sagt  Ramadge,  die  Schwindsucht 


VI.  Buch.     Aphorism  32.  393 

32.     Stammelnde  werden  von  langwierigen  Durchfällen  be- 
sonders heftig  angegriffen. 


Wie  Galenus  diesen  Lehrsatz  aus  der,  den  Stammelnden45) 
eigenthümlichen  feuchten  Konstitution,  so  erklären  ihn  die 
Neueren  aus  dem  Einflüsse  des  Nervus  vagus,  der  bei  seiner 
grossen  Verbreitung  gar  manches  Gute  und  Böse,  womit  man 
sonst  nicht  recht  zu  bleiben  weiss,  sich  aufhängen  lassen  muss.46) 
Wir  möchten  indessen  vor  Allem  wünschen,  dass  die  Thatsache 
selbst  erst  ganz  ausser  Zweifel  gesetzt  wäre,  was,  wie  es 
scheint,  bis  jetzt  noch  nicht  in  genügender  Weise  geschehen  ist. 
Dann  aber  tritt  in  erster  Linie  die  Notwendigkeit  ein,  vorab 
die  fragliche  Beschwerde  zu  beseitigen,  und  erst,  nachdem 
Dies  vollbracht  ist,  wird  man  keine  Einwendungen  mehr  dagegen 
erheben  können,  wenn  man  nun  auch  dem  Zusammenhange 
des  Stammeins  mit  dem  chronischen  Durchfalle  nach- 
spürt. Eine  solche  Beihe folge  in  den  Verhandlungen  über 
irgend  einen  Gegenstand  der  gesammten  Erfahrungswissenschaften 
scheint  so  dem  Wesen  der  Sache  angemessen  zu  sein,  dass  wir 
nicht  begreifen,  wie  man  sich  dabei  bewogen    finden   kann,   die 


heilbar,  S.  74  —  „die  man  schon  angewendet  hat,  und  noch  anwendet, 
werde  ich  nur  einige  anführen,  deren  Nutzen  probehaltig  ist,  und  weder 
von  den  Launen  der  Mode  abhängt  (denn  auch  die  Medizin  hat  ihre  Mo- 
den), noch  auf  blosser  Einbildung  beruht.  Unsere  Dispensatoria  sind  voll 
von  dergleichen  Mitteln,  und  unsere  Praxis  ist  doch  so  unglücklich." 

45)  Die  Fehler  des  Stotterns  und  Stammeins  unterscheidet  Dr. 
Klencke  dadurch,  dass  Jener  ausschliesslich  im  Sprechen,  nicht  aber,  wie 
Dieser,  beim  Singen  und  Deklamiren  vorkommt. 

46)  „Hüte  Dich"  —  schrieb  der  edle  König  Friedrich  Wilhelm  III. 
am  1.  Dezember  1827  in  seinem  „letzten  Willen"  an  „Seinen  lieben  Fritz" 
—  „jedoch  vor  der  so  allgemein  um  sich  greifenden  Neuerungssucht ,  hüte 
Dich  vor  unpraktischen  Theorien,  deren  so  unzählige  jetzt  im  Umschwünge 
sind,  hüte  Dich  aber  zugleich  vor  einer  fast  eben  so  schädlichen,  zu  weit 
getriebenen  Vorliebe  für  das  Alte 5  denn  nur  dann,  wenn  Du  diese  beiden 
Klippen  zu  vermeiden  verstehst,  nur  dann  sind  wahrhaft  nützliche  Verbes- 
serungen gerathen." 


394  VI-  Buch.     Aphorism  32. 

Untersuchung  zunächst  von  Hinten,  das  heisst:  von  der  Seite 
der  Theorie  anzufangen,  die  doch  nur  eine,  oft  noch  zweifel- 
hafte Folge  der  Erfahrung  sein  kann.47)  Um  z.  B.  vermit- 
telst des  Stahls  aus  einem  Steine  in  der  allbekannten  Weise 
Funken  zu  locken,  muss  man  erst  Beide  in  der  erforderlichen 
Beschaffenheit  besitzen  und  nach  der  Regel  behandeln; 
erst  hinterher  darf  man  dann  mit  aller  Müsse  eine  gelehrte  Un- 
tersuchung darüber  anstellen,  wie  es  zugeht,  dass  durch  den 
einfachen  Reibeschlag  eine  Hitze  erzeugt  wird,  welche  gross 
genug  ist,  um  die  vom  Stahle  abgerissenen  Theilchen  plötzlich 
zum  Glühen  und  Schmelzen  zu  bringen.  Dass  dieses  Letztere 
in  der  That  dabei  geschieht,  lehrt  der  klare  Augenschein, 
wenn  man  die  Funken  auf  einem  Bogen  weissen  Papiers  sam- 
melt, und  die  schwarzen  Körnchen  mit  einer  guten  Lupe  be- 
trachtet. Die  Untersuchung  über  den  Hergang  der  Sache 
wird  aber  zu  einem  grossen  Aufwände  von  Gelehrsamkeit 
und  dabei  zu  vielen  Unbegreiflichkeiten  Veranlassung  geben, 
da  man  weiss,  dass  beim  Eisen  der  Schmelzpunk  t  noch  weit 
über  der  Weissglühhitze,  also  noch  über  90°  Wedgw.  oder 
5673  °  R.  steht.  Man  wird  sich  daher  genöthigt  sehen,  zu  wun- 
derbaren  Naturkräften,    zu   Elektrizität,    Galvanismus, 


47)  Der  sichere  Weg  ist  ein  volles  Jahrhundert  vor  Francis  Bacon 
schon  von  Leonardo  da  Vinci  vorgeschlagen  und  mit  wenigen  Worten  be- 
zeichnet worden:  cominciare  dall'  esperienza  e  per  rnezzo  di  questo  sco- 
prirne  la  ragione.  Humboldt,  Kosmos  III,   10. 

„Die  Erfahrung  Anderer"  —  sagt  Börne  —  „kann  wohl  dienen,  un- 
sere Eigene  zu  ordnen  und  in  Kegeln  zu  bringen,  aher  sie  macht  uns  eben 
so  wenig  klüger,  als  wir  satt  werden  von  dem ,  was  unser  Nachbar  ge- 
gessen hat."  —  Wer  merkt  nicht  die  bittere  Ironie,  die  in  dieser  Phrase 
liegt? 

Ce  qui  distingue  le  medecin  de  l'empirique,  c'est  que  ee  dernier  traite 
les  malades  sans  se  rendre  compte  de  ce  qu'il  fait,  tandis  que  le  premier 
n'agit  point  sans  im  motif,  sans  consulter  les  indications  qui  coimnandent 
l'intervention  de  l'art.  —  Aussi  quiconque  par  presomption  ou  par  igno- 
rance  s'ecarte  de  la  medecine  des  indications,  tomhe-t-il  daus  une  routine 
aveugle  comme  les  numeristes,  ou  dans  le  seepticisme  le  plus  complet, 
coinme  les  expectants,  Journal  d.  1.  soc   gall.   1850,  T.   1,  p.  242. 


VI.   Buch.     Aphorism  33.  395 

Magnetismus  oder  gar  noch  zu  andern  nur  vermulheten  und 
späterer  Entdeckung  vorbehaltenen  Imponderabilien  seine 
Zuflucht  zu  nehmen,  Diese  mit  dem  Prozesse  in  eine  problema- 
tische Verbindung  zu  setzen,  und  dabei  die  Zuhörer  zum  Stau- 
nen bringen,  sowohl  über  die  tiefe  Gelehrsamkeit,  als  über 
die  einfache  Thatsache,  die  Jeder  kennt,  die  wir  täglich 
vor  Augen  haben,  und  die  Niemand  in  der  blossen  Theorie  für 
möglich  halten  würde.48) 


33.     Diejenigen,    welche    mit    saurem    Aufstossen    behaftet 
sind,  werden  nicht  leicht  vom  Seitenstichfieber  befallen. 


48)  II  ne  faut  pas  juger  ce  qui  est  possible  et  ce  qui  ne  Test  pas, 
selon  ce  qui  est  croyable  ou  incroyable  h  notre  sens;  c'est  une  grande 
faute  en  la  quelle  la  plupart  des  liommes  tombent,  de  faire  difficulte  de 
croire  d'autrui  ce  qu'eux  ne  sauraient  ni  ne  vondraient  faire. 

Montagne. 

Zu  den  merkwürdigsten  Erscheinungen  in  der  Natur  muss  man  ohne 
Zweifel  den  mineralischen  Magnet  rechnen.  Wenn  es  schon  als  etwas 
Unbegreifliches  erscheint,  dass  ein  kleiner  Funken,  mit  brennbaren  Dingen 
in  Berührung  gebracht  und  nicht  künstlich  wieder  ausgelöscht,  das  verzeh- 
rende Feuer  unaufhaltsam  so  weit  verbreitet,  als  Dieses  noch  Verbrennliches 
vorfindet:  so  waltet  hier  der  eigenthümliche  Umstand  vor,  dass  diese  Dinge 
dadurch  selbst  aufgelöst  und  in  ihre  Grundbestandteile  zersetzt  werden, 
was  man  -Verbrennen  nennt.  Beim  Magnet  verhält  sich  Dies  ganz  anders. 
Vermittelst  eines  einzigen  magnetisch  armirten  Stahlstabes  lassen  sich  un- 
zählige Andere  armiren,  ohne  dass  weder  der  Erste  von  seiner  Kraft  etwas 
verliert,  noch  auch  an  Ihm  oder  an  allen  Uebrigen  eine  nachweissbare, 
chemische  oder  mechanische  Stoff-Veränderung  stattfindet.  Hier  sehen  wir 
also  eine  unendliche  Vermehrung  desselben  imponderablen  Wesens,  welches 
aus  sich  Selbst  fortgepflanzt  und  auf  andere  Körper  dauerhaft  übertragen 
wird,  ohne  diese  Letzteren  zu  beschädigen  oder  zu  zerstören ,  wie  es  mit 
dem  Feuer  der  Fall  ist.  Angesichts  einer  solchen,  allbekannten  Thatsache 
erscheint  es  nun  doch  mindestens  als  eine  ungerechtfertigte  Vermessenheit, 
a  priori  zu  behaupten,  dass  es  sonst  nichts  Aehnliches  dieser  Art  in  der 
Natur  geben  könne,  und  dass  die  Erweckung  von  gewissen  Kräften  durch 
Reiben  oder  Schütteln,  wie  wir  es  thun,  kurzweg  als  ein  Unsinn  zu  be- 
zeichnen sei. 

Frustanea  est  ratio,  ubi  natura  loquitur.  Quarin. 


396  VI-  Buch.     Aphorism  34. 

Dieser  Lehrsatz  gehört  ebenfalls  zu  Denen,  worüber  sich 
nicht  viel  sagen  lässt,  weil  er  sich  nur  auf  vereinzelte  Beobach- 
tungen stützt,  und  ein  unmittelbarer  Zusammenhang  schwerlich 
genügend  nachzuweisen  sein  dürfte.  Merkwürdig  ist  es  aber 
dabei  doch,  dass  das  saure  Aufstossen,  welches  sonst  den 
meisten  Arzneien  zukommt,  gerade  bei  demjenigen  Mittel 
gänzlich  fehlt,  welches  bei  der  wahren  Pleuritis  fast  jedes- 
mal zuerst  angezeigt  ist,  nämlich  bei  Acon. ,  das  unter  seinen 
Zeichen  nur  wenig  leeres,  oder  höchstens  etwas  fauliges,  niemals 
aber  saures,  dagegen  am  Meisten  versagendes  Aufstossen, 
mit  vergeblicher  Neigung  dazu  aufzuweisen  hat.  Um  so 
heftiger  tritt  aber  gewöhnlich  dieses  Aufstossen,  und  beson- 
ders das  Saure,  dann  ein,  wenn  durch  das  genannte  Mittel 
(Acon.)  die  Entzündung  gehoben  ist,  und  der  Rest  de,r  Krank- 
heit (durch  Bry.,  Kali,  oder  Phosph.)  beseitigt  werden  muss, 
welche  alle  Drei  diesem  Symptome  in  ganz  vorzüglichem  Grade 
entsprechen.  Diese  Bemerkung  kann  daher  zu  einem  Beispiele 
dienen,  wie  die  heute  beobachteten  pathologischen  Erschei- 
nungen bei  Prüfung  der  Arzneien  am  Gesunden  im  Einklänge 
stehen  mit  den  schon  vor  zweitausend  Jahren  gesammelten  Er- 
fahrungen des  scharfsinnigsten  Beobachters  seiner  Zeit.  Wenn 
man  solchen  Symptomen-Verbindungen,  wie  wir  gerne 
zugeben,  auch  eben  keine  Beweiskraft  für  die  innere  Wahr- 
heit der  Homöopathie,  die  auf  einer  viel  solideren  Basis  gegrün- 
det ist,  zugestehen  will:  so  verdienen  sie  als  eine  merkwürdige 
Bestätigung  einer  kurzen  Erwähnung  für  unsere  theoreti- 
sirenden  Widersacher.49) 


34.    Bei    Kahlköpfigen    entstehen    keine    grossen    Krampf- 


49)  Veritatera  laborare  nimis  saepe  ajunt,  exstingui  nuuquam. 

Liv.  XXII,  39. 


VI.  Buch.     Aphorism  34.  397 

ädern.     Wenn  aber  solche  Leute  Dergleichen  bekom- 
men, so  wachsen  ihnen  die  Kopfhaare  wieder. 50) 


Von  Galenus  an  bis  zum  heutigen  Tage  ist  die  Richtigkeit 
dieses  Aphorisms  in  Zweifel  gezogen,  und  mehrere  neuere  Kom- 
mentatoren haben  nach  dem  Vorbilde  des  Erstgenannten,  gleich- 
sam als  Vermittler,  annehmen  zu  müssen  geglaubt,  dass  hier 
mehr  von  dem  Ausfallen  der  Haare,  als  von  einer  schon 
vollendeten  und  unheilbaren  Kahlköpfigkeit  die  Rede  sei. 
Ohne  gerade  diesen  Ansichten  entgegen  treten  zu  wollen,  sehen 
wir  uns  veranlasst,  darauf  hinzuweisen,  dass  eben  des  Nachsatzes 
wegen  der  Lehrsatz  auf  einer  Erfahrung  beruhen  muss,  indem 
vom  Hippokrates  nicht  anzunehmen  ist,  dass  er  etwas  als  That- 
sache  angeben  sollte,  was  er  nicht  in  der  Wirklichkeit  beobachtet 
hätte.  So  wenig  Gewicht  wir  auf  seine  blossen  Erklärungen 
legen  können,  so  sehr  schätzen  und  würdigen  wir  seine  Wahr- 
haftigkeit und  seinen  beobachtenden  Scharfsinn,  wenn  er 
nichts,  als  seine  reinen  Erfahrungen  mittheilt.51) 

Für  uns  Homöopathen  gewinnt  dieser  Aphorism  noch  ein 
besonderes  Interesse,  wenn  wir  erwägen,  dass  beiderlei  Be- 
schwerden sich  nicht  nur  unter  den  Symptomen  zahlreicher 
Mittel  vorfinden,  sondern  dass  bei  Einigen  von  ihnen  (Ambr., 
Graph.,  Lyc,  Natr.  mur.,  Sil.,  Sulph.  und  Zinc),  sowohl  die  Eine 
wie  die  Andere  in  vorzüglichem  Grade  hervortritt.  Erwägen 
wir  dabei  ferner,  dass  erfahrungsmässig  zweierlei  unter  sich  ver- 


50)  Zufolge    Aristoteles  (Problem    31)    sollen    Blindgeborene    niemals 
Kahlköpfig  werden. 

Defluvium  eorum  (pilorum)  in  muliere  rarum,  in  spadonibus  non  visum, 
nee  in  ullo  ante  Veneris  usum.  Plinius  XI,  47. 

51)  In  nullo  mendacio  magis  est  j^ericulum,   quam  in  medico. 

Plinius  hist.  nat.   XXIX,   1. 
Der  Ausspruch  des  Plinius  (XI,   104):    „Varices    in  cruribus  viro  tan- 
tum;  mulieri  raro",  ist  gewiss  glicht  richtig. 


398  VI-  Buch-     Aphorism  35,  36. 

schiedene,  wenn  auch  aus  derselben  Wurzel  entsprossene  Krank- 
heitserscheinungen gleichzeitig  und  dauernd  nicht  neben 
einander  besteben  können,  sondern  die  Schwächere,  wenn  auch 
nur  zeitweise,  suspendirt  wird:  so  dürfte  sich  darin  mindestens 
ein  vernünftiger  Grund  finden  lassen,  um  dem  Altvater  der  Me- 
dizin auch  hier  seine  Wahrhaftigkeit  zu  vindiziren,  und  dessen 
Lehrsatz  von  der  Unglaubwürdigkeit  freizusprechen.  Ob 
es  aber  in  der  Macht  des  Arztes  steht,  zur  Heilung  einer  vollen- 
deten Kahlköpfig keit  willkührlich  Krampfadern  zu  erregen, 
um  dadurch  seinen  Zweck  zu  erreichen?  Das  ist  eine  andere 
Frage,  welche  man  aus  Mangel  an  bisherigen  Erfahrungen  weit 
eher  verneinen,  als  bejahen  darf,  und  worüber  die  Entscheidung 
einer  späteren  Zeit  vorbehalten  bleiben  muss. 


35.    Es  ist   böse,    wenn   sich   bei  Wassersüchtigen  Husten 
einstellt. 

Dieses  ungünstige  Zeichen  entsteht  meistens  dadurch,  dass 
die  Wassersucht  nun  auch  schon  die  Brust  ergriffen  hat, 
was  allerdings  und  selbstverständlich  die  Gefahr  steigert.  Wenn 
in  diesem  Falle  durch  schleunige  Anwendung  des  homöopathisch 
angezeigten  Mittels,  welches  zunächst  unter  Amm.  carb. ,  Ap. 
mel.,  Ars.,  Coleb.,  Hell,  und  Nitr.  ac.  auszuwählen  sein  dürfte, 
nicht  bald  eine  vortheilhafte  Veränderung  des  Gesammtzustandes 
erreicht  wird ,    so  ist   der  Kranke  meistens  rettungslos  verloren. 


36.     Den  Harnzwang  hebt  (auch)  der  Aderlass ;    nur  müs- 
sen die  inneren  Adern  geöffnet  werden. 


Das  Zusatzwörteben  „auch"  hält  Galenus  für  nolbwendig. 
um  diesen  Aphorism  richtig  zu  vorsieben,  weil  er  nur  für  voll- 
blütige Personen  gelle.    Nach  Foesiu^  (Oecon.   Hipp.  pag.  657. 


VI.   Buch.     Aphorism  37.  399 

ad  (pksßsg  ai  Ußco)  soll  unter  „inneren  Adern"  die  vena  Po- 
plitea gemeint  sein.  Andere  neuere  Kommentatoren  sind  der 
Ansicht,  dass  hier  von  einer  Dysurie  die  Rede  sei,  welche  mit 
einer  Entzündung  der  Nieren,  der  Blase  oder  des  Mast- 
darms in  Verbindung  stehe.  Aus  allen  diesen  divergirenden 
Meinungen  geht  nur  so  viel  hervor,  dass  der  Lehrsatz  nicht 
bestimmt  und  deutlich  ist.  Für  uns  ist  er  aber  ausserdem  un- 
erheblich, weil  wir  selbst  bei  Entzündungen  niemals  einen  Tropfen 
Bluts  vergiessen  und  solches  durch  etwas  viel  Besseres  zu  er- 
setzen wissen. 


37.  Es  ist  gut,  wenn  bei  einem  von  der  Bräune  Befalle- 
nen eine  äussere  Geschwulst  am  Halse  entsteht;  denn 
das  Uebel  zieht  sich  dann  nach  Aussen. 


Zufolge  Valesius  und  Foesius  (Oecon.  Hipp.  p.  363)  ver- 
steht Hippokrates  unter  Bräune  (xwccyn)])  jede  Art  von  inne- 
rem Halsleiden,  womit  Schwierigkeit  des  Athems  ver- 
bunden ist.  Es  gehören  dazu  also  nicht  nur  die  einfache  An- 
gina, sondern  auch  die  A.  gangraenosa52),  die  A.  mem- 
branacea  und  die  A.  parotidea;  nur  die  A.  pectoris  muss 
davon  ausgeschlossen  werden.  Unter  diesen  drei  Arten  von 
Angina    sind    die    zwei    Erstgenannten    die  Gefährlichsten,    und 


52;  Ob  die  neuerdings,  angeblieh  aus  Amerika  herüber  gekommene, 
mörderische  Halskrankheit,  welche  man  mit  dem  Namen  A.  diphtheritica 
bezeichnet  hat,  zu  dieser  gehört,  wissen  wir  nicht,  weil  sie  bisher  in  un- 
serem Bereiche  noch  nicht  vorgekommen  ist,  und  die  Nachrichten  darüber 
noch  unvollständig  vorliegen.  Nach  dem  Wenigen  zu  urtheilen,  was  uns 
darüber  mitgetheilt  wurde,  dürfte  dabei  in  der  Höhe  der  Krankheit  zunächst 
an  Phosph.  gedacht  werden  können ,  und  zwar  wegen  der  apathischen, 
schlummersüchtigen  Xebenbeschwerden,  und  besonders  wegen  der  rothen, 
sammetartigen  Flecken,  welche  unter  dem  weissen,  eiweissartigen  Ueberzuge 
sieh  zeigen,  sobald  man  Diesen  ablöst.  Im  ersten  Stadium  soll  Ap.  mellif. 
schnelle  Hülfe  gebracht  haben. 


400  VI-  Buch-    Aphorism  37. 

scheinen  auch  vom  Hippokrates  vorzugsweise  gemeint  zu  sein, 
weil  bei  der  A.  parotidea  die  äussere  Geschwulst  von  Vorne 
herein  schon  vorhanden  ist. 

Die  Angina  gangraenosa  deutet  fast  immer  auf  ein  tief 
im  Körper  liegendes  Miasma  von  grosser  Bösartigkeit,  sehr 
oft  auch  von  Quecksilber-Missbrauch  entstanden,  welches 
sich  aus  der  Beschaffenheit  der  Geschwüre  entnehmen  lässt. 
Dennoch  gelangt  man  fast  immer  durch  richtige  homöopathische 
Anwendung  von  Ars.,  Chin,  oder  Nitr.  ac.  zu  seinem  ersten 
Zwecke,  die  dringendste  Gefahr  zu  beseitigen  und  die  Ge- 
schwüre in  gutartige  umzuwandeln.  Dann  aber  bleibt  es  noch 
nöthig,  um  Rückfälle  zu  verhüten,  eine  Nachkur  anzuordnen, 
die  wegen  der  allgemeinen  Dyskrasie  nach  den  jedesmal  vor- 
handenen Symptomen  eingerichtet  werden  muss.  Bei  dieser 
Angina  kommt  fast  nie  eine  merkliche  äussere  Geschwulst 
vor,  und  wenn  sie  entsteht,  so  wird  die  Sache  dadurch  um  Nichts 
gebessert. 

Von  weit  grösserer  Wichtigkeit,  weil  viel  häufiger  vor- 
kommend und  schneller  tödtend,  ist  die  Angina  membranacea, 
die  meistens  nur  Kinder  bis  zum  10.  oder  12.  Jahre  befällt, 
aber  oft  gleichsam  epidemisch53)  herrscht,  und  dann  bei  der 
bisherigen  sorgfältigsten  allopathischen  Behandlung  immer 
noch  zahlreiche  Opfer  fordert.54)  Ob  Hippokrates  diese,  heuti- 
ges Tages  unter  dem  Namen  Croup  allgemein  bekannte  Krank- 


53)  „Dass  der  Croup"  —  sagt  Kopp  in  seinen  Beobachtungen,  S.  o 
—  „oft  ansteckend  für  Kinder  sei,  welche  sich  in  der  Nähe,  in  der  Atmo- 
sphäre eines  solchen  Kranken  befinden ,  bewiesen  mir  doch  viele  Beobach- 
tungen. Ein  mir  bekanntes  (obgleich  ich  nicht  Arzt  dabei  gewesen)  auf- 
fallendes Beispiel  dürfte  in  dieser  Hinsicht  denkwürdig  sein,  wo  einem  Be- 
amten auf  dem  Lande  binnen  14  Tagen  fünf  Kinder  vom  Croup  ergriffen, 
und  auch  alle  ein  Opfer  der  Krankheit  wurden. 

54)  Die  Vossische  Zeitung  vom  5.  April  1854  erzählte  aus  Berlin, 
dass  daselbst  einem  Musikus  (Flötist),  Namens  Hummel,  in  wenigen  Tagen 
fünf  Kinder  an  der  häutigen  Bräune  gestorben    waren. 


VI.    Buch.    Aphorism  37.  401 

heil  schon  gekannt  und  unter  seiner  Angina  mit  einbegriffen  hat, 
ist  zweifelhaft.  Die  nähere  Kenntniss  und  Beschreibung  Dersel- 
ben ist  nicht  älter,  als  seit  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts, 
und  erst  im  Jahre  1811  erschienen,  in  Folge  einer  Preis  - 
Ausschreibung  von  Napoleon,  mehrere  Abhandlungen,  wo- 
von die  des  Dr.  Albert  in  Bremen  und  Dr.  Jurine  in  Genf 
sich  in  den  Preis  theilten,  und  seitdem  die  Behandlung  etwas 
vollständiger  geregelt  wurde.55)  Das  eigentliche  Wesen  dieser 
Krankheit  ist  dadurch  mit  vollständiger  Sicherheit  und  Klarheit 
festgestellt  und  von  allen  Aerzten  gekannt;  nicht  so  aber  die 
äusserlichen  Kennzeichen,  welche  den  eigentlichen  wah- 
ren Croup-Husten  von  allen  sonstigen  katarrhalischen  Husten- 
arten schon  beim  Beginne  unterscheiden  lässt.  Diese  bestehen 
hauptsächlich  und  unabänderlich  in  Folgendem:  —  1)  Der  Ton 


55)  In  No.  16  der  „Preussischen  Medizinal-Zeitung"  für  1861  lesen 
wir  (S.  126):  —  »Die  Zahl  der  in  Magdeburg  bis  zum  März  d.  J.  aus- 
geführten Tracheotomien  bei  Croup  beträgt  nach  Dr.  Foek  (deutsche  Kli- 
nik) zusammen  43,  von  denen  18  mit  Genesung,  25  mit  dem  Tode  endeten. 
Es  wurden  dort  also  41,8  pCt.  geheilt,  während  nach  Trousseau's  Bericht 
die  Heilungen  in  Paris  nur  27  pCt.  betrugen."  —  Soll  Dies  etwa  die  Tra- 
cheotomie  empfehlen?  —  Da  muss  man  sich  doch  freuen,  dass  die  Homöo- 
pathie, zeitig  genug  gerufen,  jedesmal  dieses  remedium  aneeps  überflüs- 
sig macht. 

In  der  neuesten  „Preuss.  Mediz.  Zeitung"  von  1862,  No.  1,  Seite  5 
lesen  wir  mit  Entsetzen  „zur  Tracheotomie  von  Dr.  Märten  zu  Hoerde: 
,,Da  der  Croup  in  hiesiger  Gegend  ziemlich  häufig  und  so  gefährlich  auf- 
tritt, dass  seine  Diagnose  fast  gleich  einem  Todesurtheile  gilt,  be- 
schloss  ich  in  geeigneten  Fällen  zur  Tracheotomie  meine  Zuflucht  zu  neh- 
men". —  Das  ist  doch  ein  sehr  offenherziges  Bekenntniss!  In  unseren 
Händen  verhält  sich  die  Sache  doch  ungemein  viel  günstiger. 

In  dem  Sitzungsberichte  der  medizinischen  Sektion  vom  14.  Jan.  1862 
zu  Bonn  (S.  35)  lesen  wir:  —  ,,Der  Vortragende  (Herr  Prof.  Busch)  stellt, 
an  diesen  Fall  (von  Croup)  anknüpfend,  den  Vorschlag  zur  Diskussion,  ob 
nicht  in  jedem  Falle  von  Croup,  in  welchem  Brechmittel  und  die  sonstige 
gewöhnliche  Behandlung  nicht  bald  helfen,  die  Tracheotomie  sofort  zu 
machen  sei,  analog  der  Herniotomie  bei  eingeklemmtem  Bruche?  —  Als 
Resultat  der  Diskussion  ergab  sich,  dass  man  im  Allgemeinen  der  Ansicht 
des  Herrn  Prof.  Busch  beistimmte." 

26 


402  VI-   Buch.    Aphorism  37. 

ist  heiser,  wie  das  Bellen  eines  heiseren  Hundes,  oder  wie 
das,  noch  tonlose  Krähen  eines  jungen  Hahns;  2)  der  Husten 
selbst  ist  stets  trocken  und  ohne  alles  Schleimgeräusch  im 
Halse,  und  3),  was  das  Allerkennzeichnends-te  ist,  ohne 
Nachschlag  und  nur  aus  einem  Tone  bestehend,  also  ohne 
den  zweiten,  nach  dem  Zurücksinken  des  Kehlkopfs  entstehenden 
Nachton.  Sobald  dieser  Nachschlag  wiederkehrt,  und  der 
Husten  feucht  und  locker  wird,  hat  Dieser  wieder  einen  un- 
gefährlichen katarrhalischen  Charakter  erlangt,  und  die  eigent- 
liche Croup-Gefahr  ist  dann  vorüber.  Diese  Merkmale  sind 
so  unverkennbar,  dass  es  der  Dekoration  des  Doktorhuts  (der 
überdem  bei  uns  mit  Recht  von  den  späteren  Staatsprüfun- 
gen nicht  entbindet),56)  keineswegs  bedarf,  um  diese  Bräune 
sammt  ihrem  Husten  von  den  Uebrigen  zu  unterscheiden.57) 


56)  Im  College  of  Physicians  in  Edinburgh  wurde  —  zufolge  der  ö'ffent- 
-  liehen  Blätter,  —  im  Juni   1862  darüber  berathen,  ob  ärztliche  Diplom  e 

an  Frauen,  welche  die  erforderliche  Prüfung  bestanden,  gegeben  werden 
sollten.     Die  Frage   wurde  mit   18  gegen  16   Stimmen  verneint. 

Wenn  auch  die  Verkauf lichkeit  der  medizinischen  Doktor- 
diplome, die  noch  vor  nicht  langer  Zeit  in  den  öffentlichen  Blättern  un- 
erquickliche Kundgebungen  und  Rügen  veranlassten,  für's  Erste  wenigstens 
beseitigt  ist:  so  besteht  doch  immer  noch  die  hergebrachte  Sitte,  dass  der 
Promovendus  und  die  Opponenten  ihre  Rollen  vorher  gehörig  memoriren, 
probiren  und  repetiren,  um  damit  vor  den  Zuhörern  ein  gelehrtes  Schau- 
spiel aufzuführen.  Wir  dürfen  hoffen,  dass  auch  dieses  Ueberbleibsel  aus 
den  Zeiten  der  Scheingelehrsamkeit  nächstens  einer  verständigeren  Ein- 
richtung weichen  wird.  Bis  dahin  aber  darf  es  nur  mit  Dank  anerkannt 
werden,  dass  die  Fürsorge  der  Regierung  den  zum  Lehrer  (Doktor)  Ge- 
stempelten vorerst  noch  als  unreifen  Schüler  betrachtet  und  strengen 
Prüfungen  unterzieht,  ehe  ihm  das  jus  vitae  necisque  übertragen  wird. 

Der  Erklärer  der  Hogarth'schen  P.  XLIII,  (nach  Lichtenberg's  Tode) 
bemerkt  bei  Anführung  des  langen  Titels  der  Selbstbiographie  des  Sir  John 
Taylor  unter  „Drittes":  „dass  Dr.  Taylor  auf  mehreren  Universitäten  um- 
her promovirt  hat,  oder  promovirt  ist,  eine  Maassregel,  die  in  so  fern  nach- 
geahmt zu  werden  verdient,  als  die  medizinische  Doktorwürde,  die  man  auf 
einer  Universität  erworben  hat,  für  den  Doktor,  der  auswärts  praktiziren 
will,  in  uusern  misstrauischen  Zeiten  (1801)  kein  Präservativ  gegen  das 
beschwerliche  Repetitionsexamen  vor  dem  Sanitäts-Collegio  ist." 

57)  Der  Superintendent  J.  TT.   Münch   zu   Clötze  im  Fürstenthum  Liine- 


VI.  Buch.     Aphorism  37.  403 

Was  die  homöopathische  Behandlung  der  wahren 
Angina  membranacea  anbelangt,  so  gehört  sie  ohne  Zweifel 
zu  Denjenigen,  wovon  man  nach  ihren  Erfolgen  mit  Recht  sagen 
kann,  dass  sie  Nichts  zu  wünschen  übrig  lässt,  wenn  in  Gemäss- 
heit  des  ersten  Aphorisms  nicht  nur  „der  Arzt  das  Erforder- 
liche leistet",  sondern  auch  „der  Kranke  und  seine  Angehö- 
rigen das  Ihrige  zur  Erreichung  des  Zweckes  beitragen."  In 
Bezug  auf  den  Arzt  ist  es  aber  erforderlich,  die  Arznei  in  so 
hochpotenzirten  Gaben  zu  reichen,  dass  die  Heilwirkung 
so  schnell  wie  möglich  eintritt,  und  nicht  eher  eine  Folgende 
zu    geben,   als   bis   die  Besserung   einen  Stillstand    macht.     Die 


bürg  war  auch  kein  Arzt,  hatte  weder  promovirt  noch  Medizin  studirt,  und 
doch  hat  man  ihn  nicht  gehindert,  die  lebensgefährlichsten  Krankheiten  zu 
behandeln  und  darüber  mehrere  Werke  zu  schreiben. 

Dr.  Elwerts  Nachrichten  I,  S.  439. 

Nicht  bloss  in  der  gelehrten,  sondern  selbst  in  der  Beamten-Welt  macht 
sich  seit  einigen  Jahren  eine  sogenannte  Wissenschaftlichkeit  geltend, 
die,  näher  bei  Lichte  besehen,  nur  in  einer  oberflächlich  memorirten  Viel- 
wisser ei  besteht,  welche  fast  noch  schneller  wieder  vergessen  wird,  als 
sie  „eingepaukt"  wurde,  und  ausserdem  völlig  werthlos  ist.  Was  hilft  es 
z.  B.  dem  Maler,  wenn  er  die  Erfinder  und  Verbesserer  der  Pinsel  zu 
nennen,  oder  von  Rhyparographen,  Acheiropoieten  und  Tetricen  zu  sprechen 
weiss,  übrigens  aber  kein  Talent  zum  Malen  besitzt?  Was  nutzt  es  dem 
Arzte,  wenn  er  die  Erfinder  und  Verbesserer  aller  der  vielen  Messer, 
Scheeren  und  Zangen,  womit  todte  und  lebendige  Menschen  tranchirt  wer- 
den, namentlich  herzuzählen,  aber  nicht  sie  zu  handhaben  versteht?  Was 
schadet  es  dem  Beamten,  wenn  er  die  Zahl  und  Namen  der  sich  täglich 
vermehrenden  Planetoiden  nicht  fertig  im  Gedächtnisse  hat,  oder  nicht  weiss, 
was  Niemand  weiss,  woraus  die  Kometen  nebst  ihren  Schwänzen  bestehen? 
—  Und  doch  hören  wir  heutiges  Tages  nicht  nur,  dass  in  der  That  diese 
und  ähnliche  Fragen  den  Examinanden  vorgelegt  werden,  sondern  gar,  dass 
Diese  nicht  selten  „durchfallen",  wenn  sie  Jene  nicht  befriedigend  beant- 
worten. Derartiges  kann  doch  der  Wissenschaft  in  keiner  Weise  nützen, 
wohl  aber  nur  gar  zu  leicht  zu  Chikanen  und  ähnlichen  Unwürdigkeiten 
benutzt  werden. 

Dem  Vernehmen  nach  soll  es  bei  den  promotorischen  Schauspielen 
nicht  so  gar  selten  vorkommen,  dass,  in  Ermangelung  eines  Soufleur- Ka- 
stens, die  beiden  Parteien  ihre  Rollen  schriftlich  auf  die  Bühne  mitbringen 
und  Solche  mehr  oder  weniger  verstohlen  ablesen,  um  des  mühsamen  und 
unsicheren  Memorirens  überhoben  zu  sein. 

26* 


404  yi-  Bueh-     Aphorism  37. 

Angehörigen  hingegen  müssen  ihrerseits  dafür  sorgen,  dass 
die  Hülfe  sogleich  bei  der  Hand  sei,  weil  fast  mit  jeder 
Minute  Verzug  die  Gefahr  steigt,  und  die  Krankheit  schwie- 
riger und  weniger  sicher  zur  Heilung  zu  bringen  ist.  Es  ist 
daher  rathsam,  die  Mittel,  die  anfangs  immer  Dieselben, 
und  beim  Aufbewahren  keinem  Verderben  unterworfen  sind, 
stets  vorräthig  zu  haben,  und  zwar  um  so  mehr,  da  das  Uebel 
meistens  Abends  spät  oder  mitten  in  der  Nacht  aufzutreten 
pflegt,  wo  dann  Zögerung  und  Zeitverlust  unvermeidlich  sind. 
Dabei  ist  noch  zu  bemerken ,  dass  die  Arzneien  in  den  ange- 
messensten, Ideinsten  Gaben  niemals  Schaden  bringen  können, 
wenn  etwa  die  Anfänge  des  wahren  Croup's  nicht  vorhanden 
gewesen  wären. 

Diese  Arzneien,  welche  bereits  Hahnemann  lehrte,  sind 
jedem  wahren  Homöopathen  bekannt,  und  wir  vermeiden  es  nur, 
sie  hier  namhaft  zu  machen,  weil  wir  nicht  wenige  Erfah- 
rungen darüber  gemacht  haben,  dass  sie  unrichtig  oder  in 
tiefereren  Verdünnungen  angewendet,  wie  sie  jetzt  bei  Vie- 
len an  der  Tagesordnung  sind,  nicht  die  sichere  Heilung 
bringen,  wie  die  Hochpotenzen,  und  weil  wir  nicht  dazu  bei- 
tragen wollen,  in  einem  so  gefährlichen  Zeitpunkte  das  Leben 
der  Kinder  auf's  Spiel  zu  setzen.  Nur  so  viel  wollen  wir  noch 
hinzufügen,  dass  bei  rechtzeitiger  und  richtiger  Anwendung 
jener  bekannten  Mittel,  alle  die  andern  sonst  noch  Gepriesenen: 
Ant.  tart.,  Ap.  mel,  Brom.,  Bry.,  Cham.,  Cupr.,  Dros.,  Jod., 
Ipec,  Lach.,  Phosph.,  Samb.  und  Seneg.,  dem  Beginne  der 
Krankheit  durchaus  nicht  entsprechen,  nur  in  vernachlässig- 
ten Fällen  zuweilen  angezeigt  sein  können,  und  dann  nur  vom 
herbeigerufenen  Arzte  nach  Maassgabe  der  Zeichen  angewendet 
werden  dürfen. 


VI.   Buch.     Aphorism  38.  405 

38.  Es  ist  besser,  Diejenigen,  welche  mit  einem  verborge- 
nen Krebse  behaftet  sind,  gar  nicht  zu  behandeln. 
Die  Behandelten  sterben  früher,  als  die  Nicht-Behan- 
delten,  welche  länger  am  Leben  bleiben. 


Wenn  man,  wie  wir  glauben,  annehmen  darf,  dass  Hippo- 
krates  unter  einem  verborgenen  Krebse  einen  noch  nicht 
aufgebrochenen  Scirrhus,  z.  B.  in  der  weiblichen  Brust, 
und  unter  der  Behandlung  die  Operation  (Schneiden  oder 
Brennen)  verstanden  hat:  so  müssen  die  hipp okrati sehen 
Aerzte  zugeben,  dass  gegen  diesen  hippokratischen,  durch 
zahlreiche  traurige  Erfahrungen  bestätigten  Lehrsatz  überall 
die  gröbsten  Verstösse  gemacht  werden.  Es  giebt  wenige  Be- 
schwerden, wobei  wir  in  Bezug  auf  ihre  „rationelle"  Behandlung 
so  vielen  und  entschiedenen  Widersprüchen  begegnen,  als 
eben  bei  Dieser,  und  wenn  Rust  versichert,  von  der  Operation 
des  Brust-Scirrhus  in  keinem  einzigen  Falle  radikale 
Hülfe  gesehen  zu  haben,  so  behauptet  Chelius,  dass  die  Exstir- 
pation  Desselben  das  einzige  Mittel  sei.58)  Bei  solchen  ent- 
gegengesetzten Behauptungen  zweier  Männer,  die  mit  Recht  zu 
den  ersten  Autoritäten  gezählt  werden,  würde  es  überflüssig 
sein,  noch  weitere  Zeugnisse  für  oder  wider  diesen  Lehrsatz  des 
Altvaters  der  Medizin  anzuführen,  und  zwar  um  so  mehr,  da 
Jeder  in  seiner  Umgebung  Beispiele  über  den  Erfolg  in  Menge 
erlebt  haben  muss.  Die  vorherrschende  Meinung  ist  von  jeher 
die  Bust'sche  gewesen,  weshalb  man  auch  diesem  Uebel  den 
sehr  bezeichnenden  Namen:    Noli  me  längere!   beigelegt   hat. 


58)  Dieser  Gewalt-Eingriff  in  den  Menschenleib  wird  fortan  vor  der 
Kritik  der  Vernunft  zu  einem  Verbrechen.  Denn,  mit  Ausnahme  einseiti- 
ger Chirurgen,  müssen  alle  erfahrene  Aerzte  über  die  absolute  Verderblich- 
keit und  Tö'dtlichkeit  dieser  Operation  übereinstimmen,  da  ausser  ihr  Nichts 
sicherer  und  leidensvoller  der  allgemeinen  Krebszerstörung  verfallen  macht. 

Dr.  Wolf,  hom.  Erfahr.  V.  324. 


406  VI-  B"ch»     Aphorism  38. 

Und  doch  sehen  wir  heutiges  Tages  die  bei  Weitem  grössere 
Mehrzahl,  besonders  der  jüngeren  Aerzte,  sich  entschieden 
auf  die  Seite  des  Chelius  stellen,  und  frischweg  Messer 
und  Glüheisen  kunstgerecht  handhaben,  anscheinend  gänzlich 
unbekümmert  um  die  unausbleiblichen,  beklagenswerthen  Folgen.59) 
Es  bedarf  wohl  keiner  Erwähnung,  dass  die  Homöopathie 
dem  vorstehenden  Aphorism  in  allen  Theilen  unbedingt  beitritt; 
aber  es  muss  dabei  zu  gleicher  Zeit  zugestanden  werden,  dass 
die  wirkliche  Heilung  des  Brustkrebses,  besonders  des 
schon  Aufgebrochenen,  zu  den  schwierigsten  Aufgaben  ge- 
hört und  nicht  immer  gelingt.  Wenn  sie  auch  in  bei  Weitem 
den  meisten  Fällen  im  Stande  ist,  die  scirrhösen  Verhär- 
tungen durch  die,  nach  den  vorhandenen  Zeichen  richtig  aus- 
gewählten Mittel,  wozu  vorzüglich:  Ap.  mel.,  Beil.,  Bry.,  Carb. 
an.,  Cham.,  Gem.,  Con.,  Graph.,  Puls.,  Bhus,  Sabin.,  Sil.  oder 
Sulph.  gehören,  so  wie  auch  in  einigen  Andern  den  bereits  offe- 
nen Krebs  durch:  Ap.  mel.,  Ars.,  Beil.,  Gem.,  Con.,  Creos.,  Hep., 
Lach.,  Phosph.,  Ph.  ac,  Bhus,  Sil.,  Sulph.  oder  Thuj.  zur  Hei- 
lung zu  bringen:  so  erfordert  die  Behandlung  doch  die  grösste 
Sorgfalt  und  Umsicht  des  Arztes  und   die  strengste  Folgsamkeit 


59)  Celsus  sagt  (V,  28  bei  Carcinoma):  „Quid am  usi  sunt  medica- 
mentis  adurentibus;  quidam  ferro  adusserunt;  quidam  scalpello  exciderunt. 
Neque  ulla  unquam  medicina  profecit;  sed  adusta,  protinus  concitata  sunt, 
et  increverunt ,  donec  occiderunt;  excisa,  etiam  post  inductam  cicatricem, 
tarnen  reverterunt  et  causam  mortis  attulerunt". 

Le  domaine  des  connaissances  anatomiques  et  physiologiques  a  pu 
s'agrandir;  le  scalpel  a  la  main,  on  a  su  determiner  les  desordres  orga- 
niques  appreciables  des  mäladies,  l'art  du  diagnostic  acquiert  de  jour  en  jour 
une  plus  grande  certitude;  toutes  les  sciences,  l'histoire  naturelle,  la  phy- 
sique,  la  mecanique  et  memo  les  mathematiques ,  ont  apporte  leur  contin- 
gent  a  la  medecine.  Le  medecin  sait  presque  tout,  en  fait  de  science  hu- 
maine,  il  n'y  a  que  dans  son  art,  dans  l'art  de  guerir,  que  ses  vastes  con- 
naissances  lui  fönt  defaut;  en  sorte  qu'on  peut  repeter  de  nos  jours  ces 
paroles  de  l'illustre  van  Helmont:  la  medecine  n'avance  pas,  eile 
tourne  sur  son  axe. 

L.  de  Parseval,  Allop.  et  Hom.  pr.   111. 


VI.  Buch.     Aphorism  38.  407 

des  Patienten.  Auch  darf  man  ja  nicht  glauben,  dass  mit  den 
eben  angeführten  Arzneien  die  ganze  Reihe  der  für  solche 
Fälle  anwendbaren  Mittel  abgeschlossen  wäre,  indem  hier,  wie 
überall,  der  Genius  des  Heilmittels  in  allen  Beziehungen 
dem  Genius  der  Gesammtkrankheit,  wie  er  sich  durch 
seine  charakteristischen  Symptome  zu  erkennen  giebt,  genau  ent- 
sprechen muss.  So  haben  wir  z.  B.  selbst  in  dem  Zeiträume 
vom  28.  Dezember  1855  bis  zum  7.  Februar  1856,  also  in 
sechs  Wochen,  hier  bei  einer  36  Jahre  alten  Frau  (der  Schwä- 
gerin eines  vielbeschäftigten  allopathischen  Arztes  und  der 
Schwester  einer  am  Brustkrebs  allopathisch  behandelten  und 
daran  eines  jammervollen  Todes  Verstorbenen,  wo  anfänglich  die 
Zeichen  genau  dieselben  waren),  mit  drei  Gaben  Sep.  20Ö  und 
einer  Zwischengabe  Puls.  200  (wegen  Erbrechens)  einen  bereits 
weit  gediehenen  Brustscirrhus  so  vollständig  und  dauerhaft 
geheilt,  dass  sie  sich  bis  zum  heutigen  Tage  der  besten  Gesund- 
heit erfreut;  während  von  den  obigen  Mitteln  Keins  angezeigt  war. 
Darin  eben  liegt  in  bei  Weitem  den  meisten  unglücklich 
abgelaufenen  homöopathischen  Kuren  der  Grund  des  Misslin- 
gens,  dass  namentlich  die  angehenden  Homöopathen  sich 
allzu  sklavisch  an  die  bekannt  gewordenen  Heilerfolge 
gewisser  Mittel  gegen  gewisse  Krankheitsformen  gebunden  halten, 
anstatt  den  deutlichen  Vorschriften  der  Homöopathie  gemäss  sich 
lediglich  an  die  Ergebnisse  der  Arzneiprüfungen  am  Gesun- 
den zu  halten. 60)   Selbst  von  geübteren  und  erfahrenen  Homöo- 


60)  Der  Zwiespalt  unter  den  Aerzten ,  welcher  in  der  zweiten  Hälfte 
des  17.  Jahrhunderts  über  die  Fieberrinde  ausgebrochen  war  und  mit  der 
grössten  Erbitterung  geführt  wurde,  wäre  unmöglich  gewesen,  wenn  man 
gleich  bei  Entdeckung  und  Einführung  dieses  Mittels  ihre  eigentümlichen 
Kräfte  gehörig  geprüft  und  demzufolge  die  Kriterien  kennen  gelernt  hätte, 
wo  es  passend  und  hülfreich  sein  muss,  und  wo  nicht.  So  lange  man  ge- 
nerelle Namen  für  verschiedenartige  Erkrankungen  gelten  lässt,  sind  solche 
Verirrungen  durchaus  unvermeidlich,  und  es  ist  nur  zu  bedauern,  dass  Ihnen 
so  zahlreiche  Opfer  fallen  müssen.     Beispiele   davon   liefern   auch   heutiges 


408  VI-  Buch.     Aphorism  38. 

pathen  haben  wir  oft  schriftliche  und  mündliche  Fragen  entge- 
gen nehmen  müssen:  welche  Mittel  bei  dieser  oder  jener 
nominellen  Krankheit  anzuwenden  wären?  Solche  Fragen 
sind  in  der  That  kaum  und  nur  unter  vielen  Vorbehalten  und 
Bedingungen  zu  beantworten,  und  verrathen  dabei  jedesmal, 
dass  der  Fragesteller,  wie  man  zu  sagen  pflegt,  Glocken  hat 
läuten  hören,  ohne  zu  wissen  wo?61)  Wer  als  wirklicher,  reiner 
Homöopath  überall  seine  volle  Schuldigkeit  thun  will,  der  muss 
sich  zu  allererst  bemühen,  sich  von  solchen,  die  Wissenschaft 
beschränkenden  Ansichten  los  zu  machen,  und  stets  fest  im 
Auge  zu  behalten,  dass  niemals  die  äussere  Form  der  Krank- 
heit für  sich  allein,  und  noch  viel  weniger  deren  Namen62)  das 
Heilmittel  anzeigen,  sondern  dass  nur  Dasjenige  das  homöopa- 
thisch Passende  sein  kann,  Was  den  wesentlichsten  Zeichen 
entspricht  und  keine  Gegenanzeigen  unter  seinen  Symptomen 
darbietet.63)  Wenn  Dies  nach  allen  Richtungen  hin  vollständig 
zutrifft,  dann  ist  es  völlig  gleichgültig,  ob  das  Mittel  schon 
früher  in  ähnlichen  Fällen  seine  Heilkraft  erwiesen  hat, 
oder  nicht.  Es  muss  helfen,  wenn  überhaupt  noch  Hülfe  mög- 
lich ist,  und  Solche  nicht  allzu  spät  verlangt  wird;  denn  das 
Gesetz,    worauf  die  Wahl  Desselben  beruht,    steht   fest   und 


Tages  in  grosser  Menge  die  Namen:  Nervenfieber,  Cholera,  Ruhr  und  viele 
Andere,  über  welche  die  Literatur  gewöhnlich  am  Allerreichhaltigsten  ver- 
treten ist. 

61)  Viele  jetzt  (als  Muster?)  in  den  homöopathischen  Zeitschriften 
mitgetheilte  Heilungen  erinnern  unwillkührlich  an  Diejenigen,  welche  in  den 
von  Stapf  herausgegebenen  kleinen  Schriften  Hahnemanns  aus  der  ersten 
Kindheit  der  Homöopathie 'vorkommen,  aber  keineswegs  zur  Nachahmung 
empfohlen  sind. 

62)  Man  wird  heute  noch  eben  so  beim  Lesen  hypergelehrter  medizi- 
nischer Schriften  veranlasst,  wie  vor  200  Jahren  Friederich  Hoffmann 
(Mat.  rat.  syct.  I,  16)  beim  Lesen  der  Galenischen  Werke  auszurufen: 
„Nominaiis  medicina,  pure  scholastica  et  phantasiae  tantum  filia !" 

63)  Distinguer  beaucoup,  c'cst  savoir  beaucoup. 

Buflfon. 


VI.  Buch.     Aphorisin  39.  409 

unwandelbar,  wie  die  Natur  selbst,  und  es  wird  niemals, 
auch  nur  durch  eine  einzige  Thatsache,  ein  gültiger  Beweis  ge- 
führt werden  können,  dass  dieses  Naturgesetz  irgend  eine 
Ausnahme  zulässt.  64) 


39.  Sowohl  durch  Ueberfüllung ,  als  durch  Ausleerung 
werden  Konvulsionen  veranlasst-,  eben  so  auch  das 
Schluchzen. 

Man  hat  diesen  Aphorism  mit  dem  Aphorism  II,  22  in  Ver- 
bindung gebracht,  um  darin  einen  neuen  Beleg  für  das:  Con- 
traria Contrariis!  zu  finden.  Wir  müssen  gestehen,  dass 
uns  dieser  Beweis  doch  gar  zu  weit  hergeholt  und,  wie  man 
sagt,  bei  den  Haaren  herbeigezogen  ist,  und  dass  wir,  genau  be- 
trachtet, eigentlich  gar  keine  unmittelbare  Verbindung  zwischen 
diesen  beiden  Lehrsätzen  zu  erkennen  vermögen.  Wenn  in  dem 
früheren  Aphorism  (II,  22)  gesagt  ist,  was  sich  eigentlich  von 
Selbst  versteht,  dass  eben  so,  wie  nach  Frass  und  Völlerei, 
oder  bei  Ueberfüllung  der  Säfte  eine  Ausleerung  des  Ueber- 
flüssigen,  oder  nach  Aushungern,  oder  bei  Säftemangel  ein 
Ersatz  des  Fehlenden  nöthig  ist:  so  wird  in  dem  Gegenwärti- 
gen nur  gelehrt,  dass  Konvulsionen  und  Schluchzen  so- 
wohl von  dem  Einen,  als  von  dem  Andern  veranlasst  werden 
können,  ohne  dabei  der  Heilung  zu  erwähnen.  Hippokrates 
giebt  uns  hier  nur  eine  einfache,  aber  wahre  und  naturgetreue 
Beobachtung,  nach  Welcher  ganz  entgegengesetzte  Ursachen 
dieselben,  oder  doch  mindestens  sehr  ähnliche  Krankheits- 
Erscheinungen  erregen  können,  was  wir  gern  annehmen  und 


64)  Non  est  fingendixm  nee  exeogitandum ,  sed  inveniendum,  quid  na- 
tura faeiat,  vel  ferat.  Bacon. 

Superest  ergo,  ut  medicinarn  colamus,  non  figmentis  impositam,  sed  usu 
prolatatam,  neque  nos  incauto  seetae  studio  tantillum  dimoveri  a  veritate, 
medicamve  dignitatem  vulgi  arbitriis  subjici  patiarnur. 

Pitcairne. 


410  VI.  Buch.     Aphorism  39. 

täglich  bestätigt  finden.  Dagegen  sagt  er  wenigstens  hier  kein 
Wort  davon,  dass  die  Heilung  durch  das  Entgegengesetzte, 
also  die  Krämpfe  und  das  Schluchzen  von  Völlerei  durch 
Hunger,  oder  die  von  Verhungern  Entstandenen  durch  Ue - 
berfüllung  mit  Speisen  und  Getränken  geschehen  müsse,  — 
eine  Behauptung,  der  auch  wohl  schwerlich  Jemand  beipflichten 
würde.  Wenn  man  aber  die  Sache  so  nehmen  will,  dass  z.  B. 
das  Schluchzen  von  Unmässigkeit  entstanden  am  sicher- 
sten durch  ein  Brechmittel  zu  beseitigen  wäre,  so  würde  man 
sich  in  seiner  Erwartung  sehr  getäuscht  finden,  wenn  man  dazu 
die  Ipecacuanha  anwenden  wollte,  welche  dem  Schluchzen  nicht 
entspricht,  und  daher  diese  Beschwerde  unberührt  lässt,  wogegen 
durch  Anwendung  des  Cycl.,  der  N.  vom.,  der  Ignat.,  der  Puls., 
oder  einer  andern  nach  den  Symptomen  passend  gewählten  Arz- 
nei, auch  ohne  Erbrechen,  das  Eine  mit  dem  Andern  bald 
zu  beseitigen  wäre.  Diese  bisher,  so  viel  bekannt,  noch  von 
keiner  Thatsache  widersprochene  Erfahrung  über  die  Kräfte  der 
Ipec.  erscheint  doppelt  merkwürdig,  einmal,  weil  sie  vielen  Kräm- 
pfen tonischer  und  klonischer  Art,  sowohl  in  innern,  als 
in  äusseren  Theilen,  entspricht,  und  andermal,  weil  das  Schluch- 
zen mit  Becht  zu  den  Krämpfen  gerechnet  wird.  Man  sieht 
also  aus  diesem  Beispiele,  wie  wenig  man  sich  auf  ein  einzi- 
ges Symptom,  und  wie  noch  weniger  auf  ein  generalisiren- 
des  Vermuthen  verlassen  kann,  selbst  da,  wo  aphoristische 
Wahrscheinlichkeiten  dafür   zu  sprechen  scheinen.65) 

In  ähnlicher  Weise  würde  dem  Verhungerten,  oder  durch 
Säfteverlust  Erschöpften  eine  plötzliche  reichliche  Mahl- 
zeit nicht  sonderlich  gut  bekommen.     Da  muss  im  Gegentheile 


65)  Jeder  Arzt,  der  nach  so  allgemeinem  Charakteren  kurirt,  er  affek- 
tire  auch  noch  so  anmaassend  den  Namen  eines  Homöopathen,  ist  und  bleibt 
in  der  That  ein  generalisirender  Allopath,  da  ohne  die  speziellste  Indivi- 
dualisirung  keine  Homöopathie  denkbar  ist. 

Hahnemann,   Organ.   Einl.   S.   6. 


VI.  Buch.     Aphorism  40.  411 

mit  geringen  Quantitäten  von  schwacher  Fleischbrühe  und 
etwas  Wein  angefangen,  und  erst  allmählich  öfterer,  aber  jedes- 
mal nur  wenig  nahrhaftere  und  konsistentere  Speise  gereicht 
werden.  Wer  in  solchen  Fällen  das  Contraria  Contrariis 
in  seiner  ganzen  Ausdehnung  in  Anwendung  bringen  wollte,  der 
würde  ganz  sicher  das  Ziel  verfehlen,  wie  es  dabei  fast  immer 
verfehlt  wird.66)  —  Uebrigens  verweisen  wir  hier  noch  auf  die 
Glosse  zu  dem  Aph.  II,  22,  worin  das  Weitere  hierher  Gehörige 
bereits  gesagt  ist. 


40.  Wenn  Jemand  in  dem  Hypochondrium  Schmerzen 
empfindet,  ohne  gleichzeitige  Entzündung,  so  werden 
Jene  durch  ein  hinzugetretenes  Fieber  gehoben. 


Obwohl  Celsus  (II,  8)  den  Sinn  dieses  Lehrsatzes  getreu 
wiederholt,  und  dabei  gar  Veranlassung  nimmt,  mit  Verwunde- 
rung zugestehen  zu  müssen,  dass  auch  das  Fieber  heilsam  und 
hülfreich  sein  könne:  so  wird  man  doch  eine  solche  Beseiti- 
gung von  Schmerzen  durch  eine  andere  Krankheit  von  ver- 
schiedener Art  schwerlich  für  eine  wahre  Heilung  gelten  lassen 
dürfen.  Wir  haben  schon  einige  Male  in  diesen  Glossen  Gele- 
genheit gehabt,  zu  bemerken,  dass  der  Mensch  niemals  gleich- 
zeitig an  zweien,  unter  sich  verschiedenen  Affektionen 
krank  sein  könne,  sondern  dass  alsdann  gewöhnlich  die  Schwä- 
chere zeitweise  suspendirt  wird,  bis  die  Stärkere  ihr  Ende 
erreicht  hat,  um  dann  wieder  ihre  frühere  Stelle  einzunehmen. 
Diesem  Erfahrungssatze  gemäss  würde  die  im  Aphorism  ausge- 
sprochene  Beseitigung    der   Schmerzen    keineswegs   eine   wahre 


66)  Ich  wiederhole  hier  noch  einmal  die  Regel,  dass,  je  schwächer  ein 
Kranker  ist,  desto  kleiner  müssen  die  Portionen  der  Nahrungsmittel  sein, 
die  man  ihm  auf  einmal  reicht,  desto  öfterer  aber  müssen  sie  wiederholt 
werden.  Dr.  L.  Vogel  diät.  Lexikon. 


412  VI.  Buch.      Aphorism  41,  42. 

Heilung,  sondern  nur  eine  temporäre  Verdrängung,  und 
die  Wiederkehr  mit  Zuverlässigkeit  zu  erwarten  sein.  Man  kann 
also  in  keiner  Beziehung  diesem  Lehrsatze  eine  besondere  Wich- 
tigkeit beilegen. 


4 1 .     Wenn    ein  Eitergeschwür  im   Körper    sich    äusserlich 

nicht  zu  erkennen  giebt,  so  liegt  die  Ursache  in  der 

Dicke  des  Eiters,  oder  in  der  Tiefe  der  Stelle,  wo  es 
seinen  Sitz  hat. 


Die  Unverständlichkeit,  welche  einige  Kommenlatoren  in 
diesem  Aphorism  haben  finden  wollen,  scheint  uns  leicht  dadurch 
aufgelöst,  dass  wir  die  „Dicke  der  Stelle"  mit  der  deutliche- 
ren, aber  hier  übrigens  gleichbedeutenden  „Tiefe  der  Stelle" 
wiedergeben.  Sonst  giebt  dieser  reine  Erfahrungssatz  zu  keiner 
besondern  Glosse  Anlass. 


42.    Es  ist   böse,   wenn  bei  Gelbsüchtigen    die  Leber  hart 
wird. 

Bekanntlich  ist  die  Verhärtung  der  Leber,  die  sehr 
häufig  mit  Gelbsucht  verbunden  ist,  besonders  die  Scirrhöse, 
eine  gefährliche  und  schwer  zur  Heilung  zu  bringende  Krankheil. 
Hier  tritt  nämlich(  wieder  der  Umstand  ein,  dass  nicht  etwa  der 
Mangel  an  Heilmitteln,  sondern  vielmehr  der  Ueberfluss 
daran,  welcher  die  Wahl  erschwert,  die  meisten  Schwierigkeiten 
darbietet.  Ohne  irgend  die  Zahl  derselben  als  abgeschlossen 
betrachten  zu  dürfen,  haben  sich  dabei  schon  die  Folgenden 
thatsächlich  bewährt:  Arn.,  Ars.,  Aur.,  Beil.,  Brom.,  ßry.,  Calc, 
Cann.,  Carb.  an.,  Garb.  veg.,  Chin.,  Gon.,  Ferr.,  Graph.,  Jod., 
Kali,  Laur.,  Lyc,  Magn.,'Magn.  mur.,  Mezer.,  Merc,  N.  vom., 
Sep.,  Sil.,  Sulph.  und  Tar.,  denen  nach  der  Wahrscheinlichkeit 
noch  hinzugezählt  werden  müssen:   Amin.,  Cham.,  Clem.,  Fluor. 


VI.  Bucli.    Äphorism  42.  413 

ac,  Phosph.,  Plumb.,  Puls,  und  Vit.,  obwohl  darüber,  so  viel  uns 
bekannt,  noch  keine  Erfahrungen  vorliegen.  Es  ist  leicht  be- 
greiflich, dass  hei  dieser  grossen  Anzahl  der  verschiedenartigsten 
Arzneien  die  Krankheit,  deren  hervorragendes  Symptom  die  Le- 
berverhärtung mit  der  Gelbsucht  ist,  eben  so  in  ihren 
anamnestischen  und  begleitenden  Zeichen,  als  in  dein 
Verhalten  dieser  Letzteren  nach  Zeit,  Lage  und  Umständen, 
in  gleichem  Maasse  die  grössten  Verschiedenheiten  darbietet,  von 
deren  genauer  Uebereinstimmung  mit  dem  Charakter  der  gewähl- 
ten Arznei  einzig  und  allein  die  heilkräftige  Wirkung  derselben 
abhängig  ist.  6r)  Daher  ist  hier  die  Entwerfung  eines  individu- 
ellen Krankheitsbildes  eine  Aufgabe,  deren  genügende  Lösung 
einen  beträchtlichen  Aufwand  von  Zeit  und  Kenntnissen  ver- 
langt, und  welche  nur  Dem  gelingt,  der  mit  den  Eigenthümlich- 
keiten  sämmtlicher  dabei  in  Konkurrenz  tretenden  Heilmittel 
im  Voraus  genau  bekannt  und  dadurch  befähigt  ist,  seine  Nach- 
forschungen und  Fragen  zweckmässig  einzurichten.  Darin  eben 
liegt  der  leicht  begreifliche  Grund ,  dass  es ,  wie  auch  früher 
schon  bemerkt  wurde,  viel  leichter  ist,  nach  einem  genügen- 


67)  Das  Zutrauen  der  Patienten  zu  ihren  allopathischen  Aerzten  würde 
einen  ungemeinen  Stoss  erleiden,  wenn  sie  die  encyclopädischen  Werke 
kennten  und  läsen,  worin  die  verschiedenen  Behandlungsweisen  gleichnamiger 
Krankheiten  auch  nur  summarisch  aufgezählt  sind.  Wer  sich  darüber  eini- 
germaassen  unterrichten  will,  dem  kann  man  das,  in  3  Theilen  (l8i>y — 1840 
in  Berlin  bei  Dunker  erschienene)  „Medizinisch-chirurgiach-therapeutische 
Wörterbuch  des  Prof.  Dr.  Barez"  empfehlen,  worin  er  die  vollständigste 
Befriedigung  seiner  Wissbegierde  finden  wird.  „Je  mehr  Mittel  gegen  eine 
Krankheit"  —  sagt  Schönlein  —  „desto  unsicherer  die  Behandlung,  und 
auch  die  Erfahrung  hat  diesen  Grundsatz  bestätigt,  denn  mit  den  Mitteln  hat 
sich  die  Mortalität  beim  Typhus  vermehrt,"  —  Im  grellsten  Widerspruche 
hiermit  stehen  die  homöopathischen  Werke  ähnlichen  Inhalts,  worin  zwar 
ebenfalls  für  denselben  Krankheits-Namen  verschiedene  Mittel  angegeben 
sind,  Jedes  derselben  aber  mit  den  Bedingungen  und  Anzeigen  für  seine 
Anwendbarkeit  so  scharf  bezeichnet  ist,  dass  für  jeden  individuellen  und 
gehörig  charakterisirten  Fall  sämmtliche  erfahrene  Homöopathen  eine  und 
dieselbe  Arznei  verordnen  werden  und  müssen. 


414  VI.  Buch.     Aphorism  42. 

den  Krankheitsbilde  das  passendste  Mittel  auszuwählen,  als 
ein  solches  Bild  in  seinen  charakteristischen  Zügen  und 
von  allem  Unerheblichen  entkleidet,  klar  und  bestimmt  auf- 
zustellen.68) 


68)  Als  erläuterndes  Beispiel  für  die  Mittelwahl  möge,  unter  Zu- 
grundelegung eines  von  uns  schon  früher  besprochenen,  alten  theologischen 
versus  memorialis ,  die  Behandlung  eines  oft  vorkommenden  Zahnwehs  die- 
nen, wie  Solche  von  einem  homöopathischen  Arzte  geschieht:  —  (Quis?) 
Anna,  ein  junges  Mädchen  von  einigen  20  Jahren  (Quid?)  klagt  über  hef- 
tiges Zahnweh  (Ubi?)  in  einem  hohlen  obern  Backenzahne  linker  Seite, 
woran  sie  schon  ein  Paar  Monate  leidet.  In  dieser  Allgemeinheit  ist  auch 
nicht  im  Entferntesten  das  heilende  Mittel  zu  errathen,  indem  mehr  als  die 
Hälfte  aller  geprüften  Arzneien  darauf  passen  kann.  Bei  weiterem  Nach- 
forschen (Quibus  auxiliis?)  über  die  Nebenzeichen  an  der  leidenden  Person 
bemerken  wir:  ein  ängstliches,  blödes  und  weinerliches  Gemüth;  leichtes 
Magenverderben,  besonders  mit  Fettem;  Neigung  zu  Schleimdurchfällen; 
ängstliches  Herzklopfen  Abends  im  Hause;  spätes  Einschlafen ;  abendliches 
Frösteln,  besonders  im  Rücken,  bei  Kopfhitze  und  Kälte  der  Extremitäten. 
So  wichtig  und  gewissermaassen  unentbehrlich  auch  diese  Zeichen  sind:  so 
fehlen  doch  noch  die  Hauptsächlichsten ,  welche  in  dem  erwähnten  Verse 
durch  die  Worte:  Cur?  Quomodo?  Quando?  angedeutet  sind.  Das  Cur? 
nämlich  betrifft  die  oft  sehr  wichtige  veranlassende  Ursache  oder  Anamnese, 
welche  sich  in  diesem  Falle  als  eine  Erkältung  mit  nassen  Füssen  ergab, 
wonach  sogleich  die  eben  vorhandene  Periode  unterdrückt  wurde  und  seit- 
dem nicht  wieder  erschien.  Das  Quomodo?  aber  gilt  der  Beschaffenheit 
des  Schmerzes,  der  sich  hier  als  ein  zuckend-reissender,  zuweilen  klopfen- 
der und  stechender  Schmerz  in  dem  erwähnten  hohlen  Zahne  fühlen  lässt, 
welcher  sich  dabei  die  Backe  herauf  bis  in  das  Auge,  die  Schläfe  und  das 
Ohr  derselben  Seite  erstreckt.  Alles  Vorhergehende  übertrifft  nun  aber  an 
Wichtigkeit  das  schliessliche  Quando?,  welches  die  Verschlimmerungen  und 
Besserungen  nach  Zeit,  Lage  und  Umständen  enthalten  muss,  um  eine 
sichere,  zweifellose  Mittelwahl  zu  treffen.  Wenn  nun  nämlich,  wie  in  die- 
sem Falle,  die  Abendzeit  bis  Mitternacht  die  Leidenvollste  ist,  wenn  die 
Schmerzen  im  ruhigen  Sitzen  in  der  warmen  Stube,  beim  Warmwerden  im 
Bette  und  namentlich  auch  beim  Liegen  auf  der  schmei-zlosen  (nicht  der 
schmerzhaften)  Seite,  und  beim  Genüsse  von  jedem  Heissen  oder  sehr  War- 
mem sich  verschlimmern,  dagegen  früh  Morgens  und  Vormittags,  beim  Gehen 
in  der  freien,  kühlen  Luft  und  von  kaltem  Wasser  im  Munde  gehalten  be- 
deutend sich  vermindern  oder  ganz  aufhören:  so  weiss  jeder  Homöopath, 
dass  hier  die  Pulsatilla,  und  kein  Anderes,  das  richtige  Heilmittel  ist,  wel- 
ches in  der  kleinsten  Gabe  nicht  nur  mit  Gewissheit  das  ganze  Leiden 
sainmt  den  Nebenbeschwerden  bald  gänzlich  beseitigt,  sondern  auch,  bei 
gehöriger  Diät  während  einiger    nächstfolgenden    Tage,     dauerhafte   Heilung 


VI.  Buch.     Aphorism  42.  '  415 

Wir  können  in  dieser  Glosse  die  leider!  allzu  nahe  Veran- 
lassung nicht  übergehen,  um  mit  einem  Worte  eines  Hindernisses  zu 
gedenken,  welches  dem  Homöopathen  heutiges  Tages  die  Be- 
handlung und  Heilung  aller  solcher  Geschwulst-  und  Ver- 
här tu ngs -Krankheiten  so  ungemein  erschwert  und  oft  unmög- 
lich macht.  Es  ist  Dies  der  Missbrauch,  welcher  in  der 
neueren  Zeit  bei  allen  Leiden  dieser  Art,  sie  mögen  seit),  welche 
sie  wollen,  und  gleichviel,  ob  Haut,  Muskeln,  Drüsen  oder 
Knochen  davon  ergriffen  sind,  mit  dem  Jod  und  dessen  Prä- 
paraten getrieben  wird.69)  Diese  ungemein  kräftige  und  tief 
eingreifende  Arznei  ist  seit  einigen  Jahren  dermaassen  in  Gebrauch 
gekommen  und  gleichsam  zur  Mode  geworden,  dass  man  getrost 
eine  Wette  darauf  eingehen  kann,  dass  von  zwanzig  an  solchen 
üebeln  Behandelten  mindestens  Neunzehn  reichlich  damit  be- 
dacht gewesen  sind.  Das  Schlimmste  dabei  besteht  aber  haupt- 
sächlich darin,  dass  die  Wirkung  des  Jod  so  ungemein  inten- 
siv und  hartnäckig  ist,  und  dass  es  daher  so  äusserst  schwer 
fällt,  Antidote  zu  finden,  welche  den  angerichteten  Schaden 
wieder    gut    zu    machen    vermögen.70)     Wir  haben   in   solchen 


bringt.  —  Dies  ist  der  Weg,  der,  unter  dein  Beistande  und  der  Leitung 
einer  genügenden  Vertrautheit  mit  der  homöopathischen  Therapie,  bei  jeder 
Art  von  körperlichen  oder  geistigen  Beschwerden  mit  Zuverlässigkeit  zur 
richtigen  Arznei- Wahl  führt,  ohne  den  Arzt  in  das  finstere  Gebiet  der 
Vermuthungen  und  Hypothesen  zu  verlocken,  wo  die  spärlichen  Lichtpunkte 
sich  am  Ende  nur  als  trügerische  Irrlichter  ausweisen.  Ein  solches  Ver- 
fahren, wie  das  Unsrige,  kann  und  soll  durchaus  auf  keine  tiefsinnige  und 
staunenswerthe  Wisssenschaftlichkeit  Anspruch  machen;  aber  man 
wird  leicht  einsehen ,  dass  ein  reiches ,  nur  durch  zahlreiche  Erfahrung  en 
zu  erwerbendes  Wissen  dazu  erforderlich  ist,  um  unter  mehr  als  hundert 
Mitteln  für  den  Einzelfall  von  Zahnweh  das  einzig  Hülfreichste  aufzufinden, 
und  dass  eben  deshalb  die  Allopathie  so  selten  heilt. 

69)  Der  (noch  immer  fortdauernde)  Unfug  mit  der  Jodine  veranlasste 
den  geistreichen  Dr.  Mises  zu  der  satyrischen  Schrift:  „Beweis,  dass  der 
Mond  aus  Jodine  besteht." 

70)  Dass  bei  Drüsen-Anschwellungen  und  Wucherungen  das  Jod  nur 
antipathisch,    mithin    keineswegs    (homöopathisch)    heilend    wirkt,    bemerkt 


4i(3  VI.   Buch.    Aphorism  45. 

Fällen,  neben  Hep.  und  Ars.,  den  meisten  Erfolg  gesehen  von 
den  höchsten  Potenzen  desselben  Mittels,  in  wieder- 
holten, aber  kleinsten  Gaben,  in  Wasser  aufgelöst,  darge- 
reicht, wobei  dann  uothwendig  ist,  bei  jedem  Einnehmen  die 
Auilösungs-Flasche  einige  Male  stark  zu  schütteln,  und  so  die 
Dynamisation  um  Etwas  zu  erhüben,  weil  sonst  erfahrungs- 
mässig   der  längere  Fortgebrauch  nicbt  gut  vertragen  wird.71) 


43.  Wenn  Leute,  die  an  der  Milz  leiden,  von  Durchfall 
befallen  werden  und  Dieser  lange  anhält,  so  erfolgt 
Wassersucht  oder  Magenruhr,  und  darauf  der  Tod. 


Dieser,    aus   den    koischen  Vorhersehungen   (III)    entlehnte 


schon  M.  Müller  (A.  H.  Zeitung  X,  74) :  —  „indem  wir  bei  Anwendung 
desselben  in  grossen  Gaben  nie  von  vergrösserten,  stets  von  schwindenden 
Drüsenkörpern  lesen,  und  auch  homöopathische  Prüfung  des  Jod  an  Ge- 
sunden meines  Wissens  nie  Vergrösserung  derselben  als  Symptom  hervor- 
gebracht hat.'1 

71)  Wenn  irgend  eine  Erfahrung  im  Stande  ist,  nicht  so  sehr  die  ein- 
dringlichere, als  vielmehr,  die  au  sgedehntere  Wirksamkeit  der  lioch- 
potenzirten  Arzneien  nachzuweisen:  so  ist  Dies  insbesondere  die  an- 
tidotarische  Kraft,  welche  Solche  gegen  die  Nachtheile  eines  früheren 
Missbrauchs  derselben  Arznei  erlangt  haben.  In  solchen  Fällen  verur- 
sacht die  wiederholte  Anwendung  desselben  Mittels  in  den  tiefsten  Ver- 
dünnungen jedesmal  eine  deutliche  Verschlimmerung,  ohne  nachfolgende 
Besserung;  wogegen  Solches  in  Hochpotenz,  wenn  auch  nicht  immer. 
(vielleicht  weil  niemals  eine  Arznei  allein  gegeben  wirdj  ,  doch  meisten, 
theils  eine  erfreulichere  und  umfangreichere  Besserung  bringt,  als  die  mei- 
sten sonstigen  Antidote,  welche  nur  die  in  ihrem  Bereiche  liegenden  Be- 
schwerden zu  treffen  und  zu  tilgen  vermögen,  darüber  hinaus  aber  ohne 
Wirkung  bleiben. 

I  consider  one  of  the  most  important  items  in  Statistik  tables,  as  I 
remeraber  that  siuce  I  have  learned  to  give  the  doses  higher  and  higher, 
the  duration  of  acute  cases   has  been  shortened. 

C.  Hering,  Am.  hom.   Rev.   1860.   P.   516. 

Wenn  man  im  Leberthrane  die  Wirkung  vorzüglich  und  oft  aus- 
schliesslich dem  Jod-Gehalte  zuschreibt,  so  sprechen  dagegen  ganz  ent- 
schieden die  Versuche,  welche  Popkeu  mit  gebratenem  Speck,  und  Bauer 
mit  gewöhnlichem  Oele  bei   Scrophulosis   anstellte. 


■  VI.   Buch.     Aphorism   44.  417 

und  von  Celsus  (II,  8)  bestätigte  Lehrsatz  steht  keineswegs  mit 
dem  Aphorism  48  dieses  Buchs  in  Widerspruch,  wie  man  beim 
ersten  Anblicke  vermuthen  könnte.  Der  sehr  erhebliche  Unter- 
schied zwischen  Beiden  liegt  Darin,  dass  in  diesem  Letzten  von 
einer  kurzdauernden  und,  wenn  auch  nur  palliativ  lindern- 
den Diarrhöe,  wie  die  ursprüngliche  Stelle  in  den  koischen 
Vorhersehungen  lautet,  hier  aber  von  einer  Langwierigen  die 
Rede  ist,  welche,  wie  jeder  anhaltende  Durchfall,  auf  eine 
chronische  Krankheit  des  Darmkanals  schliessen  lässt. 
Bei  solchen,  allerdings  gefährlichen  Umständen  wird  zunächst 
unter  Anac,  Asa  foel.,  Bry.,  Chin.,  Dulc,  Ignat.,  Puls.,  Rhus 
oder  Sulph.  ac  das  richtige  Mittel  zu  suchen  sein.  Dagegen 
versagen  in  solchen  Fällen  die  bisher  bei  der  Allopathie  ge- 
bräuchlichen, sogenannten  stopfenden  Mittel,  und  namentlich 
der  Mohnsaft,  fast  jedesmal  alle  wahre  Heilwirkung,  und  tra- 
gen nur  zu  Verschlimmerung  des  Uebels  bei.72) 


44.  Wenn  sich  mit  der  Harnstrenge  eine  Darmgicht  ver- 
bindet: so  sterben  die  Kranken  .innerhalb  sieben  Ta- 
gen, es  sei  denn,  dass  sich  in  Folge  eines  hinzuge- 
tretenen Fiebers  ein  reichlicher  Harnfluss  einstellte. 


Wir  wollen  den,  zu  diesem  Aphorism  von  Galenus  ausge- 
sprochenen Zweifel,  ob  Hippokrates  jemals  einen  solchen  Kran- 
ken, nebst  dem  im  Nachsatze  angeführten  günstigen  Erfolge  vor 
Augen  gehabt  habe,  auf  sich  beruhen  lassen.  Die  Erkrankung 
selbst  am  Ileus73)  ist  an  und  für  sich  schwer  genug  und  dürfte 


72)  Es  dürfte  vielleicht  manchem  Leser  unbekannt  sein,  dass  der  be- 
kannte J.  Swift  (in  der  Vorrede  zu  seinem  „Mährchen  von  der  Tonne") 
den  Spleen  der  Engländer  von  der  splendida  bilis  des  Horaz  ableitet. 

73)  Vor  Celsus  wurden  alle  Leibschmerzen  mit  dem  Namen  Ileus  be- 
zeichnet. Dieser  zuerst  unterschied  die  Schmerzen  in  den  intestinis  crassis 
unter  der  Benennung  colicos,  von  denen  in  den  intestinis  tenuibus,  die  er 
iliacos  nannte, 

27 


413  VI.  Buch.     Aphorism  44. 

in  den  meisten  Fällen  zum  unabwendbaren  Tode  führen,  wenn 
es  nicht  gelingt,  den  Krampf  in  den  Eingeweiden,  der  hier  die 
Ursache  ist,  zu  lösen.74)  Bisher  haben  sich:  Ars.,  Beil.,  Cham., 
Cocc,  Coloc,  Lyc,  Nitr.  ac,  N.  vom.,  Plat.,  Bhus,  Sil.,  Sulph., 
Thuj.,  Veratr.  und  Zinc.  in  dieser,  glücklicher  Weise  nicht  sehr 
häufigen  Krankheit  bereits  bewährt,  wenn  sie  dabei  nach  richtiger 
homöopathischer  Wahl  angewendet  wurden.  Es  werden  aber  ohne 
Zweifel  in  der  Folge  auch  noch  Andere  dazu  aufgefunden  werden. 
Der  freundliche  Leser  wird  es  uns  hoffentlich  verzeihen, 
wenn  wir  bei  dieser  Gelegenheit  einmal  von  uns  selbst  und 
von  unserem  unvergesslichen  Lehrer  und  Freunde  H ahnemann 
reden.  —  Es  war  gegen  Ende  März  1833 ,  als  wir  selbst  von 
dieser  Krankheit  (Ileus)  befallen  wurden;  der  Sitz  des  un- 
gemein schmerzhaften  Leidens  in  der  rechten  Unterbauchs- 
seite; die  Dauer  vierzehn  Tage.  Vier  homöopathische  Aerzte, 
wovon  allein  noch  unser  verehrter  Freund,  der  M.  B.  Dr.  Aegidi, 
damals  Leibarzt  der  Prinzessin  Friederich  in  Düsseldorf,  noch 
lebt  und  die  Wahrheit  bezeugen  kann,  hatten  die  Freundschaft, 
zu  unserer  Bettung  herbeizueilen  und  miteinander  Bath  zu  pflegen ; 
aber  vergeblich.  Erst  mitten  in  der  letzten,  vierzehnten  Nacht 
voll  unsäglicher  Qualen,  hatten  wir  das  Glück,  selbst  das  rechte, 
bisher  noch  niemals  für  dieses  Uebel  gebrauchte  Mittel  auf- 
zufinden. Dieses  Mittel  war  die  Thuja,  worauf  uns  besonders 
der  Umstand  aufmerksam  machte,  dass  nur  die  unbedeckten 
Theile  des  Körpers,  und  zwar  stark  schwitzten,  die  Be- 
deckten aber  trocken  und  heiss  waren,  —  ein  Symptom, 
was  nur  allein  der  -Thuja  angehört  und  selbst  von  unserm 
C.  W.  Wolf  übersehen  ist.  Ein  Streukügelchen "  Thuj.  30 
brachte   schon   nach  fünf  Minuten  Linderung    der  Schmerzen, 


74)  „On  l'a  dejä  vu"  —  sagt  Tardieu  S.  675  —  „le  volvulus  est  le 
plus  souvent  au  dessus  des  ressources  de  l'art."  -  Und  Valleix  III,  46: 
—  C'est  une  de  Celles,  oü  la  m^decine  est  presque  completement  impuis 
sante." 


VI.   Buch.    Äphorfsm  44.  419 

nach  zehn  Minuten  eine  reichliche  Oeffnung,  und  gleich  dar- 
auf einen  erquickenden  Schlaf,  woraus  wir  am  andern  Morgen 
wie  neu  geboren  erwachten.  Eben  Hessen  wir  uns  ein  tüchtiges 
Frühstück  trefflich  schmecken,  als  unsere  vier  Freunde  voll 
Freude  und  voll  Verwunderung  in  die  Stube  traten,  und  noch 
mehr  staunten,  als  wir  ihnen  das  hülfreiche  Mittel  namhaft  mach- 
ten. In  den  nächsten  Tagen  theilten  wir  unserm  verehrten 
Hahnemann  den  ganzen  Hergang  mit,  erhielten  aber  erst  am 
28.  April  1833  dessen  Antwort,  weil  er  selbst  (in  Folge  von 
Aerger)  vom  3.  bis  zum  24.  April  an  einem  gefährlichen  Er- 
stickungs-Katarrhen gelitten  hatte  und  dem  Tode  nahe 
gewesen  war.  In  diesem  (vor  uns  liegenden,  6  Seiten  langen) 
Antworts-Schreiben  stehen  folgende,  wie  durch  eine  Divination 
eingegebenen  Worte:  „Soll  ich  nun  noch  einen  nachgängigen 
Rath  für  die  Herstellung  der  Thätigkeit  Ihrer  Gedärme 
geben,  so  würde  ich  Sie.  auf  Conium  und  Lycopodium  auf- 
merksam machen,  und  auf  tägliche  Spaziergänge  in  freier  Luft. 
Schön,  dass  Sie  der  so  vielnützigen  Thuja  Gerechtigkeit  durch 
Ihr  Reispiel  haben  wiederfahren  lassen."  —  Und  wie  wunderbar 
stimmte  dieser  Rath,  der  bereits  wörtlich  befolgt  war,  ehe 
er  zu  unserer  Kunde  gelangte ,  mit  der  Wirklichkeit  überein ! 
Wir  hatten  nämlich  zwei  Tage  nach  Absendung  unseres  Schrei- 
bens an  Hahnemann,  auf  Veranlassung  der  geänderten  Symp- 
tome, das  Conium,  und  eben  so  am  Abende  vor  dem  Em- 
pfange von  dessen  Antwort  das  Lycopodium,  ausser  diesen 
beiden  Mitteln  aber  durchaus  gar  keine  andere  Arznei  genom- 
men, und  auch  später  gar  Keiner  mehr  bedurft ,  weil  damit 
jede  Spur  des  Ileus  verschwunden  war  und  bis  zur  heutigen 
Stunde  nichts  davon  wiedergekehrt  ist.  Eine  solche  Thatsache 
beweist,  wie  uns  scheint,  noch  etwas  mehr,  als  die  genaueste 
Kenntniss  von  dem  Verlaufe  einer  nicht  eben  sehr  häufigen 
Krankheit   und   von    der   individuellen  Kraft   einzelner  Arzneien; 

sie  lässt  vielmehr  die  Vermuthung  einer  besonderen  Inspira- 

27* 


420  VI-  Bucl1-     Aphorism  45. 

tion75)  gerechtfertigt  erscheinen,  und  zwar  einer  Solchen,  ver- 
möge welcher  der  scharfsinnige  Stifter  der  Homöopathie  veran- 
lasst wurde,  Stoffe  wie  Gold76),  Kochsalz,  Sepia77),  Kiesel- 
erde, Bärlappsamen  u.  A.  nicht  nur  als  wahre;  Arzneien 
zu  erkennen,  sondern  auch  durch  seine  unübertroffenen  Prüfun- 
gen als  die  Wirksamsten  und  Unentbehrlichsten  darzustellen. 
Wir  glauben  nicht,  dass  die  lange  Geschichte  der  Medizin  auch 
nur  eine  einzige  Thatsache  aufzuweisen  hat,  welche  an  Merk- 
würdigkeit Dieser  an  die  Seite  zu  stellen  ist,  oder  an  Wunder- 
barkeit Solche  übertreffen  könnte.78) 


45.  Bei  Geschwüren,  welche  ein  Jahr  und  darüber  be- 
standen haben,  müssen  nothwendig  die  Knochen  sich 
abblättern  und  tiefe  Narben  entstehen. 


Es  ist  offenbar,  dass  dieser  Aphorism  in  allzu  allgemeinen 
Ausdrücken  abgefasst  ist,  und  dass  die  angegebenen  Erscheinun- 
gen sich  in  der  Regel  nur  bei  solchen  Geschwüren  zeigen, 
welche  entweder  gleich  beim  Beginne  in  der  Knochenhaut 
entstanden  sind,  oder  später  Diese  und  dann  auch  die  Knochen 
selbst  ergriffen  haben.    Solche  Geschwüre  sind,  besonders  wenn 


75)  Nemo  unquain  vir  magnus  fuit  sine  afflatu  aliquo  divino. 

Cicero. 

76)  Obwohl  das  Gold  das  am  wenigsten  auflösbare  Metall  ist,  und 
daher  heutiges  Tages  als  Arznei  als  ein  völlig  unwirksamer  und  daher  in 
konsequenter  Weise  obsolet  gewordener  Stoff  erachtet  wird:  so  schrieben 
ihm  doch  die  Alten  sehr  Bedeutende  Heilkräfte  zu.  (Vergl.  L.  Lemnius  de 
occult.   nat.  miraculis.  III,   6.) 

77)  Nach  Lucian  (Versteigerung  der  Philosophen)  scheint  es,  dass  die 
Alten  der  Sepia  giftige  Eigenschaften  beilegten,  indem  Diogenes  seinem 
Käufer  damit  seinen  Kath  ertheilte,  wenn  er  des  Lebens  überdrüssig  wäre. 
—  Diogenes  soll  sich  in  der  That  selbst  damit  vergiftet  haben. 

78)  Prof.  Dr.  Fletscher  (t  1812)  sagte  in  seinen  Vorlesungen  über 
Hahnemanns  Organon:  in  einer  Zeile  dieses  Buchs  findet  sich  mehr  wahre 
Gelehrsamkeit,  als  in  zwanzig  Seiten  der  besten  medizinischen   Werke, 


VI.  Buch      Aphoiism  46.  421 

sie  alt  und  mit  unpassenden  äusseren  Pflastern  und  Salben 
behandelt  sind,  oft  schwer  und  kaum  anders,  als  durch  inner- 
liche Mittel  zu  heilen,  worunter  namentlich  Asa  foet.,  Merc, 
Ph.  ac.  und  Sil.,  je  nach  den  Empfindungen  und  Umständen, 
am  Oeftersten  zur  Wahl  kommen.  Der  Eiter  ist  dabei  jedesmal 
schlecht,  jauchig  und  sehr  übelriechend,  und  ehe  Dieser 
in  einen  Gesunden  umgewandelt  ist,  kann  und  darf  von  einer, 
jedenfalls  nur  oberflächlichen  Heilung  keine  Rede  sein.  Diese 
Art  von  Knochengeschwüren  kommt  vorzugsweise  häufig 
(vielleicht  ausschliesslich)  bei  sogenannten  skrofulösen  (pso- 
rischen)  Personen,  oder  nach  Quecksilber-Missbrauch  vor, 
und  gelangen  oft  erst  dann  zur  homöopathischen  Behandlung, 
wenn  bei  der  gewöhnlichen  (äusserlichen)  chirurgischen  Behand- 
lung das  Uebel  den  höchsten  Grad  erreicht  und  die  Zerstörung 
bereits  einen  grossen  Umfang  gewonnen  hat.  Nichts  erschwert 
dann  aber  die  gründliche  Heilung  mehr,  als  ein  vorgängiger  Miss- 
brauch  von  Jod.,  Plumb.  oder  Zinc. ,  die  schwerlich  jemals 
angezeigt  sind,  stets  die  nachtheiligsten  Folgen  haben  und  den- 
noch so  überaus  häufig  an  der  Tagesordnung  sind. 


46.  Diejenigen ,  welche  vor  dem  Alter  der  Mannbarkeit 
durch  Engbrüstigkeit  oder  Husten  buckelig  werden, 
sterben  bald. 

Wenn  man  bei  diesem  Lehrsatze  nicht  ein  besonderes  Ge- 
wicht auf  die  angegebene  Ursache  des  Buckeligwerdens 
legt,  so  scheint  er,  wie  viele  Beispiele  von  bejahrten  Buckeligen 
nachweisen,  der  Erfahrung  nicht  zu  entsprechen.79)  Wenn  aber, 


79)  Es  ist  eine  bekannte  Thatsache,  dass  in  einigen  Familien  mehrere 
Generationen  hindurch  gewisse  geistige  Mängel  oder  körperliche  Difforma- 
tionen  erblich  wiederkehren.  Das  Sonderbarste  dabei  ist  aber  wohl  Dies, 
dass  nicht  selten  solche  Gebrechen  nicht  unmittelbar  von  Eltern  auf  Kin- 
der vererbt  werden,  sondern  dass  sie  oft  erst    eine  um    die  andere  Genera- 


422  VI-  Buch.  Aphorism  46. 

wie  hier  ausdrücklieh  hervorgehoben  ist,  die  Kyphosis  in  Folge 
von  asthmatischen  Beschwerden,  oder  eines  langwierigen 
Hustens  entsteht,  so  liegt  der  Keim  der  das  Leben  gefährden- 
den Krankheit  schon  vorher  in  der  Brust,  und  der  Buckel  ist 
nur  ein  dazu  gehöriges,  kaum  wesentliches  Symptom,  obwohl 
es  allerdings  von  der  Grösse  derselben  Zeugniss  ablegt. 80)  In 
allen  solchen  Fällen  können  mithin  auch  die  orthopädischen 
Anstallen  keine  günstigen  Erfolge  erzielen,  wenn  es  ihnen  nicht 
vor  Allem  gelingt,  das  ursprüngliche  Brustleiden  gründlich 
zu  heilen.  Hierauf  aber,  so  wie  auf  Beseitigung  aller  sonstigen 
Beschwerden,  die  dabei  stets  die  Natur  der  chronischen  Krank- 
heiten haben,  ist  vorzüglich  die  Homöopathie  bei  der  Behandlung 
der  Verwachsenen  bedacht,  und  sie  hat  tausendfältige  Beispiele 
aufzuweisen,  wo  der  Zweck  vollständig  erreicht  wurde,  besonders 
dann,  wenn  die  Patienten  noch  jung  und  im  vollen  Wachsthume 
begriffen  sind.  Zu  diesem  Zwecke  ist  sie  aber  im  Besitze  von 
einer  ziemlich  grossen  Anzahl  von  Heilmitteln,  worunter  sich 
jedesmal  Einige  finden,  welche  dem  Gesammtzustande  des 
Kranken  und  seiner  sonstigen  Individualität  genügend  ent- 
sprechen. Wir  nennen,  als  hierher  gehörend,  nur  Folgende: 
Acon.,  Ant.  crud.,  Asa  foet.,  Aur.,  Bar.,  Beil.,  Bry.,  Calc,  Caust., 
Cic.  vir.,  Clem.,  Coloc,  Dulc,  Hep.,   Ipec,   Lach.,    Lyc,   Merc, 


tion  erscheinen,  während  die  dazwischen  Geborenen  gänzlich  davon  befreit 
bleiben.  Da  es  uns  bisher  an  einer  befriedigenden  Lösung  dieses  physio- 
logischen Räthsels  fehlt,  so  dürfte  es  vor  vielen  Andern  geeignet  sein,  zu 
einer  wissenschaftlichen  Preisfrage  zu  dienen.  Ohne  Zweifel  würde,  bei 
den  divergirenden  Anschauungen  unserer  Zeit,  in  den  Beantwortungen  Man- 
cherlei vorkommen,  was  unseren  Nachkommen  zur  Belehrung  und  —  zur 
Ergötzlichkeit  gereichen  könnte. 

80)  Wir  belächeln  und  bespötteln  die  verkrüppelten  Füsschen  der 
chinesischen  Frauen,  und  preisen  die  Insekten-Taille  unserer  Schönen  als 
hübsch  und  niedlich,  ohne  zu  bedenken,  dass  vermittelst  der  Schnürbrust 
weit  edlere  und  wichtigere  innere  Organe  verkrüppelt  werden,  als  bloss  ein 
äusseres,  allenfalls  für  Jene  entbehrliches  Glied,  wovon  weder  Leben  noch 
Gesundheit  abhängt. 


VI.  Buch.     Aphorism  47.  423 

Mezer.,  Phospb.,  Ph.  ac,  Plumb.,  Puls.,  Rhus,  Ruta,  Sabin., 
Sep.,  Sil.,  Staph.,  Sulpb.  und  Tbuj.,  ohne  jetloch  damit  die  ganze 
Reihe  für  abgeschlossen  zu  halten.  Natürlich  kann  davon  nicht 
das  erste  Reste  auf's  Gerathewo  hl  gegeben  und  dann  der  Er- 
folg nur  einige  wenige  Tage  abgewartet  werden,  um  bei  ge- 
täuschter Erwartung  sogleich  nach  Willkühr  ein  Anderes 
darzureichen.  Es  ist  in  diesen  Glossen  schon  oft  gesagt  und 
muss  noch  öfter  wiederholt  werden,  damit  es  gehörig  Eingang 
findet,  dass  nur  das,  nach  allen  Richtungen  hin  genau  homöo- 
pathisch passende  Mittel  hülfreich  sein  kann,  dass  aber,  wenn 
ein  Solches  genau  gewählt,  in  der  angemessensten  (kleinsten 
hochpotenzirten)  Gabe  gereicht  und  ihm  die  erforderliche 
Zeit  vergönnt  wird,  ungestört  seine  Wirkung  zu  entfalten,  oft 
alle  Erwartungen  übertroffen  werden.  So  haben  wir  selbst  vor 
vier  Jahren  die  Heilung  einer  Kyphosis  mit  Athembeschwer- 
den  bei  einem  achtjährigen  Mädchen  von  schwächlicher  Konsti- 
tution und  wachsartiger  Rlässe  des  Gesichts  von  einer  ein- 
zigen Gabe  Sil.  2ÖÖ  erfolgen  sehen,  die  so  vollständig  war, 
dass  das  damals  wirklich  elende  Kind  jetzt  ganz  gerade  und 
blühend  geworden  ist,  ohne  alle  weitere  Arznei.  Freilich  sind 
solche,  wahrhaft  überraschende  Erfolge  äusserst  selten,  die  gänz- 
liche Herstellung  oft  schwierig,  und  bei  völlig  ausgewachsenen 
Personen  meistens  unmöglich.81) 


47.  Bei  Denen,  welchen  ein  Aderlass  oder  eine  Abführung 
dienlich  ist,  muss  man  beiderlei  Ausleerungen  im  Früh- 
jahre vornehmen. 


Wir  wollen    nicht    untersuchen,    ob   dieser   Aphorism,    der 
theilweise  in  dem  Aph.  VII,  53  wiederholt  ist,  von  den  meisten 


81)  „Personen  von  gedrungener,  kleiner,  verwachsener  Statur  mit  Höcker 
oder  hoher  Brust,  speicheln  sehr  leicht  nach  genommenem  Merkur.  Ich  habe 
dies  „oft  wahrzunehmen  gehabt."  —  Kopp.  Beobachtungen.  S.   119. 


424  VI-   Buch-    Aphorißm  47. 

Aerzten  der  letzten  Jahrhunderte  durch  Unwissenheit  oder 
mit  Absicht  missverstanden  ist,  weil,  zum  grossen  Theile 
wenigstens,  die  alten  sogenannten  prophylaktischen  Früh- 
lingskuren vermittelst  Aderlässen  und  Abführungen  der 
Gesunden  hierauf  begründet  und  zur  wirklichen  Mode  geworden 
waren.82)  Glücklicher  Weise  hat  dieser  Unsinn,  der  manche 
Gesundheit  zerrüttet  und  manches  Leben  gekostet  hat,  zu  un- 
serer Zeit  aufgehört,  obwohl  der  Aderlass  und  die  Abführungen 
noch  immer  bestehen,  aber  nur  da  noch  zur  Anwendung  kommen, 
wo  Plethora  oder  Saburral-Anhäufung  vorhanden  sind  oder 
vermuthet  werden.  Nur  die  Anwendung  dieser,  im  Wesentlichen 
nur  schwächenden  Veranstaltungen  als  prophylaktische  Kuren, 
die  überdem  niemals  den  beabsichtigten  Zweck  dauerhaft  erfüllen 
können,  ist  verlassen,  und  dafür  sind  nun  desto  mehr  die  Brun- 
nen- und  Bade-Kuren,  die  allerdings  viel  kostbarer  sind, 
d.  h.  viel  mehr  Geld  kosten,  in  Aufnahme  gekommen.83) 

Die  Homöopathie  will  bekanntlich  weder  von  dem  Einen 
noch  von  dem  Andern  etwas  wissen,  und  glaubt  dazu  ihre  guten 
Gründe  zu  haben.     Von  den  Aderlässen  und  von  den  Abführun- 

82)  Ilis  ducibus  Medicina  suas  jactantior  arte.« 
Edidicit:  longo  peregrina  Ciconia  rostro 
Prima  salutiferoa  herbarum  in  viscera  succos 
Indidit:  Hippopotamus  junco  sibi  primus  acuto 
Incidit  nimio  salientem  sanguine  venam; 
Abstergensque  cibi  fastidia  gramine,  vires 
Extudit  herbarum  Canis,   et  medicaminis  usum. 

Vanieri,  praed«  rustie.  L.  III. 

83)  Pline  se  mocque  entre  autres  choses,  de  quoy,  quand  ils  sont  au 
bout  de  leur  latin,  ils  ont  invente  eette  belle  desfaiete,  de  renvoyer  les 
malades  qu'ils  ont  agitez  et  tourmantez  ,  pour  neant,  de  leurs  drogues  et 
regimes,  les  uns  au  secours  des  voeux  et  miracles,  los  autres  aux  eaux 
chaudes.  Montaigne. 

In  Dr.  J.  D.  Gohl's  Compend.  Prax.  Clin,  (zuerst  von  C.  M.  Blazer 
fälschlich  als  seine  eigene  Arbeit,  wie  auch  noch  heute  wohl  geschieht, 
herausgegeben),  lesen  wir  schon  aus  dem  Beginne  des  vorigen  Jahrhun- 
derts (I,  1,  §  21.),  was  ebenfalls  noch  heute  gilt:  —  n^ie  mineralischen 
Brunnen-Kuren,    damit    sich    die  Plethorici    alle  Jahr    des   Früh-Jahrs   und 


VI.   Buch.    Aphorism  47.  425 

gen  ist  in  diesen  Glossen  schon  einige  Male  die  Rede  gewesen. 
Was  die  Brunnen-Kuren  in  medizinischer  Hinsicht  betrifft, 
so  ist  ebenfalls  darüber  schon  das  Notwendigste  (Apn.  H,  37) 
gesagt  worden,  so  dass  wir  hier  lediglich  darauf  hinweisen  dür- 
fen. Wir  wollen  daher  in  Beziehung  auf  die  Letzteren  nur  noch 
anführen,  dass  wir  mit  Ueberzeugung  einem  Kranken  nur  das- 
jenige Mineralwasser  würden  anrathen  können,  dessen  eigeu- 
thü milche,  nicht  bloss  nominelle  Kräfte84)  wir  durch  hin- 
reichende Prüfungen  am  Gesunden  erforscht  hätten,  was  kaum 
von  einigen  Wenigen  zu  behaupten  ist,85)    dass    wir   aber  einen 


Sommers  zu  soulagiren  suchen,  sind  nur  curae  palliativae:  ja  sie  sind  de- 
nenjenigen,  die  denen  vorgeschriebenen  Diät-Regeln  kein  Gehör  geben,  viel- 
mehr eine  Ursach  zum  krank  werden.  Und  wenn  sie  auch  noch  so  gut 
nach  der  -vorgeschriebenen  Diät  gelebet  haben:  so  giebt  der  nach  absol- 
virter  Kur  restaurirte  appetit  vielmehr  Anlass,  demselben  stärker  nachzu- 
hängen und  desto  vollblütiger  zu  werden.  Was  hat  man  denn  mit  der 
Wasser-Kur  profitiret?" 

84)  Wenn  ('eine  Kraft)  der  Anziehung  den  fallenden  Körper  niederzieht, 
so  muss  es  eine  ("Kraft)  sein,  welche  den  Blitzstrahl  an  der  Wetterleiter 
niederzieht,  eine  Andere,  welche  die  Elektrizität  leitet,  eine  Andere,  welche 
uns  die  Strahlen  des  Lichts  bringt,  eine  Andere,  welche  den  Kompas  nach 
dem  Pole  hinwendet,  eine  Andere,  durch  welche  der  Dampfwagen  fortrollt, 
eine  Andere,  durch  welche  die  Pflanzen  wachsen,  eine  Andere,  welche  die 
Metalle  zusammenhält,  und  endlich  so  viele  Kräfte,  dass  sie  sich  in  allen 
Richtungen  durchkreuzen.  J.  W.   Schmitz,   Andeut.   S.  44. 

85)  Les  etudes  hydrologiques  tendent  ä  se  relever;  —  sagt  Tar- 
dieu  in  seinem  rapport  ä  I'Academie  1860  —  au  Heu  de  ces  pcrits  san« 
valeur,  dont  le  nombre  ne  compensait  pas  la  sterilite,  et  qui 
encombraient  la  Science,  on  peut  citer  avec  honneur  des  ouvrages  recents 
qui  attestent  de  serieux  efforts  et  dont  quelques-uns  sont  de  veritables  Ser- 
vices rendus.  —  Wir  stehen  demnach  erst  auf  der  Schwelle  einer  wahren 
Balneographie,  und  man  würde  zur  Zeit  noch  mit  Depaul  ("rapport  sur  les 
prix  1855)  sagen  müssen:  Si  l'on  demandait  ä  beaucoup  de  medecins  sur 
quelles  donnees  ils  se  fondent  pour  preferer  certains  etablissements  ä,  cer- 
tains  autres,  pour  choisir  dans  chacun  d'eux  une  source,  ä  1'exclusion  de 
sa  voisine,  qui  a  souvent  la  plus  grande  analogie  de  temperature  et  de 
composition  chimique,  ils  seraient  certainement  embarrasses  pour  repondre 
d'une  maniere  satisfaisante,  et.  au  lieu  de  resultats  precis,  deduits  des  faits 
rigoureusement  observes,  on  les  verrait  forces  de  s'en  tenir  ä  des  opini- 
ons  vagues  trop  souvent  fondees  sur  les  eroyanees  p  opnlaires. 


426  *  VI-   Buch.     Aphorism  48. 

viel  sichereren  und  für  den  Kranken  weit  bequemeren  und  wohl- 
feileren Weg  gehen,  wenn  wir,  statt  der  Mischung  der  arznei- 
lichen Stoffe,  wie  sie  in  jenen  Wässern  enthalten  sind,  jeden 
Einzelnen  davon,  dessen  Kräfte  wir  genau  kennen,  rein  und  un- 
vermischt  nach  den  vorhandenen  Anzeigen  zur  Anwendung 
bringen.  Wir  sind  nämlich  weit  entfernt,  die  grosse  Heilkraft 
der  Mineralwässer  überhaupt  zu  leugnen,  aber  theils  ist  ihre 
Wirkung,  eben  weil  die  Kriterien  dazu  fehlen,  unsicher,86) 
und  theils  besitzen  wir  die  wirksamen  Stoffe,  wenigstens 
der  Hauptsache  nach,  in  unseren  Arzneien  und  dazu  den 
Schlüssel  für  die  Anwendung  einer  Jeden.  Dies  wird  genügen 
zur  Beleuchtung  und  zur  Rechtfertigung  des  uns  so  häufig  ge- 
machten und  von  Unwissenden  nachgesprochenen  Vorwurfs, 
als  verachteten  wir  blindlings  oder  aus  blossem  Vorurtheile 
die  sämmtlichen  Brunnen  und  Bäder,  die  doch  ohne  Zweifel 
von  der  Vorsehung  zum  Wohle  der  leidenden  Menschheit  er- 
schaffen sind.  Für  den  erfahrenen  Homöopathen  aber  ist  kaum 
die  Erinnerung  nöthig,  wie  unsicher  der  Erfolg  wird,  wenn  ver- 
schiedene Kräfte  gleichzeitig  wirken,  während  es  gänzlich  ausser 
aller  Berechnung  liegt ,  Welche  von  diesen  die  Oberhand  be- 
hält, und  schon  aus  diesem  einfachen  Grunde  jede  Mischung 
von  zweien  oder  mehreren  Arzneien  untereinander  durchaus  un- 
statthaft ist.87) 


48.     Es  ist  gut,  wenn  bei  Denen,  welche  an  der  Milz  lei- 
den,  sich  ein  Durchfall  einstellt, 


86)  „Unter  den  schweren  Erfahrungen  in  der  Medizin"  —  sagt  Dr. 
Herz,  die  künstl.  Mineralwässer,  S.  153  —  „sind  die  Erfahrungen  über  die 
Wirkungen  der  Bäder  und  Brunnen  die  schwersten  und  deshalb  oft  die 
unzuverlässigsten." 

87)  L'unite,   c'est  la  loi  des  lois.  Arr^at. 


VI.  Buch.     Aphorism  49.  427 

Wir  verweisen  zu  diesem  Aphorism  auf  die  Glosse  zu  dem 
Aphorism  VI,  43. 


49.     Anfälle  von  Podagra  erreichen,    nach  beseitigter  Ent- 
zündung, innerhalb  vierzig  Tagen  ihr  Ende. 


Die  Aerzte  unserer  Zeit  werden  wenig  Gelegenheit  haben, 
in  ihrer  eigenen  Praxis  in  Bezug  auf  diesen  Aphorism  That- 
sachen  und  Erfahrungen  zu  sammeln,  weil  diese  Krankheit  in 
ihrer  wahren  Gestalt  heutiges  Tages  sehr  selten  geworden  ist. 
Eiu  Paar  davon  behandelte  Fälle  haben  uns  darüber  belehrt,  dass 
die  homöopathische  Heilung  derselben  bei  Weitem  leichter  und 
schneller  vor  sich  geht,  als  es  nach  den  zahlreichen  altern  ärzt- 
lichen Abhandlungen  der  Allopathie  hat  gelingen  wollen.  Unsere 
Patienten  waren  theils  durch  Arn.  und  Sabin.,  Einer  durch 
Gau  st.,  in  wenigen  Tagen  von  ihren  Schmerzen  gänzlich  befreit, 
und  Sulph.  verhinderte  die  Wiederkehr,  die  auch  bei  Zweien 
davon  noch  Lebenden  seit  vier  und  sechs  Jahren  nicht  erfolgt 
ist.  Aber,  wie  gesagt,  die  Krankheit  steht  allzu  vereinzelt  da, 
um  grosse  Erfahrungen  darüber  sammeln  zu  können,  und  wir 
haben  keine  Gelegenheit  gehabt,  die  übrigen  den  Podagra-Symp- 
tomen  entsprechenden  Mittel,  vorzüglich:  Acon.,  Ambr.,  Amin., 
Ars.,  Asa  foet,  Bry.,  Carb.  veg.,  Gon.,  Graph.,  Guaj.,  Led.,  N. 
vom.,  Ph.  ac,  Sep.,  Sil.,  Tar.;  Thuj.  und  Veratr.  zur  Anwen- 
dung zu  bringen.  Was  also  Hippokrates  von  der  vierzigtägigen 
Dauer  des  noch  im  vorigen  Jahrhunderte  so  gefürchteten 
Zipperleins  sagt,  wird  wohl  nur  diejenigen  Fälle  betreffen, 
wo  die  Krankheit  sich  selbst  überlassen,  und  weder  durch  rich- 
tige Mittel  abgekürzt,  noch  durch  Unrichtige  über  diesen 
Termin  hinaus  verlängert  wurde. 


428  VI-   Buch.     Aphorism  50,  51. 

50.     Nach  einem   tiefen  Einschnitte    in    das  Gehirn    erfolgt 
nothwendiger  Weise  Fieber  und  Gall-Erbrechen. 


Solche  Verletzungen  des  Gehirns,  welche  bereits  im  Apho- 
rism VI,  18  zu  den  tödtlichen  Verwundungen  gerechnet  wur- 
den und  es  auch  in  der  Regel  sind,  erregen  oft  noch  kurz  vor 
dem  Tode  die  angeführten  Erscheinungen,  die  indessen  in  dem 
Verlaufe  keine  besondere  Aenderung  bringen.  Die  Rettung  solcher 
Verwundeten  ist  äusserst  selten  und  wohl  eben  so  wenig  der 
ärztlichen  Behandlung  zuzuschreiben,  als  Diese  vermögend  ist, 
den  unvermeidlichen  Tod  abzuwenden,  der  oft  so  schnell  ein- 
tritt, dass  zu  den  angeführten  Folgen  keine  Zeit  übrig  bleibt. 


51.  Wenn  Gesunde  plötzlich  Kopfschmerzen  bekommen, 
die  Sprache  verlieren  und  schnarchen ,  so  sterben  sie 
innerhalb  sieben  Tagen ,  es  sei  denn ,  dass  sie  von 
einem  Fieber  befallen  würden. 


Dass  in  diesem  Aphorism  mit  wenigen,  aber  unverkennba- 
ren Zügen  gezeichnete  Bild  des  Schlagflusses  ist  wahrschein- 
lich dem  zweiten  Buche  der  hippokratischen  Schrift  tcsqI  vov6m> 
entnommen,  worin  besonders  in  der  21.  Krankengeschichte  der 
offenstehende  Mund,  die  Bewustlosigkeit  und  der  unbe- 
wusste  Harnabgang  Dasselbe  noch  vervollständigen,  und  eben- 
falls die  Wahrscheinlichkeit  des  Todes  bis  längstens  zum  sieben- 
ten Tage  angegeben  ist.  Ausser  dieser  Krankheitsgeschichte 
finden  wir  in  demselben  Buche  noch  ein  Paar  Andere ,  die  dem 
drohenden  oder  schon  eingetretenen  Schlagflusse  entsprechen. 
Aber  in  Keiner  von  diesen  Allen  ist  von  den.  damals  so  belieb- 
ten Aderlässen,  sondern  überall  von  heissen  Bädern  die 
Rede.  Dies  steht  offenbar  im  entschiedensten  Widerspruche 
mit  der  Verfahrungsweise  unserer  heutigen  hippokratischen  Aerzte, 


VI.  Buch.    Aphorism  51.  429 

bei  denen  Aderlässe88)  und  Begiessungen  mit  kaltem  Was- 
ser, oder  gar  Umschläge  von  Eis,  zu  Anfange  die  gewöhn- 
liche Behandlung  ausmachen.  Wir  haben  nicht  die  Anmaassung 
bei  diesem  Zwiespalt  der  Ansichten  ein  Urtheil  auszuspre- 
chen, sondern  begnügen  uns  damit,  die  Thatsache  zu  konstatiren 
und  anzuführen ,  dass  die  Homöopathie  weder  von  dem  Einen, 
noch  von  dem  Andern  Gebrauch  macht.  Die  vorzüglichsten 
Mittel ,  welche  wir  dabei  zur  Anwendung  bringen ,  bestehen  in 
der  Regel  zu  Anfange  aus  Acon.,  (bei  hartem  und  schnellem 
Pulse,)  Op.,  (bei  vollem  und  langsamem  Pulse,)  oder  Lach.,  (bei 
schwachem,  aber  beschleunigtem  Pulse).  Dann  aber  kommen 
ausser  Diesen  nach  Maassgabe  der  anamnestischen  und  be- 
gleitenden Zeichen  noch  viele  Andere  zur  Wahl,  worunter 
Beil.,  Camph.,  Cocc,  Coff.,  Hyosc,  Ipec,  Lyc,  Puls.,  Sep.,  Sil., 
Stram.  und  Thuj.  die  am  Oeftersten  Angezeigten  sein  dürften.  Doch 
wird  der  erfahrene  Homöopath  auch  hier,  wie  bei  allen  übrigen 
Krankheiten,  sich  an  keine  Lieblings  mittel  binden,  sondern 
jedesmal  die  Arznei  so  wählen,  wie  sie  den  am  Meisten  charak- 
teristischen Symptomen  am  Meisten  und  Vollständigsten  in  ihren 
Wirkungen  entspricht. 

Bei  dieser  Gelegenheit  können  wir  nicht  unterlassen,  in  der 
Kürze  einer  solchen  Heilung  Erwähnung  zu  thun,  die  den  U eber- 
tritt eines  bejahrten  Allopathen  zur  Homöopathie  beschleu- 
nigte. Im  Jahre  1831  brachten  die  beiden  DD.  Fuisting  und 
Lutterbeck,  wovon  der  Letzte  früher  Leibarzt  des  so  berühmt 
gewordenen  Fürsten  Blücher,  beide  aber  schon  seit  einigen  Jah- 


88)  „Aus  klinischen  Thatsachen  erhellt"  —  sagt  Copemann  in  seiner 
Behandlung  von  Schlagflüssen  —  „dass  Blutentziehung  im  Allgemeinen  ein 
so  unwirksames  Mittel  bei  Schlagflüssen  ist,  dass  sie  kaum  den  Namen 
eines  Mittels  verdient,  dass  die  Behandlung  ohne  Blutverlust  die  erfolg- 
reichste war,  dass  die  Sterblichkeit  stieg  im  Verhältniss  zu  der  öfteren  Blut- 
entziehung: je  grösser  der  Blutverlust,  desto  grösser  die  Sterb- 
lichkei  t." 


430  VI-  Bucl)-     Aphorism  51. 

ren  verstorben,  an  jedem  Samstage  die  Abendstunden  bei  uns 
zu,  um  über  Homöopathie  zu;  sprechen.  An  einem  solchen 
Abende  war  es,  wo  unsere  heute  noch  lebende,  zwar  sehr  be- 
jahrte, aber  sonst  sich  völlig  wohlbefmdende  Köchin  von  einem 
Seh  lag  anfalle  betroffen  wurde.  Wir  eilten  alle  Drei  schnell 
zu  ihr,  wo  die  alten  Allopathen  schleunigst  eine  Ader  öffnen 
wollten,  was  wir  verhinderten  und  statt  dessen  eine  kleine  Gabe 
des  hier  durchaus  angezeigten  Acon.  gaben.  Nach  wenigen  Mi- 
nuten hatte  die  Bewusstlose  ihre  Besinnung  wieder  erlangt,  aber 
nun  zeigte  sich  eine  Lähmung  der  ganzen  linken  Seite  des 
Körpers.  Unserer  Versicherung,  dass  diese  Lähmung  bei  der 
Unterlassung  des  Aderlasses  in  kurzer  Zeit  gehoben  sein  würde, 
wollte  der  erst  halbüberzeugte  Dr.  L.  keinen  rechten  Glauben 
schenken.  Inmittelst  wurde  die  Gelähmte  in  ihr  Bett  getragen 
und  erhielt  etwa  eine  Stunde  später  eine  kleine  Gabe  Cocc. 
Bereits  um  7  Uhr  des  andern  Morgens  stellte  sich  Dr.  L.  wie- 
der ein,  um  den  Erfolg  zu  sehen,  und,  nachdem  er  die  Schelle 
gezogen,  öffnete  ihm  zu  seiner  grössten  Verwunderung  die, 
gestern  Abend  vom  Schlagfluss  mit  halbseitiger  Läh- 
mung Betroffene  in  eigner  Person  die  Thür,  und  versicherte, 
dass  in  der  Nacht  die  Lähmung  ganz  verschwunden  sei,  und 
dass  sie  sich  wieder  so  wohl  fühle,  wie  jemals  früher.  —  Dr. 
L.  ward  in  Folge  dessen  gründlich  bekehrt,  und  blieb  ein  eifri- 
ger und  treuer  Homöopath  bis  zu  seinem  Ende.89) 


89)  Am  Ende  des  4.  Abschnitts  der  hipp.  Schrift  „von  den  Land- 
seuchen" II.  Buchs  lesen  wir:  „Die  Bewohner  von  Arnos  ,  sowohl  männ- 
lichen als  weiblichen  Geschlechts,  welche  beständig  Hülsenfrüchte  ge- 
nossen hatten,  wurden  an  den  Füssen  gelähmt,  und  blieben  es  auch  ihr 
ganzes  Leben  hindurch.  Diejenigen  aber,  welche  sich  der  Erven  als  Speise 
bedienten,  litten  an  Schmerzen  in  den  Knien."  —  Ob  sieb  diese  Beobach- 
tung auch  heute  bestätigt?  —  Merkwürdiger  Weise  wiederholt  sich  diese 
Beobachtung  das.  VI.  Buch  4,   11. 

Beim  Araber  Ebn  Baithar  lesen  wir  vom  Erbsenstroh,  dass  das 
Schlafen  darauf  die  Menschen  lähmt  und  ihnen  namentlich  die  Fähigkeit  zu 
gehen  nimmt,   und  zwar  so,  dass  sie  später  nicht  wieder  gesund  werden. 


VI.  Buch.     Aphorism  52.  431 

Eine  Hauptaufgabe  für  den  homöopathischen  Arzt  ist  die 
prophylaktische  Behandlung  derjenigen  Personen,  deren  so- 
genannter ap  oplektischer  Habitus  einen  derartigen  Anfall 
befürchten  lässt,  oder  die  schon  schwächere  Anfälle  davon  erlitten 
haben.  Wir  können  hier  natürlich  auf  diese  Behandlung  selbst 
nicht  näher  eingehen,  wollen  aber  doch  mit  wenigen  Worten 
dazu  bemerken,  dass  neben  den,  genau  homöopathisch  gewähl- 
ten Arzneien,  hier  durchaus  auch  noch  die  Diät  und  Lebens- 
weise zweckmässig  geregelt  werden  muss,  ohne  Welche  die 
besten  und  passendsten  Mittel  nicht  im  Stande  sind,  vor  der 
drohenden  Gefahr  zu  sichern.  Insbesondere  sind  dabei  Massig- 
keit in  allen  Genüssen  und  hinreichende  tägliche  Bewegung 
im  Freien  so  durchaus  unentbehrlich,  dass  ohne  Befolgung  dieser 
ersten  diätetischen  Lebensregeln  der  Zweck  schwerlich  erreicht 
werden  kann.  Am  Gefährlichsten  und  Nachtheiligsten  sind  aber 
für  solche  Personen  die,  bloss  palliativ  wirkenden  Aderlässe 
und.Abführungen,  welche  eher  im  Stande  sind,  eine  apoplek- 
tische  Disposition  zu  befördern,  als  eine  Vorhandene  zu  beseitigen. 


52.  Mau  muss  auch  auf  das  Durchscheinen  des  Augapfels 
im  Schlafe  Acht  geben.  Denn  wenn  zwischen  den 
zusammengeneigten  Augenlidern  etwas  vom  Weissen 
sichtbar  ist,  und  dies  weder  von  einem  Durchfalle, 
noch  von  einem  Abführungsmittel  herrührt :  so  ist  Die- 
ses ein  sehr  böses  und  tödtliches  Zeichen. 


In  der  Weise,  wie  Celsus  (II,  8)  diesen  Aphorism  wieder- 
giebt,  scheint  er  von  der  Ansicht  ausgegangen  zu  sein;  dass  er 
eine  Fortsetzung  des  Vorhergehenden  wäre.  Dagegen  spricht 
aber  sowohl  die  hippokratische  Schrift  7t(toyva>6Ti%ov  (III)  als 
noch  mehr  die  verschiedenartige  Eigentümlichkeit  der  Mittel 
selbst,  bei  denen  wir  dieses,  allerdings  oft  sehr  bedenkliche 
Symptom  antreffen.    Diese  sind  nämlich,  in  so  fern  Solches  bis 


432  VI-  Buch.     Aphorism  52. 

jetzt  beobachtet  wurde,  Folgende:  Ant.  tart.,  Arn.,  Beil.,  Bry., 
Caps.,  Coloc,  Ferr.,  Hell.,  Ignat.,  Ipec,  Law.,  Op.;  Ph.  ac., 
Samb.,  Strära.,  Sulph.,  Thuj.,  Veratr.  und  Zinc,  und  von  Diesen 
entsprechen  eigentlich  nur  Beil.,  Ipec,  Op.,  Stram.  und  Thuj. 
dem  Schlag  flu  ss.  Der  erfahrene  Arzt  weiss  überdem,  was 
die  genannten  Mittel  auch  schon  andeuten,  dass  dieses  Symptom 
auch  noch  bei  Andern,  als  den  erwähnten  Krankheiten  vorkommt 
und  unbedenklich  ist,  wie  z.  B.  beim  Wurmleiden  der  Kinder, 
bei  manchen  hysterischen  Anfällen,  und  dergleichen  mehr, 
ja  dass  es  selbst  Personen  giebt,  welche  gesund  sind  und  doch 
mit  sogenannten  halboffenen  Augen  schlafen.  Der  geübte 
Homöopath  wird  also  diesem  Symptome  kein  allzu  grosses  Ge- 
wicht beilegen  und  Andere  dagegen  in  den  Hintergrund  stellen, 
die  in  vielen  Fällen  weit  erheblicher  sind  und  zur  spezielleren 
Charakteristik  dienen.  Wenn  auch  die  Gefährlichkeit  eines  sol- 
chen Symptoms,  welches  sich  meistens  nur  aus  der  Verbindung 
mit  Andern  beurtheilen  lässt,  in  prognostischer  Beziehung 
für  den  Arzt  keineswegs  unwichtig  ist,  so  gebührt  doch  in  the- 
rapeutischer  Beziehung  denjenigen  Andern  der  Vorzug,  welche 
ihn  in  den  Stand  setzen,  der  obersten  Pflicht  des  Arztes,  näm- 
lich den  Erkrankten  zu  heilen,  Genüge  zu  thun.  Obgleich  mit 
Jenem  vielleicht  mehr  Ehre  einzulegen  ist,  so  kann  mit  Diesem 
doch  weit  eher  das  ärztliche  Gewissen  beruhigt  werden.90) 
Indessen  ist  die  Erkennlniss  der  grösseren  oder  geringeren  Er- 
heblichkeit irgend  eines  einzelnen  Symptoms  nur  dem  Geübten 
möglich,  und  der  Anfänger  wird  jedenfalls  wohl  thun,  ein 
solches  in  dieser  Hinsicht  nur  im  Mindesten  Zweifelhafte  nicht 
ausser  Acht  zu  lassen,  wenn  er  für  die  Wahl  de=  Mittels  sein 
Krankheitsbild  in  Erwägung  nimmt. 


yOj  Ad  utilitateui  vitae  omnia  consilia  faetaque  nostra  dirigenda    sunt. 

Tacitus. 


VI.   Buch    Aphorism  5:'..  433 

5U.     Die    mit  Lachen    verbundenen   Delirien    sind    weniger 
gefährlich,  als  die  von  Ernsthaftigkeit  Begleiteten. 


Durch  die  wörtliche  Uebernahme  dieses  Lehrsatzes,  wie  wir 
sie  beim  Celsus  (III,  18)  linden,  ist  er  um  Nichts  richtiger  und 
der  Erfahrung  entsprechender  geworden.  Abgesehen  von  dem 
bekannten  risus  sardonius,  der  kaum  hierher  gehört,  ereig- 
nen sich  bei  Mehreren  der  gefährlichsten  Krankheiten  Delirien 
und  Geistesstörungen  mit  Lachen,  welche  auf  Ap.  mel., 
Beil.,  Cupr.,  Hyosc,  Stram.  oder  Veratr.  hindeuten,  und  eben 
in  diesem  Symptome  eine  wichtige  Anzeige  für  das  Eine  oder 
Andere  der  genannten  Mittel  enthalten.  Wir  glauben  daher,  dass 
Hippokrates  in  diesem  Aphorism  mehr  die  mit  Lachen  ver- 
bundenen hysterischen  Krämpfe  vor  Augen  gehabt  hat,  welche 
je  nach  den  begleitenden  Symptomen  in  Alum.,  Amm.,  Ant.  tart., 
Ap.  mel.,  Arn.,  Aur.,  Beil.,  Calc,  Cann.,  Carb.  an.,  Cocc,  Com, 
Croc,  Cupr.,  Hyosc,  Ignat.,  Lyc,  Natr.,  Natr.  mur.,  N.  mosch., 
Phosph.,  Plat.,  See.  corn.,  Selen.,  Sil.,  Stram.,  Sulph.,  Valer., 
Veratr.,  Zinc.  oder  einigen  andern ,  seltener  passenden  Arzneien 
ihr  Heilmittel  finden,   übrigens  nicht  gefährlich  sind. 

Vielleicht  dürfte  es  Manchem  nicht  unlieb  sein  hier  zu  er- 
fahren, dass  die  erste  Aufklärung  über  den  risus  sardonius 
durch  Hermolaus  Barbarus  (f  1493)  in  seinen  castigationes  Pii- 
nianae  1492,  und  nach  ihm  durch  Ruellius  (f  1537)  in  seinem  1529, 
(nicht,  wie  Sprengel  sagt,  1546)  zu  Strasburg  erschienenen 
Kommentare  zum  Dioscorides  (fol.  146  D.)  gegeben  ist,  später 
aber  (1560)  durch  Mattioli  (f  1577J  wiederholt  wurde  und  die- 
sem Letzten,  als  dem  Bekanntesten,  deshalb  gemeinlich,  wie  auch 
sonst  wohl  geschieht,  das  Verdienst  zugeschrieben  wird.  Dios- 
corides erwähnt  nämlich  (II,  194)  einer  Pflanze:  ßatQÜiiov  %vow- 
SeCTEQov,  TiXelarov  ev  2uQ§ovlu  ysvopEvov,  welche  Einige  für  den 


434  ^  *•    I5uch-     Aphorism  54. 

Ranunculus  lanuginosus,  oderR.  Philonotis  halten.'11)  Davon  heisst 
es  nun:  dass  sie  in  Sardinien  wachse,  Sarcloa  genaunL  werde, 
und  dass  nach  dem  Genüsse  Derselben  das  Gesicht  des  Menschen, 
besonders  um  den  Mund,  derartig  sich  verziehe,  dass  sie 
gleichsam  lachend  sterben.  Uebrigens  erwähnt  schon 
Homer  dieses  Lachens  (Odyss.  XX,  362 j,  und  der  Äusdruk  selbst 
gehört  mithin  der  entferntesten  Vorzeit  an.  —  Auch  von  Colchi- 
cum autumnale  hat  man  in  neuerer  Zeit  eine  Art  von  risus  sar- 
donius  beobachtet. 


54.    In    akuten  Krankheiten  mit  Fieber  ist  ein  seufzendes 
Athmen  ein  böses  Zeichen. 


Auch  dieser  Aphorism  kann  keineswegs  als  richtig,  oder 
vielmehr  als  allgemein  gültig  anerkannt  werden,  indem  der  seuf- 
zende Athem  nicht  selten  bei  Kranken  wahrgenommen  wird, 
bei  denen  zur  Zeit  wenigstens  von  Lebensgefahr  gar  keine  Rede 
ist.  Dem  Homöopathen  wird  Dieses  sogleich  einleuchten,  wenn 
er  die  verschiedenen  Arzneien  betrachtet,  welche  diese  Abnor- 
mität des  Alhmens  unter  ihren  Symptomen  aufzuweisen  haben, 
und  von  ihrer  Charakteristik  auf  die  Krankheiten  schliesst,  denen 
sie  entsprechen.  92)     Dahin  gehören  nämlich :  Acon.,  Ant.  crutl., 


91)  Nach  Andern,  und  vielleicht  mit  mehr  Wahrscheinlichkeit,  soll  es 
der  Ean.  illyricus  sein,  welcher  beim  Dioscorides:  Silivov  ciyQLOV,  beim 
Plinius  (24,  17):  Gelatopbyllis,  beim  Apulejus:  herba  scelerata,  und  bei 
mehreren  Kräutlern:  Ean,  sardonius,  Apium  sardonium,  Sardonia  herba,  Sar- 
doa  und  Sardoa  herba  genannt  wird. 

92)  Es  ist,  so  viel  wir  wissen,  noch  niemals  hervorgehoben,  dass  die 
Rademacher'sche  Schule  dadurch  ungemein  erleichtert  wird  und  daher  so 
schnell  in  Aufnahme  gekommen  ist,  Jass  ihre  ganze  Materia  medica  sich 
auf  kaum  üü  Mittel  beschränkt,  während  die  Homöopathische  222  (nach 
Noack  und  Trinksj  bis  237  Mittel  (nach  Jahr)  zählt,  ungerechnet  die  noch 
etwa  20  Neueren,  weiche  später  geprüft  sind.  Dieses  Missverhältnisa  isi 
und  erscheint  in  der  Wirklichkeit    aber  noch  weit  grösser,   wenn   man   sich 


VI.  Buch.     Aphorism  54.  435 

Arg.,  Ars.,  Beil.,  ßry.,  Calad.,  Caps.,  Cham.,  Chin.,  Cina.,  Cocc, 
Cupr.,  Euphorb.,  Graph.,  IgnaL,  Ipec,  Kali,  Lach.,  Laur,,  Merc, 
Mur.  ac,  IN.  vom.,  Op.,  Puls.,  Ran.  scei.,  Scill.,  See.  corn., 
Seleu.,  Sil.  und  Stram.  Wenn  auch  Mehrere  davon  bei  sehr 
gefahrlichen  Krankheiten  zur  Anwendung  kommen,  so  ist  das 
doch  hei  Weitem  nicht  mit  Allen  der  Fall,  und  es  würde  vor- 
eilig sein,  daraus  auf  eine  ungünstige  Prognose  zu  schliessen. 
Ueberhaupt  aber  ist.  dieses  Symptom  gewöhnlich  von  so  unter- 
geordnetem Range,  dass  der  erfahrene  Homöopath  ihm  nur 
selten  eine  besondere  Aufmerksamkeit  zu  schenken  nöthig  fin- 
den wird. 

Wir  glauben  bei  dieser  Gelegenheil  darauf  aufmerksam 
machen  zu  dürfen,  wie  sehr  eine  vollständige  Mittelke nntniss 
in  Beziehung  auf  ihre,  am  Gesunden  erregten  Symptome  den 
Homöopathen  in  den  Stand  setzt,  über  den  wahren  Werth  solcher 
einzelnen  Erscheinungen  und  Zeichen  am  Kranken  ein  Urtheil 
zu  fassen. 93)  Einige  von  Diesen  sind  allerdings  sowohl  für  die 
Prognose,  als  für  die  Mittel  wähl,  von  der  grössten  Wichtig- 
keit; bei  Andern,  und  wohl  bei  den  Meisten  ist  dies  weniger 
von  dem  einzelnen  Symptome  selbst,  als  von  der  Verbindung 
abhängig,    worin    sie    mit    den    Uebrigen    vorkommen.94)     Die 


überzeugt,  wie  unter  Rademacher's  „Universalniitteln"  und  „Organheil- 
mitteln" es  sich  jedesmal  nur  um  sehr  wenige  Arzneien  handelt,  wogegen 
fast  Alle  der  Letzteren  sich  auf  fast  alle  Organe  beziehen,  so  dass  die 
richtige  Wahl  in  konkreten  Fällen  eben  durch  diese  übergrosse  Menge  oft 
grosse  Schwierigkeiten  darbietet.  Dies  mag  allerdings  einen  wesentlichen 
Grund  abgeben  für  das  leichtere  oder  schwierigere  Uebergehen  von  einer 
Schule  zur  Andern ,  wenn  man  auch  die  Unhaltbarkeit  der  Einen  und  die 
Insuffiziens  der  Andern  vollständig  erkannt  hat. 

93)  Je  mehr  der  Arzt  mit  den  spezifischen  Wirkungen  und  Eigenthüm- 
lichkeiten  der  Heilmittel  vertraut  ist  -  und  das  wird  er  nur  durch  lange 
und  vielseitige  Erfahrung  (und  durch  Prüfung  an  dem  Gesuuden),  —  desto 
glücklicher  wird  er  heilen. 

94)  Es  ist  bekannt,  dass  viele  Arzneien  Wechselwirkungen  her- 
vorbringen, das  heisst  Solche:   welche  das   Gegentheii  von  Andern  sind,  und 

28* 


436  VL  Buch.   Aphörism  54. 

Homöopathie  erfreut  sich  daher  in  dieser  Beziehung  einer  weit 
grösseren  Sicherheit,  als  die  Allopathie,  die  durch  ihre  genera- 
lisirende  Tendenz  auch  mehr  das  Allgemeine  berücksichtigt  und 
der  Anzeigen  entbehren  muss,  die  aus  der  Gesammtheit  der 
Zeichen  entnommen    sind. 95)     Jeder   vorurteilsfreie  Arzt   muss 


dessenungeachtet  zu  den  Erst-Wirkungen  gerechnet  werden  müssen,  obwohl 
selten  oder  nie  Beide  für  den  Heilzweck  einen  gleichen  Werth  haben. 
Welche  von  ihnen  aber  die  Brauchbarste  ist,  kann  nur  die  Erfahrung  leh- 
ren, obwohl  auch  der  sonstige  Genius  jeder  Arznei  von  Vorne  herein 
meistentheils  schon  einen  gültigen  Schluss  darüber  zulässt.  Man  hat  sich 
aber  wohl  zu  hüten,  für  solche  eigentliche  Wechselwirkungen  diejenigen, 
freilich  nur  s  cheinbaren  Widersprüche  zuhalten,  wie  sie  nicht  selten 
vorkommen  und  den  Anfänger  leicht  irre  machen  können.  Von  diesen 
Letztern  mögen  ein  Paar  Beispiele  dies  erläutern:  —  Man  weiss  von  der 
N.  vom.,  dass  ihre  Beschwerden  beim  Gehen  in  der  freien,  kühlen  Luft 
sich  verschlimmern,  und  dass  dessenungeachtet  derjenige  Erkältungs-Schnupfen, 
wogegen  sie  sehr  oft  angezeigt  ist,  im  Freien  zu  fiiessen  aufhört,  beim 
Eintritt  in  die  warme  Stube  aber  sogleich  als  Fliess-Schnupfen  sich  wieder 
gestaltet.  Wenn  man  aber  bedenkt,  dass  stockende  Absonderung  dem  Ge- 
nius der  Brechnuss  entspricht:  so  wird  man  leicht  einsehen,  dass  hier  die 
warme  Stubenluft  durch  Lösung  des  Schleims  eine  Art  von  Besserung, 
nicht  von  Verschlimmerung  bedingt.  —  Eben  so  weiss  man  von  der  Bryo- 
nia  alba,  dass  Verstopfung  und  abendliche  Verschlimmerung  zu  ihrer  Charak- 
teristik gehören,  und  dennoch  giebt  es  einen,  bloss  in  den  Morgenstunden 
eintretenden  schmerzhaften  Durchfall,  welcher  sehr  oft  in  der  Bry.  sein 
sicheres  Heilmittel  findet.  Hier  ist  aber  der  Durchfall  in  der  Frühe  das 
Gegentheil  von  der  Obstruktion  mit  abendlicher  Erhöhung,  mithin  nicht  so- 
sehr als  Wechselwirkung,  sondern  vielmehr  als  lösender  Gegensatz  zu  be- 
trachten. 

95)  In  Dr.  A.  Winkler's  Theorie  der  physiologischen  Arzueiwirkuiigen 
(Berlin  1861)  lesen  wir:  „Dass  auch  die  Fortsehritte  auf  pathologischem 
und  physiologischem  Felde  in  sofern  von  praktischem  Nutzen  sind,  als  sie 
dazu  dienen  können,  zur.  Verhütung  von  Krankheiten  oder  zum  Zwecke 
diätetischer  Behandlung  bestimmte  Regeln  abzugeben,  ist  klar;  aber  für 
die  eigentliche  Heilkmist  ist  dadurch  wenig  gewonnen  ,  da  die  Erkennung 
einer  Krankheit  selbstredend  ganz  verschieden  ist  von  der  Kunst ,  dieselbe 
zu  heilen,  und  hier  dasselbe  Verhältniss  besteht,  wie  zwischen  Wissen  und 
Können  überhaupt.  Deshalb  verzichtet  denn  auch  die  neuere  Medizin ,  die 
sich  die  physiologische  oder  rationelle  nennt,  mit  einzelnen  Ausnahmen 
ganz  auf  die  direkte  Hebung  der  Krankheiten  durch  Arzneien,  und  erwar- 
tet die   Heilung    lediglich   von    der   Selbsthülfe    der    Natur,    in  den   Arzneien 


VI.   Buch.     Aphorisin  54.  437 

es  daher  vollkommen  gerechtfertigt  finden,  wenn  wir  ein  so 
überwiegendes  Gewicht  auf  die  eigenth  ümlichen  Wirkun- 
gen96) der  Arzneien  legen,  die  unveränderlich  sind,  und  die 
Kenntniss  derselben  weit  höher  schätzen,  als  alle  pathologi- 
schen und  therapeutischen  Theorien,97)  die  fast  mit 
jedem  zweiten  oder  dritten  Lustrum  einer  Andern  weichen  müs- 
sen,   und    die    in    der    heute    herrschenden  physiologischen 


theils  überflüssige,  theils  schädliche  Dinge    und    höchstens  nur  Palliativmit- 
tel erblickend." 

96)  Primum  in  corpore  sano  medela  tentanda  est,  sine  peregrina  ulla 
miscela;  odoreque  et  sapore  ejus  exploratis  exigua  illius  dosis  ingerenda 
et  ad  omnes,  quae  inde  coutingunt  affectiones,  qui  pulsus ,  qui  calor,  quae 
respiratio,  quaenam  exeretiones,  attendendum.  Inde  ad  ductum  phaenome- 
norum,  in  sano   obviorum,  transeas  ad   experimenta  in  corpore  aegroto. 

Haller,  Pharm,  helv.  praefatio. 
So  sehr  man  sich  in  der  neueren  Zeit  bemüht  hat ,  den  Genius  der 
Arzneien  in  seinen  Hauptzügen  darzustellen :  so  hat  man  dabei  doch  fast 
gänzlich  etwas  sehr  Wesentliches  übersehen,  was  zur  Erfüllung  des  Aehn- 
lichkeits-Gesetzes  bei  der  Mittelwahl  von  erheblicher  Wichtigkeit  ist.  Wir 
meinen  damit  nicht  allein  die  Wechselwirkungen  (Organ,  g  IIb), 
welche  bei  einigen  Arzneien  (z.  B.  bei  Bry.)  andauernd,  bei  Andern  (z.  B. 
Acon.,  Ignat.,  Puls.)  in  abgesonderten,  mit  den  Haupt-Erstwirkungen  alter- 
nirenden  Anfällen  vorkommen,  sondern  auch  noch  die  isolirten  Anfälle, 
wo  die  Beschwerden  gruppenweise  in  abgesonderten  Paroxismen  auftreten 
(wie  z.  B.  bei  Cham.,  Cupr.,  Caust.,  Cocc,  Sil.  u.  A.),  nach  deren  Ablaufe 
der  Kranke  für  den  Augenblick  über  Nichts  weiter  zu  klagen  hat.  Solche 
Anfälle  wiederholen  sich  dann  öfter  oder  seltener,  zuweilen  mehrmals  bin- 
nen Tag  und  Nacht,  zuweilen  auch  nur  periodisch  zu  bestimmten  Tages- 
zeiten, oder  nach  Verlauf  mehrer  Tage  oder  Wochen,  bieten  aber  stets  die 
besondere  Erscheinung  dar,  dass  während  der  Zwischenzeit  keine  namhafte 
Krankheits-Symptome  vorhanden  sind ,  die  bei  andern  remittirenden  oder 
intermittirenden  Krankheiten  niemals  ganz  fehlen. 

97)  „In  Deutschland"  —  sagt  Dr.  Rüssel  in  Brit.  jouru.  of.  Hom. 
Oct.  1851)  —  „scheint  man  es  für  nöthig  zu  halten,  die  Uhr  erst  zu  zer- 
legen, um  zu  sehen,   ob  sie  auch  gehen  wird." 

Es  ist  bekannt,  dass  der  berühmte  Stahl  in  den  letzten  Jahren  seiner 
Praxis  für  alle  Krankheiten  und  Beschwerden  nichts  Anders  verschrieb,  als 
einige  Grane  Meersalz.  Eben  so  war  einer  der  berühmtesten  und  glück- 
lichsten Aerzte,  die  jemals  in  Münster  gelebt  haben,  am  Ende  seiner  lan- 
gen Laufbahn  dahin  gekommen,  seinen  Kranken  nur  noch  Brodpillen 
zu  verordnen. 


438  VI    Bllch-     Aphorism  54. 

Schule,98)  wie  wir  täglich  erfahren,  wohl  zur  Erkenntniss,  aber 
keineswegs  zur  Heilung  der  Krankheiten,  im  Vergleiche  zu  dem 
zuletzt  abgelaufenen  Jahrhunderte,  irgend  welche  erhebliche  Fort- 
schritte gemacht  haben. ")  Zur  Rechtfertigung  dieses,  vermessen 
scheinenden  Ausspruchs  bedarf  es  nur  der  einfachen  Hinweisung 
auf  die  Cholera,100)  die  Nervenfieber,  die  Ruhren,  die 
Bräune  u.  s.  w. ,  und  auf  die  dabei  erzielten  Erfolge,  wobei 
wir  stets  wieder  die  alten  widersprechenden  Ansichten,  die 
stete  Verschiedenheit  der  Behandlung,  und  nirgends  erfreu- 
lichere Resultate  oder  grössere  Sicherheit  sehen.1) 


98)  Broussais  stiftete  eine  Schule,  die  er  ebenfalls  eine  Physiologische 
nannte,  aber  von  der  Heutigen  gar  verschieden  war.  Nur  darin  stimmen 
Beide  überein,  dass  sie  auf  die  spezifischen  Wirkungen  der  Arzneien  keinen 
Werth  legen  und  ihre  Gegner   Ontologisten  oder  dergleichen  nennen. 

Die  ältesten  Spuren  von  Physiognomik  und  Phrenologie  finden  wir  im 
Plinius  (hist.  nat.  XI,  c,  114,  No.  275)  in  einem  Fragmente  aus  Trajus 
Pompejus.  Die  Zeichen  sind  hier  von  der  Stirn,  von  den  Augenbrauen, 
von  den  Augen  und  von  den   Ohren  entnommen. 

Schönlein  ist  der  Eepräsentant  der  naturhistorischen  Behandlung  der 
Pathologie  und  Nosologie;  Hahnemann,  der  Begründer  der  naturhistorischen 
Behandlung  der  Arzneimittellehre.  Beide  stiften  die  uaturhistorische  Schub1 
und  stellen  würdig  die  Arziieikunst  in  die  Eeihe  der  Naturwissenschaften, 
wohin  sie  von  Anfang  an  gehört.  So  kommt  Alles,  was  kommen  muss. 
zu  rechter  Zeit;  wenn  es  von  den  Zeitgenossen  nur  immer  richtig  begrif- 
fen und  treu  und  thätig  gepflegt  würde,  dann  kann  es  auch  an  einer  natur- 
gesetzlichen Therapie  nicht  fehlen. 

Dr.  Fieliz,  A.  H.  Z.  XX,  S.   153. 

99)  Der  alten  Therapie  hat  die  Wissenschaft  allen  Boden  unter  den 
Füssen  geraubt.  Goldschmid. 

100)  Der  Graf  von  Bonneval  hat  in  seiner,  auf  grosse  Zahlen  au^ 
vielen  Ländern  gebauten  Statistik  der  asiatischen  Cholera  das  Re- 
sultat gewonnen,  dass  bei  der  allopathischen  Behandlung  im  Durch- 
schnitt 5l72  Prozent,  bei  der  homöopathischen  8%  Prozent  von  den 
daran  Erkrankten  gestorben  waren.  —  Auf  demselben  Wege  hat  Derselbe 
in  Bezug  auf  Pneumonien  gefunden,  dass  von  deu  davon  Befallenen, 
und  ohne  Aderlass  oder  Blutigel  Behandelten  15  Prozent,  mit  solchen 
Blutentziehungen  30  Prozent,  homöopathisch  Behandelten  aber  nur  5 
Prozent  gestorben  waren. 

I  |  .,On  a  preconise"  —  sagt  der  gelehrte  Professor  Grissolle  1.  743 
—    „contre   lc   Cholera    presque    tous    Ies    agents    dont    Ia   therapeatique  dh- 


VI.  Buch.     Apborism  55.  439 

55.     Die    Anfälle    von    Podagra     erscheinen    meistens    im 
Frühjahre  und  im  Herbste. 


pose."  —  Und  in  der  Comp,  de  med.  prat.  II,  273  heist  es  bei  Gelegen- 
heit dieser  Krankheit:  „La  voix  publique  nous  a  taxe  d'ignorance,  pnisque 
nons  ne  pouvions  triompher  du  mal  qui  decimait  la  population.  N'enest-il 
pas  de  meme  ä  chnque  fois  qu'une  epidemie  vient  s'appesentir  sur  de  nom- 
breuses  populations?  Sommes-nous  plus  habiles  a  guerir  le  typhus,  la  peste, 
la  fievre  jaune,  la  scarlatine,  la  rougeole,  qu'  k  guerir  le  Cholera?  —  Non 
assurement!"  — 

,  sodann  muss  man  zwischen  pathologischem  und  therapeutischem 

Wissen  und  Könuen  wohl  unterscheiden  und  darf  Demjenigen,  der  in  der 
Pathologie  bewandert  ist,  seiner  blossen  palhologischen  Kenntnisse  wegen 
noch  keine  Stimmberecntigung  in  der  Therapie  zuschreiben. 

Prof.  Hoppe,  die  Dispensirfreiheit.     S.  48. 

Was  ist  denn  die  sogenannte  physiologische  Schule,  vorzüglich  in  the- 
rapeutischer Hinsicht,  anders,  als  was  auf  religiösem  Gebiete  der  Atheis- 
mus? Sie  kann,  wie  Letzterer,  blenden  und  verblenden,  und  in  ihrem 
Scheinglauze  selbst  gescheidte  Leute  eine  Zeit  lang  gefangen  halten;  eine 
Zukunft  hat  sie  ebenso  wenig,  wie  Dieser,  da  sie  nur  eine  Negation  ist. 
Dr.  Battmann  (A.  H.  Z.,  Bd.  50,   S.  39). 

Zu  keiner  Zeit  waren  die  Behandlungsweisen  einzelner  Krankheiten 
so  verschiedenartig,  als  heutiges  Tages,  zu  keiner  Zeit  die  Therapie  im 
Allgemeinen  so  grundsatzlos.  unsicher  und  schwankend  als  jetzt. 

Dr.  Bonorden,  Pr,  Med.  Z.    1862,  S.  44. 

On  l'a  eonstante,  les  medecins  no  s  ographes,  anatomistes,  expec- 
tants,  ne  s'occupant  nullement  de  traiter  les  malades,  en  sont  venu  ä 
etudier,  chacun  ä  des  points  de  vue  differents,  les  phenomenes  du  corps 
humain,  comme  ils  etudieraient  les  phenomenes  geologiques  ou  astrono- 
miques,  avec  curiosite  et  indifference.  —  Ce  ne  sont  plus  des  medecins, 
mais  des  naturalistes,  des  membres  de  l'Academie  des  curieux  de 
la  nature,  qui  commettent  ici  le  sophisme  de  prendre  l'object  de  la  me- 
decine  pour  le  but  meme  de  cette  science.  —  Quant  au  Systeme  de  Brous- 
sais,  il  a  eu  nn  singulier  avantage,  cclui  de  faciliter  les  etudes  des  ana- 
tomistes. en  leur  donnant  l'occasion  de  faire  im  tres  grand  nombre 
d'autopsies,  —  Les  statisticiens  qui  ont  paru  se  montrer  un  instant  plus 
soucieux  de  la  vie  des  hommes,  ont  abouti,  en  definitive,  aux  memes  resul- 
tats  que  leurs  devanciers.  Et,  comme  nous  l'avons  dit  plus  haut,  la  me* 
thode  numerique,  par  ses  mecomptes  poussant  au  scepticisme,  a  prepare  le 
regne  de  l'ecole  expectante. 

Dr.  Gallavardin,  exper.  p.  49. 

Das  bekannte,  vielfach  bewährte  Sprüchwort:  les  extremes  se  touchent! 
darf  man  mit  Fug  und  Recht  auf  die  heutige  praktische  Medizin  anwenden. 
Wenn   der  Eine    „Anker"   von  Leberthran    und  grosse   ,. Flaschenzüge"  von 


440  ^"  Buch.     Aphorism  55, 

Wir  haben  früher  (in  der  Glosse  zum  Aph.  VI,  28)  bereits 
erwähnt,  dass  das  wahre  Podagra  eine  Krankheit  ist,    die  heu- 

Zittmann  in  Thätigkeit  setzt,  um  irgend  ein  Leiden  zu  bemeistern:  so  wen- 
det der  Andere  dazu  Stoffe  an,  welche,  wie  die  beliebten  Alkalo'iden ,  nur 
zu  Viertel  oder  Zehntel  Granen  oder  zu  noch  Weniger  vertragen  werden 
und  als  heftige  Gifte  durch  den  geringsten  Missgriff  das  Leben  gefährden' 
Aber  nicht  die  Gefährlichkeit  dieser  Letztern  allein  ist  es,  was  bei  ihrer 
Anwendung  gerechtes  Bedenken  erregen  sollte,  sondern  wohl  noch  mehr 
die  Unsicherheit  ihrer  Wirkung,  wobei  mit  unbegreiflichem  Leichtsinn  von 
der  durchaus  mehr  als  problematischen  Behauptung  ausgegangen  wird,  dass 
diese  Alkaloi'de  die  sämmtlichen  und  unveränderten  Kräfte  der  Urstoffe  in 
konzentrirter  Gestalt  enthalten.  —  Wir  haben  schon  vor  einem  Paar  Jah- 
ren die  Aufmerksamkeit  unserer  Collegen  in  dieser  Beziehung  auf  das 
Strychnin  gelenkt,  und  wollen  hier  nur  mit  wenigen  Worten  die  damaligen 
Bedenken  wiederholen.  —  Dieses  Alkalo'id  (Strychnin)  ist  bekanntlich  so- 
wohl in  der  Nux  vomica  als  in  der  Ignatia  amara  enthalten ,  wird  aus 
Beiden  dargestellt  und  ist  von  beiden  Präparaten  in  allen  chemischen  Be- 
ziehungen vollkommen  identisch.  Demgemäss  sollen  dann  auch  folgerich- 
tig Beide  durchaus  gleiche  Arznei-Kräfte  besitzen.  Aber  die  wahre  und 
eigenthümliche  arzneiliche  Wirkung  dieser  beiden  Stoffe  im  rohen  Zustande 
ist  bekanntlich  so  durchgreifend  verschieden ,  dass  bei  der  Anwendung  nie 
und  nirgends  der  Eine  statt  des  Andern  mit  Erfolg  gegeben  werden  kann ; 
während  von  jedem  der  beiden  Strychnin-Präparate  noch  die  genauen  Ver- 
suche am  lebenden  Organismus  fehlen,  und  man  nicht  weiss,  ob  das  Eine 
so  wie  das  Andere,  oder  ob  Beide  gieichmässig ,  und  dann  natürlich  auch 
von  jenen  Beiden  verschieden  wirken.  Daraus  folgt  mindestens  so  viel, 
dass  entweder  das  Strychnin  nicht  die  ganze  spezifische  Arzneikraft  der 
N.  vom.  und  der  Ignat.  enthalten,  mithin  auch  nicht  als  Surrogat  für  Diese 
angewendet  werden  kann,  oder  dass  die  heutige  Chemie,  ebenso  wenig  wie 
H.  Davy  vor  50  Jahren  (als.  er  die  Blätter  der  Belladonna  und  des  brau- 
nen Kohls  zerlegte),  zu  entdecken  vermag,  was  in  den  arzneilichen  Stoffen 
die  besondere  und  verschiedene  Wirkung  hervorbringt.  Die  Erste  von 
diesen  beiden  Alternativen  ergiebt  sich  im  Grunde  schon  aus  den  verschie- 
denen Präparaten,  die  man  aus  China,  Opium  u.  A.  dargestellt  hat;  die 
Zweite  aber  verdient  ohne  Zweifel  eine  sorgfältige  und  umsichtige  Prüfung. 
—  Uebrigens  ist  noch  erVähnenswerth,  dass  es  trotz  aller  Mühe  noch  nicht 
gelungen  ist,  von  manchen  heftigen  Giftpflanzen,  wie  z.  B.  von  dem  Wasser- 
schierling (Cicuta  virosa  L.)  das  Alkalo'id  darzustellen,  obwohl  Diese  zu 
den  Allergiftägsten  unseres  Vaterlandes  gehört  und  man  sich  sogar  vermes- 
sen hat,  die  Pflanze  selbst  für  unschädlich  zu  erklären ,  sobald  man  das 
gelbe ,  bloss  im   Wurzelstocke  vorfiudliche  Harz  entfernt. 

Im  Beginne  unseres  Jahrhunderts  schreibt  Professor  Bichat  (Anat.  gen 
T.  VI,  p.  18):  —  „Ce  n'est  point  unc  seien ce  pour  un  esprit  metliodique  : 
c'est  un  assemblage  informe  d'idees  inexaetes,   de  moyens   illusoires,  de  for- 


VI.   Buch.    Äphorism  55.  441 

tiges  Tages  zu  den  Seltensten  gehört.  Die  öftere  Wiederkehr 
dieses  Krankheit  s- Namens  lässt  uns  aber  fast  vermuthen,  dass 
dessen  Bedeutung  weiter  und  auf  alle  Gelenk-  und  Glieder- 
Schmerzen  der  untern  Extremitäten  ausgedehnt  werden 
muss.  Wenn  dem  wirklich  so  wäre,  so  würde  dieser  Aphorism 
dadurch  an  seiner  Richtigkeit  Nichts  verlieren.  Es  läge  aber 
hier  wieder  ein  Beleg  dafür  vor,  wie  vielerlei,  unter  sich  ganz 
verschiedene  Beschwerden  unter  einem  Namen  zusammen- 
gefasst  werden,  und  wie  wenig  es  dabei  möglich  ist,  das  Heil- 
verfahren nach  einer  allgemein  gültigen  Schablone  einzurichten. 
Mit  vollem  Rechte  hat  daher  Hahnemann  gegen  solchen  Namen- 
Unfug  geeifert,  welcher  noch  immer  in  vollem  Flore  steht  und 
nur  darin  sich  von  dem  der  Vorzeit  unterscheidet,  dass  man 
jetzt  zu   den  alten  Namen    noch  Neue    fabrizirt,    bei    deren 


mules  aussi  bizarrement  concues  que  fastidieusement  assamblees.  —  On 
dit  que  la  pratique  de  la  medecine  est  rebutante ;  je  dis  plus,  eile  n'est 
pas,  sous  certain  rapport,  celle  d'un  homme  raisonnable  ,  quand  on  puise 
les  principes  dans  la  plupart  de  nos  matieres  medicales."  —  Und  dass 
heutiges  Tages  die  Sache  noch  auf  demselben  Flecke  steht,  versichert  neuer- 
dings Professor  Forgat  (Des  obstacles  etc.)  mit  den  Worten :  „Le  jugement 
severe  inflige    par  Bichat  fut  toujours  et  est  encore  une  verite." 

La  medecine  actuelle  est  deviee  de  ses  voies  naturelles;  eile  a  perdu 
de  vue  son  but,  son  noble  but:  celui  de  soulager  ou  de  guerir.  La  the- 
rapeutique  est  rejetee  sur  le  dernier  plan.  Sans  therapeutique,  cependant, 
le  medeein  n'est  plus  qu'un  inutile  naturaliste  passant  sa  vie  a  reconnaitre, 
a  classer  et  dessiner  les  maladies  de  l'homme.  C'est  la  therapeutique  qui 
eleve  et  ennoblit  notre  art;  par  eile  seule  ,  il  a  un  but,  et  j'ajoute  que. 
par  eile  seule,   cet  art  peut  devenir  une  science. 

A.   de  Latour,  Union  med. 

Broussais  et  Brown  ont  fait  reculer  la  therapeutique  de  la  plupart  des 
maladies  de  plus  d'un  siecle. 

Dr.   Debreyne,  essai  anal,   et  synth. 

Experimenter,  c'est  ce  que  ces  messieurs  ne  veulent  pas  faire.  Con- 
damner  sans  entendre,  sans  examen,  ä  la  bonne  heure!  Mais  que  le  pre- 
mier  venu,  dans  un  Journal  de  medecine  quelconque,  preconise  un  medica- 
ment  nouveau,  aussitot  chacun  de  l'essayer,  de  l'adopter.  Peut  -  on  ima- 
giner  inconsequence  plus  grande? 

l'Homoeopathe  beige.   V,  3,  34. 


442  VI-  Buch.    Aphorism  56. 

Aussprache  man  Gefahr  läuft,  sich  die  Zunge  zu  verstauchen, 
ohne  dass  sie  selbst  auch  nur  den  mindesten  praktischen  Nutzen 
gewährten. 2) 


56.  Bei  schwarzgallichten  Krankheiten  sind  in  diesen  Jah- 
reszeiten die  Versetzungen  gefährlich,  indem  sie  auf 
Schlagfluss ,  Konvulsionen ,  Geistesverwirrung  oder 
Blindheit  hindeuten. 


Die  der  schwarzen  Galle,  die  oft  nur  vorausgesetzt 
wurde,  zugeschriebenen  Krankheiten  spielten  zu  den  Zeiten  des 
Hippokrates  eine  überaus  grosse  Rolle,  und  es  gehörten  dazu 
auch  die  Angegebenen.  Hier  soll,  wie  es  scheint,  nur  hervor- 
gehoben werden,  dass  solche  Versetzungen  auf  andere  Theile 
und  Organe  in  den,  im  vorhergehenden  Aphorism  [ig  tdds)  ge- 
nannten Jahreszeiten,  Frühling  und  Herbst,  am  (Häufigsten 
und)  Gefährlichsten  seien.  Wenn  wir  auch  zugeben  wollen,  dass 
zuweilen  derartige  Krankheiten  in  den  genannten  Perioden  mit 
grösserer  Heftigkeit  auftreten,  so  können  wir  uns  doch  schwer- 
lich mit  der  etwas  allzu  materialistischen  Ansicht  von  sol- 
chen Metastasen  einverstanden  erklären,  noch  viel  weniger 
aber  auf  eine  solche  zweifelhafte  Voraussetzung  einen  Kurplan 
bauen. 


2)  Gegen  Krankheiten,  deren  Sitz  in  dem  Innersten  des  Körpers  und 
in  der  Mischung  der  Säfte  selbst  ist ,  geben  wir  ganz  dreist  Arzneien, 
welche  uns  die  angemessensten  scheinen,  und  wissen  ihre  Wirkungen  mit 
einer  fast  mathematischen  Genauigkeit  auszurechnen  und  vorherzusagen 
aber  im  Podagra,  dessen  Sitz,  Fortgang  und  Ausgang  wir  vor  Augen 
haben  weigern  wir  uns,  etwas  anders  zu  thun,  als  dass  wir  den  Fuss  mit 
Flanell  umwickeln  lassen,  den  Kranken  zur  Geduld  ermahnen,  und  weite 
Schuhe  verordnen. 

Dr.   Stevensohn,  über  das  Podagra. 


VI.  Buch.     Aphorism  57,  68.  443 

57.     Der  Schlagfluss  aber  tritt  meistens  in  dem  Alter  vom 
vierzigsten  bis  zum  sechzigsten  Lebensjahre  ein. 


Dieser  Aphorism  schliesst  sich  dem  Vorhergehenden  an, 
was  nicht  nur  durch  das  Wörtchen  „aber"  (8  s)  angedeutet, 
sondern  auch  ausdrücklich  von  Galenus  behauptet  wird.  Hier 
wäre  also  die  Rede  von  einem,  durch  die  schwarze  Galle 
herbeigeführten  Schlag  flu  sse,  den  man  zu  unseren  Zeiten  der 
„überwiegenden  Venosität,  den  Stagnationen  im  Pfortader- 
System,  den  Saburralversessenheiten  im  Darmkanale", 
und  Dergleichen  zuschreibt.  Wir  wollen  Dem  nicht  widerspre- 
chen, und  auf  solche,  meistens  bloss  vermulhete  Ursachen  nicht 
näher  eingehen.  Das  Wenige,  was  sich  über  die  homöopathische 
Behandlung  des  Schlagflusses  hier  überhaupt  sagen  lässt, 
findet  sich  bereits  in  der  Glosse  zu  dem  Aphorism  II,  42.  Die- 
sem glauben  wir  hier  noch  beifügen  zu  müssen,  dass  für  den 
hier  gemeinten  Blutschlag,  ausser  den  dort  genannten  Mitteln, 
noch  besonders:  Ant.  crud.,  Ant.  tart.,  Ars.,  Aur.,  Beil.,  Calc, 
Coff.,  Ferr.,  Hyosc,  Ipec,  N.  vom.,  Ph.  ac,  Puls.,  Rhus,  Sarah., 
Sep.,  Stram.,  Thuj.  und  Veratr.  sich  zur  Wahl  stellen. 


58.     Wenn  das  Netz  austritt,  muss  es  nothw endig  in  faule 
Eiterung  übergehen. 


Bei  der  Kürze  und  Undeutlichkeit  dieses  Aphorims,  der 
deshalb  manchem  Kommentator  einige  Schwierigkeit  gemacht  hat, 
scheint  es  doch  keinem  Zweifel  zu  unterliegen,  dass  Hippokrates 
hier  einen  hervorgetretenen  und  dabei  eingeklemmten 
Netzbruch  (Epiplocele)  gemeint  hat,  der  bekanntlich  meistens 
vermittelst  der  Taxis  schwieriger  zurückzubringen  ist,  als  der 
Darmbruch.  Eben  so  ist  es  bekannt  und  durch  die  Erfah- 
rung   bestätigt,    dass    der    ausgetretene  Theil    des  Netzes    sehr 


444  VI-   Bl*ch.    Apliorism  58. 

bald  in  Eiterung  übergeht,   und    schneller,    als    dies    gewöhnlich 
beim  Netzdarmbruch  (Enleroepiplocele)  geschieht. 

Anstatt  aller  Angaben  über  die  heutige  allopathische  Be- 
handlung der  Brüche  überhaupt  wollen  wir  nur  kurz  erwähnen, 
was  der  berühmte  und  viel  erfahrene  Dietzenbach  (in  der 
med.  Zeit.  v.  d.  Verein  für  Heilkunde  in  Preussen  1833,  No.  2) 
darüber  sagt:  —  „Die  tiefen  anatomischen  Untersuchungen  der 
Bruchgegenden  berühmter  Anatomen  neuerer  Zeit  haben  für  den 
glücklichen  Erfolg  der  Operation  eingeklemmter  Brüche  wenig 
Nutzen  gestiftet,  ja  man  möchte  sagen  —  geschadet."  —  Und 
später  daselbst:  „Ich  glaube  mit  Recht  behaupten  zu  können, 
dass  wir  in  der  neueren  Zeit  in  operativer  Hinsicht  bei  den 
Brüchen  durch  unser  übermässiges  Streben  nach  Gründlichkeit 
sehr  weit  wieder  zurückgekommen  sind.  Wir  Deutschen  haben 
überhaupt  einen  eigenen  Stolz  auf  unsere  Gelehrsamkeit;  in 
praktischen  Dingen  vermögen  wir  aber  sehr  wenig  dadurch, 
wo  es  auf  klare  Anschauung,  gesunden  Menschenverstand,  scharfe 
Sinne  und  den  geschickten  Gebrauch  unserer  Gliedmaassen  an- 
kommt. Scarpa,  die  Hesselbache,  Seiler,  Langenbeck 
und  Andere  haben  zwar  ihre  grossen  Verdienste  in  anatomischer 
Beziehung,  aber  keines  ihrer  Werke  kann  sich,  was  die  Praxis 
anlangt,  mit  dem  von  Richter  messen,  und  wie  wenige  Wund- 
ärzte haben  Samuel  Gottlieb  Richter's  Schreibart  erreicht! 
Vielen  dünkt  diese  edle  Einfalt  zu  geringe;  sie  glauben  der 
Wissenschaft  durch  allerlei  künstliche  Systeme  und  eben  solche 
Schnörkel  und  Zierrathen  in  der  Sprache  einen  Gefallen  zu  thun, 
und  wähnen,  das  sei,  Gelehrsamkeit,  weil  der  Beschränkte  da- 
durch geblendet  wird."3)  —  Wir  dürfen  uns  glückwünschen,  dass 
kein  Homöopath  eine  solche  Sprache  geführt  hat. 


3)  Der  in  der  Geschichte  der  Medizin  berühmte  Araber  Arrasi  (Ehazes) 
erblindete  im  Alter,  und  verweigerte  die  Operation  einem  geschickten  Au- 
genarzte, weil  dieser  ihm  die  Zahl  der  Häute  im  Auge  nicht  richtig  ange- 
ben konnte. 


VI.  Buch.    Aphorism  58.  445 

Die  Homöopathie  heilt  alle  Arten  von  Brüchen,  wie  jede 
andere  Krankheit,  durch  vorschriftsrnässige  innere  Anwendung 
der,  hei  jedem  Falle  durch  die  Gesammtheit  der  Symptome  an- 
gezeigten Mittel,  wohei  nur  in  den  wenigsten  Fällen  eine  manu- 
elle Beihülfe  der  Taxis  erforderlich,  und  gewöhnlich  eine  richtige 
Körperlage  genügend  ist.  Sie  hat  für  die  verschiedenen  Arten 
derselben  eine  grosse  Auswahl  von  Arzneien ,  worunter  nicht 
leicht  eine  Solche  vermisst  wird,  welche  den  dabei  vorkommen- 
den wesentlichen  Zeichen  hinreichend  entspräche.  Die  haupt- 
sächlichsten Bruchmitte]  sind:  Acon.,  Alum.,  Asar.,  Aur.,  Beil., 
Bry.,  Calc,  Caps.,  Cham.,  Cocc,  Coloc,  Guaj.,  Lach.,  Lyc,  Magn., 
Nitr.  ac,  N.  vom.,  Op.,  Phosph.,  Plumb.,  Puls.,  Bhus,  Sep.,  Sil., 
Staph.,  Sulph.,  Sulph.  ac,  Thuj.,  Veratr.  und  Zinc. ;  wovon  für 
die  eingeklemmten  Brüche  am  Häutigsten  die  Wahl  schwankt 
zwischen:  Acon.,  Alum.,  Aur.,  Beil.,  Calc,  Caps.,  Cham.,  Coloc, 
Lach.,  Lyc,  Nitr.  ac,  N.  vom.,  Op.,  Plumb.,  Sil.,  Sulph.,  Sulph. 
ac.  oder  Veratr,  Die  Entscheidung  für  das  Eine  oder  das  An- 
dere von  diesen  Mitteln  ist  abhängig  von  der  Bruchstelle 
selbst,  aber  noch  weit  mehr  von  den  dabei  wahrzunehmenden 
Empfindungen  und  von  dem  äusseren  Aussehen  derselben, 
so  wie  noch  ganz  besonders  von  den  begleitenden  Sympto- 
men, weil  der  Bruch  kein  für  sich  ganz  allein  dastehendes  Lo- 
kall eiden  ist,  oder  es  doch  mindestens  nicht  lange  bleibt, 
sondern  jedesmal  und  oft  sehr  heftig  den  übrigen  Organismus 
in  Mitleidenschaft  zieht,  deren  Natur  und  therapeutische 
Anzeigen  sich  bald  deutlich  genug  erkennen  lassen.  Dass  wir 
dabei,  wenn  wir  rechtzeitig  herbeigerufen  werden,  von  der  Ope- 
ration Nichts  wissen  wollen,  versteht  sich  von  selbst,  und  wenn 
das  Uehel  bereits  eine  solche  Höhe  erreicht  hat,  dass  Brand 
oder  Eiterung  eingetreten  ist,  so  dürfen  wir  nur  unter  den 
gemessensten  Vorbehalten  dazu  unsere  Einwilligung  geben.  Wo- 
fern aber  schon  eine  allopathische  Behandlung  vorhergegangen 
ist,    so    ist   doppelte  Vorsicht  nöthig    und,    wo    immer    möglich, 


446  V1-  Buc!,:    Aphorism  59,  60. 

unsere  Beiheiligung  ganz  abzulehnen.  Dieser  letztere  Ralh  ist 
am  Nothwendigsten  den  jungen  Homöopathen  zu  geben,  deren 
Ruf  noch  nicht  fest  genug  begründet  steht,  um  den  Vorwürfen 
Trotz  bieten  zu  können,  wenn  etwa  der  zu  befürchtende  und  in 
einem  solchen  Stadium  oft  unvermeidliche  Tod  des  Patienten, 
wie  man  schwerlich  ermangeln  wird,  ihm  und  der  Homöopathie 
zugeschrieben  wird. 


59.  Wenn  bei  einem,  an  langwierigem  Hüftweh-Leidenden 
der  Kopf  des  Schenkelbeins  aus  der  Pfanne  heraus 
und  wieder  hinein  tritt,  so  sammelt  sich  dort  die  Ge- 
lenk-Feuchtigkeit an. 


60.  Wenn  bei  einem,  an  langwierigem  Hüftweh-Leidenden 
der  Kopf  des  Schenkelbeins  völlig  aus  der  Pfanne 
herausgetreten  ist,  so  schwindet  der  Schenkel,  und  er 
wird  damit  lahm,   wenn  er  nicht  gebrannt  wird. 


Das,  in  diesem  letzten  Aphorism  von  Hippokrates  zur  Hei- 
lung der  Coxalgie  als  einziges  Mittel  angerathene  Glüh  eisen 
ist  noch  heutiges  Tages  bei  den  Aerzten,  wenn  auch  nicht  das 
Alpha,  so  doch  in  der  Regel  das  Omega.  Langenbeck, 
Rust,  Chelius,  Brandts,  Jörg,  Volpi  und  viele  andere  un- 
serer allopathischen  Koryphäen  kommen  immer  wieder  auf  diese 
hippokratische  Kur  zurück,  nachdem  vorher  mancherlei  an- 
dere Dinge  vergeblich  versucht  waren.  Man  würde  dabei  den 
Mangel  an  dein  juc und e  allenfalls  übersehen  können,  wenn  der 
Erfolg  nur  tuto  wäre.  Aber  dem  ist  leider!  nicht  so,  und  von 
den  vielen,  durch  das  Hüftweh  in  der  allopathischen  Kur  lahm 
Gewordenen  wird  man  nur  Wenige  finden,  die  unter  andern 
Schmerzmitteln  nicht  auch  schon  die  Annehmlichkeiten  des  Glüh- 
cisens  geschmeckt  hätten.  Es  lässt  sich  deshalb  nicht  in  Ab- 
rede stellen,  dass  diese   sehr   häufig   vorkommende  Beschwerde, 


VI.   Buch.    Aphorism  60.  447 

wie  so  manche  Andere,  zu  Denjenigen  gehört,  wobei  die  allopa- 
thische Heilmethode  sehr  Vieles  zu  wünschen  übrig  lässt. 

So  schwierig  und  unsicher  die  Heilung  der  Coxalgie  auch 
für  den  Homöopathen  ist,  wenn  das  Uebei  lange  gedauert,  „alies 
Mögliche",  auch  das  Glüheisen  bereits  angewendet,  und  nun 
die  Verwachsung  des  Hüftgelenks  bereits  ausgebildet  ist, 
so  leicht  und  sicher  ist  die  homöopathische  Heilung  derselben, 
wenn  sie  erst  neu  entstanden  und  noch  in  keiner  Weise,  weder 
innerlich  noch  äusserlich,  behandelt  war.  In  solchen  Fällen  bieten 
sich  allerdings  gar  viele  Mittel  zur  Wahl  dar,  und  es  können 
nach  den  Umständen  alie  Folgende  angezeigt  sein :  Äcon.,  Ambr., 
Ap.  mel.,  Arg.,  Arn.,  Ars.,  Asa  foet.,  Aur.,  Beil.,  Bry.,  Calc, 
Canth.,  Caust.,  Cham.,  Coloc.,  Creos.,  Dig.,  Dros.,  Graph.,  Hep., 
Led.,  Lyc,  Merc,  Mezer.,  N.  vom.,  Oleand.,  Petr.,  Phosph.,  Puls., 
Rhus,  Ruta.,  Sabin.,  Sep.,  Sil.,  Staph.,  Sulph.,  Thuj.  und  Zinc. 
Aber  die  Art  der  Schmerzen  und  das  Verhalten  derselben 
nach  Zeit,  Lage  und  Umständen  befördern  sehr  die  Wahl. 
Dabei  tritt  noch  zu  Anfange  der  sehr  erleichternde  Umstand 
hinzu,  dass  bei  der  oft.  vorkommenden  Verkürzung  des  Beins 
zunächst  an  Ambr.,  Coloc,  Mezer.,  Oleand.,  Phosph.  und  Sep., 
und  bei  Verlängerung  desselben  an  Coloc,  Creos..  Rhus  und 
Sulph.  gedacht  werden  darf,  wenn  sonst  die  begleitenden  Symp- 
tome keine  Gegenindikation  enthalten.  Jedenfalls  muss  aber, 
wie  sich  von  selbst  versteht,  die  Gesammtheit  der  Zeichen, 
wie  überall,  den  Ausschlag  geben. 

Wir  haben  oben  gesagt,  dass  die  Heilung  veralteter  und 
schon  behandelter  C  oxalgien  schwierig  und  unsicher  sei,  müs- 
sen aber  doch  hier  beifügen,  dass  sie  darum  eben  nicht  immer 
unmöglich  und  zuweilen  schnell  genug  zu  bewirken  ist.  In 
unserem  Journale  finden  sich  Mehrere  dergleichen,  wovon  wir 
nur  die  Folgende  möglichst  kurz  anführen  wollen,  weil  sie  eini- 
ges Aufsehen  erregte:  —  Anna,  die  dreijährige  Tochter  des 
Postmeisters  Jansen  zu  Appelhülsen,  war  schon  seit  sechs  Wochen 


448  YI-   Kuc1'-    Aphorism   «0 

damit  behaftet,  als  wir  am  3.  November  1839  auf  der  Durch- 
reise diesen  Ort  berührten  und  von  den  bekümmerten  Eltern 
um  Hülfe  gebeten  wurden.  Wir  fanden  das  linke  Hüftgelenk 
ungeheuer  angeschwollen,  hart  und  schmerzhaft,  mit 
dicken  blauen  Adern  durchzogen,  das  Bein  um  beinahe  drei 
Zoll  verlängert,  ausserdem  beständigen  hektischen  Husten, 
fortwährenden,  besonders  nächtlichen  Durchfall,  Abmage- 
rung zum  Gerippe  u.  s.  vv.  —  ein  Bild  des  grössten  Jammers. 
Nachdem  allerlei  äussere  und  innere  Mittel  (gleichzeitig)  unter 
steter  Verschlimmerung  versucht  waren,  sollte  nun  das  Glüh- 
eisen angewendet  werden,  obwohl  die  Aerzte  selbst  bezweifelt 
hatten ,  ob  das  schwächliche  Kind  diese  Operation  überstehen 
würde.  Das  war  also  ein  exquisiter  Fall,  wie  er  sich  als  Probe- 
stück für  die  verhöhnte  junge  Wissenschaft  eignete.  Von  der 
Behandlung  wollen  wir  nur  erwähnen,  dass  des  Gesammtzustan- 
des  wegen  am  3.  Nov.  mit  Sulph.  ~60~  angefangen  wurde,  dem 
zweimal  Acon.,  einmal  Bhus,  dann  zweimal  Coloc.  mit  über- 
raschendem Erfolge,  dann  wieder  zweimal  Sulph.  und  eine 
Zwischengabe  Merc,  diese  alle  in  der  Dosis  von  W  folgten,  und 
bis  zum  20.  Dezember,  also  in  nicht  völlig  sieben  Wochen, 
das  Kind  völlig  geheilt,  entlassen  wurde.  Wir  haben  es 
später  als  blühendes  Mädchen  und  ganz  frei  auch  von  der  leise- 
sten Anmahnung  des  frühern  Leidens  oft  wiedergesehen. 

Für  Jeden,  auch  nur  halbwege  mit  der  Homöopathie  Ver- 
trauten ist  es  überflüssig  zu  erwähnen ,  dass  auch  bei  diesem, 
anscheinend  äusseren  Leiden,  alle  äusseren  Mittel  von  uns  durch- 
aus verworfen  werden. 


YII.  Buch. 


1.     Es    ist   schlimm.,    wenn    in    hitzigen   Krankheiten    die 
äusseren  Theile  kalt  werden. 


Eine  bekannte,  ungünstige  Erscheinung,  die  auch,  wiewohl 
seltener,  bei  chronischen,  in  Anfällen  sich  verschlimmernden 
Krankheiten  vorkommt,  und  die  sehr  häufig  mit  dem  Gefühle 
von  grosser  Hitze  und  Brennen  in  inneren  Theilen  ver- 
bunden ist.  Es  ist  Dies  ein  Symptom ,  wonach  allerdings  für 
sich  allein  kein  Mittel  zu  wählen,  was  aber  übrigens  von  gros- 
ser Wichtigkeit  und  nicht  zu  übersehen  ist.  Man  darf  dabei 
sein  Augenmerk  nicht  auf  die  gewöhnlich  sogenannten  Extre- 
mitäten, das  heisst :  bloss  auf  Hände  und  F  ü  s  s  e  beschränken, 
sondern  muss  es  vielmehr  auch  auf  andere  hervortretende  äus- 
sere Theile,  z.  B.  auf  die  Ohren,  die  Nase,  das  Kinn  etc., 
selbst  auf  die  Zunge  und  auf  die  Augäpfel  richten.  Die 
Arzneien,  welche  diesem  Symptome  am  Gewöhnlichsten,  freilich 
nicht  ausschliesslich  entsprechen,  sind:  Acon.,  Ant.  tart. ,  Ap. 
rael.,  Arn.,  Ars.,  Beil.,  Calc,  Camph.,  Carb.  veg.,  Cham.,  Cic.  vir., 
Cina.,  Dig.,  Dros.,  Hyosc,  Ignat.,  Jod.,  Ipec,  Kali,  Mezer.,  Mosch., 
Nitr.  ac,  N.  vom.,  Ph.  ac,  Pkt.,  Bhus,  Sulph.  und  Veratr.  Man 
sieht  daraus,   dass   das   erwähnte   bedenkliche  Zeichen  bei  sehr 


450  vn-  Buch.    Aphorism  2. 

verschiedenartigen  Krankheiten  eintreten  kann.  Aber  man  wird 
bei  richtiger  Anwendung  desjenigen  Mittels,  welches  genau  ho- 
möopathisch angezeigt  ist,  ebenfalls  finden,  dass  darum  nicht 
immer  alle  Hülfe  zu  spät  kommt. 


2.    Es   ist   schlimm,    wenn    auf  einem   kranken  Knochen 
das  Fleisch  bläulich  wird. 


Nicht  nur  bei  schlecht  behandelten  Knochenbrüche  n, 
oder  bei  Solchen  an  Personen,  die  dabei  übjygens  ungesund  sind, 
sondern  auch  bei  sonstigen  bösartigen  Knochengeschwüren 
kommt  diese,  mit  Brand  drohende  bläuliche  Farbe  der  Haut 
und  des  Fleisches  vor.  Es  ist  dann  die  höchste  Zeit,  von 
den  hierfür  angezeigten  Mitteln  (besonders:  Ars.,  Asa  foet.,  Aur., 
Con.,  Hep.,  Lach.,  Merc,  Sil.  oder  Veratr.)  schleunigst  Gebrauch 
zu  machen,  nachdem  darunter  mit  Umsicht  Dasjenige  ausgewählt 
ist,  was  durch  die  begleitenden  Zeichen  seine  homöopathische  Anzeige 
erhält.  Dann  aber  gelingt  es  jedesmal,  entweder  die  noch  nicht 
ausgebildete  Gangrän  zu  verhindern ,  oder,  wenn  der  Brand 
schon  vorhanden  ist,  den  brandigen  Theil  abzustossen  und 
dem  weiteren  Umsichgreifen  Desselben  vorzubeugen.  Wir  könn- 
ten, wenn  der  Raum  es  gestattete,  aus  unserem  Journale  mehrere 
Fälle  namhaft  anführen,  wo  aus  dieser  Ursache  die  Amputa- 
tion eines  Gliedes  bereits  beschlossen  war,  und  wo  dennoch 
Dieses  gerettet  und  erhalten  wurde.  Die  dadurch  mehrmals  ge- 
lungene Herstellung  des  Ernährers  einer  Familie,  die  sonst  der 
grössten  Armuth  und  der  fremden  Mildthätigkeit  anheim  gefallen 
wäre,  ist  wahrlich  eine  mehr  als  hinreichende  Belohnung  für  alle 
Mühe  und  allen  Fleiss,  ohne  welche  Niemand  die  zu  solchen  Er- 
folgen nölhige  Mittelkenntniss  erlangen  kann. 

Mit  der  oben  bezeichneten  bläulichen  Färbung  der  Haut 
und  des   Fleisches   darf  nicht   diejenige   Ungefährliche   ver- 


VII.  Buch.     Aphorism  3.  451 

wechselt  werden,  welche  nach  Stoss  oder  Quetschung  von 
einigem  Belange  einige  Tage  anhält,  aber  nach  den  Umständen 
meistens  durch  Arn.,  sonst  auch  durch  Beil.,  Com,  Lach.,  Puls, 
oder  Sulph.  äc.  sehr  bald  beseitigt  wird.  Eine  sonstige  Bläue 
der  Haut  an  leidenden  Theilen  giebt  häufig  eine  gute  Anzeige 
für  die  vielnützige  Lachesis. 4) 


3.    Es  ist  schlimm,  wenn  sich  nach  Erbrechen  Schluchzen 
und  Köthe  der  Augen  einstellen. 


Soviel  uns  bekannt  ist,  besitzen  wir  zur  Zeit  nur  ein  Mittel, 
zu  dessen  Zeichen  das  Schluchzen  nach  dem  Erbrechen  ge- 
hört, nämlich  den  Wissmuth.  Das  Schluchzen  von  Lach, 
nach  dem  Fieber  ist  gleichzeitig  von  Erbrechen  begleitet, 
und  dem  Schluchzen  nach  dem  Fieber  von  Ars.  fehlt  das 
Erbrechen,  welches  nur  beim  Froste  und  bei  der  Hitze,  nicht 
aber  beim  Schweisse  oder  nach  dem  Fieber  vorzukommen  pflegt. 
Bei  Beil.,  Bry.  und  Ruta  erscheint  ebenfalls  Schluchzen  und 
Erbrechen,  aber  nicht  nachher,  sondern  gleichzeitig,  und 
bei  Cupr.  folgt  das  Erbrechen  erst  nach  dem  Schluchzen. 
Alle  diese  Verschiedenheiten  gehören  wesentlich  zur  Charakteri- 
stik jener  einzelnen  Arzneien,  und  wenn  auch  nach  dem  Wort- 
laute (iitl)  die  obige  Uebersetzung  dieses  Aphorisms  gerechtfer- 
tigt erscheint:  so  darf  man  doch  nicht  vergessen,  dass  diese 
Präposition  ausserdem  noch  eine  Menge  verschiedener  Bedeu- 
tungen hat,  die  man,  ohne  einen  gar  zu  grossen  Fehler  zu  be- 
gehen, mit  vor,  bei  oder  wegen   wiedergeben  könnte.     Dann 


4)  Das  Vipernfleisch  nahm  schon  im  Alterthum  einen  bedeutenden 
Rang  in  der  Materia  medica  ein.  Aber  erst  die  genauen  Prüfungen  des 
Klapperschlangen-  und  Viperngiftes  auf  den  gesunden  menschlichen  Körper 
haben  uns  die  Eigenthümlichkeiten  seiner  umfangreichen  Wirkungen  gelehrt 
und  dadurch  befähigt,  dasselbe  erfolgreich  anzuwenden. 

29* 


452  vn*  Buch-    Aphorism  3. 

aber  gewinnt  der  ganze  Lehrsatz  ein  durchaus  anderes  Ansehen, 
und  es  kommt  zu  den  Genannten  noch  eine  grosse  Menge  an- 
derer Arzneien  hinzu,  bei  denen  das  Schluchzen  in  Verbin- 
dung mit  Erbrechen  allerdings  ein  gefährliches  Zeichen  ab- 
giebt.  Aus  diesen  wenigen  Bemerkungen  wird  man  leicht  ab- 
nehmen, wie  wesentlich  nothwendig  es  für  den  Homöopathen 
ist,  seine  Ausdrücke  jedesmal  so  zu  wählen,  dass  sie  nicht 
dem  mindesten  Zweifel  Raum  lassen,  und  dass  eben  erst  die 
scharfe  und  deutliche  Fassung  eines  Symptoms  ihm  die 
Eigenschaft  verleiht,  ein  brauchbares  Material  für  die  Auswahl 
eines  Arzneimittels  zu  liefern.5)     Dieses  Erforderniss  ist   daher 


5)  Zu  den  -wichtigsten  Anzeigen  des  einen  oder  des  andern  Arznei- 
mittels aus  den  Verschlimmerungen  oder  Besserungen  nach  Lage  und  Um- 
ständen muss  man  nothwendig  auch  Diejenigen  rechnen,  welche  beim  Lie- 
gen des  Kranken  beobachtet  werden.  Hierher  gehört  aber  nicht  allein  das 
Liegen  an  und  für  sich,  im  Gegensatze  zum  Aufrichten,  Sitzen,  Gehen, 
Stehen  u.  s.  w. ,  noch  auch  das  Liegen  im  Bette,  entweder  sitzend,  hoch 
mit  dem  Kopfe,  oder  horizontal,  oder  das  Liegen  auf  dem  Bauche,  auf  dem 
Bücken,  auf  der  rechten  oder  linken  Seite,  sondern  auch  noch  ganz  insbe- 
sondere das  Liegen  auf  der  schmerzhaften,  oder  auf  der  unschmerz- 
haften Seite,  welches  sehr  oft,  sowohl  bei  innern  Leiden  in  Kopf,  Brust 
und  Unterleib,  als  auch  bei  Aeusseren  an  Rumpf  und  Gliedern,  die  schliess- 
liche  Entscheidung  für  das  passendste  und  hülfreichste  Mittel  sichert. 
Diese  Unterscheidung,  ein  ausschliessliches  Eigenthum  der  Homöopathie, 
welche  die  Allopathie  weder  physiologisch  zu  erklären,  noch  therapeuthisch 
zu  verwerthen  versteht,  ist  von  solcher  Erheblichkeit,  dass  man  kaum  be- 
greift, wie  sie  oft  von  angehenden  Homöopathen  ignorirt  und  nur  gar  zu 
häufig  in  ihren  Heilungsgeschichten  vermisst  wird,  während  Auskultation 
und  Perkussion  heute  niemals  mehr  fehlen.  Wenn  es  aucli  noch  manche 
Mittel  giebt,  wobei  der  in  Rede  stehende  Unterschied  noch  nicht  ganz  zwei- 
fellos konstatirt  ist:  so  giebt  es  Deren  doch  schon  eine  grosse  Anzahl,  wo- 
von man  es  mit  Sicherheit  weiss  und  täglich  durch  die  (Erfahrung  b 
sehen  kann.  Diese  Arzneien,  deren  Symptome  jederzeit  durch  Liegen  auf 
der  schmerzhaften  Seite  erhöht  werden,  sind  etwa  Folgende:  Acon., 
Agar.,  Amm.  c,  Ars.,  Bar.,  Calad.,  Cina,  Cycl.,  Dros.,  Graph.,  Guaj., 
II ep.,  Jod.,  Lach.,  Laur.,  Lyc,  Magn,,  ttagn,  mar.,  Uaschw,  Nitr.,  Nitr. 
ac,  N.  mosch. ,  N.  vom.,  Pa*.,  ivtr.,  Phosph.,  Ph.  ac,  Bheum.,  Kot«., 
Sabud.,  Selen.,  Sil.,  Spong.,  Staph.  und  Thuj.  Diejenigen  hingegen,  boi  <l«iicn 
Erhöhung  der  Beschwerden  im  Liegen  auf  der  nnBchmer ahaften  Seite 


VII.  Buch.     Aphorism  3.  453 

von  der  grössten  Wichtigkeit,  und  wenn  uns  in  der  Reinen  Arz- 
neimittel-Lehre der  Mangel  daran  oft  in  Zweifel  lässt,  ob  eine 
Arznei  in  allen  Beziehungen  passend  ist,  oder  nicht:  so  liegt 
offenbar  die  Schuld  nur  darin,  dass  man  Dieses  früher  nicht  in 
dem  Maasse  und  Umfange  eingesehen  hat,  wie  wir  es  jetzt  thun. 
Aber  selbst  heutiges  Tages  müssen  wir  eine  ganz  ähnliche  Man- 
gelhaftigkeit bei  den  neueren  Prüfungen  beklagen,  und  am 
Meisten  bei  Denen,  die  unter  dem  Namen  von  Symptomen- 
Fragmenten  oder  Beiträgen  von  noch  neuen,  ungeprüften 
Mitteln  hier  und  dort  auftauchen,  aber,  weil  sie  unbrauchbar 
sind,  ebenso  schnell  wieder  vergessen  werden.  Unser  „thera- 
peutisches Taschenbuch"  (Münster,  Coppenrath  1846) 
konnte  nur  zum  Theil  die  Lücken  ausfüllen,  denen  man  in  der 
Praxis  überall  begegnet,  und  die  Vervollständigung  und 
scharfe  Abgrenzung  jedes  wesentlichen  Symptoms,  wozu 
die  blosse  Handarbeit  der  Repertorien  durchaus  nicht  ausreicht, 
muss  eine  Hauptaufgabe  für  unsere  Nachkommen  sein,  denen  es 
an  dem  dazu  nöthigen  Materiale  nicht  so  mangeln  wird,  wie  uns. 
Mit  der  Röthe  der  Augen  nach  (oder  von)  Erbrechen 
hat  es  ganz  dieselbe  Bewandniss,  wie  mit  dem  Schluchzen, 
und  wenn  man  auch  bei  dieser  Erscheinung  zunächst  auf  Ap. 
mel.,  Arn.,  Asar.,  Bry.,  Chin.,  Lyc,  N.  vom.,  Puls.,  Sep.,  Sil. 
oder  Veratr.  hingewiesen  wird,  so  ist  das  Alles  doch  gar  zu 
unbestimmt,  um  mit  Sicherheit  darauf  einen  Schluss ,  oder  eine 
Arzneiwahl  zu  begründen. 


regelmässig  statt  findet,  sind  Folgende:  Ambr,,  Arn.,  Bry.,  Calc.,  Cann., 
Canst.,  Cham.,  Chin.,  Coloc,  Fluor,  ac.,  Ignat.,  Kali,  Mgs.,  M.  austr., 
Puls.,  Ehus,  See.  com.,  Sep.,  Stann.  und  Viol.  tric.  —  Es  ist  sehr  zu 
wünschen,  dass  diese  beiden  Beihen  durch  sorgfältige  und  wiederholte  Beo- 
bachtungen erweitert,  und  dass  namentlich  bei  den  Arzneien,  welche  reich 
sind  an  Wechselwirkungen,  die  Hauptsächlichsten  und  Nutzbarsten  ermit- 
telt werden. 


454  vn-  Buch-     Aphorism  4. 

4.    Es  ist  schlimm,  wenn  auf  Schweiss  Frostschaiider  folgt. 


In  diesen)  Aphorism  haben  wir  wieder  dieselbe  Unbe- 
stimmtheit zu  beklagen,  wie  in  dem  Vorigen.  Nur  von  sehr 
wenigen  Arzneien  wissen  wir  bis  jetzt,  dass  Frostschauder 
nach  dem  anfänglichen  blossen  Schweisse  folgt,  nämlich  nur 
von  Carb.  veg.,  Hep.  und  N.  vom.;  denn  dass  hier  nicht  von 
dem  Froste  nach  Erhitzung  mit  Schweiss  die  Rede  sein  kann, 
versteht  sich  wohl  von  selbst.  Dagegen  haben  wir  ein  Paar 
Mittel  mehr,  wo  diese  beiden  Zeichen,  Schweiss  und  darauf 
Frostschauder,  miteinander  abwechseln  und  in  solcher 
Weise  mehrmals  aufeinander  folgen,  nämlich:  Ars.,  Chin.,  Mezer., 
N.  vom.  und  Spig.  Wenn  aber  der  Schweiss  vor  dem  nach- 
folgenden Froste,  oder  im  Wechsel  damit,  gleichzeitig,  wie 
gewöhnlich  von  mehr  oder  weniger  Hitze  begleitet  ist:  so  wird 
die  Reihe  der  darauf  passenden  Mittel  von  ansehnlicher  Länge, 
und  wir  finden  dieses  Doppel- Symptom  in  vorzüglichem 
Grade  bei:  Acon.,  Amm.  mur.,  Ant.  tart.,  Beil.,  ßry.,  Calc,  Canth., 
Caps.,  Caust.,  Chain.,  Chin.,  Cina.,  Gem.,  Cocc,  Creos.,  Dros., 
Graph.,  Hell.,  Hep.,  Ignat.,  Ipec,  Kali,  Lach.,  Lyc,  Merc,  Mosch., 
Natr.  mur.,  Nitr.  ac,  N.  vom.,  Op.,  Phosph.,  Puls.,  Rheum, 
Rhus,  Sabad.,  Samb.,  Selen.,  Sep.,  Spig.,  Slram.,  Sulph.,  Veratr. 
und  Vit.;  ohne  Diejenigen  namhaft  zu  machen,  die  ausserdem 
noch  Andeutungen  dazu  geben,  und  daher  wenigstens  von  der 
Wahl  nicht  ganz  ausgeschlossen  werden  dürfen,  —  Hier  haben 
wir  also  wieder  einen  neuen  Beleg,  sowohl  zu  der  oben  bereits 
erwähnten  Notwendigkeit  der  scharfen  und  unzweideu- 
tigen Fassung  der  Symptome,  als  auch  zu  der  grossen  Menge 
der  positiven  Erfahrungen,  welche  die  Homöopathie  in  der 
kurzen  Zeit  ihres  Bestehens  bereits  zu  Tage  gefördert  hat  und 
als  werthvolles  Material  zu  ihren  Heilungen  benutzt. 


VII.  Buch.    Aphorism  5.  455 

5.    Es  ist  gut,  wenn  sich  zum  Wahnsinn  Durchfall,  Was- 
sersucht oder  Starrsucht  gesellt. 


Es  ist  wohl  nicht  zu  bezweifeln,  dass  Hippokrates  in  diesem 
Aphorism  von  den  Metastasen  bei  Gemüths-  und  Geistes- 
Krankheiten  redet,  und  dass  die  Erfahrung  ihm  eine  Besserung 
dabei  nachgewiesen  hat,  sobald  sich  die  angeführten  körperlichen 
Beschwerden  einstellten.  Solche  Ereignisse  kommen  auch  jetzt 
noch  nicht  eben  selten  vor,  aber  eben  so  auch  das  Umge- 
kehrte, wo  nämlich  auf  diese  oder  andere  Körp erb  escb wer- 
den eine  Geistes- Krank  heil  eintritt  und  damit  Jene  auf- 
hört. Indessen  hat  diese  Erfahrung  über  solche  Metastasen 
von  Geist  auf  Körper,  oder  von  Körper  auf  Geist,  für  die  Heil- 
praxis einen  sehr  untergeordneten,  man  möchte  sagen,  gar  keinen 
Werth,  und  zwar  aus  zweifachen  Gründen.  Erstens  nämlich 
wird  Niemand  darin  eine  wahre  Heilung  erkennen  können, 
wenn  nur  die  Form  einer  Krankheit  gewechselt  wird,  und 
zweitens  wird  der  Arzt  schwerlich  im  Stande  sein,  wenigstens 
nicht  ohne  anderweitige  Gefahr,  willkührlich  solche  Metas- 
tasen hervorzubringen,  und  wenn  Solches  ihm  gelänge  und  er 
nachher  die  künstlich  erzeugte  Krankheit  wieder  beseitigen  müssle, 
so  würde  in  den  meisten  Fällen  die  ungeh eilte  frühere 
Krankheit  wieder  zum  Vorschein  kommen.  Unter  solchen 
Umständen  ist  es  einleuchtend,  dass  dieser  Aphorism  wohl  in 
physiologischer  und  pathologischer  Beziehung  als  ein, 
unbestreitbar  die  innige  Verbindung  zwischen  Geist  und  Kör- 
per beweisender  Lehrsatz  einigen  Werth  haben,  hei  dem  Homöo- 
pathen aber  in  Beziehung  auf  seine  Behandlung  solcher  Kranken 
keine  Anwendung  finden  kann,  indem  er  die  Mittel  in  der  Hand 
hat,  um  unmittelbar  darauf  einwirken  zu  können,  und  es  ihm 
daher  an  jeder  Veranlassung  fehlt,  zur  Erreichung  seines  Zwecks 
neue  Krankheiten  zu  schaffen ,  wenn  er  auch  dazu  im  Stande 
wäre. 


456  VI1'   Buch-     Aphorism  6. 

6.  Es  ist  schlimm,  wenn  sich  bei  einer  langwierigen 
Krankheit  Abneigung  gegen  alle  Nahrungsmittel  und 
un vermischte  Stuhlausleerungen  einstellen. 


Unter  unvermischten  (ax^rog)  Stuhlausleerungen  versteht 
Hippokrates  Solche,  die  aus  einem  homogenen  Stoffe,  wie 
Schleim,  Blut,  Galle  u.  s.  w.  bestehen,  ohne  dass  sie  na- 
türlichen Koth  in  ihrer  Mischung  enthalten.  Solche  innormale 
Ausleerungen  deuten  allerdings  auf  bedeutende  Erkrankungen  der 
Verdauungsorgane  und  der  damit  in  nächster  Verbindung  stehenden 
Theile.  Aber  die  Höhe  der  Gefahr  richtet  sich  dabei  zunächst 
nach  der  Verschiedenheit  der  ausgeleerten  Stoffe,  und  dann 
eben  so  sehr  nach  den  begleitenden  Symptomen.  Solange 
also  dem  Erfordernisse  der  vollständigen  Bezeichnung  dieser  Mo- 
mente bei  der  Angabe  der  Beschwerde  nicht  entsprochen  ist, 
kann  weder  in  Bezug  auf  die  Prognose  ein  Urtheil  gefasst, 
noch  in  Bezug  auf  das  Heilmittel  eine  Wahl  getroffen  werden. 

Auf  Veranlassung  dieser,  so  wie  Mehrerer  der  vorhergehen- 
den Glossen ,  möge  es  uns  erlaubt  sein ,  im  Vorbeigehen  ein 
kurzes  Wort  über  die  Mangelhaftigkeit  der  medizinischen 
Terminologie  und  über  die  Nothwendigkeit  einer  du  rchgrei- 
fenden  Be form  Derselben  hier  anzuknüpfen.  Wenn  man  sich 
auch  nur  ganz  oberflächlich  darin  umsieht,  so  begegnet  man  auf 
der  einen  Seite  einem  Ueberflusse  von  Namen,  die  dasselbe 
bedeuten  oder  mindestens  bedeuten  sollen,  und  auf  der  Andern 
Benennungen  und  Ausdrücke,  unter  denen  gar  Vieles  und 
ganz  Verschiedenes  verstanden  wird  und  verstanden  werden  soll. 
Derselbe  Fehler  bestand  in  ganz  gleicher  Art  in  der  Botanik, 
und  erst  seitdem  der  unsterbliche  Linne  (f  1778),  neben  einer 
systematischen  Klassifikation  der  Gewächse,  eine  feste 
Terminologie  für  alle  Theile  und  Formen  aufgestellt  hatte, 
konnte  sie  in  dem  Zeiträume  von  kaum  einem  halben  Jahrhun- 
derte mehr  als  zehnmal  so  grosse  Fortschritte   machen,   als 


VII.  Buch.    Aphorism  6.  457 

in  den  mehr  als  zwanzig  vorhergehenden  Jahrhunderten,  welche 
seit  dem  Zeitalter  des  Theophrastus  (f  286  Jahre  vor  Christi 
Gehurt)  gemacht  waren.  Diese  bekannten  Thatsachen  überheben 
uns  vollkommen  aller  weitläufigen  Ausführung  und  Nachweisung 
über  die  dringende  Notwendigkeit  einer  feststehenden  und  von 
der  ganzen  gelehrten  Welt  angenommenen  und  befolgten  medi- 
zinischen Terminologie.6)  Wie  Diese  auszuführen  und  dem 
Zwecke  gemäss  am  Besten  zu  behandeln  wäre ,  ist  weder  hier 
der  Ort  zu  besprechen,  noch  auch  unserem  Standpunkte  ange- 
messen, darüber  unseren  Rath  aufzudringen.  Nur  so  viel  dürfen 
wir  wohl  wagen  zu  behaupten,  dass  jeder  A  usdruck  so  muss 
beschaffen  sein,  dass  er  jedesmal  etwas  Unabän  derliches  und 
Unzweifelhaftes  bezeichnet, und  dass  vermittelst  einer  diagno- 
sisartigen  Verbindung  solcher  Ausdrücke,  wie  bei  der 
Botanik,  der  unterscheidende  Charakter  so  scharf  und  be- 
stimmt muss  ausgedrückt  sein,  dass  keine.  Verwechselung  mög- 
lich bleibt.  Aus  diesem  Grunde  kann  die  Sache  auch  nicht  mit 
blossen  Krankheitsnamen  abgemacht  sein,  sondern  es  ist 
dabei  auch  noch  nöthig,  nachdem  Diese  gehörig  klassifizirt  und 
geordnet  sind,  für  jede  Gattung,  jede  Art  und  jede  Spielart 
eine  spezielle  Diagnose  beizufügen,  welche  die  individuellen 
Merkmale  derselben  enthält  und  deutlich  ausspricht.  —  Eine 
solche,  wenn  auch  vorerst  nur  theilweise  vollständige  und  be- 
friedigende Arbeit,  würde  ohne  allen  Zweifel  sich  des  ungetheil- 
testen  Beifalls  der  ganzen  medizinischen  Welt  zu  erfreuen  haben, 


6)  Bereits  gegen  das  Ende  des  ersten  Jahrhunderts  unserer  Zeitrech- 
nung bemühte  sich  Archigenes  eine  Terminologie  für  die  verschiedenen 
Arten  der  Schmerzen  aufzustellen.  Leider  hat  dieser  Versuch  keine  Folgen 
gehabt,  und  es  ist  zu  beklagen,  dass  er  gleich  von  Vorne  herein  auf  Irr- 
wege gerieth,  indem  aus  dem  Schmerze  der  Sitz  der  Krankheit  gefolgert 
werden  sollte. 

Die  Notwendigkeit  genauer  Terminologien  spricht  sich  selbst  in  ein- 
zelnen Zweigen  der  Naturgeschichte  aus,  und  die  Entomologen  haben  noch 
kürzlich  die  „Terminologia  entomologica"  von  J.  Müller  in  Brunn  mit 
Freuden  begrüsst. 


458  vn-  Buch-     Aphorism  7. 

und  dürfte  kaum  anders,  als  aus  dem  Schoosse  der  Homöo- 
pathie, die  darin  schon  so  bedeutend  vorgearbeitet  hat,  ihre 
Verwirklichung  erwarten  dürfen.7) 


7.    Es  ist  schlimm,    wenn   in  Folge    von  Uebermaass  im 
Weingenusse    sich  Starrfrost   und  Irrereden   einstellen. 


Hier  kann  nur,  wie  auch  Foesius  (Oecon.  Hipp,  ad  vocem 
■jtolvnoöLri  pag.  522)  bemerkt,  von  einem  Weinrausche  die 
Rede  sein,  weil  bekanntlich  der  Branntwein8)  zu  den  Zeiten 
des  Hippokrates  noch  völlig  unbekannt  war,  indem  dieser  erst 
gegen  das  Ende  des  13.  Jahrhunderts  (wahrscheinlich  durch  die 
Araber)  erfunden  und  verbreitet  wurde  und  eben  so  wenig  das 
Bier  damals  im  Gebrauche  war.9)  Obwohl  aber  damals,  wie 
es  noch  heute  in  den  südlichen  Ländern  Sitte  ist,  der  Wein 
gewöhnlich  mit  Wasser  vermischt  (nach  Hesiodus,  auf  3 
Theile  Wein   1    Theil   Wasser,   nach   Anakreon,  auf   1  Theil 


7)  Wir  erlauben  uns,  in  dieser  Beziehung  auf  die  sehwachen  Versuche 
hinzuweisen,  die  wir  in  unserem  „Hom.  Hausarzte  in  kurzen  thera- 
peutischen Diagnosen"  (l.  Heft  Münster  bei  Fr.  Regensberg  1853) 
und  in  der  „Hom.  Behandlung  des  Keuchhustens"  (Münster  bei 
Coppenrath  1860)  gewagt  haben,  den  Anhängern  unserer  Heilmethode  vor- 
zulegen. 

8)  Im  Rhazes  finden  wir  die  erste  Spur  vom  Arrak  (vina  falsa  ex 
cuccaro,  melle  et  rico).  Zweifelhaft  ist  es,  ob  der  „Wein  aus  Reis"  bei 
Aristoteles  (bist.  an.  8),  Strabo  (Lib.  15)  und  Aelian  (hist.  an.  13)  dahin 
gehört. 

Wenn  auch  schon  zu  Alexanders  des  Grossen  Zeiten  Arrak  (eigent- 
lich AI  Rak)  getrunken  wurde:  so  war  doch  im  Jahre  1333  die  Fabrika- 
tion des  Branntweins-  in  Europa  noch  ein  Geheimniss    der  Chemiker. 

9)  Den  Unterschied  zwischen  Bier-  und  Weinrausch  selbst  im 
Schlafe  bezeichnet  Lemnius  (de  occultis  naturae  miraculis  II,  19)  mit  fol- 
genden wenigen,  aber  sehr  charakteristischen  Worten :  ,,Ex  cerevisia:  capite 
in  cervices  devoluto,  hiantique  ore  dormiunt.  Ex  vino  autem:  facie  men- 
toque  in  pectus  inclinato."  —  Dieses  deutet  für  den  ersten  Fall  auf  Rhus, 
für  den  Zweiten  auf  N.  vom. 


VII.  Buch.     Aphorism  7.  459 

Wein  2  Theile  Wasser),  getrunken  wurde:  so  gab  es  doch,  wie 
heute,  ebenfalls  Personen,  die  ihn  unvermischt  und  dabei  in 
solchem  Uebermaasse  genossen,  dass  davon  dieselben  Folgen 
entstanden,  wie  wir  sie  heutiges  Tages  so  oft  zu  beklagen  haben. 
Indessen  scheinen  in  diesem  Aphorism  zwei  ganz  verschiedene 
Wirkungen  der  Trunkenheit  angedeutet  zusein,  nämlich  ein- 
mal der  einfache,  aber  bedeutendere  Rausch  von  einmaligem 
Uebermaasse,  und  andermal  die  eigentliche  Säuferkrank- 
heit,  welche  wir  gewöhnlich  mit  dem  Namen  Delirium  tre- 
mens bezeichnen. 10) 

Im  ersten  Falle  liegt  der  Betrunkene  oft  ganz  besin- 
nungslos und  über  und  über  kalt  da,  wie  eine  Leiche,  und 
dies  ist  der  Zustand,  wo  zur  Rettung  desselben  das  reichliche 
Begi essen  mit  sehr  kaltem  Wasser  zu  Anfange  allen  andern 
Mitteln  vorzuziehen  ist.  Wenn  dies  aber  keine  genügende  und 
andauernde  Hülfe  bringt,  und  besonders  dann,  wenn  dabei  das 
Gesicht  roth  und  die  Augen  starr  werden,  so  muss  Mohn- 
saft, zuweilen  auch  Äcon.  und  Beil.,  zur  Anwendung  gezogen 
werden.  Die  oft  beim  Erwachen  aus  dem  Rausch  schlafe  noch 
vorhandenen  Beschwerden  sind  meistens  von  der  Art ,  dass  sie 
am  Besten  durch  N.  vom.  oder  Carb.  veg.  beseitigt  werden 
können. 


10)  Selten  oder  nie  erscheint  das  Delirium  tremens  bei  blossen  Bier- 
trinkern; bei  blossen  Branntweintrinkern  findet  es  sich  nur  in  eini- 
gen mehr  oder  minder  ausgesprochenen  Andeutungen;  aber  in  seiner  voll- 
sten Ausbildung  und  mit  allen  seinen  charakteristischen  Symptomen  befällt  es 
solche  Personen,  die  Bier  und  Branntwein  in  gleichem  Uebermaasse 
trinken. 

In  Schweden  bedient  man  sich  eines  etwas  barbarischen,  aber  übrigens 
wahrhaft  homöopathischen  Mittels  gegen  die  Trunksucht.  Solche  Subjekte 
werden  nämlich  eingesperrt  und  erhalten  keinerlei  Speisen  oder  Getränke, 
welche  nicht  mit  Branntwein  versetzt  sind.  Nach  Verlauf  von  vier  oder 
fünf  Tagen  schon  verlassen  sie  ihr  Gefängniss  vollständig  geheilt,  indem 
der  mindeste  Branntwein-Geruch  sie  anwidert  und  Ekel  erregt. 


460  VIL  Buch-    Aphorism  7. 

Weit  schlimmer  ist  es,  wenn  sich  in  Folge  habitueller  Be- 
friedigung der  eigentlichen  Trunksucht  der  Säuferwahnsinn 
(delirium  tremens)  eingestellt  hat.    Hier  hat  das  Uebel  nicht  nur 
die  Natur  einer  chronischen  (Arznei-) Krankheit  angenommen, 
sondern    setzt   auch    der  Heilung    ein    schwer    zu    beseitigendes 
Hinderniss  in  dem  steten  Bedürfnisse  des  Trinkens  entge- 
gen, welches  allein  im  Stande  ist,   die  Qualen  des  Trunksüchti- 
gen vorübergehend  zu  beschwichtigen  und  daher  unwiderstehlich 
dazu  antreibt.     Gegen  diese  Krankheit  hat  man  zahlreiche  Mittel 
empfohlen  und   auch  wohl   mit   einigem  Erfolge   zur  Anwendung 
gebracht;    aber    die  Wiederkehr   des    täglich    unabweisslich    sich 
einstellenden   Bedürfnisses   dauerhaft   zu    beseitigen,    hat    bisher 
nicht  recht  gelingen  wollen.     Wir   freuen   uns  daher,   hier    eine 
diätetische  Erfahrung  mittheilen  zu  können,  wonach  wir  diesen 
Zweck    am  Vollständigsien   haben   erreichen   sehen,    nämlich    die 
schon  in  der  Glosse  zu  Aph.  V,  64   erwähnte  Milchkur.     Es 
versteht  sich  von  selbst,  dass  zuvörderst  die  krankhaften  Erschei- 
nungen,  welche   das   delirium   tremens  begleiten,   arzneilich 
beseitigt  werden  müssen,  was  am  Gewöhnlichsten  und   meistens 
in  nicht  langer  Zeit  durch  Op.,  N.  vom.,  Beil.,  Hyosc.  oder  Stram., 
in  selteneren  Fällen   auch  noch    durch   Anac,    Aur.    oder  Thuj. 
zu  bewirken  ist.    Dann  aber  wird  sich  der  Kranke,  welcher  nun 
wenigstens  dahin   gelangt    sein   wird,    den   ganzen  Umfang   des, 
von  seiner  unseligen  Leidenschaft  abhängigen  Unglücks  zu  über- 
sehen, unverweigerlich  der  strengsten  Mil  chdiät  gern  unter- 
ziehen, und  zwar,  wo  möglich,    in    der   Ausdehnung,    dass    alle 
flüssigen    Nahrungsmittel,    welche    er   von   Früh   bis  Abends   zu 
sich  nimmt,  lediglich  aus  Milch  bestehen.    Bei  solcher  diäte- 
tischen Lebensweise  gelangt  er  schon  in  wenigen  Wochen  dahin, 
dass   ihn  jede   Art  von   geistigen  Getränken    förmlich    anwidert, 
und  dass  er,  wenn  dazu  genöthigt,  nur  mit  der  grössten  Ueber- 
windung  und  mit  sichtlichem  Ekel  ein  Glas  davon  herunterwürgt. 
Nur  dann   erst  darf  man    sagen,    dass   der  Trunksüchtige  voll- 


VII.  Buch.     Aphorism  8.  461 

ständig  und  dauerhaft   von   seiner  leidigen  Krankheit  geheilt  ist. 

—  Wir  verweisen  übrigens  auf  die  schon  erwähnte  Glosse  zum 
Aph.V,  64. 


Wenn  eine  Eitergeschwulst    nach  Innen   aufbricht,  so 
entsteht  davon  Entkräftung,  Erbrechen  und  Ohnmacht. 


Einige  Kommentatoren  sind  der  Meinung  gewesen,  dass 
wegen  des  angegebenen  Erbrechens  in  diesem  Lehrspruche 
nur  von  einem  Geschwüre  im  Magen  die  Rede  sein  könne. 
Dass  diese  Meinung  aber  aus  dem  angegebenen  Grunde  nicht 
haltbar  ist,  hat  die  Erfahrung  in  vielen  Fällen  nachgewiesen,  in- 
dem selbst  beim  Aufbrechen  einer  Vomica  in  der  Lunge  ähn- 
liche Nebenbeschwerden  und  namentlich  auch  das  Erbrechen 
einzutreten  pflegen,  ohne  dass  der  Eiter  sich  in  den  Magen  er- 
giesst.  Es  ist  dies  eine  noch  nicht  befriedigend  aufgeklärte  Er- 
scheinung, die  aber  darum  nicht  minder  ihre  volle  Richtigkeit 
hat.  Glücklicher  Weise  hat  man  jetzt  durch  die  Lehre  von  der 
Auskultation11)  und  Perkussion12)  sichere  Wege  gefun- 
den, um  dergleichen  Irrthümer  zu  vermeiden.  Aber  zur  Heilung 
solcher  Krankheiten  tragen  sie  nur  wenig  bei,  und  die  Homöo- 
pathie lässt  sich  dadurch  nicht  von  ihrer  Behandlungsweise  ab- 
wendig machen,  welche  unabänderlich  auf  die  Gesammtheit 
der   wahrzunehmenden   Zeichen   gerichtet   bleibt.      Wenn   wir 


11)  Ob  wohl  Dr.  Erhard  vermittelst  seines  Tympanoskops  (der 
hundertfach  vergrößerten  Trommelhöhle)  im  lebenden  Organismus,  wie 
man  zu  sagen  pflegt,  das  „G-ras  wachsen  hören"  kann? 

12)  In  der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  hatte  Dr.  Auerbrügger  in  Wien 
schon  die  Perkussion  des  Brustkastens  erfunden,  welche  später  durch  Cor- 
visart  kultivirt  wurde. 

Die  erste  Andeutung  von  der  Auerbrüggischen,  durch  Laennee  vervoll- 
ständigten Perkussion  der  Brust  geben  bereits  die  „koi'schen  Vorher- 
sehuhgen"  No.  409,  so  wie  eine  weitere  im  DU.  Buche  „von  den  Krank- 
heiten", in  der  vollständigen  Sammlung  der  hippokratischen  Schriften. 


462  vn-  Buch'    Aphorism  9. 

daher  auch  gerne  zugehen  wollen,  dass  durch  diese  neueren 
Veranstaltungen  zur  sicherern  Erkenntniss  des  Sitzes  und  der 
Beschaffenheit  irgend  eines  inneren  Hebels  ein  grosser  Fort- 
schritt gemacht  wurde:  so  dürfen  wir  Diesen  doch  nicht  allzu 
hoch  anschlagen  und  nicht  verkennen ,  dass  dadurch  für  die 
eigentliche  Heilung  Desselben,  oder,  worauf  es  am  Ende  doch 
lediglich  ankommt,  für  die  richtige  Wahl  der  hülfreichsten  Arz- 
nei Wenig  oder  Nichts  gewonnen  ist.  Die  jüngeren  Aerzte 
haben  deshalb  eben  keine  grosse  Ursache,  ihre  Kenntnisse  so 
hoch  über  die  der  alten,  erfahrenen  Praktiker  zu  stellen,  und 
am  Wenigsten  Solche,  welche  über  dem  Studium  des  physio- 
logischen Theils  ihrer  medizinischen  Wissenschaft  Dasjenige 
versäumt  haben,  was  die  genaue  Kenntniss  der  Arzneimittel- 
lehre betrifft  und  ohne  Zweifel  für  eine  erfolgreiche  Praxis  von 
weit  grösserer  Erheblichkeit  gewesen  wäre. l3)  Für  die  neueren 
Stoffwechsel-Pathologen14)  sind  solche  Untersuchungen 
vollends  ganz  unnütz. 


9.     Es  ist  schlimm,  wenn  sich  nach  einer  Verblutung  De- 
lirien und  Konvulsionen  einstellen. 


Dieser  Aphorism  ist  in  der  Hauptsache  eine  Wiederholung 
des  Aphorisms  V,  3,  worauf  wir  deshalb  verweisen.  Da  wir  in- 
dessen im  Aveiteren  Fortgange  dieser  Schrift  es  für  angemessen 
(und  für  Einige  auch  wohl  belehrend)  erachtet  haben,  gelegent- 
lich die  Mittel  namhaft  zu  machen,  deren  sich  die  Homöopathie 


13)  Seit  1830  bildete  sich  allmählig  aus  der  pathologisch-anatomischen 
Medizin  die  Physiologische  heraus. 

14)  Nach  Beseitigung  der  Hunioral-  und  der  Solidar-Pathologie  ist  in 
der  neueren  Zeit  eine  Stoffwechsel-Pathologie  aufgestanden,  der  zufolge  die 
Krankheit  nur  in  einer  Störung  der  Stoffmischung,  sowohl  der  festen,  als 
der  flüssigen  Theile,  seinen  Grund  haben  soll. 


VII.  Buch.     Aphorism  10.  463 

in  solchen  Fällen  mit  entschiedenem  Erfolge  zu  bedienen  pflegt : 
so  möge  das  auch  hier  in  aller  Kürze  geschehen.  Die  Delirien, 
welche  in  Folge  starker  Blutverluste  eintreten,  sind  meistens 
von  der  Art,  dass  sie  auf  Arn.,  Ars.,  Beil.,  Ignat.,  Lach.,  Lyc, 
Phosph.,  Ph.  ac,  Scill.,  Sep.,  Sulph.  oder  Veratr.  passen;  die 
Konvulsionen  aber  auf  Ars.,  Beil.,  Calc,  Cina,  Con,,  Ignat., 
Lyc,  N.  vom.,  Puls.,  Sulph.  oder  Veratr.  Die  Wahl  unter  diesen 
Mitteln,  welche  zunächst  nur  die  Anamnese  angegeben  hat, 
muss,  wie  sich  von  selbst  versteht,  nach  dem  unabänder- 
lichen Fundamental-Prinzipe  der  Homöopathie  getroffen 
werden,  und  es  können  dann  auch  noch  einige  Fälle  vorkommen, 
wo  andere  Arzneien  den  Vorzug  verdienen,  die  genauer,  als  Eins 
der  Genannten,  der  Gesammtheit  der  Krankheit  entsprechen. 
Dennoch  werden  solche  Ausnahmen  zu  den  Seltenheiten  gehö- 
ren, so  dass  eine  Aufzählung  dieser  Letztern  eben  so  unnöthig 
erscheint,  als  sie  für  den  Anfänger  die  Entscheidung  in  der  Wahl 
nur  erschweren  würde. 


10.     Es  ist  schlimm,  wenn  sich  bei  der   Darmgicht  Erbre- 
chen, Schluchzen,  Konvulsionen  oder  Delirien  einstellen. 


Dem,  was  wir  in  der  Glosse  zu  dem  Aphorism  VI,  44  über 
den  Ileus  und  über  die  dagegen  bis  jetzt  sich  hülfreich  erwie- 
senen Mittel  bereits  gesagt  haben,  finden  wir  hier  Nichts  beizu- 
fügen. Die  im  Vorstehenden  angeführten  Symptome  zeigen  deut- 
lich an,  dass  die  Krankheit  ihren  höchsten  Gipfel  erreicht  hat, 
und  das  mithin  die  Heilung  dieses  an  sich  schon  so  gefährlichen 
Uebels,  wenn  es  bereits  in  dieses  Stadium  übergegangen  ist, 
kaum  noch  zu  hoffen,  niemals  aber  mehr  zu  versprechen  ist. 


464  VII.  Buch.    Aphorism  11. 

11.     Es  ist  schlimm,  wenn  eine  Brustfellentzündung  in  eine 
Lungenentzündung  übergeht. 


Einige  Kommentatoren  haben  die  Vermuthung  ausgesprochen, 
dass  Hippokrates,  wegen  seiner  nicht  ausreichenden  anatomi- 
schen Kenntnisse  schwerlich  im  Stande  gewesen  sein  könnte, 
die  beiden  genannten  Entzündungen  gehörig  und  mit  derjenigen 
Sicherheit  von  einander  zu  unterscheiden,  wie  wir  es  jetzt  kön- 
nen. Und  doch  scheint  der  vorstehende  Aphorism  hinreichend 
das  Gegentheil  zu  beweisen,  indem  er  (in  den  koischen  Vorher- 
sehungen  III,  11)  schon  den  Uebergang  der  Brustfellentzün- 
dung in  Lungenentzündung  angeführt,  und  hier  die  Letz- 
tere als  die  Gefährlichere  bezeichnet  hat.  Viel  leichter  dürfte 
damals  eine  Verwechselung  mit  dem  sogenannten  falschen 
(rheumatischen)  Seitenstiche  gewesen  sein,  wobei  oft  auch 
das  Fieber  in  grosser  Heftigkeit  auftreten  kann.  Wenn  wir 
dabei  noch  bedenken,  dass  die  Brustfellentzündung  sich 
gewöhnlich  in  Beziehung  auf  ihre  Nebensymptome  in  weit  enge- 
ren Grenzen  bewegt,  als  die  wahre  Lungenentzündung,  und 
daher  auch  für  Jene  die  Zahl  der  zur  Wahl  kommenden  Arzneien 
weit  geringer  ist,  als  für  die  Letztere:  so  wird  man  doch  zu- 
geben müssen,  dass  Hippokrates  im  Allgemeinen  die  Unterschiede 
wohl  gekannt  hat. 15) 

Bei  der  Brustfellentzündung  (Pleuritis),  die  man  auch 
wohl  den  hitzigen  Seitenstich  nennt,  treten  kaum  andere, 
als  die  nachfolgenden  wenigen  Arzneien  in  Konkurrenz:  Acori., 
Arn.,  Bry.,  Kali,  Phosph.,  Seih1,  und  Sulph.  Dagegen  hat  man 
hei  der  wirklichen 'Lungenentzündung  eine  sorgfältige  Wahl 
zu  treffen  unter  den   folgenden  Mitteln:  Acon.,  Ant.  tart.,  Beil., 


15)  Die  Geschichte  der  ersten  Dogmatikev  hat  aus  eine  seltsame 
Prognose  von  einem  Mnesistheus  aus  Athen  aufbewahrt,  wonach  nämlich 
hei  Brustentzündungen  Diejenigen  genesen,  welche  im  Anfange  Verlangen 
nach  Zwiebeln  haben,  wogegen  Diejenigen  sterben,  welche  Feigen  verlangen. 
Plutarch   qunest.  nat.) 


VII.  Buch.    Aphorism  11.  465 

Bry.,  Cann.,  Canth.,  Chin.,  Hyosc,  Lach.,  Lyc,  Merc,  Phosph., 
Puls.,  Rhus,  Sabad.,  Scill.,  Seneg.,  Sep.,  Stram.  und  Sulph.  Bei 
dem  falschen  Seitenstiche  handelt  es  sich  meistens  um 
Acon.,  Arn.,  Bry.,  Chin.,  Lach.,  N.  vom.,  Puls.,  Sabad.  oder  Sulph. 
Alle  diese  (und  noch  einige  andere  seltener  vorkommende)  Mittel 
haben  durch  ihre  Prüfungen  am  Gesunden  Symptome  ergeben, 
welche  den  genannten  Entzündungen  in  Aehnlichkeit  entsprechen, 
obwohl  Jedes  davon  seine  besonderen  Eigentümlichkeiten  be- 
sitzt, so  wie  sie  auch  in  ihrer  richtigen  homöopathischen  Anwen- 
dung am  Krankenbette  jedesmal,  oft  in  unglaublich  kurzer  Zeit, 
und  ohne  alle  Beihülfe  des  antiphlogistischen  Apparats, 
die  vollständigste  Heilung  bewirkten. 16)  Solche  glänzende  und 
überraschende  Heilerfolge  sind  bei  einigen  Gelegenheiten  die 
Hauptveranlassung  gewesen,  dass  sie  das  Erstaunen  der  allo- 
pathischen Aerzte  erregt  und  Diese  bewogen  haben ,  sich  dem 
ernstlichen  Studium  der  Homöopathie  zu  widmen.  —  Verba  do- 
cent,  exempla  trahunt! 


16)  Ich  habe  mich  bereits  bei  der  Therapie  der  croupösen  Pneumonie 
auf  die  Seite  der  wenigen  Kinderärzte  gestellt,  welche  sich  entschie- 
den gegen  die  schablonenhafte  Verordnung  von  Blutentziehungen  ausspre- 
chen. Noch  entschiedener  muss  ich  bei  der  katarrhalischen 
Pneumonie  die  Anwendung  der  Blutentziehungen  überhaupt 
verwerfen.  Der  Vortheil,  den  die  Blutentziehung  bringt,  ist  weder  erheb- 
lich, noch  dauernd,  die  Nachtheile  aber  sind  hier  ungleich  grösser  und  nach- 
haltiger, als  bei  der  croupösen  Pneumonie.  Gerade  Das,  was  wir  im  Ver- 
laufe der  Bronchopneumonie  am  Meisten  zu  fürchten  haben ,  den  Kräfte- 
verfall, das  Sinken  der  Energie  der  Athmungsmuskeln,  Anhäfung  der 
Bronchialsekrete,  Athmungsinsuffizienz  und  Kohleiisäurenarkose,  gerade  Das 
rufen  wir  durch  die  Blutentziehung  hervor,  oder  befördern  doch  jedenfalls 
seinen  Eintritt.  Bei  einer  Affektion,  deren  Dauer  wir  nicht,  wie  bei  einer 
croupösen  Pneumonie  nach  Tagen  berechnen  können,  sondern  die  sich  viel- 
leicht durch  Wochen,  ja  durch  Monate  hinzieht,  ist  die  Erhaltung  der 
Kräfte  und  einer  energischen  Athmungsthätigkeit  die  dringendste  Indikation, 
und  erst  in  zweiter  Reihe  die  Berücksichtigung  des  entzündlichen  Prozesses 
in  der  Lunge.  Dr.  H.  Ziemssen ,  Pleur.  und  Pneum. 

30 


466  VU.  Buch.  Aphorism  12. 

12.     Es  ist  schlimm,   wenn  eine  Lungenentzündung  in  eine 
Gehirnentzündung  übergeht. 


So  wie  heutiges  Tages  Lungenentzündungen,  nament- 
lich Solche,  die  mit  reichlichen  Aderlässen  behandelt  werden, 
sehr  leicht  einen  nervösen  Charakter  annehmen,  oder  in  wirk- 
liche, oft  bösartige  Nervenfieber  übergehen:  so  hat  es  in 
früherer  Zeit,  wie  die  Geschichte  der  Arzneikunde  nachweist, 
förmliche  Epidemien  gegeben,  wo  jene  Krankheit  fast  regel- 
mässig mit  Gehirnentzündung  verbunden  war  und  damit 
endete.  Auch  heute  kommt  das  Letztere,  aber  mehr  sporadisch 
und  selten  vor,  und  die  uns  bekannt  gewordenen  Fälle  beweg- 
ten sich  in  Bezug  auf  die  Gesammtheit  der  Symptome  innerhalb 
der  Zeichen-Grenzen  von  Acon.,  Beil.,  Bry.,  Cann.,  Canth.,  Hyosc, 
Lach.,  Merc,  N.  vom.,  Phosph.,  Puls.,  Bhus,  Stram.  oder  Sulph. 
Diese  Mittel  aber,  mit  Ausschluss  von  Canth.  und  mit  Hinzutritt 
von  Arn.,  sind  merkwürdiger  Weise  ebenfalls  dieselben  Mittel, 
welche  bei  solchen  Ueb ergangen  in  nervöse  Fieber  zuerst 
in  Betracht  kommen.  Man  wird  hieraus  zwei,  nicht  unerheb- 
liche Schlüsse  für  die  Praxis  ziehen  können,  nämlich:  dass 
erstens  der  Beginn  und  der  Verlauf  einer  Krankheit,  eben 
so  wie  eine  Anamnese,17)  bei  der  Mittelwahl  eine  notwen- 
dige Berücksichtigung  verdienten,  und  dass  zweitens  die,  den 
Arzneien  inwohnende  Kraft,  sohald  sie  (durch  Potenzirung) 
gehörig  entwickelt  ist,  einen  Wirkungsumfang  besitzt,  der 
sich  weit  üher  die  pathologischen  Formen,  aber  niemals 
über  den  wahren  Charakter  jedes   einzelnen  Mittels    hinaus 

17)  „Mitunter"— -erinnert  Gross  (A.  H.  Z  XXII,  S.  215)  „hängt  bei 
der  Wahl  eines  homöopathischen  Arzneimittels  so  viel  von  der  Kenntniss 
des  Moments  ab,  wodurch  die  Krankheit  veranlasst  wurde,  dass  man  ohne 
dieselbe  nicht  sicher  zum  Zwecke  kommt."  —  Und  doch  hat  es  Homöo- 
pathen gegeben,  und  es  giebt  Deren  noch,  welche  die  anamnestischen  Zei- 
chen unbeachtet  lassen,  und  am  Meisten  Solche,  welche  Hahnemann  als  die 
Hauptquellen  der  chronischen  Krankheiten  gelehrt  hat. 


VII.  Buch.    Aphorism  12.  467 

erstreckt.18)  Dagegen  hat  man  sich  wohl  zu  hüten,  solche 
Schlüsse  über  die  Gebühr  auszudehnen  und  blindlings  in  Anwen- 
dung zu  bringen.  Denn  meistens  wird  durch  die  einmal  gege- 
bene, homöopathisch  richtig  gewählte  Arznei  der  Charakter  der 
Krankheit  in  kurzer  Zeit  dergestalt  umgeändert,  dass  nun  ein 
anderes  Mittel  angezeigt  wird.  Daher  die  häufige  Erfahrung, 
dass  der  leichtsinnige  und  unverständige  Fort  gebrauch  der- 
selben Arznei  oft  mehr  schadet,  als  nützt,  und  dass  selbst  die 
unmittelbare  Aufeinanderfolge  zweier  Mittel,  die  unter  sich 
sehr  ähnlich  sind,  oft  keine  befriedigende  Wirkung  thut.  Dieser, 
alten  und  aufmerksamen  Praktikern  sehr  wohl  bekannte  Erfah- 
rungssatz ist  eben  so  merkwürdig  für  die  Th  eorie,  als  beachtens- 
werth    für    die    Praxis.19)  —  Wie    deutlich    Hahnematm   Dies 


18)  Nach  Mayerhofer's  mikroskopischen  Messungen  der  Metallstäub - 
eben  in  den  homöopathischen  Verreibungen  beträgt  ihr  Durchmesser  Vi 200 
bis  V2000  einer  Linie,  so  dass  der  kubische  Inhalt  eines  Metallkügelchens 
wenigstens  64  Mal  kleiner  ist,  als  der  eines  Menschenblutkügelchens ,  und 
dass  daher  die  höchst  fein  vertheilten  Metallkörnchen  frei  und  ungehindert 
alle  Gebilde  durchdringen.  Da  man  nun  annimmt,  dass  das  Blut  in  20 
bis  30  Sekunden  (?)  seinen  Kreislauf  im  Körper  vollendet,  so  kommen  also 
in  dieser  kurzen  Zeit  die  fein  vertheilten  Körnchen  mit  allen  Nervenenden 
in  Berührung,  daher  die  rasche  und  kräftige  Wirkung,  weil  nach  den  besten 
Beobachtern  die  Arzneiwirkung  vorwiegend  mehr  von  den  Nervenenden  als 
von  den  Nervencentren  ausgeht.  —  Freilich  wird  diese  Ansicht,  obwohl 
sie  denen  eines  Albert,  Panizza,  Schultz,  Coindet  u.  A.  entspricht,  nicht 
jeden  Homöopathen  befriedigen,  und  am  Wenigsten  Den,  der  Gelegenheit 
gehabt  hat,  die  Wirkungen  der  höchsten  Potenzen  zu  beobachten. 

19)  Dem  bisherigen  Brauche  gemäss  wird  die  Wirkungsdauer  einer 
jeden  Medizin  in  der  Kegel  nach  der  Analogie  der  Verdauung  berechnet. 
Man  lässt  also  gewöhnlich  alle  2  Stunden  eine  Dosis  desselben  Gemisches 
einnehmen  und  damit  steigen,  wenn  die  Wirkung  nachzulassen  scheint. 
Diese  Sitte  beruht  auf  der  irrigen  Ansicht,  dass  die  Arznei  gleich  einem 
Nahrungsmittel  verdaut  werden  müsse.  So  wenig  aber  die  Mühle,  welche 
das  Korn  zermalmt  und  das  Mehl  von  der  Hülse  trennt,  die  geistige  Kraft 
des  Biers  oder  Branntweins  daraus  zu  entwickeln  vermag,  eben  so  wenig 
kann  der  Magen  die  arzneilichen  Bestandtheile  von  den  Unarzneilichen 
scheiden.  Jedes  Organ  im  menschlichen  Körper  hat  seine  naturgemässe 
Bestimmung;  was  Dieser  zuwider  läuft,  kann  das  Organ  als  Solches  nicht 
verrichten. 

30* 


468  VII.  Buch.     Aphorism  12. 

schon  bei  Zeiten  eingesehen  hat,  was  sonst  wohl  manchem  Ho- 
möopathen noch  heute  unbekannt  ist,  erhellt  aus  einer  Stelle 
eines  (eben  vor  uns  liegenden)  Facsimile  Desselben,  worin  er 
die  Eigenwirkungen  von  N.  vom.,  Ignat.,  "Cham,,  Puls,  und  Chin. 
bei  einem  zur  Berathung  vorgelegten  Krankheitsfalle  miteinander 
vergleicht  und  folgender  Maassen  scbliesst:  — -  „Da  nun  diese 
Mittel  einander  sehr  respondiren  (China  ausgenommen)  und  Eins 
die  Fehler  und  Nachtheile  des  Andern  wegnimmt  (wenn  man 
nur  nicht  Ignat.  auf  Nux,  oder  Nux  auf  Ignat.  unmittelbar 
folgen  lässt,  die  sich  nicht  wohl  hintereinander  schicken, 
weil  sie  sich  allzu  ähnelnde  Arzneien  sind):  so  können 
Sie  selbst  ermessen,  welche  Reihenfolge  Sie  unter  Ignat.,  Puls., 
Nux  und  Cham,  wählen  können ,  wenn  nicht  das  Erste ,  oder 
Eins  der  Andern  allein  schon  hinreichend  ist.  China  hat  wenig 
oder  nichts  für  sich,  und  ist  also  nicht  zu  wählen.  Zu  Cham, 
muss  mehr  Nachtdurst  sein,  als  jetzt  da  war,  und  mehr  Aerger- 
lichkeit  u.-  s.  w."  —  Hätte  Hahnemann  damals  schon  die  Hoch- 
potenzen gekannt,  so  würde  er  die  obige  Kau  tele  über  die 
Reihenfolge  der  Arzneien  noch  weiter  ausgedehnt  und  noch 
schärfer  präzisirt,  die  Wiederholungen  aber  für  gänzlich  un- 
statthaft erklärt  haben,20)  wie  mehrere  seiner  erfahrungsreich- 
sten Nachfolger,  namentlich  Stapf  und  Gross  gethan  haben,  und 
zwar  aus  dem  Grunde,  weil  durch  die  höhere  Potenzirung 
der    Wirkungskreis   der  Mittel    immer   mehr   erweitert21) 


20)  Viele  jüngere  Homöopathen  scheinen  nicht  zu  wissen  oder  ver- 
gessen zu  haben,  dass  hei  mehreren  Arzneien  die  Erst-  und  Nach-Wirkun- 
gen  zu  wiederholten  Malen  miteinander  abwechseln,  mithin,  so  lange  dies 
geschieht,  die  Wirkung  einer  Gabe  nicht  vollendet  ist.  Schon  in  der  ersten 
Kindheit  der  Homöopathie  hatte  Hahnemann  dies  erkannt,  und  bereits  in 
seinen  „Fragmentis"  vom  Jahre  1805  heisst  es  in  der  ersten  Anmerkung  zu 
Aconitum  Nap. :  „Per  totum  operationis  hujus  plantae  curriculum  vires 
urimi  ordinis  et  subsequae  secundi  ordinis  paroxysmis  brevibus  rcpetutit, 
bis,  ter,  quater,  antequam  effectus  totus  exspiret." 

21)  Wenn  der  Eine  a  priori,  d.  h.  ungeprüft,  leugnet,  und  der  An- 


VH.  Buch.     Aphorism  12.  469 

mithin  die  Heilung  durch  eine  geringere  Zahl  Derselben  und 
in  kürzerer  Zeit  erreicht  wird,  und  die  zweite  oder  weitere 
Gabe  nichts  für  sie  Heilbares  m#ir  vorDndet. 2a) 


dere  a  posteriori,  d.  h.  nach  Versuchen,  behauptet,  dass  der  Umfang 
der  Arzneikräfte  durch  Reiben  und  Schütteln  erweitert  wird:  so  steht  dem 
Letztern  eine  alte  Erfahrung  zur  Seite ,  welche  Hahnemann  bereits  im 
Jahre  1826  mittheilte.  Wir  lesen  nämlich  in  einer  Anmerkung  des  Vor- 
worts zum  Lebensbaume  (R.  A.-M.-L.  V.  Band,  S.  123,  2.  Aufl.)  folgende 
denkwürdigen  und  keine  Deutelei  zulassenden  Worte,  welche  wir  hier  un- 
verkürzt wiedergeben,  weil  heutiges  Tages  viele,  vielleicht  die  meisten  Ho- 
möopathen die  Original- Quellen  unseres  Wissens  nicht  besitzen  oder  ver- 
schmähen. Sie  lauten:  —  ,,Die  Entdeckung,  dass  die  rohen  Arznei- 
substanzen (trockene  und  flüssige)  durch  Reiben  oder  Schütteln  mit  unarz- 
neilichen  Dingen  ihre  Arzneikraft  immer  mehr  e  ntfalten  und  in  desto 
grösserem  Umfange,  je  weiter,  länger  und  mit  je  mehr  Stärke  dieses 
Reiben  oder  Schütteln  mit  unarzneilichen  Substanzen  fortgesetzt  wird,  so 
dass  aller  materielle  Stoff  derselben  sich  nach  und  nach  in  lauter  arz- 
neilichen  Geist  aufzulösen  und  zu  verwandeln  scheint  — ;  diese,  vor 
mir  unerhörte  Entdeckung  ist  von  unaussprechlichem  Werthe  und 
so  unleugbar,  dass  die  Zweifler,  welche  aus  Unkenntniss  der  unerschöpf- 
lichen Natur  in  den  homöopathischen  Verdünnungen  nichts  als  mechanische 
Zertheilung  und  Verkleinerung  bis  zum  Nichts  (also  Vernichtung  ihrer 
Arzneikraft)  vermuthen,  verstummen  müssen,  sobald  sie  die  Erf  ah  rung 
fragen."  —  Wer  Augen  hat  zu  sehen,  wird  sich  leicht  daraus  überzeugen, 
dass  hier  nicht  die  (materielle)  Heftigkeit,  sondern  vielmehr  der  um- 
fangreichere Kreis  der  Arzneiwirkungen  durch  das  fortgesetzte  s.  g. 
Verdünnen,  und  der  Vorzug  der  60.  (Centesimal-)  Verdünnung  in  dieser 
Beziehung  vor  den  Niederen  gemeint  ist.  Dies  wird  überdem  auf  der  fol- 
genden Seite  (124)  nach  „unzähligen  genauen  Versuchen"  von  den 
übrigen  „hohen  Arznei-Verdünnungen"  ausdrücklich  bestätigt.  Wenn  man 
auch  die  Wahrheit  dieser  Versicherung  des  „redlichen  Forschers"  bezweifelt, 
warum  stellt  man  dann  nicht  wenigstens  vergleichende  Versuche  darüber 
an ,  wie  hundert  Andere  gethan  haben,  deren  treue  Versicherungen  man 
ebenso  wenig  gelten  lässt? 

22)  Wir  wissen  recht  gut,  dass  Einiges  von  dem,  in  der  vorstehenden 
Glosse  Gesagten  zur  Zeit  noch  von  vielen  Homöopathen  bezweifelt  und 
sogar  geleugnet  wird.  Allein  das  hat  uns  nicht  verhindern  können,  unsere, 
auf  langjähriger  Erfahrung  und  tausendfältigen  Thatsachen  begründete  Ueber- 
zeugung  unverhohlen  auszusprechen.  Wir  beanspruchen  indessen  weder 
hier,  noch  anderswo,  einen  blossen  Glauben,  sondern  wünschen  nur  im  In- 
teresse der  Wahrheit  und  der  Wissenschaft  die  besondere  Aufmerksamkeit 
unserer  Kollegen  darauf  hinzulenken,  und  sie  zu  Versuchen  zu 


470  VIL  Buch.     Apkorism    13. 

13.     Es  ist  schlimm,    wenn    mit    heftiger    Fieberhitze    sich 
klonische  und  tonische  Krämpfe  einstellen. 


Obwohl  unsere  Erfahrungen  noch  nicht  zahlreich  genug  sind,  um  dar- 
auf eine  sichere  Regel  zu  begründen:  so  glauben  wir  doch  die  Aufmerk- 
samkeit auf  eine  Beobachtung  lenken  zu  dürfen,  welche  bisher  noch  keine 
Beachtung  gefunden  hat,  obwohl  sie  dem  unwandelbaren  Grundprinzip  aller 
und  jeder  wahren  Heilung  (Similia  Similibus!)  entspricht.  Bei  denjenigen 
Krankheiten  nämlich,  welche,  wie  Pocken,  Masern,  Scharlach  etc.,  in  der 
Eegel  nur  einmal  den  Menschen  zu  befallen  pflegen,  hat  es  uns  mehrfach 
geschienen,  dass  jede  Wiederholung  der  streng  homöopathisch  angezeig- 
ten Arznei,  zumal  in  den  höchsten  Dynamisationen,  nur  zum  Nachtheil, 
mindestens  zur  Verzögerung  der  Genesung  dient,  während  bei  anderen 
Krankheiten  solche  Wiederholungen  in  der  Regel  um  so  nöthiger  sind,  je 
öfterer  sie  einzutreten  pflegen.  In  jenen  Fällen  thut  eine  einzige  kleinste 
Gabe  der  richtig  gewählten  Arznei,  wenn  man  sie  ruhig  auswirken  lässt, 
nicht  nur  Alles,  was  man  überhaupt  dabei  von  Arznei  erwarten  darf,  son- 
dern wir  haben  auch  nicht  selten  erfahren,  dass  unter  diesen  Umständen 
dieselbe  Arznei,  nach  Jahr  und  Tag,  auch  bei  scheinbar  grösster  Ange- 
messenheit gegen  andere  Krankheiten  angewendet,  den  Erwartungen  nur 
theilweise  entspricht,  und  zwar  vorzugsweise  dann,  wenn  der  früheren  Gabe 
Zeit  gegönnt  war,  ihre  Wirkung  vollständig  zu  beendigen.  Vielleicht  grün- 
det sich  hierauf  auch  die  Warnung  des  vielerfahrenen  Dr.  Wolf:  die  feinste 
Gabe  Thuja  gegen  das  Pocken-Miasma  nicht  zu  wiederholen,  sondern  ruhig 
auswirken  zu  lassen,   es  möge  dauern,  so  lange  es  wolle. 

Fast  alle  Homöopathen  von  langjähriger  Erfahrung  und  scharfer  Beo- 
bachtung, —  und  nur  Diese  allein  können  ein  vollgültiges  Urtheil  abgeben, 
—  sind  darüber  einstimmig,  dass,  namentlich  in  chronischen  Krankheiten, 
die  einmal  in  Thätigkeit  gesetzte  richtige  Arznei  ungestört  ihre  Wirkung 
vollenden  muss,  wenn  man  damit  den  ganzen  Erfolg  erlangen  will.  Einige 
noch  Unerfahrene  haben  diese  Krankheiten  mit  perennirenden  Unkräutern 
(wie  Tussilago,  Aegopodium,  Humulus  etc.)  vergleichen  wollen,  welche  da- 
durch am  Sichersten  ausgerottet  werden,  dass  man  sie  stets  und  wieder- 
holt ihres  Blattorgans  beraubt  und  also  unausgesetzt  äusserlich  behandelt. 
Das  ist  aber  durchaus  irrig,  indem  die  chronischen  Krankheiten  zu  ihrem 
Bestehen  nicht  nur  der  äusseren  Erscheinungen  keineswegs  bedürfen,  son- 
dern im  Gegentheile  im  Innern  ihre  Wurzeln  um  so  weiter  ausbreiten,  je- 
mehr  die  äusseren  (vikarirenden)  Zeichen  zerstört  oder  zurückgetrieben 
werden.  Jener  Vergleich  ist  also  durchaus  unpassend  und  kann  niemals 
zu  einer  Hinweisung  auf  eine  vernünftige  und  zweckmässige  Behandlung 
dienen.  Es  folgt  Dies  aus  der  dynamischen  Natur  und  Beschaffenheit  jeder 
wahren  Krankheit,  die  niemals  rein  lokal,  sondern  jederzeit  von  der  im- 
materiellen Lebenskraft,    also    vom    lebendigen    Gesammt- Organismus    ab- 


VII.  Buch.    Aphorism  14.  471 

Einige  Kommentatoren  haben  das  Wort  xavpaötv,  anstatt 
mit  Fieberhitze,  mit  Wunden  übersetzt,  wozu  wir  den  Grund 
nicht  absehen  können.  Uebrigens  ist  der  Lehrsatz  für  viele, 
wenn  auch  nicht  für  alle  Fälle  in  der  Erfahrung  begründet.  Dies 
wird  dem  Kenner  sogleich  einleuchten,  wenn  er  die  Arzneien 
miteinander  vergleicht,  welche  hier  am  Gewöhnlichsten  zur  An- 
wendung kommen.  Diese  sind  nämlich  für  klonische  Krämpfe 
zunächst:  Ars.,  Beil.,  Bry.,  Calc,  Camph.,  Carb.  veg.,  Cham., 
Cic.  vir.,  Dulc,  Hyosc,  Ignat.,  Ipec,  Kali,  Lyc,  Merc,  Natr. 
mur.,  Op.,  Phosph.,  Ph.  ac,  Rhus,  Sep.,  Sil,  Stann.,  Stram., 
Sulph.  und  Veratr.  Bei  tonischen  Krämpfen  hingegen  sind  es 
vorzüglich:  Beil.,  Calc,  Camph.,  Cham.,  Cic,  Cocc,  Hyosc,  Ignat., 
Ipec,  Kali,  Lyc,  Merc,  Mosch.,  Natr.  mur.,  N.  vom.,  Op.,  Pete, 
Phosph.,  Rhus,  Sep.,  Sil.,  Stram.,  Sulph.  und  Veratr.  Unter 
Diesen  dürften  die  Gefährlichsten  Diejenigen  sein,  welche  mit  ihren 
begleitenden  Beschwerden  auf  Ars.,  Beil.,  Camph.,  Carb.  veg., 
Hyosc,  Op.,  Sep.,  Stram.  und  Veratr.  passen. 


14.    Es  ist  schlimm,    wenn    nach    einem  Schlage    auf  den 
Kopf  Betäubung  und  Irrereden  folgt. 


Die  Hauptmittel  nach  Schlag,  Stoss  oder  heftiger  Er- 
schütterung, besonders  auch  des  Kopfs,  sind  bekanntlich, 
ausser  Arn.,  auch  noch  Cic.  vir.,  Com,  Hep.,  Lach.,  Puls.,  Rhus 
und  Sulph.  ac.  Ist  nun  die  Folge  davon  vorzüglich  Betäubung, 
so  wird  die  Wahl  sich  meistens  auf  Arn.,  Cic.  vir.,  Com,  Puls. 


hängig  ist,  und  nur  durch  die,  im  Verhältniss  mit  der  Abnahme  der  Erst- 
Wirkung  stets  an  Energie  zunehmende  Reaktion  der  Lebenskraft,  mithin 
am  Meisten  gegen  das  Ende  der  Wirkungsdauer  der  Arznei,  ausgetilgt  wer- 
den kann.  Weit  passender,  als  Jener,  würde  der  Vergleich  mit  solchen 
Obstfrüchten  sein,  welche  lange  vor  der  Zeitigung  vom  Baume  geschüttelt 
werden,  und  weder  wohlschmeckend,  noch  der  Gesundheit  zuträglich  sind. 


472  VIL  Buch-    Aphorism   15,  16. 

und  Rhus  beschränken.  Stellt  sich  aber  Irrereden  ein,  was 
gewöhnlich  erst  später  und  nach  der  Betäubung  geschieht,  so 
treten  ausserdem  noch  Beil.,  Hyosc,  Op.,  Stram.  und  Veratr.  zu 
der  Wahl,  obwohl  dabei  die  zuerst  Genannten  auch  nicht  ausser 
Acht  gelassen  werden  dürfen ,  und  namentlich  auch  hier  die 
Arn.  jedesmal  eine  besondere  Berücksichtigung  verdient.  Es 
versteht  sich  dabei  von  selbst,  dass  bei  Brüchen  oder  Zer- 
splitterungen der  Schädelknochen  die  nöthige  chirurgische 
Hülfe  sogleich  in  Anwendung  gebracht  werden  muss.  23) 


15*    Es  ist   schlimm,    wenn    auf  Blutspucken  Eiterauswurf 
sich  einstellt. 


16.     Auf  Eiterauswurf  folgt  dann  Schwindsucht  und  Durch- 
fall, und  darauf  der  Tod,    wenn   der  Auswurf  stockt 


Mit  wenigen,  aber  kräftigen  und  wahren  Zügen  zeichnet  in 
den  vorstehenden  beiden  Aphorismen  (15  und  16)  Hippokrates 
den  Anfang,  den  Verlauf  und  den  Ausgang  einer  der  ge- 
wöhnlichsten Arten   von  Lungenschwindsucht,   wie  sie  da- 


23)  II  est  ä  regretter  que  ceux  qui  out  experimente  les  medicaments 
sur  eux-memes  ne  fussent  pas  inities  dans  l'etude  de  la  Phrenologie;  car 
ils  auraient  indique  avec  plus  d'exactitude  et  moins  de  vague  les  souffran- 
ces  qu'ils  eprouverent  dans  les  diverses  regions  de  la  tete,  et  en  indiquant 
les  noms  des  organes  correspondants.  C'est  une  lacune  qui  est  vivement 
sentie  lorsqu'on  se  trouve  en  presence  des  alienations  mentales  et  des 
autres  maladies  du  moral  et  de  l'intelligence.  J'ai  la  convictiou  qu'un  jonr 
l'homoeopathie  y  pourra  suppleer  par  ses  recherehes  ulterieures,  et  qu'ainsi 
on  parviendra  ä  simplifier  singulierement  le  traitement  de  cette  classe  nom- 
breuse  de  maladies. 

Dr.  L.  Malaise,  clin.  hom.   (1837)  pag.  22. 

Diese  wichtige  Bemerkung  unseres  (1850  an  der  Schwindsucht  ver- 
storbenen) Freundes ,  die  später  auch  noch  von  einigen  Anderen  gemacht 
ist,  hat  leider!  auch  bei  den  neueren  Prüfungen,  welche  sämmtliche  Frü- 
here so  unendlich  übertreffen  sollten,  noch  nirgends  die  verdiente  Beach- 
tung gefunden. 


VII.  Buch.     Aphorism  16.  473 

mals  vorkam  und  auch  heute  noch  oft  sich  gestaltet.  Den  An- 
fang macht  gewöhnlich  ein  mehr  oder  weniger  starkes  Blut- 
speien, und  hierbei  finden  wir,  dass  die  allopathischen 
Aerzte,  obwohl  in  der  Anwendung  aller  anderen  Mittel  von 
überaus  verschiedener  Meinung,  in  Einem  Punkte  ziemlich  einig 
sind,  nämlich  in  dem  sofortigen  Aderlasse.24)  Und  gerade 
hierin  sind  sämmtliche  homöopathischen  Aerzte  mit  der- 
selben Einstimmigkeit  einer  ganz  entgegengesetztenAnsicht 
und  nehmen  sich  selbst  die  Freiheit,  auf's  Entschiedenste  und 
Ernstlichste  dagegen  zu  warnen,  der  Bluthusten  möge  nun 
(nach  Hufeland)  entzündlich,  krampfhaft,  gastrisch  oder 
passiv  sein.25) 

Der  Raum  gestattet  nicht,  an  dieser  Stelle  spezieller  auf 
die  Mittel  einzugehen ,  welche  dabei  zur  Anwendung  kommen 
können,  weil  es  deren  eine  grosse  Menge  giebt,  wovon  Jedes 
seine  eigenthümliche  Indikation  verlangt.26)     Wir  können  daher 


24)  Der  Meinungszwiespalt  der  alten  Aerzte  über  den  Aderlass  dreht 
sich  nicht  allein  um  den  Nutzen  oder  Schaden  Desselben  überhaupt,  son- 
dern auch  um  die  Frage,  ob  man  (wie  die  Griechen)  an  der  schmerzenden, 
oder  (wie  die  Methodiker  und  Araber)  an  einer  davon  entfernten  Stelle 
Blut  lassen  solle?  —  Wir  wissen  nicht  gewiss,  ob  man  sich  heutiges  Tages 
darüber  geeinigt  hat. 

25)  Zu  den  Ursachen  der  Phthisis  pulmonalis  rechneten  die  älteren 
Aerzte  des  vorigen  Jahrhunderts  ganz  besonders:  perversa  curatio  morbo- 
rum  praegressorum,  praesertim  nimiarum  haemorrhagiarum ,  inprimis  hae- 
moptyseos  per  adstringentia. 

26)  Wir  müssen  es  abwarten,  ob  das  neuerdings  eingeführte,  übrigens 
ungeprüfte  und  in  seiner  charakteristischen  Wirkung  noch  gänzlich  unbekannte 
Anacahuita-Holz  länger  seine  Herrschaft  behaupten  wird,  als  das  Is- 
ländische Moos,  der  Wasserfenchel,  die  Liebersehen  Kräuter 
u.  dergl.  mehr,  die  alle  eine  Zeitlang  in  der  Mode  gewesen  und  noch  heute 
kaum  vergessen  sind,  wenn  es  sich  um  Experimente  handelt.  —  Das  Ana- 
cahuita-Holz ist  kaum  bekannt  und  noch  gar  nicht  geprüft,  und  doch  ver- 
kauft man  bereits  Anacahuita-Bonbons  und  dergleichen  Chokolade 
gegen  alle  Arten  von  Schwindsucht.  —  Nicht  lange  nachher,  wo  Vor- 
stehendes geschrieben  war,  ist  die  Entscheidung  bereits  vollständig  einge- 
treten, und  mancher  Apotheker  hat  Ursache  sich  zu  beklagen,  dass  er  vor- 
eilig sein  Geld  dafür  weggeworfen  hat. 


474  vn-  Buch-     Aphorism  16. 

nur  eine  Auswahl  darunter  treffen,  nach  Maassgabe  ihrer  öfteren 
Angemessenheit,  und  anführen,  dass  in  den  meisten  Fällen  die 
Wahl  schwankt  zwischen:  Acon.,  Amm.  carb.,  Arn.,  Ars.,  Bell,, 
Bry.,  Chin.,  Ferr.,  Hyosc,  Ipec,  Nitr.  ac,  Phosph.,  Puls.,  Rhus, 
Sabin.,  See  corn.,  Sulph.  oder  Sulph.  ac.  Bei  allen  diesen  Mit- 
teln müssen,  neben  der  Beschaffenheit  und  Konsistenz 
des  ausgeworfenen  Bluts,  die  begleitenden  Symptome, 
die  anamnestischen  Zeichen  und  die  Bedingungen  des 
Schlimmer-  oder  Besser-Werdens  den  Ausschlag  geben,  wie 
bei  allen  homöopathischen  Kuren.  Wir  bedauern  bei  dieser  Ge- 
legenheit, dass  das  wirksamste  blutstillende  Vegetabil,  näm- 
lich das  gemeine  Thlaspi  Bursa  pastorisL.  noch  nicht  ge- 
nügend geprüft  ist,  um  es  jedesmal  am  rechten  Orte  anwenden 
zu  können. 

Wenn  der  Bluthusten  nur  vorübergehend  beseitigt  und 
nicht  im  wahren  Sinne  des  Worts  von  Grund  aus  geheilt  ist, 
so  folgt  meistens  eine  Vereiterung  der  Lungen  und  Eiter- 
auswurf. Wie  häufig  diese  Folge  eintritt,  ergiebt  sich  aus 
dem  Umstände,  dass  die  medizinischen  Schriftsteller  schwerlich 
über  einen  andern  Theil  der  Arzneikunde  eine  grössere  Zahl  von 
Büchern  und  Brochuren  zu  Tage  gefördert  haben,  als  eben  über 
Diesen.  Wenn  man  aber  dabei  weiss,  dass  dessenungeachtet  die 
meisten  an  dieser  Krankheit  Leidenden  rettungslos  dem  Tode 
entgegen  gehen:  so  muss  man  die  Erfolglosigkeit  aller  dieser 
gutgemeinten  Bemühungen  beklagen,  und  dafür  sorgen,  dass  dem 
Uebel  schon  vor  dem  Eintritte  in  dieses  gefährliche  Stadium  ein 


In  No.  2  (S.  13)  der  „Preussisehen  Medizinal-Zeitung"  von  1861  be- 
merkt schon  die  Redaktion  in  einer  Anmerkung'  zu  einer  „Analyse  des 
Anacahuäta-Holzes" :  —  „Die  vielgerühmte  Wirksamkeit  dieses  Mittels  bei 
Brustkrankheiten  hat  sich  weder  durch  unsere,  noch,  soviel  uns  bekannt 
geworden,  durch  anderweitige  Versuche  bestätigt."  —  Als  merkwürdig  er- 
scheint dabei  in  der  Asche  der  grosse  Gehalt  (88,50  pCt.)  von  kohlen- 
saurer K  alkerde,  (wenn  dies  kein  Druckfehler  ist?). 


VII.  Buch.     Apborism  16.  475 

wirksames  Halt  geboten  werde.  Auch  für  die  Homöopathie  ist 
unter  diesen  Umständen  oft  nicht  viel  mehr  zu  erreichen,  und 
am  Wenigsten  dann,  wenn  die  Kur  mit  Aderlässen27)  begon- 
nen und  mit  tiefeingreifenden  allopathischen  Gemischen  fort- 
gesetzt wurde.  Bei  Patienten  dieser  Art  lässt  sich  niemals  ohne 
Vorbehalt  eine  günstige  Prognose  stellen,  wenn  auch  die 
Gefahr  noch  nicht  so  drohend  scheint.  Diejenigen  Arzneien, 
welche  sich  in  diesem  Stadium  am  Hülfreichsten  erwiesen  haben, 
wenn  sie  genau  homöopathisch  gewählt  waren,  sind:  Ars.,  Brom., 
Bry.,  Calc,  Carb.  veg.,  Chin.,  Con.;  Dros.,  Ferr.,  Hep.,  Kali, 
Led.,  Lyc,  Natr.,  Nitr.  ac,  Phosph.,  Ph.  ac,  Plumb.,  Puls.,  Bhus, 
Samb.,  Sep.,  Sil.,  Staun,  und  Sulph.  Aber,  wie  gesagt,  der  Er- 
folg ist  und  bleibt  unsicher,  und  wird  Solches  noch  mehr,  wenn 
auch  die  Passendsten  von  Ihnen  in  grossen  Gaben  gereicht 
werden,  oder  wenn  oft  damit  gewechselt,  oder  wenn  endlich  die 
Nach -Wir  kung  nicht  gehörig  abgewartet  wird.  Wenn  irgend- 
wo, so  ist  hier  jedes  Ueber hetzen  und  Uebereilen28)  mit 
unausbleiblichem  Nachtheil  verbunden.  Dass  bei  der  jedes- 
maligen Wahl  der  Mittel,  ausser  der  grösseren  oder  geringeren 
Quantität,  so  wie  der  Tageszeit  der  leichteren  oder  schwie- 
rigeren Lösung  des  Auswurfs,  auch  noch  ins  Besondere  die 


27)  Erasistratus  war  der  Erste,  welcher  sich,  etwa  hundert  Jahre  nach 
Hippokrates,  gegen  das  Uebermaass  des  Aderlasses  und  der  Abführungen 
erhob.  Leider  verleitete  auch  ihn  die  Sucht  nach  gelehrten  Erklärungen, 
die  Lehre  von  dem  error  loci  aufzubringen,  die  bis  auf  die  jetzige  Zeit  so 
viele  Irrung  und  Verwirrung  verschuldet  hat.  Auch  an  diesem  Beispiele 
sieht  man,  wohin  die  Vernunft  in  empirischen  Wissenschaften  führt,  wenn 
sie  sich  nicht  mehr  von  sinnlicher  Erkenntniss,  sondern  von  selbstgeschaf- 
fenen Spekulationen  leiten  lässt.  „Zwei  Jahrtausende"  —  sagt  Hecker  — 
„haben  neben  so  vielen  andern  Irrthümern,  die  von  der  Vernunft  erdich- 
teten Schärfen  der  Säfte  als  ausgemachte  Wahrheiten  gegolten ,  so  wenig 
sich  auch  jemals  nur  ein  Schein  von  Erfahrung  zum  Beweise  ihres  Daseins 
aufstellen  Hess." 

28)  In  medicina  multa  scire  oportet  et  pauca  agere. 

Bagliv. 


476  VIL  Buch-     Aphorism  16. 

Beschaffenheit  desselhen  nach  Aussehen,  Geschmack 
und  Geruch,  Hauptmomente  abgeben,  versteht  sich  von  selbst. 
Aber  auch  sämmtliche  Nebenbeschwerden  und  Zeichen  verdienen 
die  grösste  Berücksichtigung,  die  hier  um  so  nöthiger  ist,  als 
in  keinem  Falle  ein  schneller  Wechsel  in  den  Arzneien  zu- 
lässig ist.  Wie  reichhaltig  aber  zu  diesem  Allen  das  Material 
in  der  R.  A.-M.- Lehre  vorhanden  ist,  das  lehrt  ein  Blick  in 
Dieselbe. 

Wenn  nun  gar,  wie  im  Aphorism  16  angeführt  wird,  Ab- 
zehrung und  Durchfall  sich  damit  verbinden  und  also  die 
Krankheit  in  ein  noch  weiteres  Stadium  vorgerückt  ist:  so  wird 
die  Rettung  und  die  Prognose  immer  zweifelhafter,  obwohl 
auch  nun  noch  immer  nicht  ganz  unmöglich  und  hoffnungslos. 
Man  muss  dann  aber  bei  der  Mittelwahl  vorzugsweise  auf  diese 
Ausleerungen  und  auf  die  damit  in  Verbindung  stehenden 
Beschwerden  Rücksicht  nehmen,  und  zunächst:  Ars.,  Bry.,  Carb. 
veg.,  Chin.,  Ferr.,  Hep.,  Nitr.  ac,  Phosph.,  Ph.  ac,  Puls,  und 
Sulph.  in  Erwägung  nehmen.  Die  Abzehrung  selbst,  als  eine 
unmittelbare  Folge  der  Krankheit,  bietet  selten  etwas  Charakte- 
ristisches, und  verdient  daher  weniger  Berücksichtigung.  Eine 
um  desto  Grössere  aber  verlangt  der,  meistens  damit  verbundene 
und  oft  sehr  Symptomenreiche  Schweiss,  wovon  die  Eigen- 
thümlichkeiten  insbesondere  von  Ars.,  Bry.,  Calc,  Carb.  veg., 
Chin.,  Ferr.,  Phosph.,  Ph.  ac,  Samb.,  Sep.,  Sil.,  Stann.  und 
Sulph.  mit  möglichster  Schärfe  aufgefasst  werden  müssen.  So 
ist  es,  um  in  dieser  Beziehung  nur  Ein  Beispiel  anzuführen,  von 
erheblicher  Wichtigkeit,  zu  wissen,  ob  der  Schweiss  gleich  zu 
Anfange  des  Schlafs  eintritt,  aber  sich  bald  während  dessel- 
ben verliert  (Ars.),  oder  ob  er  während  der  ganzen  Dauer 
des  Schlafs  ununterbrochen  fortwährt  und  erst  mit  dem  Er- 
wachen aufhört  (Phosph.),  oder  ob  der  Schweiss  bloss 
im  wachenden  Zustande  vorhanden  ist  und  beim  Einschlafen 
sofort  in  trockne  Hitze  übergeht  (Saudi.).    Durch  Auffindung 


i 


VII.  Buch.     Aphorism  16.  477 

und  Berücksichtigung  solcher  und  vieler  ähnlicher  charakte- 
ristischen Symptome,  wovon  die  Allopathie  auch  nicht  die 
entfernteste  Ahnung  hat,  ist  es  uns  nicht  selten  gelungen, 
Schwindsüchtige  zu  retten,  bei  Denen  bereits  alle  Hoffnung 
auf  Genesung  aufgegeben  war;  aber  nur  durch  Anwendung  und 
ruhiges  Aus  wirken  lassen  der  kleinsten  Gaben  von  den  höch- 
sten Potenzirungen,  deren  Erst-Wirkung  fast  Null,  und 
deren  Heilwirkungs-Umfang  von  einer  Ausdehnung  ist,  dass 
sie  oft  überrascht  und  alle  Erwartung  übersteigt.  Von  niedri- 
geren Dilutionen  haben  wir  ähnliche  Erfolge  in  solchen  verzwei- 
felten Fällen  niemals  gesehen. 

Nachdem  wir  schon  einmal  (in  der  Glosse  zum  Aphorism 
VI,  44)  von  uns  selbst  geredet  haben,  dürfen  wir  es  kaum  wa- 
gen, Solches  hier  noch  einmal  zu  thun.  Aber  man  wird  es 
hoffentlich  damit  entschuldigen,  dass  wir  dadurch  zugleich  dem 
erstenHomöopathen  in  Westfalen,  nämlich  unserm  längst 
verstorbenen,  unvergesslichen  Freunde  Dr.  Weihe  in  Herford 
eine  kurze  dankbare  Erinnerung  widmen.  Dieser  nämlich 
war  es,  der  uns  selbst  im  Jahre  1828,  als  wir  die  Homöopathie 
noch  kaum  dem  Namen  nach  kannten,  und  nachdem  die  beiden 
hiesigen  bewährtesten  Aerzte  (DD.  Busch  und  Tourtual  sen.)  uns 
an  der  eiterigen  Lungenschwindsucht  mit  äusserst  pro- 
fusem Auswurfe  verloren  gegeben  hatten,  durch  eine  Gabe 
Puls.  30,  der  er  vier  Wochen  später  eine  Gabe  Sulpb.  30  fol- 
gen liess,  das  Leben  rettete.  Mehr  war  zur  Herstellung  nicht 
nöthig,  wie  unsere  gegenwärtige  Rüstigkeit  beweist,  obwohl  die 
Krankheit  über  neun  Monate  gedauert  hatte  und  wir  uns  bereits 
ausser  Stande  fühlten,  auch  nur  hundert  Schritte  ohne  Auszu- 
ruhen zu  gehen.29) 


29)  Zu  den  angenehmsten  Erinnerungen  aus  unserer  ärztlichen  Lauf- 
bahn gehört  die  der  reichbegabten  und  vielgefeierten  Dichterin  Annette  v. 
Droste-Hülshof.     Sie  war   unsere   allererste   Patientin    im  Winter   li 


478  vn-  Bucb-     Aphorism   17. 

17.     Es  ist  schlimm,  wenn  bei  Entzündung-  der  Leber  sich 
Schluchzen  einstellt. 


Bereits  im  Aphorism  V,  58  ist  des  Schlucbzens  bei 
Leber enlzün düng  gedacht,  und  in  unserer  Glosse  dazu  Eini- 
ges über  den  Werth  solcher  Nebenbeschwerden  gesagt.  Wir 
glauben  uns  daher  bei  diesem  Aphorism  lediglich  auf  Jene  be- 
ziehen zu  können,  indem  hier  nur  der  Frühere  dadurch  vervoll- 
ständigt wird,  dass  diese  Erscheinimg,  wie  sie  es  in  der  Wirk- 
lichkeit thut,  ein  gefährliches  Symptom  darbietet.  Nur  über  die, 
in  der  jüngeren  Zeit  in  auffallender  Weise  beim  Studium  der 
Medizin  vernachlässigte  Zeichenlehre  (Semiolik)  möge  es  uns 
gestattet  sein,  im  Vorbeigehen  ein  kurzes  Wort  beizufügen.  Es 
ist  nämlich  bekannt,  dass  diese  Doktrin  mit  der  fortgeschrittenen 
Ausbildung  der  physiologischen  und  anatomischen  Dok- 
trinen ungemein  an  Achtung  verloren  hat,  so  dass  es  nicht  wenige 
Aerzte  giebt,  welche  niemals  eine  Vorlesung  darüber  gehört 
haben,  selbst  kein  Handbuch  darüber  besitzen,  und  sich  über- 
haupt nicht  weiter  darum  bekümmern,  als  in  so  fern  die  mannich- 
faltigen  Erscheinungen  am  Kranken  durch  die  letztgenannten 
Wissenschaften  handgreiflich  erklärt   werden.30)     Darin  mag 


indem  sie  von  ihrem  bisherigen  und  unserem  früheren  Arzte,  dem  M.  R. 
Dr.  B. ,  der  in  ihrem  schwindsuchtartigen  Zustande  keine  Hülfe  mehr  zu 
schaffen  wusste,  an  uns  verwiesen  wurde,  nachdem  wir  unsere  eigene  Her- 
stellung entschieden  der  Homöopathie  zuschrieben.  Nach  langer,  vergeb- 
licher Ablehnung  bedurfte  es  zweier  vollen  Tage  des  angestrengtesten  Stu- 
diums, um  das  passendste  Mittel  (N.  vom.)  aufzufinden ;  aber  dafür  war 
auch  der  Erfolg  so  überraschend  günstig,  dass  sie  seitdem  der  Homöopathie 
unverbrüchlich  treu  blieb,  bis  sie  im  Jahre  1S47  auf  ihrer  Villa  bei  Con- 
stanz  am  Bodensee  von  einer,  uns  nicht  näher  bekannt  gewordenen  Krank- 
heit ergriffen,  unter  fremden  Händen  starb. 

30)  Die  Semiotik  der  alten  und  neuern  Aerzte  betrifft  fast  nur  die 
Prognose;  wogegen  die  der  Homöopathen  zunächst  für  die  Therapie  und 
für  die  richtige  Wahl  der  Mittel  bestimmt  ist,  deren  Wirkungen  dann  die 
hauptsächliche  und  meistens  sichere  Prognose  liefern. 


VII.  Buch.     Aphorism  17.  479 

zum  grossen  Theile  der  Grund  zu  suchen  sein,  dass  viele  Aerzte 
mit  höhnischer  Ueberhehung  und  mitleidiger  Verachtung 
auf  alles  Dasjenige  herabsehen,  was  schlichtweg  den  Namen  von 
Symptom  trägt,  und  am  Meisten  auf  Solches,  was  sie  nicht 
e r  k  1  ä r en ,  oder  vielmehr,  was  sie  nicht  begreifen  können. 31) 
Kein  erfahrener  Arzt  wird  aber  in  Abrede  stellen,  dass  es 
solcher,  wenigstens  zur  Zeit  noch  unerklärlicher  Erscheinungen 
und  Verbindungen  Viele  giebt,  und  dass  Manche  von  Diesen  wenig- 
stens für  die  Prognose  von  der  grössten  Erheblichkeit  sind, 
wenn  er  sie  auch  als  Allopath  für  seine  Therapie  nicht  zu  ver- 
werthen  weiss. 32)  Man  kann  daher  in  dieser  Versäumniss  wahrlich 
keinen  Fortschritt  in  der  Arzneiwissenschaft,  wie  sie 
jetzt  gelehrt  wird,  erblicken,  sondern  muss  es  aufs  Lebhafteste 
bedauern,  dass  die  jungen  Hippokratiker  gerade  in  diesem 
Punkte  so  überaus  weit  von  dem  Vorbilde  ihres  gefeierten 
Meisters  abweichen,  dessen  Schriften  überall  für  die  Wichtig- 
keit und  Unentbehrhchkeit  der  Symptomen-K  enntniss  das 
entschiedenste  Zeugniss  ablegen.  Am  Wenigsten  aber  steht  es 
diesen  jungen  Aerzten  zu,  mit  verletzender  Geringschätzung 
von  der  Homöopathie  zu  reden,  wovon  sie  gar  Nichts  verstehen, 
wohl  aus  dem  Grunde,  weil  da  zu  oft  ihre  gelehrten  Erklä- 
rungsversuche scheitern,  und  ihr   grobmaterialistischer 

31)  Seitdem  wir  gesehen  haben,  wie  man  „mit  dem  Dampfe  fährt, 
mit  dem  Blitze  spricht  und  mit  der  Sonne  malt",  was  man  vor 
50  Jahren  für  Wahnsinn  erklärt  haben  würde:  seitdem  haben  wir  nicht 
mehr  das  Becht,  irgend  eine  Erfahrung  kurzweg  abzuleugnen,  sondern  nur 
noch  die  Befugniss,  den  Beweis  durch  das  Experiment  zu  fordern. 

Zu  unseren  Zeiten  haben  wir  häufigere  Ausnahmen,  als  früher,  von 
dem,  bisher  fast  als  Axiom  geltenden  Ausspruche  des  weisen  Ben  Akiba 
gesehen:  „Nil  novi  sub  sole". 

32)  Denn  wunderbar  ist  es  allerdings,  wie  viele,  mit  dem  g-elehrigsten 
Verstände,  mit  dem  besten  Gedächtnisse,  geschickt  zu  prüfen  und  zu  ur- 
theilen,  doch  erst  nach  dreissigj ähriger  Arbeit  und  Mühe,  spät  in  ihrem 
Alter  erkannten,  wie  lichtvoll  und  wie  wahr  Das  ist,  was  sie  im  Anfange 
für  unglaublich  hielten,  wie  ganz  Anders  als  Das,  was  sie  anfangs  glaubten. 

Plato's  Briefe  von  Schlosser,  S.  95, 


480  Vn«  Buch.    Aphorism  17. 

Verstand  sich  gegen  unleugbare  Erfahrungen  sträubt.33) 
Sie  thäten  wahrlich  viel  klüger,  sich  an  den  hippokrali sehen 
Erklärungsversuchen,  die  oft  abenteuerlich  genug  lauten, 
zu  spiegeln,  und  zu  bedenken,  dass  unsere  Nachkommen  schon 
nach  einem  Jahrhundert  nicht  minder  über  die  jetzigen  gelehrten 
Phrasen  die  Achsel  zucken  werden,  wie  wir  es  heute  über  die 
Früheren  thun,  während  thatsächliche  Erfahrungen  und  richtig 
beobachtete  Symptome  für  immer  ihren  ungeschmälerten  Werth 
behalten.  Wenn  wir  mithin  der  Sache  den  wohlverdienten  Na- 
men geben  wollen ,  so  müssen  wir  sagen ,  dass  es  mehr  als 
Ueberhebung,  dass  es  geradezu  Unverstand  ist,  nur  allein 
Dasjenige  für  wahr  zu  halten,  was  wir  mit  unserem  beschränk- 
ten Verstände  begreifen  und  nachweisen  können,  während  rings 
um  uns  her  in  der  Natur  eine  so  unermessliche  Fülle  von  Un- 
be  greiflichem  und  Unerklärlichem  sich  überall  und  täg- 
lich vor  unsern  Augen  entfaltet. 34)  Wie  in  unsern  Tagen  die 
Wunder  der  Photographie  und  des  elektrischen  Tele- 
graph s  das  Erstaunen  eines  Physikers  erregen  würden,  wenn  er, 
vor  fünfzig  Jahren  gestorben,  heute  wieder  auflebte:  so  wird 
vielleicht  nach  weiteren  fünfzig  Jahren  der  Arzt  nicht  begreifen, 
wie  seine  Vorgänger  so  lange  Zeit  hindurch  der  hellleuchtenden 
Wahrheit  ihre  Augen  haben  verschliessen  können.35) 


33)  Eine  voi-nehm  thuende  Zweifelsucht,  welche  Thatsaehen  verwirft", 
ohne  sie  ergründen  zu  wollen,  ist  in  einzelnen  Fällen  oft  noch  verderblicher 
als  unkritische    Leichtgläubigkeit. 

Humboldt,  Kosmos  I,  S.   140. 

34)  Iniquum  est,  qu°d  aeeidit,  non  credere,  si,  cur  id  fuit,  reperire 
nequeamus.  Cicero. 

35)  Le  vrai  n'est  pas  toujours  vraisemblable.  Montaigne. 
Das  Nichtsehen-  und  Nichtprüfen-W ollen  ist  der  rationalistische  Starr- 
krampf unserer  Zeit. 

Eschenmayers  Brief  an  Dr.  J.  Kerner. 
„Der  Schaafskopf"   —   sagt  Don  Quicliote  von    seinem  Schildknappen 
(V,  13)  —  „glaubt  nur  was  er  sieht,  und  bedenkt  nicht,  dass  das  Gesicht 
der  allertrügliehdte  Sinn  ist." 


VII.  Ruch.     Aphorism  18.  481 

18.    Es  ist  schlimm,  wenn  nach  Schlaflosigkeit  Konvulsio- 
nen oder  Delirien  entstehen. 


Die  Schlaflosigkeit,  welche  kaum  jemals  als  alleinige 
Ursache  der  Konvulsionen  oder  der  Delirien  angesehen 
werden  kann,  sondern  an  und  für  sich  ehen  so  wie  Diese  zu 
dem  Gesammtkrankheitshilde  gehört,  muss  nebst  den  Einen  und 
den  Andern  dem  jedesmaligen  Heilmittel  angepasst  werden,  ohne 
welches  dieses  dem  A  ehnlichkeitsgesetze  nicht  entsprechen, 
mithin  auch  keine  Heilung  bewirken  würde.  Wofern  man  also 
die  Arzneien  in  Erwägung  zieht ,  welche  hier  konkurriren ,  so 
wird  man,  wiewohl  mit  gebührender  Rücksicht  auf  sonstige,  hier 
nicht  erwähnte  Zeichen,  auf  die  grössere  oder  geringere  Gefähr- 
lichkeit der  hier  angedeuteten  Krankheiten  schliessen  dürfen. 
Diese  Arzneien  sind  aber  für  die  Konvulsionen  mit  oder 
nach  Schlaflosigkeit  vorzüglich  Folgende:  Alum.,  Beil.,  Bry., 
Calc,  Carb.  an.,  Carb.  veg.,  Cupr.,  Hep.,  Hyosc,  Jgnat.,  Ipec, 
Kali,  Merc,  Mosch.,  N.  vom.,  Phosph.,  Ph.  ac,  Puls.,  Rheum, 
Rhus,  Selen.,  Sep.,  Sil.,  Stront.  und  Thuj.  Diejenigen  aber, 
welche  auf  Delirien  hindeuten  und  mehr  oder  weniger  auch 
für  die  Schlaflosigkeit  angemessen  sein  können,  sind:  Aur., 
Beil.,  Bry.,  Calc,  Chin,,  Coloc,  Dig.,  Dulc,  Hyosc,  Ignat.,  Lyc, 
Natr.,  N.  vom.,  Op.,  Phosph.,  Ph.  ac,  Plat.,  Puls.,  Rhus,  Sabad., 


Pour  etudier  et  pratiquer  convenablement  la  medecine,  il  faut  y  mettre 
de  l'importance,  et  pour  y  mettre  une  importance  veritable,  il  faut  y  croire. 

Cabanis,  certit.  de  la  medecine. 
II  est  etonnant  que  certains  esprits  rejettent  sous  un  point  de  vue  les 
verites  qu'ils  reconnaissent  sous  un  autre;  ils  ne  nient  pas  l'influence  elec- 
trique  ou  magnetique;  ils  avouent  que  les  miasmes  qui  tuent  sont  divises 
au  point  qu'  aucune  analyse  ne  peut  soupconner  leur  nature;  ils  admettent 
que  des  millions  d'hommes  s'infectent  successivement  du  miasme,  inanaly- 
sable,  impalpable,  parti  d'un  seul,  sans  qu'on  puisse  donner  ä  la  valeur 
miasmatique  du  dernier  un  dividende  moindre  que  celui  qu'il  a  recu,  et  l'on 
nie  le  dynamisme  medicamenteux! 

Dr.  Varlez,  rep.  p.   17. 
31 


432  VII.  Buch.     Aphorism  18. 

Selen.,  Spong.,  Stram.,  Sulph.  und  Veratr.  Jeder  in  unserer 
Wissenschaft  gehörig  eingeweihte  Arzt  und  Kenner  der  speziellen 
Arzneiwirkungen  wird  daraus  leicht  entnehmen,  wie  verschieden 
die  Natur  der  Krankheiten  und  die  Gefährlichkeit  derselben 
sein  kann,  wofür  diese  Mittel  angezeigt  sein  können.  Darin 
nämlich  unterscheidet  sich  wesentlich  unsere  Semiotik  von 
der  des  Hippokrates,  dass  bei  uns  ein  einzelnes  Symptom, 
und  vorzüglich  ein  Solches,  welches  nicht  vollständig  mit  Angabe 
der  Verschlimmerung  oder  Besserung  nach  Zeit,  Lage  und  Um- 
ständen, und  durch  die  Nebenbeschwerden  scharf  individualisirt 
ist,  niemals  weder  zur  Prognose,  noch  zur  Therapie  hin- 
reicht, und  dass  daher  unser  sogenanntes  symptomatisches 
Kuriren  ganz  verschieden  ist  von  Demjenigen,  was  die  Hippo- 
kratiker  darunter  verstehen  und  viele  Allopathen  veranlasst, 
für  jede  Beschwerde  ein  anderes  Mittel  ihrem  Gemische 
zuzusetzen. 36) 


36)  Marcus  Herz  sagt  (Hufel.  Journ.  II,  34) :  „Immer  sind  unsere  Vor- 
schriften zusammengesetzt,  fast  nie  einfach  und  rein,  folglich  auch  nicht 
die  Erfahrungen  in  Rücksicht  auf  die  Wirkungen  ihrer  einzelnen,  darin 
enthaltenen  Stoffe." 

Herophilus  (300  J.  v.  Chr.  Geb.)  nahm  die  Ursachen  jeder  krankhaf- 
ten Erscheinung  als  etwas  Zusammengesetztes  an,  und  hielt  es  daher  für 
nöthig,  ihnen  ebenso  zusammengesetzte,  spezifische  Mittel  entgegenzustellen. 
Von  dieser  Zeit  her  stammen  die  überladenen,  unsinnigen  Arzneimischungen. 

Das  bisherige  Verschreiben  aus  den  Apotheken  mit  dem  augenblick- 
lichen Hinwerfen  eines  Rezepts  passte  ganz  zu  der  bisherigen  fabrik-  und 
maschinenmässigen  Behandlung.  Gar  Mancher  fing  schon  manches  Rezept 
zu  schreiben  an,  ehe  er  noch  wusste,  oder  wenigstens  ehe  er  noch  klar 
war,  was  er  geben  wollte. 

Prof.  Hoppe,  die  Dispensirfreiheit.     S.  92. 

Der  alte  Meckel  in  Halle  pflegte  zu  sagen:  Wenn  er  einmal  einen 
rechten  Spass  haben  wollte,  so  läse  er  die  Rezepte  in  den  Apotheken,  und 
dies  erwecke  ihm  mehr  Heiterkeit,  als  Lustspiele  und  Anekdotensamm- 
lungen. Dr.  F,  A.  Ott. 

Es  giebt  nicht  wenige  homöopathische  Aerzte,  welche  ungeachtet  ihrer 
Befugniss  zum  Selbstdispensiren  es  vorziehen,  ihre  Mittel  aus  den  hom. 
Apotheken  zu  verschreiben.     Wenn  auch   nicht  von  Allen,    so    dürfte  doch 


VII.  Buch.     Äphorism  19,  20.  483 

19.     Auf  Entblössung  eines  Knochens  folgt  Rose. 


20.    Es   ist   schlimm,    wenn   auf  eine   Rose   Fäulniss   oder 
Vereiterung  folgt. 

Der  in  den  vorhergehenden  Aphorismen  regelmässig  vor- 
kommende Zusatz  von  (kuköv)  „böse"  oder  „schlimm"  fehlt 
in  vielen  Ausgaben  bei  den  Aphorismen  19  bis  23.  Beim  Gale- 
nus  findet  er  sich  aber  im  Aphor.  20  und  2 1 ,  und  wir  haben 
daher  geglaubt,  dieser  Autorität  folgen  zu  müssen.  Der  Äpho- 
rism 20  ist  übrigens  offenbar  nur  eine  Fortsetzung  des  Vor- 
hergehenden. 

Die  Richtigkeit  dieser  beiden  Aphorismen  wird  überall  durch 
die  Erfahrung  bestätigt,  sowohl  da,  wo  solche  Knocjienent- 
blössungen  durch  äussere  Verletzung  veranlasst,  als  wo  sie 
durch  innere  Ursachen  entstanden  sind.  „Wie  oft" — ruft 
ein  Kommentator  bei  dieser  Gelegenheit  aus  — ■  „werden  Wun- 
den dieser  Art  durch  reizende,  komplizirte  Salben,  Balsame 
und  Tinkturen  erst  zu  einem  bösartigen  Geschwüre  umgewan- 
delt, während  sie  bei  einfachem,  schlichtem  Verbände  und  anti- 
phlogistischem Verfahren  geheilt  worden   wären." 3r)    Gegenüber 


von  Vielen  derselben  gelten,  was  Hahnemann  (Organon ,  Anmerkung  zu 
§  67.)  davon  sagt:  „sie  möchten  sich  die  Mühe  ersparen,  homöopathische 
Aerzte  zu  sein  und  gleichwohl  dergleichen  scheinen  wollen." 

Si  on  ne  renonce  a  ce  luxe  dangereux  introduit  par  f  ignorance  et  les 
superstitions ;  si  l'on  tient  toujours  au  melange  d'une  base  medicamenteuse, 
d*un  adjuvant  ou  auxiliaire,  d'un  ou  plusieurs  correctifs,  melange  dont  on 
a  fait  un  art  que  je  ne  dois  pas  craindre  de  präsenter  comme  illusoire  et 
dangereux,  la  science  restera  dans  l'etat  ou  eile  est. 

Fourcroy,  de  l'art  de  conn.  &  I,  p.  446. 

L'execution  de  cette  ordonnance  (du  medecin)  depend  d'un  aultre  ofri- 
eier  (le  pharmacien),  ä  la  foy  et  mercy  du  quel  nous  abandonnons  encore 
un  coup  nostre  vie.  Montaigne. 

37)  Alle  frischen  Wunden  und  deren  Umgebung  bleiben  frei  von  Ent- 
zündung, wenn  du  für  möglichst  baldige  Eiterung  sorgst,  und  den  Abfluss 
des  Eiters  durch  Stockung  in  der  Wundmündung  nicht  unterdrückst. 

Hippokrat.  über  die  Geschwüre. 
31* 


484  VII.  Buch.     Aphorism  20. 

solchen  Beschuldigungen  eines  Allopathen  wider  seine  eigenen 
Zunftgenossen  wollen  wir  nur  daran  erinneren,  was  wir  mit  un- 
seren einfachen  Mitteln  bei  solchen,  auch  die  Knochen  mit 
verletzenden  Unfällen,  (vorzüglich  mit  Arn,,  Ph.  ac,  Puls., 
Symph.  oder  Ruta)  auszurichten  vermögen. 38)  Viel  schlimmer 
ist  es  aber,  wenn  durch  innere  Ursachen  der  Knochen 
entblösst  und  in  Eiterung  geratben  ist  Solchen  Fällen  liegt 
jedesmal  ein  chronisches  Siechthum  zum  Grunde,  worauf 
mithin  das  Hauptaugenmerk  gerichtet  werden  muss.  Die  meisten 
Siechthum e  dieser  Art  bewegen  sich  innerhalb  der  Wirkungs- 
sphäre von  Ars.,  Asaf.,  Aur„  Calc,  Chin.,  Com,  Hep.,  Lach., 
Lyc,  Merc,  Mezer.,  Nitr.  ac,  Ph.  ac,  Puls.,  Ruta,  Sabin.,  Sep., 
Sil.,  Staph.  oder  Sulph.,  unter  denen  man  gewöhnlich  eine  ho- 
möopathische Wahl  treffen  kann.  Aenssere  Behandlungen  aber 
schaden  hier  in  der  Regel  noch  mehr,  als  bei  den  Ersten, 
welche  trotzdem  oft  geheilt  werden ,  was  bei  Diesen  wohl  nie- 
mals zu  hoffen  ist,  so  lange  die  innere  Krankheit  fortbesteht. 39) 
Selbst  die  Amputation  des  leidenden  Gliedes,  welche  seit  der 
Entdeckung  des  Chloroforms  in  erschreckender  Weise  zuge- 
nommen hat?  bringt  unter  solchen  Umständen  keine,  oder  höch- 
stens nur  vorübergehende,  man  möchte  sagen:  täuschende 
Besserung.  Dagegen  werden  viele  Homöopathen  mit  uns  mehre 
Fälle  aufzuweisen  haben,  wo  die  Amputation  bereits  ange- 
ordnet war,  der  Unglückliche    aber   aus  Furcht    davor,    in 


38)  Die  Mittel,  welche  die  Alten  gegen  Beinbrüche  anwendeten, 
waren  vorzüglich:  Symphytum  officinale  (welches  noch  heute  von  uns  vor- 
zugsweise gebraucht  wird),  Valeriana  officinalis ,  Crocus  sativus,  Epipactis 
ovata,  Arum  maculatum,   Ficus  Carica  und  Ulmus  campestris. 

39)  Qu'il  me  soit  permis  de  dire,  combien  la  pathologie  est  encore 
arrieree,  puisqu'elle  en  est  ä  considerer  generalement,  coinme  maladie, 
l'alteration  anatomique  des  organes,  qui  n'est  autre  chose  que  le  Symptome 
materiel  de  la  maladie.  Magnanj  l'hom.   p.  34. 


VII.   Buch.     Aphorism  21.  485 

der  Verzweiflung   zur  Homöopathie    seine   Zuflucht  nahm  und 
in  Folge  dessen  das  hedrohte  Glied  unversehrt  behielt.40) 


21.    Es  ist  schlimm,  wenn  auf  ein  heftiges  Klopfen  in  den 
Geschwüren  eine  Verblutung  entsteht. 


Bei  Weitem  nicht  immer  zeigt  starkes  Klopfen  und  Pul- 
siren in  den  Geschwüren  eine  drohende  Verblutung  an,  son- 
dern dieses  Zeichen  geht  auch  fast  jedesmal  bei  allzu  starker 
Entzündung  der  Ei  terbildung  voraus,  welche  eben  dadurch 
verzögert  und  am  Besten  durch  Ars.,  Hep.,  Lach.,  Merc.  oder 
Sil.,  je  nach  den  übrigen  Umständen,  befördert  werden  kann. 
Das  starke  Bluten,  selbst  unbedeutender  Wunden,  findet  in 
der  Begel  ziemlich  leichte  Beseitigung  durch  Arn.,  Carb.  veg., 
Lach.,  Phosph. ,  Thlaspi  Bursa  *p.  oder  Sulph.  ac.  Aber  die 
freiwilligen  Blutungen,  so  wie  der  von  Hey  also  benannte 
Blutschwamm  (Fungus  haematodes),  wobei  das  Blut  oft 
bis  zur  äussersten  Erschöpfung,  ja  bis  zum  Tode  selbst  unauf- 
haltsam ausfliesst,  bilden  eine  eigenthümliche,  höchst  gefährliche 
Krankheit,  welche  wohl  nie  ohne  Phosph.  geheilt  werden  kann, 
mit  Hülfe  dieses  wahren  Polychrests  aber,  zuweilen,  wenn  es 
besonders  angezeigt  ist,  mit  Zwischengaben  von  Ars.,  Carb.  an., 
Sil.  oder  einigen  andern  Mitteln,  in  mehreren  Fällen  in  der  That 
glücklich  geheilt  worden  ist. 

Bei  solchen  segensreichen  Kräften  der  Arzneien ,  und  na- 
mentlich   auch    des  Phosphors,  wovon  wir"  so  eben   ein,    durch 


40)  Zu  den  Zeiten  des  Plinius  scheint  (zufolge  XXIV,  25  und  XXXV, 
51)  der  Asphalt  hei  Knochenhrüehen  noch  nicht  in  Gebrauch  gewesen  zu 
sein,  wie  jetzt  im  Orient  allgemein. 

In  Schmucker's  vermischten  Schriften  (I,  S.  78  ff.)  kann  man  die  Ge- 
schichte eines  Soldaten  lesen,  dem  man  einstimmig  den  Arm  zu  amputiren 
beschlossen  hatte,  welcher  aber  aus  dem  Krankenhause  entfloh  und  von 
einem  andern  Wundarzte  ohne  Ablösung  geheilt    wurde. 


486  VII.  Buch.      Aphorism  2  t. 

wiederholte  Erfahrung  bestätigtes  Beispiel  gesehen  haben,  kann 
die  mehr  als  oberflächliche  Behandlung  dieses,  für  die 
Therapie  unentbehrlichen  und  wichtigsten  Theüs  der  Medizin, 
wie  sie  heutiges  Tages  von  den  Koryphäen  der  Wissenschaft 
verarbeitet  und  vorgetragen  wird,  nur  das  grösste  Bedauern 
und  zugleich  die  tiefste  Indignation  erwecken.  Von  Vielen 
wollen  wir  nur  Eine  der  neuesten  Thatsachen  anführen,  welche 
eben  den  Phosphor  betrifft.  In  dein  „Sitzungsberichte  der 
niederrheinischen  Gesellschaft  für  Natur-  und  Heilkunde"  vorn 
7.  Dezeinher  1859,  Seile  4  ff.  lesen  wir  einen  Vortrag  von  dein 
Geheimen  Medizinalrathe  Professor  Mayer  zu  Bonn41)  über 
Phosphor  Verbrennungen,  worin  er  zuvörderst  gegen  die 
neuesten  Lehren  von  Buchheini,  Clarus  und  Werber  (die  sich 
wohl  selbst  vertheidigen  werden),  nur  die  lokale  Wirkung 
dieses  Stoffs  als  Beizmittel  gelten  lässt  und  eine  bloss  Che- 
mische nennt,  welche  er  mit  jedem  andern  Causticum  gemein 
habe.42)  Die  eigentliche  Wirkung  sei  aber  eine  ganz  Entge- 
gengesetzte, von  der  Wissenschaft  bisher  gar  nicht  einmal 
Vermuthete  und  jetzt  erst  von  ihm  Entdeckte  (daher  bis 
jetzt  überall  ganz  verkehrt  Angewendete43).  Der  Körper,  natür- 
lich vom  Phosphor  saturirt,  werde  nämlich  eiskalt  und 
starr,  und  der  Tod  erfolge,  nicht,  wie  man  bisher  angenom- 
men, durch  Verbrennung,    sondern    nur   durch  Erfrierung. 


41)  „Wer  so  öffentlich  lehrt"  —  sagt  Humboldt  in  dem  64.  der  von 
L.  Assing  profanirten  Briefen  —  „muss  sich  auch  die  Oeffentlichkeit  der 
Vertheidigung  Andersdenkender  gefallen  lassen". 

42)  „Wo  Leben  ist"  —  sagt  Kopp  (Beobachtungen  S.  126)  —  „wirkt 
der  Chemismus  anders ,  als  in  unseren  Laboratorien."  —  Und  fügt  in  der 
Anmerkung  hinzu: 

„Encheiresin  naturae  nennts  die  Chemie, 
Spottet  ihrer  selbst  und  weiss  nicht  wie." 

Mephistopheles  im   Faust. 

43)  La  matiere  medioale  est  encore  une  collection  de  conclusions  trom- 
peuses,  d'annonces  döcevantes,  plutöt  qu'une  vcritable  science. 

Barbier,  Traite   de  Mat.   med.  I,  pag.    184. 


VII.   Buch.     Aphorism  21.  487 

Nachdem  dieser  gelehrte  Mann  nun  in  sarkastischer  Weise  meh- 
rere Krankheiten  aufgezählt  hat,  welche  „die  Runde  durch  alle 
Büchsen  der  Apotheken  gemacht  haben"  und  wogegen  auch  der 
Phosph.  vergeblich  versucht  war,  fährt  er  folgender  Maassen 
fort:  „Die  Homöopathie  selbst  verschmähte  den  Phosph. 
nicht,  und  reicht  ein  Atom  A  cid  um  phosphoricum"  (als 
wenn  das  gleich  mit  Phosph.  wäre),  „freilich  etwas  inkonse- 
quent, bei  den  Folgen  unglücklicher  Liebe  und  Eifersucht, 
weil  er  —  heftiges,  wildes  Tanzen  errege!"  —  Wir  halten 
es  für  unseren  Beruf  und  für  unsere  Pflicht,  den  hochweisen 
Herrn  Professor  aufzufordern,  in  irgend  einem  homöopathi- 
schen Werke  nachzuweisen,  dass  die  Phosphorsäure  bei  der 
Prüfung  am  Gesunden  jemals  Tanzen  und  Springen,  ja 
auch  nur  Lachen,  Singen  oder  ähnliche  Zeichen  von  Ueb er- 
lustig keit  in  der  Erst- Wirkung  hervorgerufen  hat,  wogegen 
sich  der  gerade  entgegengesetzte  stillverdriessliche,  gleich- 
gültige, schweigsame  und  traurige  Gemüthszustand 
in  allen  Symptomen  so  entschieden  ausspricht.  Bis  dahin,  dass 
dieser  Nachweis  geführt  ist,  sind  wir  unbestreitbar  in  unserem 
Rechte,  wenn  wir  die  angeführte  Behauptung  für  eine  literarische 
Fälschung  und  eine  grobe  Unwahrheit  erklären,  die  sich 
schwerlich  durch  ein  unwürdiges  Haschen  nach  Witz  ent- 
schuldigen lässt.44) 

Diese  öffentlich  konstatirte  Thatsache  möge  überdem  zum 
Beispiele  dienen,  wie  man  heutiges  Tages  die  so  äusserst  wich- 
tige Pharmakodynamik  behandelt,  wie  man  in  vergifteten 
Hunden,  Katzen  und  Kaninchen    sucht,  was  dem  kranken 


44)  Wer  eine  Lüge  berichtet,  merkt  selten  die  schwere  Last,  die  er 
übernimmt.  Er  muss  nämlich,  um  eine  Lüge  zu  behaupten,  zwanzig  an- 
dere erfinden.  Swift's  Aphorismen. 

Man  kennt  die  Antwort  des  Diogenes  auf  die  Frage:  welches  das  ge- 
fährlichste Thier  sei?  worauf  er  erwiderte:  unter  den  wilden  Thieren  der 
Verleumder,  unter  den  Zahmen  der  Schmeichler. 


4gg  VII.  Buch.     Aphorism    22. 

Menschen  Hülfe  bringen  soll,  und  dabei  jede  Gelegenheil  mit 
den  Haaren  herbeizieht,  um  die  redlichen,  aber  meistens  miss- 
verstandenen oder  gar  gefälschten  Versuche  Anderer  mit 
gallbitterer  Satire  zu  übergiessen.  Das  Gelindeste,  was  man 
diesen  vorlauten  Unwissenden  zurufen  könnte,  wäre  wohl  das 
bekannte :  Si  tacuisses !  Aber  abrathen  muss  man,  wenigstens  zur 
Zeit  noch ,  von  allem  und  jedem  Versuche ,  Solche  zu  belehren, 
zu  widerlegen  und  zurecht  zu  weisen.45) 


22.     Auf  langwierigen   Schmerz  in  den  zum  Unterleibe  ge- 
hörenden Th eilen  folgt  Vereiterung. 


Fast  alle  neueren  Uebersetzer  dieses  Aphorisms  sagen  hier 
„im  Unterleibe",  wogegen  die  Aelteren  das  keqI  mit  „par- 
tium circa  ventrem"  wiedergeben.  Wir  haben  nicht  die 
Anmaassung,  als  Schiedsrichter  aufzutreten  und  dem  Einen  vor 
dem  Andern  den  Vorzug  einzuräumen,  sondern  haben  lieber  ge- 
sucht, durch  die  Wahl  des  obigen  Ausdrucks  eine  Vermittelung 
der  verschiedenen  Meinungen  herbeizuführen.  —  Uebrigens  dürfte 
die  Richtigkeit  dieses  Aphorisms  manche  Ausnahmen  erleiden, 
je  nachdem  der  Schmerz  beschaffen  ist,  und  in  welchen  Verbin- 
dungen er  vorkommt.  Ueberhaupt  ist  das  Wort:  Schmerz  so 
ungemein  vieldeutig  und  unbestimmt,    dass    es  beinahe  wie  das 


45)  Es  giebt  ein  Volk,   das  immer  hören  sollte, 

Und  immer  lehrt; 
Das  ist  das  Volk,  das  man  nie  hören  wollte, 

Und  immer  hört.  Hagedorn. 

Incoherent  assemblage  d'opinions  elles-memes  incoherentes,  eile  (la 
matiere  medicale)  est  peut-etre  de  toutes  les  sciences  physiologiqucs  celle 
oü  se  peignent  le  mieux  les  travers  de  l'esprit  humain;  que  dis-je,  ce  n'est 
point  une  science  pour  un  esprit  methodique,  c'est  un  ensemble  informe 
d'idees  inexactes,  d'observations  souvent  pueriles,  de  formules  aussi  bizar- 
rement  concues   que  fastidieusemevit  assemblees. 

Bichat,  Anat.  gen.  I,  pag.  46. 


VII.  Buch.    Äphorism  23.  489 

noch  vieldeutigere  növoq  der  Griechen,  worüber  Foesius  (Oecon. 
Hipp.  532)  die  vollständigste  Auskunft  giebt,  manchen  Homöo- 
pathen oft  zur  Verzweiflung  bringt,  besonders  in  schriftlichen 
Berichten,  wo  jede  genauere  Individ  ualisirung  fehlt  und  wo 
man  zur  Hülfe  aufgerufen  wird  gegen  einen  Feind,  von  dem 
man  Nichts  weiter  erfährt,  als  dass  es  eben  ein  böser  Feind  ist. 


23.    Auf  unvermischte  Stuhlgänge  folgt  die  Ruhr. 


In  Betreff  derun  vermischten  Stuhlgänge  beziehen  wir 
uns  aut  die  Glosse  zum  Äphorism  VII,  6.  Dass  unter  övasvTEQL'r) 
des  Hippokrates  nicht  gerade  immer  Dasjenige  verstanden  wird, 
was  wir  mit  dem  Namen  Ruhr46)  bezeichnen,  haben  wir  bereits 
früher  angemerkt,  und  findet  sich  ausführlicher  beim  Foesius 
(Oecon.  Hipp.  p.  171  seqq.)  nachgewiesen.  Es  ist  daher  un- 
möglich zu  errathen,  was  Dieser  mit  diesem  Lehrspruche  eigent- 
lich habe  sagen,  wollen.  —  Das  ist  der  Fluch  der  blossen  Na- 
m  e  n ,  dass  sie  über  Gegenstände  ein  mangelhaftes  Licht  verbrei- 
ten, welches  nicht  hinreicht,  sie  selbst  gehörig  zu  beleuchten, 
geschweige  denn,  den  nöthigen  Anhalt  für  eine  ärztliche  Behand- 
lung darzubieten.47)  Dieser,  auch  heute  noch  herrschende  Na- 
men-Unfug ist  dadurch  um  Nichts  gebessert,  dass  man  statt 
der  alten  Einfachen  nun  häufig  Zusammengesetzte  an- 
wendet, wodurch  höchstens  das  Genus,  niemals  aber  die  Spe- 
cies,  und  noch  weniger  die  Varietät  kennbar  bezeichnet  wird. 


46)  Wenn  man  die  Namen  der  Flüsse  Ehein  und  Rhur  von  dem  grie- 
chischen Worte  qeco,  qslv  ableitet,  so  könnte  man  dieses  mit  noch  grösse- 
rem Rechte  bei  dem  Worte  Ruhr  ebenfalls  thun ,  würde  dann  aber  sprach- 
richtiger Rhur  schreiben  müssen. 

47)  On  apprend  ordinairement  les  langues,  pour  exprimer  nettement 
ce  qu'on  sait;  mais  il  semble ,  que  les  medecins  u'appreunent  leur  Jargon, 
que  pour  embrouiller  ce  qu'ils  ne  savent  pas. 

Fontenelle. 


490  vn-  Buch      Aphorism  23. 

Es  verhält  sich  damit  geradeso ,  als  wenn  man  Jemandem  einen 
Baum  beschreiben  will:  Wurzel,  Stamm,  Zweige  und  Blät- 
ter hat  jeder;  ebenso  Rinde,  Bast  und  Holzfasern  mit  ihren 
verschiedenen  Saftgängen.  Dies  Alles  breit  und  lang  und  selbst 
gelehrt  dargestellt  genügt  nicht  einmal  auf  eine  Familie  zu 
schliessen,  was  erst  durch  genaue  Beschreibung  von  Blatt  und 
Frucht  möglich  ist.  Hat  man  aber  nun  auch  endlich  das  Ge- 
nus gefunden,  so  fehlt  noch  das  Weitere,  was  durch  die  beson- 
dere Beschaffenheit,  Form  oder  Stellung  der  Blätter, 
der  Blut  hen  und  der  Frucht  u.  s.  w.  die  verschiedenen  Species 
von  einander  unterscheidet,  um  mit  Sicherheit  zu  erkennen,  ob 
z.  B.  von  den  zahlreichen  (etwa  140)  Quercus-Arten,  Q.  pedun- 
culata,  Q.  Robur,  Q.  austriaca,  Q.  Cerris,  Q.  Suber,  Q.  Phellos, 
oder  irgend  eine  Andere  gemeint  sei.  Ueber  alles  Dieses  giebt 
nur  die  scharfe  Diagnose,  niemals  der  blosse  Namen,  genü- 
genden und  sicheren  Aufschluss,  und  eben  so  kann  nur  mit  Hülfe 
einer  solchen  Diagnose  eine  Krankheit  derartig  beschrieben 
werden,  dass  man  sie  vollständig  zu  erkennen  und  eine  Mittel- 
wahl dafür  zu  treffen  im  Stande  ist.48) 


48)  Ausser  dem  Namen-Unfug  für  die  Krankheiten,  giebt  es  in 
der  Medizin  noch  einen  Andern  für  die  gefährlichen  Arzneien,  wodurch 
der  Patient  in  Unwissenheit  erhalten  werden  soll,  wenn  davon  beklagens- 
werthe  Folgen  sich  einstellen.  —  „Ces  accidents"  —  heisst  es  im  Dict.  de 
mat.  med.  von  Merat  und  de  Lens,  T.  IV,  p.  579  —  „qu'on  voit  se  renou- 
veler  assez  frequemment,  mais  qui  ne  sont  pas  toujours  dus  aux  medeeins, 
ont  laisse  sur  leur  compte  une  grande  terreur  dans  le  public,  qui  craiut 
toujours,  quand  on  les  lui  prescrit,  quelque  meprise  et  l'empoisonnement 
ä  la  suite;  ce  qui  exige  souvent  de  les  donner  sous  des  formes  ou  des 
noms  qui  en  derobent  la  connaissance  aux  malades." 

Wie  sehr  übrigens  selbst  die  Koryphäen  der  Wissenschaft  sieh  nicht 
allein  in  der  Diagnose  gröblich  irren,  sondern  auch  gar  Jahre  lang  diesen 
Irrthum  als  Grundlage  ihrer  falschen  Behandlung  festhalten  können,  davon 
haben  wir  noch  unlängst  ein  beklagenswerthes  Beispiel  erlebt,  welches  eben 
so  lange  die  innige  Theilnahme  eines  ganzen  bedeutenden  Landes  in  der 
schmerzlichsten  Spannung  erhalten  hat. 


VII.  Buch.     Aphorism  24.  491 

24.     Auf  eiue  Verletzung    des    Knochens,    welche    his    zu 
dessen  Höhle  durchgedrungen  ist,   folgt  Irrereden. 


Die  Kommentatoren  sind  wohl  mit  Recht  sämmtlich  darüber 
im  Einversländniss,  dass  in  diesem  Lehrsatze  nur  die  Verletzung 
der  Kopfknochen  gemeint  sei,  wobei  dann,  neben  der  noch 
gewöhnlicheren  Betäubung,  auch  diese  Erscheinung  eine  gewöhn- 
liche Folge  ist.  In  sehr  vielen  Fällen  sind  dabei  Knochen- 
splitter in  das  Gehirn  eingedrungen,  welche,  oft  mit  Beihülfe 
der  Trepanation,  vor  allen  Dingen  zu  entfernen  sind,  ehe 
und  bevor  von  der  Anwendung  der  homöopathischen  Mittel  Er- 
folg zu  erwarten  ist.49)  Wir  linden  es  nölhig,  dieses  hier  be- 
sonders zu  erwähnen,  weil  es  Personen  giebt,  die  —  wir  wissen 
nicht,  ob  aus  Bosheit,  oder  aus  Unwissenheit  —  die  Behaup- 
tung kolportiren,  dass  die  Homöopathen  niemals  chirurgische 
Hülfe  anwendeten  und  sich  dem  Wahnsinn  hingäben,  selbst  Kno- 
chenbrüche ohne  Zurechtstellung  und  Befestigung  derselben, 
so  wie  Verletzungen  ohne  Entfernung  der  eingedrungenen 
fremden  Körper ,  durch  den  blossen  Gebrauch  der  homöopathi- 
schen Pulver  heilen  zu  können.  Bei  solchen  widersinnigen  Be- 
hauptungen weiss  man  oft  nicht  recht,  ob  man  mehr  über  solche 
Unverschämtheiten,  oder  über  die  Verstandlosigkeit 
erstaunen  muss. 50)  Am  Meisten  scheint  diese  Mystifikation 
unter  den  Laien  in  der  Arzneikunde  verbreitet  zu  sein,  und  es 
kommen  in  dieser  Beziehung  mitunter  Dinge  vor,  die  man  nicht 
für  wahr  halten  sollte.51)     So    liegt    z.  ß.    eben  jetzt   vor    uns 


49)  Die  heutigen  Erfindungen  chirurgischer  Werkzeuge  und  Maschinen 
alier  Art  erinnern  unwillkührlich  an  die  mechanischen  Spielwerke  der 
Alexandrinischen  Schule,  welche  geraume  Zeit  als  Parade-Pferde  geritten 
wurden,  und  heute  dazu  dienen,  die  Köpfe  der  jungen  Aerzte  mit  unnützem 
C4erümpel  zu  überfüllen. 

50)  Nihil  est  tarn  absurdum,  quod  non  Philosophorum  (et  medicorumt 
aliquis  affirmaverit.  Cicero. 

51)  Wahrhaft  ergötzlich  ist  in  Kraus's  etym.  med.  Lexikon,    die    dem 


492  vn-  Buch.    Aphorism  24. 

ein  Brief  von  einer  Dame  von  58  Jahren ,  welche  seit  drittehalb 
Jahren  an  einer  komplizirten,  mit  unsäglicher,  während  der  allo- 
pathischen Behandlung  arg  gesteigerten,  Gern üthsk rankheit 
mit  Angst  leidend,  seit  vier  Monaten  hei  unserer  Behandlung  in 
ihrer  Besserung  die  erfreulichsten  Fortschritte  gemacht  hatte. 
Diese  schreibt  nun  unterm  5.  Juni  wörtlich  Folgendes :  —  „Wie 
Ihnen  bekannt  ist,  haben  die  Meinigen  kein  Zutrauen  zur  Ho- 
möopathie, und  schreiben  die  Heilung,  welche  erfolgt,  der  vorge- 
schriebenen Diät  zu.  Ich  fand  nun  mehrmals,  dass  die  Quan- 
tität in  meiner  Flasche  nicht  auskam.  Anfangs  glaubte  ich,  ich 
hätte  wegen  meiner  Verwirrung  mich  verzählt,  einigen  Verdacht 
schöpfte  ich  jedoch  sogleich,  und  aus  Vorsicht  versteckte  ich  die 
Flasche.  Dessenungeachtet  hatte  sich,  o bschon  ich  beim  Zählen 
der  Löffel  die  grösste  Vorsicht  beobachtet  hatte,  die  Quantität 
so  vermehrt,  dass  ich,  nachdem  ich  bereits  6  Löffel  davon  ge- 
nommen, noch  6  vorräthig  hatte.  Ich  überzeugte  mich  nun, 
dass  vor  Mitternacht,  wo  ich  jetzt  sehr  fest  schlafe,  und  ich 
über  Nacht  die  Flasche  vor  meinem  Bette  stehen  hatte,  dieselbe 
ausgegossen  und  durch  Wasser  ersetzt  worden  war.  Es  wird, 
da  ich  dies  den  Meinigen  gesagt,  zwar  desavouirt,  ich  bin  aber, 
ich  möchte  sagen  jetzt  moralisch  davon  überzeugt,  da  ich  beim 
Mischen  des  vierten  Pulvers  zwei  Flaschen  mit  derselben  Anzahl 
Löffeln  gefüllt  habe ;  so  oft  ich  aus  derjenigen  nahm,  worin  das 
Pulver  war,  goss  ich  einen  Löffel  aus  der  Andern,  ich  verschluss 


Worte:  „Theriaca"  angehängte  Bemerkung  zu  lesen:  —  ,, Wie  nämlich  noch 
jetzt  unsere  Bauern  dem, Hunde,  der  sie  gebissen,  die  Haare  ausraufen,  um 
sich  damit  zu  heilen,  so  bereitete  man  zu  Galenus'  Zeiten  und  noch  mehr 
im  früheren  Mittelalter  in  einer  Art  von  Shakespear'schen  Hexenkessel  aus 
Theilen  von  allerhand  beissenden  Bestien  ein  vermeintliches  Gegengift  gegen 
den  Biss  und  andere  Verletzungen  von  ähulichen  Bestien,  ganz  als  wenn 
man  in  Hahnemauns  sog.  Homöopathie  zur  Schule  gegangen  wäre".  —  In 
welchem  Werke  Hahnemanns  möchte  etwa  Derartiges  zu  finden  sein'?  Aber: 
Calumniare  audacter,  semper  aliquid  haeret!  —  Oder  hätte  vielleicht  ein 
loser  Spottvogel   dein  gelehrten  Burschen  einen  Bären  aufgebunden? 


VII.  Buch.    Aphorism  "25,  26.  493 

die  Flasche,  und  nun  kam  es  genau  aus.  Schon  durch  den 
starken  Verdruss,  den  man  mir  dadurch  machte,  musste  mein 
Zustand  sich  wieder  verschlimmern  u.  s.  w.u  — -  Wir  enthalten 
uns  aller  Anmerkungen  zu  dieser  wahrhaft  ruchlosen  Ge- 
schichte, und  sind  in  der  That  froh  darüber,  den  verächt- 
lichen Urheber  nicht  zu  kennen.52) 


25.     Es  ist  tödtlich,  wenn  auf  ein  genommenes  Abführmit- 
tel Konvulsionen  entstehen. 


Dieser  Aphorism  ist  eine  Wiederholung  dessen,  was  bereits 
im  Aphorim  V,  4  gesagt  wurde,  und  die  wahrscheinliche  Ursache 
davon  ,  nämlich  die  Natur  der  damaligen  gewöhnlichen  Abführ- 
mittel, findet  sich  in  der  Glosse  zu  dem  Aphorism  V,  1,  worauf 
mithin  hier  lediglich  hingewiesen  wird. 


26.  Es  ist  schlimm,  wenn  zu  den  heftigen  Schmerzen  in 
den  zum  Unterleibe  gehörenden  Theilen  Kälte  der 
äusseren  Theile  hinzukommt. 


Dieser  Lehrsatz  entspricht  theils  dem  Aphorism  VII,  1, 
theils  dem  Aphorism  IV,  48,  und  giebt  mit  Hinblick  auf  die 
daran  geknüpften  Glossen  zu  weiteren  Bemerkungen  um  so  we- 


52)  Irrthum  ist  ein  Fürwahr  halten  Dessen,  was  nicht  wahr  ist; 
die  Lüge  ein  Für  wahrau  sgeb  en  Dessen,  was  nicht  wahr  ist,  und  wenn 
Dieses  sich  s,uf  das  Thun  eines  Andern  bezieht,  so  ist  Das  eine  Verleum- 
dung. 

Aus  dem  Mittelalter  ist  ein  Sprüchlein  zu  uns  herübergekommen,  wel- 
ches besser,  als  alles  Andere,  die  niederträchtige  Bosheit  neben  der  gemein- 
sten Feigheit  bezeichnet.  Es  lautet:  Si  ungis,  pungit;  si  pungis,  ungit!  — 
Wo  man  es  nicht  vermeiden  kann,  mit  derartigen  Subjekten  in  Berührung 
zu  kommen,  die  nach  Umständen  küssen  oder  beissen ,  da  mag  man  be- 
ständig auf  seiner  Hut  sein. 


494  VIL  Buch-     Aphorism  27. 

niger  Anlass,  als  die  Art  dieser  Schmerzen  gar  nicht  näher  be- 
zeichnet ist.  Auch  in  Bezug  auf  unsere,  von  der  Gewöhnlichen 
etwas  abweichende  Uebersetzung  müssen  wir  uns  auf  Das  beru- 
fen, was  wir  in  der  Glosse  zum  Aphorism  VII,  22  darüber  ge- 
sagt haben. 

27.     Wenn    sich    bei    einer    Schwangeren    Stuhlzwang    ein- 
stellt, so  verursacht  dies  eine  Fehlgeburt. 

Dieser  Aphorism  fehlt  in  einigen  Ausgaben  und  Uebersetzun- 
gen;  wir  haben  ihn  aber  an  dieser  Stelle  belassen,  weil  er  bei 
den  meisten  Autoren  vorkommt,  und  sich  auch  beim  Galenus 
findet.  Uebrigens  wird  jeder  erfahrene  Arzt  mit  uns  darüber 
einverstanden  sein,  dass  er  zu  Denjenigen  gehört,  deren  Urheber- 
schaft wir  kaum  dem  Altvater  der  Arzneikunde  zuschreihen  dür- 
fen, weil  der  Te nesmus  der  Schwangeren  nicht  minder  zu  den 
Symptomen  einer  sonstigen,  oft  bösartigen  Krankheit  gehört,  als 
der  Abortus,  niemals  aber  für  sich  seihst  eine  feste  und  selbststän- 
dige Krankheit  ist.  Wenn  die  Spannung  im  Unlerleibe,  welche 
etymologisch  dem  Ausdrucke  TEivia^og  zum  Grunde  liegt,  eben 
so  sehr  auf  den  Uterus  wirken  muss.  als  auf  den  Darm kanal, 
so  geschieht  dies  gleichzeitig,  aber  keineswegs  ist  das  Eine  vom 
Andern  abhängig,  oder  gar  eine  Folge  davon.  Daher  kann  man 
auch  nicht  geradezu  behaupten,  dass  dieser  Lehrsatz  mit  dem 
Aphorism  V,  34  im  Widerspruche  steht,  obwohl  hier  eben  der 
Durchfall  als  Ursache  der  Fehlgeburt  angegeben  wird.  — 
Die  unter  solchen  Umständen  zur  Wahl  sich  darbietenden  Mittel 
dürften  die  Folgenden  sein:  Beil.,  Calc,  Cocc,  Com,  Ipec,  Lyc. 
Merc,  N.  vom.,  Bhus,  Sep.  und  Sulph.,  unter  welchen  es  nicht 
schwel-  fallen  kann,  das  homöopathisch  Angezeigte  zu  Gilden, 
weil  sie  Alle  nach  ihren  charakteristischen  Eigenschaften  dem 
Homöopathen  genau  genug  bekannt  sein  müssen. 


VII.  Buch.    Aphorism  28,  29.  495 

28.  Wenn  ein  Knochen,  eine  Knorpel,  oder  eine  Seime 
durchschnitte  n  ist,  so  ersetzt  sich  weder  die  Substanz 
noch  wachsen  die  Stellen  wieder  zusammen. 


Dieser  Aphorism  ist  gleichlautend  mit  dem  Aphorism  VI, 
19,  nur  dass  hier  die  Verletzung  der  Wange  und  der  Vorhaut 
ausgelassen  ist.53) 


29.     Wenii  zu    einer  Bleichwassersucht    ein    starker  Durch- 
fall hinzutritt,   so  wird  dadurch  die  Krankheit  gehoben. 


Unter  lcVKocplsy(.iarl,a  verstand,  auch  nach  dem  Zeugniss 
des  Foesius  (Oecon.  Hipp.  p.  382),  Hippokrates  die  Hautwas- 
sersucht (avaad(i%a)  mit  bleicher,  a  ufgedunsener  Haut, 
deren  Ursache  man  früher  in  einem  Uebermaasse  von  Schleim- 
absonderung unter  der  Haut  suchte;  worüber  man,  wenn  man 
Lust  dazu  verspürt,  die  betreffenden  Stellen  nach  der  obigen 
Anweisung  nachlesen  kann.  Was  die  Heilung  dieser  Krankheit 
anbelangt,  so  ist  es  unbestreitbar,  dass  die  neuere  Zeit  darin 
höher  steht,  als  die  Alte,  welche,  ausser  der  Diät  und  Lebens- 
weise, vorzüglich  auf  den  freiwilligen  oder  künstlich  herbeige- 
führten Hinzutritt  eines  starken  Durchfalls  ihre  Hoffnung 
bauen  musste,  der,  wenn  er  sich  wirklich  einstellte,  wie  auch 
jetzt  noch,  oft  unerwartete  Genesung  brachte,  zuweilen  aber  auch 
den  Tod  beschleunigte.54)  Indessen  haben  die  Homöopathen, 
welche  nicht  selten  noch  in  Anspruch  genommen  werden,  wenn 
das  Uebel  bereits  die  höchste  Stufe   erreicht    hat,    am   Meisten 


53)  Ueber  die  Regeneration  zerstörter  Körpertheile  haben  die  Versuche 
der  Neuern  bedeutendere  Thatsachen  gefunden,  und  namentlich  haben  dar- 
über die  Werke  von  Arnernann,  Sömmering,  Reil  u.  m.  A.  Vieles  mitge- 
theilt,  was  zur  Berichtigung  dieses  Aphorisms  dienen  kann. 

54)  Von  der  Bleichsucht  behaupteten  die  Alten:  Autumnus  raalum  hoc 
facit  incipere,  hiems  illud  alit,  ver  ad  ultirnam  vehementiara  ducit,  aestas 
autem  interficit. 


496  vn-  Buch-      Aphorism  29. 

den  Missbrauch  der  Digitalis  purpurea  zu  beklagen,  die 
dabei  heutiges  Tages  last  überall  und  regelmässig  in  den  über- 
mässigsten  Dosen  angewendet  wird,  und  zu  denjenigen  Mit- 
teln gehört,  welche  vor  vielen  Andern  die  Reaktion  der  Le- 
benskraft lähmen  und  so  die  Wirksamkeit  anderer  Arzneien  un- 
möglich machen.  Im  höchsten  Grade  ist  dies  der  Fall,  wo  diese 
heftige  Arzneisubstanz,  wie  doch  ebenfalls  am  Gewöhnlichsten  ge- 
schieht, antipa thi seh,  nämlich  da  angewendet  wird,  wo  der 
Puls  schnell  geht.  „Der  wahre  Homöopath  wird"  —  wie 
Hahnemann  in  dem  Vorworte  zur  Digitalis  in  seinem  Werke  über 
die  chronischen  Krankheiten  III.  Band,  Seite  230  der  zweiten 
Ausgabe  sagt,  —  „nie  Schaden  damit  stiften  und  sie  immer  zum 
Heile  des  Kranken  anwenden;  er  wird  sie  nie,  wie  die  alte 
Schule  gewöhnlich  thut,  z.  B.  bei  schnellem  Pulse  für  indizirl 
halten;  weil  sie  in  ihrer  Erst- Wirkung  den  Puls  ungemein  ver- 
langsamert,  und  daher  in  der  Nach-Wirkung  desto  grössere 
Schnelligkeit  desselben,  in  der  Gegen- Wirkung  der  Lebenskraft, 
herbeiführt."  Wenn  es  selbst  Homöopathen  gegeben  hat  und 
noch  giebt,  welche  Dem  widersprechen,  so  liegt  unzweifelhaft 
eine  Täuschung  zum  Grunde,  welche  sich  leicht  dadurch  er- 
klären lässt,  dass  während  der  Einwirkung  dieses  Arzneistoffs 
von  jeder  geringen  Bewegung  der  Puls  sogleich,  aber  nur 
für  kurze  Zeit,  beschleunigt,  und  dabei  dann  hart  und 
voll  wird.  Aus  diesen  Gründen  haben  wir  bereits  vor  28  Jah- 
ren (in  unserem  „Repertorium  der  antipsorischen  Arzneien" 
(2.  Auflage)  Seile  XXXV,)  jüngere  Aerzte  gewarnt,  keine  zu 
grosse  Hoffnung  auf  .Genesung  zu  machen,  wo  dieses  heroische 
Arzneimittel  früher  in  allopathischen  Gaben  gemissbraucht  war. 
Die  Hauptmittel,  welche  wir  bei  der  genannten  Krankheits- 
form anwenden,  die  aber,  wie  sich  von  selbst  versteht,  jedesmal 
den  begleitenden  Symptomen  entsprechend  ausgewählt  werden 
müssen,  sind  etwa  Folgende:  Ant.  crud.,  Ap.  mel.,  Ars.,  Beil., 
Bry.,  Chin.,  Coleb.,    Dig.,    Dulc,    Ferr.,    Hell.,    Kali,    Led.,    Lyc, 


VII.  Buch.    Aphorlsm  30.  497 

Merc,  Phosph.,  Puls.,  Rhus,  Sabin.,  Samb.,  Sassap.,  Scill.  und 
Sulph.  ■ —  Wir  wollen  noch  dabei  bemerken,  was  nicht  allgemein 
bekannt  zu  sein  scheint,  dass  bei  derjenigen  Wassersucht  der 
untern  Extremitäten,  wobei  das  Wasser  freiwillig  stets  in 
Menge  abfliesst,  ohne  zu  versiegen,  so  dass  der  Fuss  beständig 
wie  im  Wasser  steht,  Rhus  Toxi  codendron  von  keinem  an- 
dern Mittel  übertroffen  wird,  und  nur  höchst  selten  durch  irgend 
ein  Anderes  ersetzt  werden  kann. 


30.     Wenn  die  durchfalligen  Ausleerungen   schaumig  sind, 
so  fliesst  Schleim  aus  dem  Kopfe  ab. 


Dieser  Aphorism  scheint  den  Kommentatoren  ungemein  viel 
Kopfbrechens  gemacht  zu  haben,  und  ist  von  Mehreren  dersel- 
ben, um  kurz  von  der  Sache  abzukommen,  als  eine  schola- 
stische Spitzfindigkeit  bezeichnet  worden,  welche  eine 
nähere  Erörterung  nicht  verdiente.  Selbst  Galenus  scheint  nichl 
recht  zu  wissen,  was  er  daraus  machen  soll.  Einige  glaubten 
einen  Ausweg  darin  zu  finden,  dass  sie  aus  den  Schriften  des 
Hippokrates  nachwiesen,  dass  dieser  das  Gehirn  als  eine  grosse 
Drüse  angesehen  habe,  dazu  bestimmt,  um  den  Schleim  abzu- 
sondern. Bei  solcher  Verschiedenheit  und  Unsicherheit  der  Mei- 
nungen darf  es  uns  wohl  erlaubt  sein,  ebenfalls  eine  Ansicht 
vorzubringen,  welche  vielleicht  nicht  schlechter  oder  besser  ist, 
als  die  Andere ,  aber  doch  auch  Etwas  für  sich  haben  dürfte. 
Wir  vermuthen  nämlich,  dass  Hippokrates  unter  dein  Ausflüsse 
des  Schleims  aus  dem  Kopfe  vorzüglich  einen  Fliessschnupfen 
gemeint  haben  könne,  weil  dieser  nicht  selten  mit  schaumigen 
Durchfällen  verbunden  ist.  Wir  erinnern  zum  Belege  dessen 
nur  an  folgende  Arzneien,  von  denen  wir  die  schaumigen  Durch- 
fälle kennen:  Calc,  Canth.,  Cham.,  Chin.,  Coloc,  Jod.,  Lach., 
Magn.,  Merc,  Op.,  Rhus,  Ruta,    Sulph.    und  Sulph.    ac,    denen 

32 


498  vn-  Buch-     Aphorism  31,  32. 

aber  ebenfalls  das  Symptom  des  Fliessschnupfens ,  zum  Theile 
selbst  in  ausgezeichnetem  Grade,  angehört.  Wir  wünschen  übri- 
gens, dass  diese  unsere  Ansicht  lediglich  als  ein  Einfall  von  uns 
angesehen  werden  möge,  ohne  darauf  irgend  ein  anderes  Gewicht 
zu  legen,  als  das  der  allerdings  merkwürdigen  Uebereinstimmung 
mit  unserer  R.  A.-Mittellehre ,  wovon  wir  bereits  mehrere  Bei- 
spiele ■  gesehen  haben. 55) 


31.  Bei  Fieberkranken  zeigt  der,  gröblichem  Mehle  ähn- 
liche Bodensatz  im  Harn  Langwierigkeit  der  Krank- 
heit an. 

32.  Wenn  hingegen  der  Bodensatz  im  Harne  gallicht  ist, 
nachdem  dieser  zu  Anfange  dünn  gewesen ,  so  zeigt 
er  eine  hitzige  Krankheit  an. 


Diese  beiden  Aphorismen  können  nicht  füglich  von  einan- 
der getrennt  werden,  weil  der  Eine  den  Gegensatz  zum  Andern 
bildet.  Beide  haben  auch  gleichmässig  ihre  räthselhafte  und 
dunkle  Seile.  Der  Erste  (31.)  spricht  von  mehlartigem  Bo- 
densatze, welcher,  so  weit  bis  jetzt  unsere  Erfahrungen  rei- 
chen, nur  folgenden  Mitteln  zukommt:  Ant.  tart.,  Calc,  Chili., 
Graph.,  Merc,  Natr.  mur.,  Phosph.,  Ph.  ac.  und  Sulph.  Diese  ent- 
sprechen allerdings  Alle  den  chronischen  Krankheiten,  mit 
alleiniger  Ausnahme  der  China,  und  demnach  wäre  der  hippo- 
kratische  Ausspruch  in  so  weit  richtig.  Aber  es  will  uns  doch 
scheinen,  als  ob  hier  unter  dem  Ausdrucke :  „wie  gröbliches 
Mehl"  auch  die  griesartigen  und  sandigen  Bodensätze  von 
weisslicher  Farbe  verstanden  werden  dürften,  und  dann  ge- 
winnt die  Sache  ein  anderes  Ansehen.  Bei  dieser  Annahme 
würden  dann  nämlich  zu  der  Wahl  noch  mehrere  andere  Arzneien 


55)  Der  Beobachter  soll  die  Natur  nicht  anders    erklären,    als    durch 
die  Natur  selbst.  Zimmermann  III,  2,  106. 


VII.  Buch.    Aphorism  33.  499 

hinzutreten ,  welche  für  langwierige  (chronische )  Krankheiten 
nicht  passen,  und  dabei  Hülfe  zu  bringen  keine  hinlängliche 
Kraft  und  Dauerhaftigkeit  besitzen. 

Bei  dem  zweiten  Aphorism  (32.)  stösst  man  auf  eine  zwie- 
fache Schwierigkeit.  Einmal  nämlich  ist  es  nicht  recht  klar, 
was  Hippokrates  unter  „gallichtem"  Bodensatze  versteht,  der 
weder  unter  unsern  Symptomen,  noch  unter  den  allopathischen 
u r in oskopi sehen  Benennungen  vorkommt.  Bei  der  sehr  aus- 
gedehnten Bolle,  welche  bei  unserem  Altvater  der  Heilkunde 
der  Galle  zugetheilt  ist,  lässt  sich  wohl  voraussetzen,  dass  man- 
cherlei Arten  von  nicht  festem  Bodensatze,  wie  Schleim, 
Fasern,  Wolken  u.  dgl.  dazu  gerechnet  sein  könnten.  Dann 
aber  ist  es  um  so  räthselhafter,  was  Hippokrates  eigentlich  damit 
gemeint  hat,  indem  jede  genauere  Bezeichnung  fehlt  und  eben 
deshalb  die  Zahl  der  Krankheiten,  wobei  sie  vorkommen,  in 
gleichem  Verhältnisse  mit  der  Vielartigkeit  des  Harnsatzes  steigt. 
—  Anderntheils  ist  es  nicht  ganz  ausgemacht,  dass  unter  ccvco&sv 
der  Beginn  der  Krankheit  zu  verstehen  sei ,  indem  dies  auch, 
und  vielleicht  noch  sprachrichtiger  heissen  kann,  dass  oberhalb 
des  Bodensatzes  der  Harn  dünn  sei.  Wir  mögen  uns  daher 
damit  trösten ,  dass  diese  beiden  Aphorismen  an  und  für  sich 
für  uns  von  keiner  grossen  Erheblichkeit  sind. 


33.    Wo  der  Harnabgang  mit  Unterbrechungen  erfolgt,  da 
findet  sich  eine  bedeutende  Unordnung  im  Körper  vor. 


Wir  sehen  uns  bei  diesem  Aphorism  abermals  veranlasst, 
von  der  gewöhnlichen  Uebersetzung  abzuweichen,  indem  wir  das 
hier  gebrauchte  Beiwort :  dteörjxota  nicht ,  wie  sämmtliche  An- 
deren, auf  den  Urin  selbst  und  auf  seine  Qualität,  sondern,  wie 
es  uns  scheint,  auch  der  Etymologie  des  Ausdrucks  angemesse- 
ner, auf  den  Abgang  desselben  beziehen.    Wenn  wir  dabei  mit 

32* 


500  VI1«  Buch.   Aphorism  34,   35. 

so  wichtigen  Autoritäten  in  Widerspruch  gerathen,  so  haben  wir 
doch  andere,  minder  zweifelhafte  Stellen  in  den  Schriften  des 
Hippokrates  für  uns,  die  man  nach  Belieben  in  dem  Foesins 
nachschlagen  kann,  und  die  ganz  unserer  Ansicht  entsprechen. 
Ausserdem  führen  wir  noch  den  besonderen  Umstand  an,  dass 
wir  mit  dem  „ungleichen,  veränderlichen  Urine"  keinen 
recht  klaren  Begriff  verbinden  können.  Die  Mittel,  welche  bei 
unterbrochenem  oder  oft  zeitweise  stockendem  Harnab- 
gänge sich  zur  Wahl  darbieten,  sind  eigentlich  Folgende:  Ap., 
Bov.,  Caps.,  Carb.  an.,  Caust.,  Clem.,  Com,  Dulc,  Kali,  Led.,  Op., 
Ph.  ac,  Puls.,  Sulph.,  Thuj.  und  Zinc.  Diese  repräsentiren  für 
sich  schon  eine  ansehnliche  Menge  von  Krankheiten  und  Beschwer- 
den, wovon  Mehrere  zu  den  Bösartigen  gehören,  so  dass  allein 
hierdurch  schon  der  Schlusssatz  des  Aphorisms  gerechtfertigt 
erscheint.  Wenn  man  aber,  wie  es  wohl  zulässig  sein  dürfte, 
alle  übrigen  Mittel  hinzuzählt,  welche  bei  Störungen  des  nor- 
malen Harnabganges  überhaupt  noch  ihre  Anwendung  finden : 
so  ist  Dieses  in  noch  weit  höherem  Grade  der  Fall,  wenn  der 
Harn  in  Farbe,  Konsistenz,  Geruch,  Bodensatz  etc. 
zu  verschiedenen  Tageszeiten  sich  verändert,  wie  man  es  be- 
sonders bei  typhisch  wiederkehrenden  Krankheiten  in  ihren  ver- 
schiedenen Perioden  oft  wahrnimmt,  ohne  darum  einen  Schluss 
auf  erhebliche  Unordnungen  im  Körper  zu  begründen. 


34.    Schaumblasen  auf  dein  Harne  zeigen    eine  Krankheit 
der  Nieren  an,  und  zwar  eine  Langwierige. 


35.  Wenn  sich  aber  oben  auf  dem  Harne  eine  zusammen- 
hängende Fetthaut  bildet,  so  zeigt  dies  ebenfalls  eine 
Krankheit  der  Nieren  an,  aber  eine  Hitzige. 


Unsere   Prüfungen    und   Beobachtungen   haben  uns  belehrt, 
dass  der   schaumige   Harn    zu    den    Zeichen    der    folgenden 


VII.  Buch.     Aphorism  36.  501 

Mittel  gehört:  Aur.,  Chin.,  Kali,  Lach.,  Laur.,  Lyc,  Seneg.  und 
Spong. ;  die  Fetthaut  auf  demselben  aber  zu  Folgenden:  Calc, 
Chin.,  Coloc,  Hep.,  Jod.,  Par.,  Petr.,  Phosph.,  Puls,  und  Sulph. 
Von  allen  diesen  Mitteln,  mit  Ausnahme  von  Aur.,  Coloc.,  Laur., 
Seneg.  und  Spong.  wissen  wir  ebenfalls  mit  Bestimmtheit,  dass 
sie  mehr  oder  weniger  auch  auf  die  Nieren  wirken,  dass  es 
aber  noch  viele  Andere  giebt,  welche  diese  Kraft  besitzen,  ohne 
dass  dabei  die  obenstehenden  Zeichen  am  Urin  vorkommen,  oder 
mindestens  noch  nicht  beobachtet  sind.  Es  scheint  daher,  dass 
die  beiden  vorstehenden  Aphorismen  (34  und  35)  nur  die  Beob- 
achtungen einiger  wenigen  Fälle  wiedergeben,  und  daher  eben 
kein  besonderes  Gewicht  haben.  Auch  liegen  bei  uns  Erfahrun- 
gen vor,  wo  sowohl  beim  schaumigen,  als  bei  dem  mit  einer 
Fetthaut  belegten  Urin  von  Nierenleiden  keine  Spur  auf- 
zufinden war. 


36.  "Wo  aber  neben  den  vorstehenden  Zeichen  einer 
Nierenkrankheit  Schmerzen  in  den  Kückenmuskeln 
entstehen,  da  ist  Eitergeschwulst  zu  erwarten,  und 
zwar  eine  Aeusserliche ,  wenn  Jene  in  den  äusseren 
Theilen,  eine  Innerliche  hingegen,  wenn  sie  in  den 
innern  Theilen  empfunden  werden. 


Wir  begreifen  nicht,  wie  einige  Kommentatoren  die  Semio- 
tik  dieses  Lehrsatzes  etwas  verworren  nennen  und  gar  die  Psoii- 
tis  damit  verwechseln  konnten.  Es  kommt  allerdings  nicht 
allzu  häufig  vor,  dass  eine  Nie ren-Entz  ü  ndung  in  äusser- 
liche  Abscesse  übergeht.  Aber  sie  kommt  doch  vor,  und 
wir  tragen  kein  Bedenken  hinzuzufügen,  dass  sie  häufiger  vor- 
kommt, als  man  gewöhnlich  glaubt,  und  dass  manche  Geschwüre 
in  der  Lendengegend  eben  daher  ihren  Ursprung  haben. 
Solche  äusserliche  Geschwüre,  die  in  der  Nierengegend 
ihren  Sitz  haben,  gehören   oft  zu  den  hartnäckigsten,  und  man 


5Q2  vn-  Buch.     Aphorism   36. 

erreicht  seinen  Zweck  erst  dann,  wenn  die  anzuwendenden  Mittel 
den,  oft  vernachlässigten  Symptomen  des  vorhandenen  Nieren- 
leidens gehörig  angepasst  sind.  Wenn  daher  irgendwo,  so 
stellt  sich  gerade  auch  hier  die  Noth wendigkeit  recht  augenfällig 
heraus,  den  Symptomen  Rechnung  zu  tragen,  und  das  Krank- 
heitsbild in  der  Gesammtheit  seiner  wesentlichen  und  charak- 
teristischen Zeichen  sorgfältig  und  vollständig  zu  erforschen,  um 
jedesmal  die  Arznei  genau  homöopathisch  auswählen  zu  können. 
Mehrere  Erfahrungen  haben  uns  belehrt,  dass  alle  sonstigen,  bei 
verschiedenartigen  Geschwüren  in  der  Regel  so  heilsamen  Mittel, 
wenn  ihnen  nicht  gleichzeitig  die  spezielle  Wirkungsfähigkeit  auf 
die  Nieren  angehört,  bei  dieser  Art  von  Eiterungen  völlig  un- 
wirksam bleiben,  wogegen  Andere,  welche  diesem  letzten  Erfor- 
dernisse entsprechen,  übrigens  bei  Geschwüren  seltener  zur  An- 
wendung kommen,  die  erfreulichsten  Erfolge  haben.  Am  hülf- 
reichsten und  am  Oeftersten  angezeigt  haben  wir  für  solche  Fälle 
die  folgenden  Miltel  gefunden:  Ars.,  Canth.,  Chin.,  Hep.,  Lyc, 
Puls,  und  Sil. ;  und  wir  bemerken  noch  ausdrücklich  dabei,  dass 
eben  die  Canth aris,  wenn  sie  nur  den  Symptomen  gemäss 
richtig  gewählt  und  in  hinreichend  kleiner  Dosis  gereicht 
wird,  unter  diesen  Arzneien  einen  ganz  vorzüglichen  Rang  ein- 
nimmt, obwohl  von  fast  sämmtlichen  allopathischen  Notabilitäten 
(Boyer,  P.  Frank,  Andral,  Neumann,  Vogel  und  Anderen)  dagegen 
gewarnt  wird,  wahrscheinlich  aus  dem  Grunde,  weil  die  Gaben 
zu  gross  waren. 

Bei  der  inneren  Vereiterung  der  Nieren,  namentlich 
wenn  Solche  schon  lange  gedauert  hat,  und  Diese,  wie  gewöhn- 
lich, desorg anisirt  sind,  lässt  sich  in  der  Regel  nicht  viel  mehr 
ausrichten.  Canth.,  Lyc.  und  Puls,  thun  dann  noch  das  Meiste, 
je  nachdem  die  begleitenden  Zeichen  mehr  für  das  Eine,  oder 
für  das  Andere  sprechen.  Die  Ergiessung  des  Eiters  in  die 
Bauchhöhle  hat  meistens  den  unvermeidlichen  Tod  zur  Folge, 
und  es  handelt  sich  daher  hauptsächlich  darum,   eine    eingetre- 


VII.  Buch.     Aphorism  37.  503 

tene  Entzündung  der  Nieren,  die  aus  den  Symptomen  leicht 
zu  erkennen  ist,  so  schnell,  als  möglich  zu  beseitigen.  Auch 
hier  steht  wieder  die  Cantharis  an  der  Spitze  der  Heilmittel, 
obwohl  zuweilen  auch  Acon.,  Beil.,  Camph.,  Cann.,  Hep.,  Merc, 
Nrtr.  ac,  Puls.,  Seil!.,  Sulph.  oder  Thuj.  zur  Wahl  kommen 
können.  Immer  gehören  aber  solche  Fälle  zu  Denen ,  wo  das : 
Principiis  ohsta!  nicht  dringend  genug  empfohlen  werden 
kann. 

37.  Blutbrechen  ohne  Fieber  ist  ungefährlich;  schlimm 
aber,  wenn  es  von  Fieber  begleitet  ist.  Mit  kühlen- 
den und  zusammenziehenden  Mitteln  muss  es  geheilt 
werd  en. 

Das  Blutbrechen  erscheint  zuweilen,  und  dann  meistens 
ohne  Fieber,  hei  unterdrückten  natürlichen  Blutauslee- 
rungen, wie  z.  B.  bei  unterdrückter  Menstruation,  oder 
bei  stockenden  sogenannten  Hämorrhoi'dalflüssen.  Dabei 
ist  dann  natürlich  von  keiner  augenblicklichen  Gefahr  die  Bede, 
und  man  würde  sogar,  wie  Einige  thun,  das  Wort  6mtiqqiov  mit 
gesund  übersetzen  können,  was  indessen  von  einer  palliativen 
Besserung,  wie  sie  hier  davon  nur  zu  erwarten,  wenigstens  nach 
unseren  Begriffen,  nicht  behauptet  werden  kann.  In  solchen 
Fällen  ist  es  vielmehr  nöthig,  vermittelst  der  für  dergleichen  Zu- 
stände geeigneten  Mittel,  nach  Maassgabe  der  sonstigen  Symp- 
tome, diese  Abnormitäten  aus  dem  Grunde  zu  heilen,  und 
mit  Herstellung  der  Begelmässigkeit  in  den  natürlichen  Funktio- 
nen für  die  Folge  gefährlicheren  Komplikationen  vorzubeugen. 

Das  Blutbrechen,  sowohl  mit  als  ohne  Fieber,  finden 
wir  unter  den  Zeichen  vieler  Mittel,  wovon  die  Hauptsächlichsten 
und  am  Oeftersten  zur  Anwendung  Kommenden  Folgende  sind: 
Acon.,  Arn,,  Beil.,  Canth.,  Carb.  vegv  Chin.,  Ferr.,  Hyosc, 
Ipec,  N.  vom.,  Phosph.,  Plumb.,  Puls.,  Sabin.,  Sep.,  Stann., 
Sulph.,  Sulph.  ac.  und  Veratr.    Bei  solchen  Fällen  ist  es  nöthig, 


504  VII.  Buch.     Aphorism  38. 

zuvörderst  auf  die  Farbe  und  Konsistenz  des  Bluts  zu 
achten,  wobei  für  dunkles  oder  schwärzliches  Blut  zunächst 
auf  Acon.,  Canth.,  Chin.,  N.  vom.,  Puls.,  Sep.  und  Sulph.  ac. ; 
bei  hellem  Blute  auf  Arn.,  Beil..  Carb.  veg.,  Ferr.,  Hyosc, 
Ipec,  Phosph.,  Plumb.,  Sabin,  und  Sulph.  Bedacht  genommen 
werden  muss.  Wenn  dabei  das  Blut  sofort  gerinnt  oder 
schon  in  Stücken  ausgeleert  wird,  so  kommen  besonders  Arn., 
Bell,  Canth.,  Chin.,  Ferr.,  Hyosc,  Ipec,  N.  vom.,  Puls.,  Sabin, 
und  Sulph.  zur  engeren  Wahl.  Nur  ausnahmsweise  kommt  bei 
der  Haematemesis  eine  seltenere  Beschaffenheit  des 
Bluts  vor,  z.  B.  das  Bläuliche  (Kali),  das  Bräunliche  (Bry., 
Carb.  veg.,  Bhus),  das  Schaumige  (Ars.,  Led.,  Phosph.,  Sil.), 
das  Scharfe,  B eissende  (Kali,  Nitr.,  Sil.),  das  Zähe  (Croc, 
Cupr.);  oder  es  folgt  das  Blut  erst  nach  vorgängigem  Erbre- 
chen von  Schleim  oder  Galle  (Veratr.).  Natürlich  muss  dann 
dies  Alles  um  so  mehr  bei  der  Mittelwahl  in  Betracht  gezogen 
werden,  als  solche  Symptome  vorzugsweise  zu  den  Absonder- 
lichen und  Charakteristischen  gehören.  In  allen  Fällen 
solcher  Art  wird  man  nicht  leicht  wegen  der  Entscheidung  für 
die  eine  oder  andere  Arznei  in  Verlegenheit  gerathen,  wenn  man 
ausser  den  obigen  Andeutungen  noch  die  begleitenden  Symp- 
tome zur  näheren  Individualisirung  benutzt,  wie  Solches 
die  Homöopathie  lehrt.  Man  bedarf  dann  niemals  der  so  oft 
gemissbrauchten  zusammenziehenden  Mittel,  die  oft  gefähr- 
lich sind,  und  wogegen  selbst  der  erfahrungsreiche  Hufeland 
(in  seinem  Enchiridium  inedicum)  eine  ernstliche  Warnung 
ausspricht,  wie  auch  -längst  nicht  alle  hippokratischen  Aerzte  auf 
die  Worte  ihres  Grossmeisters  schwören,  die  in  Bezug  auf  die 
Behandlung  diesem  Aphorism  angehängt  sind. 


38.    Flüssigkeiten,  welche  sich  in  die  Brusthöhle  ergiessen, 
gehen  innerhalb  zwanzig  Tagen   in  Vereiterung-  über. 


VII.  Buch.  Aphorism  38.  505 

Wenn  man  diesen  Aphorism  vergleicht  mit  dem  Aphorism 
VI,  20,  so  miiss  sogleich  die  Aehnlichkeit  auffallen,  welche  zwi- 
schen Beiden  besteht.  Freilich  ist  dort  von  Blut,  hier  von 
Flüssigkeiten  (kcixuqqoi,  destillationes),  welche  aus  dem  Kopfe 
in  die  Brust  herbeigeführt  werden,  die  Rede;  aber  der  Erfolg 
bleibt  derselbe,  wie  überhaupt  von  jedem  fremden  Körper,  der 
nicht  ausgeschieden  werden  kann.  Wir  begreifen  daher  nicht, 
wie  man  hier  ,, herpetische,  syphilitische,  skabiöse  und 
arthritische  Verwerfungen"  unter  solchen  Flüssigkeiten 
verstehen  kann,  ohne  darum  in  Abrede  stellen  zu  wollen,  dass 
sie  in  der  That  Lungen  suchten  hervorbringen  können.  Und 
dennoch  müssen  wir  dem  Kommentator,  der  diese  Behauptung 
aufgestellt  hat,  dafür  Dank  wissen,  dass  er  ganz  in  unserem 
Sinne  mit  der  Phrase  schliesst:  „Merkwürdig  ist  es,  dass  in  un- 
serer Zeit  schlecht  geheilte  Krätze  so  oft  Phthisis  pu- 
rulenta  pulmonum  hervorbringt."56)  Wir  hätten  dabei  nur 
noch  Das  gewünscht,  dass  er  zu  gleicher  Zeit  die  verschiedenen 
„schlechten  Heilungen"  der  Krätze  namhaft  aufgeführt  und 
dabei  nachgewiesen  hätte,  dass  die  wahre  Kratz -Krankheit, 
die  wir  Psora  nennen,  eben  so  wenig  durch  äusserliche 
Tödtung  des  Acarus  scabiei,  als  die  Phthiriasis  durch 
blosse  Reinigung  von  dem  ekelhaften  Ungeziefer  gründ- 
lich geheilt  werden  könne.57)  —  Wollte  man  uns  einen  Vor- 
wurf darüber  machen,  dass  wir  diese  Gelegenheit,  um  uns  darü- 
ber auszusprechen,  hier  gleichsam  bei  den  Haaren  herbeigezogen 
hätten:  so  möge  zu  unserer  Entschuldigung  dienen,  dass  wir 
dafür  keine  andere  passende  Gelegenheit  fanden,  und  dass  eben 
die  angeführte  Parallele  zwischen  den  beiden  genannten  Krank- 


56)  Das  Sulphur  hat  die  wunderbare  Art  an  sich,  dass  es  interne  ge- 
geben, stark  heraustreibe;  externe  aber  gebraucht,  die  Krätze  wieder  hin- 
ein treibe.  Gohlii  compendium  VI,  8,  8. 

57)  Nach  Dr.  Hebra  sollen  Maurer,  Schornsteinfeger  und  Seifensieder 
nie  an  der  Krätze  leiden. 


506  VIL  Bucll>    Aphorism  39,  40,  41. 

heiten   bei   Allen    vermisst  wird,    welche    unsere   Behandlung 
vertheidist  haben. 


39.  Wenn  Jemand  flüssiges  Blut  oder  Solches  in  Klümp- 
chen  harnt,  oder  nur  tropfenweise  den  Harn  ausleeren 
kann,  mit  gleichzeitigen  Schmerzen  im  Mittelfleische, 
im  Unterleibe  und  in  den  Schaamtheilen,  so  zeigt  dies 
an,  dass  die  zur  Blase  gehörenden  Theile  leiden. 


Dieser   Aphorism   ist   fast   wörtlich   gleichlautend   mit   dem 
Aphorism  IV,  80,  und  giebt  zu  keiner  Glosse  Anlass. 


40.  Wenn  plötzlich  die  Zunge,  oder  irgend  ein  anderer 
Theil  des  Körpers  gelähmt  wird,  so  ist  dies  eine  Wir- 
kung der  schwarzen  Galle. 


Bereits  im  Aphorism  VI,  56  ist  der  Schlagfluss,  der 
offenbar  auch  in  diesem  Aphorism  angedeutet  ist,  der  schwar- 
zen Galle  zugeschrieben.  Wir  beziehen  uns  daher  hier  ledig- 
lich auf  die  dort  angeknüpfte  Glosse.  Was  die  Behandlung 
eines  solchen  Unfalls  betrifft,  so  können  wir,  so  weit  Solches 
die  Homöopathie  angeht,  der  Glosse  zum  Aphorism  VI,  51  eben- 
falls hier  nichts  Erhebliches  hinzufügen. 


41.    Es  ist  nicht  gut,  wenn  in  Folge  allzu  starker  Abfüh- 
rungen sich  bei  alten  Leuten  Schluchzen  einstellt. 


Auch  in  Bezug  auf  diesen  Aphorism  können  wir  nur  aul 
die  Glosse  zum  Aphorism  V,  4  hinweisen.  In  dem  Gegenwär- 
tigen wird  nur    etwas  bestimmter  eine,  nicht  selten  durch  über- 


VII.  Buch.     Aphorism  42.  507 

massige  Abführungen  bei  bejahrten  Personen  verursachte  Gefahr 
hervorgehoben,  indem  jüngere  Leute  dabei  mehr  den  Krämpfen 
und  Konvulsionen  ausgesetzt  sind. 


42.  Ein  Fieber,  welches  nicht  aus  der  Galle  entstanden 
ist,  wird  dadurch  gehoben,  dass  der  Kopf  anhaltend 
mit  vielem  warmen  Wasser  übergössen  wird. 


Wenn  man  die  Erläuterungen  der  verschiedenen  Kommen 
tatoren  zu  diesem  Aphorism  durchliest,  so  überzeugt  man  sich 
bald,  dass  sie  nicht  recht  wissen,  welche  Fieber  hier  gemeint 
sind.  Die  Einen  vermutheil  Nervenfieber,  aber  ohne  Blut- 
drang zum  Kopfe,  ohne  Entzündung  (Synocha)  und  ohne 
sogenannte  asthenische  Zeichen  (Synochus).  Die  Anderen 
sehen  nur  eine  rationelle  Anwendung  des  erhitz ten  Wassers 
bei  katarrhalischen  und  rheumatischen  Fiebern,  indem 
sie  vorgeben,  dass  vermittelst  desselben  am  Kopfe  angebracht 
ein  allgemeiner  Seh  weiss  hervorgerufen  werde,  was  wir  uns 
zu  bezweifeln  erlauben.58)  Wir  werden  uns  indessen  keines- 
wegs auf  eine  eingehende  Beleuchtung  oder  Widerlegung  dieser 
divergirenden  Ansichten  einlassen,  sondern  gleich  von  Vorne 
herein  gestehen,  dass  unserer  Meinung  nach  hier  allerdings  von 


58)  Wie  entfernt  Hahnemann  im  Jahre  1790  noch  von  der  richtigen 
Erkenntniss  der  Erst-  und  Nach- Wirkung ,  und  wie  auch  er  damals  noch 
der  Sucht  zu  Erklären  nach  materiellen  Ansichten  geneigt  war,  zeigt  eine 
Anmerkung  auf  Seite  640  seiner  Uehersetzung  von  Cullen's  Abhandlung 
über  die  Materia  medica,  wo  von  dem  Trinken  kalten  Wassers  zur  Beför- 
derung des  Schweisses  die  Eede  ist.  ,, Sollte  etwa"  —  sagt  er  an  diesem 
Orte,  —  „diese  Wirkungsart  eine  Aehnlichkeit  mit  der  physischen  Erschei- 
nung haben,  wo  ein  an  dem  einen  Ende  kalter,  an  dem  Andern  aber  erhitz- 
ter metallischer  Stab  an  dem  kalten  Ende  geschwind  heiss  wird,  wenn  man 
das  erhitzte  Ende  in  kaltes  Wasser  taucht?  Die  freie  Hitzmaterie,  von  der 
kältenden  Kraft  des  Wassers  vom  Innern  des  Körpers  vertrieben,  entweicht 
nach  der  Oberfläche  und  erregt  da  Ausdünstung." 


508  VIL  Buch.     Aphorism  42. 

einem  wahren  entzündlichen  Fieber,  und  zwar  von  einem 
Solchen  die  Rede  sein  muss,  woran  vorzüglich  der  Kopf  be- 
theiligt ist.59)  In  solchen  hitzigen  Entzündungsfiebern 
muss  nämlich  in  Gemässheit  unseres  naturgemässen  Grundprin- 
zips die  äusserlich  angebrachte  Hitze  als  ein  wahres  homöo- 
pathisches Heilmittel  angesehen  werden.60)  Es  ist  uns  zwar 
nicht  unbekannt,  wie  heutiges  Tages  z.  B.  bei  Gehirn-Ent- 
zündungen von  fast  allen  ärztlichen  Koryphäen,  mit  Aus- 
nahme Hufeland's,  die  äussere  Applikation  von  kalten 
Umschlägen,  kalten  Begiessungen,  Eis-Blasen,  Schmuk- 
ker sehen  Fomenta tionen  u.  dergl.  aufs  Dringendste  anem- 
pfohlen werden.  Aber  wir  wissen  ebenfalls,  dass,  ausser  Ber- 
tram, besonders  der  erfahrungsreiche  Romberg  den  warmen 
Bähungen  dabei  den  entschiedensten  Vorzug  einräumt.61) 
Auch  selbst  in  der  allopathischen  Praxis  werden  in  Gemässheit 
zahlreicher  Erfahrungen  bei  entzündeten  Eitergeschwülsten 
heisse  Umschläge  und  Kataplasmen,  bei  Hals-  und 
Rehlkopfs-Entzündungen  heisse  nasse  Tücher  oder 
Schwämme  u.  dergl.  mehr  mit  dem  entschiedensten  Erfolge 
angewendet*.  Am  Besten  verstehen  dies  gleichermaassen  aus 
eigener  und  wiederholter  Erfahrung  diejenigen  Personen,  die  am 
Häufigsten  Verbrennungen  ausgesetzt  sind,  wie  Köchinnen, 


59)  Bei  Hydrocephalus  dienen  Blutigel  gewiss  viel  öfter  zum  Tödten 
als  zum  Helfen.  —  Aderlässe  sind  es,  die  durch  Schreck  entstandene  Epi- 
lepsien unheilbar  machen.  Neumann,  Beitr.  z.  N.  u.  H.  2.   Bd. 

60)  Auch  Celsus  räth  (III,  18)  bei  Phrenitis  nicht  zu  kalten  Ueber- 
giessungen,  sondern  vielmehr  zu  warmen  Bähungen  des  Kopfs. 

Dass  Hippokrates  beim  hitzigen  Seitenstich  zuerst  heisse  Umschläge 
anwendete  und  diesen  den  Vorzug  von  dem,  übrigens  nicht  sparsam  ange- 
wendeten Aderlass  zuerkannte,  können  wir  in  dessen  Schriften:  7tSQL  Sicdr/jg 
lesen.  Solche  Umschläge  wurden  gewöhnlich  durch  Blasen  oder  Schläuche, 
die  mit  heissem  Wasser  angefüllt  waren,  angebracht. 

61)  Les  donnees  que  nous  avons  sur  cette  maladie  (Hydrocephale 
aigue)  sont  si  peu  positives,  que  les  auteurs  modernes  ont  renoncd  a  parier 
du  traitement.  Valleix  T.  IV,  p.  441. 


VII.  Buch.    Aphorism  43.  509 

Lackirer  und  Andere,  die  sich  wohl  hüten,  auf  die  verbrannte 
Stelle  kühlende  Dinge  anzubringen,  weil  sie  wissen,  dass  diese 
bei  Verbrennungen  von  einiger  Belrächtlichkeit  nur  schaden  und 
die  Schmerzen  erhöhen,  wogegen  Erhitzung  am  Feuer  oder 
heisse  Flüssigkeit,  besonders  Weingeist,  baldige  Linderung 
und  schnelle  Heilung  bewirkt.6*2)  Man  sieht  daraus,  wie  nahe 
Hippokrates  durch  seine  Betrachtungen  über  die  heilsame  Wir- 
kung des  warmen  Wassers  bei  entzündlichen  Fiebern, 
wenn  sie  nicht  gallichter  oder  gastrischer  Natur  waren,  der  na~ 
turgemässen  Grundregel  der  homöopathischen  Heilwissen- 
schaft gekommen  war,  und  wir  verweisen,  um  nicht  das  bereits 
darüber  Gesagte  zu  wiederholen,  auf  die  Glosse  zum  Aphorism 
II,  22,  worin  von  dem  Contraria  Contrariis  Einiges  be- 
sprochen ist. 

43.    Keine  Frau  ist  mit  beiden  Händen  rechts. 


Foesius  hat  in  seiner  Oecon.  Hipp.  (pag.  42)  dein  Ausdrucke 
diupiSSI-iog  eine  sehr  ausführliche  und  gelehrte  Abhandlung  ge- 
widmet, welche  keinen  Zweifel  darüber  lässt,  dass  Hippokrates 
hier  nur  habe  sagen  wollen,  dass  eine  Frau  nicht  eben  so,  wie 
manche  Männer,  die  linke  Hand  statt  der  Rechten  gebrau- 
chen könne.  Uns  will  es  aber  auch  noch  scheinen,  als  wenn 
die  Uebersetzungen  und  Kommentare  etwas  zu  wenig  Gewicht 
auf  das  Wort  yiyvhai  gelegt  hätten,  und  dass  vielleicht  Hippo- 
krates gleichzeitig  damit  habe  ausdrücken  wollen,  dass  keine 
Frau  von  der  Geburt   an   mit  der  Eigenthümlichkeit   des,  bei 


62)  Sehr  heiehrend  und  beherzigenswerte  sind  hierbei  die  Aussprüche 
und  Thatsachen,  welche  Hahnemann  (Organ.  S.  70  und  f.)  aus  Fernelius, 
Hunter,  Sydenham,  Bell,  Kentish,  Heister,  Kühn,  Anderson,  v.  Hilden 
darüber  anführt,  und  welche  sämmtlich  ihrer  vielfältigen  Erfahrung  zufolge 
bei  den  verschiedenartigsten  Verbrennungen  der  Wärme  den  entschieden- 
sten Vorzug  vor  der  Kälte  einräumen. 


510  VII.  Buch.   Aphorism  44. 

Männern  nicht  so  seltenen  Linksseins  begabt  wäre.  Wir 
wollen  indessen  Dies  nur  als  eine  durchaus  unerhebliche  An- 
sicht anführen,  die  an  und  für  sich  nicht  den  mindesten  prak- 
tischen Werth  haben  kann,  für  uns  aber  einige  Bestätigung  darin 
findet,  dass  wir  freilich  oft  genug  linkische  Frauen  und 
Mädchen,  darunter  aber,  so  viel  wir  uns  erinnern,  niemals 
eine  Links  che  angetroffen  haben.63) 


44.  Diejenigen ,  Avelche  wegen  einer  Eitergeschwulst  ge- 
brannt oder  geschnitten  werden,  kommen  mit  dem 
Leben  davon,  wenn  reiner  und  weisslicher  Eiter  ab- 
fliesst.  Sie  sterben  aber,  wenn  der  Eiter  mit  Blut 
gemischt,  kotkartig  und  übelriechend  ist. 


Wir  wollen  uns  nicht  damit  aufhalten,  zu  untersuchen,  was 
wohl  mehrere  Uebersetzer,  selbst  die  vorsichtigen  Grimm-Lilien- 
hain, bewogen  hat,  im  Widerspruche  mit  Galenus,  sich  hier  auf 
ein  Lungengeschwür  zu  beschränken.64)  Der  in  diesem 
Aphorism  angeregte  Gegenstand  ist  an  und  für  sich  von  allzu 
grosser  Wichtigkeit,  um  einer  im  Grunde  unnützen  Wortklauberei 
Raum  zu  gestatten.  Es  handelt  sich  nämlich  in  diesem  Lehr- 
satze um  den  guten  und  den  schlechten  Eiter,  und  um 
die  Folgen,  welche  von  Beiden  zu  erwarten  sind.  Jeder  Arzt 
weiss  zwar,  dass  ein  weisslicher,  nicht  allzu  dünner,  mil- 
der und  geruchloser  Eiter  auf  eine  gute  Beschaffenheit  der 
Säfte  und  auf  eine  tüchtige  Lebenskraft,  hingegen  der  jauchichte, 
mit  Blut  gemischte,  missfarbige  und  übelriechende  Eiter 
auf  eine  allgemeine  Dyskrasie  hindeutet.65)     Wenn  es  aber  gilt, 


63)  —  vires  dextera  parte  majores,  quibusdam  aequas  utraque,  aliqui- 
bus  laeva  manu  praecipuas :  nee  id  unquam  in  feminis. 

Plinius  VII,   17. 

64)  Nur  im  Vorbeigehen  wollen  wir  erwähnen,  dass  wir  nicht  begrei- 
fen, wie  man  ein  Lungengeschwür  brennen  oder  schneiden  kann. 

65)  Dass  der  schlechte  sowohl,  als  der  gutartige  Eiter  eine  organisch 


VII.  Buch.    Aphorism  44,  511 

diese  Letzlere  zu  verbessern,  und  eben  dadurch  den  schlechten 
in  gutartigen  Eiter  umzuwandeln:  so  scheint  es  mit  der 
Wissenschaft  so  ziemlich  zu  Ende  zu  sein.  Man  sucht  sich 
allerdings  mit  Kauterien  und  Glüh  eisen  zu  helfen,  und  er- 
zählt sich  einander  Wunderdinge  von  Dem,  was  die  Alten  ehe- 
dem damit  ausgeführt  haben ;  aber  es  muss  doch  Jedem  einleuch- 
ten, dass  eine  solche  dyskratische  Beschaffenheit  des 
Patienten  weder  durch  das  Glüh  eisen,  noch  durch  das  Mes- 
ser, noch  auch  durch  Salben  und  Schmieralien66)  gebes- 
sert werden  kann.  In  dieser  Beziehung  finden  wir  Homöopathen 
nicht  nur  eine  grosse  Mangelhaftigkeit  in  der  allopathischen  Be- 
handlung aller  hierher  gehörigen  menschlichen  Leiden,  sondern 
müssen  noch  von  Unwissenden  den  Vorwurf  entgegennehmen, 
dass  wir  uns  viel  zu  wenig  um  die  Geschwüre  selbst  beküm- 
mern und  alle  sogenannten  heilende  äussere  Mittel  gering- 
schätzen, woran  man  von  Jugend  auf  gewohnt  war,  und  wovon 
man  angeblich  die  glänzendsten  Erfolge  gesehen  hat.67)  Dessen- 
ungeachtet wird  sich  dadurch  kein  gewissenhafter  und  seiner 
Sache  kundiger  Homöopath  bewegen  lassen,  seiner  besseren  Ein- 
sicht entgegen  zu  handeln  und  eigenhändig  die  Kennzeichen 


abgesonderte  Materie,  und  dass  der  Letzte  der  beste  Balsam  für  alle  Ge- 
schwüre ist,  hat,  so  viel  uns  bekannt,  Niemand  vollständiger  nachgewiesen, 
als   S.  J.  Brügmann  in  seiner  Diss.  de  Puogenia.  Gron.   1785. 

Der  Geruch  des  verbrannten  Eiters  ist  ganz  derselbe,  den  alle  ver- 
brannte thierische  Theile,  Haare,  Nägel,  Schleim  u.  dergl.  von  sich  geben. 
(Vergl.  Dr.  Salmuth,  Diss.  de  diagn.  puris  und  die  Versuche  der  beiden 
Brüder  K.  und  E.  Darwin.) 

66)  Wenn  die  Homöopathen  jede  Salbe,  als  solche,  verwerfen,  und 
zur  Bedeckung  von  Geschwüren  oder  eiternden  Wundflächen  Talglappen 
verordnen,  so  geschieht  dies  aus  dem  doppelten  Grunde,  einmal,  um  nach 
Langenbeck's  Rath  die  äussere  Luft  abzuhalten,  andermal,  weil  Nichts  ge- 
wisser die  Eiterbildung  befördert  und  unterhält,  als  das  Fett. 

67)  Wenn  es  schon  schwer  ist,  eine  alte  Gewohnheit  abzulegen,  d.  h. 
Dasjenige  zu  vergessen,  was  man  gelernt  hat:  so  ist  es  gewiss  eine  noch 
schwierigere  Aufgabe,  sich  etwas  dafür  anzueignen,  was  bisher  unmöglich 
schien.  Honigberger,  Eeise-Erl.    S.  17. 


512  V*1-  Buch.  Aphorism  44. 

zu  zerstören  oder  zu  verdunkeln,  welche  bei  der  richtigen 
Mittelwahl  von  unersetzlicher  Wichtigkeit  sind,  oder  gar  pallia- 
tive Scheinerfolge,  wenn  er  dazu  im  Stande  ist,  herbeizuführen, 
denen  früher  oder  später,  aber  unausbleiblich,  die  bösesten  Re- 
sultate nachfolgen  müssen. 

Die  Homöopathie  hat,  in  richtiger  Erkenntniss  der  uner- 
messlichen  Wichtigkeit  dieses  Gegenstandes,  einen  grossen  Fleiss 
darauf  verwendet,  um  auch  aus  der  Beschaffenheit  der 
Eiterbeulen  und  des  Eiters  selbst  einen  Theil  der  Zeichen 
zu  ermitteln,  wonach  die  verschiedenen  Arzneien  für  die  ver- 
schiedenen Arten  von  Dyskrasien  zu  erkennen  sind,  und  die 
Ergebnisse  der  deshalb  angestellten  Arzneiprüfungen  am  Gesun- 
den, bestätigt  durch  die  Erfolge  am  Kranken,  haben  sich  bereits 
zu  einem  Schatze  angesammelt,  wovon  die  Allopathie  keine 
Ahnung  hat.  Die  ungemein  grosse  Masse  des  in  dieser  Beziehung 
bei  uns  aufgespeicherten  und  behufs  der  richtigen  Anwendung 
genau  gesonderten  Wissens  erlaubt  uns  nicht,  hier  spezieller 
darauf  einzugehen.  Aber  wir  nehmen  keinen  Anstand,  jeden 
wissbegierigen  und  vorurteilsfreien  Allopathen  dringend  aufzu- 
fordern, unsere  Schätze  nur  einmal  eines  unbefangenen  Blicks 
zu  würdigen,  und,  um  darüber  zum  richtigen  Verständniss  zu 
gelangen,  sich  von  dem,  durch  einen  guten  Homöopathen  damit 
erzielten  Erfolge  zu  unterrichten.  Wir  sind  überzeugt ,  däss 
Jener  dadurch  am  Leichtesten  bewogen  werden  kann,  die  Wahr- 
heit zu  erkennen  und  einen  grossen  Theil  seiner  bisherigen 
Vorurtheile  fahren  zu  lassen.  68) 

Was  den  hippokratischen  Lehrsatz  selbst  anbelangt,  so  steht 


68)  „Was  gebricht  der  Wunde?"  —  fragt  Paraeelsus,  und  antwortet 
richtig:  —  „Nichts,  als  allein  das  Fleisch,  das  muss  von  Innen  heraus- 
wachsen und  nit  von  Aussen  herein;  darum  so  ist  die  Arznei  der  Wunde 
allein  ein  Defensiv ,  dass  die  Natur  von  aussen  an  keine  Zufäll  hab  und 
ungehindert  bleib  in  ihrer  Wirkung."  —  In  der  Tliat  aus  einem  Pfunde 
Salbe  lässt  sich  noch  nicht    ein  Gran  gesunden  Fleisches  darstellen. 


VII.  Buch.     Aphorism  45.  513 

er  ohne  Zweifel  in  der  unerschütterlichsten  Wahrheit  da.69)  So 
lange  der  Eiter  der  Geschwüre,  sie  mögen  sich  nun  äusser- 
lich  oder  innerlich  befinden,  schlecht  ist,  so  lange  besteht 
auch  die  Dyskrasie,  und  ohne  Heilung  derselben  durch  Arznei, 
sie  möge  sein,  welche  sie  wolle,  ist  jede  sonstige  Besserung 
eines  solchen  Symptoms  von  einer  im  Körper  bestehenden  Krank- 
heit nur  als  eine  Vorübergehende  und  keineswegs  Dau- 
ernde und  Gründliche  anzusehen.  Wenn  dabei  auch  nicht 
immer  unmittelbar  das  Leben  gefährdet  erscheint,  und  oft  An- 
fangs nur  etwa  ein  Glied  oder  ein  Organ  verloren  geht:  so 
ist  doch  der  Verlauf  des  jederzeit  chronischen  Siechthums 
damit  noch  lange  nicht  an  seinem  Ziele,  sondern,  so  lange  Dieses 
nicht  völlig  ausgetilgt  und  mit  der  Wurzel  ausgerottet  ist,  wird 
es  immerdar  und  in  immer  gefährlicherer  Gestalt  sein  Haupt  er- 
heben und  sein  Werk  der  Zerstörung  auf's  Neue  beginnen,  bis 
der  Tod  endlich  den  Leidenden  von  seinen  Qualen  erlöst.  Die 
Aufgabe,  solche  und  andere  chronische  Siech thume  wahr- 
haft und  gründlich  zu  heilen,  war  Diejenige,  worauf  der  eben  so 
unermüdliche  als  gewissenhafte  Stifter  der  homöopathischen 
Schule  seine  letzten  Kräfte  verwendete,  und  bei  seinen 
Schülern  kann  Jeder  die  Ueberzeugung  finden ,  dass  ihm  Dies 
theils  schon  gelungen,  theils  er  den  WTeg  gezeigt  hat,  auf  wel- 
chem noch  viel  mehr  zu  erwarten  ist. 


45.    Wenn  Kranke  wegen  einer  Lebervereiterung  gebrannt 
(oder    geschnitten)    werden ,    und    reiner ,    weisslicher 

69)  „Abscesse,  in  denen  der  Eiter  noch  der  Reife  bedarf,  muss  man 
verschlossen,  die  Entgegengesetzten  aber  offen  erhalten  und  austrocknen" 
—  heisst  es  in  dem  smdrjfiimv  to  hnrov  II,  23.  Wie  reimt  sich  damit 
das  sofortige  Aufschneiden,  wie  es  jetzt  täglich  geübt  wird?  —  Dahin  ge- 
hört auch  wohl,  was  daselbst  III,  7  erwähnt  wird?  —  „Eiterung  lässt  kei- 
nen Rückfall  zu;  denn  diese  bis  zur  Reife  gekochte  (gutartige)  Eiterung 
vertritt  die  Stelle  einer  Krisis  und  einer  metastatischen -Ausscheidung  zu- 
gleich." 

33 


514  vn-  Bueh-     Aphorism  46. 

Eiter  abfliesst,  so  kommen  sie  mit  dem  Leben  davon; 
denn  bei  Diesen  ist  der  Eiter  in  einem  Balge  einge- 
schlossen. Wenn  er  aber  wie  Oelsatz  abfliesst,  so 
sterben  sie. 


Dieser  Aphorism  schliesst  sich  unmittelbar  dem  Vorher- 
gehenden an,  enthält  aber  das  Eigentümliche ,  dass  im  ersten 
günstigen  Falle  die  Vereiterung  nicht  die  eigentliche  Substanz 
der  Leber  ergriffen  haben,  sondern  durch  eine  sie  einhüllende 
Haut  davon  abgeschieden  sein  soll.  Es  würde  aus  dieser  Erklä- 
rung, die  wir  übrigens  den  gelehrten  Physiologen  zur  Beur- 
theilung  anheim  geben,  die  Schlussfolge  zu  ziehen  sein,  dass 
jede  Vereiterung  in  der  Leber  Substanz  selbst  unheilbar 
wäre  und  immer  einen  tödtlichen  Ausgang  nehmen  müsse,  dem 
wir  doch  nicht  so  unbedingt  beipflichten  möchten.  So  gefähr- 
lich nämlich  dieses  Uebel  auch  jederzeit  sein  mag,  so  gewährt 
doch  die  richtige  Anwendung  von  Beil.,  Bry.,  Lach.,  N.  vom., 
Puls.,  Buta,  Sep.  oder  Sil.  noch  immer  einige  Hoffnung,  und 
hat  in  einigen  Fällen  wirklich  noch  Genesung  herbeigeführt.  — 
Wir  wollen  hier  nur  noch  mit  einem  Worte  bemerken,  dass  wil- 
den Ausdruck  Oelsatz  dem  der  Oelhefe,  wie  sonst  a^ÖQy't] 
überall  übersetzt  wird,  vorgezogen  haben,  weil  die  Hefe  eigent- 
lich ein  Produkt  der  Gährung  ist,  welche  aber  beim  Nieder- 
schlage des  Bodensatzes  aus  dem  frisch  gepresslen  Oele 
nicht  Statt  findet.70) 


46.  Bei  Augenschmerzen  lasse  man  unverdünnten  Wein 
trinken,  die  Augen  fleissig  mit  warmem  Wasser  bähen, 
und  dann  eine  Ader  öffnen. 


70)   Olivae  coustant  nucleo,  oleo,  carne,  aniurca. 

Plinius  XV,  3. 


VII.  Buch.     Aphorism  46.  515 

Dieser  Aphorism,  welcher  mit  dem  Aphorism  VI,  31  in  der 
nächsten  Verwandtschaft  steht,  wird  unerklärlicher  Weise  schon 
von  Galenus  für  unecht  gehalten,  was  bei  dem  Letzten  der  Fall 
nicht  ist.  Noch  sonderbarer  ist  der  Grund,  den  er  dafür  an- 
giebt,  dass  nämlich  für  nur  ein  Uebel  drei  Mittel  angegeben 
wären;  obwohl  in  dem  angezogenen  Aphorism  (VI,  31)  deren 
fünf  namhaft  gemacht  sind,  ohne  Dies  besonders  zu  rügen. 
Wir  glauben  daher  zu  diesem  Ableugnen  der  Echtheit,  dem 
Manche  der  Neuern  beistimmen,  einen  anderen  Grund  vermuthen 
zu  dürfen,  nämlich  den  des  gar  zu  auffallenden  Verstosses 
gegen  das  geheiligte  und  unantastbare  Contraria  Con- 
trariis,  welches  sich  mit  diesem  Lehrsatze  durchaus  nicht 
reimen  lässt. ri)  Der  unvermischte  Wein  muss  bei  Leuten, 
die,  wie  die  Alten,  gewohnt  sind,  nur  den  mit  Wasser  Versetz- 
ten zu  trinken,  in  der  Art  einer  erhitzenden  Arznei  wirken, 
wie  man  Solches  bei  Berauschten  sieht,  bei  denen  namentlich  dadurch 
das  Gesicht  und  die  Augen  eine  entzündete  Röthe  er- 
halten. Dasselbe  gilt  von  dem  erhitzten  Wasser,  um  die 
Augen  damit  zu  bähen,  welches  ebenfalls  wahrlich  als  kein 
Contrarium  angesehen  werden  kann.  Natürlich  haben  die 
warmen  Fussbäder,  die  heutiges  Tages  noch  von  Vielen  an- 
gewendet werden,  einen  ganz  andern  Zweck  und  eine  andere 
Wirkung.  Daher  haben  auch  wohl  fast  alle  Augenärzte,  und 
namentlich  die  Koryphäen  derselben  (de  Leuw,  Jüngken,  Gräfe, 
Dzondi,  Rust,  v.  Walther,  Schön,  Fischer  u.  v.  A.)  sich  ent- 
schieden für  die  Anwendung  des  kalten  Wassers  und  gegen 
die  des  Warmen  ausgesprochen.    Und  dennoch  muss  der  Aus- 


71)  Salom.  Abrah.  Bleekrode  weiset  in  seiner,  zu  Groningen  vertei- 
digten Inauguraldissertation  nach,  dass  sich  bereits  im  Talmud  unverkenn- 
bare Spuren  der  Homöopathie  vorfinden. 

Irren  an  sich  ist  verzeihlich ;  aber  der  Irrthum  gestaltet  sich  zum  Ver- 
brechen, sobald  er  mit  Bewusstsein  weiter  getragen  wird. 

Conf.  Cardanus  contrad.  med.  II,  tr.  5.  c.   8. 

33* 


516  VII.  Buch.    Aphorism  47. 

spruch  des  Hippokrates,  dessen  Echtheit  weder  durch  das  Idiom, 
noch  durch  sonst  einen  haltbaren  Grund  zu  bezweifeln  ist,  auf 
thatsächlichen  Erfahrungen  beruhen,  worüber  wir  Homöopa- 
then uns  durchaus  nicht  wundern.  Vielmehr  entspricht  die 
hippokratische  Verfahr  ungsweise  bei  Augenleiden,  mit  Aus- 
schluss des  Aderlasses ,  den  wir  durch  etwas  weit  Besseres 
zu  ersetzen  wissen,  ganz  und  gar  dem  Grundprinzip  unserer 
Heillehre,  wie  wir  Solches  noch  kurz  vorher  in  der  Glosse  zum 
Aphorism  VII,  42  nachzuweisen  gesucht  haben.72) 


47.     Wenn   einen  Wassersüchtigen   Husten    befällt,    so   ist 
er  hoffnungslos. 


Im  Wesentlichen,  wenn  auch  mit  etwas  andern  Worten, 
ist  dieser  gleichbedeutend  mit  dem  Aphorism  VI,  35,  auf  dessen 
Glosse  hiermit  verwiesen  wird. 


72)  „Erbrechen  wird  gestillt"  —  steht  in  des  Hippokrates  II.  Buche 
5  Abschnitte,  von  den  Landseuchen,  —  „wenn  man  warmes  Wasser  trinkt 
und  es  durch  Erbrechen  wieder  entleert."  —  Ist  dies  Contrarium  oder  Si- 
mile?  —  Ebendaselbst,  am  Ende  des  6.  Abschnitts  lesen  wir:  „Gegen 
Kopfschmerzen  in  Folge  eines  Rausches  gebe  man  ein  Glas  guten  reinen 
Weins." 

Si  nocturna  tibi  noceat  potatio  vini, 
Hoc  matutina  rebibas  et  erit  medicina. 

Schol.  Salernitana.  Cap.  XV. 
„Die  Indikation:  Contraria  contrariis  opponenda,"  —  sagt  Sprengel 
(Gesch.  d.  Med.  I,  S.  411),  —  „war  bei  Weitem  nicht  eine  so  allgemeine 
Kur-Regel  in  der  hippokratischen  Medizin,  als  man  wohl  hin  und  wieder 
hat  behaupten  wollen.  Sie  war  und  blieb  jedesmal  der  Hauptregel:  folge 
der  Natur,  untergeordnet." 

Es  ist  merkwürdig,  dass  ein  Vesicans  auf  den  Heerd  des  üebels 
(Phlegmone  erysypelatoides)  selbst  gelegt,  an  dieser  Stelle  weder  eine  grös- 
sere Entzündung,,  noch  Brand  hervorruft,  sondern  die  Krankheit  vielmehr 
in  ihrem  Fortschreiten  hindert. 

Dr.  Haindorf,   Beiträge.   S.  45'J. 


VII.  Buch.    Aphorism  48.  517 

48.  Harnzwang  und  schwieriges  Harnlassen  werden  durch 
Genuss  un vermischten  Weins  und  durch  Aderlass  ge- 
hohen. Es  müssen  aber  die  inneren  Adern  geöffnet 
werden. 


Im  Aphorism  VI,  36  ist  schon  bei  der  hier  in  Rede  stehen- 
den Harnbeschwerde  der  Aderlass,  nebst  dem  Orte,  wo 
Dieser  geschehen  müsse,  als  Heilmittel  angegeben.  Wenn  hier 
schon  die  Kommentatoren  mit  ihren  Erklärungen  in  einige  Ver- 
legenheit geriethen,  wie  Solches  in  der  dazu  gehörigen  Glosse 
angemerkt  ist:  so  ist  Dies  bei  dem  hier  vorliegenden  Aphorism 
in  noch  höherem  Grade  der  Fall ,  weil  da  zwei ,  nach  den  bis- 
herigen Anschauungen  sich  geradezu  entgegenstehende 
Mittel  zur  Erreichung  desselben  Zwecks  und  für  dasselbe  Uebel 
angegeben  sind.  Die  griechischen  Weine  sind  nämlich,  wie 
bekannt,  ungemein  erhitzend  und  die  Entzündung  beför- 
dernd, weshalb  sie  in  der  Regel  nur  mit  Wasser  gemischt  ge- 
trunken wurden.  Dagegen  steht  der  Aderlass  heute,  wie  da- 
mals, unter  den  antiphlogistischen  Mitteln  überall  an  der 
Spitze.  Wir  begegnen  also  auch  hier  wieder  einem  Erfahrungs- 
satze des  Altmeisters,  welcher  in  dem  einen  Punkte  dem  Con- 
traria Contrariis  geradezu  widerspricht,  und  hingegen  das 
Similia  Similibus  bestätigt.73)  Freilich  ist  Dies  wobl  den 
wenigsten  Kommentatoren  aufgefallen,  und  wenn  Dies  auch  ge- 


73)  Der  älteste  Gegner  des  Galenischen :  Contraria  Contrariis!  dürfte 
wohl  Cardanus  sein,  welcher  in  der  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  lebte,  und 
in  seinen  Contr.  med.  II,  8  dagegen  eiferte.  Es  versteht  sich  von  selbst, 
dass  er  hiermit  und  mit  vielen  andern  scheinbaren  Paradoxen  bei  den  da- 
maligen echten  hippokratischen  Aerzten  grossen  Anstoss  erregte  und  sich 
mancherlei  Verfolgungen  zuzog. 

„Ganz  falsch  und  verkehrt"  —  sagt  Stahl  in  Hummelii  comment.  de 
Arthrit.  p.  40  —  „sei  die  in  der  Arzneikunst  angenommene  Regel,  man 
müsse  durch  gegenseitige  Mittel  (Contraria  Contrariis)  kuriren;  er  sei  im 
Gegentheil  überzeugt,  dass  durch  ein,  ähnliches  Leiden  erzeugendes  Mittel 
(Similia  Similibus)   die  Krankheiten  weichen  und  geheilt  werden." 


51g  VII.  Buch.  Aphorism  49. 

schehen  wäre,  so  würden  sie  sich  doch  gehütet  haben,  damit 
ans  Licht  zu  treten  und  Folgerungen  daraus  abzuleiten.  Wenn 
aber  solche  Bestätigungen  des  Heilprinzips  der  Homöo- 
pathie, wie  sie  in  noch  vielen  andern  Schriften  des  Hippokra- 
tes  und  anderer  alten  Aerzte  vorkommen,  überall  gebührend 
hervorgehoben  wären,  wie  sie  es  als  thatsächliche  Ergebnisse 
der  reinen  Erfahrung  verdienten,  so  würde  das  berühmte 
Contraria  Contrariis  schon  längst  sehr  viel  von  seinem  unver- 
dienten Ansehen  eingebüsst  haben.74) 


49.  Es  ist  gut,  wenn  sich  bei  einem ,  an  Halsentzündung 
Leidenden  eine  äusserliche  Geschwulst  und  Röthe  an 
der  Brust  einstellt,  indem  sich  dann  das  Uebel  nach 
Aussen  wendet. 


In  der  Glosse  zum  Aphorism  VI,  37,  welcher  mit  diesem 
fast  wörtlich  übereinstimmt,  haben  wir  Einiges  über  die  ver- 
schiedenen Arten  von  Bräune,  und  insbesondere  über  die 
häutige  Bräune  gesagt.  Da  es  uns  aber  im  Verlaufe  dieser 
Schrift  an  einer  passenden  Gelegenheit  dafür  mangelt,  so  wollen 
wir  von  unserer  Befugniss  als  ungebundener  Glossator  Gebrauch 
machen,  und  hier  mit  wenigen  Worten  andeuten,  wie  die  Homöo- 
pathie Halsentzündungen  behandelt  und  den  Symptomen 


74)  Le  silence  scientifique  n'est  qu'un  vol  deguise. 

Dr.  Inibert-Gourbeyre. 

„Eigentlich  liegt"  —  sagt  der  scharfsinnige  Göschel  in  s.  Sehr. :  Kegel 
und  seine  Zeit,  S.  31  —  ,,immer  das  energisch  heilende  Prinzip  in  dem 
gesunden  Organismus,  welcher  durch  Reaktion  den  kranken,  leidenden 
Organismus  überwindet,  contraria  contrariis."  —  Was  werden  die 
Galenisten  dazu  sagen? 

Eins  der  ältesten  und  unzweideutigsten  Zeugnisse  für  unser  Grund- 
prinzip enthält:  Acta  sanctoruni.  Antw.  1G5S,  Jan.  p.  101)2,  wo  wir  lesen: 
Sanitis  non  jam  contraria  contrariis,  ut  mortales  medici  solent,  sed 
similia  similium  usu  eurantibus. 


VII.  Buch.     Aphorism  49.  519 

gemäss  ihre  Mittel  wählt.  Dieser  bekanntlich  sehr  oft  vorkom- 
menden Beschwerde  sind  viele ,  sonst  rüstige  Personen  unter- 
worfen, und  sie  erreicht,  sich  selbst  überlassen ,  oder  unrichtig 
behandelt,  nicht  selten  eine  bedeutende,  ja  selbst  lebensgefähr- 
liche Höhe.  Aber  eben  so  giebt  es  auch  dagegen  eine  ansehn- 
liche Anzahl  von  Heilmitteln,  von  denen  Jedes  seine  besonderen 
Zeichen  hat  und  richtig  angewendet  in  kurzer  Zeit,  oft  innerhalb 
zwölf  Stunden,  das  ganze  Uebel  beseitigt.  Die  gewöhnlichsten 
Arzneien,  welche  sich  hier  zur  Wahl  darbieten,  dürften  Folgende 
sein:  Acon.,  Alum.,  Amin,  mur.,  Ap.  mel.,  Bar.,  Beil.,  Brom., 
Bry.,  Caps.,  Cham.,  Chin.,  Cocc,  Coli,  Dulc,  Hep.,  Ignat.,  Lach., 
Mang.,  Merc,  Nitr.  ac,  N.  vom.,  Phosph.,  Puls.,  Bhus,  Sulph., 
und  Veratr.  Es  würde  viel  zu  weit  führen,  das  Charakteristische 
aller  dieser  Mittel  zu  besprechen,  und  wir  beschränken  uns  da- 
her auf  eine  einzige  Verschiedenheit,  welche  hierbei  zu 
beachten  und  wenigstens  als  wichtige  Indication  der  Allopathie 
gänzlich  unbekannt  ist, nämlich:  auf  das  Verhältniss  der  Schmer- 
zen zum  Schlingen.  In  dieser  Beziehung  giebt  es  nun  gegen- 
über den  meisten  Uebrigen  Einige,  wobei  überhaupt  das  Schlin- 
gen die  Schmerzen  lindert,  wie  Solches  namentlich  in  den 
Fällen  geschieht,  welche  sich  für  Alum.,  Caps.,  Ignat.,  Lach., 
Mang.,  N.  vom.,  Puls. ,  aber  auch  noch  in  weniger  konstanten 
Fällen  für  einige  Andere  eignen.  Erheblicher  und  feiner  ist  der 
Unterschied,  welcher  sich  ausserdem  bei  den  verschiedenen 
Arten  von  Schlingen  herausstellt.  So  ist  z.  B.  das  vorwal- 
tend schmerzhafte  Schlingen,  wenn  es  Leer-  oder  bloss 
Speichel-Sc hlingen  ist,  eine  Anzeige  für  Bar.,  Beil.,  Bry., 
Cocc,  Hep.,  Lach.,  Merc,  N.  vom.,  Puls.,  Bhus  und  Sulph.; 
dagegen  das  schmerzhafte  Schlingen  von  Nahrungsmit- 
teln für  Alum.,  Amm.  mur.,  Ap.  mel.,  Bar.,  Beil.,  Brom.,  Bry., 
Cham.,  Cocc,  Coff.,  Hep.,  Lach.,  Merc,  Nitr.  ac,  N.  vom., 
Phosph.,  Bhus  und  Sulph.  Unter  diesen  Letztgenannten  passt 
das   schmerzhafte    Schlingen   von  festen   Speisen  vor- 


520  vn-  Bucn-     -Aphorisni  50. 

züglich  für  Cham.,  Hep.,  Lach.,  Merc.  und  Sulph. ;  und  das  von 
flüssigen  Speisen  und  Getränken  für  Beil.,  Brom.,  Ignat., 
Merc.  und  Phosph.  Wenn  dabei  hingegen  das  Schlingen  von 
Flüssigkeiten  bessert,  so  deutet  dieses  Symptom  auf  Alum., 
Nitr.  ac,  oder  N.  vom.,  und  wenn  Solches  besonders  von  war- 
me n  Flüssigkeiten  der  Fall  ist,  so  stehen  Alum.  und  N. 
vom.  vor  Allen  an  der  Spitze.  Nahe  verwandt  mit  dem  Schlin- 
gen ist  das  Sprechen,  und  wenn  Dies  die  Halsschmerzen  ver- 
mehrt, so  weiset  es  zunächst  auf  Acon.,  Alum.,  Bar.,  Bry., 
Dulc,  Ignat.,  Mang.,  Merc,  Phosph.,  Rhus  uud  Sulph.,  und 
wenn  Solches  in  seltenen  Fällen  Besserung  bringt,  so  zeigt 
dies  fast  ausschliesslich  auf  Hep»75) 

Alle  diese  Anzeigen  betreffen,  wie  man  sieht,  nur  ein  ein- 
ziges Symptom,  welches  natürlich  für  sich  allein  zur  richti- 
gen Wahl  des  homöopathischen  Heilmittels  nicht  hinreichen  kann, 
und  die  nöthige  Vervollständigung  des  Gesammt-Krankheitsbildes 
und  die  endliche  Entschliessung  erfordern  die  sämmtlichen  übri- 
gen, damit  verbundenen  Symptome,  welche  aus  den  Empfin- 
dungen, aus  der  Verschlimmerung  oder  Besserung  nach 
Zeit,  Lage  und  Umständen,  und  schliesslich  noch  aus  den 
begleitenden  Beschwerden  geschöpft  werden  müssen.  —  Wenn 
man  mit  diesen,  nur  kurz  skizzirten  Andeutungen  die  bisherige 
allopathische  Behandlung  der  Halsschmerzen  vergleicht, 
so  wird  man  bald,  nicht  nur  den  grossen  Unterschied  zwi- 
schen Beiden,  sondern  auch  die  Wichtigkeit  und  Unent- 
behrlichkeit  der  so  vielfach  verspotteten  Symptome 
erkennen. 


50.    Diejenigen ,    denen    das  Gehirn    von    einer  plötzlichen 
Entzündung  ergriffen    wird,    sterben    innerhalb    dreier 


75)  Wer  erklärt  uns  die,  seit  über  hundert  Jahren  bewährte  präser- 
vative  Heilkraft  des  schwarzen  oder  (nach  Schönlein)  indigoblauen  Flore t- 
bändchens  gegen  Halsweh?  —  Das  heutige  St.  Domingo- Band  ist  wohl 
nichts  Anderes. 


Vn.  Buch.     Aphorism  50.  521 

Tage.     Wenn    sie    diese   Frist    überleben,    so  werden 
sie  wieder  gesund. 


Wenn  auch  nicht  schon  der  gelehrte  Foesius  (Oecon.  Hip- 
pocr.  p.  603  sqq.)  die  ausgedehnten  Bedeutungen  des  Wortes: 
ßqxxKelog  so  bündig  nachgewiesen  hätte:  so  würden  wir  doch 
Bedenken  tragen,  mit  den  meisten  Uebersetzern  hier  das  Wort: 
„Brandig werden"  zu  gebrauchen,  weil  dann  wohl  niemals 
von  einer  Bettung  oder  Herstellung  mehr  die  Bede  sein  kann. 
Die  wirkliche  Bedeutung  dieses  Wortes  in  dem  gegenwärtigen 
Zusammenhange  entspricht  weit  mehr  dem  von  Plinius  ge- 
brauchten, und  von  älteren  Uebersetzern  dieses  Aphorisms  adop- 
tirten  Worte:  „sideratio",  womit  Jener  insbesondere  den 
Einfluss  der  Gestirne  (und  der  Witterung),  vorzüglich  aber 
den  der  Sonne  bezeichnet.  Wir  sind  deshalb  geneigt,  dem 
Hippokrates  hier  einen  ähnlichen  Sinn  unterzulegen,  und  haben 
aus  diesem  Grunde  für  unsere  Uebersetzung  den  obigen  Ausdruck 
gewählt,  welcher  die  Einwirkung  eines  derartigen  Einflusses  nicht 
ausschliesst  und  zugleich  die  Möglichkeit  einer  Heilung  zulässt. 
Obwohl  wir  in  dieser,  wie  in  mehreren  andern  Stellen,  wo  wir 
uns  erlaubt  haben,  eine  eigene  Meinung  zu  haben,  der  Unsrigen 
keineswegs  einen  apodiktischen  Werth  beilegen:  so  wollen  wir 
doch  diese  Veranlassung  benutzen,  um  ein  Wort  über  den  so- 
genannten Sonnenstich  beizufügen,  und  zu  erwähnen,  dass  in 
der  Begel  bei  der  dadurch  verursachten  Entz und  ung  des  Ge- 
hirns eine  einzige  Gabe,  am  Besten  hochpotenzirter  Bell, 
hinreichend  ist,  das  ganze,  oft  sehr  gefährlich  auftretende  Uebel, 
so  lange  es  noch  neu  entstanden  ist,  in  längstens  einem  Paar 
Stunden  völlig  zu  beseitigen.  Solche  Patienten  schlafen  nach 
einer  solchen  Gabe  sofort  ein  und  erwachen  ohne  Beschwerde, 
selteu  noch  mit  einigen  Kopfschmerzen,  die  ohne  weitere  Arznei 
bald  von  selbst  vergehen.  Selten  und  nur  dann,  wenn  sich  diese 
Hülfe  verspätet,  ist  am  folgenden  Tage  noch  eine  Gabe  N.  vom. 


522  ViI-    Buch.     Aphorism  51. 

nöthig.  Noch  seltener,  —  uns  selbst  nur  ein  Mal  —  kommt 
der  Fall  vor,  wo  nach  der  ersten  Gabe  Bell,  die  Symptome 
sich  dergestalt  ändern,  dass  nun  Hyosc.  angezeigt  ist,  wonach 
dann  aber  noch  eine  Gabe  Bell,  folgen  muss.  —  Die  Hautent- 
zündungen vom  Sonnenbrande  im  Gesichte  und  auf  den 
Händen  weichen  am  Ersten  dem  Camph. ,  und  zwar  nicht 
bloss  der  äusserlichen  Anwendung  desselben  in  der  Form  von 
Spiritus  vini  camphoratus,  sondern  mindestens  eben  so  gut 
den  bloss  innerlichen  Gaben  und  in  höheren  Potenzi- 
rungen,  als  man  ihn  bisher  anzuwenden  pflegt.76) 


51.  Das  Niessen  geht  vom  Kopfe  aus,  und  entsteht  ent- 
weder durch  Erwärmung  des  Gehirns,  oder  indem  der 
leere  Raum  darin  Feuchtigkeit  aufnimmt.  Die  dadurch 
erzeugte  Luftmasse  platzt  alsdann  mit  Gewalt  heraus, 
Das  davon  entstehende  Geräusch  hängt  davon  ab, 
dass  diese  Luft  durch  eine  enge  Oeffnung  hindurch- 
fährt. 

Diesen  Aphorism  wollen  einige  Kommentatoren  eines  Hippo- 
krates  nicht  für  würdig  anerkennen  und  halten  ihn  für  ein  ein- 
geschmuggeltes,  fremdes  Hirnge  spinn  st.  Abgesehen  davon, 
dass  weder  Celsus  noch  Galenus  einen  ähnlichen  Zweifel  äus- 
sern, und  selbst  in  dem  nqoyvwGtizov  (XIII,  11)  unseres  Autors 
eine  hierher  gehörige  Stelle  vorkommt,  so  müssen  wir  ausser- 
dem gestehen,  dass  wir  Jenen  auch  aus  dem  Grunde  nicht  bei- 


76)  Wir  haben  lange  Anstand  genommen,  von  diesem  äusserst  flüch- 
tigen und  schnell  wirkenden  Mittel  höhere  Potenzirungen  in  Anwendung 
zu  bringen.  Der  ungemein  grosse  Umfang  der  Wirksamkeit  dieser  Arznei, 
der  sich  dadurch  zu  erkennen  giebt,  dass  sie  mehr,  als  irgend  eine  Andere, 
mit  vielseitigen  antidotarischen  Kräften  begabt  ist,  hat  uns  aber  in 
den  letzten  Jahren  bewogen,  dieselbe  in  höheren  Dynamisationen  zu 
geben,  und  die  Erfolge  sind  derartig  ausgefallen,  dass  wir  nun  erst  in  vol- 
lem Maasse  die  Angemessenheit  derselben  und  ihr  bedeutendes  Heilvermö- 
gen, namentlich  bei  schnell  entstandenen  Uebeln,  durch  die  Erfolge  kennen 
gelernt  haben. 


VII.  Buch.    Aphorism  51.  523 

stimmen  können,  weil  in  den  Schriften  des  Hippokrates  die  Bei- 
spiele nicht  so  gar  selten  sind,  wo  er  natürliche  Vorgänge 
und  Erscheinungen  wissenschaftlich,  d.  h.  künstlich 
erklären rr)  will,  und  ähnlichen  Unsinn  vorhringt,  der  frei- 
lich nur  unsere  Heiterkeit  erregen  kann.78)  Ein  ähnliches 
Missgeschick  haben  aber  zu  allen  Zeiten  und  alle  Diejenigen 
erfahren,  welche  sich  damit  befassten,  Vorgänge  in  der  leben- 
digen Natur  auf  mechanische  oder  chemische  Weise  zu 
erklären. r9)  Auch  unsere  Zeit  ist  mit  solchen  gelehrt  klingen- 
den Erklärungen  reichlich  gesegnet,  und  bei  der,  meistens  ma- 
terialistischen Richtung,  die  man  dabei  einschlägt,  wird  es 
sicher  nicht  fehlen,  dass  die  Nachwelt  über  Manche  von  ihnen 
ein  ähnliches  Urtheil  fällen  wird,  wie  wir  es  in  Beziehung 
auf   den    vorliegenden   Aphorism    zu    thun    gezwungen    sind. 80) 


77)  Dass  der  Magnet  das  Eisen  anzieht ,  begreifen  wir  jetzt  eben  so 
wenig,  als  dies  der  Fall  war,  ehe  diese  Entdeckung  gemacht  worden,  wo 
man  ungläubig  über  eine  solche  Behauptung  gelacht  haben  würde. 

Homöopathie  und  Leben,  S.  3. 

78)  Noch  im  Jahre  1828,  bei  der  Versammlung  der  deutschen  Natur- 
forscher und  Aerzte  in  Berlin,  suchte  Dr.  Plagge  (aus  Steinfurt)  zu  be- 
weisen: dass  wir  nicht  vermittelst  des  Lichtes  sähen,  welches  von  Aussen 
in  uns  kommt,  sondern  durch  Das,  welches  unsere  Augen  hinaus  auf  die 
Gegenstände  werfen.  —  Dieser  gelehrte  Mann  ist,  wenn  wir  nicht  sehr 
irren,  später  irgendwo  als  Professor  angestellt. 

79)  Verwünschen  möchte  man  den  akademischen  Unterricht,  verwün- 
schen jede  Bemühung,  das  Leben  und  seine  Geschäfte  aus  chemischen 
Prinzipien  erklären  zu  wollen,  wenn  man  sieht,  wie  schrecklich  die  Folgen 
der  Sylvius'schen  Methode  waren. 

C.  Spreugel,  Gesch.  d.  Med.  IV,  412. 

Der  lebende,  (für  die  Elektrizität)  leitungsfähige,  erregbare 
Nerv  steht  dem  todten  Nerven  gegenüber,  und  zwar  bilden  Beide  weit 
beträchtlichere,  schroffere  Gegensätze,  als  z.  B.  der  lebende,  d.  h.  der  im 
Körper  normal  ernährte  und  der  ausgeschnittene,  todte  Knochen. 

O.  Funke,  Lehrb.  d.  Physiol.  I,  S.  546. 

Les  phenomenes  morbifiques  se  reduisent  tous  en  derniere  analyse  ä 
des  alterations  diverses  des  forces  vitales,  et  l'action  des  remedes  doit 
evidemment  se  reduire  aussi  ä  ramener  les  alterations  de  ces  forces  ä 
l'ordre  naturel.  Bichat,  anat.  gener.  p.  10. 

80)  Wie  das  helle    Tageslicht    die  Farben    der    lebenden  Thier-  und 


524  VI1-  Buch.     Aphorism  52. 

Dies  sind  in  der  That  die  wahren,  ephemeren  opinionum  c om- 
ni enta,  welche  der  nächste  Tag  in  ihrer  Blosse  zeigt  und  ver- 
nichtet; während  die  äusserlich  wahrnehmbaren  Erscheinungen, 
die  wir  Symptome  nennen,  zuverlässig  und  haltbar  bleiben,  so 
lange  die  Welt  steht. 81)  „Der  nach  den  verborgenen  Verhält- 
nissen im  Innern  des  Organismus  forschende  Arzt"  —  sagt  der 
bekannte  Rau  —  „kann  täglich  irren;  der  Homöopathiker  aber, 
wenn  er  mit  gehöriger  Sorgfalt  die  gesammte  Symptomen-Gruppe 
auffasst,  hat  einen  sicheren  Wegweiser;  und  ist  es  ihm  gelun- 
gen, die  ganze  Symptomen-Gruppe  zu  entfernen,  so  hat  er  sicher- 
lich auch  die  innere,  verborgene  Krankheits-Ursache  gehoben.82) 


52.  Diejenigen,  welche  an  Schmerzen  in  der  Lebergegend 
leiden,  werden  davon  befreit,  sobald  sich  ein  Fieber 
dazu  gesellt. 


Pflanzen-Körper  erhöht:  so  bleicht  es  Solche  an  den  Abgestorbenen 
ab.  Der  berühmte  Besitzer  der  Linne'schen  Sammlungen,  J.  E.  Smith, 
tadelt  aus  diesem  Grunde  mit  Recht  in  seiner  Reisebeschreibung  (I,  S.  23) 
die  Naturalien- Aufstellung  zu  Leyden,  und  spricht  damit  eine  Rüge  aus, 
die  auch  wohl  noch  anderwärts  an  ihrem  Orte  wäre. 

81)  Alle  Philosophie  der  Menschen  kann  nur  die  Morgenröthe  zeich- 
nen; die  Sonne  muss  geahndet  werden.  Diejenigen  Philosophen,  welche 
die  Sonne  selber  mahlen  wollen,  haben  sicher  nur  eine  Theatersonne  gege- 
ben; —  und  Viele  haben,  weil  sie  dies  billig  verachteten,  und  hinter  der 
Morgenröthe  nichts  ahndeten,  sich  begnügt,  uns  zu  rathen,  lieber  gar  nichts 
mehr  sehen  zu  wollen.  Und  das  thue,  wer  mag,  nur  handle  er  alsdann 
nicht,  als  wenn  er  etwas  sähe. 

Schlosser,  Anm.  zu  Plato's  Briefen,  S.  191. 

82)  Ich  bin  längst  zu  der  Ueberzeugung  gekommen ,  dass  von  allen 
geheilten  Kranken  der  grösste  Theil  zwar  unter  Beistand  des  Arztes,  aber 
nur  der  bei  Weitem  kleinste  Theil   durch   seinen   Beistand    allein  geneset. 

Hufeland,  Journ.  d.  pr.  BT.  LXIX. 
Ewig  scheidet  eine   zu   weite  Kluft    das  Todte    von    dem    Lebendigen, 
und  das   Schauen  von  dem  Einen    auf    das    Andere    macht   die    dazwischen 
herrschende  undurchdringliche  Finsterniss  unmöglich.    Das  Leben  giebt  nur 
Antwort,  wenn   es  vom  Leben  befragt  wird. 

Dr.  C.  W.  Wolf,  hom.  Erfahr.  II,  S.  321. 


VII.  Buch.    Aphorism  52.  525 

In  Beziehung  auf  diesen  Aphorism  müssen  wir  auf  die 
Glosse  zum  Aphorism  VI,  40  verweisen,  welcher  im  Wesent- 
lichen dasselbe  besagt.  Wir  glauben  aber  ausserdem  bei  dieser 
Gelegenheit  noch  auf  Dasjenige  aufmerksam  machen  zu  müssen, 
was  Hahnemann  in  seinem  Organon  (5.  Auflage)  in  den  §§  43. 
bis  50.  über  die  Heilung83)  der  einen  Krankheit  durch 
eine  Andere  anführt.  Der  Stifter  der  Homöopathie  hat  diesem 
Gegenstande  mit  Recht  eine  sehr  eingehende  Untersuchung  und 
Betrachtung  gewidmet,  deren  Resultat  indessen  im  Wesentlichen 
darauf  hinausläuft,  dass  allerdings  solche  Heilungen  in  einigen 
Fällen  ihre  vollkommene  Richtigkeit  haben,  dass  aber  fast  immer 
das  Heilmittel  schlimmer  ist,  als  die  getilgte  Krankheit, 
mithin  auch  da,  wo  sie  künstlich  zu  bewerkstelligen  wäre,  in 
keiner  Weise  zur  Nachahmung  empfohlen  werden  kann.84)    Ob 


83)  „Ich  sage  Heilung",  —  sagt  Hahnemann  in  der  Vorrede  zur 
China  —  „und  verstehe  darunter  eine  nicht  von  Nachwehen  getrübte  Ge- 
nesung. Oder  haben  die  gewöhnlichen  Praktiker  einen  andern,  mir  unbe- 
kannten Begriff  von  Heilung?" 

84)  Es  scheint  hier  erwähnen swerth,  was  Celsus  (III,  4)  über  die  Be- 
handlung der  Fieber  vom  Asclepiades  sagt,  dass  dieser  nämlich  zu  Anfange 
derselben  sich  des  Fiebers  selbst  als  Heilmittels  bedient  habe.  Daher  dann 
auch  die  strengste  Diät,  um  dem  Heilbestreben  der  Natur  alle  Hindernisse 
zu   entfernen. 

Krankheiten  der  Menschen  und  Thiere  heilt  die  Kunst  durch  den  Weg 
des  überwiegenden  Mehreren,  oder  durch  das  Plus,  z.  E.  gallige  Schärfe 
und  faule  Infarkte  durch  noch  schärfere  Purganzen,  doch  von  einer  entge- 
gengesetzten Art;  also  heile  man  die  Hunde  gleich  im  Anfange  (nach  dem 
Biss  von  einem  Wasserscheuen)  mit  Merkurialpillen,  damit  der  Speichel- 
fluss  gleich  erfolge,  da  das  Thier  noch  Kräfte  hat,  so  wie  der  gebissene 
Mensch  zeitig  durch  die  Speichelkur   das  empfangene  Gift  ausleeren  muss. 

J.   S.  Halle,  Gifthistorie,  S.  98. 

Kannst  du  die  Gesundheit  durch  mehrere  Methoden  herstellen,  so  wähle 
die  am  wenigsten  Beschwerliche.  Es  kommt  nämlich  einem  Ehrenmanne 
und  einem  Kunstverständigen  zu,  nach  dem  trügerischen  Beifalle  des  Laien 
nicht  zu  haschen.  Hippokrat.  v.   d.  Gelenken. 

Unter  den,  von  jedem  denkenden  Geiste  billiger  Weise  verlangten,  für 
die  Sache  selbst  freilich  minder  erheblichen  Aufklärungen  über  das  Wesen 
und  den  Hergang  der  Krankheits-Heilungen    im    Allgemeinen,    scheint    uns 


526  vn-  Buch-     Aphorism  52. 

die  von  Dr.  Wolf  hierzu  gerechneten  Kuhpocken  dahin  gehören, 
muss  die  Zeit  lehren.  85) 


überhaupt  allzu  wenig  Gewicht  gelegt  zu  sein  auf  ein  Naturgesetz,  welches 
wir  hei  manchen  Lebensverrichtungen,  am  Deutlichsten  aber  bei  den 
Imponderabilien  ausgesprochen  finden.  Wir  meinen  das  Gesetz  der 
Abstossung  des  Gleichartigen,  und  der  Anziehung  des  Ungleich- 
artigen oder  Entgegengesetzten,  wie  wir  Solches  beim  Magnet  und 
bei  der  Elektrizität  längst  erkannt  haben.  Nicht  nur  die  Kriterien  für 
die  Wahl  der  Mittel,  sondern  auch  die  Kautelen  bei  der  Anwendung  und 
Wiederholung  derselben  lassen  sich  auf  eine  völlig  ungezwungene  und  ver- 
ständliche Weise  daraus  ableiten.  —  Es  kann  hier  der  Ort  nicht  sein,  von 
diesem  unzweifelhaften  Naturgesetze  ausfühi-licher  zu  reden,  und  die  An- 
wendbarkeit desselben  für  die  lebende,  sowohl  thierische  als  vegetabilische 
Natur  nachzuweisen.  Wenn  wir  uns  daher  darauf  beschränken  müssen, 
nur  im  Vorbeigehen  dasselbe  anzudeuten,  so  können  wir  doch  nicht  umhin, 
in  Erwägung  zu  geben,  wie. im  Ganzen  alle  Erscheinungen  der  Krankheiten 
und  deren  homöopathische  Heilung  darauf  zurückgeführt  und  dadurch  er- 
klärt werden  können.  Eine  ausführliche  Abhandlung  hierüber  würde  sicher 
manche  Bedenken  lösen,  welche  im  Widerspruche  mit  den  herrschenden 
materialistischen  Ansichten  einer  richtigeren  und  naturgemässeren  Anschau- 
ung von  dem  immateriellen  Hergange  in  der  lebendigen  Natur  noch  so 
häufig  im  Wege  stehen.  Denn  die  einfache  gesunde  Vernunft  muss  begrei- 
fen, dass,  wenn  das  Ungleichartige  sich  sucht,  miteinander  verbindet  und 
kräftigt,  das  Gleichartige  sich  bekämpft  und  gegenseitig  vernichtet. 

„Wenn  ich  nicht  sehr  irre"  —  sagt  Sydenham  in  seiner  Abhandlung 
von  den  hitzigen  Krankheiten  —  ,,so  lehrt  uns  die  Vernunft,  dass  eine 
Krankheit  nichts  anders  ist,  als  ein  Bestreben  der  Natur,  die  kranke  Materie 
zum  Besten  des  Körpers  mit  aller  Macht  zu   entfernen." 

85)  Die,  dem  englischen  Arzte  Dr.  Jenner  zugeschriebene  Erfindung 
der  Schutzblattern  war  (nach  der  Sanskritschrift  des  Dhavatari)  nicht 
nur  den  alten  Indiern  bekannt,  sondern  auch  ein  deutscher  Nicht-Arzt,  der 
Amtmann  Jobst  Böse  kannte  und  beschrieb  bereits  im  Jahre  1769  diese 
Kraft  der  Kuh-Pocken.  (S.  C.  G.  Steinbeck,  der  deutsche  Patriot  1802 
im  Jan.-Hefte.) 

Lorsqu'une  piquiire  aussi  peu  profonde  qu'elle  soit ,  a  porte  le  virus 
variolique  ou  le  virus  vaccin  sous  l'epiderme  d'un  individu,  les  lavages 
immediats,  l'application  instantanee  de  ventouses,  la  cauterisation  elle-meme, 
pratiquee  des  que  le  virus  a  touche  les  partics  Vivantes,  n'empechent  pas 
le  developpement  de  la  variole  ou  de  la  Vaccine. 

Landouzi,  Essais,  p.  52. 


VIT.  Buch.     Aphorism  53,  54.  527 

53.     Denen  eine  Blutentziehung    zuträglich   ist,    muss  man 
im  Frühjahre  zur  Ader  lassen. 


Dieser  Lehrspruch  fällt   zum  Theile   mit  dem  Aporism  VI, 
47  zusammen,  auf  dessen  Glosse  wir  uns  daher  beziehen. 


54.  Wenn  sich  zwischen  dem  Zwerchfelle  und  dem  Unter- 
leibe Schleiin  abgelagert  hat,  welcher  Schmerzen  ver- 
ursacht, weil  er  nach  keiner  Seite  hin  einen  Ausweg 
findet,  so  werden  Diese  gehoben,  wenn  sich  der  Schleiin 
durch  die  Adern  in  die  Blase  ergiesst. 


Was  Hippokrates  in  diesem  Aphorism  habe  sagen  wollen, 
kann  nicht  zweifelhaft  sein;  aber  eben  so  wenig  dürfte  sich  der 
pathologische  Hergang  streng  anatomisch  nachweisen 
lassen.  Auch  in  den  übrigen  Schriften  unseres  Autors  findet 
sich,  soviel  wir  wissen,  allerdings  keine  Stelle,  worauf  sich  dieser 
Lehrsatz  begründen  liesse.  Dessenungeachtet  sehen  wir  keinen 
zureichenden  Grund,  diesen  Aphorism  mit  einigen  Kommentato- 
ren für  unecht  und  eingeschoben  zu  erklären,  und  zwar  um  so 
weniger,  als  Galenus  ihn  ebenfalls  hier  anführt  und  zu  erklären 
versucht.  Aber  gieht  es  denn  ausserdem  in  der  lebenden 
Natur  nicht  Vorgänge  genug,  welche  wir  anatomisch-phy- 
siologisch   nicht  genügend    erklären    können?86)     Schon   die 


86)  Gesetze  anderer,  geheimnissvollerer  Art  walten  in  den  höchsten 
Lebenskreisen  der  organischen  Welt ,  in  denen  des  vielfach  begabten,  sprach- 
erzeugenden Menschengeschlechts.  Ein  physisches  Naturgemälde  be- 
zeichnet die  Grenze,  wo  die  Sphäre  der  Intelligenz  beginnt  und  der 
ferne  Blick  sich  senkt  in  eine  andere  Welt.  Es  bezeichnet  die  Grenze 
und  überschreitet  sie  nicht.  Humboldt,  Kosmos  I,  S.  386. 

Merkwürdig  und  unerklärlich  ist  die  Bemerkung  von  Sömmering  (Diss. 
de  basi  encephali  p.  17),  dass  verhältnissmässig  diejenigen  Thiere,  welche 
das  grösste  Gehirn  besitzen,  die  feinsten  und  dünnsten  Nerven  haben,  und 
umgekehrt. 


528  VIL  Buch.    Aphorism  55. 

Entleerung  des  Wassers  in  der  Bauchwassersucht  durch 
den  Urin  vermittelst  der  diuretischen  Mittel  bietet  uns  hier  eine 
unverkennbare  Analogie  dar.  Wir  wollen  dazu  nur  noch  ein 
Experiment  anführen,  welches  Jeder  wiederholen  und  seinen 
physiologischen  Scharfsinn  daran  versuchen  kann:  — 
Wenn  man  einen  frischen,  rohen  Sp  argeiste  ngel  zerquetscht 
und  mit  dem  Safte  die  Finger  befeuchtet,  oder  nur  kurze  Zeit 
damit  reiht:  so  nimmt  schon  nach  wenigen  Minuten 
der  Urin,  den  man  dann  lässt,  den  bekannten  spezifi- 
schen üblen  Geruch  an,  wie  er  von  dem  Genüsse  des  ge- 
kochten Spargels  entsteht,  wie  er  aber  für  sich  weder  an  dem 
rohen  noch  an  dem  gekochten  Spargel  bemerkt  wird.  Hier  sind 
zwei  Räthsel  auf  einmal  zu  lösen,  nämlich:  einmal  die  Ent- 
stehung des  ganz  eigenthümlichen,  erst  spater  ausgebildeten  Ge- 
ruchs, und  andermal  der  Erfolg,  ohne  etwas  davon  in  den 
Magen  und  Darmkanal  gebracht  zu  haben. 87) 


55.  Wenn  eine  mit  Wasser  angefüllte  Leber  nach  der 
Seite  des  Netzes  hin  aufspringt,  so  füllt  sich  die  Bauch- 
höhle mit  diesem  Wasser,  und  der  Kranke  stirbt. 


In  einigen  Kommentaren  zu  diesem  Aphorism  spricht  sich 
derselbe  Unwillen  aus,  wie  zu  dem  Vorigen,  während  in  den 
meisten  Andern,  nach  dem  Vorbilde  des  Galenus,  die  Meinung 
geltend  gemacht  wird,  dass  hier  von  Hydatiden    in  der  Leber 


87)  Tantum  ergo  abest,  ut  explicatio  phaenomenorum  per  causas  phy- 
sicas  hornines  a  Deo  et  Providentia  abducat,  ut  potius  philosophi  illi,  qui 
in  iisdem  eruendis  oceupati  fuerint,  nulluni  exitum  rei  reperirent,  nisi 
postrerao  ad  Deum.et  providentiam  refugerent. 

Baco,  de  augm.  scient.  III,  c,  4. 

Die  mit  dem  anatomischen  Messer  blossgelegten  Nerven  der  Sinnes- 
organe zeigen  in  ihrem  Bau  und  Wesen  keine  wesentlichen  Verschieden- 
heiten, und  doch,  wie  gross  und  gänzlich  anderer  An  ist  der  Abstand  zwi- 
schen Gesicht  und  Geruch,  zwischen  Geschmack   und   Gehör? 


VII.   Buch.     Aphorism  56.  529 

die  Rede  sei.  Wir  lassen  es  dahin  gestellt  sein,  wer  von  Diesen 
das  Rechte  getroffen  hat,  indem  die  Sache  seihst  für  uns  weder 
einen  wissenschaftlichen,  noch  auch  einen  praktischen  Werth  hat. 
Nur  wollen  wir  im  Vorbeigehen  noch  bemerken,  dass  die  grie- 
chischen Aerzte  unter  vöang  sowohl  die  Wasserblase,  als 
den  Blasenwurm  verstanden. 


56.  Aengstlichkeit,  Gähnen  und  Schauder  werden  beseitigt 
durch  Genuss  des  mit  gleichen  Theilen  Wassers  ge- 
mischten Weins. 


Nach  Vergleichung  mit  einigen  Parallelstellen  in  den  Schriften 
des  Hippokrates  (vorzüglich:  smörj^cöv  to  Ttgatov  VI,  45,  jzsqI 
vovßcov  II,  XXXVIII,  6,  Ttegi  xGiv  ivrbg  Tta&div  V,  14),  scheint 
die  Verum thung  einigermaassen  gerechtfertigt,  dass  der  Altmeister 
mit  diesem  Lehrsalze  hauptsächlich  die  Beschwerden  derHypo- 
chondristen  und  Hysterischen,  und  eine  Beschwichti- 
gung der  Anfälle,  wie  Solche  oft  vorkommen,  vor  Augen  ge- 
habt hat.88)  Eine  Bestätigung  dieser  Ansicht  dürfte  sich  auch 
daraus  ergeben,  dass  alle  bisher  bekannten  Mittel,  gegen  welche 
der  Wein  antidotarische  Kraft  besitzt  (Acon.,  Agar.,  Beil., 
Com,  Graph.,  Lach.,  Mezer.,  N.  vom.,  Op.,  Phosph.,  Ph.  ac.  und 
Sulph.  ac),  mit  einziger  Ausnahme  des  noch  wenig  angewende- 
ten Agar.,  sämmtlich  und  theilweise  selbst  in  ausgezeichnetem 
Grade  den  hysterischenuud  hypochondrischen  Beschwer- 
den entsprechen  und   dagegen   häufig  mit   dem   entschiedensten 


88)  „Milch  ist  Wein  für  Kinder"  —  sagt  Hufeland,  Makrobiotik  I,  9. 
—  „Wein  ist  Milch  für  Alte."  —  Doch  dürfte  dieser  Ausspruch  manche 
Einschränkung  erleiden. 

Für  Hypoehondristen  stellten  unsere  Vorfahren  häufige  Transpiration 
und  flüssige  Nahrungsmittel  über  alle  Medikamente,  wie  auch  Sanctorius 
(Aphor.  102)  sagt:  Hypochondriaci,  si  frequenter  balneis  eorum  corpora 
reddantur  perspirabilia  et  victu  humido  utuutur,  sani  fiunt. 


530  vn-  Bucb-     Aphorism  57,  58. 

Erfolge  angewendet  werden.  Es  versteht  sich  übrigens  wohl 
von  Selbst,  dass  von  einer  wahren  und  dauerhaften  Heilung 
dieser  Krankheit  durch  Wein  keine  Rede  sein  kann.  Daher 
darf  auch  das  Wort  kvsiv  nicht  in  seinem  strengsten  Sinne  ge- 
nommen und  nicht  mit  „heilen",  sondern  höchstens  nur  mit 
„beseitigen"  übersetzt  werden,  welches  die  Wiederkehr  nicht 
ausschliesst.  Die  gründliche  und  da  uer hafte  wirkliche  Hei- 
lung der  hierunter  begriffenen,  mannichfaltigen  Krankheiten  ge- 
hört nicht  nur  zu  den  schwierigsten  Aufgaben,  sondern 
die  damit  behafteten  Patienten  sind  überdem  die  Unangenehm- 
sten und  Lästigsten,  und  stellen  die  Geduld  ihres  Arztes  oft 
auf  die  allerhärtesten  Proben  durch  ihre  unaufhörlichen  Klagen 
und  Fragen.  Angehende,  junge  Homöopathen  mögen  sich  diesen 
Wink  zu  Nutze  machen! 


57.  Wenn  sich  in  der  Harnröhre  eine  Eitergeschwulst  ge- 
bildet hat,  so  verschwinden  die  Schmerzen,  so  bald 
jene  aufbricht  und  eitert. 


Ganz  gleichlautend  mit  dem  Aphorism  IV,  82,  worauf  wir 
deshalb,   wie  auch  auf  die  dortige  Glosse,  verweisen. 


58.  Diejenigen,  welche  durch  irgend  einen  Zufall  eine 
heftige  Gehirnerschütterung  erlitten  haben,  verlieren 
nothwendiger  Weise  sogleich  die  Sprache. 


In  der  Schrift:  yuainul  itqoyväGug  (III,  370),  woraus  dieser 
Aphorism  entlehnt  zu  sein  scheint,  wird  noch  hinzugefügt,  dass 
solche  Personen  ebenfalls  das  Gehör  und  das  Gesicht  verlie- 
ren, und  grösstentheils  sterben.  Ausserdem  wird  in  den  Apho- 
rismen VII,  14  und  24  als  Folge  einer  derartigen  Kopfver- 
letzung noch  Betäubung  und  Irrereden  angegeben.    Daraus 


VII.  Buch.     Aphorism  59.  531 

scheint  deutlich  hervorzugehen,  dass  in  diesem  Aphorism  nicht 
von  einem  apoplektischen  Anfalle,  sondern,  wie  auch  die 
Worte  lauten,  von  einer  äusseren  Kopfverletzung  die  Rede 
ist.  Auch  der,  von  einigen  Kommentatoren  angeführte  Unterschied 
zwischen  der  Lingua  und  der  Loquela,  wovon  bloss  die 
Erstere  dadurch  verloren  gehen  soll,  so  wie  die  damit  in  Ueber- 
einstimmung  stehende  Angabe  Anderer,  dass  ein  derartig  Ver- 
letzter ein  Soloecophanes  werde,  der  nur  in  Soloecismen 
rede,  scheinen  hier  nicht  am  rechten  Orte,  obwohl  sehr  gelehrt 
zu  sein.  Mit  Uebergehung  aller  dieser,  im  Grunde  nutzlosen 
Meinungen,  Ansichten  und  Erklärungen,  wollen  wir  nur  mit  we- 
nigen Worten  vom  praktischen  Standpunkte  aus  erwähnen,  dass 
zum  Heilungsversuche,  wenn  Solcher  noch  innerhalb  der  Grenzen 
der  Möglichkeit  liegt,  zuerst  und  vor  allem  Andern  Arn.,  nur 
bei  sehr  starker  Entzündung  im  Wechsel  mit  Acon.,  später  aber 
fast  nur  Bell,  und  Hyosc.  sich  zur  Wahl  darbieten.  Wenn  durch 
richtige  homöopathische  Anwendung  dieser  Mittel,  —  natürlich 
ohne  die  in  der  Glosse  zum  Aphorism  VII,  14  am  Schlüsse 
erwähnten  chirurgischen  Beihülfen  zu  versäumen,  —  kein  gün- 
stiger Erfolg  erzielt  werden  kann,  so  dürfen  wir  uns  mit  der  be- 
ruhigenden Ueberzeugung  trösten,  dass  in  der  That  keine  Rettung 
mehr  möglich  war. 

In  mehreren  Ausgaben  wird  an  dieser  Stelle  der  Aphorism 
IV,  35  wiederholt,  aber  ohne  fortlaufende  Nummer. 


59.    Vollsaftige  Leute   muss    man   fasten  lassen;    denn  der 
Hunger  trocknet  die  Körper  aus. 


Es  lässt  sich  allerdings  mit  Händen  greifen,  dass  Leute, 
welche  allzu  aufgedunsen  und  mit  einem  Uebermaasse  von  Säften 
begabt  sind,  abmagern  müssen,   wenn   man   sie,  wie  man  sagt 


34* 


532  VI1-  Buch.    Aphorism  59. 

auf  schmale  und  magere  Kost  setzt  und  tüchtig  hungern  lässt.89) 
Aber  es  bleibt  immer  noch  sehr  die  Frage,  ob  ein  solches 
Verfahren  rationel  und  zuträglich  ist,  weil  fast  immer  die  Dis- 
position zum  Uebermaasse,  sowohl  der  Vollsaft igkeit,  als 
der  Ma  gerkeit,  in  einem  chronischen  Siechthume  seinen  Grund 
hat,  und  Dieses  in  solcher  gleichsam  mechanischen  Weise  un- 
möglich ohne  Gefahr  und  dauerhaft  zu  verbessern  ist.  Wenn 
man  die  wassersüchtigen  Anschwellungen  verschiedener 
Art,  die  nicht  hierher  gehören,  ausser  Betracht  lässt,  so  giebt 
es  doch  körperliche  Zustände  und  Beschaffenheiten ,  wofür  sich 
nach  Anleitung  unserer  Arzneiprüfungen  verschiedene  Mittel  ganz 
besonders  eignen.  Diese  übergrosse  Vollsaftigkeit  ist  ja 
in  der  That  eben  so  gut  ein  Krankheits-Symptom,  wie  jede 
sonstige  Abweichung  vom  normalen  Zustande ,  und  verdient  in 
manchen  Fällen  bei  der  Mittelwahl  weit  mehr  Berücksichtigung, 
als  ihm  häutig  zu  Theil  wird.  Der  umsichtige  Arzt  wird  daher 
bei  vorkommender  Vollsaftigkeit,  wenn  mehrere  Mittel  mit 
einander  um  den  Vorrang  streiten,  Dasjenige  wählen,  welches 
auch  in  dieser  Beziehung  dem  homöopathischen  Prinzipe  ent- 
spricht. Er  wird  daher  insbesondere  dann ,  wenn  diese  Voll- 
saftigkeit von  irgend  einiger  Erheblichkeit  ist,  und  dadurch  den 
Rang  eines  charakteristischen  Krankheits- Symptoms  erlangt 
hat,  sich  zunächst  unter  folgenden  Mitteln  umsehen:  Acon.,  Amm., 
Amm.  mur.,  Ant.  crud.,  Ap.  mel.,  Arn.,  Aur.,  Beil.,  Brom.,  ßry., 
Calc,  Caps.,  Carb.  veg.,  Caust.,  Coloc,  Croc,  Cupr.,  Ferr., 
Graph.,  Hyosc,  Kali,  Lyc,  Phosph.,  Rhus,  Sassap.,  Selen.,  Seneg., 
Sep.,  Sil.,  Slronl.,  Sulph.,  Thuj.  und  Valer.,  denen  dieses  Zeichen 
besonders  entspricht.  Er  wird  darunter  nicht  selten  das  Eine 
oder  das  Andere  finden,  welches  auch  den  sonstigen  noch  vor- 


89)  Es  giebt  kein  Mittel,  —  sagt  Unzer  —  das  den  Schmeerbauch 
mit  mehr  Ehre  vertreibt,  als  die  Algebra,  wenn  man  sie  nur  des  Nachts, 
aber  gründlich  studirt,    und  dabei  am   Tage  Holz  fället. 


VII.  Buch.     Aphorism  59.  533 

handenen  Symptomen  angemessen  ist,  und  dann  weit  sicherer 
einen  erwünschten  Erfolg  erwarten  dürfen,  als  wenn  er  rein 
symptoma ti s c h  dem  Kranken  seine  uothdürftige  Nahrung  ent- 
zieht, und  eine  einzelne  Beschwerde  durch  eine  grausame 
Verfahr  ungsweise  zu  beseitigen  sucht,  während  das  wichtigere 
innere  Siechthum,  wovon  die  Voll s afti g keit  nur  eine 
Folge,  und  bei  Weitem  nicht  immer  der  schlimmste  Bestand- 
theil  ist,  ganz  unberührt  bleibt.  Diese  Art  von  symptomati- 
schem Kuriren  ist  wahrlich  nie  und  nimmer  die  Unsrige, 
und  wir  müssen  uns  wiederholt  dagegen  verwahren,  dass  etwas 
Derartiges  nicht  fälschlich  der  Homöopathie  angedichtet  wird, 
deren  Verfahren,  wie  an  vielen  Stellen  aufs  Bündigste  nachge- 
wiesen ist,  damit  auch  nicht  die  entfernteste  Aehnlichkeit  hat.90) 
Bei  dieser  nicht  wiederkehrenden  Gelegenheit  drängt  es  uns, 
noch  mit  einem  Worte  zu  wiederholen,  dass  wir  sämmtlich  ent- 
schiedene Feinde  der  sogenannten,  noch  heutiges  Tages  zur  Qual 
der  Kranken  so  häufig  verordneten  Hungerkuren  sind.  Wir 
sprechen  hier  natürlich  nicht  von  einer  vorübergehenden  Ent- 
haltsamkeit, welche  oft  im  Stande  isl,  ein  vorgängiges 
Uebermaass  wieder  gut  zu  machen.  Wir  meinen  hier  viel- 
mehr diejenige  eigentliche,  längere  Zeit  fortgesetzte  Hunger- 
kur, wie  sie  bei  langwierigen,  tief  eingewurzelten,  vorher  mit 
den  verschiedenartigsten  Medikamenten  behandelten  Uebeln  von 
einigen  Aerzten  verordnet,  und  dabei  häutig  noch  durch  Ab- 
führungen, Bluten  (Ziehungen,  Seh  wei  ssmittel  u.  dergl. 
mehr  verschärft  und  angreifender  gemacht  wird.  Es  liegt  auf 
der  Hand,  dass  dabei  die  allgemeine  Schwäche  von  Tage  zu 
Tage  zunehmen,  und  in  demselben  fortschreitenden  Verhältnisse 
die  Lebenskraft  immer  mehr  von  ihrer  Energie  einbüssen 
muss.  Wenn  wir  nun  die  festbegründete  Ueberzeugung  haben, 
dass  allein  von  der  Reaktion   der  Lebenskraft  jede  wahre 


90)   Abstille,  si  methodum  nescis. 


534  VII.  Buch.    Aphorism60. 

Heilung  ausgehen  muss : 91)  so  ist  es  durchaus  folgerichtig,  dass 
wir  diese  Kraft  erhalten  und  wo  möglich  stärken  müssen, 
niemals  aber  schwächen  dürfen,  und  dass  daher  jede  natur- 
widrige Entziehung  der  Nahrungsmittel,  so  lange  das 
Bedürfniss  dazu  vorhanden  ist,  so  wie  überhaupt  jede  Veran- 
staltung, womit  eine  solche  Schwächung  beabsichtigt  wird, 
dem  Kranken  nur  zum  positiven  Nachtheil  gereichen  und  die 
Herstellung  mindestens  verzögern  muss.  Freilich  wollen 
wir  dem  Kranken  keine  Speisen  oder  Getränke  aufdringen,  wenn 
er  dazu  kein  Verlangen,  oder  gar  einen  Widerwillen  da- 
gegen verspürt;  aber  Dies  hat  seinen  guten  Grund  darin,  dass 
in  solchen  Fällen  Diese  dem  Kranken  überhaupt  nicht  zuträglich 
sind,  wie  wir  schon  früher  bemerkt  haben,  und  eben  so  im 
AphorismVII,  65  sehen  werden.  Aber  der,  meistens  chronisch 
Kranke,  dessen  Verdauungsorgane  ungeschwächt  sind  und  des- 
sen Appetit  nicht  gelitten  hat,  darf  und  muss  das  Bedürfniss 
vollständig  befriedigen,  und  lediglich  Dasjenige  vermeiden,  was 
durch  arzneiliche  Kräfte  die  Wirksamkeit  der  gereich- 
ten Arznei  beeinträchtigen,  stören,  oder  gar  vernichten 
würde.  In  dieser  Hinsicht  spricht  sich  aber  die  Natur  jedesmal 
so  bestimmt  und  deutlich  aus,  dass  ein  Missverständniss  unmög- 
lich, und  dass  eine  Verhaltungsmaassregel,  welche  dem  Ausspruche 
und  den  Gesetzen  der  Natur  widerspricht,  nichts  Anderes,  als 
eine  schwere  Versündigung  gegen  die  Natur  ist.  92) 


60.  Wenn  der  ganze  Körper  abwechselnd  bald  kalt  bald 
warm  wird,  und  eben  so  die  Farbe  wechselt,  so  deu- 
tet Dies  eine  langwierige  Krankheit  an. 


91)  Toute  guerison,  par  voie  directe,  est  le  fait  du  principe  vital 
excite  par  une  puissance  essentiellemeut  contraire  ä  l'action  de  ce  principe, 
puissance  consequemment  toujours  analogue  au  mal  ou  symptoraes  du  mal, 
quand  eile  n'est  pas  le   mal  lui-meme. 

Dr.   Gastier,  Journ.   No.   10,  p.  258. 
92)  Alle  Heilungen  erfolgen  durch  die  Natur  kraft,  als   Folge    der  Re  - 
aktion.  Joudert,  parabox.  4,  224. 


VII.  Buch.    Aphorism  61,  62,  63.  535 

Gleichlautend  mit  dem  Aphorism  IV,  40. 


61.  Ein  reichlicher,  sowohl  warmer,  als  kalter,  beständig 
abfliessender  Schweiss  zeigt  an  ,  dass  der  Körper  an 
Ueberfluss  von  Feuchtigkeit  leidet.  Diese  muss  daher 
abgeführt  werden,  und  zwar  bei  kräftigen  Leuten  nach 


Dieser  Aphorism,  den  Galenus  für  unecht  und  eingeschoben 
hält,  steht  seinem  Inhalte  nach  in  naher  Verbindung  mit  den 
Aphorismen  IV,  41,  42  und  56,  welche  sich  gegenseitig  zur 
Erläuterung  und  Vervollständigung  dienen.  Die  Gründe  aber, 
welche  Galenus  für  seine  Meinung  angiebt,  und  aus  dem  ihm 
zweifelhaften  Schlusssatze  entnommen  sind,  laufen  auf  schola- 
stische Spitzfindigkeiten93)  hinaus,  wobei  man  nicht  selten 
unwillkürlich  an  die  hier  o kies is che  Bedeutung  des  Wortes 
6ioltt6Ti%6q  (nämlich:  Dummkopf!)  erinnert  wird.  —  Uebrigens 
beziehen  wir  uns  auf  die  dort  angehängten  Glossen. 


62.  Anhaltende  Fieber,  die  sich  jedesmal  mit  dem  dritten 
Tage  verstärken,  sind  die  Gefährlicheren;,  wenn  sie 
aber  irgendwie  anssetzen,  so  hören  sie  auf,  gefährlich 
zu  sein. 


Vergleiche  den  gleichlautenden  Aphorism  IV,  43. 


63.  Diejenigen,  welche  an  langwierigen  Fiebern  leiden, 
bekommen  Geschwülste  und  Schmerzen  an  den  Ge- 
lenken. 


93)  J.  C.  Smith  vergleicht  (in  seiner  Reisebeschreibung  I,  S.  270) 
die  Verwendung  grosser  Talente  auf  Grübeleien  und  Spitzfindigkeiten  mit 
der  Verwendung  von  englischen  Banknoten  zu  häuslichen  Bedürfnissen, 
wozu  gewöhnliches  Papier    die  nämlichen  Dienste  leisten  würde. 


ggg  VII.  Buch.     Aphorism  64,  65. 

Vergleiche  eben  so  den  Aphorism  IV,  44. 


64.  Diejenigen,  welche  in  Folge  langwieriger  Fieber  Ge- 
schwülste oder  Schmerzen  an  den  Gelenken  bekommen 
haben,  nehmen  allzu  reichliche  Nahrung  zu  sich. 


Desgleichen  gleichlautend  mit  dem  Aphorism  IV,  45. 

Solche  wörtliche  Wiederholungen  von  früher  schon  vorge- 
kommenen Lehrsätzen,  wie  wir  Dies  schon  einige  Male,  und  hier 
gar  mit  drei  aufeinander  folgenden  Aphorismen  gesehen  haben, 
lassen  sich  kaum  anders,  als  durch  Nachlässigkeit  der  Abschrei- 
ber erklären.  Wir  halten  es  indessen  für  nöthig,  die  Reihenfolge 
der  Nummern  beizubehalten ,  wie  Galenus  sie  überliefert  hat, 
um  in  den  Citaten  keine  Zweifel  oder  Verwechselungen  zu  ver- 
anlassen. 


65.  Wer  einem  Fiebernden  die  Nahrung  der  Gesunden 
reicht,  der  bedenke,  dass  Solche  den  Genesenden 
stärkt,  den  Kranken  aber  noch  kranker  macht. 


Dieser  Aphorism  gehört  ohne  Zweifel  zu  den  wahrsten  und 
wichtigsten  Lehrsätzen  der  ganzen  Sammlung,  und  entspricht 
eben  so  sehr  den  Gesetzen  der  Natur,  als  Denen  jeder  ver- 
nünftigen Heilwi  ss en  schaft.  Bereits  in  der  Glosse  zum 
Aphorism  VII,  59  haben  wir  diesen  Gegenstand  zu  berühren 
Gelegenheit  gehabt,  aber  nur  von  der  einen  Seite,  welche  der 
Gegenwärtigen  entgegen  gesetzt  ist,  nämlich  von  der  Seite  des 
Fastens  und  Hungerns,  auch  da,  wo  Solches  mindestens 
von  der  Natur  nicht  angezeigt  ist.  Hier  handelt  es  sich  von 
der  tadelnswerthen  Sitte,  die  man  nicht  nur  bei  Angehörigen 
und  Krankenpflegern,  sondern  selbst  zuweilen  bei  unwissen- 
den Aerzten  antrifft,  dem  Kranken  gegen  Neigung  und  Be- 


VII.  Buch.     Aphorism  65.  537 

dürfniss  Nahrungsmittel  aufzunöthigen,  und  zu  dem  Endo 
oft  allerlei  Leckereien  in  Vorschlag  zu  bringen.  Bei  solcher 
nicht  minder  naturwidrigen  Verkehrtheit  darf  man  nicht  über- 
sehen, dass  nur  da  der  Appetit  darnieder  liegt,  oder  Abnei- 
gung vor  Speisen  vorhanden  ist,  wo  ebenfalls  die  Verdau- 
ungsorgane  von  der  Krankheit  angegriffen  und  ausser  Stande 
sind,  den  ihnen  obliegenden  Assimilations-Prozess,  oder, 
wie  es  jetzt  heisst,  den  Stoffwechsel  gehörig  durchzuführen. 
Es  ist  leicht  begreiflich,  dass  unter  solchen  Umständen  die  auf- 
gedrungenen Nahrungsmittel  dem  Körper  nicht  zu  Gute 
kommen  können,  und  dass  vielmehr  die  bereits  vorhandene 
Krankheit  selbst  dadurch  einen  unerwünschten  Zuwachs  erhal- 
ten muss,  wenn  diese  Verdauungsorgane  in  solcher  Weise  noch 
kranker  gemacht  werden,  als  sie  es  vorher  vielleicht  in  minder 
erheblichem  Grade  waren.  Am  Allernachtheiligsten  muss  es  aber 
sein,  wenn,  eben  um  die  natürlich  verminderte  Esslnst  durch 
palliative  Reizmittel  zu  heben,  Speisen  und  Getränke  dar- 
geboten werden,  welche  durch  ihre  Bestandteile,  wie  so  häufig, 
arzneiliche  Kräfte  enthalten,  die  fast  nie  für  die  Krankheit 
angemessen  sind,  und,  wenn  sie  es  einmal  ausnahmsweise  sein 
möchten,  jedesmal  in  zu  grosser  und  unpassender  Gabe  nicht 
minder  schädlich  sind.  Es  ist  und  bleibt  daher  immer  und  ohne 
Ausnahme  wahr,  dass  jede  nicht  vom  Kranken  selbst  gefor- 
derte Nahrung,  sie  möge  sein,  weiche  sie  wolle,  nur  zum 
Nachtheile  desselben  gereichen  muss,  die  Krankheit  möge 
nun  ein  Fieber  oder  sonst  jede  Andere  sein.  In  allen  hierher 
gehörigen  Fällen  spricht  sich  die  Natur  selbst  so  deutlich  und 
bestimmt  aus ,  dass  jeder  Missgriff  unmöglich  ist ,  wenn  man 
nur  diesem  Ausspruche  die  nöthige  Aufmerksamkeit  zuwendet, 
und  sich  nicht  der  sträflichen  Anmaassung  hingiebt,  anstatt  des 
Ministers  den  Magister  der  Natur  spielen  zu  wollen.94) 

94)  Van  Swieten  vergleicht  den  Arzt,    der    ein    oder  das  andere  Nah- 
rungsmittel für  gesund  erklärt,    ohne    dabei    den  Zustand  des  Kranken  in 


538  VII.  Buch.  Aphorism  65. 

Es  würde  unnütz  sein,  diesen  Gegenstand  weiter  auszufüh- 
ren, der  von  allen  verständigen  und  erfahrenen  Aerzten  einstim- 
mig in  der  erwähnten  Art  betrachtet  und  befolgt  wird.  Die  Ho- 
möopathie unterscheidet  sich  in  dieser  Beziehung  nur  darin  von 
der  Allopathie,  dass  beiderlei  Ansichten  von  der  Schädlich- 
keit unverlangter  Genüsse  zwar  dieselben  sind,  die  der 
Einzelnen  aber  oft  sehr  von  einander  abweichen.  Wir  ver- 
bieten nämlich  ausserdem  noch,  auch  wenn  sie  verlangt  werden, 
allen  und  jeden  Beigebrauch  arzneilicher  Dinge,  wogegen  die 
Allopathen  nicht  nur  verschiedene  Arzneigemische  in  ver- 
schiedenen Formen  abwechselnd  (alle  ein  bis  zwei  Stunden)  neh- 
men lassen,  sondern  dabei  auch  noch  andere  arzneiliche  Ge- 
tränke, Theeäufgüsse  u.  dergl.  verordnen,  wovon,  mirabile 
dictu!  in  einem  und  demselben  Organismus  das  Eine  Dies, 
das  Andere  Jenes  bewirken  soll,  als  hätte  man  es  mit  eben  so 
vielen,  unabhängig  von  einander  darin  marodirenden  Frei- 
schärlern zu  thun.  Wir  sehen  bekannter  Weise  jede  Krank- 
heit als  eine  Einheit  an,  die  gleichzeitig  keine  andersartige 
Zweite  oder  Dritte  neben  sich  aufkommen  lässt,  und  wählen 
vermöge  unserer  genauen  Bekanntschaft  mit  der  eigenthümlichen 
Wirkungsart  unserer  Mittel  für  den  konkreten  Fall  Dasjenige, 
was  der  Gesammtheit  der  miteinander  in  untrennbarer 
Verbindung  stehenden  Beschwerden  am  Meisten  in  Aehnlich- 
keit  entspricht,  und  wir  würden  daher  feindselig  gegen  unsere 
eigene  Macht  handeln,  wenn  wir  noch  andere  isolirte  Mächte 
ihre  Thätigkeit  ungezügelt  entfalten  liessen,  die  höchstens  nur 
in  einer  oder  anderer  Beschwerde  eine  zweifelhafte  Hülfe  leisten 


Erwägung  zu  ziehen,  mit  einem  Schiffer,  der  den  Wind  für  gut  erklärt, 
ohne  dabei  zu  berücksichtigen,  nach  welchem  Hafen  das  Schiff  segeln  soll. 
Leider  ist  es  von  jeher  das  Loos  unserer  Kunst  (der  Arzneikunst)  ge- 
wesen, fast  am  spätesten  unter  allen  Fächern  des  menschlichen  Wissens 
von  den  wohlthätigen   Strahlen  der  Aufklärung  erhellt  zu  werden. 

C.  Sprengel,  Gesch.  d.  Med.  II,  659. 


VII.  Buch.  Aphorism  66.  539 

könnten,  in  allen  Uebrigen  und  zwar  den  Wesentlichsten  hinge- 
gen der  richtigen  Heilpotenz  nur  Hindernisse  in  den  Weg  legen 
müssten.  Darum  die  Einfachheit  in  unsern  Verordnun- 
gen,95) und  die  Notwendigkeit,  jegliche  Störung  in  der  Wir- 
kung der  gereichten  Arznei  nach  Möglichkeit  zu  vermeiden,  so- 
wohl in  Bezug  auf  die  aufgenöthigten  Genüsse,  als  in  dem  auf 
sonst  irgendwie  arzneilich  einwirkenden  Dinge.  Hierin  liegt  dann 
auch  ebenso  die  alleinige  Begründung  unserer  Diät,  deren 
Werth  selbst  von  unsern  allopathischen  Gegnern  nicht  bloss 
anerkannt,  sondern  theilweise  sogar  in  dem  Maasse  über- 
schätzt wird,  dass  Viele  von  Ihnen,  —  wir  lassen  es  dahin- 
gestellt, ob  aus  Unwissenheit,  oder  aus  Bosheit?  —  ledig- 
lich in  der  genauen  Befolgung  derselben,  die  sie  ja  eben  so 
gut  vorschreiben  können,  das  Gelingen  unserer  auffallen- 
den Heilungen  finden  wollen,  welche  sie  nicht  mehr  abzu- 
leugnen wagen  dürfen.  96) 


66.  Man  muss  die  Ausleerungen  aus  der  Harnblase  unter- 
suchen, in  wie  fern  sie  Denen  des  Gesunden  gleichen. 
Je  weniger  sie  nämlich  mit  Diesen  übereinstimmen, 
desto  stärker,  je  ähnlicher  sie  hingegen  ihnen  sind, 
desto  gelinder  ist  die  Krankheit. 


Galenus  hält  diesen  Aphorism  sowohl  wegen  seiner  Form, 
als  wegen  seiner  Ausdrücke  für  eingeschoben,  obwohl  er  gleich- 
sam im  allgemeinen  Zusammenhange  darstellt ,  was  darüber  in 
mehreren  Aphorismen  des  IV.  und  VII.  Buchs  vereinzelt  vor- 
kommt. Eben  so  entspricht  er  allerdings  dem  mehrmals  aus- 
gesprochenen Grundsatze  des  Hippokrates,  dass  die  Symptome 
einer  Krankheit   eine   um  so   grössere  Heftigkeit  derselben 


95)  Simplex  veri  sigillum.  Boerhave. 

96)  Wenn  der  Mensch  vor  sich  seihst  erröthen  muss,    ist's    oft  ärger, 
als  vor    fremden  Zeugen!     Aher  es  wirkt  dann  auch  hesser! 

Griesselich  Skizzen,  S.  32. 


540  vn-  Buch     Aphorism  66. 

anzeigen,  je  mehr  sie  von  den  Natürlichen  und  Normalen 
abweichen.  Wir  können  indessen  weder  der  Richtigkeit  dieser 
allgemeinen  Ansicht,  noch  auch  insbesondere  der  dieses  Lehr- 
satzes in  Betreff  des  Harns  unbedingt  beistimmen.  Nicht  nur 
die  meisten  wahren  chronischen  Krankheiten,  sondern  auch 
viele  Akute,  die  theilweise  zu  den  Bösartigsten  gehören,  er- 
mangeln solcher  Zeichen  in  ihren  Harnausleerungen,  und 
es  würde  daher  zu  Irrlhum  führen,  wenn  man  diesen  Maassstab 
dabei  überall  gelten  lassen  wollte.  Im  Gegentheile  wird  uns 
hier  abermals  eine  wiederholte  Gelegenheit  geboten,  darauf  hin- 
zuweisen, wie  ein  einzelnes  Symptom  für  sich  allein  keinen 
erheblichen  Werth  hat,  und  wie  nur  die  Gesammtheit 
derselben  uns  in  den  Stand  setzen  kann,  sowohl  über  die  Grösse 
und  Gefährlichkeit  einer  Krankheit,  als  über  die  angemes- 
senste therapeutische  Behandlung  derselben  ein  gründliches 
Urlheil  zu  fällen.  Die  Homöopathie  prognostizirt  und  kurirt 
allerdings  nach  Symptomen,  aber  keineswegs  in  der  beschränk- 
ten Weise  ,  wie  Hippokrates  und  seine  blinden  Nachbeter  nach 
solchen  einzeln  Abgerissenen  und  Unvollständigen.97) 
Wir  benutzen  überdem  die  Meisten  derselben  hauptsächlich  für 
unsere  Therapie,  die  eben  hierin  ihre  einzige  feste,  von  der 
Allopathie  nicht  gekannte  Grundlage  findet.  Auch  sind  des- 
halb die  Abweichungen  von  der  natürlichen  und  normalen 
Beschaffenheit,  wie  Solche  durch  verschiedene  Krankheiten  er- 
zeugt werden,  in  unserer  R.  A.-Lehre  viel  genauer  ermittelt  und 
für  die  Therapie  nutzbarer  gemacht,  als  in  irgend  einer  andern 
älteren  oder  neueren  Schrift. 98)     Nur  in  Betreff  einiger,  zuwei- 


97)  Wer  ohne  Rücksicht  auf  Nebenerscheinungen  gegen  eine  Krank- 
heit ein  Mittel  wählt,  das  nur  ein  oder  etliche  Hauptsymptome  deckt,  der 
wird  selten  etwas  Erhebliches  ausrichten,  und  wenn  eine  solche  Kur  voll- 
ständig gelingt,  so  geschieht  es  durch   blinden  Zufall. 

Dr.  G.  W.  Gross,  A.  H.  Z.  XXII,   S.  212. 

98)  Baco  von   Verulain  (de    augment.   scient.   IV,      beklagt    und    tadel. 


VII.  Buch.  Aphorism  67.  541 

len  im  Harn  enthaltenen  Stoffe,  namentlich  des  Zuckers  und 
des  Eiweisses,  fehlen  uns  noch  ergiebige  Prüfungs-  und  Er- 
fahrungs-Resultate, deren  nachtragliche  Ermittelung  daher  den 
jetzt  lebenden  Homöopathen  noch  besonders  dringend  empfohlen 
werden  darf.  Bei  so  vielem  Vortrefflichen  und  nahezu  Vollen- 
deten haben  wir  keine  Ursache,  die  wenigen  noch  bestehenden 
Mängel  zu  verschweigen,  und  dürfen  mit  Zuverlässigkeit  erwar- 
ten, dass  auf  unserem  bewährten  und  bereits  mit  so  glänzendem 
Erfolge  betretenen  Wege  der  Forschung  und  der  Erfahrung  das 
noch  Fehlende  bald  ergänzt  sein  wird.99) 


67.  Und  wenn  in  den  Darmausleerungen,  die  man  einige 
Zeit  unbewegt  hat  stehen  lassen,  sich  auf  dem  Boden 
ein  Niederschlag  wie  Gedärm-Schabsel  ablagert:  so  ist 
die  Krankheit  gelinde,  wenn  dessen  wenig,  hingegen 
schwer,  wenn  dessen  viel  vorhanden  ist.  Diesen  Kran- 
ken ist  eine  Abführung  nach  Unten  dienlich.  Wofern 
man  ihnen  aber  kräftigen  Gerstenabsud  reicht,  bevor 
diese  Abführung  Statt  gefunden,  so  schadet  dieser  um 
desto  mehr,  je  reichlicher  er  ihnen  gegeben  würde. 


Beim  ersten  Anblicke  tritt  in  diesem  Aphorism  die  diäte- 
tische Vorschrift,  welche  mit  der  in  den  Aphorismen  II,  10 
und  VII,  65  Gegebenen  übereinstimmt,  am  Meisten  vor  die  Au- 
gen. Hippokrates  versteht  nämlich  unter  QÖcpr^ia,  nach  Foesius 
(Oecon.  Hipp.  pag.  556),  einen  dicken  und  nahrhaften  Gersten- 
absud in  beliebiger  Menge,  im  Gegensalze  zu  dem  wässerigen 
und  wenig  nährenden  Gerstenwasser  in  sehr  geringer  Menge, 


schon,  dass  man  zwar  in  der  Medizin  ganz  gute  Grundsätze  über  die  all- 
gemeinen Anzeigen  der  Krankheiten  und  deren  Kur  habe,  dass  aber  die 
Heilung  derselben  durch  Anzeigen  der  einzelnen  Mittel  noch  sehr  wenig 
ausgebildet  sei. 

99)  Multum  adhuc  restat  operis ,    multumque  restabit,    nee    ulli    nato 
post  mille  saecula  praecludatur  occasio  aliquid  adjiciendi. 

Seneca,  nat.  quaest. 


542  vn-  Buch-     Aphorism  67. 

welches  zur  magersten  Diät  (victus  exquisite  tenuis),  wie  Jener 
zur  einfach  Mageren  (victus  tenuis)  gehörte.  Man  kann  damit 
die  Glosse  zum  Aphorism  I,  4  vergleichen. 

Für  uns  Homöopathen  ist  indessen  die  Frage  wichtiger, 
wie  Hippokrates  bei  solchen  bedenklichen  Durchfällen,  ganz 
im  Widerspruche  mit  dem  ihm  beigemessenen  Grundprin- 
zipe:  Contraria  Contrariis,  vor  allem  Andern  die  Abfüh- 
rungsmittel anempfiehlt,  und  sie  gleichsam  als  unerlässliche 
Bedingung  der  Herstellung  in  erster  Linie  hervorhebt?  Die 
Antwort  auf  diese  Frage  kann  einfach  nur  die  sein,  dass  die 
überwiegende  Erfahrung  den  Nutzen  und  die  Notwendigkeit 
derselben  dargethan  hat,  und  dass  der  Altvater  der  Heilkunde 
lediglich  durch  Diese  bewogen  worden  ist,  eine  Verfahrungsweise 
vorzuschreiben,  welche  scheinbar  seinem  sonstigen,  angeblich 
durchgreifenden  Heilgrundsatze  schnurstracks  entgegen 
steht.  Wer  aber  hier  nicht  einen  neuen  und  treffenden  Beleg 
zu  der  Bichtigkeit  unseres:  Similia  Similibus  sieht,  der 
muss  absichtlich  seine  Augen  dagegen  verschliessen ,  wie  jener 
Commentator  dieses  Aphorisms,  der  mit  Mühe  eine  kaum  dafür 
passende  Krankheitsart  (gastromalacia  infantum  10°)  aufgefunden 
hat,  wofür  die  hippokratische  Methode  nicht  angezeigt  sein  soll.1) 
Im  Allgemeinen  wenden  wir  solche  Abführmittel  überall  da  an, 
wo  ein  wirklicher  Durchfall  vorhanden  ist,  —  freilich  nicht 
ohne  Auswahl  das  erste  Beste,  oder  gar  mehrere  Derselben  durch- 
einander gemischt ,  wie  es  bei  der  Allopathie  eine  so  beliebte 
Mode  ist ,  sondern  nur  gerade  Dasjenige ,  welches  durch  die 
begleitenden  Symptome  nach  den  Gesetzen  der  Aehnlichkeit 


100)  Bekanntlich  hat  neuerdings  Dr.  A.  Vogel  (in  seinem  Lehrbuche 
über  Kinderkrankheiten)  nachzuweisen  versucht,  dass  die  Magenerwei- 
chung, die  unlängst  eine  grosse  Rolle  spielte,  keine  Krankheit,  sondern 
nur  ein  Leichenphänomen  sei. 

1)  Nam  si  venter  Üuit,  aut  sistomachus  non  continet,  ubi  febris  de- 
crevit,  liberalster  oportet  aquam  tepidam  potui  dare  et  vomere  cogere. 

Celsus  III.  4. 


VII.  Buch.    Aphorism68.  543 

das  am  Meisten  Angezeigte  ist,  —  jederzeit  und  ohne 
Ausnahme  zur  Anwendung  bringen.  Wie  wenig  in  solchen 
Fällen  die  sogenannten  stopfenden  Mittel  nützen,  hat  die  Er- 
fahrung sattsam  bestätigt  und  von  jeher  die  erfahrensten  Aerzte 
der  alten  Schule,  gegen  ihren  gefeierten  Wahlspruch :  Contraria 
Contrariis!  bewogen,  Arzneien  zu  verordnen  (Ipec. ,  Rheuin., 
Magnes.,  Calomel,  Ol.  Ricini,  Hyosc,  Cupr.,  Samb.,  Arn.,  Chin., 
Ferr.,  Jalap.,  N.  mosch.,  Coffea  u.  A.  in.),  deren  sie  sich  gleich- 
massig  zum  Abführen  bedienen,  wenn  ihre  Patienten  an  Ver- 
stopfung leiden,  mithin  deren  abführende  Kräfte  kennen. 
Von  dieser  Seite  betrachtet  glauben  wir  dem  vorliegenden,  be- 
reits vor  zweitausend  Jahren  aus  der  Erfahrung  geschöpften, 
durch  die  Beobachtungen  zahlreicher  Aerzte  bestätigten,  von 
keiner  entgegengesetzten  Theorie  überwältigten,  und  zuerst 
durch  die  Homöopathie  auf  ein  naturgemässes  Prinzip 
zurückgeführten  Lehrsatze  mit  dem  vollsten  Rechte  ein  gros- 
ses Gewicht  beilegen  zu  dürfen.  —  Aber  solche  Thatsachen 
scheint  man  todtschweigen  zu  wollen.2) 


68.  Wenn  rohe  Stuhlausleerungen  abgehen,  so  rührt  Dies 
von  der  schwarzen  Galle  her.  Ist  die  Menge  gross, 
so  ist  auch  die  Krankheit  bedeutend;  ist  sie  geringer, 
so  ist  auch  Diese  gelinder. 


Im  Aphorism  I,  22  sagt  Hippokrates,  dass  solche  rohe  und 
ungekochte  Ausleerungen  eine  Gegenanzeige  für  Abfüh- 
rungen darböten.  Hier  ist  aber  bloss  in  prognostischer 
Hinsicht  von  der  Heftigkeit  und  Gefährlichkeit  der  Krank- 
heit die  Rede,  die  sich  nach   der  Quantität   des  Ausgeleerten 


2)  Durch  Schweigen  fiel  Amykla!  —  Ein  altes  Sprichwort  der  Griechen 
welches  jetzt  Todtschweigen  bedeutet. 

Plutarch  im  Leben  des   Lucullus. 


544  VI1-  Buch.     Aphorism  69,  70. 

richte.  Dass  dabei  die  Grundursache  in  der  schwarzen  Galle 
zu  suchen  sei,  ist  eine  Annahme,  die  der  Begriffsweise  der 
damaligen  Zeit  angemessen  ist,  obwohl  auch  in  der  That  die 
Leber  nebst  der  Galle  an  solchen  Störungen  oft  sehr  stark 
betheiligt  ist.  —  Wir  verweisen  im  Uebrigen  auf  die  Glosse  zum 
Aphorism  I,  22. 


69.  Bei  nicht  aussetzenden  Fiebern  ist  jeder  graue,  blu- 
tige, gallichte  und  übelriechende  Hustenauswurf  böse-, 
gut  hingegen,  wenn  er  gehörig  ausgeleert  wird.  Eben- 
so verhält  es  sich  mit  der  Stuhl-  und  Harn  -  Aus- 
leerung. Wenn  aber  auf  diesen  Wegen  nicht  Das- 
jenige abgeführt  wird ,  sondern  zurückbleibt ,  was  ab- 
gehen sollte,  so  ist  Dies  schlimm. 


Dieser  Lehrsatz  ist  grösstentheils  eine  Wiederholung  des 
Aphorisms  IV,  47,  und  wir  verweisen  daher  auf  die  dort  bei- 
gefügte Glosse.  Der  Schlusssatz  steht  gewissermaassen  im  Ein- 
klänge mit  dem  Aphorism  II,  12,  und  ist  dort  das  Betreffende 
zu  finden. 


70.  Wenn  man  Stoffe  ausleeren  will,  so  muss  man  sie 
zuvor  leichtflüssig  machen ;  und  beabsichtigt  man,  sie 
nach  Oben  leichter  abscheiden  zu  lassen,  so  muss  man 
die  Stuhlausleerungen  hemmen;  wenn  aber  nach  Unten, 
diese  Letzteren  verdünnen. 


Wir  befürchten,  dass  irgend  ein  scharfer  Bezensent  uns 
wegen  der  Uebersetzüng  des  Wortes  öaifxara  mit  Stoffe  schwere 
und  allerdings  nicht  ungegründete  Vorwürfe  machen  wird.  In- 
dessen glauben  wir  zu  unserer  Entschuldigung  anführen  zu  dür- 
fen, dass  der  Sinn  des  Aphorisms  wohl  nicht  verfehlt  ist,  und 
dass  das  Flüssigmachen  sich  im  Ganzen  mehr  auf  das  Ab- 
zuführende, als  auf  den  ganzen  Körper  (acöfia)  bezie- 
hen muss.     • 


VII.  Buch.     Aphorisin  70.  545 

Uebrigens  klingt  der  Lehrsatz  selbst  äusserst  verständig, 
und'  es  wäre  nur  zu  wünschen,  dass  man  die  Mittel  kennte,  ver- 
mittelst welcher  man  nach  Erforderniss  oder  Belieben  jederzeit 
die  beabsichtigten  Erfolge  erlangen  könnte.  Daran  aber  mangelt 
es  gar  zu  häufig,  und  sehr  oft  bringen  die  gewöhnlichen  Medi- 
kationen gerade  das  Gegentheil  von  Dem  zu  Wege,  was  sie  be- 
wirken sollten.  Der  lebende  Organismus  ist  nichts  weniger, 
als  ein  künstlich  zusammengesetzter,  lebloser  Automat,  den 
man  etwa  wie  eine  Taschenuhr  nach  Bedürfniss  auseinander 
nehmen,  putzen  und  einölen  kann.3)  Eben  so  wenig  ge- 
langen die  Arzneien  jederzeit  richtig  an  ihre  Bestimmung,4) 
wie  ein  gut  adressirter  Brief,  und  am  Allerwenigsten  ist  Dies 
vernünftiger  Weise  zu  erwarten,  wenn  mehrere  Mittel  durch- 
einander gemischt  sind  und  in  dem  „Hexentranke"  die  Ei- 
genschaften der  Einzelnen    sich   gegenseitig    verändert  haben.5) 


3)  Les  vrais  ressorts  de  notre  orginasation  ne  sont  pas  ces  muscles, 
ces  veines,  ces  arteres,  que  l'on  decrit  avec  tant  d'exactitude  et  de  soins. 
II  reside  des  forces  interieures  dans  les  Corps  organises,  qui  ne  suivent 
pas  du  tout  les  lois  de  la  mecanique  grossiere  que  nous  avons  imaginees 
et  ä  la  quelle  nous  voudrions  tout  reduire.  Buffon. 

Namque  sui  semper  Natura  sirnillima,  textu 
Simpliciore  quidem  sed  non  diversa  secuto, 
Plantarum  vitam  pecudumque  virumque  tuetur. 

Vanieri  praed.  rust.  VI. 

4)  ,,En  associant  une  foule  de  substances,  dit  M.  Forget  (Principes 
de  therap.  gen.  et  spec.  1860,  p.  279),  le  praticien  espere  qu'une  d'entre 
elles  au  moins  atteindra  le  but:  c'est  ce  que  j'appelle  familierement  une 
decharge  a  mitraille,  dont  quelques  eclats  pourront  —  par  hasard  — 
frapper  l'ennemi.    —  Et  s'ils  frappent  le  malade?" 

Dr.  Gallavardin,  exper.,  p.  35. 

5)  „Wie  die  Lebenskraft"  —  sagt  Hahnemann  in  der  Anmerkung  zum 
§  12.  des  Organons  —  ,,den  Organism  zu  den  krankhaften  Aeusserungen 
bringt,  d.  i.  wie  sie  Krankheit  schafft,  von  diesem  Wie  kann  der  Heil- 
künstler keinen  Nutzen  ziehen,  und  deshalb  wird  es  ihm  ewig  verborgen 
bleiben;  nur  was  ihm  von  der  Krankheit  zu  wissen  nöthig  und  völlig  hin- 
reichend zum  Heilbehufe  war,  legte  der  Herr  des  Lebens  vor  seine  Sinne." 
—  In  demselben  Geiste  würde  man  hierauf  fortfahren  können:  —  Wie  die 
Arzneikraft  in  den  verschiedenen  Stoffen,  welche  Solche  enthalten,  heschaf- 

35 


548  vn    Buch-    Aphorism  71,  72. 

Unter  solchen  Umständen  ist  es  leicht  hegreiflich,  dass  der  Allo- 
path eine  überaus  schwere  Aufgabe  zu  lösen  hat,  wenn  er  den 
vorstehenden  Lehrsatz  zur  praktischen  Ausführung  bringen  soll.6) 
—  Uebrigens  vergleiche  man  die  kurze  Glosse  zu  dem  Aphorism 
II,  9,  der  im  Wesentlichen  damit  übereinstimmt. 


Jedes  Uebermaass  in  Betreff  des  Schlafes,  mithin  so- 
wohl die  Schlafsucht,  ab  die  Schlaflosigkeit,  sind  böse. 


Völlig  gleichlautend  mit  dem  Aphorism  II,  3. 


72.  Es  ist  tödtlich,  wenn  bei  einem  nicht  aussetzenden 
Fieber  die  äussern  Theile  eines  Kranken  kalt  sind, 
während  er  innerlich  eine  brennende  Hitze  mit  hefti- 
gem Durste  empfindet. 


fen  ist,  dieses  Wie  ist  dem  Arzte  zu  wissen  unnütz,  und  wird  als  etwas 
Immaterielles  der  Physik  und  Chemie  ewig  verborgen  bleiben;  nur  Was 
ihm  davon  zum  Heilbehufe  zu  wissen  nöthig  und  hinreichend  ist,  Das  lässt 
ihn  der  Herr  des  Lebens  erkennen,  wenn  er  jene  Stoffe  in  ihren  Wirkun- 
gen auf  den  lebenden  Organismus  prüft. 

Haud  leve  obstaculum  penitiori  virium  in  medicamentis  cognitioni  ob- 
jieit,  quod  rarissiine  simplicia,  sed  utplurimum  composita,  nee  haec  sola, 
sed  aliorum  usu  interpolata  usuipentur.  Fr.  Hoffmann. 

De  tout  cet  amas,  ayant  faict  une  niixtion  de  breuvage,  n'est-ce  pas 
quelque  reverie  d'esperer  que  ces  vertus  s'aillent  divisant  et  triant  de  cette 
confusion  et  meslange  pour  courir  ä  charges  si  diverses?  Je  craindrais 
infiuiment,  qu'elles  perdissent  ou  echangeassent  leurs  etiquettes,  et  troublas- 
sent  leurs  quartier*.  Et  qui  j)ourrait  imnginer  qu'en  cette  confusion  liquide, 
ces  facultez  ne  se  corrompeiit,  confondeut  et  alternent  l'une  l'autre? 

Montaigne. 

6)  In  Bezug  auf  die  zusammengesetzten  Mittel  lese  man,  was  Plinius 
(XXIX,  8)  über  den  Theriak    und  das  Mit  hrida  tische  Antidot  sagt. 

„Lorsqu'il  nous  est  si  difficile"  —  sagt  Professor  Dr.  Rostan  — 
„d'appreeier  l'effet  d'une  seule  substance,  ou  d'une  seule  circonstance  sur 
l'organisme,  comraent  pouvez-vous  penser  agir  avec  certitude,  lorsque  vous 
en  prescrivez  un  grand  nombre  et  surtout  si  vous  les  employez  simul- 
taaiiment." 


VII.  Buch.     Aphorism  73,  74,  75.  547 

Ebenfalls  im  Wesentlichen  dem  Aphorism  IV,  48  gleich- 
lautend, bis  auf  eine  unbedeutende  Versetzung.  —  Zur  Ergän- 
zung Dessen,  was  wir  in  der  dortigen  Glosse  angeführt  haben, 
wollen  wir  hier  noch  mit  wenigen  Worten  nachtragen,  dass  unter 
den  angegebenen  Umständen  zunächst  folgende  Mittel  zur 
Wahl  kommen:  Acon.,  Ars.,  Puls.,  Rhus,  Sulph.  und  Veratr., 
dass  aber  auch  noch  mehrere  andere  Arzneien,  und  darunter  na- 
mentlich: Beil.,  Bry.,  Calc,  Cham.,  Sep.  und  Sil.,  dabei  nicht 
selten  auch  noch  eine  homöopathische  Anwendung  finden  und 
den  begleitenden  Symptomen  entsprechen.  Jedenfalls  aber  ist 
die  Sache  nicht  in  dem  Maasse  hoffnungslos,  dass  wir  den  Zu- 
stand mit  dem  Worte  ftavccGipov  bezeichnen  dürfen. 


73.  Es  ist  ein  Zeichen  des  nahen  Todes,  wenn  bei  einem 
nicht  aussetzenden  Fieber  die  Lippe,  die  Nase,  das 
Auge,  oder  die  Augenbraue  sich  verziehen,  oder  wenn 
der  schon  erschöpfte  Kranke  nicht  mehr  sieht,  oder 
nicht  mehr  hört,  oder  wenn  der  Eine  oder  der  Andere 
von  diesen  Zufällen  sich  einstellt. 


Fast  wörtlich  gleichlautend  mit  dem  Aphorism  IV,  49. 


74.    Auf  Leukophlegmatie  folgt  Wassersucht. 


Man   vergleiche   hierzu   den   Aphorism  VII,  29,    nebst   der 
daran  gehängten  Glosse. 


75.    Auf  Durchfall,  Euhr, 


Zu  vergleichen  die  Glosse  zum  Aphorism  VII,  23. 


548  vn  Buch.     Aphorism  76. 

76.     Auf  Kuhr,  Magenruhr. 


Hierzu  der  Aphorism  VI,  43  nebst  seiner  Glosse.  —  Der 
angebliche  Uebergang  einer  Krankheit  in  eine  Andere  ist  ein 
Gegenstand ,  dem  wir  hier  einige  Worte  zu  widmen  für  ange- 
messen erachten.  Was  dafür  gewöhnlich  ausgegeben  wird,  ist 
kaum  jemals  etwas  Anderes,  als  eine  veränderte,  meistens  schlim- 
mere Form  des  ursprünglichen  Uebels,  oft  mit  Arzneikrank- 
heit komplizirt  und  dadurch  nur  unkenntlicher  und  schwieriger 
gemacht.  Die  meisten  Krankheiten  durchlaufen  nämlich  in  ihrem 
natürlichen  Fortgange  mehrere  Stadien,  welche  sich  ziemlich 
regelmässig  zu  folgen  pflegen,  wenn  sie  nicht  durch  Arznei  ab- 
geschnitten, gehemmt  oder  verschoben  werden.  Selbst  die  so- 
genannten Nach  krankheiten  können  nicht  füglich  davon  aus- 
geschlossen werden,  sofern  es  nichl  Beschwerden  betrifft,  welche 
entweder  durch  zu  heftige  oder  unpassende  Medikation  ver- 
ursacht sind,  oder  in  dem  Erwecken  eines,  bis  dahin  schlum- 
mernden (latenten)  chronischen  Siechthums  ihren  Grund 
haben.  Wenn  man  diese  verschiedenen  Formen  neue  Krank- 
heiten nennt,  worin  die  Frühere  übergegangen,  oder  die  neuer- 
dings hinzugetreten  sind:  so  ist  Dies  sicher  ein  Irrthum,  weil 
der  Mensch  gleichzeitig  nur  in  einer  Weise  krank  sein  kann, 
und  alle  Symptome,  die  dabei  auftreten,  nur  zu  einer  und  der- 
selben Gesammt-Kr  a  nkheit  gehören.  Dies  schliesst  indessen 
die  Noth wendigkeit  nicht  aus,  nach  den  wechselnden  Zei- 
chen und  Symptomen  ebenfalls  die  Arznei  zu  wechseln, 
sobald  sich  ergiebt,  dass  die  früher  Gegebene  nicht  mehr  an- 
gemessen erscheint  und  daher  keine  weitere  Hülfe  leisten  kann. 
Diejenigen  Ultras  unter  den  Homöopathen,  welche  die  Behaup- 
tung aufgestellt  haben,  dass  jede  Krankheit,  besonders  eine 
Akute,  in  einer  und  derselben  genau  homöopathisch  pas- 
senden   Arznei    jedesmal    ihr    vollständiges    Heilmittel 


VII.   Buch.     Aphorism  76.  549 

finde,  sind  daher  eben  so  sehr  im  Irrthume ,  als  Diejenigen, 
welche  bei  jeder  Veränderung  in  den  Symptomen  sogleich 
eine  neue  Krankheit  wittern.  Die  meisten  Arzneistoffe,  die 
auf  ihre  eigentümlichen  Wirkungen  ausgeprüft  sind,  enthalten 
in  ihren  Symptomen-Reihen  das  Material  für  sehr  Viele  der 
verschiedenartigsten  Krankheiten,  so  dass  man  beim  ersten  An- 
blicke geneigt  sein  möchte,  zu  glauben,  man  könnte  damit  fast 
alle  Beschwerden  heilen.  In  der  That  kann  auch  jede  Arznei 
für  sehr  Viele  derselben  das  richtige  Heilmittel  abgeben, 
aber  nur  in  solchen  Fällen,  wo  das  C  h  a  r  a  k  t  eri  sti  s  ch  enebstihrer 
individuellen  Gesammt -Wirkungsart  gleichzeitig  genau  dem 
des  Patienten  entspricht.  Dieses  Charakteristische  in  bei- 
den Beziehungen  aufzusuchen  und  mit  einander  in  Einklang  zu 
bringen,  ist  also  die  Hauptaufgabe  des  homöopathischen 
Arztes,  und  er  wird  sehr  häufig  die  Erfahrung  machen,  dass 
während  der  Behandlung  einer  Krankheit  eben  hierin  durch  die 
Kraft  der  schon  angewendeten  Mittel  eine  Aenderung 
bewirkt  wird,  welche  auf  eine  Aenderung  in  der  Arznei  hin- 
deutet. r)  Die  Krankheit  selbst  braucht  dabei  an  und  für  sich 
nicht  wesentlich  eine  Andere  geworden,  oder  aus  dem  allge- 
meinen Bereiche  des  früheren  Mittels  entfernt  zu  sein;  aber 
dieses  Mittel  kann  nun  nicht  länger  gute  Wirkung  thun,  weil 
die  Bedingungen  der  Aehnlich  keit,  wovon  diese  Wirksam- 


7)  Durch  sämmtliche  Beschreibungen  der  Pest-Seuche,  welche  von 
Zeitgenossen  entworfen  und  bis  zu  uns  gelangt  sind,  und  die  übrigens  nicht 
mindere  Verschiedenheiten  darbieten ,  als  heutiges  Tages  die  damit  nahe 
verwandten  Typhus-Seuchen,  ziehen  sich,  wie  die  rothen  Fäden  in  den 
englischen  Kabeltauen,  folgende  drei  konstante  Zeichen  hindurch,  nämlich: 
1)  das  überaus  schnelle  und  bedeutende  Sinken  der  Kräfte,  2)  der 
rapide  Verlauf,  und  3)  das  heftige  Brennen  in  dabei  vorkommen- 
den, furunkelartigen  Geschwüren.  Diese  Zeichen  genügen  aber  dem 
Homöopathen,  um  die  Wahl  des  passendsten  Heilmittels  auf  eine  geringe 
Zahl  von  Arzneien  beschränken  zu  können,  itnter  denen  der  Ars.,  und  zwar 
der  erforderlichen  schleunigen  Wirkung  wegen  in  Hochpotenzen ,  in  der 
obersten  Linie  stehen   dürfte. 


550  VIL  Buch-     Aphorism  77. 

keit  abhängt,  nicht  mehr  in  dem  erforderlichen  Maasse  bestehen. 
Aber  eben  so  wenig  ist  die  jetzige  Krankheit  eine  Nene  oder 
neu  Hinzugetretene,  und  eben  aus  diesem  Grunde  muss 
bei  der  neuen  Mittelwahl  das  alte  Uebel  nicht  minder  inner- 
halb des  Wirkungskreises  eines  Solchen  liegen,  als  in  dem 
des  Früheren,  nur  mit  dem  Unterschiede ,  dass  die  veränderte 
Charakteristik  der  Zeichen  nun  ebenfalls  Demselben  genau 
angepasst  werden  muss.  —  Wir  hoffen,  dass  wir  uns  hier  nicht 
gar  zu  undeutlich  ausgedrückt  haben,  dürfen  aber  die  volle  Ver- 
ständigung nur  von  Dem  erwarten,  der  bereits  mit  der  Homöo- 
pathie einigermaassen  vertraut  ist. 

77.     Auf  Beinfrass   folgt  Abstossung   von  Knochenstücken. 


Unter  6(pdaeXog  verstanden  die  alten  Griechen  eben  sowohl 
den  Beinfrass  an  den  Knochen,  als  den  kalten  Brand 
an  den  weichen  Theilen.  Wir  sehen  daher  nicht  ein,  warum 
wir  hier  mit  den  meisten  Uebersetzern  den  Ausdruck  Brand 
annehmen  sollten,  da  nicht  selten  der  kalte  Brand  keine  Ab- 
schulferung  oder  Abstossung  von  Knochenlheilen  zur  Folge  hat. 

Mit  Recht  klagt  an  dieser  Stelle  ein  (allopathischer)  Kom- 
mentator seine  eigenen  Kunstgenossen  darüber  an,  dass  der 
Knochenfrass  so  häufig  von  ihnen  ganz  unrichtig  behandelt 
würde.  „Diese  glückliche  Absonderung  (der  brandigen  Knochen- 
theile)"  —  sagt  er  —  „würde  weit  öfterer  Statt  haben,  wenn 
diese  Geschwüre  nicht  gar  so  oft  mit  balsamischen,  reizen- 
den Salben  und  Einspritzungen  behandelt  würden  u.  s.  w. 
Dabei  muss  die  Radikalkur  der  besonderen  Dyskrasie  das 
Ihrige  thun."  —  Eben  diese  Letztere,  die  Heilung  der  Dys- 
krasie, ist  nach  unserer  Ansicht  die  Haupt-,  keineswegs  eine 
Neben-Sache,  und  unter  den  dabei  gebräuchlichen  Salben 
sind   ohne  allen  Zweifel  die,  heutiges  Tages  so  ungemein  häufig 


VII.  Buch.     Aphorism  78.  551 

gemissbrauchten  Jod-Präparate  von  Allen  die  Verderblichsten, 
wie  uns  zahlreiche  Erfahrungen  gelehrt  haben.  Was  durch  rich- 
tige homöopathische  Anwendung  von  Ars.,  Asa  f.,  Aur.,  Calc, 
Con.,  Hep.,  Lach.,  Lyc,  Merc,  Mezer.,  Nitr.  ac,  Ph.  ac,  Puls., 
Sep.,  Sil.,  Staph.  und  Sulph.  bei  dieser  Art  von  schweren  mensch- 
lichen Leiden  erreicht,  und  wie  dadurch  so  manches,  zur  Am- 
putation bereits  verurtheilte  Glied  erhalten  werden  kann, 
darüber  hat  die  Homöopathie  schon  längst  eine  bedeutende  Menge 
der  glänzendsten  Thatsachen  nachzuweisen. 


'8.    Auf  Blutspeien  folgt  Auszehrung  und  Eiterauswurf. 


(Auf  Auszehrung,  Abfluss  aus  dem  Kopfe;  auf  den  Ab- 
fluss,  Durchfall-,  auf  den  Durchfall  Stockung  des 
Auswurfs  und  in  Folge  dessen  der  Tod.) 


(Auf  Blutspeien  folgt  Eiterauswurf  und  Durchfall,  und  dann 
der  Tod,  sobald  der  Auswurf  stockt.) 


In  Bezug  auf  diese  drei  Lehrsätze  herrscht  bei  den  ver- 
schiedenen Herausgebern  einige  Unordnung.  Wir  folgen  deshalb 
hier,  wie  auch  sonst  durchgängig  der  Almelo?een'schen  Ausgabe 
(Amsterdam  1685)  und  fügen,  nach  diesem  Vorbilde,  die  beiden 
Letzten,  welche  sich  beim  Galen  nicht  finden  und  vennuthlich 
eingeschoben  sind,  ohne  Nummern  und  in  Klammern  bei. 

Uebrigens  stimmt  der  Inhalt  mit  dem  der  Aphorismen  V, 
12,  14  und  VII,  15,  16  überein.  —  Man  würde  den  „Abfluss 
aus  dem  Kopfe"  für  Fliessschnupfen  halten  können,  wenn  nicht 
hier,  wie  auch  im  Aphorism  VII,  38,  von  dem  Abfluss  des 
Schleims  in  die  Brust  die  Rede  zu  sein  schiene,  der  daselbst 
Eiterungen  hervorbringen  soll. 


£52  vn-  Buch.    Aphorism  79. 

79.  Man  muss  auch  die  Beschaffenheit  des  ans  der  Harn- 
blase, ans  dem  Darmkanale,  aus  der  Haut,  oder  sonst 
aus  dem  Körper  Abgesonderten  beobachten,  in  wie- 
fern Dies  von  dem  Natürlichen  abweicht.  Ist  diese 
Abweichung  unbedeutend,  so  ist  auch  die  Krankheit 
von  geringem  Belange;  ist  sie  hingegen  erheblich,  so 
ist  es  auch  Diese,  und  wird  um  so  gefährlicher,  je 
bedeutender  diese  Abweichungen  sind. 


Dieser  Aphorism,  den  Mehrere  für  eingeschoben  halten, 
spricht  sich  deutlicher  über  Dasjenige  aus,  was  bereits  am  Schlüsse 
des  Aphorisms  I,  12  angedeutet  war.  Wenn  solche  Abnormi- 
täten in  den  Absonderungen  für  die  Allopathen  eigentlich  nur 
in  Bezug  auf  diePrognosis  von  einigem  Werthe  sein  können: 
so  sind  sie  es  ausserdem  für  die  Homöopathen  in  therapeu- 
tischer Hinsicht  in  noch  weit  höherem  Grade,  indem  diese 
Symptome  zugleich  bestimmte  Anzeigen  für  die  angemessene 
Arznei  enthalten.  Eine  weitere  Ausführung  dieses  Thema's  würde 
nur  eine  Wiederholung  des  bereits  Gesagten  sein. 


Vin.  Buch.' 


1*  Selten  erfolgt  noch  Genesung  bei  Denen,  welche  nach 
dem  vierzigsten  Lebensjahre  in  Tobsucht  verfallen; 
denn  Diejenigen  laufen  weniger  Gefahr,  deren  Natur 
und  Alter  der  Krankheit  mehr  angemessen  ist. 


Dieser  Lehrsatz  steht  in  unmittelbarer  Uebereinstimmung 
mit  den  Aphorismen  II,  34  und  39,  und  in  Bezug  auf  Beschwer- 
den alter  Leute  überhaupt  ebenfalls  mit  den  Aphorismen  II,  40 
und  VI,  6.  Auch  ist  es  vielfältig  durch  die  Erfahrung  bestätigt, 
däss  phrenitische  Zufälle  verschiedener  Art,  die  erst  im  höhe- 
ren Alter   entstanden   sind;   bei  allopathischer  Behandlung  vor- 


8)  Die  in  diesem  Buche  enthaltenen  Aphorismen  werden  so  ziemlich 
von  allen  Schriftstellern  für  unecht  gehalten,  und  sind  von  Galenus  und 
mehreren  Andern  ganz  weggelassen.  Wenn  indessen  Einige  Ursache  ge- 
funden haben ,  sie  beizubehalten ,  so  kommt  für  uns  noch  der  Umstand 
hinzu,  dass  wir  dabei  in  unseren  Glossen  noch  Mancherlei  zur  Sprache 
bringen  können,  wozu  wir  diese  Aphorismen  eigentlich  nur  als  eine  günstige 
Veranlassung  benutzen,  der  wir  uns  auch  hier  nicht  gern  berauben 
möchten. 

Gerade  darin  unterscheiden  sich  die  untergeschobenen  Schriften  von 
den  echten,  dass  in  Jenen  gesuchte,  oft  pomphafte  Ausdrücke,  bisweilen 
poetische  Solöcismen  vorkommen,  die  man  vergebens  in  den  echten  hippo- 
kratischen   Schriften  suchen  wird. 

Sprengel,  Gesch.  d.  Med.  I,  371. 


554  VIII.  Buch.     Aphorism  1. 

zngsweise  gefährlich  und  schwer  zur  Heilung  zu  bringen  sind. 
Indessen  ist  es  eben  so  wahr  und  durch  nicht  wenige  glückliche 
Erfolge  hesläligt,  dass  hei  umsichtiger  homöopathischer  Behand- 
lung fast  immer  das  gewünschte  Ziel  erreicht,  wird,  wenn  die 
Cerehralfieber  gleich  von  Vorne  herein  mit  den  passenden 
Milleln  hekilmpft  werden.  Am  Sichersten  ist  dieser  Erfolg  zu 
erwarten,  wenn  Solches  durch  ein  Nervenfieber  veranlasst 
wird,  in  deren  glücklicher  Behandlung  die  Homöopathie  schon 
in  der  ersten  Zeit  ihres  Entstehens  sich  eine  rühmliche 
Auszeichnung  erworben  hat,  die  ihr  auch  in  der  Folgezeit 
ungeschmälert  verblieben  ist. 9)  Die  hierüber  in  den  Kranken- 
listen veröffentlichten  Thatsachen  bezeugen  Dies  auf  die  schla- 
gendste Weise  und  liefern  die  Nachweise,  dass  überhaupt  alle 
die  verschiedenen,  so  sehr  befürchteten  Krankheiten,  welche  mit 
dem  Namen  Nervenfieber  bezeichnet  werden,  zu  Denjenigen 
gehören,  die  die  Homöopathie  vorzugsweise  mit  der  grössten 
Sicherheit  heilt.10)  Was  die  Behandlung  derselben  betrifft,  so 
wird  sie  dadurch  vorzüglich  erleichtert,  dass  verhällnissmässig 
nur  wenige  Mittel,  nämlich  selten  Andere,  als:  Ars.,  Beil.,  Bry., 
Kali,  Mur.  ac,  Op.,  Phosph.,  Ph.  ac,  Bhus,  Sulph.  und  Tar., 
dabei  konkurriren.  und  dass  fast  jedesmal  die  Symptome, 
welche  die  Wahl  entscheiden  müssen,  so  bestimmt  und  deut- 
lich hervortreten,  dass  ein  Fehlgriff  kaum  möglich  ist.  Daher 
kommt  es  denn  auch,  dass  ein  angehender  Homöopath 
schwerlich  eine  bessere  Gelegenheit  linden  kann,  seinen  Buf  als 


9)  Schon  in  den  Jahren  1813  und  1814  erregte  es  bei  der  damaligen 
russischen  Eegierung  in' Dresden  viel  Aufsehen,  dass  von  183  am  bösar- 
tigen Typhus  darniederliegenden  Kranken  unserm  Hahnemann  auch  nicht 
ein  Einziger  starb,  —  ein  glänzender  Erfolg  der  jungen  Kunst,  welcher 
aber  von  den  medizinischen  Behörden  in  Vergessenheit  gebracht  wurde. 

Die  Homöopathie  (des  Verf.)  S.  99. 

10)  A  notre  avis,  rien  ne  milüe  autant  en  faveur  d'uno  doctrine,  rien 
n'est  plus  propre  ä  demontrer  sa  prceminence  sur  les  doctrines  adverses, 
que  le  nombre  imposant  des  resultats  heureux  obtenus  durant  le  cours 
d'uno  epidemie.  Dr.   Sollier,  Rev.  hom.  I,   1,  p.  30. 


VIII.  Buch.     Aphorism  2,  3.  555 

Solcher  zu  begründen,  als  eine  Nervenfiebcr-Epidcmie. 
Mit  andern  Krankheiten,  welche  mit  plireni tischen  Erschei- 
nungen auftreten,  gtht  es  freilich  nicht  immer  so  leicht  und 
sicher;  aber  bei  dem  gegenwärtigen  Standpunkte  der  Homöo- 
pathie können  wir  doch  die  Seltenheit  der  Genesung  durchaus 
nicht  einräumen,  sondern  müssen  vielmehr,  seihst  bei  älteren 
Patienten,  das  Gegentheil  behaupten. 


2.  Es  ist  gut,  wenn  Kranke  absichtlich,  (d.  li.  irgend 
einer  Ursache  wegen)  weinen;  schlimm  aber,  wenn 
sie  Solches  unwillkürlich  thun. 


Dieser  Aphorism  ist  dem  Sinne,   wenn  auch  nicht  strenge 
dem  Worte  nach,  ganz  übereinstimmend  mit  dem  Aphorism  IV,  52. 


3.     Es  ist  schlimm,  wenn    bei   viertägigen  Wechselfiebern 
sich  Nasenbluten  einstellt. 


Dieser  Lehrsatz  scheint  auf  wiederholten  Erfahrungen  zu 
beruhen,  und  zunächst  aus  den  xcolkcu  TtQoyvooöeig  II,  37,  38 
und  III,  433  entnommen  zu  sein,  findet  aber  auch  in  imdrifiiäv 
to  TtQÖirov,  in  tcsqI  xqigicov  und  im  Tc^oQQtjTi.xov  zum  Theile 
durch  Thatsachen  bestätigte  Belege.  Man  hat  geglaubt,  die  An- 
wesenheit und  Gefährlichkeit  dieser  Erscheinung  auf  diejenigen 
Fälle  beschränken  zu  müssen,  wo  bedeutende  Leber-  oder 
Milz -Beschwerden  vorhanden  sind,  wie  sie  nach  Miss  brauch 
der  China  leider!  so  oft  vorzukommen  pflegen.  Allein  das 
Nasenbluten  bei  Fiebern  ist  am  Oeftersten  eine  Folge  von 
starkem  Blutdrange  zum  Kopfe,  und  allen  denjenigen  Mitteln 
angehörig,  welche  dieses  Symptom  unter  ihren  Erst -Wirkungen 
aufzuweisen  haben.      Wenn    mithin    diese    Erscheinung    auftritt, 


556  Vin-  Buch-     Aphorism  3. 

so  ist  vorzugsweise  hierauf,  dann  aber  auch  noch  insbesondere 
darauf  Acht  zu  geben,  in  welcher  Fieber-Epoche  (Frost, 
Hitze  oder  Schweiss)  Solches  sich  zeigt.  Da  finden  wir  denn 
in  unsern  Arzneiprüfungen  folgende  Zeichen  und  Ergebnisse  des 
Blutdrangs  zum  Kopfe,  welche  sich  beim  Froste  vorzüg- 
lich unter:  Acon.,  Arn.,  Ars.,  Beil.,  Bry.,  Calc,  Cham.,  Chin., 
Dig.,  Ferr.,  Hyosc,  Ipec,  Lyc,  Merc,  Nitr.,  Bhus,  Sabad.,  Stram., 
Sulph.  und  Veratr. ;  während  der  Hitze  unter:  Acon.,  Beil.,  Bry., 
Carb.  veg.,  Cham.,  Chin.,  Ignat.,  Lach.,  Lyc,  N.  vom.,  Op.,  Bhus, 
Scill,  Sep.,  Sil.,  Stram.,  Sulph.  und  Veratr.;  und  während  des 
Schweisses  nur  unter:  Bry.,  Caust.,  Com,  N.  vom.,  Op.,  Tar. 
und  Thuj.  am  Deutlichsten  ausgesprochen.  Alle  diese  Mittel 
haben  auch  in  der  That,  und  Mehrere  darunter  in  ausgezeich- 
netem Grade,  Nasenbluten  unter  ihren  Symptomen.  Allein 
Dieses  ist  für  die  homöopathische  Aehnlichkeit  noch  nicht  hin- 
reichend, sondern  es  muss  auch  die  Beschaffenheit  des 
Blutes  in  Betracht  gezogen  werden,  namentlich:  ob  solches  hell- 
roth  und  wässerig  (Arn.,  Ars.,  Beil.,  Calc,  Carb.  veg.,  Hyosc, 
Ipec,  Merc,  Bhus,  Sabad.,  Sulph.)  oder  dunkel  (Bry.,  Caust., 
Cham.,  Ignat.,  Lach.,  Lyc,  N.  vom.,  Sep.,  Stram.,  Sulph.)  oder 
leicht  gerinnbar  und  klumpig  ist  (Bell,  Calc,  Caust.,  Cham., 
Chin.,  Ferr.,  Hyosc,  Ignat.,  Ipec,  Bhus,  Stram.),  oder  ob  es 
sonst  noch  etwa  besondere  Eigenschaften  zeigt,  die  hier  unmög- 
lich weiter  ausgeführt  werden  können.  Wenn  diese  Eigentüm- 
lichkeiten des  Na  senblutens  in  Bezug  auf  die  Fieber-Epoche 
und  auf  die  Beschaffenheit  des  Blutes  selbst  ermittelt  und 
festgestellt  worden  sind,  so  ist  man  erst  im  Besitze  eines  ein- 
zigen Symptoms,  welches,  wenn  es  auch  noch  so  deutlich 
und  bestimmt  individualisirt  ist,  vielleicht  wohl  dem  sympto- 
matischen Kuriren,  in  der  vulgären  Bedeutung  des  Wortes, 
genügt,  den  Homöopathen  aber  bei  Weitem  noch  nicht  gehörig 
in  den  Stand  setzt,  mit  Sicherheit  eine  streng  homöopathische 
Wahl  der  passendsten  Arznei  zu  treffen.    Wir  haben  Dies  bereits 


VIII.  Buch.      Aphorism  3.  557 

im  Verlaufe  dieses  Werks  in  mehreren  Glossen  auseinander  ge- 
setzt; aber,  wenn  uns  Dies  auch  von  der  Pflicht  entbindet,  uns 
hierüber  nochmals  ausführlich  darauf  einzulassen:  so  halten  wir 
es  doch  für  dienlich,  eine  arg  verkannte  und  gefälschte 
Wahrheit  hei  jeder  schicklichen  Gelegenheit  zu  wiederholen.11) 
Nur  dadurch  darf  man  hoffen,  endlich  dahin  zu  gelangen,  um 
bei  dem  Einen  die  Unwissenheit  zu  belehren,  und  bei  dem 
Andern  den  Einflüsterungen  der  Böswilligkeit  einen  Damm 
vorzuschieben. 12) 


11)  Wahrheit  ist  die  echte  Cassandra,  über  der  das  Schicksal  waltet, 
niemals  eher  Glauben  zu  finden,  als  bis  es  zu  spät  ist. 

Asmodeus. 
Ist  denn  die  Wahrheit  ein  so  schwer  verdauliches  Gericht,    dass  man 
immer  ein  bitteres  stomachocale  hinzusetzen  muss? 

Eummel,  A.  H.  Z.  V,  S.   176. 
In  ipsis  cathedris  non    solum  veritas    non   attenditur,    sed    plerumque 
avxog  Ecpa  docetur  in  respectum   sectatoris    cujusdam,    quem    erroris  reum 
profiteri  nolunt.  Kircher,  Subterr.  I,  3,  c  3. 

12)  Plus  une  decouverte  est  grande,  extraordinaire,  inattendue,  plus 
eile  doit  trouver  les  esprits  disposes  ä  se  revolter  contre  eile. 

S.  cmte   des   Guidi,  lettre  aux  med.  franc. 

La  plupart  des  grandes  decouvertes  ont  commence  par  paraitre  absur- 
des; et  l'homme  de  genie  ne  fera  jamais  den,  s'il  a  peur  des  plaisanteries ; 
elles  sont  sans  force  si  on  les  dedaigne,  et  prennent  toujours  plus  d'ascen- 
dant  quand   on  les  redoute. 

Mad.  de  Stael,  de  TAllem. 

Von  einem  Homöopathen  darf  und  muss  zunächst  alles  Dasjenige  ge- 
fordert werden,  was  von  einem  Allopathen  gefordert  wird,  und  wozu  die 
Universitäten  alle  zureichende  Mittel  darbieten.  Neben  diesem  Allen  muss 
er  aber  noch  sehr  Vieles  wissen,  was  nicht  nur  nirgends  gelehrt,  sondern 
gar  auf  einigen  Kathedern  verspottet  und  verhöhnt  wird,  was  er  in  der 
homöopathischen  Literatur  nur  mit  angestrengtem  Fleisse  und  unter  Zwei- 
feln und  Widersprüchen,  die  Halbheit  und  Unwissenheit  eingeschwärzt  ha- 
ben, aufzufinden  vermag,  und  worüber  die  Gesetze  (z.  B.  das  vom  20.  Juni 
1843,  §  8.)  so  lange  jeden  Versuch  mit  einer  lebenslänglichen  Strafe  ver- 
pönt haben,  bis  er  durch  eine  neue  Prüfung  seine  Qualifikation  in  dem 
nirgends  Gelehrten  nachgewiesen  hat.  ,,Wenn  aber"  —  sagt  Plato  in  sei- 
nem  Briefe  an  die  Freunde   des  Dion  —   „Jemand  bei  Alledem  einen  wah- 


533  V1IL  Buch.     Aphovism  4. 

4.  Es  ist  gefährlich,  wenn  an  den  entscheidenden  Tagen 
heftige  und  schnell  sich  wiederholende  Schweisse  ein- 
treten, so  wie  Solche,  welche  kalt  und  in  grosser 
Menge,  wie  Tropfen,  aus  der  Stirn  hervorquellen; 
denn  Schweisse  dieser  Art  können  nothwendig  nur 
durch  Gewalt,  mit  Ueberanstrenguüg  und  mit  dauern- 
dam  Nachdrucke  herausgetrieben  werden. 


Der  im  Eingange  dieses  Aphorisms  bezeichnete  Schweiss 
scheint  sich  auf  den  sogenannten  Tod essch weiss  zu  beziehen, 
welcher  da,  wo  er  sich  einmal  eingestellt  hat,  schwerlich  noch 
Hoffnung  auf  Rettung  zulässt.  Wir  finden,  so  viel  uns  bekannt, 
an  keiner  anderen  Stelle  der  hippokratischen  Schriften  etwas 
Näheres  darüber  angegeben,  und  können  daher  unsere  Ansicht 
nur  als  eine  individuelle  Vermuthung  hinstellen.  Uebrigens  ist 
nach  Foesius  (Oecon.  Hipp.  p.  612)  xa%v  oft  gleichbedeutend 
mit  TtvKvcög,  worauf  sich  unsere  Uebersetzung  gründet. 

Die  folgende  Phrase  spricht  von  dem  kalten  Slirn  seh  weisse, 
und  scheint  aus  den  y.m%a\  Tcqoyvtössig  (III,  91,  IV,  38  und 
39)  entnommen  zu  sein,  obwohl  sie  dem  Sinne  nach  auch  noch 
an  anderen  Stellen  vorkommt.  Dieses  in  der  Semiotik  und 
auch  uns  sehr  wohl  bekannte  Symptom  ist  allerdings  gewöhn- 
lich ein  sehr  böses  Zeichen,  welches  aber  darum  bei  Weitem 
nicht  immer  zu  den  Hoffnungslosen  gehört.    Am  Häufigsten  wird 


ren  Beruf  dafür  in  sich  verspürt,  und  wenn  der  Gott  in  seinem  Herzen 
ihn  zu  ihren  hohen  Lehren  geschaffen  hat:  dann  freut  er  sich  des  mühsa- 
men Weges,  tritt  ihn  muthig  an,  und  entschliesst  sich,  ihm  sein  ganzes 
Leben,  das  ihm  sonst  zur  Last  würde,  zu  widmen.  Dann  strengt  er  jede 
Kraft  seiner  Seele  an  und  reisst  seinen  Führer  mit  sich  fort,  bis  er  ent- 
weder mit  ihm  an  dem  erwünschten  Ziele  anlangt,  oder  selbst  die  Stärke 
erworben  hat,  mit  eigenem  Geiste  allein  die  glorreiche  Bahn  zu  vollführen." 
—  Dies  erklärt  das  stetige  und  unaufhaltsame  Fortschreiten  der  Homöo- 
pathie bei  allen  Hindernissen,  denen  sie  begegnet,  und  welches,  auch  ohne 
Beförderung  von  Oben,  noch  weit  grösser  sein  würde,  wenn  der  nirgends 
bezweifelte  Wahlspruch  von  der  Freiheit  der  Wissenschaft  überall 
und  in  gebührender  Ausdehnung  zur  Wahrheit  geworden  wäre. 


VIII.  Buch.    Aphorism  4.  553 

es  beobachtet  bei  denjenigen  Krankheiten,  welche  in  das  Bereich 
der  Carb.  veg.,  Cina,  Dros.,  Ipec,  Slaph.,  und  Veratr.  fallen, 
wovon  die  des  Ersten  und  des  Letzten  die  meiste  Gefahr 
darbieten.  Das  Erste  (Carb.  veg.)  bringt  oft  noch  Rettung,  wenn 
die  Lebenskraft  bereits  am  Verlöschen  und  gänzlicher  Co l- 
lapsus  eingetreten  ist.  Das  Letzte  (Veratr.)  ist  in  verschiede- 
nen bösartigen  gastrischen  Krankheiten,  und  selbst  in  der 
sporadischen  und  asiatischen  Cholera  durch  kein  anderes 
Mittel  zu  ersetzen,  wenn  dieser  kalte  Stirn  seh  weiss  sich 
einstellt  und  dabei  die  Anfälle  durch  jedes  Trinken  eines 
Schlucks  Wasser  aufs  Neue  erregt  und  verschlimmert 
werden;  wo  unter  solchen  Umständen  Trinken  bessert,  da 
ist  hingegen  Cupr.  oder  Ipec.  angezeigt  und  von  Veratr.  Nichts 
zu  erwarten.  Solche  geringfügig  scheinende  Zeichen13) 
sind  von  einer  um  desto  grösseren  Wichtigkeit,  je  rapider 
der  Verlauf  einer  Krankheit  und  je  mehr  die  vielleicht  noch  eben 


13)  Wie  überaus  wichtig  ein  unbedeutend  scheinender,  sogar  als  zwei- 
felhaft bezeichneter  Zusatz  zu  einem  Original-Symptome  sein  kann,  dafür 
wollen  wir  unter  mehren  Hunderten  nur  Eins  als  Beispiel  anführen.  Im 
V.  Bande  der  R.  A.-M.-L.  (2.  Auflage)  Seite  128  lautet  das  59.  Symptom 
des  Lebensbaums  also :  „Beim  Ausschnauben  ein  pressender  Schmerz  im 
hohlen  Zahne  (seitwärts)".  Dieses  eingeklammerte ,  also  zur  Zeit  noch 
weiterer  Bestätigung  bedürfende  Wörtchen  ,, seitwärts"  ist  entweder  (wie 
bei  Jahr)  ganz  ausgelassen ,  oder  (wie  bei  Noack  und  Trinks)  ohne  Er- 
klärung abgeschrieben,  wahrscheinlich  weil  man  es  nicht  zu  deuten  wusste. 
Selbst  unserm  scharfblickenden  Wolf  scheint  es  entgangen  zu  sein.  Aller- 
dings muss  man  gestehen,  dass  das  Symptom  mit  diesem  Anhängsel  nicht 
deutlich  genug  sich  ausspricht,  weil  sich  das  „seitwärts"  sowohl  auf  den 
Schmerz,  als  auf  die  Höhlung  im  Zahne  beziehen  kann.  Daher  hat  erst 
die  nachfolgende  Praxis  Licht  darin  bringen  können,  indem  sie  uns  gelehrt 
hat,  dass  sich  das  „seitwärts"  auf  den  hohlen  Zahn  bezieht  und  das  Hohl- 
werden der  Zähne  von  der  Seite  (nicht  in  der  Krone)  andeutet,  —  ein  sehr 
wichtiges  und  brauchbares  Symptom,  welches  fast  nur  bei  solchen  chroni- 
schen Krankheiten  vorkommt,  wogegen  sich  die  Thuja  als  das  vorzüglichste 
und  unentbehrlichste  Heilmittel  ausgewiesen  hat.  —  Solcher  wahrhaften 
Goldkörner  liegen  noch  Viele  in  den  „zu  puriüzirenden"  Hahnemannschen 
Arzneiprüfungen,  die  man  aber  unbeachtet  unter  den  Kehricht  wirft  und 
damit  kurzweg  ausfegt. 


580  vm-  Buch-     Aphorism  5,  6. 

mögliche  Rettung  des  Patienten  von  einem  schnellen  und  dabei 
richtigen  Entschlüsse  abhängt.  Die  Homöopathie  hat  ihnen 
daher  mit  vollem  Rechte  eine  besondere  Aufmerksamkeit  zuge- 
wendet und  ist  unaufhörlich  bemüht,  ihre  therapeutischen 
Kenntnisse  besonders  in  dieser,  von  der  Allopathie  durchaus  ver- 
nachlässigten Richtung  immer  mehr  zu  erweitern.  Dagegen  hat 
die  hippokr atische  Erklärung  des  fraglichen  Symptoms, 
wie  sie  uns  im  Nachsätze  vorgetragen  wird,  für  uns  und  für 
die  Praxis  eben  so  wenig  Werth,  als  die  gelehrten  Erklärun- 
gen der  neuesten  physiologischen  Schule,  welche  die 
Therapie  als  eine  unerhebliche  Nebensache  zu  betrachten 
scheint. 14) 


5.    Es  ist  schlimm,    wenn    sich    nach   einer   langwierigen 
Krankheit  Durchfall  einstellt. 


Jeder  Durchfall  ist  ein  Zeichen  von  einer  Störung  in 
den  Verdauungs-Organen  oder  im  Da rmk anale,  und  daher 
begreiflicher  Weise  dann  am  Redenklichsten,  wenn  er  bei  einer 
chronischen  Krankheit  sich  einstellt,  oder  darauf  folgt.  Der 
Verlauf  vieler  Seh  wind  suchten  kann  hier  als  Reispiel  dienen. 


Was  die  Arzneien  nicht  heilen,  das  heilt  das  Messer; 
was  das  Messer  nicht  heilt,  das  heilt  das  Feuer;  was 
aber  auch  das  Feuer  nicht  heilt,  das  muss  für  unheil- 
bar angesehen  werden. 


14)  Nicht  so  gar  selten  vermisst  man  bei  den  Alten  in  ihren  Lehr- 
sprüchen ebenso  die  gediegene  Wahrheit,  als  bei  ihren  Dichtern  in  der 
Zeichnung  in  ihren  Gleichnissen  die  Würde  des  Edlen  und  Anständigen.  Kein 
Aesthetiker  unserer  Zeit  würde  es  billigen,  wenn  Jemand  mit  dem  Homer 
(II.  XI,  558  seqq.)  den  tapferen  Ajax  mit  einem  phlegmatischen  Esel, 
oder  (Od.  XX,  25,  28)  den  klugen  Odysseus  mit  einer  am  Feuer  braten- 
den Blutwurst  vergleichen   wollte. 


VIII.  Buch.    Aphorism  6.  561 

Schwerlich  hat  irgend  ein  Anderer  von  sämmtlichen  Apho- 
rismen sich  einer  Celebrität  zu  erfreuen,  wie  eben  Dieser. 
Man  hört  ihn  nicht  bloss  von  (unwissenden)  Aerzten  und 
Chirurgen,  sondern  selbst  von  Laien  für  einen  Lehrsatz  aus- 
geben, dem  die  Würde  eines  unwidersprechlichen  Axioms 
gebühre. 15)  Diese  auffallende  Verbreitung  und  Ueberschätzung 
ist  in  der  That  um  so  unerklärlicher,  als  er  eineslheils  seinem 
Inhalte  nach  durchaus  unwahr  und  falsch  ist,  und  andern- 
theils  nach  überwiegenden  kritischen  Gründen  gar  nicht  den 
besonnenen  Hippokrates  zum  Autor  haben  kann.  Er  gehört 
nämlich  zu  den,  allgemein  für  unecht  erklärten,  auch  von 
Galenus  nicht  aufgeführten  Schriften  des  berühmten  Altvaters 
der  Arzneikunst.  Die  wahrscheinlichste  Meinung  über  die  Ent- 
stehung desselben  dürfte  Die  sein,  dass  er  von  irgend  einem 
waghalsigen  Chirurgen  eingeschoben  ist,  um  damit  seine 
Gewaltskuren  zu  beschönigen  und  seinen  mörderischen 
Veranstaltungen  eine,  in  der  Farbe  der  Wissenschaftlichkeit 
schillernde  Folie  unterzulegen. 

Es  ist  wohl  ganz  überflüssig  hervorzuheben,  dass  hier  nur 
von  äusserlichen,  chirurgischen  Hebeln  die  Rede  sein  kann, 
und  daher  das  Wort:  Krankheit,  dessen  sich  einige  Ueber- 
setzer  bedienen,  völlig  unpassend  erscheint,  und  auch  im  Texte 
vermieden  ist.  Man  darf  es  ein  wahres  Glück  nennen,  dass  die 
rohe  Behandlung  des  Schneidens  und  Brennens  sich  auf  die 


15)  Larrey,  unter  Napoleon  I.  erster  Wundarzt  der  französischen  Armee, 
hat  diesea  Aphorism  in  solcher  Ausdehnung  befolgt,  dass  er,  alle  vorher- 
gehenden Versuche  mit  Arznei  und  Messer  überspringend,  sogleich  das  Feuer 
in  Anwendung  brachte,  und  zwar  in  der  Gestalt  der  kleinen  (chinesischen) 
oder  der  grossen  (ägyptischen)  Moxa,  oder  in  der  des  Glüheisens. 

Die  Moxa,  deren  Ursprung  und  Missbrauch  wir  in  China  und  Japan 
finden,  wird  dort  zubereitet  aus  den  Blättern  und  zarten  Stengelspitzen  der 
Artemisia  vulgaris  L.,  welche  gut  getrocknet,  zerstossen  und  mit  den  Hän- 
den einige  Zeit  zerrieben  eine  Art  von  Wolle  geben,  die  langsam  verbrennt. 
Die  alten  Aegypter  bedienten  sich  dazu  der  noch  jetzt  bei  uns  gebräuch- 
lichen Baumwolle,  HippokraLes  und  seine  Schüler  der  Leinwand. 

36 


552  VI1L  Buch-  APhorism  6. 

inneren  Tlieile  nicht  anwenden  lässt,  und  noch  weniger  auf  die- 
jenigen Krankheiten,  welche,  wie  die  Fieber,  sich  nicht  auf 
bestimmte  Theile  oder  Organe  beschränken.  Von  dieser  Seite 
betrachtet  betrifft  der  Aphorism  nur  einen,  vielleicht  den  klein- 
sten Tbeil  der  menschlichen  Leiden,  die  solchen  barbarischen 
Attentaten  ausgesetzt  sind. 

Obwohl  die  meisten  gebildeten  und  kenntnissreichen  Aerzte 
jeder  Schule  mit  der  obenstehenden  Ansicht  einverstanden  sind:'6) 
so  lässt  sich  doch  nicht  leugnen,  dass  bis  zum  heutigen  Tage 
noch  immer  mit  dem  Messer  und  mit  dem  Glüh  eisen  viel 
Unfug  getrieben  wird.  Dieser  Unfug  ist  in  der  neuesten  Zeit 
wahrlich  nicht  seltener  geworden,  seitdem  die,  an  sich  glückliche 
Entdeckung  gemacht  ist,  dass  man  vermittelst  des  Chloroforms 
den  Unglücklichen,  welcher  sich  unvermeidlich  einer  derartigen 
schmerzhaften  Operation  unterwerfen  muss,  betäuben  und  ge- 
fühllos machen  kann.  Wir  wollen  hier  nicht  von  den  Un- 
glücksfällen reden,  welche  die  anfängliche,  oft  unvorsichtige 
Anwendung  dieses  so  äusserst  eindringlich  wirkenden  Mittels 
zuweilen  zur  Folge  gehabt  hat.  Wir  wollen  Diese  vielmehr  damit 
gerne  entschuldigen,  dass  derartige  beklagenswerthe  Erfolge  bei 
den  meisten  neuen  Erfindungen  solcher  Art  vorzukommen  pfle- 
gen, dass  sie  sich  später  immer  seltener  ereignen,  und  höchstens 
nur  auf  den  Missbrauch,  nicht  auf  die  Sache  selbst  ge- 
schoben werden  können.  Der  Hauptunfug,  den  wir  meinen, 
btsteht  vielmehr  darin,  dass  eben  durch  diese  Sicherung  gegen 
Schmerz  die  Operationen  viel  von  ihrem  Abschreckenden 
verloren  haben,  und  dass  daher  sowohl  der  Patient,  als  der  Arzt, 
um  so  leichter  sich  bewogen  finden,  eine  Solche  vorzunehmen, 
welche  entweder  unnöthig  oder  zwecklos  ist,  und  fast  eben  so 
oft  das  Opfer  eines  Gliedes  kostet,  das  bei  richtiger  Behandlung 
zu  erhalten  gewesen  wäre. 

IG)  Dites  combien  je  deplore  cette  Chirurgie  sans  principes,  qui  croit 
que  l'art  autorise  tout  ce  que  l'anatomie  permet. 

Paroles  de  Dupuytren  sur  soa  lit  de  mort. 


VIII.  Buch.    Aphorism6.  563 

Wenn  der  vieierfahrene  Rust  (Aufsätze  und  Abhandlungen 
I,  S.  284 — 288)  versichert,  sowohl  bei  Cancer  raamraae, 
als  bei  C.  uteri,  niemals  von  einer  Operation  eine  radikale 
Heilung  gesehen  zu  haben,  so  entspricht  Dies  vollständig  den 
tausendfältigen  Erfahrungen,  welche  darüber  vorliegen,  und  die 
so  Mancher  vergeblich  zu  leugnen  versucht.  Aber  wenn  Der- 
gleichen auch  zuweilen  zu  gelingen  scheinen,  indem  etwas  für 
wahren  scirrhus  ausgegeben  wird,  was  nur  eine  ungefährliche 
Drüsen-Anschwellung  oder  Verhärtung  ist:  so  ist  eine 
solche  Ausrede  doch  da  nicht  anzubringen,  wo  eines  Knochen- 
leidens wegen  Arme  oder  Beine  amputirt  und  die  Patienten 
zu  lebenslänglichen  Krüppeln  gemacht  werden.  Denn  auch  über 
Caries  und  Necrosis  hat  sich  Rust  (a.  a.  0.)  in  einer  Weise 
ausgesprochen,  die  alle  Beherzigung  verdient,  und  wenn  er  auch 
hierbei  wieder  die  Unsicherheit  des  Messers  und  Glüheisens 
hervorhebt,  so  sagt  er  abermals  nur  wieder  Das,  was  jeder  Er- 
fahrene selbst  oft  genug  erlebt  hat.  Kein  vernünftiger  und  men- 
schenfreundlicher Mann  kann  daher  in  Abrede  stellen,  dass  die 
Bestrebungen  der  Homöopathie,  diese  barbarischen  Attentate  auf 
den  menschlichen  Körper,  die  überdem  ihren  Zweck  so  mangel- 
haft erfüllen ,  möglichst  einzuschränken ,  äusserst  verdienstlich 
sind.17)  Wie  man  mit  Jenen  im  Grunde  nichts  Anderes  beab- 
sichtigen kann,  als  einem  immer  weiter  um  sich  greifenden  Uebel 
Schranken  zu  setzen,  und  durch  Bildung  eines  gutartigen 
Eiters  die  Heilung  zu  befördern:  so  sucht  die  Homöopathie 
dies  durch  die  Anwendung  genau  gekannter  und  sorgfältig  aus- 
gewählter innerer  Arzneien  zu  erreichen,  welche  zur  Los- 
trennung  und  Abstossung  des  Verdorbenen  vom  Gesunden 
dienen,  und  gleichzeitig   durch  gründliche  Heilung   der  jedes- 


17)  Die    Chirurgie,    welche   Glieder    abnimmt,    ist    ohne  Zweifel    eine 
Kunst;  aber  die  Chirurgie,  welche  heilt,  ist  eine  Wissenschaft. 

AI.  Dumas. 


5ß4  vm-  Buen-     Aphorism  7,  8. 

mal  zum  Grunde  liegenden  Dyskrasie  die  schlechte  Eiterung 
in  eine  Gutartige  umwandeln.  Wenn  wir  auch  dieses  Ziel  noch 
nicht  so  vollständig,  wie  wir  es  wünschen,  bereits  für  alle  Fälle 
erreichen  konnten:  so  ist  doch  schon  sehr  viel  und  höchst  Er- 
freuliches in  dieser  Beziehung  geleistet,  und  wir  dürfen  hoffen, 
dass  wir,  auf  dem  eingeschlagenen  Wege  beharrlich  fortschrei- 
tend, in  nicht  gar  zu  langer  Zeit  zum  Zwecke  gelangen  und  da- 
durch vollständig  berechtigt  werden,  alle  und  jede  durch  ein 
inneres  Siechthum  veranlasste,  Operation  solcher  Art, 
gänzlich  und  unbedingt  zu  verwerfen.18) 


7.     Die  Lungenschwindsucht  befällt  am  Meisten  Personen 
im  Alter  von  achtzehn  bis  zu  fünfunddreissig  Jahren. 


Wörtlich  gleichlautend  mit  dem  Aphorism  V,  9. 


Wo  eine  natürliche  Anlage  zur  Lungensucht  vorhan- 
den ist,  da  sind  alle  Zufälle  heftig,  Manche  sogar 
tödtlich.  Ein  Gleiches  ist  der  Fall,  wenn  Jemand  in 
einer  gewissen  Jahreszeit  erkrankt,  indem  Diese  in 
Gemeinschaft  mit  der  Krankheit  wirksam  ist ,  wie  der 
Sommer  bei  einem  hitzigen  Fieber,  und  der  Winter 
bei  der  Wassersucht.  Denn  die  Natur  behauptet  bei 
Weitem  die  Oberhand. I9)  Am  Meisten  ist  indessen 
bei  Milzbeschwerden  zu  befürchten. 


18)  Operationen  sind  immer  als  ein  Beleg  für  die  Unvollkommenheit 
der  ärztlichen  Kunst  zu  betrachten.  Hunter. 

L'experience,  en  effet,  a  demontre  invinciblement  que  l'application  de 
la  main  au  corps  de  l'homme  ne  peut  constituer  une  science,  et  que,  sans 
la  medecine,  la  Chirurgie,  reduite  ä  ses  procedes  manuels,  n'offre  au  savant 
que  l'espece  d'interet,  qui  s'attache  aux  arts  mecaniques. 

Broussais,   exam.  I. 

19)  In  nullo  quidem  morbo  plus  fortuna  sibi  vindicare  quam  ars,  ars 
quam  natura  potest:   utpote  cum  repugnante  natura  nihil  medicina  proficiat. 

Celsus  de  re  med.  III.   1. 


VIII.  Buch.     Aphorism  9.  5ß5 

Ueber  die  verschiedenen  Gegenstände,  welche  in  diesem 
Aphorism  zusammen  geworfen  sind,  ist  bereits,  und  zwar  nament- 
lich bei  den  Aphorismen  II,  34,  III,  3  und  VIII,  1  ,  das  Erfor- 
derliche gesagt,  und  haben  auch  dabei  die  Kommentatoren  keinen 
besondern  Anstand  gefunden.  Nur  der  Schlusssatz,  welcher  von 
der  Milz  handelt,  scheint  Manchem  einige  Schwierigkeiten  ver- 
ursacht zu  haben,  was  wir  jedoch  kaum  begreifen,  da  insbeson- 
dere der  Aphorism  VI,  43,  so  wie  Celsus  (II,  8)  sich  in  einer 
Weise  darüber  aussprechen,  wie  sie  ganz  dem  vorliegenden  Lehr- 
satze angemessen  erscheint.  —  Uebrigens  ist  die  Zusammen- 
stellung derartig,  dass  man  geneigt  sein  muss,  schon  aus  diesem 
Grunde  allein  die  Autorschaft  des  Hippokrates  zu  bezweifeln. 


9.  Eine  schwarze  und  blutige  Zunge  ist  nicht  so  sehr 
schlimm,  so  lange  noch  Einige  der  nachfolgenden 
Zeichen  fehlen:  denn  Jene  deutet  dann  nur  auf  eine 
gelindere  Krankheit  hin. 


Wenn  man  weiss  und  bedenkt,  dass  die  vorstehende,  aller- 
dings oft  sehr  bedenkliche  Erscheinung  an  der  Zunge  bei  den- 
jenigen verschiedenen  Krankheiten  vorkommen  kann,  welche  auf 
Acon.,  Ars.,  Beil.,  Bry.,  Chin.,  Cocc,  Colch.,  Cupr.,  Dig.,  Lach., 
Merc,  Mur.  ac,  Nitr.  ac,  N.  vom.,  Op.,  Phosph.,  Plumb.,  Rhus, 
Sabad.,  See.  corn.,  Spong.,  Sulph.  und  Veratr.  hinweisen:  so 
begreift  man  leicht,  dass  dieses  Symptom  für  sich  allein  und 
unter  allen  Umständen  noch  gerade  keine  übergrosse  Lebens- 
gefahr andeutet.  Mehr  aber,  als  um  eben  nur  Dies  zu  sagen, 
dürfte  schwerlich  in  der  Absicht  des  Verfassers  gelegen  haben. 
Vielmehr  scheint  es,  dass  dieser  Aphorism  gleichsam  zur  Ein- 
leitung für  die  Nachstehenden  dienen  sollte,  und  dass  der  zu- 
nächst Folgende  diese  Absicht  nur  noch   bestimmte]-    ausspricht, 


560  VIII.   Buch.     Aphorism    10,  11. 

indem  er  auch  in  der  Fassung  als  eine  Fortsetzung  des  Vorher- 
gehenden angesehen  werden  kann. 


10.  Man  mnss  daher  hei  hitzigen  Fiebern  die  Zeichen 
beobachten,  woraus  sich  abnehmen  lässt,  ob  der  Kranke 
sterben,  oder  ob  er  mit  dem  Leben  davon  kommen 
wird. 

Die  nachfolgenden  Zeichen  des  nahe  bevorstehenden  Todes, 
welche  durchschnittlich  aus  dem  TZQoyvcoöTinov  und  aus  den 
ncoMctl  TtQoyveößeig  geschöpft  sind,  geben  kaum  Veranlassung 
zu  Anmerkungen.  Wir  lassen  sie  daher  fast  ohne  Unterbrechung 
hier  folgen,  und  behalten  uns  nur  vor,  am  Schlüsse  derselben 
eine  Glosse  beizufügen ,  wie  Solche  der  letzte  (18.)  Aphorism 
erfordert.  Uebrigens  ist  es  hinlänglich  bekannt,  dass  unsere 
Semiotik  ausser  den  hiernach  Angeführten,  noch  eine  grosse 
Anzahl  anderer  Zeichen  enthält,  wovon  indessen  die  Meisten  eben 
nur  eine  hohe  Gefahr  andeuten,  aber  dennoch  in  einigen  Fällen 
trügen  und  alle  Prognostik  zu  Schanden  machen.20)  Die  Ge- 
schichte der  Medizin  hat  uns  in  dieser  Beziehung  viele,  wahrhaft 
wunderbar  scheinende  Vorfälle  aufbewahrt.21) 


11.     Es  ist  tödtlich,  wenn  der  rechte  Hode  kalt  und  krampf- 
haft heraufgezogen  ist. 


20)  Daher  kann  man  dem  kürzlich  in  Wien  verstorbenen  Komiker 
Nestroy  nicht  alle  Berechtigung  absprechen,  wenn  er  aus  Furcht,  lebendig 
begraben  zu  werden,  in  seinem  Testamente  sagt:  „Unsere  Gepflogenheiten 
gewähren  in  dieser  höchst  wichtigen  Sache  nur  eine  sehr  mangelhafte  Sicher- 
heit. Die  Todtenbeschau  heisst  so  viel,  wie  gar  nichts,  und  die  medizinische 
Wissenschaft  ist  leider  noch  in  einem  Stadium,  dass  die  Doktoren,  selbst 
wenn  sie  Einen  umgebracht  haben,  nicht  einmal  gewiss  wissen,  ob  er 
todt  ist." 

21)  Et  cum  innumerabilia  »int  mortis  Signa,  salutis  securitatisque  nulla 
sunt.  Plinius  VII,  52. 


VIII.  Buch.     Aphorism   12,   13,   14,   15.  567 

12.  Es  zeigt  deutlich  an,  dass  der  Tod  nahe  ist,  wenn 
die  Nägel  schwarz,  und  die  Finge]-  und  Zehen,  kalt, 
zusammengeschrumpft   oder  erschlafft  sind. 


13.     Es  ist  tödtlich,  wenn  die  Lippen  bleifarbig,  oder  herab- 
hängend, oder  nach  Aussen  umgestülpt  und  kalt  sind.32) 


14.     Es  ist  tödtlich,  wenn  die  Ohren  kalt,  durchscheinend 
und  eingeschrumpft  sind. 


Wir  vermuthen,  dass  hier  ein  Schreibfehler  sich  fortgepflanzt 
hat,  weil  der  Text  überall  gleichlautend  ist.  Es  ist  nämlich  zu 
bemerken,  dass  eben  die  abgestorbenen  Theile  aufhören, 
röthlich  durchzuscheinen,  wie  es  Ohren  und  geschlos- 
sene Finger,  die  man  gegen  das  Licht  hält,  am  lebenden, 
nicht  aber  am  abgestorbenen  Körper  thun.  Vielleicht  dürfte 
hier  bloss  das  Wörtchen:  „nicht!"  ausgelassen  sein.  —  In 
den  Aphorismen  12  und  14  schien  uns  der  Ausdruck:  „zusam- 
men- und  ein-geschrumpft"  dem  von  „zusammengezogen"  vor- 
zuziehen zu  sein. 


15.  Der  Zustand  des  Kranken  ist  hoffnungslos,  wenn  er 
an  Schwindel  mit  Gesichtsverdunklung  leidet,  licht- 
scheu ist,  und  in  tiefem  Schlummer  mit  brennender 
Hitze  darnieder  liegt. 


Man  begreift  nicht  recht,  wie  unter  diesen  Umständen   zu- 
gleich   mit   der  Gesichtsverdunkelung   noch    Lichtscheu 


22)  Das  sogenannte  hipp  okratische  Gesicht  beschreibt  Hippo- 
krates  (7tQoyva>6zixbv  8)  folgendermaassen:  „Die  Nase  ist  spitz,  die  Augen 
liegen  tief  im  Kopfe,  die  Schläfen  sind  eingefallen,  die  Ohren  kalt  und 
zusammengezogen,  die  Ohrläppchen  vorgebogen,  die  Haut  auf  der  Stirn 
hart,  gespannt  und  trocken,  und  die  Farbe  des  ganzen  Gesichts  bleich  oder 
schwarz,   und  grau  oder  bleifarbig." 


558  VIII.  Buch.    Aphorism  16,   17,    18. 

bestehen  kann.  —  Streicht  man  aber  dieses  Symptom,  so  hat 
man  in  den  Uebrigen  ein  ziemlich  treffendes  Bild  eines  vom 
Schlage  Getroffenen,  und  eine  Hindeutimg  auf  Mohnsaft,  wenn 
überhaupt  noch  irgend  eine  Arznei  den  Leidenden  zu  retten 
vermag.  —  Verlangen  nach  Licht  ist  eine  nicht  seltene  Er- 
scheinung bei  Sterbenden. 


16.  Der  ist  bereits  am  Sterben,  welcher,  von  furchtloser 
Käserei  ergriffen,  nicht  mehr  sieht,  nicht  mehr  hört, 
und  nichts  mehr  zu  vernehmen  im  Stande  ist.23) 


17.  Bei  Denen,  die  dem  Tode  sehr  nahe  sind,  treten  diese 
Zeichen  am  Deutlichsten  hervor ,  und  dabei  hebt  sich 
lind  schwillt  der  Unterleib. 


18.  Der  Zeitpunkt  des  Todes  ist  da,  wenn  die  Lebens- 
wärme über  dem  Nabel  in  den  Raum  oberhalb  des 
Zwerchfells  hinaufsteigt,  und  daselbst  alle  Feuchtigkeit 
aufgezehrt  wird.  Sobald  die  Lunge  und  das  Herz, 
durch  Anhäufung  der  Wärme  in  diesen  absterbenden 
Th eilen,  ihre  Feuchtigkeit  verloren  haben:  so  ver- 
flüchtigt sich  allmählich  auch  der  Geist  der  Lebens- 
wärme, welcher  das  Ganze  zu  einem  Ganzen  verbin- 
det. Die  Seele  verlässt  alsdann  die  körperliche  Hülle 
theils  durch  die  Haut,  theils  durch  die  Luftöffnungen 
im  Kopfe,  wo  der  Sitz  des  Lebens  sein  soll,  und 
überlässt  das  kalte,  todte  Körpergebilde,  nebst  Galle, 
Blut,  Schleim  und  Fleisch  der  Verwesung. 


Es  wird  wohl  Niemand  erwarten ,  dass  wir  den  vorstehen- 
den Aphorism,  der  so  wenig  mit  unserer  gegenwärtigen  Ansicht 


23)  Die  Wichtigkeit  der  Organe  für  das  Leben  des  Gesammt-Organis- 
mus  richtet  sich  nach  der  Entstehung  und  Ausbildung  jedes  derselben. 
Unter  allen  Organen  ist  das  Gehirn  dasjenige,  welches  am  Frühesten  ge- 
bildet wird,   und  hierauf  folgt  das  Herz   nebst    den    grösseren   Blutgefässen. 


VIII.  Buch.  Aphorism  18.  569 

vom  Sterben  übereinstimmt,  einer  näheren  Betrachtung  unter- 
ziehen. Indessen  darf  nicht  unbemerkt  bleiben,  dass  schon  die 
Alten  die  Herrschaft  einer  gewissen  immateriellen  Kraft 
über  den  sichtbaren  materiellen  Theil  des  Menschen  voll- 
ständig erkannt  haben,  wie  Solches  auch  aus  dem  Schlüsse  die- 
ses Aphorisms  deutlich  hervorgeht.24) 

Die  Geschichte  der  Medizin  lehrt,  dass  die  ersten  Theorien, 
welche  von  den  Philosophen  in  dieser  Beziehung  aufgestellt 
wurden,  sich  fast  nur  auf  Anthropologie  und  Physiologie 
beschränken.  Die  Störungen  der  Gesundheit  wurden  dabei  ent- 
weder willkührlich  angenommenen  Wesen,  wie  den  Dämonen 
des  Pythagoras,  oder  einer  unerklärbaren  Disharmonie, 
wie  von  Alkmäon,  oder  dem  gegenseitigen  Verhalten  der 
Elemente,  wie  von  Empedokles,  oder  dem  Calidum  in- 
natum  der  Herakliten  u.  s.  w.  zugeschrieben.  Wenn  auch, 
wie  wir  im  Verlaufe  dieser  Aphorismen  gesehen  haben,  Hippo- 
krates  selbst  nicht  frei  war  von  solchen  unfruchtbaren  und 
dabei  unerwiesenen  Annahmen,  und  fast  Alles  auf  Blut,  Schleim, 
schwarze  oder  ^elbe   Galle  bezog:    so  leitete  ihn  doch  eine 


24)  Aus  verschiedenen  Stellen  in  den  Schriften  des  Galenus  geht  un- 
verkennbar hervor,  dass  er  unter  dem  Ausdrucke  Natur  eben  Dasjenige 
versteht,  was  wir  mit  dem  Ausdrucke  Lebenskraft  bezeichnen.  So  sagt 
er  (Com  V,  in  Epid.  VI):  dass  die  Natur  der  oberste  Erhalter  der  Ge- 
sundheit; (daselbst):  dass  sie  eine  Kraft  sei,  die  in  uns  wohnt,  und  mit 
oder  ohne  unsern  Willen  den  Körper  beherrscht;  (contra  Julian):  dass  sie 
von  der  Zeugung  an  dasThier  bilde,  entwickele,' ernähre  und  des- 
sen körperliche  Thätigkeiten  vermittele,  und  dass  endlich  die  Natur, 
welche  den  Körper  gestaltet,  auch  die  gest  ort  e  Gesundheit  dessel- 
ben wieder  herstelle.  Andere  Stellen  stehen  damit,  so  wie  mit  dem  so 
oft  missverstandenen  Ausspruche  Ilahnemanns  im  Einklänge,  wenn  er  (z.  B 
in  Com.  V,  in  Epid.  VI)  namentlich  leugnet,  dass  die  Natur  (Lebens- 
kraft) zum  Behufe  der  Heilung  noch  besonders  mit  Verstand  und  Wil- 
len begabt  sei.  und  (Com.  in  Aphor.  1)  die  Kunst  oft  weit  zweck- 
mässiger zu   Werke  gehe,  als  Jene. 

Teste  Plinio,  ignota  sunt  per  quae  vivimus .  sed  si  quid  ipse  judicare 
valeo,  ignotiora  sunt  per  quae  aegrotamus.  Baglivi. 


570  vm-    Buch-     Aphorism  18. 

vernünftige  Betrachtung  der  Hergänge  in  der  Natur  auf  eine 
immaterielle  Kraft,  die  er  svoQficöv  nannte.25)  Daraus,  so 
wie  aus  dem  Platonischen  Systeme  bildeten  die  Dogmatiker 
eine  Kraft,  die  sie  nvtv^a  nannten,  und  die  durch  Erasistra- 
tus  dahin  erweitert  wurde,  dass  dieser  zweierlei  nveiifiag  an- 
nehmen zu  müssen  glaubte,  nämlich:  ein  n.  t,mi%6v  (Leben s- 
kraft)  und  ein  n.  tyv%iK6v  (Geisteskraft),  welche  sich  in  der 
Herrschaft  über  den  materiellen  Körper  theilten.26) 


.25)  Die  wahre  Ursache  der  Krankheit  ist  überall  und  durchaus  im- 
materiell. „Es  ist  unmöglich",  sagt  Hippokrates,  ,,die  Krankheiten  zu 
erkennen,  wenn  sie  nicht  in  dem  Untheilbaren  des  Ursprungs  erkannt 
werden,  aus  dem  sie  sich  verbreiten.''  Die  Materie  vermag  nichts  und  ist 
an  sich  nichts,  als  die  letzte  Spur  und  das  Caput  mortuum  des  Geistes. 
Materie  und  Ursache   schliessen  sich  streng  einander  aus. 

Prof.  Windischmann,   S.  88. 

26)  „Der  Sand  hat  einen  Grad  von  Flüssigkeit;  die  Gestalt  seiner 
Körner  bildet  Zwischenräume,  welche  durch  Wasser  ausgefüllt  werden  kön- 
nen; die  Zwischenräume  der  Wassertheilchen  füllt  die  Luft,  die  der  Luft 
der  Aether,  und  die  des  Aethers  eine  noch  flüssigere  Substanz  aus,  die 
noch  keine  bestimmte  Benennung  hat.  Es  ist  schwer  zu  bestimmen,  wo 
diese  Theilbarkeit  aufhört;  aber  sicher  giebt  es  eine  Art  der  innersten 
Materie."  Mesmer  (1800). 

Im  Gegensatze  zu  der  materialistischen  Anschauung,  nach  welcher  die 
Naturforscher  selbst  die  Erscheinungen  des  Lebens  auf  mechanische 
und  chemische  Gesetze  zurückzuführen  streben,  hat  sich  in  der  neueren 
Zeit  eine  Andere  vernehmen  lassen,  welche  bei  unzweifelhaften  chemischen 
Prozessen  die  Thätigkeit  einer  gewissen  Art  von  Lebenskraft  behauptet 
und  nachzuweisen  sucht.  Dahin  gehört  ins  Besondere  der  Gährungspilz 
(Hormiscium),  worüber  unlängst  Hofmann,  Bail  und  Schröder  tiefsinnige 
Untersuchungen  angestellt,  aber  noch  manche  erhebliche  Zweifel  ungelöst 
gelassen  haben.  Namentlich  bleibt  dabei  die  der  Weingährung  folgende 
Essig gährung  völlig  unerklärt.  Nur  so  viel  scheint  dadurch  bis  zur 
Evidenz  erwiesen  zu  sein,  dass  die  Sporen  jedes  einzelnen  Pilzes  nicht  auch 
überall  Pflanzengebilde  derselben  Art  wieder  erzeugen,  sondern  dass  diese 
nach  dem  Standorte,  wo  sie  zum  Keimen  und  Aufgehen  gelangen,  gar  sehr 
verschiedene  Gestalten  annehmen.  Wir  selbst  haben  dies  schon  vor  niem- 
als 40  Jahren  durch  Versuche  mit  den  Sporen  des  Aecidium  Berberidis 
Pers.,  um  die  Ursache  der  bekannten  Schädlichkeit  des  Berberitzen-Strauchs 
in  der  Nachbarschaft  der  Getreidefelder  aufzufinden,  nachgewiesen.  Jene 
Sporen  erzeugten  nämlich  auf  Getreide-Halmen   die  Uredo  linearis  Pers  .  und 


VIII.  Buch.    Aphorism   18.  571 

In  älteren  und  jüngeren  Zeiten  sind  häufig  Stimmen  aufge- 
taucht, welche  sich   gegen   den  Ausdruck  „Lebenskraft"  er- 


unsere  ausführliche  Mittheilung  darüber  findet  sich  in  den  „Möglin'schen 
Annalen  der  Landwirtschaft",  wenn  wir  nicht  irren ,  in  dem  Jahrgange 
1818  oder  1819.  Deshalb  ist  auch  eine  solche  generatio  quasi  aequivoca 
nicht,  wie  behauptet  wird,  bloss  den  Schimmelpilzen  eigentümlich,  sondern 
erfolgt  auch  von  Andern,  die  man  auf  noch  lebenden  Pflanzengebilden  an- 
trifft. Vielleicht  dürfte  diese  Beobachtung  auch  dazu  dienen,  über  die  Na- 
tur und  Entstehung  der  Kartoffelkrankheit  (Peronospora  infestans) 
einiges  Licht  zu  verbreiten.  Merkwürdig  ist  es  jedenfalls,  dass  der  Beginn 
dieser  Krankheit  stets  mit  der  Reife  vieler  solcher  Pilze  zusammentrifft. 
Manches  hierher  Gehörige  ist  auch  in  der  neuesten  Zeit  zur  Sprache  ge- 
kommen, besonders  in  Bezug  auf  die  Entwickelung  der  Algen  zu  andern 
und  höheren  Cryptogamen ,  und  es  ist  bekannt,  dass  die  Haarlemer  Ge- 
sellschaft der  Wissenschaften  unlängst  als  Preisaufgabe  eine  darauf  bezüg- 
liche Frage  gestellt  hat.  Eben  so  hat  man  jetzt  auch  durch  Versuche  am 
Rheine  konstatirt,  dass  durch  das  Oi'dium  Tookeri  der  Weinstöcke  die 
Peronospora  infestans  der  Kartoffeln,  und  umgekehrt,  hervorgebracht  wer- 
den könne.  Dergleichen  sorgfältige  Beobachtungen  bringen  allerdings  neue 
Räthsel  zu  lösen,  aber  auch  Thatsachen ,  die  auf  Erfahrung  beruhen,  und 
wcbei  die  weitere  Forschung  etwas  Positiveres  zum  Gegenstande  hat,  als 
des  berühmten  Virchow's  (ges.  Abh.  S.  18)  angebliches  Dogma  von  den 
„Flügeln  der  Engel." 

Die  alten  Dogmatiker,  Plato  an  der  Spitze,  bauten  sich,  indem  sie 
ihre  vier  Elemente,  nämlich  das  pyramidalische  Feuer,  die  zwölfeckige  Luft, 
das  zwanzigeckige  Wasser  und  die  kubische  Erde  nach  ihren  Ecken  zusam- 
menfügten, entweder  selbst  einen  thierischeii  Körper,  oder  auch  aus  einem 
Theile  ihrer  selbst  die  thierische  Seele.  So  hat  ihnen  zufolge  jede  mensch- 
liche Seele  einen  vernünftigen,  göttlichen,  und  einen  unvernünftigen,  körper- 
lichen Bestandtheil.  Dieser  letztere  materielle,  unvernünftige,  thierische 
Theil  der  Seele  ist  wieder  zwiefach,  und  hat  theils  im  Herzen,  tlieils  im 
Magen,  seinen  Sitz;  die  vernünftige,  göttliche  Seele  aber  herrscht  vom 
Kopfe  aus.  Danach  konnte  (und  kann  auch  noch  heute)  jeder  sich  wählen, 
ob  er  sich  mehr  zu  dem  Materiellen  oder  zu  dem  Göttlichen  rech- 
nen wollte. 

Wenn  das  physiologische  Räthsel  noch  nicht  gelöst  ist:  „Woher  es 
nämlich  kommt,  dass  der  Schmerz  da  gefühlt  wird,  wo  der  schmerzer- 
regende Eindruck  einwirkte,  und  nicht  zunächst  in  den  Centralorganen, 
dem  Gehirn  und  dem  Rückenmarke" :  so  dürfen  wir  wohl  beiläufig  anführen, 
dass  die  katholische  Kirch enl ehre  der  empfindenden  Seele  die  Form  und 
den  Umfang  des  ganzen  menschlichen  Körpers  beilegt,  jene  also  in  allen 
Theilen  desselben  die  Fähigkeit  besitzt,  Schmerzen  zu  empfinden.  (Vergl. 
Corp.  jur    canon.   eap.   unic.  [I,    1]  in  Clement.    —    Concil.   Lateran.   V,   sub 


572  VIII.  Buch.     Aphorism  18. 

klärten  und  dafür  Andere  in  Vorschlag  brachten,  die  aber  alle  nach 
und  nach  als  unpassend  beseitigt  wurden.  Dahin  gehört  beson- 
ders die  Irritabilität  und  Sensibilität  (Reizbarkeit  und 
Empfindlichkeit),  welche  aber  nicht  die  wirkende  Kraft  selbst, 
sondern  nur  ihre  Aeusserungen  andeutet.  Dasselbe  gilt  von  der 
Incitabilität  (Reizfähigkeit),  welche  die  beiden  Vorstehenden 
zusammenfassen  sollte,  aber  eben  so  wenig  dem  Regriffe  einer 
wahren  Lebenskraft  entspricht,  welche  nicht  bloss  f  dynamisch) 
die  Empfänglichkeit  für  Reize  überhaupt  begründet,  sondern 
auch  (anti-chemisch)  die  Mischungsverhältnisse  im  Körper 
gegen  Zersetzungen  schützt.  Wollte  man  das  Leben  bloss  als 
ein  Produkt  der  Materie  und  ihrer  besondern  Mischung 
ansehen,  wie  heutiges  Tages  von  einigen  Materialisten  ge- 
schieht: so  widerspricht  dies  allen  bekannten  Gesetzen  dei- 
che mie,  welche  nur  erst  dann  in  Wirksamkeit  treten, 
wenn  jene  höher  stehende  Lebenskraft  den  Körper  verlas- 
sen hat.2r) 

Leone  Papa  X,  sess.  8,  und  neuerdings:  Epist.  Pii  Papae  IX,  ad  Card,  de 
Geissei,  Archiep.  Col.,  dat.  die  15.  Junii  1857.)  —  Dass  die  Erklärung 
der  nicht  selten  vorkommenden  Thatsache,  wonach  Amputirte  an  nicht  mehr 
vorhandenen  Gliedern,  und  zwar  an  hestimmten  Stellen  derselben,  sehr  oft 
noch  empfindliche  Schmerzen  erleiden,  unsern  Physiologen  keine  Schwie- 
rigkeit macht,  ist  bekannt  genug,  erklärt  aber  im  Grunde  Nichts,  besonders 
wenn  man  es  mit  dem   Obigen  in  Verbindung  bringt. 

Was  unter  Kraft  verstanden  wird,  das  weiss  wohl  so  ziemlich  Jeder- 
mann. Wenn  Jemand  es  nicht  wissen  sollte,  so  müssen  wir  Diesen  auf 
die  Definition  verweisen,  welche  in  der  gelehrten  „allgemeinen  deutschen 
Universitätszeitschrift"  (Jahrgang  1861,  S.  178)  mit  folgenden  Worten  zu 
lesen  ist:  „Die  Kraft  ist  die  abgeschlossene  I  nnenbeharru  ng  der  thie- 
rischen  incl.  menschlichen  losgetrennten  Einzelformen  oder  ihre  rotirende 
Innenexpansion  und  der  damit  gegebene  Widerstund  gegen  die  Aus sen- 
beharrung."  —  Wenn  Einer  darnach  so  klug  bleibt,  wie  vorher,  so  ist 
das  nicht  unsere  Schuld. 

27)  Die  Materialisten  wurden  unlängst  in  Frankreich  von  den 
Neo-Vitalisten,  die  sich  auf  die  Schule  des  h.  Thomas  von  Aquin 
stützen,  mit  dem  Namen:  Cadaveristen  belegt. 

Die  Mythen  von  imponderablen  Stoffen  und  von  eigenen  Lebenskräf- 
ten in  jeglichem  Organismus  verwickeln  und  trüben  die  Ansicht  derNatur.  (?) 

Humboldt,  Kosmos  I,  S.   Ü7. 


Vni.  Buch.     Aphorism  18.  573 

„Einen  stärkeren  Beweis,"  —  sagt  Hufeland  in  seinen  klei- 
nen medizinischen  Schriften  II,  S.  H49  —  „dass  das  Wort 
Lebenskraft  philosophisch  richtig  und  brauchbar  ist,  kann  es 
wohl  nicht  geben,  als  den,  dass  Kant,  der  Vater  der  verbesser- 
ten kritischen  Philosophie,  es  in  Schutz  nimmt  und  ge- 
braucht. Er  sagt  noch  ganz  neuerlich  (ßerl.  Monatsschrift  1796) 
bei  Gelegenheit  des  Ausspruchs  Chrysipps:  Gott  habe  dem 
Schweine  statt  des  Salzes  eine  Seele  gegeben,  auf  dass  es 
nicht  faule,  folgendes:  „„Der  Philosoph  scheint  hier  einen 
Wahrsagerblick  in  die  physiologischen  Systeme  unserer 
Zeiten  geworfen  zu  haben,  nur  dass  man  jetzt,  statt  des  Worts 
Seele,  das  Wort  Lebenskraft  zu  brauchen  beliebt  hat,  woran 
man  auch  Recht  thut,  weil  von  einer  Wirkung  gar 
wohl  auf  eine  Kraft,  die  sie  hervorbringt,  aber  nicht 
auf  eine  besonders  zu  dieser  Wirkung  geeignete 
Substanz  geschlossen  werden  kann.""28) 


Du  schiltst  Denjenigen  einen  Thoren,  der  im  Besitze  der  Kenntniss 
der  21.  Buchstaben  glaubt,  dadurch  auch  im  Besitze  der  tausendfältigen 
Vei'bindungen  derselben  zu  Worten,  also  des  Inhalts  eines  geistreichen 
Buchs  zu  sein.  Aber  thörichter  noch  sind  Jene,  die  aus  den  Ergebnissen 
der  chemischen  Analysen  auf  die  höchst  mannigfaltigen  chemischen  Prozesse, 
ja  mehr  noch,  auf  die  von  diesen  ganz  verschiedenen  Organischen  zu 
schliessen  sich  erdreisten. 

Dr.  Stens,  d.  Ther.  uns.  Zeit,  S.  SO. 

•28)  Man  darf  sich  mit  Recht  darüber  wundern,  dass  bei  den  verschie- 
denen Meinungen  und  Ansichten  über  das  Wesen  der  Seele  und  der  Lebens- 
kraft und  über  ihre  Unterschiede,  die  verschiedenen  Erscheinungen  an  leben- 
den Personen,  Thieren  und  Pflanzen,  welche  darüber  offenbar  den  meisten 
Aufschluss  geben  können,  noch  so  wenig  Beachtung  gefunden  haben.  Der 
Schlaf,  sowohl  der  natürliche  als  der  krankhafte,  mit  seinen  begleitenden 
Erscheinungen,  die  Träume,  die  mannichfaltigen  Geistesstörungen  und  ihr 
Verhalten  zum  Körper,  selbst  die  somnambulen  Zustände  nebst  Dem,  was 
damit  verwandt  ist,  bieten  uns  zahlreiche  Momente  dar,  welche,  von  einem 
philosophischen  Kopfe  gehörig  bearbeitet  und  mit  den  sonstigen  Zuständen 
verglichen,  hierüber  die  zuverlässigsten  und  wichtigsten  Belehrungen  liefern 
müssten.  Jedenfalls  würde  eine  hierüber  angestellte  wissenschaftliche  Unter- 
suchung mindestens  eben  so  viel  Werth  haben,  als  die  materiel  -  pbysiolo- 


574  VI]tI-  Bucl1-    Aphorism  18. 

Wenn  wir  uns  demnach  für  vollkommen  berechtigt  halten 
dürfen,  das  Wort  und  den  Begriff  einer  Lebenskraft  beizube- 
halten: so  dürfen  wir  auch  weiter  folgern,  dass  der  körper- 
liche Tod  dann  wirklich  eingetreten  ist,  sobald  diese  Kraft 
erloschen,  und  nun  für  die  chemische  Zersetzung,  die 
wir  Verwesung  nennen,  kein  Hinderniss  mehr  vorhanden  isl.2:)) 
Aus  diesem  Grunde  hat  auch  Hufeland  (in  derselben  Schrift  J, 
325  ff.)  seine  Untersuchungen  über  die  gewissen  und  Ungewissen 
Zeichen  des  Todes  eben  aus  diesem  chemischen  Verhal- 
ten des  Körpers  geschöpft  und  nachgewiesen:  dass  alle  bisher 
angenommene  Todeszeichen ,  deren  er  zehn  aufzählt ,  ungewiss 
und  trügerisch  sind,  und  dass  nur  „der  Anfang  der  wirk- 
lichen allgemeinen  Fäulniss"  das  einzige  gewisse  Kenn- 
zeichen des  Todes  ist.30) 


gischen  und  chemischen  Versuche,  welche  heutiges  Tages  so  sehr  in  Auf- 
nahme gekommen  sind  und  die  in  der  That  schon  so  erhebliche  Resultate 
zu  Tage  gefördert  haben. 

Seminatur  corpus  animale,  surget  corpus  spiritale.  —  Sed  non  prius 
quod  spiritale-  est,  sed  quod  animale.  1.   Cor.    15  ,  44. 

29)  Hufeland  hat  (Makrobiotik  1,  7)  den  Unterschied  zwischen  Leben 
und  Verbrennung  sehr  wohl  erkannt,  indem  er  sagt:  ,,also  (hat  es)  die 
allergrösste  Analogie  mit  der  Flamme,  nur  dass  diese  ein  bloss  chemischer, 
das  Leben  aber  ein  chemisch-animalischer  Prozess,  eine  chemisch -ani- 
malische Flamme  ist."  —  Leider!  ein  V ergleich  und  eine  Erklärung,  die 
im  Grunde  Nichts  sagt  und  Nichts  erklärt,  wenngleich  eine  richtige  Er- 
kenntniss  im  Hintergrunde  liegt. 

30)  Wenn  man  statt  der,  von  der  katholischen  Kirche  verworfeneu 
Lehre  von  der  Trichotomie,  das  Dogma  der  Dichotomie  und  der  Anwesen- 
heit der  Seele  in  allen  Theilen  (forma  corporis)  des  lebenden  Körpers  an- 
nimmt: so  gewinnt  dadurch  die  Ansicht  von  dem  Zustande  der  unsterb- 
lichen Seele  nach  dem  Tode  einige  nicht  unwichtige  Anhaltspunkte.  Ins- 
besondere gehört  dahin,  dass  die  Perzeptions- Fähigkeit  der  Sinn  -  Organe, 
auch  wenn  diese  selbst  abgestorben  sind,  in  der  Seele  noch  fortbesteht, 
wahrscheinlich  in  verfeinertem  Grade,  und  wohl  noch  vervollständigt  durch 
Solche,  wie  wir  sie  an  andern  lebenden  Wesen  wahrnehmen  oder  vermu- 
then.  Weil  dann  aber  diese  Fähigkeiten  durch  keine  irdischen  Bedürfnisse 
(Nahrung,  Kleidung,  Wohnung  etc.)  gestört,  durch  keine  materiellen  Um- 
stände (Ort,   Schlaf,  Kälte,  Hitze,    Finsterniss    etc.)    gehindert,    und    dun.li 


VIII.  Buch.  Aphorism  18.  575 

Werfen  wir  von  hier  aus  einen  Rückblick  auf  die  gewöhn- 
lichsten Ursachen  des  Todes,  nämlich  auf  die  Krankheiten 
und  auf  die  zur  Heilung  derselben  von  der  Vorsehung  erschaf- 
fenen Arzneien:  so  scheinen  wir  eben  so  zu  folgenden 
Schlüssen  berechtigt  zu  sein: 

1)  Dass  jede  Krankheit  nur  in  der  Lebenskraft  zu 
suchen,  mithin  nicht  materieller,  sondern  dynamischer 
Natur  ist; 

2)  Dass  die   materiellen,   dabei   vorkommenden    (chemi- 


keine  Leidenschaften  (Habsucht,  Neid,  Hass,  Sorge  etc.)  beeinträchtigt  wer- 
den können:  so  ergiebt  sich  daraus  von  selbst  ein  geistig -seliges  Leben, 
welches  von  unserem  Irdischen  in  allen  wesentlichen  Theilen  sich  unter- 
scheidet und  dabei  von  unzerstörbarer  Dauer  ist.  —  Wenn  wir  Gläubigen 
für  uns  und  für  unsere  vorausgegangenen  Lieben  solchergestalt  die  Zukunft 
ausmalen  und  darin  einen  besonderen  Antrieb  finden,  unsere  kurze  Lebens- 
spanne auf  dieser  Erde  nur  als  eine  Vorbereitung  auf  das  Jenseits  zu  be- 
trachten: so  können  wir  die  Materialisten  nur  bemitleiden,  die  mit  ihrem 
negativen  Vernichtungsglauben,  —  der  mindestens  auch  Nichts  mehr  als 
eine  blosse,  unerw eissbare  Vermuthung  ist,  —  sich  jedes  hoffnungsvollen 
Blicks  in  die  Zukunft  frevelhaft  selbst  berauben.  Es  ist  dagegen  in  der 
That  eine  wahrhaft  beseligende  Aussicht  für  den  glaubensvollen  Menschen, 
wenn  er  sich  in  solcher  Weise  sein  Dasein  nach  dem  Tode  seines  irdischen 
Leibes  vorstellt,  wo  ihn  Nichts  mehr  hindert,  die  tiefsten  Tiefen  der  Erde 
und  des  Meeres  durchforschen,  Planeten  und  Gestirne  besuchen,  jeden 
Augenblick  mit  Verstorbenen  und  Hinterbliebenen  in  Verbindung  treten, 
und  die  ganze  grosse,  materielle  und  immaterielle  Schöpfung  bis  zu  ihren 
verborgensten  Theilen  zur  klarsten  Anschauung  bringen  zu  können.  —  Wie 
der  Schlaf  das  Bild  des  leiblichen  Todes  ist,  so  der  Traum 
das  Bild  des  geistigen  Lebens. 

Die  Produkte  der  Zersetzung  animalischer  Körper,  nebst  ihrem  Fäul- 
niss-Geruch kann  wohl  für  kurze  Zeit  der  von  dem  Apotheker  Labarrague 
(in  Paris)  entdeckte  Chlor-Kalk  fortschaffen,  aber  den  Verwesungsprozess 
gänzlich  verhindern  kann  er  nicht. 

Kürzlich  hat  ein  französischer  Arzt,  Dr.  Plouviez,  eine  sinnreiche  Me- 
thode erfunden,  um  den  Scheintod  vom  wirklichen  Tode  zu  unterscheiden. 
Er  sticht  nämlich  eine  lange,  feine,  spitzige  Nadel  bis  ins  Herz,  und  er- 
kennt dann  an  der  vorhandenen  oder  mangelnden  Oscillation  derselben,  ob 
das  Herz  noch  schlägt,  oder  nicht.  Wenn  man  diese  Prozedur  bei  allen 
wirklich  oder  scheinbar  Abgestorbenen  anwendet ,  so  kann  man  allerdings 
versichert  sein,  Niemanden  lebendig  zu   begraben. 


576  vni-  Buch-    Aphorism  18. 

sehen)  Veränderungen  ganz  in  derselben  Weise,  wie  die  Ver- 
wesung im  Tode,  in  der  verminderten  oder  beschränkten  Herr- 
schaft der  Lebenskraft  über  die  Materie  ihren  einzig  wahren 
Grund  haben,  mithin  nur  als  ein  Produkt  der  dynamischen 
Krankheit  angesehen  werden  darf; 

3)  Dass  endlich  die  Arzneimittel,  die  auf  den  lebenden 
Organismus  Wirkung  thun,  ebenfalls  nur  vermöge  einer  ihnen 
inwohnenden  dynamischen  Kraft  dazu  befähigt  werden,  welche 
mit  ihren  sonstigen,  rein  materiellen  Eigenschaften,  wie  sie  uns 
die  Physik  und  die  Chemie  kennen  lehren,  durchaus  nicht  ver- 
wechselt oder  identifizirt  werden  darf. 

Es  kann  hier  der  Ort  nicht  sein,  in  eine  nähere  Erörterung 
über  diese  drei,  wie  uns  scheint,  äusserst  wichtigen  und,  wenn 
sie  wahr  sind,  folgereichen  Schlüsse  einzugehen.  Wir  begnügen 
uns  daher  mit  der  blossen  Aufstellung  derselben,  und  empfehlen 
ihre  weitere  wissenschaftliche  ß e g r  ü  n d  u n  g  oder  Widerlegung 
denjenigen  unbefangenen  und  vorurtheilsfreien  Forschern,  welche 
dazu  die  erforderliche  Befähigung  besitzen.31) 


Zum  Schlüsse  dieser  Glossen  möge  es  uns  noch  erlaubt 
sein.  Einiges  aus  den  Schlusssätzen  des  gelehrten  Prof.  Dr.  Hecker 
(die  Heilkunst  auf  ihren  Wegen  zur  Gewissheit  S.  266  ff.)  hier 
anzuhängen,  welches,  aus  einer  Schrift  unseres  ersten  Gegners 
entnommen,  von  Niemandem  als  Parteilichkeit  gedeutet  werden 
kann:  — 

1)  „Der  höchste  Standpunkt,  den  die  Heilkunde  neh- 
men kann,   ist  und  bleibt   auf  ewig  die  Erfahrung. 

Wer  nach  der  Unsitte  unserer  Tage,  mit  Spott  und  Verach- 
tung auf  eine  Heilkunde  herabsieht,  die  sich  auf  Erfahrung 
stützt;  wer  uns  seine  einseitigen,  sinnlichen  oder  übersinn- 

31)   Was  durch  Beobachtung  und  Experiment    erlangt    ist,    führt,    auf 
Analogien  und  Induktion    gegründet ,    zur  Erkeuntniss  empirischer  Gesetze. 

Humboldt.  Kosmos  I,  S.  67. 


VHI.  Buch.     Aphorism   18.  577 

liehen  Vorstellungsarleu,  als  die  einzig  Richtigen  aufdringt; 
—  wer  die  Autorität  dieses  oder  jenes  Systems  als  ein 
Idol  aufstellt,  dem  die  ganze  ärztliche  Welt  ausschliesslich  hul- 
digen soll;  wer  die  Kunst  nach  den  Vernunftbegriffen  einer 
alten  oder  neuen  Schule  ausgeübt  haben  will:  —  Der  kennt 
unser  wahres  Bedürlniss  nicht;  er  reisst  nieder,  ohne  wieder 
aufzubauen;  er  entrückt  den  Arzt  aus  dem  Wirkungs- 
kreise, in  welchem  er  als  Künstler  wirken  soll;  er  raubt  ihm 
eine  Hauptquelle  seiner  Kenntnisse  und  seiner  Bildung: 
er  steht  auf  dem  höchsten  Standpunkte  der  Unvernunft."32) 
2)  „Die  Heilkunde  steht  noch  nicht  auf  der  Stufe,  wird  sie 
vielleicht  niemals  erreichen ,  dass  sie  sich  aller  Unvollkommen- 
heilen  einer  empirischen  Wissenschaft  entledigen  und  auf 
ein  einfaches,  allgemein  gültiges,  wissenschaftliches 
Prinzip  zurückgebracht  werden  könnte.  Das  liegt  in  ihrer 
Natur,    und   darüber   zu   klagen   und  bei  aller  Gelegenheit  den 


32)  In  No.  36  der  Preuss.  Mediz. -Zeitung  vorn  Jahre  1862,  S.  282  ff. 
lesen  wir  in  einem  Artikel  über  „Entzündung  und  antiphlogistische  Be- 
handlung" von  dem  Ober-Stabs-Arzte  Dr.  Strunz  folgende  beherzigungs- 
werthen  Worte:  —  „Leider  sind  die  Fortschritte,  deren  sich  die  medizi- 
nische Wissenschaft  in  unsern  Tagen  namentlich  in  der  Erkennung  der 
Krankheiten  rühmt,  für  die  therapeutischen  Zwecke  ohne  Nutzen  geblieben, 
und  der  praktische  Arzt,  dessen  eigentlicher  Beruf  es  doch  ist,  kranke 
Menschen  gesund  zu  machen,  sucht  vergebens  in  den  neuesten  Lehrbüchern 
mit  den  vielversprechenden  Titeln  nach  neuen  Hülfsmitteln,  welche  seinem 
Heilgeschäfte  förderlich  sein  können.  Kann  man  es  da  dem  Publikum  ver- 
denken, wenn  es  bei  der  Unsicherheit  und  Hülfslosigkeit ,  die  überall  dem 
ärztlichen  Handeln  begegnen,  sich  Quacksalbern  und  Marktschreiern  zu- 
wendet, und  von  Apfel- Wein  und  Malz-Extrakt  Heilung  seiner  Leiden  er- 
wartet, gegen  welche  ärztliche  Hülfe  Jahre  lang  vergebens  in  Anspruch 
genommen  worden  war!  Wer  will  den  Arzt  tadeln,  der  nach  langem  Irren 
auf  dunkelem  Pfade  die  rettende  Hand  ergreift,  welche  ihn  aus  dem  Laby- 
rinthe der  Zweifel  und  Widersprüche  auf  den  richtigen  Weg  sicher  zu  füh- 
ren verheisst?"  —  —  Ehre  dem  Manne,  der  solche  freimüthige  Worte 
spricht;  aber  nicht  minder  Ehre  unserer  obersten  Behörde,  welche  Solchen 
in  ihrem  amtlichen  Organe  eine  Stelle  vergönnt  und  dadurch  eine  höhere 
Bedeutung  verleiht! 

37 


578  VIIL  Buch-     Aphorism   18. 

wahren  Werlh  der  Kunst  herabzusetzen,  wäre  eben  so  unver- 
ständig, als  die  Mathematik  zu  verachten ,  weil  sie  keinen  vier- 
eckigen Zirkel  hat!"  —  —  (Wir  glauben  bekanntlich  dieses 
Prinzip  gefunden  zu  haben.) 

3)  „Der  Mangel  eines  einfachen,  allgemein  gültigen 
Prinzips  in  der  Heilkunde,  darf  aber  nicht  zu  jener  Vielsei- 
tigkeit verführen,  die  jetzt  bei  einer  gewissen  Partei  überhand 
nimmt  und  die  uns  bald  nachtheiliger  werden  könnte,  als  die 
beschränkteste  Einseitigkeit.  33) 


33)  Die  Geschichte  der  Arzneikunde  ist  reich  an  hervorragenden  Män- 
nern, aber  vielleicht  noch  reicher  an  merkwürdigen  Schicksalen  derselben. 
Galenus  musste  vor  seinen  aufsätzigen  Collegen  aus  Eom  flüchten,  galt 
aber  bald  nachher  und  über  14  Jahrhunderte  lang  als  die  höchste  Autorität 
in  der  Medizin;  Paracelsus  verbrannte  öffentlich  des  Vorigen  Werke, 
wurde  1541  in  Salzburg  von  seinen  Gegnern  ermordet,  und  heute  sammelt 
man  Goldkörner  aus  seinen  damals  verhöhnten  Schriften;  Boerhave  ver- 
dunkelte im  Anfange  des  vorigen  Jahrhunderts  sämmtliche  Aerzte,  sein 
Name  wurde  in  allen  Welttheilen  gefeiert,  und  gegenwärtig  zuckt  jeder 
junge  Arzt  über  ihn  mitleidig  die  Achseln.  Will  man  aber  heute  von  be- 
rühmten Heilkünstlern  unserer  Zeit  reden:  so  darf  man  den  Drechsler 
Baumscheidt  zu  Endenich  bei  Bonn,  und  den  Schuster  Lampe  zu  Gos- 
lar unweit  Göttingen  nicht  vergessen.  Und  doch  verlieren  diese  und  ähn- 
liche Notabilitäten  ihren  Glanz  gegenüber  dem  ehemaligen  Metzger  Priess- 
nitz  zu  Gräfenberg  und  dem  Bierbrauer  Hoff  in  Berlin,  indem  diese  bei- 
den Sterne  erster  Grösse  am  medizinischen  Firmamente  bloss  durch  Wasser 
oder  Bier  bewirken,  was  die,  auf  dem  Gipfel  der  Wissenschaft  stehenden 
akademischen  Professoren  nicht  zu  erreichen  vermögen,  und  haben  deshalb 
bereits  an  vielen  Orten  eine  zahlreiche  Nachfolgerschaft  herangezogen.  Zu 
diesen,  uns  Aerzte  allerdings  etwas  demülhigenden  Thatsaehen  der  aller- 
neuesten  Zeit  hat  keine  Epoche  der  Geschichte  etwas  Aehnliches  aufzu- 
weisen. Sie  charakterisiren  deutlicher,  als  alles  Andere,  den  wahren  heu- 
tigen Standpunkt  der  Arzneikunde,  und  liefern  dabei  den  unwiderleglichen 
Beweis,  dass  der  neuerdings  eingeschlagene  Weg  zur  Vervollkommnung 
der  Wissenschaft  keineswegs  zum  Ziele  führen  kann.  Daraus  folgt  dann 
weiter  von  selbst,  dass  es  im  wohlverstandenen  Interesse,  sowohl  der  Aerzte, 
als  der  leidenden  Menschheit  liegt,  weiter  zu  forschen  und  Besseres  auf- 
zusuchen, als  Dasjenige,  was  dermalen  von  den  Kathedern  herab  gelehrt 
wird,  und  dass  zu  diesem  Zwecke  die  Wissenschaft  von  jeder  hindernden 
Fessel  befreit  bleiben  muss,  die  sie  unlösbar  mit  dem  Bisherigen  verknüpft. 
Ob  und  in  wie  fern  die,  auf  ein  unwandelbares  Naturgesetz  begründete 
F'ortschritts-Lehre  Hahnemanus  dazu   beitragen  wird,  Das  muss  und 


VIII.  Buch.  Aphorism  18.  579 

4)  „Immer  unterhalte  man  in  der  Heilkunde  einen  ver- 
nünftigen Skepticismus;  —  also  nicht  jene  Zvveifelsucht, 
die  aus  Einseitigkeit,  aus  vorgefassten  Meinungen,  aus 
Anhänglichkeit  an  ein  liehgewonnenes  System,  aus  unbieg- 
samem Stolz  auf  den  Alleinbesitz  von  Wahrheit,  hervor- 
geht; sondern  jenes,  weit  schwerer  zu  erwerbende,  bescheidene 
Misstrauen  in  den  Werth  unserer  Einsichten."34) 

5)  „Der  Wahn  errungener  Vollk  ommenheit  war  von 
jeher  die  Pest  der  Heilkunde.  Wir  dürfen  uns  nie  verhehlen, 
dass  wir  unendlich  viele  Dinge  nicht  wissen!  — ■  Wir  haben 
noch  keine  Physiologie!    Wir  wissen  nicht,  was  Krank- 


wird  unfehlbar  die  Zeit  lehren,    sobald    sie  sich  vollständig  entwickelt  hat 
und  überall  selbstständig  ins  Leben  getreten  ist. 

34)  In  den  letzten  Jahren  ist  der  rein  wissenschaftliche  Kampf  gegen 
die  Homöopathie  grösstenteils  aufgegeben  und  an  dessen  Statt  ein  Anderer 
getreten,  der  gegen  die  junge  Kunst  und  gegen  deren  Ausbildung  fremde 
und  theilweise  nicht  eben  allzu  ehrenhafte  Freischärler  zu  Hülfe  gerufen 
hat.  Wir  finden  darüber  die  Erklärung  in  der  „Reponse  ä  l'Aead.  roy.  de 
Med.  par  le  Dr.  Varlez  1850"  gegen  den  Prof.  Lombard  zu  Lüttich,  S.  3, 
wo  Einer  der  Kollegen  des  Letzteren  fragt: 

„Pourquoi  M.  Lombard  est  il  donc  aujourdhui, 
D'uue  aussi  noble  cause  un  aussi  faible  appui?" 
Varlez  entgegnet  darauf:  „Pourquoi?  Messieurs,  je  vais  vous  le  dire;  c'est 
parceque  la  science  dont  il  s'est  constitue  le  champion  ne  possede  aucun 
principe  fondamental ;  c'est  parceque  ses  maximes  sont  dispersees  sans 
coordination  possible;  qu'elles  errent  dans  l'espace  empreintes  du  douto  qui 
effraie  la  raison  et  desespere  la  foi;  c'est  enfin  parceque  l'arsenal  allopa- 
thique  ne  renferme  pas  d'armes  assez  bien  trempees  pour  faire  une  breche 
au  coeur  de  notre  doctrine,  si  hien  rlefendue  par  la  verite  et  l'immuabilite 
de  ses  principes." 

„Nach  psychologischen  Gesetzen"  -  sagt  ein  tiefdenkender  Staatsmann 
unserer  Zeit  —  „so  wie  nach  den  seitherigen  politischen  Erfahrungen,  muss 
erst  die  Periode  der  Rekriminationen  ablaufen,  und  erst  wenn  dieser  Sturm 
ausgetobt  hat,  wird  das  Stadium  solcher  Verhandlungen  anbrechen,  in  wel- 
chem von  Verständigung  die  Rede  sein  kann.''  —  Dies  gilt  auch  für  das 
Gebiet  der  Wissenschaft  nicht  minder,  als  für  Das  der  Staatswirthschaft. 
In  unserer  Angelegenheit  scheint  sich  der,  nun  bereits  ein  halbes  Jahrhun- 
dert dauernde  Kampf  kaum  erst  seinem  Ende  zu  nahen,  und  die  gegen- 
seitigen Verständigungen  liegen  noch  in  ferner  Aussicht. 

37* 


580  V1IL  Buch-    Aphorism  18. 

heit  ist,  nicht  wie  die  Heilmittel  wirken,  nicht  wie  die 
Krankheiten  geheilt  werden !  —  Wollen  wir  von  dem  Allen 
künftig  mehr,  als  die  bisherige  mangelhafte  historische  Ansicht 
gewährt,  erfahren:  so  müssen  wir  alle  die  Wege  verlas- 
sen, die  man  gegenwärtig  zur  angeblichen  Vervoll- 
kommnung der  Heilkunde  bahnt.  Mit  neuen  Worten 
und  Phrasen,  mit  übersinnlichen  Vernunftbegriffen, 
mit  chemischen  und  dynamischen  Hypothesen,  mit  Dia- 
lektik und  Disputirkunst,  mit  Rednerkünsten  und  — 
Schimpfworten  hat  man  seit  zweitausend  Jahren  so  viele 
unglückliche  Versuche  gemacht,  dass  sich  die  Neuesten,  Wieder- 
holten schon  mit  ihrem  Anfange  als  misslingend  ankündigen 
mussten.  Entweder  der  Weg  allein,  den  Hippokrates,  Syden- 
ham,  Fr.  Hoffmann  (und  Hahnemann)  gingen,  führt  in  der  Heil- 
kunst zur  Vollkommenheit  und  Gewissheit;  —  oder  wir  müssen 
auf  ewig  auf  einen  Weg  zu  diesem  grossen  Ziele  Verzicht 
leisten ! " 

„Vor  Allem  hüte  man  sich,  die  Mängel  und  Lücken 
unseres  Wissens  mit  neuer  Terminologie  auszufüllen!  Wozu 
neue  Worte,  wo  es  an  neuen  Begriffen  fehlt?  Sie  täuschen 
den  Unkundigen,  erschweren  das  Erlernen  der  Wissen- 
schaften und  halten  ihre  Fortschritte  auf.  Die  Sprach- 
verwirrung in  der  Heilkunde  ist  auf  das  Höchste  gestie- 
gen; die  Zeit,  die  der  angehende  Arzt  dem  Erlernen  dersel- 
ben widmet,  muss  er  grossentheils  auf  die  Zauberformeln 
der  verschiedenen  Theorien  und  Systeme  wenden,  und  wir 
sind  wirklich  dahin  gekommen,  dass  nicht  zwei  Aerzte  über 
einen  Gegenstand  ihres  Wissens  sprechen  können,  ohne  sich  erst 
über  Worte  und  Begriffe  zu  verständigen.  Das  ist  die  grosse 
Quelle  endloser  Streitigkeiten  in  der  literarischen  Welt,  die  den 
Wissenschaften  ihren  Untergang  bereiten. 35) 

35)  Une  des  plaies  de  notre   science    est    sans    eontredit  la   coufusion 


VIII.  Buch.  Aphorism  18.  581 

6)  „Wir  streiten  über  die  Vorzuge  der  chemischen  und 
dynamischen  Ansicht  des  lebenden  Organismus.  Man 
vergesse  nicht,  dass  beide  Ansichten  nichts  Mehr  und  nichts 
Weniger  sind,  als  eine  Not hhülfe  unseres  Verstandes,  un- 
serer mangelhaften  Kenntnisse  des  Lebens.  So  lange  diese 
Kenntnisse  mangelhaft  sind,  so  lange  wir  nur  Erscheinungen 
wahrnehmen,  über  ihren  letzten  Grund  aber  nur  speku- 
liren  können,  bleibt  jede  Theorie,  sie  heisse  chemisch  oder 
dynamisch,  ein  Spiel  der  Phantasie,  ein  Luftgebäude  der 
Spekulation,  das  jeder  neu  auftretende  spekulative  Kopf  ver- 
ändert oder  umstürzt,  und  das  der  Strom  der  Zeit  verschlingt, 
wie  er  schon  eine  lange  Reihe  von  medizinischen  Theorien  und 
Systemen  verschlungen  hat.  Den  Gesetzen  des  organi- 
schen Lebens  nachzuforchen:  Dahin  muss  das  ganze 
Bestreben  unserer  Aerzte,  mit  vereinigter  Kraft,  ge- 
richtet sein!" 

In  konsequenter  Weise  knüpfen  wir  hieran  die  gewichtigen 
und  sehr  beherzigungswerlhen  Worte  Hufeland's,  welche  er  am 
Ende  seiner  ruhmvollen  Laufbahn  (1831  in  s.  Br.  ,,die  Homöo- 
pathie", S.  5  und  6)  ausspricht:  „Die  Medizin  ist  eine  Erfah- 
rungswissenschaft, die  Praxis  ein  fortdauerndes  Expe- 
riment mit  der  Menschheit  angestellt.  Und  das  Expe- 
riment ist  noch  nicht  geschlossen.  Haben  wir  es  den 
Brouwnianern  erlaubt  und  erlauben  es  noch  den  Contra- 
stimulisten,  das  Opium  und  andere  heroische  Mittel  in  un- 
geheuer grossen  Gaben  anzuwenden,  —  warum  sollen  die 
Homöopathen  nicht  die  Eiiaubniss  haben,  sie  in  ungeheuer 
kleinen  Dosen  anzuwenden?"36) 


qui  regne  dans  le  langage  medical  et,  par  suite,  le  defaut    d'accord   sur   la 
valeur  qu'il  convient  d'attribuer  aux  termes  en  usage. 

Prof.  Dr.  Forget. 
36)   Sie  (die  Homöopathie)  musste    in  jedem  Falle    gründlicher  wider- 
legt   und    schneller    gestürzt,    oder    gründlicher    gewürdigt    und    verbreitet 
werden.  Wolfg.  Menzel,  Lit.  Bl.   May.  1830. 


gg2  VIII.  Buch.     Aphorism  18. 

„Freiheit  des  Denkens,  Freiheit  der  Wissenschaft 

—  Das  ist  unser  höchstes  Palladium,  und  muss  es  bleiben, 
wenn  wir  weiter  kommen  sollen.  Keine  Art  von  Despotie, 
keineAlleinberr  schaft,  kein  Druck  des  Glaubenszwangs! 

—  Selbst  die  Regierung  darf  in  wissenschaftliche  Gegen- 
stände nicht  eingreifen,  weder  hemmend,  noch  eine 
Meinung  ausschliesslich  begünstigend;  denn  Beides  hat, 
wie  die  Erfahrung  lehrt,  der  Wahrheit  Schaden  gelhan."  3r) 

„Die  Wissenschaft  ist  frei",  —  sagt  Derselbe  weiter 
S.  40  —  „und  kein  Staat  hat  das  Recht,  in  das  Reich  des 
Wissens  und  des  Geistes  einzugreifen.38)    Die  Homöopathie 


37)  Im  Jahre  1566  wurde  durch  Parlamentsbeschluss.  veranlasst  durch 
die  (galenische)  med.  Fakultät  in  Paris,  sämmtlichen  Aerzten  hei  schwerer 
Strafe  jede  Anwendung  des  Antimons  verhoten.  Ehen  so  musste  sich 
seit  1580  in  Heidelberg  jeder  Arzt  hei  der  Promotion  verpflichten,  niemals 
Antimon  zu  verschreiben.  Diese  Verbote  wurden  in  Paris  erst  1650, 
und  in  Heidelberg   16f)5  wieder  aufgehoben. 

Wo  die  Erfahrung  uns  die  Heilkraft  homöopathisch  wirkender  Arz- 
neien kennen  gelehrt  hatte,  deren  Wirkungsart  man  sich  nicht  erklären 
konnte,  da  half  man  sich  damit,  sie  für  specifisch  zu  erklären,  und  mit 
diesem  eigentlich  nichts  sagenden  Worte  ward  das  Nachdenken  darüber 
eingeschläfert.  Man  hat  aber  längst  schon  die  homogenen  Reizmittel,  die 
spezifischen  (homöopathischen),  als  höchst  schädliche  Einflüsse  verboten. 

Rau,  hom.  Heilverf.   S.  101. 

38)  Das  von  den  Homöopathen  beanspruchte  Recht  des  Selbstbe- 
reitens  und  Selb  stdispensirens  der  von  ihnen  Selbst  erfundenen, 
an  sich  Selbst  geprüften  und  auf  ihre  eigen thümliche,  von  der  bis- 
herigen ganz  abweichende  Weise  zubereiteten  Arzneien  muss  Jedem 
als  eine  logische  Folge  dieses  Axioms  erscheinen,  und  ist  um  so  Weniger 
zu  bestreiten,  als  bisher,  so  viel  bekannt,  in  der  ganzen  Welt  keine  ein- 
zige gesetzliche  Lan-des-Pharmakopöe  dafür  die  maassgebenden 
Vorschriften  enthält,  mithin  auch  kein  einziger  Apotheker  darauf  gesetz- 
lich verpflichtet  werden  kann.  Dahingegen  steht  es  ganz  anders  mit 
der  bürgerlichen  Pflicht  des  Arztes,  sowohl  des  Homöopathen,  als  des 
Allopathen,  und  wenn  Jener,  wie  Dieser,  die  vollständigste  Sicherheit  hat, 
dass  seine  Vorschriften  treu  und  gewissenhaft  ausgeführt  werden:  so  kann 
ihm  darüber  weder  ein  gesetzlicher,  noch  ein  moralischer  Zwang  aufgelegt 
werden.  Recht  und  Pflicht  sind  so  wesentlich  von  einander  unterschie- 
den,   dass  dabei  schwerlich  jemals   eine  Verwechselung  Statt    finden    kann, 


VIII.   Bach.    Aphorism   18.  583 

als  Wissenschaft,  und  selbst  als  Lehre  darf  also  keine 
Beschränkung  erleiden;  das  Wahre  oder  Falsche  in  der- 
selben niuss  lediglich  der  wissenschaftlichen  Diskussion, 
der  Erfahrung  und  der  Zeit  überlassen  bleiben,  welche  ja 
schon  über  so  viele  Erscheinungen  der  Art  richtig  und  gerecht 
entschieden  hat  und  auch  hier  entscheiden  wird".39) 

indem  Jenes  zum  Schutze  eines  unbestrittenen  Eigenthums  dient, 
während  Diese  hingegen  eine  Verpflichtung  auflegt,  die  oft  an- 
not  big,  stets  aber  für  den  Arzt  belästigend  ist,  mithin  seiner  Mora- 
lität  und  seinem  Ermessen   anheim  gestellt  werden  darf. 

39)  L'histoire  du  passe  nöus  trace  fort  nettement  notre  regle  de  con- 
duite.  Pour  propager  l'heresie  medicale  du  I9me  siecle,  nous  devons  nous 
adresser  ä  l'opinion  publique  qui   est  le  grand  roi  de  notre  epoque. 

Dr.   Gallavardin,  exper.  p.   6. 

Wenn  die  genialen  Maler  der  Düsseldorfer  Schule  ihre  Meisterstücke 
wie  „die  trauernden  Juden",  den  „Burghof,  ,,Hagar  in  der  Wüste"  u.  A., 
mit  selbstbereiteten  und  nicht  mit  käuflichen  Fabrik-Farben 
gemalt  hätten,  wie  Solches  Eubens  und  viele  seiner  Zeitgenossen  gethan: 
so  würden  Jene  nicht  in  dem  Maasse  verblichen  sein ,  wie  wir  es  seit  der 
kurzen  Zeit  ihres  Bestehens  beklagen,  sondern  das  frische,  lebendige  Kolo- 
rit behalten  haben,  welches  wir  noch  heute  an  den  250  Jahre  alten  Ge- 
mälden der  letztgenannten  Meister  bewundern.  Aber  Jene  können  sich 
weder  durch  Zwang,  noch  durch  fremde  Privilegien  darüber  entschuldigen. 


Inhalt. 


Anm.  Die    fette   Zahl    zeigt   das    Buch,    die    Magere    den    Aphorism, 
der  Buchstabe    V.   das  Vorwort  an. 

Aph.  Glos. 

Abführen,  s.   Ausleerung,  Erbrechen,  Durchfall. 

—  im  Allgemeinen  schädlich         —  1,22 

—  Anzeigen  zum 4,20  — 

—  für  Gesunde  schädlich          2,36  — 

—  für  Gesunde  schwierig         2,37  — 

—  bei  hitzigen  Krankheiten  zu  vermeiden      .     .  1,24  — 

—  schlimmer  als  Hartleibigkeit —  1,22 

—  bis  zur  Ohnmacht 1,23  — 

—  der  Schwangeren        4,1  — 

5,29  — 

—  gegen  Schweisse 7,61  — 

—  bei  zögerndem  Stuhle —  5,34 

—  nach  Unten,  wo  solches  dienlich       ....  7,67  — 

—  worauf  Schluchzen  folgt 7,41       — 

Abführmittel  d.  Allopathen  wirken  homöopath.  —  7,67 

—  bei  Durchfällen 7,67  7,67 

—  im  Frühjahre  zu  geben 6,47       — 

—  oft  sehr  gefährlich —  1,23 

—  6,2 

—  heilen  Durchfall —  6,3 

—  der  Homöopathen  nicht  gefährlich     ....  —  4,1 

• — ■  von  den  Homöopathen  verworfen      ....  —  1,22 

—  warum  von  den  Homöopathen  verworfen    .     .  —  4,2 

—  für  Schwangere  gefährlich ■ —  4,1 

—  tödtlich,  wenn  Konvulsionen  folgen        .      .      .  7,25  — 
Abzuführende  Stoffe  flüssig  zu  machen       .     .  7,70  — 

—  —  müssen  freiwillig  entleert  werden     .     .     .  4,2         — 
Abgang  von  Fleischstückchen  in  d.  Kuhr  tödtlich  4,26  — 

—  verdorbener,  ist  ein  Produkt  der  Krankheit   .  —  1,22 


Inhalt,  585 

Aph.  Glos. 

Das  Abgelebte  siegt  nicht  über  das  Jugendliebe  —  2,13 

Abhärtungen  des  Körpers — s  5,25 

Abmagerung  des  Körpers 2,7  — 

Abiturienten —  V. 

Abneigung  gegen  einzelne  Nahrungsmittel  .     .  —  1,17 

—  - —  2,38 

Abschwächende  Mittel  zu  widerrathen    ...  —  1,3 

Absonderungen  und  ihre  Mittel —  4,47 

Das  Abstossungs-  und  Auziehungs-Gesetz  .     .  —  7,52 

Das  Ab  s  u  r  de  st  e  schon  von  Philosophen  behauptet  —  7,24 

Abwarten   der    Arzneiwirkung   sehr   verschieden  —  1,20 

Abzehrung  nach  Blutspeien 7,78  — 

—  bleibende,  der  Rekonvaleszenten  böse    .      .     .  2,31  — 

—  schnelle,  ist  böse        2,28  — 

—  und  Durchfall        —  7,16 

Acarus  scabiei,  Tödtung  desselben        ....  —  7,38 

Acrothymium   des  Celsus   vielleicht    Feigwarze  —  3,21 

Aderflusses,  des  goldenen,  Heilung    .      .      .      .  —  6,12 

—  —  th eilweise  Unterdrückung —  6,12 

Aderlass  im  Allgemeinen 1,2  — 

.  —  2,40 

—  gegen  Augenschmerzen        .......  7,46  — 

— ■  zu  bestrafen .  —  2,42 

—  entleert  auch  das  gesunde  Blut —  4,2 

—  macht  einige  Epilepsien  unheilbar     ....  —  7,42 

—  bringt  Fehlgeburt  bei  Schwangeren        .     .     .  5,31  — 

—  nur  im  Frühjahre  vorzunehmen 6,47 

7,50  — 

■ —   oft  sehr  gefährlich      .                 —  1,23 

—  wo  besonders  gefährlich —  2,42 

—  gegen  Harnzwang 6;36  — 

7,48  — 

—  gegen  Kopfweh 5,68  5,68 

—  Meinungs-Zwiespalt  darüber —  7,16 

—  Missbrauch  desselben —  5,9 

—  bis  zur  Ohnmacht —  1,23 

—  bei  Pneumonien —  7,11 

—  wo  nicht  rathsam —  5,8 

—  gegen  Rückenverletzung .  6,22  — 

—  bei  Schlagfluss      . —  2,42 

—  —  öfterer  schädlich,   als  nützlich       ....  —  6,51 
Statistik  in  Frankreich         —  5,8 

—  vor  dessen  Uebermaass  schon   in  den  ältesten 

Zeiten  gewarnt         —  7, 1 6 

—  Ursprung  desselben —  1,23 


536  Inhalt- 

Aph.  Glos. 

Aderlass  bei  Verletzungen  überhaupt       ...  —  6,22 

—  befördert  die  Vollblütigkeit —  5,68 

—  Wahl  der  Adern  dabei        —  5,68 

—  Zwiespalt  darüber  bei  den  Alten       ....  —  5,8 
—  7,16 

—  Männeben .  —  1,2 

Aecidium  Berberidis  und  Uredo  linearis  ...  —  8,18 

Aebn lieh  und  Gleich  sind  wesentlich  verschieden  —  2,46 

Nur  Aehnliches  kann  Aehnliches  heilen      .      .  —  6,17 

Aengstlichkeit  durch  Wein  zu  heben   .      .     .  7,56  — 

A  eu  ss  er  e  Arzneien  v.  der  Homöopathie  verworfen  —  5,22 

—  Uebel  nur  durch  innere  Mittel  zu  heilen   .     .  —  5,67 
After-Blutungen  heilen  Melancholie       .     .     .  6,11  — 

—  —  beilen  Nierenbeschwerden 6, 1 1  — 

—  —  heilen  Wahnsinn 6,21  — 

—  —   dürfen  nicht  ganz  unterdrückt  werden       .  6,12  — 

Knoten  zu  brennen —  6,12 

Akute  Krankheiten  im  Allgemeinen      ....  —  2,28 

—  —  verlangen  die  kleinsten  Gaben    ....  —  2,51 

—  und  chronische  Krankheiten —  2,7 

—  2,8 

—  2,12 

Albuminurie —  4,81 

Die  Alcaloi'den        —  6,54 

Der  Alkoran  der  Gelehrten         —        V. 

Alte  Personen  erkranken  seltener,  als  Junge      .  2,39       — 

—  — ,  Krankheiten  derselben 3,31       — 

Alter  u.  Jugend  haben  oft  verschiedene  Ansichten  —  7,17 

—  der  Jetzt-  und  der  Vor-Zeit —  5,9 

Im  Alter  Diirchfall,  in  der  Jugend  Hartleibigkeit  2,20      — 

—  weniger  Energie  der  Lebenskraft      ....  —  6,6 

—  Hartleibigkeit,  in  der  Jugend  Durchfall     .      .  2,20      — 
Alters-Perioden  der  Alten —      1,13 

—  —  des  Pythagoras —      1,13 

Amputationen  durch  Chloroform  begünstigt  —  7,20 

—  von  Gliedern —  8,6 

—  —  eine  Kunst,  Heilung  eine  Wissenschaft     .  —  8,6 

—  —   meistens  nutzlos —      7,20 

Anacahuita-Prüfungen —      7,16 

—  wird  bald  vergessen  sein —       7,16 

Die  Anamnese  für  die  Mittelwahl  wichtig     .     .  —       7,12 

—  für  chronische  Krankheiten —      5,55 

Anamnestische  Zeichen —       2,5 

Anatomie,  die  pathologische,  ist  unsicher      .     .  —      5,46 

Anatomische  Pathologie,  Nutzen   derselben  —       1,15 


Inhalt. 

Anfüll ung  heilt  Ausleerung        

Angemessene  Krankheiten  sind w eniger gef ähriieh 
Angina  diphtheritica 

—  gangraenosa      

—  membranacea 

—  —  soll  ansteckend  sein 

Angriffe  auf  die  Homöopathie 

Ansteckungen  im  Allgemeinen 

—  von  Masern 

Anstrengung  verursacht  Ermüdung  u.  Schmerzen 
Anstrengungs-Schmerzen  weichen  nicht  d.  Ruhe 
Für  Antidote  gilt  auch  das  Similia  Similibus  . 
Antidote  gegen  Veratrum  album 

—  universelle,  kann  es  nicht  gehen       .     .      .     . 

—  ihre  Wirkungsart        

Antipathische  Mittel  verlängern  die  Krankheit 
Antiphlogistisches  Verf.  hei  Alten  bedenklich 
Anwendung  der  Arzneikunst 
Anzeigen  aus  dem  blossen  Liegen 

—  vom  Nützlichen  und  Schädlichen 
Anzeigende  (kritische)  Tage     .     . 

—  Zeichen,  allgemeine  und  besondere 

—  — ,  ohne  die  Mittel  nutzen  Nichts 
Apotheker,  Notwendigkeit  derselben 

—  Entbehrlichkeit  derselben    .... 
Appetitlosigkeit,  langwierige,  ist  böse 
Appetitreizende  Mittel  zu  vermeiden 
Arbeiten  bei  Hungern  unzulässig  . 

Aristotelische  Dreiheit 

Arrak,   die  ersten  Spuren  davon 

Arterien,  Verletzung  der  grossen,  ist  tödtlich 

Arznei  im  Allgemeinen      .... 

—  gegen  äussere  Uebel 

—  äusserliche,  gegen  äussere  Beschwerden 

—  —  sämmtlich  unnütz      .... 

—  —  verdunkeln  die  Zeichen 

—  allopathische 

—  ihre  wahre  Analyse 

—  Begriffe  derselben 

—  die  Eine  stört  die  Andere 

—  —  vernichtet  die  Andere    .      .     . 

—  einfache,   die  vorzüglichste 


—  mit  einem  Feuerfunken  verglichen 

—  heftige  gegen  heftige  Krankheiten 


587 

Aph. 

Glos. 

2,22 

— 

2,34 

— 

— 

6,37 

— 

6,37 

— 

6,37 

— 

6,37 

— 

4,17 

— 

5,1 

— 

6,20 

— 

2,48 

— 

2,48 

— 

5,1 

— 

5,1 

— 

5,1 

— 

5,1 

— 

2.24 

— 

2,40 

1,1 

— 

— 

7,3 

— 

2,17 

2,24 

— 

— 

7,66 

— 

2,19 

— 

1,1 

— 

1,1 

7,6 

— 

— 

1,1 

2,16 

— 

— 

1,20 

— 

7,7 

_ 

6,18 

— 

1,1 

— 

6,20 

— 

6,20 

— 

6,20 

— 

6,20 

— 

1,1 

— 

V. 

— 

1,4 

— 

1,4 

— 

2,37 

— 

2,14 

— 

7,70 

— 

2,37 

1,6         — 


588 


Inhalt. 


Aph. 


Arznei  heilt  nur  innerhalb  ihres  Wirkungskreises  — 

—  heilt  nicht  unmittelbar — 

—  hippokratische — 

—  homöopathische .  — 

—  kann  niemals  indifferent  sein        — 

—  für  tonische  und  klonische  Krämpfe       ...  — - 

—  bei  und  nach  den  Krisen  zu  vermeiden     .     .  1,20 

—  kunstgerecht  angefertigt — 

—  wirkt  zunächst  auf  die  Lebenskraft        ...  — 

—  verdirbt  den  Magen         — 

—  ist  kein  Nahrungsmittel — 

—  ist  stets  eine  an  sich  schädliche  Substanz  .      .  — 

—  oft  schädlicher,   als  die  Krankheit     ....  — 

—  ein  unbedingt  schädlicher  Stoff — 

—  alle  zwei  oder  drei  Stunden  zu  nehmen     .      .  — 

—  tödtet  den  verordnenden  Arzt — 

—  was  diese  nicht  heilt,  das  heilt  das  Messer     .  8,6 

—  für  die  Verdauung — 

—  widerwärtige — 

—  von  gleicher  "Wirkung  mit  einer  Andern  giebt 

es  nicht — 

—  darf  in  ihrer  Wirkung   nicht  gestört  werden  .  — 

—  zusammengemischte — 

Ankündigungen  in  den  Zeitungen        .      .  — 

Bereitung  Hahnemanns,   die  älteste    ...  — 

Bücher  für  das  Volk — 

Debit  ausserhalb  der  Apotheken     ....  — 

Dispensirung — 

Entdeckungen  von  den  Wilden        ...  — 

Graben,  heftige — 

—  —  herauf-  oder  herabsteigende — 

—  —  hinreichende — 

—  —  die  höchsten — 

—  —  homöopathische, — 

—  —  kleine  wirken  anders,   als  grosse       ...  — 

—  —  um  so  kleiner,  je  akuter  die  Krankheit    .  — 

—  —  um    so  kleiner,   je  schwächer    der  Kranke  — 

—  —  die  kleinsten  haben  oft  grosse  Wirkungen  — 

—  — ,  Unterschied  zwischen  allopath.  u.  homöop.  — 

—  —   übergrosse,   deren  Ursache       .  — ■ 

—  —  Vortiieil  der  Kleinen — 

Gebrauch,  täglicher,  ist  gefährlich      ...  — 


Glos. 

5^70 

2,52 

1,6 

1,1 

2,37 

7,13 

2,12 

1,20 

2,12 

1,4 

4,69 

2,37 

1,1 

2,12 

1,6 

2,37 

1,20 

4,69 

1,5 

2,38 

6,5 

1,20 

2,12 

3,30 

2,13 

3,30 

3,30 

1,1 

2,25 

1,3 

2,13 

2,51 

2,51 

1,3 

2,27 

2,51 

6,39 

6,20 

1,6 

6,20 

1,3 

1,5 


Inhalt.  589 

Aph.  Glos. 

Ar zn ei -Gebr au ch,  tägl.,  ist  unbedingt  schädlich  —  1,20 

Gemische —  2,14 

•      • -  1,1 

—  —  bereits  im  Alterthume  gerügt       .     .     .      .  —  2,32 

—  —  das  älteste —  2,14 

—  —  deren  Bestandtheile  verfehlen  ihren  Zweck  —  7,70 

—  —  gleichen  unbekannten  Hexentränken     .      .  —  7,70 

—  —  gleichen  einem  Schusse  mit  Kartätschen    .  —  7,70 

Kenntniss   ist   die  Hauptsache    beim  Heilen  —  1,1 

—  2,19 

—  —  unentbehrlich        —  2,52 

von  Thieren  gelernt —  6,47 

Kraft  ist  dynamisch —  1,20 

—  —  zeigt  die  Anwendung  derselben  an        .     .  —  4,30 
Krankheit  aus  fehlerhafter  Diät    ....  —  1,5 

—  —  als  Nachkrankheit —  2,12 

Kunst  überhaupt 1,1  — 

—  —  Rückschritte  darin —  5,8 

•      •      •  —  1'12 

—  —  mit  der  Wahrsagekunst  zu  vergleichen      .  —  1,24 

—  — ,  was  sie  ist  und  nicht  ist —  1,6 

Prüfungen  am  Gesunden —  V. 

—  —    der  arabischen  Aerzte —  V. 

—  —  dem  Galenus  zugeschrieben —  1,1 

Verfälschung —  1,1 

Verkauf —  3,30 

Verstärkung —  1,6 

Wahl  der  Allopathen  und  Homöopathen        .  —  1,1 

Wechsel —  1,20 

-  1,1 

—  —  Anzeigen  dazu —  2,52 

—  —  vorher  wohl  zu  überlegen —  2,52 

Wiederholung  im  Allgemeinen     ....  —  1,20 

—  — ,  wo?  und  wo  nicht? —  7,12 

Wirkung  im  Allgemeinen      ......  —  2,37 

—  —  abzuwarten —  1,20 

•      •      •  -  7'12 

—  —  durch  Reiben  und  Schütteln  erweitert  .     .  —  7,12 

—  — ,  Werth  jeder  speziellen —  6,54 

—  — ,  verschiedene,  auf  Thiere         —  1,1 

Arzneiliche  Hülfe  nicht  atifzuschieben     ...  —  4,43 

Arzneiliches  jeder  Art  zu  vermeiden       ...  —  2,50 

Der  Arzt  wirkt  bloss  im  Lebenden        ....  —         V. 

—  ist  der  Befehlshaber  des  Kranken     ....  —  1,1 

—  oft  schlimmer  als  die  Krankheit        ....  —  1,1 


593  Inhalt. 

Aph.  Glos. 

Der  Arzt,    der   kranke,    sucht   für   sich  bei  An- 
dern Hülfe —  1,6 

—  darf  Lügen .  —  2,37 

Des  Arztes  eigentlicher  Beruf —  2,35 

—  erstes  Erforderniss  zum  Heilen —  6,r>4 

Des  Asclepiades  allgemeine  Kuren    ....  —  3,30 

Asphalt  gegen  Knochen brüche —  7,20 

Athem,  seufzender,  ein  böses  Zeichen  ....  6,54  — ■ 

Atembeschwerden  im  Fieber  böse       .     .     .  4,68  — 

—  —  zeigen  Krampf  an .     .     .  4,68  — 

Aufblähung  des  itindviehs —  5,4U 

Aufklärung  zögernd  von  jeher  bei  d.  Arzneikunst  —  7,65 

Die  Aufeinanderfolge  der  erbroch. Stoffe  wichtig  —  6,15 

—  sehr  nahe  verwandter  Mittel —  7,1 2 

Aufschrecken  im  Schlafe  bei  Fiebern  böse      .  4,67  — 

Aufstossen,  künstlich  erregtes —  6,1 

—  saures  bei  Durchfall  gut 6,1  — 

—  ■ —  fehlt  beim  hom.  Haupt- Antiphlogistikum    .  —  6,33 

—  —  schützt  vor  Seitenstich 6,33  — 

Augen-Entzündung  u.  deren  Mittel  verschieden  6,31  — 

—  halboffene,  im  Schlafe  böse 6,52  — 

—  —  oft  unerheblich —  6,52 

—  —  bei  Durchfall  ungefährlich 6,52  — 

Röthe  nach  Erbrechen  böse 7,3  — 

Schmerzen  zu  behandeln 7,46  — 

Auskultation,  Nutzen  derselben —  7,8 

Ausleerungen  im  Allgemeinen 1,21  — 

—  im  Anfange  der  Krankheit 1,*22  — 

2,29  — 

4,10  — 

—  anormale —  2,14 

—  Anzeigen  dafür 1,2  — 

—  aufhörend  bei  eintretendem  Durste   ....  4,19  — 

—  flüssige,  bei  Schwächlingen —  6,2 

—  gallichte 2,15  — 

—  gefährliche 1,3  — 

—  des  Gekochten   .    < 1,22  — 

—  in   der   Höhe    der  Krankheit  zu  vermeiden     .  2,29  — 

—  von  der  Homöopathie  verworfen —  1,22 

—  alle  nachtheilige  zu  verhindern 4,2  — 

—  bei  reichlicher  Nahrung  schnell  erfolgend  .     .  2,18  — 

—  bis  zur  Ohnmacht        1,23  — 

—  prophylaktische —  2,37 

—  verursachen  Schwäche —  1,2 

—  bei  Schwäche  mit  Appetitverlust 2  8  — 


Inhalt.  591 

Aph.  Glos. 

Ausleerungen   nach    dem  Sitze  der  Schmerzen  4,18  — 

—  heilen  Ueberfülluug 2,22  — 

—  u.  Ueberfüllungen  bringen  gleiche  Beschwerden  6,39  — 

—  Uebermaass  darin        —  1,23 

—  des  Ungekochten  (Hohen) 1,22  — 

—  nur  des  Verdorbenen  ist  erspriesslich     ...  4,3  — 

—  von  verschiedener  Beschaffenheit 1,23  — 

—  mit  Vorsicht  vorzunehmen         1,-5  — 

Ausnahmen  von  der  Kegel —  3,5 

Ausreden  der  Aerzte —  2,19 

Ausruhen  hilft  gegen  Anstrengung       ....  2,48  — 

Aussetzen  der  Arznei  bei  chronischen  Uebeln  .        —  1,20 

Aussonderungen  für  die  Prognose  wichtig       .  7,79  — 

—  für  die  Therapie  wichtig —  7,79 

Auswahl,  zu  strenge,  der  Genüsse  nicht  rathsam       —  2,50 

Auswurf  nach  Geschmack  u.Geruch  zu  beurtheilen        —  5,11 

—  stinkender  nicht  absolut  tödtlich        .     .     .     .       —  5,11 

—  —  beim  Verbrennen  tödtlich         5,11  — 

—  —  —  giebt  eine  unsichere  Prognose    ...       —  5,11 
Auszehrung  von  stockenden  Afterblutungen      .  6,12  — 

Badekuren  im  Allgemeinen        —  6,47 

und  Brunnen-Kuren —  2,37 

—  Bild  einer  Dreijährigen        —  2,37 

—  unsicher —  6,47 

Bäder,  kalte —  5,25 

—  1,1G 

Bairisches  Bier        —  2,21 

Ballspiel,  eine  nützliche  Bewegung     ....        —  2,50 

Banknoten  und  Talente  unwürdig  verwendet   .        —  7,61 

Barbarismus  einiger  Aerzte —  8,ü 

Im  Bauche  erzeugt  Bluterguss  Eiter     ....  6,20  — 

Bauchflüsse  bessern,  wenn  sie  sich  verändern  2,14  — 

Bauchschmerzen  im  Ober-  und  Unterbauche  .  6,7  — 

Baumscheidt  in  Endenich —  8,18 

Begleitende  Beschwerden  von  gröster  Wichtigkeit       —  3,5 

Beinbrüche,  Mittel  der  Alten  dagegen     ...        —  7,20 

Belladonna  und  brauner  Kohl —  6,54 

Beobachtung  fühlt  zur  Erkenntniss     ....       —  8,18 

Beruf,  der  oberste,  des  Arztes —  5,39 

Berufen,  oder  Beschreien —  1,3 

Besinnung,  völlige,  ein  gutes  Zeichen      .     .     .  2,33  — 

Besserung,   einer  unverhofften,    nicht  zu  trauen  2,27  — 

Besserungs-Ursachen  wohl  zu  beachten        .      .        —  3,5 

Betäubung  hebt  die  Schmerzen 5,25  — 

—  kann  keine  Schmerzen   heilen —  5,25 


592  Inhalt. 

Aph.  Glos. 

Bei  Betrunkenen  ist  Verlust  der  Sprache  böse  5,5  — 

—  nützt  rother  Kohl —  5,5 

Das  Bett  ein  Krankheitsnest —  2,3 

Beurtheilung  schwierig 1,1  — 

Billard-Kugeln —  8,20 

Blähungsbeschwerden  fehlen  bei  der  Gelbsucht  5,72  — 

Blase,  m  der,  Geschwüre 4,75  — 

—  Schmerzen —  4,81 

Blasenleiden,  Zeichen  dafür 7,39  — 

Blasen-Stein 4,79  — 

—  homöopathische  Heilung  desselben     .     .     .     .  —  4,79 
Blasen-Uebel  bei  Alten  schwer  zu  heilen   .     .  6,6  — 

Blasen-Verschwärung 4,8!  — 

Blattern,  Kuhpocken  und  Mauke  dasselbe     .      .  —  6,20 

B  lau  wer  den  d.  Fleisches  bei  Knochengeschwüren  7,2  — 

Bleiche  Farben  zu  erzielen —  5,42 

Bleichwassersucht  vom  Durchfall    gehoben     .  7,29  — 

Blendwerk,  gelehrtes          —  6,58 

Blindgeborene  werden  nicht  kahlköpfig       .  —  6,34 

Die  Blüthe  der  Medizin —  4,30 

Blut,  Schleim,  gelbe  und  schwarze  Galle        .     .  —  2,22 

—  schäumendes,  kommt  aus  der  Lunge      .     .     .  5,13  — 

—  in  den  Brüsten  und  Geistesverwirrung..     .     .  5,40  — 
Blutabgang  in  der  Schwangerschaft  böse  5,60  — 

—  nach  Oben  ist  böse 4,25  — 

—  (schwarzer;   nach  Unten  ist  gut 4,25  — 

Blutauflösende  Mittel .  —  6,20 

Blutauswurf  vor  der  Regel  ist  böse    ...     .     .  5,32  — 

—  durch  die  Eegel  gehoben 5,32  — 

—  und  darauf  oft  Schwindsucht — ■  5,32 

Blutbeschaffenheit  und  Farbe  desselben    .     .  —  7,37 

— ■  muss  den  Mitteln  entsprechen — -  5,13 

—  beim  Nasenbluten        —  8,3 

Blutbrechen  mit  und  ohne  Fieber       ....  7,37  — 

—  bessert,  aber  heilt  nicht —  7,37 

—  Cautelen  bei  der  Behandlung  desselben      .     .  —  7,37 
Blut  drang  zum  Kopfe  bei  den  Fieberstadien    .  —  8,3 

Blutegel,  deren  erste  Anwendung —  4,2 

Blutfluss,   den  monatlichen,  zu  stillen       .     .     .  5,50  — 

—  untilgbarer,  nach  Schröpfköpfen    ......  —  1,2 

Blutgierige  und  blutscheue  Aerzte      ....  —  5,31 

Blutharnen  bei  Krankheiten —  4,78 

—  beim  Rindvieh —  4,78 

—  Zeichen  davon 4,78  — 

Bluthusten  nach   Hier —  2,21 


Inhalt.  593 

Aph.  Glos. 

Bluthusten,  und  darauf  Eiterauswurf       .     .     .  —  7,16 

Blut i gel  bei  Hydrocephalus  oft  tödtlich    ...  —  7,42 

Blutreinigung —  4,2 

Blutschwainin —  7,21 

Blutspeien,  und  darauf  Abzehrung      ....  7,78  — 

—  Folgen  davon 7,15  — 

7,16  — 

Blutumlauf  im  Körper —  7,12 

Blutungen,  dynamische  Heilungen  davon     .     .  —  5,23 

—  freiwillige —  7,21 

—  bei  Nervenfieber  gefährlich —  4,60 

Blutverlust  zeigt  oft  China  an —  4,27 

Boerhaave's  Gesundheitsregel —  5,18 

—  Schicksale —  8,18 

Botanik  und  Arznei  Wissenschaft —  1,1 

Botenläufer  ei,  ärztliche —  1,20 

Bräune,  verschiedene  Arten  davon        ....  —  6,37 

—  mit  äusserer  Halsgeschwulst  ist  gut       .     .     .  6,37  — 

—  die  häutige,  bei  Kindern —  3,1 

Brand  in  Folge  kalten  Wassers —  5,20 

Branntwein  den  Alten  unbekannt       ....  —  7,7 

Brechmittel,  Anzeigen  dafür 4,17  — 

—  oft  sehr  gefährlich —  1,23 

—  von  der  Homöopathie  verworfen        ....  —  1,22 

—  bei  Schwindsüchtigen  zu  vermeiden        .     .      .  4,8  — 

—  im  Winter  schädlich 4,12  — 

Brennen  und  Schneiden  bessert  den  Eiter  nicht  —  7,44 

—  vom  Beginne  an —  8,6 

Brot    von    der    französischen    Fakultät   verboten       —  1,4 

Brown  und  sein  Podagra —  6,28 

Brüche,  Dieffenbach  darüber —  6,58 

—  Heilung  der  Eingeklemmten —  6,58 

—  homöopathische  Heilung  derselben     ....  —  6,58 

—  Operation  derselben —  6,58 

Brunnen-Kuren —  6,47 

—  deren  Folgen —  2,37 

Brüste,  Zeichen  von    wieder  Anfüllen  derselben  5,53  — 

—  Zeichen  von  Schwinden  derselben     ....  5,53      — 

—  Schwinden,  ein  Vorzeichen  einer  Fehlgeburt  .  5,37  — 

—  straffe  der  Schwangeren 5,52       — 

Brust,  in  der,  werden  Flüssigkeiten  zu  Eiter      .  7,38      — 

Brustfell-Eiterung —  5,15 

Entzündung,  Mittel  dagegen —  7,11 

Brustkrebs  zu  heilen  noch  unsicher    ....       —  5,15 
—  6,38 

38 


594 


Brustkrebs -Operationen 

Buckelige  Jünglinge  sterben  früh 

—  speicheln  leicht  und  stark  nach  Merkur      .      . 
Bündnisse  der  Dummen  gegen  das  Genie    . 
Calcarea  carb.   verschlimmert  durch  Kalttrinken 
Calidum  innatum  der  Herakliden    ....... 

Camphora  bei  der  Cholera 

—  in  höheren  Potenzirungen  wirksam  .     . 

Catalyse,  Erwartungen  davon 

Causa  morbi 

Causticum  gebessert  durch  Kalttrinken     . 

Cavour's  Tod 

Celebrität  einer  Unwahrheit 

Cessante  causa,  cessat  effectus,  ist  falsch 
Chamomilla,  die  Unsrige  von  der  Französischen 

verschieden    .  

Chemie  im  Allgemeinen 

—  — ■  ist  noch  keine  Wissenschaft 

—  findet  keine  wahren  Arzneikräfte       . 

—  führt  zu  irrigen  Schlüssen    .  . 

—  kann  in  der  Arznei  nicht  mitsprechen    . 

—  eine  blosse  Experimenten-Sammlung 

—  ihre  Gesetze  treten  erst  im  Tode  in  Wirkung 

—  die  organische,  ist  unzuverlässig        . 

—  steht  unter  der  Lebenskraft 

—  führt  das  Scepter  in  allen  Naturwissenschaften 

—  gehört  nicht   zur    eigentlichen  Arzneikenntniss 

—  wirkt  verschieden  im  Leben  u.  im  Laboratorium 
Chemische  Prozesse  sind  niemals  Organische 

—  Mittelstufen  oder  Spaltungsreihen 

—  —  verschieden  von  den  Organischen 

Dynamische  Wirkungen 

China-Fieber  .     « 

—  Hahnemann's  erster  Versuch  damit 

—  führte  zur  Entdeckung  der  Homöopathie 

—  ihre  Heil-  und  Unheil-Kraft     . 

—  gegen  Herbst-  und  Sumpf-Fieber 

—  ihr  homöopathischer  Missbrauch    . 

—  ihre  langsame  Verbreitung 

—  aus  Peru  eingeführt 

Siechthum 

—  Ursprung  des  bot.  Namens  Cinchona 

—  Zeichen  für  die  Anwendung  derselbei 

—  Zerlegung  derselben 

Chinin  um  sulphuricum,  dessen  Unfehlbarkeit 


Aph. 


6,46 


Glos. 
<M8 

6,46 

5,65 

4,16 

8,18 

4,46 

7,50 

1,3 

5,24 

4,16 

5,9 

8,6 

5,24 

4,19 

1,1 

4,49 
2,51 
2,51 
2,51 

,49 
4,49 
2,51 

V. 

4,49 
4,49 
7,21 
1,14 
4,49 
8,18 
2,38 
4,30 
2,25 
2,25 
2,25 
2,25 
5,4 
2,25 
2,25 
2,25 
2,25 
4,30 
2,25 
4,59 


Inhalt.  595 

Aph.  Glos. 

Chinesische  Füsse  und  europäische  Taillen       .  —  6,46 

Chirurgische  Beihülfe  unentbehrlich  ....  —  7,24 

—  Fälschung —  86 

—  Geständnisse  eines  Koryphäen —  8,6 

—  Werkzeuge        —  7,24 

Chlor -Kalk  hindert  die  Verwesung  nicht      .      .  —  8,18 

Chloroform-Wirkung        —  2,6 

—  —  bei  Operationen —  7,20 

—  8,6 

Cholera —  6,54 

—  die  älteste  Heilung  derselben        —  4,24 

—  sicca —  6,1 

—  ihr  Wesen  unbekannt,  daher  unheilbar       .     .  —  4,46 

Cholerine        —  4,75 

Chronische  Krankheiten        —  2,28 

—  und  akute  Krankheiten —  2,7 

.     .     . —  2,8 

f     ■     •  —  2,12 

—  2,18 

—  Krankheiten  wechseln  ihre  Form      .     .     .      .•  —  6,17 

—  —  zu  heilen —  3,28 

—  —  Natur  derselben —  5,55 

von  selbst  ungeheilt  bis  zum  Tode  .  2,39      — 

Cito,  tuto  et  jucunde  curare ♦  —  2,27 

Consultationen,  ärztliche —  2,51 

Contraria  Contrariis  im  Allgemeinen        .      .     .  2,22      — 

—  1,20 

' —  2,48 

—  —  Beweise  dafür —  6,39 

—  Durchführung  dieses  Grundsatzes       .     .     .      .  —  5,21 

—  liegt  eigentlich  nur  in  der  Reaktion      ...  —  7,48 

—  Erklärung  desselben  von  Swift —  5,21 

—  —  von  Hippokrates  durch  Hunger  ....  —  2,22 

—  gegen  dasselbe —  7,46 

—  7,48 

—  7,67 

—  dessen  ältester  Gegner  (Cardanus)    ....  —  7,48 
. —  Nichtigkeit  desselben —  5,21 

—  galt  nie  für  eine  ausnahmslose  Regel    ...  —  7,46 

—  ist  nicht  stichhaltig —  2,48 

—  Swift's  ironisches  Urtheil  darüber      ....  —  5,21 

—  Verstösse  dagegen  bei  der  Allopathie    .     .      .  —  7,67 

—  verwechselt  mit:   Sublata  causa —  2,22 

—  Widerspruch  dagegen  beim  Hippokrates     .      .  —  7,46 
Contrarium  gegen  Schmerzen  giebt  es  nicht     .  —  5,21 

38* 


596  Iah»". 

Aph.  Glos. 

Contrarium  gegen  Schmerzen  giebt  es  nicht     .  —  6,5 

—  sehr  oft  unmöglich —  2,22 

Corrigentia  nützen  nichts —  4,53 

Coxalgie,  Heilung  derselben —  6,60 

Croup,  Heilung  des  wahren —  6,37 

—  Kennzeichen  des  wahren —  6,37 

Csömör  in  Ungarn —  4,17 

Cuprum  gebessert  durch  Kalttrinken     ....  —  4,16 

Die  Dämonen  des  Pythagoras —  8,18 

Därmen,  Verletzung  der  dünnen,  tödtlich     .      .  6,18  — 

Darmgicht  (Ileus)  mit  bösen  Nebenbeschwerden  7,15  — 

—  mit  Harnstrenge  tödtlich 6,44  — 

—  Heilung  derselben —  6,44 

Die  Dampf  kraft  als  Unsinn  verurtheilt   ...  —  5,38 

Decoctum  Zittmanni .  —  6,54 

Definiren  ist  schwierig —  1,16 

Delirien,  gefährliche 6,53  — 

—  nicht  gefährliche 6,53  — 

—  nach  Schlaflosigkeit  böse 7,18  — 

—  nach  Verblutung  böse 7,9  — 

Delirium  tremens 7,7  — - 

Denken  wirkt  (materiell ,)   a\if  das  Gehirn       .      .  —  V. 

—  ist  die  Blüthe  des  Gehirns —  V. 

Diabetes  mellitus —  4,81 

Diät  im  Allgemeinen —  1,1 

—  nicht  zu  ängstlich  zu  nehmen —  2,50 

—  der  Allopathie  äusserst  willkürlich     ....  —  2,38 

—  der  Alten —  1,4 

—  für  verschiedene  Alter 1,13  — 

—  die  beste .-     .  —  2,5 

—  der  Gesunden 1,5  — 

—  in  der  Höhe  der  Krankheit 1,8  — 

1,9  - 

1,10  — 

1,11  — 

—  der  Homöopathen —  1,4 

.....' —  7,59 

—  —  in  ihrer  Begründung —  1,1 

—  7,65 

—  heilt  für  sich  allein  nicht —  1,1 

—  bei  hitzigen  Krankheiten 1,7  — 

—  magere 1,4  — 

1,5  - 

—  allzu  strenge  nachtheilig 1,4  — 

1,5  — 


Inhalt.  597 

Aph.  Glos. 

Diät,  Unterschied  zwischen allo-u. homöopathischer  —  1,4 

Diagnosen  der  Krankheiten —  7,23 

—  —  spezielle  für  Gattung,   Art  und  Spielart     .  —  7,6 
Digitalis  purp,  gegen  Herzklopfen       ....  —  2,41 

—  gegen  Wassersucht -.  —  7,29 

Die  Disharmonie  des  Alkmäon —  8,18 

Dispensir-Verbot —  1,1 

Disputation   ohne  Gewinn  für  die  Wahrheit      .  —        V. 

Divinations- Gabe  grosser  Männer       ....  —  6,44 

Doctor- Promotionen —  6,37 

Das  Dogma  der  Dichotomie —  8,18 

Don  Quixote  von  Sydenham  empfohlen      ...  —  5,38 

Dos  es  praescriptae  der  Pharmakopoen  ....  —  2,13 

Dreifache  Anima  der  Aristoteliker       ....  —  1,20 

v.   Droste-Hülshof,   Annette,   eine  Erinnerung  —  7,16 

Drüsengeschwülste  bei  Fiebern  böse     .     .     .  4,55      — 

—  bei  Pest  und  Typhus —  4,55 

Dummköpfe  im  Bunde  gegen  Genie   .     .     .     .  —  5,55 

Durchdringlichkeit  verschiedener  Stoffe     .     .  —  8,18 

Durchfall  ist  jederzeit  böse —  8,5  '■ 

—  1,22 

—  bedenklicher,  als  Hartleibigkeit —  2,21 

—  ist  Product  einer  Darmkrankheit       ....  —  4,2 
—  1,22 

—  von  den  Homöopathen  vermieden      ....  —  5,34 

—  ist  eine  Krankheit  des  Unterleibes    ....  —  5,34 

—  und  Abzehrung —  7,16 

—  bei  Augenentzündung  vortheilhaft      .      .      .      .  6,17       — 

—  bei  chronischer  Augenentzündung  unnütz  .      .  —  6,17 

—  von  Bairischem  Bier .  —  2,21 

—  gegen  Bleichwassersucht  hülfreich      ....  7,29      — 

—  nach  Blutverlust 4,27      — 

—  wie  schmerzlose  Cholerin  e        ......  —  4,73 

—  bei  chronischem,   Schaden  stopfende  Mittel      .  —  6,43 

—  mit  Durst —  4,19 

—  durch  Erbrechen  gehoben 6,15      — 

—  verursacht  leicht  Fehlgeburt 5,34       — 

—  freiwilliger 1,2         — 

—  gallichter  heilt  Taubhörigkeit 4,28       — 

—  gefährlicher 4,21       — 

—  nach  Hypochonder- Beschwerden       ....  4,73      — 

—  von  Käse —  2,21 

—  nach  langwierigen  Krankheiten  böse      .      .      .  8,5         ■ — 

—  bei  Milzleiden  vortheilhaft 6,48      — 

bringt  Magenruhr 6,43       — 


598  Inhalt 

Aph.  Glos. 

Durchfall  bei  Milzleiden  bringt  "Wassersucht     .  6,43  — 

—  darauf  wahre  Ruhr 7,75  — 

—  schleimiger,  fliesst  aus  dem  Kopfe    .     .     .     .  7,30  — 

—  chronischer,  bei  Schwächlingen —  6,2 

—  der  Schwangeren —  5,34 

—  bei  Schwindsucht  tödtlich 5,12  — 

5,14  — 

—  bei  Seitenstich  böse 6,16  — 

—  —  macht  ihn  nervös —  6,16 

—  bei  Stammelnden  besonders  angreifend        .      .  6,32  — 
Durchscheinen,  röthliches,   der  lebenden  Theile  —  8,14 
Durchgeschnittene  Theile,  welche  nicht  heilen  6,19  — 

6,24  — 

Durst,   als  charakteristisches  Zeichen     .      .      .      .  —  1,16 

—  bei  Fiebern  sehr  verschieden —  1,16 

—  krankhafter,  zu  löschen       .      .      .      .    ■.      .     .  —  1,16 

—  nächtlicher,  bei  akuten  Fiebern —  5,27 

—  bei  nächtlichem,  ist  Einschlafen  gut       .     .     .  5,27  — 
Dynamische  Natur  der  Krankheiten    ,     .     .     .  —  1,20 
Dynamismus  Hahnemann's —  1,20 

—  und  Chemismus —  8,18 

Dyskrasien  zu  heilen  ist  die  Hauptsache      .     .  —  7,77 

—  verschlechtern  den  Eiter —  7,44 

Ebbe-  und  Fluthzeit  in  Bezug  auf  Gebärende    .  --  5,55 

Egoismus  medizinischer  Chorführer       ....  —  6,17 

Eigentümlichkeit  der  Krankheiten       ...  1,12  — 

Eikopathische  Mittel —  5,7 

Einfaches  dem  Zusammengesetzten  vorzuziehen  —  2,14 
Nur    einfache   Vorschriften    liefern   reine  Erfah- 
rungen   —  7,18 

Einfachheit  der  homöopathischen  Arzneien  .     .  —  7,65 

Einheit  ist  das  Gesetz  der  Gesetze      ....  —  6,47 

Eis  für  die  Brust  schädlich 5,24  — 

Eiter,  guter  und  schlechter 7,44  — 

—  5,15 

—  guter  ist  die  beste  Salbe —  7,44 

—  wie  Oelsatz  bei  Leberleiden  böse      ....  7,45  — 

—  schlechten,  in  guten  umzuwandeln   .      .      .      .  —  5,15 
.     .     . -  5,67 

—  schützt  gegen  Entzündung —  7,20 

—  weisslicher,  bei  Leberleiden  gut 7,45  — 

Eiter- Auswurf ,  Mittel  dagegen —  7,16 

—  -Beulen  nicht  vor  der  Reife  zu  öffnen    .      .  —  7,44 

—  -Beschaffenheit  giebt  wichtige   Symptome  —  7,44 

—  -Bildung,  während   der,   erhöhte  Schmerzen  2,47  — 


Inhalt.  599 

Aph.  Glos. 

E  it  e  r  -  B  i  1  d  u  n  g ,  durch  die  Homöopathie  befördert  —  2,47 

—  -Entleerung  wirkt  wie  Säfteverlust  ...  -  6,27 
plötzliche  ist  tödtlich 6,27  — 

—  -Geschwulst,  Brennen  derselben  ....  —  7,44 

—  —  nach  Innen  aufbrechend  ist  böse      .     .     .  7,8  — 

—  —    bei  Nierenleiden 7,36  — 

—  -Verbesserung  durch  innere  Mittel  ...  —  7,44 
Ekliptik,  Eintheilung  derselben      .....  —  2,22 

Elektrische  Telegraphe —  7,17 

Die  Elemente  des  Empedokles —  8,18 

—  die  vier  berühmten —  2,22 

—  die  ersten  wahrer  Forschung —  2,20 

Elixir  proprietatis —  1,13 

Emmeniagogische  Mittel —  5,28 

Empiriker,   die  alten —  2,22 

Empiriker  und  Aerzte —  6,32 

Empfindungen  in  ihrer  Eigenthümlichkeit  .      .  —  6,5 

Das  Enormon  des  Hippokrates -■-  8,18 

Entdeckungsmedizin    verlangt    das    Selbstdis- 
pensiren   —  6,25 

Entgegengesetztes  heilt 2,22  — 

Enthaltsamkeit,  übermässige,  schadet    .      .     .  2,4  — 

Entsalzen  der  Speisen —  2,38 

Entscheidung  hitziger  Krankheiten     ....  2,23  — 

—  der  Kinder  -  Krankheiten 3,28  — 

— ;  Nothwendigkeit  einer  schnellen —  1,1 

Entwickelung  der  Arzneikraft —  2,13 

Entzündung  hindert  die  Eiterbildung  ...  —  5,67 
—  7,21 

—  dagegen  giebt  es  kein  Contrarium  ....  —  2,22 
Erbliche  Mängel  und  Difformitäten  ....  —  6,46 
Erbrechen  im  Allgemeinen — ■  1,21 

—  freiwilliges 1,2         — 

—  1,22 

—  hebt  Durchfall 6,15      — 

—  bei  Durchfall  oft  sehr  böse —  6,15 

—  das  Erbrochene  dabei  zu  beachten    ....       —  6,15 

—  die  Folge  der  erbrochenen  Stoffe  zu  beachten        —  6,15 

—  gallichtes,   nach  Gehirnentzündung     ....  6,50      — 

—  der    Schwangeren    durch    Fussgeschwulst   ver- 

hindert         —  5,61 

Erfahrung  muss  allein  entscheiden       ....       —  2,22 

—  entscheidet  über  die  Gaben -Grösse   ....        —  2,37 

—  fremde,   sättigt  nicht   .     .  —  6,32 

—  allein  giebt  Sicherheit —  1,14 


600  Inhalt- 

Aph.  Glos. 

Erfahrung  allein  giebt  Sicherheit —  6,32 

—  widersprechende —  2,34 

Erfahrungswissenschaften  zuerst,  und  dann 

erst  die  Ursachen —  6,32 

—  rationelle,  giebt  es  nicht —  5,63 

Erfindungen  finden  oft  spät  Anerkennung        .  —  1,1 

—  die  grössten  scheinen  anfangs  die  Unsinnigsten  —  8,1 

—  je  grösser,  desto  mehr  Widerspruch       .  —  8,3 
Erfordernisse  für  die  homöopathische  Prognose  —  2,19 

Erfrorene  wieder  zu  beleben —  5,19 

Erhängte  mit  Schaum  vor  dem  Munde     .     .     .  2,43  — 

Erhöhung  der  Krankheits  -  Symptome  ....  —  2,13 
Erkennen    einer  Krankheit  und  sie  heilen  sind 

verschieden —  1,1 

Erklärungen,  worin  sie  eigentlich  bestehen       .  —  1,14 

—  und  Ergrübelungen  sind  stets  unsicher       .     .  —  5,56 

—  gefährliche —  1,15 

—  missglückte —  7,51 

—  physiologische  u.  hippokratische  gleich  wichtig  —  8,4 

—  unmögliche  der  natürlichen  Erscheinungen       .  —  7,54 

Erklärungs-Phrasen,  gelehrte —  2,28 

Sucht        —  1,14 

—  -Versuche  über  Naturerscheinungen  .      .      .  —  3,3 

Erröthen  vor  sich  selbst —  7,65 

Erscheinungen,  kritische —  1,2 

Erstickungsanfälle,  plötzliche,  tödtlich      .     .  4,34  — 

Erst-Wirkungen  der  Arzneien —  1,20 

—  2,13 

—  von  den  Aerzten  nicht  beachtet —  2,27 

—  verbürgen  die  Besserung —  1,20 

—  von  Cullen  erkannt —  2,27 

—  von  Hippokrates  geahnt —  2,27 

—  nicht  unnöthig  zu  verlängern        —  1,20 

Ertrunkene  mit  Schaum  vor  dem  Munde     .      .  2,43  — 

E  rwachung  (latenter)  chronischer  Krankheiten  —  7,76 

Erweichung  auszuleerender  Stoffe        ....  2,9  — 

Erzeugung  ohne  Zeuger         —  5,59 

Essen  von  Trinken  zu  unterscheiden    .      .      .      .  —  1,16 

Essgierde,  unnatürliche —  1,4 

Die  expektative  Schule  der  Neuzeit  ....  —  6,54 

Expcktatives  Verfahren —  2,52 

Les  extremes  se  touchent —  6,54 

Extremitäten,  was  dazu  gerechnet  wird      .      .  —  7,1 

Fabrikanten  und  Aerzte .  —  3,30 

Fallsucht,   Heilung  im   Allgemeinen     ....  —  5,7 


Inhalt.  601 

Aph.  Glos. 

Fallsucht  von  unterdrückten  Ausschlägen     .      .  —  2,45 

—  frisches  Blut  dagegen  schon  den  Kömern  bekannt  —  2,45 

—  heilbar  und  unheilbar 5,7  — 

—  durch  Hausmittel  geheilt —  5,7 

—  der  im  Neu -Monde  geborenen  Kinder        .      .  —  5,7 

—  durch  Homöopathie  geheilt —  2,45 

—  durch  Kopffleisch  erneuert —  2,45 

—  durch  schwarzseidenes  Tuch  zu  beschwichtigen  —  2,45 

—  kein  Spezifikum  dagegen —  5,7 

—  durch  äussere  Umstände  geheilt 2,45  — 

Falschmünzer,   ein   literarischer —  7,21 

Farbe  der  Schwangeren      ...           ....  —  5,42 

Farben  erkennen —        V. 

Fassung,  unzweideutige,  der  Symptome  ...  —  7,3 

Fasten  im  Allgemeinen —  2,4 

—  nicht  gestattet —  2,50 

—  erlaubt  keine  Arbeit —  2,16 

—  für  Vollsaftige  zuträglich 7,59  — 

Fehlgeburt  bei  Abmagerung  der  Schwangeren  5,55  — 

—  von  Aderlass 5,31  — 

—  von  Durchfall 5,34  — 

—  von  Fieber 5,55  — 

- —   bei  mageren  Frauen 5,44  — 

—  Mittel  dagegen —  5,37 

—  im  zweiten  und  dritten  Monate 5,45  — 

—  nach  Schwinden   der  Brüste 5,37  — 

—  nach  Schwinden   einer  Brust —  5,38 

—  von   Stuhlzwang 7,27  — 

Feigen,  Verlangen   nach,   ein  böses  Zeichen       .  —  7,11 

Feigwarzen —  3,26 

Feilbieten   von  Arzneien  in  Krämerladen      .      .  —  3,20 

Feste  Speisen  für  die  Verdauung  die  besten       .  —  2,11 

Fette  Leute  sterben  oft  plötzlich 2,44  — 

—  müssen  nach  Unten  abgeführt  werden    .      .      .  4,7  — 
Fettleibigkeit  als  Krankheits -  Symptom      .     .  —  7,59 
Feuer  heilt,  was  das  Messer  nicht  heilt    .     .     .  8,6  — 

—  was  dies  nicht  heilt,  ist  unheilbar    ....  8,6  — 
Feuerschlagen  mittelst  Stahl  und  Stein       .     .  —  6,32 
Fieber  mit  Brennen  im  Magen  ist  böse     .      .      .  4,65  — 

—  am   dritten  Tage  verstärkt,  ist  böse        .      .      .  4,43  — 

—  —  sind  gefährlich 7,62  — 

—  eintägige   sind  ohne  kritische  Tage    .     .      .      .  4,63  — 

—  durch  das  Fieber  selbst  geheilt —  7,52 

—  nach  Gehirnverletzung 6,50  — 

—  heilt  Hypochonderschmerzen 6,40  — 


602  Inhalt. 

Aph.  Glos. 

Fi  eb  er  -Heilungen  oft  schwierig    .......  —  2,25 

—  hitzige  von  trockner  Luft 3,7  — 

—  zum  Krämpfe 2,26  — 

—  hebt  Leberschmerzen 7,52  — 

—  namenlose,   eintägige —  4,63 

—  nervöse,"  nach  Lungenentzündung      .     ..     .     .  —  7,12 

—  ihre  Stadien  wohl  zu  beachten      .....  —  2,25 

—  um  dieselbe  Stunde  wiederkehrend    .     .     .     .  4,30  — 

—  muss   an  unpaaren  Tagen  ausbleiben      ...  4,61  -■ — 

—  die  wahre  Natur  derselben  unbekannt   ...  —  4,64 

—  grosse  Verschiedenheit  derselben —  4,31 

—  viertägige  schwer  zu  heilen —  2,25 

—  dagegen  giebt  es  kein  wahres  Contrarium       .  —  2,22 
Fieberhitze  mit  Krämpfen  ist  böse      ....  7,13  — 

Fieb'erschweisse,  gute  und  böse 4,36  — 

Finsterniss,  je  tiefere,   desto  heller  das  Licht.  —  6,20 
Flecken,  blaue,  von  Stoss  oder  Quetschung       .  —  7,2 
Fleisch    in    den  Wunden    muss   von  Innen  her- 
auswachsen   —  7,44 

—  zähes,  mürbe  zu  kochen —  5,18 

Fletscher  über  Hahnemann —  6,44 

Fliessschnupfen   zeigt   eine  schwache  Gesund- 
heit an 6,2  — 

—  und  Stockschnupfen     .     .     . —  6,9 

—  mit  schaumigem  Durchfalle —  7,30 

Floretbändchen  gegen  Halsweh    .....  —  7,49 

Flüssige  Nahrung  erquickt  am  Meisten     .      .     .  2,11  — 

Flüssigkeiten  für  Fieberkranke  am  zuträglichsten  1,16  — 

Folgegebrauch  sehr  ähnlicher  Mittel        .     .     ._  —  7,12 

Folgsamkeit  des  Kranken 1,1  — 

Form  der  Krankheit  verändert —  7,76 

—  veränderte,  ist  keine  Heilung —  6,21 

Formulaire  des  mddicaments  agreables     ...  —  2,52 

Fortgebrauch  derselben  Mittel        —  7,12 

Fortschritte  in  der  Heilkunst  zu  erwarten  .     .  —  5,15 

—  — ,   die  Neuen  sehr  dürftig —  8,18 

Frage:  wie  wenig  Arznei  genügt? —  2,   1 

—  nicht:   wie  viel  der  Kranke   verträgt?     ...  —  2,51 

Frauen  sind  nur  einfach  rechts 7,43  — 

Freiheit  der  Wissenschaft —         V. 

—  8,18 

Frost,  Ursprung  desselben 5,09  — 

—  bei  anhaltenden  Fiebern  tödtlich 4,46  — 

—  am  sechsten  Tage  erschwert  die  Entscheidung  4,29        — 

—  und  Schweiss  im  Wechsel —  7,4 


Inhalt.  603 

Aph.  Glos. 

An  den  Früchten  zu  erkennen —  4,32 

Frühjahr,  die  heste  Zeit  zum  Aderlassen      .     .  7,53  — 

—  für  Aderlass  und  Abführen 6,47  — 

—  und  Winter  die  gefährlichsten  Jahreszeiten     .  —  3,10 

—  ist  die  gesundeste  Jahreszeit 3,9  -— 

—  bringt  verschiedene  Krankheiten 3,20  — 

-—   ist  für  die  Verdauung  günstig 1,1 8  — 

—  bringt  vermehrte  innere  Wärme 1,15  — 

Früh  zu  Bett  und  früh  wieder  auf —  2,50 

Frühlings -Kuren,  prophylaktische     .      .      .      .        —  6.17 

Frucht,  rechts  männlich,  links  weiblich    .     .     .  5,38  — 

Fruchtbarkeits-Probe 5,59.  — • 

Fülle  des  Unterleibes,  ein  gutes  Zeichen  .     .     .  2,35 

Fütterung,   Einfluss  einer  kalten  und  warmen  —  2,11 

Furunkeln,   deren  allopathische  Behandlung      .  — ■  6,4 

—  deren  homöopathische  Behandlung     ....        —  6,4 

—  entstehen  aus  einer  Dyskrasie       .....       —  6,4 

—  Verschiedenheit  derselben —  6,4 

Fusskälte  beseitigt  durch  Arrak -Punsch       .     .  —  5,19 

Gaben -Kleinheit —  6,20 

Gähnen  durch  Wein  gehoben 7,56  — 

Gährungs -Pilze —  8, 18 

Galen's  Untergrade  der  Qualitäten —  2,22 

—  Schicksale —  8,18 

—  Verfolgung  in  Rom — ■  4,1 7 

Gall-  und  Blut -Abgang  zeigen  nahen  Tod  an  .  4,23  — 

—  deren  eigentliche  Bestimmung —  4,4 

Galle -Erbrechen  und  Durchfall  tödtlich     .     .     .  4,22 

—  gelbe  zeigt  Brechmittel  an 4,9  — 

—  schwarze  deutet  auf  Abführmittel       ....  4,9  — 

—  Zweck  derselben —  4,4 

Gebärmutter-Eiterung 5,47  — 

—  Entzündung  bei  Schwangeren  tödtlich    .      .     .  5,43  — 

—  —   homöopathisch  zu  behandeln —  5,43 

Geburt  vor  oder  nach  Mitternacht,  Zeichen  davon        —  5,55 

Gefälligkeit  der  Aerzte —  1,5 

Geheimmittel —  3,30 

Gehirnentzündung 1,2  — 

—  ihre  Behandlung  mit  Kälte   und  Wärme     .      .        —  7,42 

—  Folgen  einer  plötzlichen 7,50  — 

—  nach  Lungensucht  böse 7,12  — 

—  Zwiespalt  der  Aerzte  darüber —  7,42 

Gehirnerschütterung,   u.  darauf  Sprachverlust  7,58  — 

Gehirnschlag,  Zeichen  davon 6,51  — 

Gehirnverletzung,  tödtlich 6,18  — 


604  Inhalt. 

Aph.  Glos. 

Gehirnverletzung  mit  Fieber  u.  Gallerbreclien  6,50  — 

Geist  und  Körper,  Verbindung  zwischen  Beiden  —  6,21 

—  —  gleichinässig  auszubilden —  2,50 

—  Einfluss  desselben  auf  den  Körper    ....  —  6,21 

—  frühzeitige  Ueberbildung —  2,50 

Die  Geisteskraft  des  Erasistratus —  8,18 

Geistes-Krankbeit,  als  Folge  von  Hautübeln  —  6,21 

—  gebeilt  durch  Körperkrankheit       .....  —  6,21 

—  heilt  Körperkrankheit .  —  2,6 

—  bei  Schmerzlosigkeit 2,6  — 

Geistesverwirrung  bei  Blut  in  den  Brüsten    .  5,40  — 

Gelbsucht  verhindert  Blähungsbeschwerden  .     .  5,72  — 

—  zum  Fieber  böse 4,62  — 

—  nach  Gemütsbewegungen —  4,62 

—  deren  kritischer  Eintritt        4,64  — 

—  der  Schwangeren —  4,62 

Die  Gelegenheit  ist  flüchtig 1,1  — 

Gelehrsamkeit,  Beispiele  einer  stupenden    .     .  —  5,38 

—  pleonastische —  5,38 

Gelenk- Schmerzen  nach  Fiebern      .....  4,44  — 

4,45  — 

7,03  — 

Gemälde,  verbleichende —  8,18 

Generalisiren  ist  unstatthaft —  6,39 

—  kommt  auch  beim  Hippokrates  vor    ....  —  6,9 
Der  Genius  der  Arznei  und  der  Krankheit   .     .  —  6,38 
Genüsse,  Neigung  zu  verschiedenen     ....  —  2,38 

—  reizende,   zu  vermeiden —  1,1 

—  Uebelbekommen  verschiedener —  2,38 

—  verlangte .  meistens  dem  Kranken  gut  ...  —  2,38 

—  Widerwillen  gegen  verschiedene —  2,38 

Gersten- Absud,  nahrhafter — -  7,67 

—  Wasser,  weniger  nahrhaft —  7,67 

Gerstenkorn  (am  Auge) —  5,58 

Geschlecht  der  Frucht  nach  der  Gesichtsfarbe  5,42  — 

—  — -  nach  der  Bauchlage 5,38  — 

Geschmacks- Verbesserung  der  Arzneien       .     .  —  2,o8 

Geschwüre,   brandige —  7,2 

—  böse,  nicht  äusserlich  zu  behandeln        ...  —  6,4 

—  Bluten  derselben  ist  böse 7,21  — 

—  beruhen  alle  auf  Dyskrasie —  2,47 

—  Brennen  derselben —  7,44 

—  deuten  auf  innere  Krankheit —  2,47 

—  mit  dickem  Eiter,   äusserlich  verborgen      .      .  6,41  — 

—  innerliche  Behandlung  derselben —  7,44 


Inhalt.  605 

Aph.  Glos. 

Geschwüre  schützen  vor  Geistesstörung    .     .     .  5,65  — 

—  schützen  vor  Krämpfen 5,65  — 

—  von  Quecksilber,   irrige  Vermuthung  darüber  —  3,21 

—  schwammige ,  nicht  zu  ätzen —  6,4 

—  tiefhegende  sind  äusserlich  nicht  zu  sehen      .  6,41  — 

—  mit  glänzendem  Umfange  böse 6,4  — 

—  Verhalten  der  alten 6,45  — 

—  der  Wassersüchtigen  schwer  zu  heilen  .     .      .  6,8  — 

—  —  Heilung  derselben —  6,8 

Geschwulst  von  ermattenden  Fiebern  ....  4,31  — 

—  der  Gelenke  nach  Fieber 4,44  — 

4,45  — 

7,63  — 

—  harte,  ist  böse 5,67  — 

—  mangelnde,  ist  gefährlich 5,66  — 

—  von  schmerzenden  Stellen 4,32  — 

—  Folgen  von  verschwundener 5,65  — 

—  weiche,  ist  gut 5,67  — 

Gesichts  färbe  zeigt  das  Geschlecht  der  Frucht  an  5,42  — 

Gesetze  für  Lebendiges  und  Todtes  verschieden  —  4,49 

Gesunde  nur  werden  von  der  Nahrung  gestärkt  7,65  — 

Gesundheit  nicht  mit  Körperfülle  zu  verwechseln  —  1,3 

Gesundheits-Regel --  2,38 

Gewissensruhe  des  wahren  hom.  Arztes       .     .  —  2,35 

Gewohnheit  von  Geistes-  und  Körper  -  Arbeit  .  —  2,49 

—  erleichtert  die  Arbeit 2,49  — 

—  an  Genüssen  schützt  gegen  Belästigung      .     .  2,50  — 

—  mangelnde,  von  Genüssen  abzurathen    .     .      .  2,50  — 
Gewohnheiten,  alte,  nicht  leicht  abzulegen       .  —  1,20 

—  2,14 

—  7,44 

Gifte,  Wirkungen  derselben  auf  Thiere     ...  —  1,1 

—  nur  durch  die  Quantität —  4,48 

Nur  Glauben,  was  man  sieht —  7,17 

Glauben  führt  zu  Versuchen  und  Erfahrungen  —  2,22 

Gleichnisse,  hinkende  und  lahme —  1,14 

—  der  alten  Dichter —  8,4 

Glossator V. 

Glüheisen,  Unfug  damit —  8,6 

Gold  als  unwirksam  erachtet —  6,44 

Grobe  und  Flegel,  Unterschied  dazwischen    .     .  —  5,56 

Ein  Grundsatz  der  Homöopathie —  2,46 

Gummi- Schuhe  für  Seh  aale  gegen  Klauenseuche  —  6,4 

Haareausfallen  bei  Schwindsucht  tödtlich    .     .  5,11  — 

Hämorrhoiden,  Begriff  des  Worts       ....  —  3,30 


606  Inhalt. 

Aph.  Glos. 

Hämorrhoiden,  was  alles  dazu  gerechnet  wird  —  3,30 

H  aemorrhoscopium —  1,2 

Händefalten,  Zeichen  davon —  5,55 

Hahnemann's  Inspiration —  6,44 

—  irrthümlicher  Erklärungsversuch '  —  7,42 

—  Verdienste —  5,55 

—  Wohnorte —  5,55 

■ —  letzte  Worte       .  '   .     .  ■ —  5,55 

Halsentzündung  mit  äusserer  Geschwulst  ist  gut  7,49  — 

—  homöopathische  Behandlung  derselben    ...  —  7,49 
HalsArerdrehung,  plötzliche,  ist  tödtlich       .      .  4,35       — 
Halsweh,  Einfluss  des  Schlingens —  7,49 

—  Einfluss  des   Sprechens —  7,49 

Harmonie  in  den  Natur  -  Erscheinungen    ...  —  5,64 

Harn  nicht  aufzuhalten 6,6  — 

—  Beschaffenheit  desselben 7,66       — 

—  Zeichen  von  blassem,  klarem 4,72      — 

—  Kautelen  der  Homöopathie  bei  blassem       .     .  —  4,72 

—  nach  blutigem  folgt  Vereiterung —  4,75 

—  mit  Blut  und  Eiter,  Zeichen  davon  .     .     .     .  4,75      — ■ 

—  mit  Fetthaut,  bei  Nierenleiden 7,35  — 

- —  mit  Fleischstückchen  oder  Fasern      ....  4,76  — 

—  reichlicher  dünner,   ein  gutes  Zeichen    ...  4,69  — 

—  schaumiger,  bei  Nierenleiden 7,34  — 

—  schwarzer —  4,72 

—  trüber,   bei  gastrischen  Krankheiten  ....  —  4,70 

—  —  bei  Gehirnentzündung —  4,70 

—  Zeichen  davon 4,70  — 

—  Veränderungen  desselben —  7,33 

—  mit  Wölkchen  darin,  Zeichen  davon      .     .     .  4,71  — 

Harn-Bodensatz,  galligter 7,32  — 

■ —   —  kleienartiger 4,77  — 

—  —  mehlartiger,   bei  chronischem  Leiden     .     .  7,31  — 

—  —  sandiger  .    : 4,79  — 

—  Geruch —  4,81 

Harnabgänge,  bösartige 4,47  — 

—  nächtliche       .     .  ' 4,83  — 

—  tropfweise 4,80  — 

—  unterbrochene,  als  Krankheit«  -  Zeichen  .  .  7,33  — 
Harnblase,  Verletzung  derselben  tödtlich  .  .  6,18  — 
Harndrang,  unbefriedigter  gefährlich  ....  —  6,6 
Harnkrankheiten  oft  sykotiscker  Natur  .  .  —  4,75 
Bei  Harnleiden  die  kleinsten  Gaben  ...  —  4,78 
Harnröhre,  in  der,  Eitergeschwulst  .  .  .  .  4,82  — 
7,57  — 


Inhalt.  607 

Aph.  Glos. 

Harnröhre,  Verengerung —  4,82 

Harnstrenge  mit  Danngicht  tödtlich        .      .      .  6,44  — 

—  bei  Gebärmutter-Entzündung 5,58  — 

—  bei  Mastdarm-Entzündung 5,58  — 

—  bei  Nieren-Entzündung 5,58       — 

Harn-Symptome  bei  Entzündungen  ....  —  4,72 

—  das  Aussetzen  der  Arznei  anzeigend      ...  —  4,69 
Harn-Zeichen  bei  drohender  Metastase  ...  4,74  — 
Harnzwang  durch  Aderlass  zu  heben      .      .      .  6,36  — 

—  durch  Aderlass  gehoben 7,48  — 

—  verschiedene  Ursachen  desselben        ....  —  6,36 

—  durch  Wein  gehoben 7,48  — 

Hartleibigkeit  der  Weichleibigkeit  vorzuziehen  —  2,37 

—  ein  Zeichen  dauerhafter  Gesundheit       ...  —  6,2 

Hausmittel-Praxis —  3,30 

Haut,  bei  schlaffer,  Tod  unter  Schweiss     .      .      .  5,71  — 

—  bei  straffer,  Tod  ohne  Schweiss    .     .      .      .      .  5,71  — 

Hautausschläge 2,15  — 

Hefe  und  die  medizinische  Fakultät      ....  —  1,4 

Heftige  Angriffe  schaden  immer       ......  —  2,51 

Heilerfolge  nicht  zu  überschätzen       ....  —  6,38 

Heilkunst,  Anfang  einer  naturgemässen  ...  —  1,6 

—  der  Verbesserung  fähig  und   bedürftig    ...  —  2,19 

—  ist  eine  Erfahrungswissenschaft —  8,18 

Von  Heilmethoden  die  Gelindeste  zu  wählen  .  —  7,52 

Das  Heilmittel  oft  schlimmer  als  dife  Krankheit  —  7,52 

Heilmethode,  negative .  —  2,52 

Heilung  der  Schmerzen  von  Anstrengung     .      .  —  2,48 

—  bei,  aber  nicht  durch  Gebrauch  von  Arznei    .  —  7,51 

—  durch  das  Entgegengesetzte 2,22       — 

—  ist  eine  Folge  der  Nachwirkung        ....  —  1,20 

—  homöopathische  ist  stets  gründlich     .      .      .      .  —  4,61 

—  geschieht   durch   eine   dem  Lebensprinzip  ent- 

gegenstehende Kraft —  7,59 

—  einer  Krankheit  durch  eine  Andere       ...  —  7,52 

—  unbekannter  Krankheiten —  2,45 

—  durch  die  Naturkraft —  7,59 

—  durch  ein  Plus —  7,52 

—  schnelle,  bei  akuten  Krankheiten      ....  —  2,52 

—  späte,  bei  chronischen  Krankheiten        .     .     .  —  2,52 

—  wahre,  wie  wir  sie  verstehen —  7,51 

Heilwirkung,  antipathische,  täuscht    ....  —  2,27 

Heiserkeit  bei  Greisen 2,4<)  — 

Heisse  Umschläge  mildern  die  Entzündung  .      .  —  5,22 

—  —  beim  hitzigen  Seitenstich         —  7,42 


608 


Inhalt. 


Aph,       Glos. 


H  e  i  s  s  e  s  Wasser  bei  Lungenentzündung-    . 
— ■     —   bei   Starrkrampf    ...      .      , 

Heisshunger,  wahrer    ....... 

Helfen,   oder  mindestens  nicht  zu  schaden 
Herabstimmung-  der  Gesundheit    . 
Heranwachsende   Kinder,    deren   Krankheiten 
Der  Herbst  fehlte  den  alten  Germanen 
Herbst-Krankheiten      ,. 

—  —  sind  die  bösesten       ..... 

—  —  nach  nassen  Herbsten    .... 

—  —  nach  trocknen  Herbsten 

—  —   von  Temperaturwechsel 

—  —  mit  Verdauungsbeschwerden   . 
Herbst-Ruhr,  deren  homöopathische  Heilung 
Herbstzeit  für  Schwindsüchtige  gefährlich 

Herophil us,   der  Anatom 

Das  Herz  bei   den  Alten  der  Sitz  der  Seele 
Herzklopfen  und  Digitalis  purpurea  , 
Herz  Verletzungen  tödtlich        .... 
Der  Hexenkessel  von  Kraus    .... 
Himmelsgegend,  Einfluss  derselben  . 
Himmelszeichen  im  Kalender        .      .      . 
Hinzutritt  einer  neuen  Krankheit 
Hippokrates,   dessen  Glaubwürdigkeit 

—  Gründer  der  dynamischen  Schule 

—  auf  der  Spur  der  Hcftnöopathie     . 
— .  dessen  Verdienste  anerkannt   ... 
Das  hippokratiscke  Gesicht     .      . 
Hitze  vor  dem  Froste   .      .      .      ... 

—  mit  Schweiss  vor  dem  Froste        .      .   ...  , 
— -  durch  eintretenden  Frost  gehoben     . 

—  oder  Kälte  zeigt  den  Sitz  der  Krankheit 

—  äussere,   bei  Entzündungen       .... 

—  —   bei  Verbrennungen   .....      . 

— :  innere,   bei  äusserer  Kälte  tödtlich    . 

Hochpötenzen  als  'Antidote  zu  gebrauchen: 
— :  in  verzweifelten  ■  Fällen  .      ...... 

—  nicht  unmittelbar  zu  wiederholen 
•    Vorzüge  derselben      .  ... ■ .  • 

—  besitzen,  einen    ausgedehnteren   Wirkungskr 
Hören  statt  LehreiT        .      .     ,.:..'.      .      . 
Hoff  in  Berlin       .      .      ........      .      : 

Homöopathie  bringt  weder  Geld  noch  Ehre 

—  ist  so  alt,  wie  die  Welt      .      ... 


1,3 

3,26 

3,22 

3,9 

3,13 

3,14 

3,4 

1,18 

3,10 


6,18 
3,3 


4,58 
4,39 


4,48 
7,72 


Inhalt.  609 

Aph.  Glos. 

Homöopathie  in  good  Company —  V. 

—  Entdeckung  derselben 2,25 

—  nicht  erfunden,  sondern  gefunden      ....  —  4,83 

—  Erlernung  derselben —  8,3 

—  deren  Fundamentalsätze  veralten  nicht       .     .  —  5,56 

—  ist  die  Heilung ,    nicht  das  Resultat  derselben  —  4,83 

—  und  Mystizismus —  4,83 

—  das  Neue  an  derselben        —  4,83 

—  Spuren  derselben  im  Talmud —  7,46 

—  verurtheilt  von  einem  Kriegsministerium     .      .  —  1,16 

—  ihre  Zukunft —  2,39 

—  ihre  schnelle  Zunahme  in  Paris —  4,17 

Homöopathisch  mit  klein  u.  wenig  verwechselt  — ■  2,50 

Homöopathische  Erst-Wirkung —  2,27 

—  Examen  der  Kranken —  6,5 

—  Mittel  verkürzen  die  Krankheit — ■  2,24 

—  Bousilleurs —  6,5 

—  Heilungen  im  Hippokrates — ■  7,4<i 

Honig wasser  als  Probe  der  Schwangerschaft    .  5,41  — 

Hormiscium —  8,18 

Hüftweh  und  Glüheisen —  6,60 

—  homöopathische  Heilung  desselben     ....  —  6,60 

—  langwieriges      .      .     • — ■  6,59 

—  6,60 

—  mit  Verkürzung  des  Beins —  6,60 

—  mit  Verlängerung  des  Beins —  6,60 

Hülfe  kommt  oft  zu  spät —  4,43 

Hülsenfrüchte,  Schädlichkeit  derselben        .      .  —  6,51 

Hufeland  über  die  Lebenskraft —  V. 

'Humboldt  in  seinen  Ansichten —  V. 

—  Begründer  der  Nervenpathologie        ....  —  V. 

—  dessen  Rhodischer  Genius        —  V. 

Die  Humoral -Pathologie  ........  —  4,41 

Der  Hund  und  sein  Geruchssinn —  V. 

Hundstage  ungünstig  für  Ausleerungen  ...  4,5  — 

Hunger  trocknet  den  Körper  aus 7,59  — 

—  übermässiger — ■  2,32 

—  durch  Wein  gemindert 2,21  — 

Hungerkuren      ...... —  1>4 

_ —  2,4 

—  gegen  chronische  Beschwerden —  4,45 

—  der  Homöopathen —  2,4 

—  schwächen  die  Lebenskraft       ......  —  7,59 

—  von  der  Homöopathie  verworfen       ....  —  7,59 
Hungernlassen  ist  symptomatisches  Kuriren    .  —  7,59 


610  Inhalt. 

Aph.  Glos. 

Husten,  Kitzel-,  bei  Fieber  ohne  Durst     .      .     .  4,54  — 

—  Keuch-- 4,47  — 

—  bei  Wassersucht  böse 6,55  — 

—  für  Wassersüchtige  tödtlich 7,47  — 

Hustenauswurf,  bösartiger 4,47  — 

—  übelriechender        —  5,11 

—  verschiedenartiger —  4,47 

Hydatiden  der  Leber —  7,55 

Hypochondristen  nützt  der  Wein     ....  —  7,56 

—  flüssige  Nahrungsmittel  für  dieselben     ...  —  7,56 

Hysterische  Krämpfe        —  6,53 

Hysterischen  nützt  der  Wein — -  7,56 

Jagd,  eine  der  nützlichsten  Bewegungen  ...  —  2,50 

Jahr,  alte  Eintheilung  desselben —  3,1 

Das  Jahr  1860  in  Bezug  auf  Krankheiten    .  —  3,5 

Jahreszeit,  deren  Einfluss  auf  das  Alter      .     .  3,3  — 

—  —  auf  verschiedenes 3,18  — 

3,19  — 

—  —  auf  die  Krankheiten 3,3  — 

. 8,8  - 

auf  verschiedene  Naturen 3,2  — 

—  Eintheilung  derselben  bei  den  Alten     .     .     .  3,1  — 

—  Krankheiten  in  denselben 3,1  — 

—  Ungleichheit  derselben —  3,1 

Jatro- Materialismus        —  4,54 

Idiosynkrasien —  2,4 

Ileus  durch  Thuja  geheilt —  6,44 

—  von  Colica  verschieden —  6,44 

Die  Imponderabilien —  V. 

für  blosse  Mythen  gehalten —  8,18 

Die  Incitabilität  der  Neueren        —  8,18 

Indikationen,  Mangel  an  speziellen    ....  —  6,31 

—  aus  den  Symptomen  zu  entnehmen        ...  —  4,17 

—  nach  den  Tageszeiten     . —  4,36 

Individualismen —  1,2 

—  unerlässlich  bei  der  Homöopathie       ....  —  6,5 

•. —  6,38 

Infusorien,  als  Verbreiter  der  Miasmen   ...  —  5,1 

Ingredienz,  jedes,  im  Eezepte  soll  für  sich  wirken  —  2,22 

Innere  Arzneien  genügen  für  äussere  Uebel       .  —  5,67 

Von  Innen   allein  niuss  die  Heilung  ausgehen  .  —  V. 

Instinkt  nur  bei  lebenden  Wesen —  7,38 

Jodium,  Antidote  dagegen —  6,42 

—  bei  Drüsen-Anschwellungen —  6,42 

—  Missbrauch  desselben —  6,42 


Inhalt. 

Jodium,  Nachtheile  davon       .     .     .     . 

Journal-Rezepte 

Irrereden  nach  Knochenverletzung 

—  nach  Weintrinken 

Die  Irritabilität  der  Neuern 
Irrthum  und  Lüge,  deren  Unterschied 
Irrthümer  werden  erst  spät  erkannt    . 

—  gelehrter  Professoren 


Alter 


—  geflissentlich  verbreiten  ist  Verbrechen 

—  zu  zerstören  ist  ein  Schritt  zur  Wahrheit 
Jünglinge,  deren  Krankheiten    .     . 
Jugend,  in  der,  Durchfall,  Hartleibigkeit  im 

—  —  Hartleibigkeit,  Durchfall  im  Alter 
Kälte,  äussere,  bei  Blutungen 
ist  nur  ein  Nothbehelf        .     .     . 

—  —  bei  Unterleibsschmerzen  böse 

—  —  bei  innerer  Hitze  tödtlich  .     .     . 

—  der  äussern  Theile  bei  Fiebern  böse 

—  durch  Begiessungen  erzeugt  Wärme 

—  für  die  Brust  schädlich 

—  für  Brustkranke  vortheilhaft    . 

—  deren  nachtheilige  Folgen  .     .     . 

—  der  Füsse  durch  Punsch  zu  heben 

—  Wirkung  derselben  auf  Geschwüre 

—  von  einigen  Geschwüren  verlangt 

—  mit  Kälte  zu  behandeln      .     .     . 

—  Missbrauch  bei  deren  Anwendung 

—  bei  frischer  Rose,  äusserlich     . 

—  bei  der  Rose  gefährlich 

—  und  Wärme,  wo  solche  dienlich  sind 
Kaffee -Wirkungen  auf  Menschen  und  Pferde 
Kalte  Füsse,  Mittel  dagegen        .     .     . 
Kaltgewordene  Theile  zu  erwärmen 
Kalttrinken,  Folgen  davon        .     .     . 
Kalte  Umschläge  bei  Gehirnentzündung 
Kaltwaschen  des  Kopfes       .... 

Kaltwasserkur        

Kahlköpfige  leiden  nicht  an  Krampfadern 
Kahlköpfigkeit  geheilt   durch  Krampfadern 

—  kommt  bei  Blindgeborenen  nicht  vor     .     . 

—  bei  Weibern  selten,  bei  Verschnittenen  nie 
Kampf  zwischen  Lebenskraft  und  Krankheit 

—  fördert  die  Wissenschaft 


611 

Aph. 

Glos. 

— 

7,77 

— 

3,30 

7,24 

— 

7,7 

— 

3,29 
2,20 
2,20 
5,23 

7,26 

7,72 

7,1 

5,21 

5,24 

5,17 

5,20 


5,23 


5,19 


6,34 
6,34 


6,34 

6,34 

2,13 

V. 


39 4 


612  Inhalt. 

Aph.  Glos. 

Karakteristisckes,  Werth  desselben       ...  —  4,16 

Das  Karakteristische  ist  stets  die  Hauptsache  —  7,76 

—  grosser  Werth  desselben —  4,16 

Die  Kartoffelkrankheit —  8,18 

Katalyse —  1,3 

Katarrhal -Fieber —  2,40 

Kategorien  der  Augenübel —  6,31 

Katzenjammer —  5,5 

Kautel en  bei  Niesswurz  als  Brechmittel  .     .     .  4,13 

• 4,14  — 

4,15  — 

4,15  — 

Kennzeichen,  generelle  und  spezielle      ...  —  6,5 

Kesselstein  zu  lösen —  5,5 

Keuchhusten —  4,47 

Kinder-Heilungen,  homöopathische        ....  —  1,1 

Die  Kinesitherapie  enthält  homöop.  Regeln   .  ■ —  6,17 

Klauenseuche  der  Schaafe — -  6,4 

Kleemüdigkeit  des  Ackerbodens —  4,49 

Wie  Klein,  nicht  wie  gross,  ist  die  beste  Gabe?  —  2,13 

Aus  Kleinem  erwächst  Grosses        —  2,51 

Kleinheit  der  homöopathischen  Gaben     ...  —  2,27 

—    ■  6,20 

Klugwerden  durch  Erfahrung —  2,22 

Kly  stire,  Ursprung  derselben —  1,23 

Knaben  liegen  rechts,  Mädchen  links  .     .     .     .  5,48  — 

Knochenbruch-Mittel  der  Alten —  7,20 

Knochenfrass  bewirkt  Knochenabstossung  .     .  7,77  — 

Knochengeschwüre,  Heilung  alter    ....  —  6,45 

Knochenverletzung,  Behandlung  derselben     .  —  7,20 

—  und  darauf  Irrereden 7,24  — 

König,  der  grosse,  unserer  Zeit —  8,18 

Körperfülle  ist  nicht  Gesundheit —  2,28 

Kohl,  rother,  für  Betrunkene —  5,5 

—  gegen  Lungeneiterung    ........  —  5,5 

Kohlarten,  nicht  blähende —  4,11 

Koloquinten- Wirkung —  V. 

Kompass,  den  Alten  zugeschrieben       ....  —  1,1 

Kommentiren —  V. 

Konditor-Arzneien —  3,20 

Konvulsionen  nach  Abführungen       ....  5,4  — 

—  nach  Abführmitteln 7,25  — 

—  von  Ausleerungen 6,39  — 

—  der  Betrunkenen  sind  böse 5,5  — 

—  in  Fiebern  böse 4,66  — 


Inhalt.  ß!3 

Aph.  Glos. 

Konvulsionen  in  Fiebern  böse 4,67  — 

—  von  Niesswurz  tödtlicli 5,1  — 

—  nach.  Schlaflosigkeit  böse     .......  7,18  

—  von  Ueberfüllung 6,39  

—  nach  Verblutung  böse 5,3  

7,9  — 

Kopf,  Folgen  von  einem  Schlage  darauf  .     .      .  7,14  — 

Bähungen,  heisse,  heilen  Fieber    ....  7,42  — 

Erkältung,  Folgen  davon —  5,18 

Knochen -Verletzung         —  7,24 

Kopfschmerzen  durch  Ausflüsse  gehoben     .     .  6,10  — 

—  von  Geschwüren  im  Kopfe —  6,10 

— -  von  Haar  schneiden —  5,18 

Kopfweh  ist  nur  ein  einzelnes  Symptom        .      .  —  5,68 

Krämer- Arzneien —  3,30 

Krämpfe  sind  meistens  chronischer  Natur      .     .  —  4,57 

—  oft  vor  dem  Fieber —  4,57 

—  zugleich  mit  dem  Fieber 2,26  — 

—  werden  durch  Fieber  gehoben 4,57  — 

—  der  Hysterischen  und  Hypochondristen       .     .  —  2,26 

—  klonische  und  tonische —  7,13 

—  nach  Verwundung  tödtlich        ......  5,2  — 

—  durch  Wechselfieber  geheilt 5,70  — 

—  von  Würmern —  2,26 

Krätze,  Heilung  derselben —  7,38 

—  ist  nicht  die  ganze  Krätzkrankheit    ....        —  7,38 

—  kömmt  bei  Maurern,  Schornsteinfegern  u.  Sei- 

fensiedern nicht  vor —  7,38 

—  Milben-,        —  2,39 

—  oft  Ursache  der  Schwindsucht —  -  7,38 

Die  Kraft  der  Arzneien  ist  nur  eine  Dynamische  —  8,18 

—  —  verschiedene  Arten  derselben        ....        —  1,20 

—  gelehrte  Definition  derselben — -8,18 

—  eine  immaterielle,  beherrscht  das  Lebendige  .        —  8,18 

—  Mannigfaltigkeit  derselben —  6,47 

Krampfadern  fehlen  bei  Kahlköpfigen     .     .      .  6,34  — 
— ■  an  den   Beinen  nur   bei  Männern,    selten   bei 

Frauen —  6,34 

— ■  heilen  Wahnsinn 6,21  — 

Krankheiten,  ähnliche,  heben  sich  auf   ...       —  5,70 

—  akute  und  chronische —  2,39 

—  Unterschied  zwischen  akuten  und  chronischen       —  2,7 
-  2,8 

—  nicht  alle  heilbar        —  5,12 

—  alter  Leute        2,39  — 


614 


Aph. 


Krankheiten,  Bestrebungen  d.  Natur,  das  Krank- 
hafte zu  entfernen        — 

—  diagnostiziren  und  heilen — 

—  sind  nur  dynamisch        — 

—  die  Eine  hebt  die  Andere  auf — 

—  nur  durch  Krankheit  zu  heilen — 

—  im  Entstehen  leichter  zu  heilen — 

—  als  eine  Gesammtheit  v.  Sympt.  zu  betrachten  — 

—  ganz  gleiche,  giebt  es  nicht — 

—  innere,  behandeln   wir  dreist,    äussere  nicht  — 

—  sind  nicht  materiell — 

—  sind  ein  Minus — 

—  unähnliche,  suspendiren  sich  bloss    ....  — 

—  zweierlei,  können  nicht  zugleich  da  sein    .     .  — 

Krankheitsbilder  der  Allopathen      ....  — 

—  Einfluss  der  Schulen  darauf    ......  — 

—  Erfordernisse  zur  Entwerfung  derselben      .      .  — 
Krankheitsheilung  ist  Nachwirkung  der  Arznei  — 

—  die  Neuern  dürfen  oft  nicht  zum  Muster  dienen       — 
Krankheits-Namen,  alte  und  neue        ...  — 

—  —  Nachtheile  derselben — 

—  —  Wertlosigkeit  derselben — 

Krankheits-Produkte — 

Krankheits-Ursachen  sind  stets  immateriell  .       — 

Krebs,  daran  Behandelte  sterben  früher    .     .     .  6,38 

—  dessen  homöopathische  Behandlung  ....       — 

—  Brust-  und  Mutter- — 

—  Operationen,  Widersprüche  darüber  ...  — 
von  den  Tüchtigsten  verworfen  ....       — 

—  verborgener,  nicht  zu  behandeln 6,38 

Krisis  im  Allgemeinen — 

—  bei  alten  Leuten  später  eintretend    ....       — 

—  bei  und  nach  derselben  keine  Arznei  .  .  .  1,20 
Kriterien  für  akute  und  chronische  Leiden  .  — 
Kritische  Tage  .     .  • 2,24 

—  die  Lehre  darüber — 

Kuh-Pocken  in  Indien  und  Deutschland      .     .       — 

—  —  Impfung — 

deren  Folgen — 

Die  Kunst  ist  lang 1>1 

Durch   Kunst   ist  kein  freiwilliges  Heilbestreben 

zu  erzwingen — 


7,52 

1,1 

8,18 

7,52 

5,1 

1,1 

4,71 

6,5 

6,55 

8,18 

5,49 

5,70 

2,26 

6,40 

5,70 

4,30 

2,25 

6,42 

1,20 

6,38 

6,55 

6,38 

2,19 

1,2 

8,18 

6,38 
5,15 

6,38 
6,38 

1,2 

2,40 

3,28 

4,36 
4,61 
7,52 
6,20 
2,21 


6,14 


Inhalt.  615 

Aph.  Glos. 

Kuriren,  symptomatisches —  2,22 

—  2,32 

. —  4,17 

—  nach  beliebigem  Wunsche  der  Patienten      .      .  —  5,58 

—  Unterschied  zwischen  allo-  u.  homöopathischem  —  4,17 
Kyphosis  in  der  Jugend  meistens  heilbar  .  .  —  6,46 
Lachen  bei  Nacht,  und  Weinen  am  Tage    .     .  —  4,52 

—  die  gesundeste  Leibesbewegung —  4,52 

Lähmung,  halbseitige,  nach  Schlagfluss   ...  — ■  6,51 

—  von  Hülsenfrüchten  und  Erbsenstroh      ...  —  6,51 
Länge  der  Jahre  und  Tage,  jetzt  und  früher    .  —  5,9 
Leugnen,  was  man  nicht  begreift,  ist  unrecht  —  7,17 

Laien  als  Aerzte —  6,37 

Lampe  in  Goslar —  8,18 

Das  Leben  ist  kurz 1,1  — 

—  ein  Produkt  der  Materie —  8,18 

—  aus  chemischen  Prinzipien  zu  erklären  .  .  —  7,51 
Lebender  Organismus  ist  kein  lebloser  Automat  —  7,70 

—  ist  das  feinste  Reagens —         V. 

Lebendiges  durch  Todtes  zu  erklären      ...  —  7,51 

—  ist  dem  Einflüsse  der  Geisterwelt  ausgesetzt  .  —  6,21 
Die  lebendige  Natur  gegenüber  der  todten       .  —         V. 

—  —  kann  sich  nur  selbst  fortpflanzen  ...  —  4,49 
Des  Lebens  Vorgänge  chemisch  zu  erklären      .  —  4,49 

Der  Lebenshauch  (7tvsv[ia~) —  2,22 

Die  Lebenskraft,  nicht  die  Arznei,  heilt    .     .  —  4,69 

—  in  chemischen  Prozessen  vermuthet  ....  —  8,18 

—  des  Erasistratus —  8,18 

—  der  Leibnitzianer .  —         V. 

—  Herrschaft  derselben —        V. 

—  ist  die  gewaltigste  Kraft  in  der  Natur  ...  —  V. 
—  4,49 

—  ist  immateriell,  wie  die  Arzneikraft  ....  —  7,70 

—  vom  Materialismus  geleugnet —  4,49 

—  folgt  nicht  den  Gesetzen  der  Mechanik      .     .  —  7,70 

—  ist  immateriell —  4,49 

—  an  sich  unerkennbar —  4,49 

Lebens-Perioden  der  Alten —  1,13 

Lebensthätigkeit  als  Eeaktion —  2,40 

Lebens- Verlängerung —  1,13 

Lebensweise,  Einfluss  derselben    .....  3,3  — 

—  allznstrenge ,  nicht  rathsam —  2,50 

Leb  er -Eiterung  unheilbar —  7,45 

—  -Härte,  bei  Gelbsucht  böse 6,42  — 

Schmerzen  durch  Fieber  gehoben    ....  7,52  — 


616  Inhalt. 

Aph.  Glos. 

Leb  er -Verletzung  tödtlich        6,18  — 

—  aus  der,  Wasserausfluss  in  den  Bauch       .     .  7,55  — 
Im  Leberthrane  wirkt  nicht  das  Jod       ...  —  6,42 
Die  Lehrbücher  der  Pathologie  und  Therapie  —  6,31 

--•—  8,18 

Lehrstühle  über  Homöopathie —  1,1 

Leibesbeschaffenheit,  gesunde 1,3  — 

Leibschmerzen  in  Fiebern  böse    .     .     .     .     .  4,66  — 

Leidende  Theile,  darauf  wirft  sich  die  Krankheit  4,33  — 

Die  Leistungen  der  Aerzte 1,1  — 

Leitfaden,  ein  besserer,  als  der  der  Ariadne   .  —  1,1 

Leser  verschiedener  Art —        V 

Leukophlegmatie  hat  Wassersucht  zur  Folge  7,74  — 

Licht,  Wirkung  desselb.  auf  Todtes  u.  Lebendiges  —  7,51 

Lieblings-Mittel  der  Aerzte —  2,19 

—  4,46 

Liegen,  zu  langes,  im  Bette  ist  abzurathen       .  —  2,50 

Lingua  verschieden  von  Loquela —  7,58 

Linkische,  aber  keine  linkische  Frauen  ...  —  7,43 

Links  che  Frauen  giebt  es  nicht 7,43  — 

Durch  Löwen  entdeckte  Kräfte  der  China     .     .  —  2,25 

Logiker  u.  Philosophen  sind  gefährliche  Aerzte  —  1,15 

Lohn  der  Aerzte  in  China —  2,14 

Die  Lohnbedienten  in  Paris —  2,19 

Lokal -Uebel  nur  scheinbar —  2,15 

Lügen,  Folgen  derselben —  7,21 

—  die  gefährlichsten,  bei  den  Aerzten  ....  —  6,34 
Luft,  feuchte,  kalte,  erzeugt  chronische  Krankheiten  3,7  — 

—  in  den  Maremmen  und  pontinischen  Sümpfen  —  3,7 

—  trockne,  heisse,  erzeugt  akute  Krankheiten    .3,7  — 

—  trockne  reich  an  Sauerstoffgas —  3,7 

Lungen -Blutungen  von  Erbrechen  der  Schwind- 
süchtigen     —  4,8 

—  -Eiterung — -  5,15 

—  -Entzündung  nach  Brustfellentzündung  böse  .  7,11  — 
Mittel  dagegen —  7,11 

—  -Geschwüre  nach  Seitenstich 5,15  — 

—  —  Brennen  oder  Schneiden —  7,44 

Schwindsucht  in  jüngeren  Jahren    ....  5,9         — 

8,7  — 

—  -Sucht,  natürliche  Anlage  dazu 8,8  — 

—  —  von  schlecht  geheilter  Krätze       ....  —  7,38 
Maass  für  die  Arzneigaben —  2,13 

—  —  von  der  Erfahrung  angegeben      ....  —  2,51 
Machtsprüche,  lächerliche —  3,3 


Inhalt.  617 

Aph.  Glos. 

Mädchen  liegen  links,  Knaben  rechts       .     .     .  5,48  — 

Magen-Brennen  homöopathisch  zu  heilen       .     .  —  4,65 

—  -Entzündung,  akute —  4,65 

—  -Erweichung,   ein  Leichenphänomen       .   -.     .  —  7,67 
Mittel  zu  wählen —  2,17 

—  —  wirken  homöopathisch —  2,22 

—  -  Mund  -  Verengerung —  4,65 

—  -  Ruhr ,  dabei  sind  Brechmittel  schädlich    .  —  4,12 

—  —  von  Milzleiden 6,43  — 

—  —  nach  Ruhr 7,76  — 

Verderb  mit  Fettem —  4,17 

— -  -Verletzung  tödtlich 6,18  — 

Magere  Personen  nach  Oben  auszuleeren  4,6  — 

Magerkeit  des  Unterleibs  ein  böses  Zeichen      .  2,35  — 

Magnet,  Erscheinungen  daran —  6,32 

—  7,51 

Mahlzeiten,  Eintheilung  derselben       ....  1,17  — 

—  der  Griechen —  1,17 

Malz-Extrakt —  3,30 

Malerei  und  Medizin —  3,30 

Mangelndes  zu  ersetzen        —  2,22 

Mannbarkeit,  Krankheiten  nahe  davor  .      .      .  3,27  — 

Mannesalter,  Krankheiten  desselben  ....  3,30  — 

Mannichfaltigkeit  der  Arzneikräfte       ...  —  6,5 

—  der  Krankheits-Erscheinungen —  6,5 

Die  Materia  medica  steckt  voller  Irrthum  .      .      .  —  7,21 

—  4,16 

Materialismus,  dessen  Wesen —  4,49 

Materialistische  Ansichten  über  Metastasen    .  —  6,56 

—  —  über  den  lebenden  Menschen      ....  —  4,49 

—  Schule,  Anfang  derselben —        V. 

deren  Irrthümer —  4,49 

Materielles  ist  nur  Produkt  der  Krankheit       .  —  8,18 

—  1,20 

Mattigkeit  als  Krankheitszeichen 2,5  — 

Mauke  der  Pferde,  Blattern  und  Kuhpocken      .  —  6,20 

Medizinal-Polizei —  3,30 

Medizinische  Akademie —  2,11 

—  Volks-Literatur —  3,30 

Meerluft  bald  für  gut,  bald  für  schlecht  erklärt  —  6,25 
Meinungen  für  Jeden,  aber  nur  eine  Wahrheit 

für  Alle —  5,31 

Melaena,    der,  homöopatische  Heilung     ...  —  4,23 

Melancholie  durch  Afterblutungen  geheilt    .      .  6,11  — ■ 

—  Anzeigen  davon 6,23  — 


618  Inhalt. 

Aph.  Glos. 

Mentum  prominulum,  als  Kennzeich,  cl.  Menschen  —  1,1 

Das  Messer  heilt,  was  Arzneien  nicht  heilen      .8,6  — 

—  Was  das  nicht  heilt,  heilt  das  Feuer    ...  8,6  — 

—  Unfug  damit  getrieben —  8,6 

Metastasen  vor  dem  Fieber —  4,51 

—  mit  Fieber  sind  chronischer  Natur    ....  —  4,51 

—  der  Gemüthskrankheiten —  7,5 

—  vom  Halse  auf  die  Lunge       ......  5,10  — 

—  sind  keine  Heilungen —  7,5 

—  sind  chronischer  Natur —  4,74 

-—  bei  Schwangeren —  5,53 

—  der  schwarzgallichten  Krankheiten    .      .      .      .  6,56 

—  verlängern  die  Krankheiten 4,51  — 

—  zu  vermeiden —  5,10 

Methode,  expektative —  2,52 

—  negative —  2,52 

Miasmen,  Verbreitung  derselben —  5,1 

Milch  in  den  Brüsten  bei  fehlender  Kegel     .     .  5,39  — 

—  arzneilich  zu  machen —  5,64 

-  4,1 

—  Nachtheile  und  Vortheile  derselben  ....  5,64  — 

—  ein  gesundes  Nahrungsmittel —  5,64 

—  gegen  Schwindsucht —  5,64 

—  für  die  Quelle  der  Skrofeln  gehalten    .     .     .  —  5,64 

—  schützt  gegen  Blattern —  5,64 

—  der  Thiere —  5,64 

—  gegen  Trunksucht —  5,64 

—  - -  7,7 

—  durch  Umstände  schädlich  geworden  ...  —  5,64 
._  Wein  für  Kinder,  Wein  Milch  für  Alte  .  .  —  7,56 
Diät  gegen  Trunksucht —  7,7 

—  .Fluss  der  Schwangeren 5,52  — 

Milzleiden  sind  zu  befürchten 8,8  — 

—  von  Durchfall  gebessert 6,48  — 

—  davon  Wassersucht  oder  Magenruhr       .     .      .  6,43  — 
Milz su cht  (Spleen)  deren  Ursprung  nach  Swift  —  6,43 
Mineralwässer,  deren  unsichere  Heilkraft  .     .  —  6,47 

—  von  Töplitz —  5,25 

Missbrauch  der  Digitalis  purpurea       ....  —  7,29 

Mittagsmahl-Zeiten  der  Griechen  und  Körner  —  1,17 

Mittel,  Lieblings- —  6,31 

—  verzweifelte,  heroische —  1,6 

—  zu  viele  erschweren  die  Wahl —  6,42 

Anzeigen,  Mangel  daran —  5,39 

Kenntniss  durchaus  nothwendig  ....  —  1,1 


Inhalt.  619 

Aph.  Glos. 

Mittel -Kenntniss  von  der  grössten  Wichtigkeit  —  2,52 
-  6,54 

—  -Wahl _  1,1 

der  Allopathie —  6,31 

der  Homöopathie —  6,5 

—  6,31 

—  —   leichter,  als  das  Krankheitsbild  ....  —  6,42 

—  —  Mühseligkeit  derselben —  6,5 

—  —  die  richtige,  bleibt  stets  die  Hauptsache    .  —  2,35 

—  —  durch  Uebung  erleichtert —  6,5 

Umständlichkeit  derselben —  6,5 

Mohnsaft  schmerzstillend —  2,6 

—  bei  Trunkenheit —  5,5 

—  Widersprüche  darüber      ........  —  5,5 

Mond,  Stand  und  Einfluss  desselben     ....  —  1,2 

Morbus  maculosus  Werlhofii —  6,20 

—  niger  Hippocratis —  4,23 

Moxa,  die  grosse  und  die  kleine —  8,6 

Mundklemmen  nach  Verletzungen       ....  —  5,2 

Mutterkrebs —  5,54 

—  —  unsichere  Heilung -—  5,15 

Muttermund,  Härte  desselben 5,54  — 

—  Verschlossenheit  desselben    . 5,54  — 

—  —  bei  Schwangeren 5,51  — 

Mystifikation  der  Laien —  7,24 

Die  Nachgeburt  abzutreiben 5,49  — 

Nachgiebigkeit  mancher  Aerzte —  1,5 

Nachkrankheiten  von  Arzneien —  2,12 

—  gehören  zur  ursprünglichen  Krankheit   ...  —  7,76 

—  mit  Kückfällen  verwechselt —  2,12 

Nachschlagen  für  d.  Homöopathen  unentbehrlich  —  6,5 

Die  Nacht  vor  der  Krise  ist  beschwerlich      .     .  2,13  — 

Nachtheil  einzelner  Speisen  oder  Getränke  .     .  —  2,17 

—  2,38 

Der  Nachwelt  steht  das  Urtheil  zu      ...     .  —  V. 

—  bleibt  noch  Viel  zu  thun  übrig —  7,66 

Nachwirkung  der  Arzneien —  1,20 

—  2,13 

— ■  —  dauerhafter,  als  die  Erst- Wirkung   ...  —  2,27 

Nahrhaftigkeit  der  verschiedenen  Speisen   .     .  —  1,4 

Nahrung  stärkt  nur  den  Gesunden       ....  7,65  — 

—  unbedingt  gesunde  giebt  es  nicht      ....  —  7,65 

—  im  Winter  und  Frühjahre  reichlicher     .     .     .  1,15  — 

—  Folgen  von  allzu  reichlicher 4,45  — 

7,64  — 


620  Inhalt. 

Aph.  Glos. 

Nahrung,   allzu  reichliche,   erzeugt  Krankheiten  2,17  — 

—  reichliche  schadet  unreinen  Körpern       .     .     .  2,10  — 

—  schadet  dem  Kranken 7,65  — 

—  keine,  vor  und  bei  Verschlimmerung     .     .     .  1,19  — 
Nahrungsmittel  und  Arzneimittel —  1,4 

—  die  einfachsten  sind  die  besten —  2,37 

—  schlechte,   sind  schädlich 2,36  — 

Namen  der  Krankheiten —  6,55 

—  ersetzen  nicht  die  Diagnosen —  7,23 

—  nicht  danach  zu  kuriren —  6,38 

—  monströse,  pathologische —  2,19 

—  deren  Unfug  in  der  Arznei — ■  7,23 

—  verschiedene  für  heftige  Arzneien  ....  —  7,23 
Narcotica  bei  Magen-  und  Unterleibs  -  Leiden  .  —  2,21 
Nasenbluten  im  Allgemeinen —  1,2 

—  bei  Fiebern  böse 8,3  — 

—  bei  verschiedenen  Fieber  -  Epochen    ....  —  8,3 
— ■  befördert  die  Genesung 4,74  — 

- —  bei  unterdrückter  Eegel  zuträglich     ....  5,33  — 

—  —  heilt  nicht —  5,33 

—  mit  verschiedener  Blutbeschaffenheit  ....  —  8,3 
Die  Natur  behauptet  die  Oberhand 8,8  — 

—  des  Galenus  ist  unsere  Lebenskraft  ....  —  8,18 

—  heilt  die  Krankheiten —        V. 

—  ist  stets  nur  durch  die  Natur  selbst  zu  erklären  —  7,30 

—  wirkt  stets  langsam  und  gelinde —  2,51 

—  zeigt  uns  nur  Wirkungen,  nie  Ursachen  .  .  —  1,23 
Naturerscheinungen  stehen  in  Harmonie  .  .  —  5,64 
Naturforscher  verhöhnen  die  Aerzte  ....  — ■  2,35 
Das   physische   Natur  gern  aide    als  Grenze    der 

Intelligenz —  7,54 

Ein  Naturgesetz  ist  die  Basis  der  Homöopathie  —  5,58 

Auf  Naturhülfe  wartet  die  Homöopathie  nicht  -—  4,28 

Alles  Naturwidrige  schadet. 2,4  — 

Naturwissenschaft  im  Allgemeinen.     ...  —  1,1 

—  führt  zu  Gott —  7,54 

Nebenbeschwerden  der  Fieber —  4,31 

—  sehr  erwünscht  für  den  Homöopathen    ...  —  2,5 

—  schützen  vor  Generalisiren —  5,58 

—  eine  Hauptstütze  der  Mittelwahl — ■  3,5 

—  5,58 

—  Nutzen  der  symptomatischen —  4,70 

—  sorgfältig  zu  berücksichtigen —  7,66 

Nebengebrauch  arzneilicher  Dinge      ....  —  2,38 

Nebenmittel,  arzneiliche,  gefährlich    ....  —  1,5 


Inhalt,  621 

Aph.  Glos. 

Die  Neo-Vitalisten —  8,18 

Nerv,  der  lebende  und  der  todte —  7,51 

—  der  blossgelegte  der  Organe  gleicht  sich  überall  —  7,54 

—  feinere  und  gröbere —  7,54 

Nervenfieber  im  Allgemeinen —  4,30 

—  für  angebende  Homöopatben —  8,1 

—  Heilung  derselben —  4,53 

—  —  durch  Hahnemann   1813  und   1814        .      .  —  8,1 

—  mit  der  Pest  nahe  verwandt —  4,53 

—  mit  phrenitischen  Zufällen —  8,1 

Die    Nervenpathologie    ist    der  Anatomie    un- 
zugänglich         —  6,5 

Nervus  vagus ,   dessen  Funktionen —  6,32 

Netz,  Eiterung  des  ausgetretenen 6,58  — 

—  und  Netzdarmbruch    .      .      .      ,           ....  —  6,58 
Neuerungen  werden  nur  langsam  eingeführt     .  —  1,1 
Neugeborene,  Krankheiten  derselben      .      .      .  3,24  — 

Neuralgien  zu  heilen —  4,30 

Nichts  Neues  unter  der  Sonne —  7,17 

Nicht  sehen  und  Nichtprüfen  wollen     .     .     .     .  —  7,17 

Nichtsthun  der  Aerzte —  1,1 

—  besser,  als  Verkehrtthun      , —  4,59 

Niederkunft,  schwere,  der  Abgemagerten    .     .  5,55  — . 

—  der  Fiebernden 5,55  — 

Nieren,  Verschwärung  derselben 4,75  — ■ 

—  und  Kücken-Schmerzen  oft  verwecbselt       .  —  6,11 
Nierenleiden  durch  Afterblutungen  geheilt       .  6,11  — 

—  bei  alten  Leuten  schwer  zu  heilen    ....  6,6  — 

—  mit  Eitergeschwulst 7,36  — 

—  Gefährlichkeit  derselben —  7,30 

—  aus  dem  Harn  zu  erkennen 7,34  — 

7,35  — 

Niessen,  Erklärung  des  Vorgangs  beim  .     .      .  7,51  — - 

—  von  verschiedenem  Erfolge —  6,13 

—  für  Gebärende  hülfreich 5,35  — 

—  Ursprung  des  Grusses  beim  Niessen       ...  —  6,1."! 

—  bei  hysterischen  Kranken  hülfreich  ....  5,35  — 

—  bei  der  Pest  ein  böses  Zeichen —  6,13 

—  Pulver  zum —  5,35 

—  heilt  Schluchzen 6,13  — 

— -  der  Wunsch  dabei  ist  sehr  alt —  5,35 

Niessw urz  für  Gesunde  gefährlich 4,16  ■ — 

—  Gegenmittel  für  dieselbe —  5,1 

—  Kuren  der  Alten  damit —  5,1 

Auf  den  Nutzen  Alles  zu  beziehen      ....  —  6,52 


622  Inhalt. 

Aph.  Glos. 

Nordwind,  Krankheiten  dabei 3,5  — 

Obst  gegen  Aerger  und  deren  Folgen       ...  —  2,38 

Obstructionen  und  Purgirmittel —  2,9 

Die  Ochsen  des  Pythagoras —  1,1 

Oeff entliche  Lehren  berechtigen  zu  öff entlicher 

Vertheidigung —  7,21 

0  ertliche  Uebel  durch  Hitze  od.  Kälte  angezeigt  —  4,39 

Ohnmacht  bei  der  Eegel  böse 5,56  — 

—  in  Anfällen  ein  böses  Zeichen 2,41 

Onanie,  deren  nachtheilige  Folgen       ....  —  6,6 

Bei  Onanisten  häufig  Schaamschweiss      ...  —  6,2 

Operation  des  Krebses —  8,6 

—  beweist  die  Unvollkommenheit  der  Kunst        .  —  8,6 

—  jederzeit  zu  verwerfen —  8,6 

Opium  für  Betrunkene —  5,5 

—  giebt  das  Bild  der  Trunkenheit —  5,5 

—  bei  mangelnder  Reaktion —  4,46 

Organe,  Wichtigkeit  derselben  für  das  Leben  .  —  8,16 

—  deren  Bestimmung  bei  den  Alten     ....  —  4,4 

Organischer  Lebensprozess —  2,13 

Organon,  Ursprung  und  Bedeutung  des  Wortes  —  1,20 

Orthopädische  Anstalten —  6,46 

Palliative  nützen  in  der  Erst- Wirkung    ...  —  2,27 

—  gefährlich —  2,6 

—  5,53 

—  wo  sie  Werth  haben —  2,27 

—  Mittel  schädlich —  2,27 

Paracelsus  von  einem  Schweine  entmannt  .     .  —  6,28 

—  Schicksale —  8,18 

Parallele  zwischen  Allo-  und  Homöo-Pathie      .  —  4,17 

Pathologie  u.  Therapie  stehen  weit  auseinander  —  2,52 

Periodische  Verschlimmerung  und  Besserung   .  —  4,30 

Perkussion,  Nutzen  derselben —  7,8 

—  bereits  in  d.  Schriften  des  Hippokrates  erwähnt  —  7,8 
Die  Pest  in  Athen —  4,53 

—  deren  charakteristische  Zeichen —  7,76 

Die  Pflege  der  Angehörigen 1,1  — 

Pflichten  und  Rechte  der  Wissenschaft  ...  —  2,35 

Pharmacodynamik,  die  heutige —  7,21 

Pharmacon,  Bedeutung  des  Wortes     ....  —  1,4 

Pharmcopoeen,  homöopathische —  3,30 

Philologie —  V. 

Der  Philosophie  in  der  Medizin  nicht  zu  trauen  —  5,64 

—  die  wahre,  muss  die  Sprache  der  Natur  reden  —  5,63 
Philosophische  Systeme —  1,1 


Inhalt.  623 

Aph.  Glos. 

Philosophische  Systeme,  Werth  derselben  .     .  —  5,63 

Phosphorus,    dessen  neu  entdeckte  Wirkung  .  —  7,21 

—  nach  Kalttrinken,  erst  besser,  dann  schlimmer  —  4,10 

—  verwechselt  mit  Acidum  phosph —  7,2  1 

Photographie .      .  —  7,17 

Phrenologie,  deren  älteste  Spuren      ....  —  6,54 
Phthiriasis,  leider  bei  den  Arzneiprüf ungen 

nicht  beachtet —  7,14 

— .  —  2,39 

—  Heilung  derselben —  7,38 

Die  cpvöcc  des  Hippokrates —  2,22 

Physiologie  fehlt  noch —  8,18 

Physiologische  Erklärungsversuche    .     .     .     .  —  1,15 

—  Fortschritte  der  neueren  Zeit —  2,19 

—  Schule —  6,54 

—  —  gleicht  dem  Atheismus —  6,54 

und  deren  Erfolge —  6,54 

—  —  a.  d.  pathologisch-anatomischen  entstanden  —  7,8 
Physiognomik,  deren  älteste  Spuren       ...  —  6,54 

Plethorische  Körper — -  1,3 

Pilz-Sporen —  8,18 

Das  Pissasphaltum  des  Plinius —  5,67 

Das  Pneuma  der  Dogmatiker —  8,18 

Podagra  der  Alten —  6,55 

—  Anfälle  im  Frühjahre  und  Herbste  ....  6,55  — 

—  bei  Frauen  erst  nach  Aufhören  der  Regel      .  6,29  — 

—  bei  Jünglingen  erst  nach  Beischlaf  ....  6,30  — 

—  heilt  in  vierzig  Tagen 6,49  — 

—  daran  leiden  keine  Verschnittene      ....  6,28  — 

—  eine  Folge  von  Völlerei —  6,28 

—  —  von  Brown  geleugnet —  6,28 

—  in  unserem  Zeitalter  selten —  6,49 

Post  hoc,  ergo  propter  hoc —  5,31 

Potenzirungen,  Hahnemann's  neueste    ...  —  6,20 

Preisfrage  über  das  Gewicht  eines  Fisches       .  —  3,3 

Priesnitz  in  Gräfenberg —  8,18 

Das  Princip  der  Homöopath,  dient  z.  Fortschritt  —  1,1 
Princip,    ein   wissenschaftliches,    der  Heilkunst 

fehlte  bisher —  8,!  8 

Prognose  im  Allgemeinen —  1,1 

—  aus  der  Arzneiwirkung —  2,19 

—  aus  dem  Harne 7,66  — 

7,69  — 

—  aus  dem  Husten- Auswurfe 7,69  — 

—  irrige,  gegen  einen  Homöopathen      ....  —  1,1 


624  Inhalt. 

Aph.  Glos. 

Prognose  aus  dem  Stuhlgänge 7,67  — 

7,69  — 

—  unsicher  in  hitzigen  Krankheiten       .      .      .      .  2,19  — 
Prognostik  oft  trügerisch —  8,10 

—  und  Indikation —  4,36 

Prognostische  Zeichen  zu  beachten    .      .     .      .  8,10  • — 

Promotions- Schauspiele —  6,37 

Prophylaxis  gegen  Schlagfluss —  6,51 

—  dabei  gilt  nur  das  Similia  Similibus       ...  —  5,1 

—  eine  universelle,  kann  es  nicht  geben    ...  —  5,1 

Prozess,  verborgener,   des  Baco —  2,1!» 

Prüfung  der  Arzneien  von  Galenus     ....  —  1,1 

—  analytische  und  synthetische —  2,19 

—  an  Gesunden  für  nutzlos  erklärt        ....  —  1,1 

—  —  für  nothwendig  erklärt —  6,54 

—  den  Doktoren  nicht  zu  erlassen —  6,37 

—  —   für  das  Ausland  ungültig        : —  6,37 

Psora,  Zeichen  der  erwachten —  5,5;') 

—  der  latenten —  5,55 

Theorie,  Angriffe  darauf —  2,39 

Psychische  Einwirkung  der  Homöopathie    .      .  —  6, '21 

Den  Puls  hat  Hippokrates  nicht  beachtet       .      .  —  4,59 

Pulvis  sternutatorius —  5,35 

Ein  Pul sati IIa- Krankheitsbild —  4,17 

Pulver,  weisse,  der  Homöopathen —  4,35 

Purgiren  im  Allgemeinen —  1,2 

Pusteln,  flache,  jucken  wenig 6,9  — 

Das  Pythagoreische  Zahlen-System  .     .     .     .  —  4,3(1 

Die  vier  Qualitäten —  2,22 

Quecksilber- Missbrauch  bei  der  Bräune       .      .  —  1,1 

—  2,12 

Rade  m  a  c  h  e  r  auf  Hahnem  ann  gepfropft  ist  nicht 

Homöopathie —  6,28 

—  dessen  Materia  medica —  6>54 

Räthsel,  ein  physiologisches —  5,40 

—  8,18 

Eäu ehern  mit  Gewürzen  befördert  die  Eegel     .  5,28  — 

Rausch  von  Bier  und  Wein  verschieden  ...  —  7,7 

Reaktion  ist  nur  im  lebenden  Körper       ...  —  4,46 

—  von  Cullen  erkannt —  4,69 

—  schwächere  bei  fetten  Personen —  2,44 

—  bei  mangelnder,  Opium  u.  A —  4,46 

—  die  älteste  Spur  ihrer  Erkenntniss     ....  —  4,46 

Reagens,  das  allerfeinste .     .  —  V. 

Rechte  des  Entdeckers —  2,25 


Inhalt.  625 

Aph.  Glos. 

Rechts  sind  von  Natur  alle  Frauen      ....  7-43  

Reelle  und  rationelle  Kenntnisse  sind  verschieden  —  5,63 

Regel,  ausbleibende,  zeigt  Schwangerschaft  an  .  5,61  — 

—  —  zu  heilen — .  5;28 

Beschwerden  bei  Krankheiten  wichtig   ...  —  5,57 

—  bei  zu  schwacher,  die  meisten  Besehwerden    .  —  5,56 

—  Krankheiten  von  zu  starker 5,57  — 

—  Beschwerden  vor,  bei  und  nach  derselben       .  —  5,57 

—  Zuckungen  bei  derselben  böse 5,56  — 

—  Zeichen  von  der  fehlerhaften 5,36  — 

—  von  unterdrückter,  Fehler  der  Gebärmutter    .  5,57  — 

—  Veränderungen  in  Bezug  auf  dieselbe    ...  —  5,57 

Regeln,  allgemeine,  gelten  nicht —  5,64 

— ,  falsche,  nöthigen  zu  Ausnahmen —  5,21 

Regeneration  zerstörter  Körpertheile  ....  —  7,28 

Reis  nicht  (?)  nahrhaft    .    " —  1,4 

Zu  Anfange    der   Reconvaleszenz   ist   geringe 

Esslust  gut 2,32  — 

—  —  ist  starke  Esslust  nicht  von  Dauer       .     .  2,32  — 
Restauration  gehört  auch  zur  Kranken-Diät    .  —  1,4 
Revulsive  Mittel  sind  gefährlich      .....  —  5,53 
Recepte,  ellenlange,  des  vorigen  Jahrhunderts  —  2,14 

—  Flüchtigkeit  derselben —  7,18 

—  komplizirte —  7,18 

Ursprung  derselben —  7,18 

—  lesen,  ein  wahrer  Spass —  7,18 

—  Mangel  derselben,  als  Hinderniss       ....  —  2,12 

Rheumatismus —  1,2 

Rhus  ToX  gegen  auslaufendes  Wasser      ...  —  7,29 

Riechen  an  die  Arznei —  1,3 

—  —  bei  Zahnweh —  5,18 

Rindvieh,  Aufblähung  desselben     .....  —  5,49 

Risus  sardonius —  6,53 

Rose  von  Blosslegung  der  Knochen      ....  7,19  — 

—  nach  der,  Fäulniss  oder  Eiter  böse        .     .     .  7,20  — 

—  Ursache  der,  nach  Schönlein's  Ansicht       .     .  —  5,23 
Rothlauf,  dessen  homöopathische  Behandlung  —  6,25 

—  zurückgetretener,  ist  böse 6,25 

—  — ,  dessen  homöopathische  Behandlung      .     .  —  6,25 
Eine  Ruchlosigkeit  aus  dem  Leben  ....  —  7,24 

Rückenmarks-Verletzung  tödtlich —  6,18 

Rücken -Verletzung  durch  Aderlass  geheilt    .     .  6,22  — 

Rückfälle  von  Krankheiten    .......  2,12 

—  bei  chronischen  Krankheiten 2,12 

—  bei  der  Homöopathie   selten —  4,61 

40 


626  Inhalt. 

Aph.  Glos. 

Der  Euf  der  Gelehrten   . *  .     .  —  5,38 

Ruhe  kein  Heilmittel  für  Folgen  von  Anstrengung  —  2,48 

—  verschlimmert  oft  die  Schmerzen  von  Anstreng.  —  2,48 
Ruhr,  Orthographie  des  Wortes —  7,23 

—  des  Hippokrates,  nicht  immer  die  Unsrige      .  —  6,3 

—  nach  Durchfall 7,75      — 

—  von  schwarzer  Galle  tödtlich 4,24      — 

—  nach  unvermischten  Stuhlgängen       .     .     .     .  7,23      — 

—  und  darauf  Magenruhr 7,76      — 

—  dahei  Abscheu  vor  Speisen,  ist  böse     .     .     .  6,3        — 

— ■  dabei  Fieber,  ist  böse 6,3        — 

Säfteverlust,  Folgen  davon —  5,4 

—  befördert  den  nervösen  Charakter     ....  —  5,9 

—  verursacht  nervöse  Zustände —  4,60 

Säufer-Krankheit —  7,7 

Salben,  Nachtheile  derselben —  6,45 

Salernitanische  Schule  über  Nahrung    ...  —  1,15 

Salpeter-Säure,  Antidot  des  Quecksilbers  .     .  —  2,51 

Ein  Samenkorn  darzustellen —  4,49 

Scandala  Medicorum —  2,45 

Scepticismus,  erlaubter —  8,18 

Schaafschuhe  gegen  Klauenseuche     ....  —  6,4 

Schaamschweiss  deutet  a.  schwache  Gesundheit  —  6,2 

—  der  Onanisten —  6,2 

Schablonen,  theoretische —  4,9 

Schauder  durch  Wein  gehoben 7,56      — 

Schema  für  ein  Kranken-Examen —  6,5 

Scheue  vor  Wind  und  Wetter  abzurathen     .     .  —  2,50 

Schlaf,  Anzeigen  davon 2,1  — 

2,2  2,3 

—  im  Frühjahre  und  Winter  vermehrt       .     .     .  1,15  — 

—  Heilsamkeit  desselben —  2,3 

—  kurzer,  sehr  alt  gewordener  Leute    ....  —  2,3 

—  Uebermaass  desselben 2,3  — 

7,71  — 

— ,  wahrer,  nicht  zu  stören —  2,3 

Schlaflosigkeit 2,3  — 

— 7,71  - 

Schlagfluss,  Aderlass  dabei —  6,51 

—  kein  Aderlass  dabei —  2,42 

—  6,51 

—  eine  Heilungsgeschichte  desselben     ....  —  6,51 

—  im  höheren  Alter 6,57  — 

—  heisse  Bäder  dabei —  6,51 

—  homöopathische  Behandlung  desselben   ...  —  2,42 


Inhalt.  627 

Apli.  Glos. 

Scklagfluss,  homöopath.  Behandlung  desselb.  —  6,51 

—  von  Blutstockungen     .     «. —  6,57 

—  von  schwarzer  Galle —  6,57 

—  schwer  zu  heilen 2,42  — 

—  äussere  Kälte  dabei —  6,51 

■—  prophylaktische  Behandlung —  6,51 

—  von  Saburra —  6,57 

—  tödtlich 6,51  — 

—  von  Venosität —  6,57 

Das  Schlangengift —  7,2 

Schlingen,  Einfluss  desselben  auf  Halsweh       .  —  7,49 

Schluchzen,  verschiedene  Arten  davon    ...  —  6,13 

—  nach  Abführungen 5,4  — 

—  von  Abführungen 6,39  — 

—  von  Ausleerungen 6,39  — 

—  nach  Erbrechen  böse 7,3  — 

—  vor,  bei  und  nach  Erbrechen — -  7,3 

—  bei  Leberentzündung 5,58  — 

böse 7,17  — 

—  durch  Messen  gehoben 6,13  - — 

—  von  Ueberfüllung 6,39  — 

—  nach  Verblutung  ist  böse    .......  5,3  — 

Schlundbeschwerden 2.15  — 

Gegen  Schmeerbauch  Algebra  nachts,  am  Tage 

Holzfällen —  7,59 

Schmerz,  ein  ganz  zu  vermeidendes  Wort         .  —  7,22 

—  dagegen  giebt  es  kein  wahres  Contrarium       .  —  2,22 
Schmerzlosigkeit  und  Geisteskrankheit       .     .  2,6  — 

—  der  Hautübel —  2,6 

—  bei  Nervenfieber —  2,6 

Schmerzstillende  Mittel —  2,6 

—  1,20 

Schmetterlinge,  ihre  Verwandlungen  wunderbar  —  5 , 40 

Schnee  für  die  Brust  schädlich 5,24  — 

—  bei  Erfrorenen —  5,19 

Schnupfen  bei  Greisen 2,40  — 

Schönlein  und  Hahnemann —  6,54 

Schöpfung  ohne  Schöpfer V. 

^loXaaxiKog,  doppelte  Bedeutung  des  Wortes  —  7,61 

Scholastisches  Schematisiren —  4,30 

Schröpfen  im  Allgemeinen —  1,2 

—  gegen  monatliche  Regel 5,50  — 

Schurkerei  kömmt  unfehlbar  an  den  Tag    .     .  V. 

Schwäche  bei  schwacher  Esslust 2,8  — 

—  bei  starker  Esslust 2,8  — 

40* 


628  Inhalt. 

Aph.  Glos. 

Schwämme,  giftige,  unschädlich  zu  machen       .  —  2,38 

Schwangere  abzuführen  ist  bedenklich     .     .      .  5,29  — 

—  hitzige  Krankheiten  für  diese  tödtlich    .     .     .  5,30  — 

nicht  tödtlich —  5,30 

Schwangerschafts-Probe  durch  Honigwasser  5,41  — 

—  Zeichen  derselben  unsicher —  5,61 

Schwefel,  das  Göttliche  (frsiojv)  der  Griechen  .  —  4,32 
Schweigen  in  der  "Wissenschaft,    ein   verlarvter 

Diebstahl —  7,48 

Schweiss  im  Allgemeinen —  1,2 

—  als  Anzeige  zum  Abführen 7,61  — 

—  bei  anhaltenden  Fiebern  ist  böse       .     .     .     .  4,56  — 

—  mit  Frost  abwechselnd —  7,4 

—  nach  dem  Froste  ist  böse 7,4  — 

—  heftiger,  bei  Fiebern -  .     .  3,6  — 

—  beim  Fieber  giebt  selten  eine  Prognose     .     .  —  4,56 

—  der  Geschlechtstheile .     .  —  6,2 

—  kalter,  ist  ein  böses  Zeichen 4,37  — 

—  —  des  Nackens —  4,37 

der  Stirn —  8,4 

—  —  ist  oft  Todesschweiss      ........  —  4,37 

—  der  Onanisten —  4,38 

—  zu  Anfange  des  Schlafs .     .  —  7,16 

—  während  des  Schlafs —  7,16 

—  im  Schlafe,  Anzeigen  davon 4,41  — 

—  zeigt  den  Sitz  der  Krankheit  an 4,38  — 

—  zeigt  Ueberfluss  von  Feuchtigkeit  an     ...  7,61  — 

—  unausgesetzter,  zeigt  Krankheit  an    ...     .  4,42  — 

—  Verschiedenheiten  desselben —  7,16 

—  bloss  im  Wachen —  7,16 

Schweiss e,  wiederholte,  heftige,  sind  böse     .     .  8,4  — 

Schweissfieber  ist  nur  ein  Name — ■  4,42 

Schwindsucht,  deren  Anfang  und  Verlauf       .  —  7,16 

—  und  Asthma  bestehen  nicht  zusammen       .     .  —  5,70 

—  im  letzten  Stadium —  5,12 

Tuberkeln  durch  andere  Krankheit  verbind.  —  5,70 

Seekrankheit,  eine  Folge  der  Bewegung    .     .  4,14  — 

Seele,  Lebenskraft  und  Materie —  1,20 

Die  Seele,  statt  Salz,  gegen  Fäulniss  ....  —  8,18 

—  der  alten  Dogmatiker —  8,18 

—  Unsterblichkeit  derselben —  8,18 

—  Zustand  derselben  nach  dem  Tode  .  .  .  .  —  8,18 
Sehen  durch  das  Licht  aus  unsern  Augen  geworfen  —  7,51 
Seitenstich  im  Allgemeinen 1,12  — 

—  mit  Durchfall  ist  böse 6,16  — 


Inhalt.  629 

Aph.  Glos. 

Seitenstichfieber  ohne  Auswurf 5,8  — 

—  Behandlung  desselben —  5,8 

—  falsches,  Mittel  dagegen —  7,11 

Selbstdispensirung  der  Homöopathen        .      .  —  3,30 

—  ist  Gewissenssache —  6,5 

—  von  Einigen  verschmäht     .■  ■ — ■  7,18 

—  deren  Eecht  oder  Pflicht     .............  —  8,18 

Selbsthülfe  unerlässlich  für  die  Aerzte    ...  —  2,52 

—  der  Natur —  6,54 

Semiotik —  5,58 

—  der  Alten  bezieht  sich  auf  die  Prognose    .     .  —  7,17 

—  deren  Studium  vernachlässigt —  7,17 

—  des  Hippokrates —  7,18 

—  der  Homöopathen —  7,18 

—  —  bezieht  sich  auf  die  Therapie      .     .     .     .  —  7,17 

—  und  Semiologie —  2,35 

Semmel- Kur —  1,16 

Die  Sensibilität  der  Nerven —  8,18 

Die  Sepia  schon  von  den  Alten  als  giftig  gekannt  —  6,44 

Sideratio  des  Plinius —  7,50 

Signaturen  der  Rezepte    ..........  — ■  1,20 

Similia  Similibus —  1,20 

—  2,22 

—  2,48 

—  —  Belege  dafür —  7,46 

—  7,48 

—  dessen  pathogenetisches  Element       ....  —  2,48 
—  7,67 

—  führt  zur  Entdeckung  neuer  Heilmittel       .     .  —  2,48 

—  als  Naturgesetz —  2,48 

—  6,17 

Simplex  veri  sigillum —  7,65 

—  —  von  Boerhave  selbst  nicht  befolgt    ...  — 2,14 
Sinnesorgane  Hegen  ausser  d.  Bereich  d.  Anat.  —  6,5 

Der  Sitz  der  Krankheit —  6,5 

Sitzende  Lebensweise,  deren  Nachtheil     ...  —  6,6 

Skarrifikation  gefährlich  bei  Wassersucht        .  —  6,8 

Skrofeln  nach  Kuhpocken —  2,21 

Soloecophanes —  7,58 

Sommer,  Krankheiten  dieser  Jahreszeit    .     .     .  3,13  — 

—  im,  nach  Oben  auszuleeren 4,4  — 

4,6  - 

—  im,  Verdauungsbeschwerden 1,18  — 

Die  Sonne  lässt  sich  nicht  mahlen —  7,51 

Sonnenbrands,  Heilung  des  Aeusseren  ...  —  7,50 


630 


Inhalt. 


Aph. 


Sonnenstich,  Heilung  desselben     .....  —  7,50 

Das  Sostrum  der  Aerzte —  2,35 

Spargel,  ein  Experiment  damit.     .....  —  7,54 

Spazieren  im  Freien    .........  —  2,50 

Der  Spazierstock  des  Vaters —  3,4 

Speichelfluss 1,2 

Speise-Darreichen,  verschiedenes     .     .     .     .     .  1,17  — 

Speisebedürfniss  nach  dem  Alter      .     .     .  ■•'  .  1,14  — 

Spekulation  zu  vermeiden    .......  —  5,38 

—  ideale  und  Täuschung 2,13 

Das  Spezialisiren  nicht  zu  beschränken      .     .  —  6,5 

—  der  Schmerzen  nothwendig —  6,5 

Specifisch  und  homöopathisch  nicht  zu  verwechs.  - —  2,22 

Spezifische  Mittel  wirken  als  Similia       .      .      .  —  2,2 2 

—  verboten       ............  —  8,18 

Sprachverlust  von  Gehirnerschütterung        .     .  7,58  — 

Sprechen,  Einfluss  desselben  auf  Halsweh    .     .  —  7,49 

Staar,  schwarzer,  Mittel  dagegen —  6,31 

Stadien  der  akuten  Krankheiten —  2,24 

—  deren  Aufeinanderfolge  .     .     .     .     .     .     .     .  —  7,76 

—  verschiedene,  verlangen  verschiedene  Mittel    .        —  7,76 
Stärkende  Arzneien  gefährlich  ......  —  2,5 

Der  stärkere  Schmerz  verdunkelt  d.  schwächeren  2,46  — 

Stammeln  von  Stottern  verschieden    ....  —  6,32 

Standpunkt,    der    höchste,    für    die   Heilkunst, 

ist  die  Erfahrung   . —  8,18 

Starrfrost  nach  Wein  ist  böse 7,7  — 

—  Kettung  dabei —  4,46 

Starrkrampf  in  vier  Tagen  tödtlich   ....  5,6  — 

—  heilbar —  5,6 

Die  Stelle  der  Schmerzen  zu  beachten      ...  6,5  — 

Stiche  in  das  Herz,  als  Probe  des  Todes     .     .       —  8,18 

Störung,  voreilige,  der  Arzneien  ist  schädlich  5,52  — 

Stoffwechsel-Pathologie  . —  7,8 

Stopfende  Mittel  der  Allopathie —  7,67 

Strychnin  v.  d.  Nux  vomica  u.  d.  Ignatia  amara  —  6,54 

Stubensitzen  nachth'eilig •     •     •         ~  2,50 

Stuhlausleerung  im  Allgemeinen       ....       —  1,21 

—  bösartige 4,47  — 

—  chronische,  unvermischte,  böse 7,6  — 

—  harte,  zögernde,  bei  kräftigen  Leuten    ...  —  6,2 

—  rohe,  von  schwarzer  Galle 7,68  — 

—  spärliche 4,83  — 

—  weiche,  jungen  Leuten  zuträglich     ....  2,53  — 
Stuhlzwang  bewirkt  Fehlgeburt 7,27  — 


Inhalt.  63! 

Aph.  Glos. 

Alle  zwei  Stunden —  2,7 

S  üb  lata  causa,  tollitur  effectus —  2,22 

Südliches  Klima  für  Schwindsüchtige  ....  —  3,7 

Südwind,  Krankheiten  dadurch  veranlasst  3,5  — 

Surrogate —  6,5 

Sulphur  bei  mangelnder  Reaktion —  4,46 

Sycosis —  3,21 

—  des  Celsus  ist  nicht  die  Uasrige —  3,21 

Sykotische  Krankheiten —  4,75 

Symptome,  abgerissene,  nützen  nichts      ...  —  7,66 

—  Unterschied  zwischen  d.  Heilung  Eines  od.  Aller  —  6,12 

—  scharfe  Begrenzung  derselben —  7,3 

—  in  ihrer  Gesammtheit  geben  das  wahre  Bild  —  2,25 

—  decken  ist  oft  von  "Wichtigkeit —  4,70 

= —  Unsicherheit  eines  Einzigen —  4,71 

—  erhöhete,  in  der  Höhe  der  Krankheit    ...  2,30  — 

—  in  sogenannten  Fragmenten —  7,3 

—  genau  zu  fassen —  7,3 

—  geringfügig  scheinende,  oft  wichtig    ....  —  8,4 

—  bilden  die  Grundlage  der  Therapie  .     .     .      .  —  7,66 

—  müssen  sämmtlich  genau  passen —  5,64 

—  seltene,  sind  von  besonderem  Werthe    ...  —  4,54 

—  sind  sicherer,  als  die  Anamnese —  5,24 

—  unbestimmte,  sind  zu  vermeiden —  7,3 

—  wechselnde,  verlangen  Wechsel  der  Arznei    .  —  7,76 

—  —  sind  aber  deshalb  keine  neue  Krankheit  —  7,76 

—  dieselben  sind  oft  von  verschiedenem  Werthe  —  6,52 

Symptomatisches  Kuriren ■     .  —  2,32 

—  2,22 

—  4,17 

—  4,79 

—  5,58 

—  7,59 

.  -  8,3 

—  —   der  Hippokratiker  und  der  Homöopathen  —  7,18 
Syphilis,  irrige  Vermuthung  darüber  ....  —  3,21 

Systeme  haben  stets  gewechselt —  5,63 

Tagebücher  der  Aerzte  unerlässlich    ....  —  1,1 

Tages -Anfang  und  -Ende  bei  den  Alten       .     .  —  3,5 

Die  Tageszeiten  wohl  zu  beachten    .                .  —  3,5 

—  Eintheilung  derselben —  2,3 

—  von  Hippokrates  nicht  beachtet —  4,36 

—  als  Parallele  der  Jahreszeiten —  3,17 

—  derselben  naturgemässe  Eintheilung ....  —  2,3 
Talglappen  (statt  Salbe)  für  Geschwüre       .     .  —  7,44 


632 


Inhalt. 


Aph.       Glos. 


Tanzen  oft  nützlich       .........  — 1,5 

Taubhörigkeit  heilt  gallichte  Durchfälle      .     .  4,28  — 

—  vergeht  von  Durchfall    .  4,60  — 

—  vergeht  von  Nasenbluten 4,60  — 

Temperatur,  davon  abhängige  Krankheiten      .  3,1  — 

—  Abnahme  derselben  in  der  Meerestiefe       .     .  —  5,26 

—  wohl  zu  beachten       .....'....  —  3,5 

—  Einfluss  derselben  auf  die  Medizin    ....  —  1,15 

—  Erhöhung  derselben  in  der  Tiefe  der  Erde    .  —  5,26 

—  deren  Wirkungen 5,18  — 

—  in  früheren  Zeiten —  5,17 

Terminologie,  botanische —  7,6 

—  medizinische .  —  7,6 

—  die  neuere  täuscht  und  hindert  .....  —  8,18 
Das  Thalassomelon  der  Dioskorides  ...  —  5,41 
Theorie  und  Erfahrung —  4,9 

—  —  Neuerungssucht —  6,32 

—  muss  der  Erfahrung  folgen —  6,32 

—  des  Empedokles —  2,22 

—  des  Hippokrates —  2,22 

—  und  Praxis  sehr  verschieden ... .  —  1,6 

Theorien,  medizinische —  6,54 

Therapeutische    Bestätigung    eines    pathologi- 
schen Zeichens —  6,33 

Therapie  bietet  den  Hauptunterschied  zwischen 

Allopathie  und  Homöopathie     ....  —  1,1 

—  werthlose —  3,5 

—  eine  spezielle,  ist  unmöglich —  6,17 

—  Unsicherheit  der  Heutigen —  6,54 

Thiere,  Versuche  an  denselben —  7,21 

—  fressen  und  saufen  nur  nach  Bedürfniss  .  .  —  2,4 
Thierheilungen,  homöopathische  .....  —  1,1 
— ,  nicht  die  der  Menschen,  sind  erlaubt   ...  —  5,38 

—  nicht  unter  der  Würde  des  Arztes    ....  —  4,78 
Thier-Miasmen  verschieden  von  menschlichen  —  5,1 
Thlaspi  Bursa  pastoris  gegen  Nasenbluten    .      .  —  4,60 
Thränen,  Zeichen  davon  bei  Fiebern       .     .     .  4,52  — 

Tinte,  statt  Arznei  . —  1,1 

Tobsucht  nach  vierzig  Jahren  unheilbar      .     .  8,1  — 

Tod,  Beschreibung  desselben 8,18  — 

—  bei  demselben  tritt  die  Chemie  ein  ...     .  —  8,18 

—  plötzlicher,  bei  alten  Leuten 2,44  — 

—  Unsicherheit  der  Zeichen —  8,10 

—  Zeichen  des  nahe  bevorstehenden 8,11  — 

8,12  — 


Inhalt.  633 

Aph.  Glos. 

Tod,  Zeichen  des  nahe  bevorstehenden      .           .  8,13  — 

8,14  — 

8,15  — 

.     .  8,16  — 

8,17  — 

Todesschweiss  lässt  keine  Hoffnung  mehr       .  —  8,4 

Das  Todte  vom  Lebendigen  weit  geschieden      .  7,51 

Die  todte  Natur  verfällt  den  Gesetzen  der  Chemie  —  V. 

Todtschweigen  ...... —  7,67 

Trachotomie —  6,37 

Trinken,  Symptome  davon  entnommen    ...  —  8,4 

—  heisses,  thut  kein  Thier .'.-..  —  2, 1 1 

Trommelsucht  nach  Leibweh 4,11  — 

—  des  Rindviehs —  5,49 

Tropfen-  und  Tinkturen  Spender — ■  2,3 

Trunksüchtigen  dient  Milch-Diät  .....  —  5,64 

.     .     .     •     * —  7,7 

Das  Tympanoskop  des  Dr.  Erhard    ....  —  7,8 

Tummelplatz  der  Gelehrten. —  5,38 

Uebereilung  schädlich.     .........  —  7,16 

Uebereinstimmung    zwischen   Natur  und  Ho- 
möopathie    —  4,83 

Ueberenthaltsamkeit  schadet 2,4  — 

Ueberflüssiges  auszuscheiden —  2,22 

Ueberfluss  an  Mitteln  bringt  Verlegenheit   .     .  —  6,42 
Von  Ueberfüllung  und  Ausleerung  gleiche  Be- 
schwerden    6,39  — 

Gegen  Ueberfüllung   nutzt   nicht  jedes  Brech- 
mittel    . —  6,39 

Ueberfüllung  ist  gefährlich 1,3  — 

—  Krankheiten  davon .•■•-•  —  2,17 

Uebergänge  allmählich  zu  bewirken    ....  2,51  — 

—  einer  Krankheit  in  eine  Andere —  7,12 

—  7,76 

Uebergang  vom  Leben  zum  Tode —  4,49 

Ueb erheb ung  junger,  unerfahrener  Aerzte   .     .  —  7,17 

Uebermaass  ist  oft  zu  beklagen ■ —  2,51 

—  in  allen  Dingen  nachtheilig —  2,4 

—  ieder  Art  schadet 2,51  — 

-- 2,4  - 

—  selbst  des  Guten  schadet —  5,17 

Uebersättigung  schadet 2,4  — 

Die  Ueb  er setzung  und  der  Uebersetzer  ...  —  V. 

Uebung  macht  den  Meister —  6,5 

Die  Uhr  zerlegen,  um  zu  sehen,  ob  sie  gehen  wird  —  6,54 


634  Inhalt. 

Aph.  Glos. 

Umfang  des  homöopathischen  Heilvermögens      .  —  2,45 

Umschläge,  heisse,  befördern  die  Eiterung  .     .  —  5,22 

—  arzneiliche  oft  bedenklich    . —  5,22 

Umstände,  äussere,  Einfluss  derselben      ...  1,1  — 

—  —   sind  von  der  grössten  Wichtigkeit  .     .     .  —  3,5 
Umständlichkeit     der     homöopathischen     Be- 
handlung   —  6,5 

Unähnliches  kann  nie  heilen —  6,17 

—  heilt  niemals  dauerhaft —  5,70 

Unerklärliches  ist  darum  nicht  zu  leugnen     .  —  5,56 
Unglaubliches  nicht  mit  Unmöglichem  zu  ver- 
wechseln      —  6,32 

Si  nngis  pungit,  si  pungis  ungit —  7,24 

Universelle  Medizin  ist  Unsinn      .     .     ,     .     .  —  5,1 

—  Schutzmittel  sind  ebenfalls  Unsinn    ....  —  5,1 
Unreine  Körper  nicht  reichlich  zu  nähren     .     .2,10      — 
Die  Unsicherheit  steigt  mit  der  Zahl  der  Mittel  —  6,42 
Unsinnliches  ist  darum  nicht  unsinnig    ...  —  5,56 

Unterdrücktes  erscheint  wieder —  5,70 

Unterglieder-Lähmung  von  Hülsenfrüchten      .  —  6,51 

Unterleibs -Schmerzen  verursachen  Eiterung      .  7,22  — 

—  —  von  Schleim  in  demselben       .....  7,54      — 
Unterscheiden,  scharfes,  ist  viel  Wissen     .     .  —  6,38 
Unterschied  zwischen   akuten   und  chronischen 

Krankheiten —  2,39 

—  2,28 

—  zwischen  Arznei  und  Nahrungsmitteln  ,  —  2,37 

—  zwischen  natürlichen  Dingen —  6,5 

—  zwischen  Calcarea  und  Causticum     ....  —  1,4 
—  4,16 

—  zwischen  Essen  und  Trinken —  1,16 

—  zwischen  der  lebenden  und  todten  Natur  .     .  —  1,14 
Unveränderlichkeit  der  Krankheit  ist  böse    .  2,28      — ■ 
Unwahrscheinliches     ist    darum     noch    nicht 

unwahr —  6,32 

Unwissenheit  führt  auf  Irrwege —  2,25 

Die  Ursache  der  Krankheit  währt  kürzer,  als  diese  —  5,24 

—  der   Entstehung    der  Krankheit    ist    nicht    die 

Nächste —  5,24 

—  damit   ist   die  Krankheit   keineswegs   gehoben  —  4,17 
Das  Urtheil  der  Nachwelt --  7,17 

—  der  Natur  geht  nicht  unter —  4,49 

Veränderungen,  plötzliche,  sind  gefährlich.     .  2,51      — 

—  in  den  Symptomen —  2,52 

—  —  können  keine  Heilung  sein —  6,21 


Aph. 


635 

Glos. 


Veratrum  album,  Eigentümlichkeit  desselben  .  -  -  4,16 

—  davon  Verschlimmerung  nach  Kalttrinken .     .  —  4,16 

—  ein  unschätzbares  Poly ehrest —  4,16 

Verbindung    zwischen  Arznei-   und  chronischer 

Krankheit —  2, 1 2 

—  zwischen  Geist  und  Körper —  6,21 

Verblutung,  Folgen  davon —  5,3 

—  nach  Klopfen  im  Geschwüre,  böse    .     .     .     .  7,21  — 

—  nachher  Delirien  und  Konvulsionen,  böse .     .  7,9  — 

—  Mittel  dagegen  .           -.  —  7,9 

Verbote  von  Arzneien —  8,18 

Verbrennungen  behandelt  mit  Hitze       ...  —  7,42 
Kälte .  —  7,12 

—  und  Leben  sind  sehr  verschieden      ....  —  "8,18 

—  Prozess  derselben —  1,14 

Verdaulichkeit  harter  und  weieher  Speisen     .  —  1,14 

Verdauung  durch  Verbrennung  erklärt    .     .      .  —  1,14 

—  ist  keine  Verbrennung —  1,14 

—  und  Arzneiwirkung —  7,12 

Verdünnungen,  hohe  und  niedere       ....  —  2,13 

—  Bezeichnung  Derselben —  6,20 

Vereiterung  der  Flüssigkeiten  in  der  Brust     .  7,38  — 

—  bei  chronischen  Unterleibs-Schmerzen    .     .     .  7,22  — 
Verfolgungen  der  Hom.  in  Frankreich  ...  —  4,17 
Verfügung,    medizinische,    eines    Kriegs -Mini- 
steriums       —  1,16 

Verhungerte  nicht  gleich  reichlich  zu  nähren  .  —  6,39 

Verkehrtthun —  1,7 

Verleumder  und  Schmeichler,  die  bösesten  Thiere  —  7,21 

Verleumdungen  der  Homöopathie      ....  —  7,24 

Verlangen  nach  besondern  Genüssen  ....  —  1,17 

,.•  —  2,38 

Verlauf  der  akuten  Krankheiten —  2,24 

Verletzungen,  tödtliche 6,18  — 

—  unheilbare 7,28  — 

Vermuthungen  sämmtlich  auszuschliessen    .     .  —  3,5 

Vermuthungen  täuschen —  6,39 

—  zu  vermeiden —  5,38 

Vernunft  Schlüsse    auf  unerwiesene  Prämissen  —  5,38 

Verschiedene   Arznei  Wirkungen    auf  Thiere     .  —  1,1 

—  Meinungen  nur  bei  unklarer  Sache  ....  —  3,5 
Verschlimmerung,  homöopathische    ....  —  2,27 

—  vor  und  bei  derselben  keine  Nahrung  .     .     .  1,19  — 

—  zu  bestimmten  Tagesstunden —  4,30 

—  nach  den  Umständen —  6,5 


636  inhalt- 

Aph.  Glos. 

Verschlimmerung,  unerwartete,  nicht  zu  fürchten  2,27  — 

—  deren  Ursachen  sind  immer  wichtig .     .     .      .  —  3,5 

—  nach  der  Zeit —  6,5 

Verschnittene  werden  nicht  kahlköpfig  .     .     .  6,28  — 

—  bekommen  kein  Podagra 6,28  — 

Verstand,  damit  reicht  man  allein  nicht  aus     .  —  5,56 

—  Ueberschätzung  desselben .  —  5,38 

Versuche  sind  gefährlich 1,1  — 

—  am  Gesunden —  1,1 

von  der  Allopathie  verurtheilt     ....  —  1,1 

—  verdienen  allein  Glauben —  5,26 

—  am  Kranken —  1,1 

von  der  Allopathie  nicht  zu  vermeiden     .  —  6,25 

—  — -  mit  unbekannten  Mitteln —  1,1 

—  —  zu  vermeiden —  5,58 

—  an  Thieren ■ —  1,1 

—  wissenschaftliche —  6,25 

Verwachsene,  Behandlung  derselben  ....  —  6,46 

Verwechselung  von  Zeit  und  Umständen   .     .  —  3,4 

Verweichlichung,  Nachtheil  derselben  ...  —  1,5 

Verwesung,  das  sicherste  Zeichen  des  Todes    .  —  8,18 

Viel  Wissen,  aber  wenig  thun —  7,16 

Das  zu  Viel  bewirkt  stets  Unheil —  2,51 

Vielwisserei  und  Wissenschaftlichkeit      ...  —  6,37 

Volks-Arzneibuch,  das  erste —  3,30 

—  Schädlichkeit  derselben —  3,30 

Vollsaftige  Personen  müssen  fasten    .     .     .     .  7,59      — 

Vollsaftigkeit  ist   nur   ein   einzelnes  Symptom       —  7,59 

Vollständigkeit  der  Symptome —  6,5 

Voranzeigen  einer  drohenden  Krankheit      .  —  1,1 

Vorbauungs-Kuren,  schwächende —  2,37 

Vorhersagung  der  Homöopathen —  2,19 

—  ist  unsicher 2,19      — 

Vortheile  der  homöopathischen  Behandlung.     .        —  1,3 

Vorurtheile  vergeblich  zur  Thüre  hinausgeworfen       —  6,17 

Wafone,  die  eingepflanzte .     .  —  2,22 

—  für*  ^Brustkranke  schädlich —  5,24 

—  innere,  erhöht  9ie  Fieber 1,14      — 

- —  nach  kalten  Begiessungen 5,21      — 

-r-  befördert  die  Eiterung — .5,22 

—  von  einigen  Geschwüren  verlangt      ....       —  5,20 

—  der  Kinder  zehrt 1,14      — 

—  Missbrauch  derselben —  5,17 

—  nachtheilige  Folgen  davon 5,16      — 

—  bei  Phrenitis —  7,42 


Inhalt.  637 

Aph.  Glop. 

Wärme  mit  Wärme  zu  behandeln — -5,19 

—  Wirkungen  derselben 5,22  — 

Warme  Getränke  nachtheilig —  2,11 

Wahnsinn  durch  Afterblutung  gehoben    ...  6,21  — 

—  Durchfall  dabei  ist  gut 7,5  — 

—  durch  Krampfadern  gehoben 6,21  — 

—  Starrsucht  dabei  ist  gut 7,5  — 

Das  Wahre  ist  nicht  immer  das  Wahrscheinliche  -—  7,17 

—  —  nicht  eher  geglaubt,  als  bis  es  zu  spät  ist  —  8,3 
Wahrheit  kann  nicht  vertilgt  werden.      ...  —  6,33 
Wahrheiten  müssen  oft  wiederholt  werden  .      .  —  8,3 

—  sagen  und  Wahrsagen —  2,37 

—  schwer  verdaulich —  8,3 

—  schwer  zugänglich —  3,28 

Das  Was    lehrt   die  Erfahrung,    das  Warum  die 

Vernunft —  6,31 

Warnung  vor  Arzneien —  2,50 

— •  vor  der  Homöopathie —  4,17 

Wasser  im  Sommer  abzukühlen —  1,10 

—  reines,  hat  keine  Arzneikraft —  5,25 

—  aushöhlend  den  härtesten  Stein    .     .     .     .     .  —  2,52 

—  oder  Gift  bei  den  Homöopathen  .....  —  2,27 

—  kaltes  und  heisses —  7,42 

—  —  gegen  Augenleiden —  7,46 

—  —  Begiessen  damit 5,25  — 

für  die  Thätigkeit  der  Haut    .     .          .     .  —  5,25 

—  —  gehört  der  neueren  Zeit  an —  5,22 

dessen  Erst-  und  Nach- Wirkungen        .     .  —  5,21 

—  das  leichteste  wird  schneller  heiss  und  kalt    .  5,26  — 

—  Mineral-,  ist  Arznei —  5,25 

—  —  deren  Kenntniss  unzuverlässig     ....  —  6,47 

—  Quell-,  schwer  zu  verdauen —  5,26 

kühlt  sich  schnell  ab —  5,26 

—  Hegen-,  erhitzt  sich  schneller —  5,26 

—  —  leichter  zu  verdauen —  5,26 

—  warmes,  bei  Augenleiden 7,46  — 

—  —  zum  Erbrechen —  7,67 

—  -Entleerung,  plötzliche,  tödtlich   ....  6,27  — 

—  —  wirkt  wie  Säfteverlust —  6,27 

—  -Heilanstalt  von  Priesnitz '.  —  2,11 

—  -Kur —  1,16 

—  —  Gefährlichkeit  derselben —  1,16 

verursacht  schnelles  Altern —  1,16 

Scheue,  allopathische  Behandlung      ...  —  4,35 

—  —  homöopathische  Behandlung —  4,35 


638  Inhalt. 

Aph.  Glos. 

Wasser-Scheue,  Prophylaxis  dagegen     ...  —  4,35 
Ursache  derselben —  3,1 

—  —  Vorkommen  derselben —  3,1 

—  -  sucht  von  stockenden  Afterblutungen      ,     .  6,12  — 

—  —  dabei  gestörte   Hautfunktion —  6,8 

—  —  homöopathische  Heilung  derselben    ...  —  6,27 

—  —  Husten  dabei  ist  böse 6,35  — 

—  —  von  Milzleiden      .     . 6,43  — 

—  —  trockene  und  feuchte —  4,11 

—  —  nässende,  der  Unterschenkel —  6,8 

—  7,29 

dabei  Wasserzusammenfluss 6;14  — 

Trinken —  1,16 

Wechsel    von  Kälte   und  Hitze   in   Krankheiten  4,40  — 
7,60  — 

—  der  Mittel,  voreiliges,  schadet 5,52  — 

Wechselfieber,  homöopathische  Behandlung     .  —  2,25 

—  echte  und  unechte —  4,59 

—  entscheiden  sich  in  sieben  Umläufen      .     .     .  4,59  — 

—  und  Hungerkur —  2,25 

—  heilt  Krämpfe 5,70  — 

Heilungen  der  Alten —  2,25 

oft  schwierig —  2,25 

—  Schwierigkeiten  bei  ihrer  Behandlung   ...  —  2,25 

—  sind  unendlich  verschieden —  2,25 

—  verkappte —  4,59 

—  viertägige,  im  Sommer  kürzer 2,25  — 

im  Winter  länger 2,25  — 

Wechselnde  Form  der  chronischen  Krankheiten  —  4,32 

Wechselwirkungen  mancher  Arzneien  ...  —  6,54 

Wechselwirkung  zwischen  Geist  und  Körper.  —  7,5 

Der  Weg  zur  Kunst  ist  lang —  1,1 

Wege,  nicht  auf  halbem,  stehen  zu  bleiben  .     .  —  4,74 

Dr.  Weihe,  Erinnerung  an  denselben  ....  —  7,16 

Wein  hebt  Aengstlichkeit    . 7,5G  — 

—  erhitzende  wirken  antiphlogistisch      ....  —  7,48 

—  gegen  Augenschmerzen 7,46  — 

—  rother,  gegen  Durchfall —  2,21 

verursacht  auch  Durchfall —  2,21 

—  und  darauf  Frost  und  Irrereden  ist  böse   .     .  7,7  — 

—  hebt  Gähnen 7,56  — 

—  gegen  Harnzwang 7,48  — 

—  mildert  den  Hunger 2,21  — 

—  gegen  Hypochondrie —  7,56 

—  gegen  Hysterie .  —  7,56 


Inhalt.  639 

Aph.  Glos. 

Wein  ist  kein  unschuldiges  Reizmittel  ....  —  2,21 

—  in  der  Rekonvalescenz —  2,21 

—  hebt  Schauderfrost      .     . 7,56  — 

—  bei  Straruonium  sehr  mildernd —  4,52 

Weinrausch  zu  behandeln —  7,7 

—  — —  7,46 

Weinstock  und  Kohl  vertragen  sich  nicht    .     .  —  5,5 

Weinen  der  Hysterischen —  4,52 

—  am  Tage  und  Lachen  bei  Nacht       ....  —  4,52 

—  unwillkürliches  ist  böse 8,2  — 

—  aus  Ursache  gut 8,2  — 

Weisheit  auswendig,  innerlich  Thorheit    ...  —  6,9 

Wichtiges  vom  Unerheblichen  zu  trennen    .     .  —  6,5 

Wichtigkeit  der  Regel-Beschwerden  ....  —  5,57 

Widerlegen  oder  Würdigen —  8,18 

Widersacher  der  Homöopathie —  4,17 

Widersprüche  unter  den  Aerzten —  1,12 

—  5,5 

—  unter  berühmten  Aerzten —  6,25 

—  in  A.  v.  Haller's  Physiologie —  5,51 

Wiederholung  derselben  Arznei —  7,12 

Willkür  in  der  allop.  Therapie —  4,35 

Wind,   dessen  Einüuss  unerklärlich —  3,5 

—  Einfluss  des  Süd-  und  Nord- Windes      .     .     .  3,17  — 
Winter  (nebst  Frühjahr)  für  uns  gefährlich  .     .  —  3,10 
— -   dessen  Krankheiten 3,23  — 

—  nasser,  dessen  Krankheiten 3,12  — 

—  —  für  Schwangere,  böse 3,12  — 

—  trockner,  dessen  Krankheiten 3,11  — 

Im  Winter  Brechmittel  schädlich 4,12  — 

—  nach  Unten  auszuleeren 4,4  — 

—  leichtere  Verdauung  .     .     .     .• 1,18  — 

—  innere  Wärme  vermehrt 1,15  — 

Die  Wirkung  grösser  als  die  Ursache      .     .     .  —  2,13 
Wirkungskreis,  erweiterter,    durch  Potenziren  —  7,12 
Wissen  und  Können,  pathologisches  und  thera- 
peutisches        —  6,54 

Wissenschaft  und  Gesetz —  3,20 

—  ist  das  Gemälde  der  Wahrheit —  4,38 

Wissenschaftliche  Blendwerke —  5,38 

—  Versuche —  6,25 

—  Verzweiflung  an  Heilungen  durch  Arznei  .     .  —  1,1 

Wissenschaftlichkeit,    falsche —  5,38 

Witterung,  Krankheiten,  bei  regnerischer    .     .  3,16  — 

— ■  regelmässige   bringt  regelmässige  Krankheiten  3,8  — 


640  Inhalt. 

Aph.  Glos. 

Witterung,   unregelmässige   bringt   unregelmäs- 
sige Krankheiten 3,8  — 

—  Einfmss  derselben  bei  Gicht  und  Eheumat.     .  3,8  — 

—  trockene,  für  die  Gesundheit  zuträglicher  ,      .  3,15  — 

—  —  —  bewährt  sich  oft  nicht —  3,15 

Witzeleien  über  Homöopathie —  2,50 

Wohlbefinden   nach  Essen,   ein  gutes  Zeichen  2,33  — 

—  vollkommnes —  1,3 

Wohlleibigkeit  ist  nicht  Gesundheit.     ...  —  2,44 

Worte  verwirren  Dinge,  die  man  nicht  weiss     .  —  7,23 

Wuchs,  ein  hoher,  belästigt  im  Alter  ....  2,54  — 

—  ein  schlanker,  ziert  die  Jugend 2,54  — 

Wunden,  Rüge   über  die  Behandlung  derselben  —  7,20 

Wunderbares  der  letzten  Zeit —  7,17 

Zähnen,  an  den,  Schleim,  ein  böses  Zeichen     .  4,53  — 

—  Hohlwerden  derselben —  8,4 

Zahnende  Kinder,  Krankheiten  derselben     .     .  3,25  — 

Zahnweh-Heilung,  als  Beispiel —  6,42 

Zahnweh    von  Heissem   oder  Kaltem  schlimmer  —  5,18 

—  Heilung  desselben  durch  Ausziehen  .     .     .     .  —  5,18 
Zeichen,  geringfügige,  oft  sehr  wichtig     ...  —  8,4 

—  ungewöhnliche,  sind  besonders  wichtig  ...  —  4,54 

—  des  nahen  Todes —  4,49 

—  4,50 

—  7,73 

Die  Zeichenlehre —  2,35 

Zeit  und  Umstände  geben  wichtige  Zeichen    .     .  —  4,30 

—  -  Ei nth eilung,  naturgemässe —  2,3 

Zeugen  eines  Kampfes  sind  nicht  parteilos  —        V. 

Zeugung  von  Knaben  oder  Mädchen  ....  —  5,48 

Zeugungsfähigkeit,  mangelnde 5,63  — 

Zittern  in  Fiebern  durch  Irrereden  gehoben       .  6,26  — 

Zittmann'sches  Dekokt —  6,4 

Zu-  und  Abnehmen,    langsames    und   schnelles  —  2,7 

Zusammengesetzte  Arzneien —  6,20 

—  Warnung  dagegen —  7,37 

Zunge,  schwarze  und  «blutige,  Anzeigen  davon.  8,9  — 

—  Lähmung  derselben  von  schwarzer  Galle  7,40  — 
Der  Zweck  der  Heilkunst  nicht  gefördert       .  —  8,18 
Zweierlei  Krankheiten  zugleich  unmöglich   .     .  —  2,26 
Zwiebeln,  Verlangen  nach,  ein  gutes  Zeichen  .  7,11 
Zweifelsucht  der  neueren  Therapeuten  ...  — ■  1,1 

—  oft  schlimmer  als  Leichtgläubigkeit  ....  —  7,17 


Druck  von  A.  Th.  Engelhaiiit  In  Leipzig;. 


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